Die Melodie des Sturms - Dorit Medved - E-Book

Die Melodie des Sturms E-Book

Дорит Медвед

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Beschreibung

Die 18-jährige Heather „Storm“ Campbell verlor vor Kurzem ihre Eltern und entfremdete sich von ihrer besten Freundin. Es gibt nichts mehr, was sie in Schottland hält. Als ihr ein geheimnisvoller Fremder eine aufregende Reise in eine andere Welt anbietet, siegt die Neugier über ihre Ängste.

Aber hat sie wirklich nichts zu verlieren?

Wie ist es, das gewohnte Leben für immer hinter sich zu lassen und kopfüber ins Ungewisse einzutauchen?

Welche Geheimnisse verbergen die sechs Herrscher des Kontinents Ralva vor der jungen Frau?

Und welche Rolle spielt das mysteriöse siebte Königreich in ihrem Schicksal?

Dorit Medved, geboren 2006 in Karlsruhe, liest am liebsten Fantasyromane, die sie inspiriert haben, selbst zu schreiben.



Mit zwölf Jahren begann sie mit ihrem ersten Roman „SchattenLicht“, dessen zweiten Teil sie mit vierzehn fertigstellte.



„Die Melodie des Sturms“ ist das dritte Buch der jungen Autorin. Die Fortsetzung der Geschichte wartet auf ihre Veröffentlichung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dorit Medved

Die Melodie des Sturms

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2025 von Dorit Medved

Kein Teil dieser Veröffentlichung darf in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise, einschließlich Fotokopieren, Aufzeichnen oder anderen elektronischen oder mechanischen Methoden, ohne die vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, verteilt oder übertragen werden, außer in Form von kurzen Zitaten, die in kritischen Rezensionen und bestimmten anderen nichtkommerziellen Nutzungen enthalten sind, die nach dem Urheberrecht zulässig sind.

Veröffentlicht von Spines

ISBN: 979-8-89691-860-8

DIE MELODIE DES STURMS

DORIT MEDVED

PROLOG

Ich liebte stürmische Nächte noch immer. Meistens hasste ich mich dafür, doch in dieser Nacht genoss ich den Regen, der gegen die Scheibe prasselte, und den Wind, der ums Haus pfiff und die Fensterläden klappern ließ. Zugegeben konnte ich kaum etwas davon hören, da klassische Musik in voller Lautstärke aus meinen Kopfhörern dröhnte. Sie vertrieb schlimme Gedanken.

Das Display meines Handys zeigte halb zwei. Zeit für einen nächtlichen Ausflug. Ich nahm die Kopfhörer von den Ohren, erhob mich von der durchgelegenen Matratze und schaltete das Licht an.

Ich konnte dieses Zimmer mit der sich lösenden Blümchentapete und den knarrenden Holzdielen einfach nicht ausstehen. Es war eng, unpersönlich und chaotisch. Bücher und Zeitungen stapelten sich zu mannshohen Türmen und der kleine Schreibtisch in der linken Ecke schien sich unter dem Gewicht der Hefte und Ordner schier zu biegen. Überall standen leere Kaffeetassen herum, weil ich zu faul war, sie in die Küche hinunterzutragen. Auf dem Fensterbrett stand eine Reihe halb vertrockneter Zimmerpflanzen. Kleidung lag über den Boden verstreut und das Bett, das eigentlich nur aus ein paar Holzpaletten und einer Matratze bestand, war wie immer ungemacht.

Die kitschigen Poster an den Wänden meines alten Zimmers, den von der Decke hängenden Sandsack, meinen überdimensionalen Schuhschrank… All das hatte ich hinter mir gelassen, und nun vermisste ich es schrecklich. Das alte Haus war verkauft, das Geld auf mein Konto überwiesen. Ein Konto, von dem ich in ein paar Wochen, wenn ich endlich meinen erweiterten Abschluss hatte, die Studiengebühren in Edinburgh finanzieren würde.

Ich tauschte die graue Jogginghose gegen eine schwarze mit Löchern versehene Jeans und das verwaschene Shirt gegen ein langärmliges Crop-Top. Das silberne Medaillon, das ich nicht einmal zum Duschen abnahm, verbarg ich sorgsam unter dem königsblauen Stoff. Anschließend band ich mir einen Pferdeschwanz und trat vor den Spiegel, der neben der Tür lehnte.

Ein Wrack sah mir entgegen. Na gut, das war übertrieben. Eigentlich war ich ziemlich hübsch, doch in letzter Zeit litt ich unter Schlafmangel und das nicht nur aufgrund der anstehenden Abschlussprüfungen. Purpurne Ringe lagen unter meinen Augen, die Wangen waren eingefallen und auf meinem Mund haftete noch ein verschmierter Rest Lippenstift. Ich machte mir nicht die Mühe, neues Make-up aufzutragen. Unter dem Helm würde mich sowieso niemand erkennen.

Das eigentlich Auffällige waren meine Haare. In sanften Wellen fielen sie mir über die Schultern. Die meisten hielten sie für gefärbt. Flammendes Rot, so grell, dass man mich auf der Straße oft eingehender betrachtete als andere Menschen. Im Grunde hatte ich kein Problem damit, im Mittelpunkt zu stehen, aber manchmal war es sinnvoller, unsichtbar zu bleiben. Ich hatte schon mehrmals versucht, mein Haar zu färben, jedoch ohne Erfolg. Das Rot war nicht zu bändigen und egal ob ich die Wellen schwarz oder braun tönte, immer hatte es durchgeschimmert.

Ich verließ das Zimmer und trat auf den Gang. Auf leisen Sohlen tappte ich durch den Flur. Eine vollkommen unnötige Vorsichtsmaßnahme, da meine Großtante Betty vermutlich nicht einmal von einer Blaskappelle geweckt werden würde. Und falls doch, hätte sie den Vorfall wegen ihrer Demenz nach fünf Minuten wieder vergessen. Der einzige Grund, warum ich vorübergehend bei ihr eingezogen war, war ihre fantastische Kaffeemaschine. Und die Tatsache, dass ich für die Universität sparen musste und mein Geld nicht für den Aufenthalt in einem Hotel ausgeben wollte.

Nachdem ich die knarrende Treppe hinuntergestiegen war, fand ich mich in einem engen Flur wieder. Tante Betty war über achtzig und lebte trotzdem allein in einem zweistöckigen Haus in den Außenbezirken von Inverness. Ich wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, einkaufen zu gehen, oder das Haus instand zu halten, bevor ich hier aufgetaucht war und ihr die Arbeit abgenommen hatte.

Meine Eltern hatten Tante Betty früher des Öfteren angeboten, die Kosten für ein Altersheim zu übernehmen, doch sie hatte stets abgelehnt.

Nun, meine Eltern waren tot und ich brauchte eine Unterkunft. Die Zeiten hatten sich geändert. Und ob meine Großtante nun wollte oder nicht, hatte ich bei der Wohlfahrt angerufen und gebeten, dass man sich um sie kümmerte, sobald ich in Edinburgh war.

Ich nahm meine heißgeliebte Lederjacke vom Haken und schlüpfte in ein Paar bequemer Boots, bevor ich die uralte Sporttasche aus den Tiefen des Schuhschranks hervorkramte. Anschließend verließ ich das Haus.

Es hatte aufgehört zu regnen, doch noch immer war der Himmel wolkenverhangen. Ich steuerte auf einen verwitterten Schuppen zu und schob ächzend die Tür zur Seite. Dann fummelte ich den Schlüssel aus meiner Tasche und lächelte, als das vertraute Piepen ertönte, bevor die Scheinwerfer der Harley aufleuchteten.

Ich war achtzehn und musste mich noch drei Jahre gedulden, bis ich endlich meinen Führerschein machen konnte, doch auf das nächtliche Motorradfahren wollte ich trotzdem nicht verzichten. Nach dem Tod meiner Eltern vor zwei Monaten war es mir gelungen, die Harley meines Vaters in diesen Verschlag zu schmuggeln, bevor sich jemand nach ihrem Verbleib erkundigte. Ein Dutzend Tutorials und mehrere Schürfwunden später beherrschte ich das Fahren erstaunlich gut. Seitdem war es zu einer Zuflucht geworden.

Ich schob das Motorrad hinaus, setzte mir den schwarzroten Helm, der am Lenker hing, auf den Kopf und schwang mich in den Sattel. Anschließend zog ich am Kupplungshebel und der Motor jaulte auf. Die Harley setzte sich in Bewegung. In gemäßigtem Tempo fuhr ich über den Schotterweg, bevor ich auf eine leere Landstraße abbog. Weit und breit war kein Auto in Sicht. Links von mir lag Inverness, um diese Uhrzeit nur spärlich beleuchtet. Ich fuhr in die entgegengesetzte Richtung und gab Gas.

Der Lärm und die Geschwindigkeit ließen mich alles andere vergessen. Ich raste die Landstraße entlang, die sich zwischen den schottischen Highlands hindurchschlängelte. Der Asphalt war nass, die Nacht vollkommen schwarz. Ich beschleunigte und lachte über das Adrenalin, das durch meinen Körper pumpte. Ich wusste, dass es gefährlich war. Wusste, dass ein einziger Moment der Unachtsamkeit meinen Tod bedeutete. Es war mir egal.

Schneller und schneller sauste ich gen Osten, mein Haar schob sich unter dem Helm hindurch und flatterte wie ein rotes Banner hinter mir her. Die Landschaft zog an mir vorbei, verschwamm zu grau und dunkelgrün.

Das Radio war an, so laut, dass das Wummern der Bässe den Lärm des Motors und den pfeifenden Gegenwind übertönte. Mein Herzschlag schien sich dem schnellen Beat anzupassen und im nächsten Moment waren da nur noch Musik und Geschwindigkeit.

Ich vergaß alles um mich herum. Vergaß Trauer, Schmerz und Stress. Vergaß, warum ich hier war und wohin ich wollte, vergaß sogar meinen eigenen Namen. Es tat gut, sich an nichts zu erinnern. Bedeutungslos zu sein.

Ich fuhr schneller und begann zu lachen, atemlos und hysterisch. Alles war besser als die Tränen, die ich täglich zurückhielt.

Ein Lastwagen kam mir entgegen. Die Panik, die ich eigentlich empfinden sollte, weil ich ohne Führerschein und viel zu schnell die Straße entlangbretterte, blieb aus. Ich scherte mich einen Dreck um Regeln. In diesem Moment zählte einzig und allein das Risiko.

Der Lastwagen fuhr vorüber. Kurz darauf drosselte ich mein Tempo. Ich konnte den Ozean sehen. Vom Wind aufgepeitschte Wellen. Die weißen Schaumkronen waren auch in der Finsternis gut zu erkennen. Ich verließ die Landstraße und fuhr an einem Weizenfeld vorbei. Es war Mitte Juli und die Ähren wogten im Wind.

Bald hatte ich das Feld hinter mir gelassen und erreichte die Küste. Weit und breit keine Menschenseele zu sehen, nur ein verlassenes Fabrikgebäude. Ich schaltete das Radio und den Motor aus und kam langsam zum Stehen. Die gespenstische Stille wurde nur vom Rauschen des Ozeans unterbrochen.

Das Fabrikgebäude musste schon seit Jahrzehnten leer stehen, so heruntergekommen wie es war. Die Scheiben waren eingeschlagen und die Treppe im Innern eingestürzt, sodass man an der von Efeu überwucherten Außenmauer hochklettern musste, um in die zweite Etage zu gelangen.

Hin und wieder nahm ich meine Ausrüstung mit und kletterte aufs Dach des Gebäudes. In klaren Nächten hatte man von dort oben einen wunderbaren Blick auf die Sterne und den Ozean. Heute hatte ich das Seil jedoch bei Tante Betty gelassen, da ich von meinem zweistündigen Boxtraining am frühen Abend noch ziemlich ausgelaugt war.

Ich ging um das Gebäude herum und strich nachdenklich über die Betonwände. Sie waren über und über mit Graffiti bedeckt, manche Kritzeleien stammten von mir. Letztens war mir jedoch die Farbe ausgegangen, und ich hatte noch keine Gelegenheit gefunden, neue zu kaufen.

Hinter der Ruine lag ein schmaler Wiesenstreifen. Ein paar Yards entfernt wurde das Gras von Sand abgelöst und danach begann der Ozean. Ich trat vor und merkte zu spät, dass ich nicht allein war. Eine Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, stand am Wasser. Ich hätte schwören können, dass sie vor einer Sekunde noch nicht dort gewesen war.

Der Mann war groß, mindestens eins fünfundachtzig und breit gebaut. Sein halblanges, schwarzes Haar verschmolz beinahe mit der Dunkelheit. Er starrte auf die Wellen.Ich beäugte seine Kleidung. Ein schwarzer Mantel, der im Wind flatterte, dunkle Hosen, gewöhnliche Lederschuhe. Keinerlei Information, wer er war oder was er hier zu suchen hatte.

Ich hätte verschwinden, auf mein Motorrad steigen und mich aus dem Staub machen sollen. Stattdessen räusperte ich mich.

Der Mann drehte sich um. Trotz der Finsternis konnte ich grob seine Gesichtszüge ausmachen. Er war sicher nicht älter als fünfundzwanzig und ausgesprochen attraktiv. Ich hatte ihn noch nie gesehen, ein solches Gesicht hätte ich sicher nicht vergessen. Mit stechendem Blick musterte er mich. Ich zwang mich, nicht zurückzuweichen und stattdessen herausfordernd das Kinn zu heben.

Mein Vater hatte mir vor einem Jahr diesen Strand gezeigt. Seitdem war er mein Rückzugsort geworden, wann immer ich mich schlecht gefühlt und etwas frische Luft gebraucht hatte. Es war nicht so, als hätte ich ein Recht auf diesen verlassenen Ort, und dennoch störte es mich, eine andere Person hier zu sehen. Das war mein Strand – dieser Fremde hatte hier nichts zu suchen.

„Wer bist du?“, fragte ich.

Ich war nicht dumm. Es war mitten in der Nacht, ich war eine Frau, unbewaffnet und weit fort von jeglicher Zivilisation, nur wenige Yards von einem unbekannten Mann entfernt, der mir in Größe und Stärke eindeutig überlegen war. Ich wusste, in welche Gefahr ich mich begab. Aber ich war schnell. Und ich konnte kämpfen.

Das war mein Strand.

Der Mann schien nicht im Mindesten beeindruckt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Man hätte es als charmant bezeichnen können, wäre da nicht dieser schneidende Blick. Seelenruhig schob der Kerl die Hände in die Taschen und schlenderte auf mich zu. Er erinnerte mich an ein Raubtier, das sich langsam seiner Beute näherte. Jede Faser meines Körpers spannte sich an, und der Drang zu fliehen wurde überwältigend.

Ich blieb.

„Ich, meine Liebe, bin dein größter Albtraum.“

Seine Stimme war sanft, samtig. Sie erinnerte mich an eine mondlose Nacht, an totale Finsternis.

Ich verbarg mein Schaudern und setzte stattdessen ein Lächeln auf. „Dann weißt du anscheinend nicht besonders viel über meine Träume.“

Lediglich ein Zwinkern verriet seine Überraschung, dann grinste er. Seine Zähne waren knochenweiß. „Du bist mutig.“

Ich ging nicht darauf ein. „Was machst du hier draußen? Wehrlosen Frauen auflauern? Bist du ein Junkie, oder ein Vergewaltiger?“

Er lachte. „Soweit ich mich erinnere, war ich zuerst hier. Außerdem habe ich nicht vor, dir etwas zu tun, vielmehr möchte ich dich warnen.“

„Warnen?“, schnaubte ich verächtlich. „Wovor? Vor mysteriösen Typen, die mitten in der Nacht an verlassenen Stränden herumlungern?“

„Ich lungere nicht herum. Ich habe auf dich gewartet.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Der Kerl war verrückt. Betrunken, pervers oder verrückt.

„Komm auf den Punkt, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit“, herrschte ich ihn an. Vermutlich war ich vollkommen lebensmüde, doch im Moment wollte ich einfach nur, dass er verschwand. Meine Nerven lagen blank.

„Wenn dich in nächster Zeit eine ungewöhnliche Person anspricht, jemand, der dir… anders erscheint, dann lauf! Pack deine Sachen und schau nicht zurück.“

Ja, er war definitiv verrückt. „Die einzige ungewöhnliche Person, die ich sehe, bist du.“

Er schenkte mir ein äußerst beunruhigendes Lächeln. „Dreh dich nicht um.“

Ich fuhr herum. Nichts. Der Strand, das Feld, das leerstehende Fabrikgebäude. Sonst nichts. Als ich mich wieder dem Fremden zuwandte, war er… verschwunden.

Verdammt! Er hatte mich abgelenkt, und nun war er fort. Ich fischte das Handy aus meiner Jacke, schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete den Boden ab. Nichts. Keine Fußspuren im Sand, kein Anzeichen dafür, dass diese Begegnung tatsächlich stattgefunden und ich sie mir nicht nur eingebildet hatte. Ich war am Durchdrehen.

Gerade als ich mich abwenden wollte, entdeckte ich etwas Schwarzes im Sand, genau dort, wo der Fremde gestanden hatte. Es war eine Feder. Eine Rabenfeder. Ich steckte sie ein und machte, dass ich fortkam.

1

PUBS UND PORTALE

Die Absätze meiner Fünf-Zoll-High-Heels klapperten rhythmisch über den Asphalt, während ich die Straße überquerte. Ein Typ in einem schicken Sportwagen lehnte sich aus dem Fenster und pfiff mir beim Anblick des schwarzen Minirocks hinterher. Ich zeigte ihm den Mittelfinger und betrat das Black Cobra.

In den letzten zwei Monaten war mir das Pub sehr ans Herz gewachsen. Die eisernen Kronleuchter, die mit billigen Glühbirnen ausgestattet waren, das dunkle Holzmobiliar, die fleckigen Tische und die mit bequemen Kissen gepolsterten Fensternischen. All das war mir inzwischen genauso vertraut wie die stickige Luft, die immer ein wenig nach Schweiß und Bier roch, die laute Musik und der fast antike Fernseher in der Ecke.

Ich stolzierte durch den Raum und lehnte mich über den Tresen. Ein paar Mädchen, die ebenfalls an der Bar hockten und offensichtlich um die Aufmerksamkeit des Barmanns buhlten, warfen mir feindselige Blicke zu. Der junge Mann hinter der Theke drehte sich um und schenkte mir ein breites Grinsen. Die Mädchen seufzten auf. Ich verdrehte die Augen.

Tyler war ein wahrer Frauenheld. Er war groß, muskulös und blond. Mit den haselnussbraunen Augen und diesem wahnsinnig charmanten Lächeln nahm er jede Frau – und sicher auch einige Männer – für sich ein. Dennoch war zwischen uns nie etwas Ernstes gelaufen. Wir kannten uns seit dem Kindergarten, und auch wenn Tyler zwei Jahre älter als ich war, hatten wir uns immer gut verstanden. Er hatte sich gegen einen erweiterten Abschluss entschieden und mit sechzehn die Schule beendet. Seitdem arbeitete er im Black Cobra, dem Pub seiner Eltern, um das Geschäft eines Tages zu übernehmen. Da ich Geld brauchte, hatte er mir einen Job angeboten, und so kellnerte ich jeden Freitag und Samstag vom frühen Abend bis spät in die Nacht im Pub. Meine Schicht begann jedoch erst in einer halben Stunde.

„Hey Storm! Harte Nacht?“, begrüßte mich Tyler. Trotz des doppelten Espressos heute Morgen und meines großspurigen Auftretens war mir die Müdigkeit anscheinend anzusehen.

„Ach, halt den Mund und hol mir lieber etwas zu trinken.“

Tyler lachte, nahm eine Flasche aus dem Regal hinter sich und schenkte mir ein. Dann schob er den Shot über die Theke. Ich kippte die durchsichtige Flüssigkeit ohne zu zögern hinunter und verzog gleich darauf das Gesicht.

„Was zum Teufel ist das?“

Tylers Grinsen wurde breiter. „Wodka. Ich dachte, du könntest etwas Stärkeres vertragen.“

Ich grummelte etwas vor mich hin, schob das Glas zurück und bat kurz darauf um ein weiteres. Eigentlich durfte ich vor meiner Schicht nichts trinken, doch Tyler machte hin und wieder eine Ausnahme. Ich brauchte eine Ablenkung, und wenn diese aus Motorradfahren und Alkohol bestand, bitte. Nur von Drogen hatte ich bisher die Finger gelassen.

Nachdem ich auch das zweite Glas hinuntergestürzt hatte, schüttelte ich mich. Wodka schmeckte wirklich scheußlich. Aber er erfüllte seinen Zweck, denn schon bald fiel ein wenig Anspannung von mir ab.

Ein paar Minuten lang unterhielten Tyler und ich uns über Belangloses. Er berichtete von einer Schlägerei, die ein bärtiger Typ vor ein paar Tagen mitten im Pub vom Zaun gebrochen hatte, und ich erzählte im Gegenzug von meinem anstrengenden Schultag. Über das wirklich heikle Thema, nämlich den Tod meiner Eltern, sprachen wir nie. Das war der Hauptgrund, warum ich mich im Black Cobra so wohl fühlte. Hier durfte ich für ein paar Stunden all den Schmerz und die Trauer vergessen.

Im Gegensatz zu allen anderen bedachte Tyler mich nicht mit mitleidigen Blicken und sprach mir auch nicht ständig sein Beileid aus. Seit Lucy vor einem halben Jahr nach London gezogen war, war er wohl mein einzig wahrer Freund. Ich verstand mich zwar recht gut mit meinen Klassenkameraden, aber darunter waren keine richtigen Freunde. Nun, vermutlich war es besser so, denn dann würde mir der Abschied nicht so schwerfallen, wenn ich in drei Wochen nach Edinburgh gehen würde.

Nach und nach trudelten die Menschen ein. Eine Gruppe tätowierter Männer verschanzte sich für ein Kartenspiel in einer besonders dunklen Ecke. Ein paar Studenten ließen sich an einem runden Tisch nieder und ein Pärchen setzte sich in eine der Fensternischen. Als jedoch ein hochgewachsener Mann durch die Tür trat, wurde es auf einmal sehr still.

Der Kerl überragte mich um mindestens einen halben Kopf, und das trotz meiner High-Heels. Er sah gut aus, wenn auch sehr ungewöhnlich. Seine Haut war geisterhaft blass, und die hellen, blaugrauen Augen wurden von weißen Wimpern umrahmt. Auch sein Haar war silbrig weiß und fiel ihm bis auf die Schultern. Sie waren vermutlich gefärbt, denn der Mann war nicht viel älter als ich.

Die Mädchen zu meiner Rechten schienen einen neuen Kerl gefunden zu haben, den sie anschmachten konnten, denn sie fingen sofort an zu tuscheln. Zu meiner großen Überraschung galt die Aufmerksamkeit des Neuankömmlings jedoch mir. Er sah sich um, als würde er nach jemandem suchen, und als er mich entdeckte, lächelte er triumphierend. In ein paar langen Schritten durchmaß er den Raum und ließ sich dann auf dem Hocker neben mir nieder. Seine Bewegungen waren genau koordiniert, so perfekt wie ein Uhrwerk.

„Einen Tequila, bitte“, wies er Tyler mit einem nachlässigen Winken an, bevor er sich vollends mir zuwandte. „Kann ich dir auch etwas Gutes tun?“

„Nein danke, meine Schicht beginnt in wenigen Minuten. Wenn du mich also auf ein Date einladen willst, solltest du dich beeilen.“

Der Typ lachte und zog damit erneut alle Aufmerksamkeit auf sich. Dann beugte er sich vor, wie um mir ein Geheimnis anzuvertrauen, und flüsterte: „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich bevorzuge Männer. Ich bin mir jedoch sicher, du wirst einen anderen attraktiven Kerl finden.“

Nun war ich diejenige, die lachte. „Ich glaube, ich habe noch nie einen so freundlichen Korb bekommen.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, du hast noch nie einen Korb bekommen.“

Dafür, dass er schwul war, flirtete er etwas zu viel. Ehe ich antworten konnte, brachte Tyler dem Fremden seinen Tequila und wandte sich dann einem weiteren Gast zu, nicht ohne mir einen verwirrten Blick zuzuwerfen.

„Also, verrätst du mir jetzt dein Anliegen, oder muss ich raten?“ Ich stützte mich mit einem Ellbogen auf die Theke und funkelte den Mann an.

„Verrätst du mir davor deinen Namen?“, konterte er.

„Heather oder Storm. Such dir einen aus.”

Heather war zwar mein richtiger Name, doch ich bevorzugte Storm, meinen Zweitnamen. Mein Vater hatte ihn mir gegeben, als sich meine Eltern nicht auf einen Namen hatten einigen können. Außer ihm, Lucy und Tyler hatte mich jedoch niemand so genannt.

Der Fremde schmunzelte. „Mir gefällt Storm. Ich bin Raphael. Schön, dich kennenzulernen.“

„Freut mich. Also, was willst du?“

Raphael stürzte seinen Tequila hinunter, ehe er antwortete. Mir fiel ein Tattoo in seiner linken Armbeuge auf: Ein siebenzackiger Stern, in dessen Mitte ein Tornado prangte.

„Hast du Lust auf einen Spaziergang? Ich finde Unterhaltungen an der frischen Luft immer sehr viel angenehmer.“

„Meine Schicht beginnt gleich, schon vergessen? Vielleicht danach.“

„Wann endet deine Schicht?“

„Um Mitternacht“, grinste ich.

„Ich fürchte, so lange kann ich nicht warten.“ Raphael zog einen Geldschein hervor, klemmte ihn unter sein Glas und erhob sich. „Na dann, einen schönen Abend, Storm.“

Er wandte sich zum Gehen.

„Warte.“

Raphael hielt inne. Der Mistkerl wusste ganz genau, dass er mich neugierig gemacht hatte. Ich sah zu Tyler.

„Gib mir zehn Minuten.“

Entschuldigend lächelnd erhob ich mich und hakte mich bei Raphael ein, nur um den drei Mädchen an der Bar eins auszuwischen. Kaum hatten wir das Pub verlassen, ließ ich ihn los.

„Du hast zehn Minuten. Ich hoffe für dich, dass du meine Zeit sinnvoll nutzt.“

„Das werde ich. Ich habe ein Angebot für dich.“

„Ich habe schon einen Job.“

Raphael schlenderte über den Bürgersteig, und ich folgte ihm. „Du hast kürzlich deine Eltern verloren, nicht?“

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“

„Und du gehst in drei Wochen nach Edinburgh?“, fuhr er ungerührt fort.

„Woher weißt du das?“

„Ich habe mich an deiner Schule umgehört.“

„Überhaupt nicht gruselig“, murmelte ich.

Raphael ging nicht darauf ein. „Ich biete dir ein Abenteuer“, meinte er stattdessen.

Ich lachte. „Kiffen, bis ich halluziniere? Nein danke.“

„Du bist wirklich eine Plage. Zu schade, dass ich verheiratet bin. Wir zwei hätten sicher ein spannendes Paar abgegeben.“

„Du bist verheiratet?“ Nun gut, jetzt war ich wirklich überrascht.

„Elijah ist ein Engel. Ich bin sicher, du würdest ihn mögen.“

Ich schüttelte den Kopf. Dieser Typ war wirklich unglaublich. „Also schön, erzähl mir von deinem Angebot.“

Raphael blieb ein paar Sekunden stumm, um mich auf die Folter zu spannen, bevor er endlich sagte: „Hast du dir jemals vorgestellt, dass es jenseits dieser Welt noch andere Lebewesen gibt?“

„Was?“ Entgeistert sah ich ihn an.

„Es klingt verrückt, ich weiß, aber es gibt noch eine andere Welt als diese hier. Ich komme aus der Welt der Oculi.“

„Bist du high?“

Er lachte. „Nein, obwohl ich diese Frage ziemlich oft gestellt bekomme. Ich biete dir an, mit mir in die Welt der Oculi zu reisen. Aber ich muss dich warnen: Bist du einmal dort, kommst du nicht wieder zurück.“

Ich erinnerte mich an das seltsame Gespräch, das ich letzte Nacht geführt hatte. Der Mann, der so plötzlich an meinem Strand aufgetaucht war, hatte mich vor Leuten wie Raphael gewarnt. Wenn dich in nächster Zeit eine ungewöhnliche Person anspricht, jemand, der dir… anders erscheint, dann lauf! Pack deine Sachen und schau nicht zurück. Nun, Raphael war definitiv nicht gewöhnlich. Aber der schwarzgekleidete Mann war noch unheimlicher gewesen. Heute Morgen hatte ich die beängstigende Begegnung als Traum abgestempelt, bis ich die Rabenfeder unter meinem Kissen gefunden hatte.

„Weißt du, was lustig ist?“, sagte ich. „Letzte Nacht hat mich ein Mann vor verrückten Typen wie dir gewarnt.“

„Tatsächlich?“ Raphaels Miene verdüsterte sich. „Hatte er zufällig schwarzes Haar und eine Narbe in der linken Augenbraue?“

Ich konnte mich an keine Narbe erinnern, nickte aber trotzdem. „Kennst du ihn etwa?“

„Er ist… mein Bruder.“

Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Diese beiden Männer hätten nicht unterschiedlicher sein können. Abgesehen vom Aussehen hatte der Fremde am Strand düster und unheimlich gewirkt, während Raphael… Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Aber er war freundlich. Offensichtlich verrückt, aber freundlich.

„Es gibt also noch eine andere Welt?“, griff ich das eigentliche Thema wieder auf. „Die Welt der Oculi? Soweit ich mich erinnere, ist das Latein, oder nicht?“

„Es bedeutet so viel wie Augen.“

„Und wer sind diese Augen?“

„Ich bin ein Oculus. Ein ungewöhnlich großer Mensch mit seltsamen Augen und wahnsinnig gutem Aussehen.“

Er grinste schief. Ich konnte ihn nur anstarren.

„Du willst also, dass ich dir in diese fremde Welt folge?“

„Ein Angebot, kein Zwang. Aber ja, genau das ist mein Plan.“

Okay. Der Typ war entweder ein Drogenbaron, der mich in sein Versteck locken wollte, ein Mafiaboss – wie in den vielen Filmen, die ich gesehen hatte –, oder ein Irrer, der eindeutig in die Klapse gehörte. Vermutlich sollte ich fliehen und den Notruf wählen. Natürlich tat ich nichts dergleichen. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, Raphael hatte mich neugierig gemacht.

„Also schön, wie kommen wir in deine Welt?“

Er grinste wie ein Kind, dem man Schokolade versprochen hatte. „Durch ein Portal in den Highlands.“

Natürlich, ein Portal. Das hätte ich mir ja denken können.

„Und wie gelangen wir dorthin? Warte, lass mich raten: Du hast Flügel.“

„Leider nicht, aber zwei meiner… Geschwister haben welche. Ich fürchte, wir müssen uns mit einem Bus begnügen.“

Wir hatten eine Haltestelle erreicht und begannen zu warten. Schon nach kurzer Zeit kam ein Bus. Raphael stieg ohne zu zögern ein, doch ich blieb unschlüssig auf dem Bürgersteig stehen.

Das hier war verrückt. Vollkommen verrückt. Die zehn Minuten waren längst vorbei, und wenn ich meinen Job nicht verlieren wollte, musste ich schleunigst zurück zum Pub. In wenigen Wochen würde ich dann meinen Abschluss machen und anschließend studieren, mir eine richtige Arbeit suchen und mir ein Leben aufbauen. Aber wenn ich nicht in diesen Bus stieg, würde ich mir für den Rest meines Lebens den Kopf darüber zerbrechen, was ich wohl verpasst hätte.

Das mit dem Portal konnte Raphael unmöglich ernst meinen. Höchstwahrscheinlich würden wir auf irgendeine Party gehen, und wenn ich Glück hatte, brachte er mich im Morgengrauen sogar zurück nach Inverness. Ich hatte nichts zu verlieren, außer einen Abend im Pub.

Ich berührte das Pfefferspray in meiner Handtasche und atmete tief durch. Dann stieg ich in den Bus, ehe sich die Türen schließen konnten. „Also gut“, sagte ich zu Raphael. „Bring mich in diese Welt der Oculi. Und sorg dafür, dass ich meine Entscheidung nicht bereue.“

* * *

Schon seit einer knappen Stunde fuhr der Bus durch die Pampa und hielt nur hin und wieder in kleinen Dörfern an. Grüne Wiesen und zerklüftete Felsen zogen an uns vorbei, ab und zu sah man den rauen Ozean aufblitzen. Raphael erzählte durchgängig von seiner Welt. Mit der Zeit ging mir sein irres Geschwafel auf die Nerven, und ich bereute meinen Entschluss, mit ihm gekommen zu sein. Auch die restlichen Gäste im Bus warfen ihm schräge Blicke zu.

Er behauptete, auf einem Kontinent namens Ralva zu leben, der in sieben Länder unterteilt war. Sechs dieser sieben Königreiche hatten einen festen Herrscher, das siebte wurde von allen gemeinsam regiert. Die Hauptstadt des Kontinents hieß Citra und war neutrales Gebiet.

Ab da wurde es immer verrückter. Raphael erzählte, dass die sechs Herrscher der Königreiche jeweils über eine übernatürliche Macht verfügten. Jeder König und jede Königin beherrschten ein Element. Erde, Luft, Feuer, Wasser, Licht und Dunkelheit. Er selbst bezeichnete sich als den König der Luft.

Ich brach in hysterisches Gelächter aus. Na ganz toll, offenbar hatte ich es mit einer Sekte aus Geisteskranken zu tun!

Je weiter wir fuhren, desto verzweifelter klammerte ich mich an das Pfefferspray. Ich hätte niemals auf das Angebot eingehen sollen. Ich würde meinen Job verlieren und meinen Abschluss vermasseln, weil ich meine Zeit lieber mit Schwarzfahren verbrachte, statt zu arbeiten und zu lernen. Und all das nur wegen meiner verdammten Neugier!

Als der Bus im nächsten Dorf hielt, zog Raphael mich ohne Vorwarnung aus der Tür. Hastig löste ich mich von ihm und sah mich um. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wo wir waren.

„Komm mit, wir müssen noch ein bisschen wandern“, erklärte Raphael und verschwand um eine Hausecke.

„Das ist ein Witz, oder?“, rief ich ihm wütend hinterher. Er blieb stehen.

„Nein, ist es nicht. Aber wenn du umkehren willst, nur zu. Der nächste Bus zurück nach Inverness kommt in zwei Stunden.“

Ich schnaubte. Worauf zur Hölle hatte ich mich da nur eingelassen?

Trotzdem folgte ich ihm aus dem Dorf hinaus und einen kleinen Hügel hinauf. Wind zerrte an meinen offenen Haaren und pfiff zwischen kantigen Felsnadeln hindurch. Nach einer Weile zog ich meine High-Heels aus und lief barfuß. Als wir schließlich die Hügelkuppe erklommen hatten, konnte ich in der Ferne die Küste erkennen. Davor erstreckten sich mehrere Viehweiden.

„Also, wo ist das Portal?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich suchend um. Nichts. Nur Gras, schroffe Felsen, nicht einmal ein Pfad. Keine Drogenhöhle und auch keine Party. Dann vermutlich doch eine Sekte. Vielleicht eine Gruppe schwuler Männer, die versuchte, in der Wildnis zu überleben. Was jedoch nicht erklärte, warum ich hier war.

„Was hast du erwartet? Ein turmhohes, violett flimmerndes Tor?“ Raphael lachte. „Wäre das Portal tatsächlich so auffällig, würde Chaos ausbrechen.“

Zielsicher hielt er auf zwei hoch emporragende Felsnadeln zu. Ich folgte ihm den Abhang hinunter, bis wir direkt vor den beiden Brocken standen.

„Und jetzt? Sprichst du irgendeinen Zauber, oder gehen wir einfach hindurch?“

„Letzteres.“ Raphael sah mich ernst an. „Natürlich nur, wenn du dazu bereit bist.“

„Habe ich denn eine Wahl?“

„Natürlich hast du die. Du musst nur nicken, und wir wandern zurück in dieses hübsche, kleine Dorf, warten auf den Bus und essen währenddessen vielleicht ein Eis. Wenn du das Portal jedoch durchschritten hast, kehrst du nie wieder zurück. Das ist keine leichte Entscheidung.“

Er meinte es tatsächlich ernst. Vielleicht hatte er Wahnvorstellungen?

Ich glaubte ihm noch immer kein Wort. Im schlimmsten Fall würde ich gegen einen Felsen laufen und Raphael einen Grund zum Lachen geben. Er hätte seinen Spaß gehabt, würde mich zurück nach Inverness begleiten und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Tyler würde mir eine Standpauke halten und mich womöglich feuern, und ich würde mir die halbe Nacht mit Lernen um die Ohren schlagen, bis ich beschloss, einen Motorradausflug zu machen. Anschließend würde ich endlich einschlafen, mich am nächsten Morgen nur dank eines doppelten Espressos aus dem Bett quälen und meinen normalen Alltag wiederaufnehmen.

Ich straffte die Schultern, hob das Kinn und sah Raphael geradewegs in die hellen Augen. „Zeig mir deine Welt.“

Er nahm meine Hand. Seine Finger waren kalt und schwielig, und ich zwang mich, nicht zurückzuzucken. „Bereit?“, fragte er.

„Nein.“

„Perfekt.“

Raphael zerrte mich hinter sich her und rannte zwischen den Felsen hindurch.

2

STEINE UND AUGEN

Es war ein Riss in Raum und Zeit. Ich fiel und purzelte durch die Luft. Ich wusste nicht, wo oben und unten war, spürte aber einen Sog, der mich in eine undefinierbare Richtung zog. Haare schlugen mir heftig ins Gesicht. Ansonsten war es vollkommen still. Und hell. So gleißend hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. Mein einziger Anker war Raphaels Hand, die eisern meine Finger umklammerte. Ich wollte schreien, bekam jedoch keinen Ton heraus.

Und dann war es vorbei. So plötzlich, wie wir in dieses weiße Licht gestolpert waren, so plötzlich erlosch es. Ich hatte wieder festen Boden unter den Füßen – und schwankte dennoch. Galle stieg in meinem Mund auf. Im nächsten Moment erbrach ich mich auf eine graue Schieferplatte.

Raphael reichte mir vollkommen ungerührt ein Stofftuch, mit dem ich mir den Mund abwischen konnte. Es kam mir vor, als sei er noch ein paar Zoll größer geworden. Doch das war nicht die einzige Besonderheit. Er wirkte irgendwie lebendiger als zuvor, anders konnte man es nicht beschreiben. Lebendig und mächtig. Auch seine Augen hatten sich verändert. Sie waren mir anfangs schon sonderbar vorgekommen, doch nun hatten sie eine wirklich außergewöhnliche Farbe. Helles Taubengrau, wie aufziehende Regenwolken.

Ich wurde verrückt.

Schwankend richtete ich mich auf und sah mich endlich um. Auf den ersten Blick hätte ich die Landschaft für Schottland gehalten, doch nach genauerem Hinsehen wurde mir klar, dass ich an einem vollkommen anderen Ort gelandet war. Das Wetter war dasselbe. Kühle Luft, graue Wolken und starker Wind, aber kein Regen. Ich stand auf einem dunklen Felsplateau, von dem man eine wunderbare Aussicht auf ein Land voller zerklüfteter Berge hatte. Um mich herum sah ich einzig und allein Grau. Endloser, grauer Stein. Kein Gras, keine Bäume. Eine Steinwüste.

„Willkommen in Caeli, meinem Königreich“, verkündete Raphael und trat neben mich. Er sprach kein Englisch mehr, und dennoch verstand ich jedes Wort. Latein, begriff ich. Er sprach Latein. Und ich verstand ihn, obwohl ich diese tote Sprache nie gelernt hatte.

„Wie?“, war das Einzige, was ich herausbrachte. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass ich ebenfalls Latein sprach.

„Ich weiß auch nicht, aber ich nenne es gerne Magie.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das ist ein Trick. Ich halluziniere. Du hast mir Drogen verabreicht. Nichts davon ist real.“

„Du glaubst mir noch immer nicht?“ Er wirkte beinahe enttäuscht. „Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben.“

Es war nicht real. Nichts von all dem war real. Ich weigerte mich, daran zu glauben.

Ein Portal in eine andere Welt. Unvorstellbar. Mein gesunder Menschenverstand und achtzehn Jahre Lebenserfahrung sagten mir, dass das hier vollkommen unmöglich war.

Mein Bauchgefühl erhob Einspruch.

„Beweise es. Du hast gemeint, du wärst der König der Lüfte. Beweise es mir.“

„Nichts lieber als das.“

Raphael hob die Hände und wandte sich dem Rand des Felsplateaus zu. Dann schloss er die Augen. Er legte seine perfekte Stirn in Falten und schien sich zu konzentrieren. Schließlich krümmte er die Finger seiner linken Hand, während er mit der rechten Hand kleine Wirbel durch die Luft zog. Ein winziger Tornado erschien zu unseren Füßen und ließ meinen Rock flattern.

Mein Gehirn weigerte sich, dieses Lüftchen ernst zu nehmen.

„Das ist alles, was der König der Lüfte zustande bringt?“, spottete ich und hielt nach irgendwelchen getarnten Ventilatoren Ausschau. Nur ein lahmer Trick, nichts weiter.

Raphael ging der Aufforderung nach, streckte die Arme vollends aus und vollführte erneut ein paar dieser lächerlichen Handbewegungen. Ich schnappte entsetzt nach Luft und wich zurück.

Nein, das war kein Trick mehr. Vor mir braute sich ein riesiger Tornado zusammen, so groß wie ein Wolkenkratzer. Raphael lenkte ihn von uns weg, damit er mich nicht zu fassen bekam. Die dunkle Windhose riss jeden losen Felsen mit sich, manche von ihnen waren größer als ein Jeep.

Der Boden unter mir schwankte ein zweites Mal. Mein Sichtfeld wurde an den Rändern schwarz.

Zum ersten Mal in meinem Leben fiel ich in Ohnmacht.

* * *

Ich erwachte zwischen hellgrauen Laken und weißen Kissen. Das Zimmer war bis auf das breite Bett so gut wie leer. Eine Kommode stand an der linken Wand und ein steinerner Tisch in der Mitte des Raums. Die ganze rechte Wand war verglast und gab den Blick auf eine steile Klippe frei. Dahinter erstreckte sich erneut die graue Steinwüste, doch nun konnte ich zwischen den Felsen Siedlungen ausmachen. Häuser, aus demselben Stein gehauen und mit befestigten Straßen verbunden, lagen eingebettet zwischen hohen Felsbrocken. Kutschen und von Eseln gezogene Wagen fuhren zwischen ihnen hindurch. Keine Autos, keine Strommasten, nichts, was auf die moderne Welt hindeutete.

Es dämmerte bereits. Wie lange war ich weggetreten? Und wie war ich überhaupt hierhergekommen?

Ich trug noch immer meinen kurzen Rock, die Lederjacke und das königsblaue Oberteil. Panisch griff ich an meinen Hals und seufzte erleichtert auf, als sich meine Hand um das silberne Amulett schloss. Dann sah ich mich nach meiner Handtasche um. Sie stand am Fuße des Betts. Ich griff hinein. Das Pfefferspray war nicht mehr da, doch ich spürte meinen Schlüssel, den Geldbeutel und das Handy.

Von meinem Geld fehlte ein Fünfer. Genau der Schein, den Raphael unter sein Glas geklemmt hatte. Schnaubend fischte ich mein Handy hervor und schaltete es ein. Nichts. Der Bildschirm blieb schwarz. Tot.

Frustriert pfefferte ich das nutzlose Ding zurück in die Tasche und stand endlich auf. Der Schwindel war vorüber, und ich erinnerte mich wieder an alles, was geschehen war.

Das Portal. Der Tornado. Raphael. Wo zum Teufel steckte er?

Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, öffnete sich die Tür. Es war nicht Raphael, sondern eine rundliche Dame in einer altmodischen Schürze und mit schütterem Haar. Von ihren bläulichen Augen ging dasselbe intensive Leuchten aus wie von Raphaels.

„Ihr seid wach“, stellte sie auf Latein fest.

„Offensichtlich.“

„Ihr habt sicher Durst.“

Sie reichte mir ein Glas Wasser. Ich rührte es nicht an. Wer wusste schon, mit welchen Drogen es versetzt war? Vermutlich war das alles nur ein Fiebertraum.

„Ich will zu Raphael.“

„Dann müsst Ihr ihn um eine Audienz bitten.“

Ich lachte freudlos. „Er hat mich an diesen fremden Ort verschleppt – und ich soll ihn um eine Audienz bitten? Bringen Sie mich zu ihm. Sofort.“

„Er isst gerade zu Abend. Dienerinnen ist es nicht gestattet, ihn bei seinem Mahl zu unterbrechen.“

„Ich bin aber keine Dienerin“, erwiderte ich ungeduldig. „Bringen Sie mich zu ihm oder ich gehe ihn selbst suchen.“

Endlich gab sich die Frau geschlagen. „Wie Ihr wünscht. Folgt mir.“

Ich schüttelte irritiert den Kopf. Warum sprach sie so seltsam? Was zur Hölle war das für ein Ort?

Das Haus oder die Burg – was immer es war – war größer als erwartet. Die Frau führte mich durch Gänge und Treppen hinab, alles aus demselben dunklen Schieferstein. Es gab keinen Schmuck. Keine Bilder, keine Teppiche, nur vereinzelte Fackelhalterungen an der Wand. Alles schien aus symmetrischen Linien und Formen zu bestehen, altmodisch und gleichzeitig modern. Ich bekam Kopfschmerzen.

Nach einer halben Ewigkeit blieb die Dienerin vor einer hohen Flügeltür stehen.

„Er ist dort drin?“, vergewisserte ich mich. Sie nickte und machte Anstalten zu klopfen. Ich schob sie zur Seite und stieß die Tür auf.

Der Saal war riesig und von breiten Säulen gesäumt. Die Hälfte des Raumes wurde von einer langen Tafel eingenommen, die mit köstlichen Speisen beladen war. An einem Ende des Tisches saß ein Mann mit braunem Haar und dunklem Bartschatten. Er sah gut aus, wenn auch nicht halb so schön wie Raphael, und konnte nicht älter als dreißig sein. Ihm gegenüber, am anderen Ende der Tafel, hatte Raphael Platz genommen.

Zwei Männer, in lächerliche Uniformen gekleidet, versperrten mir den Weg. Sie trugen Scheiden am Gürtel, in jeder steckte ein langes Messer. Die Dienerin drängte sich mit rotem Kopf an mir vorbei, senkte das Haupt und begann Entschuldigungen zu murmeln. Raphael hob die Hand und sie hielt inne.

„Dich trifft keine Schuld, Sofie. Geh und leg ein passendes Kleid für das morgige Treffen heraus.“

Sofie, die Dienerin, eilte davon, doch die zwei Wachen versperrten mir noch immer den Weg.

„Lasst mich vorbei“, knurrte ich. Ihre Mienen blieben eisern, bis Raphael ihnen mit einer Handbewegung bedeutete, mich eintreten zu lassen. Mit wehendem Haar stürmte ich auf ihn zu, den braunhaarigen Mann am anderen Ende der Tafel ignorierend. Dann verpasste ich Raphael eine schallende Ohrfeige.

Vorhin, nachdem wir aus diesem sogenannten Portal gestolpert waren, hatte ich mich erbrochen und war anschließend in Ohnmacht gefallen. Eine solche Schwäche war inakzeptabel. So etwas würde mir kein zweites Mal passieren.

Der braunhaarige Mann keuchte auf. „Raph!“, rief er.

Raphael schüttelte den Kopf und sah mit blitzenden Augen zu mir hoch. Erneut fiel mir dieser anderweltliche Glanz seiner Iris auf.

„Schon gut, Elijah“, meinte er gelassen, obwohl meine Handfläche einen roten Fleck auf seiner blassen Wange hinterlassen hatte.

„Nichts ist gut!“, schäumte ich. „Wo verdammt nochmal bin ich hier?“

„In Caeli, wie ich bereits sagte. Meinem Königreich.“

Und da, ganz langsam, begann ich die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass all das vielleicht doch echt war und ich nicht träumte.

„In Caeli“, wiederholte ich langsam. „Deinem Königreich.“

Ein Lächeln breitete sich auf Raphaels Gesicht aus. „Quod sei Dank, du glaubst mir endlich!“

* * *

Ein Diener häufte meinen Teller mit Kartoffeln und Hähnchenbrust voll, gewürzt mit Rosmarin und grobem Salz. Raphael hatte mir etwas zu essen angeboten, und nach langem Zögern hatte ich schließlich zugestimmt. Wenn er tatsächlich ein König war, wäre es vermutlich unklug, ein freundliches Angebot abzulehnen. Außerdem hatte ich wirklich Hunger.

„Sieht ganz Caeli so aus? Steinwüsten und kleine Siedlungen?“, fragte ich mit vollem Mund.

„Was die Steine betrifft, ja. Aber es gibt hier nicht nur Dörfer, sondern auch große Städte“, erklärte der braunhaarige Mann. Elijah schien allem Anschein nach Raphaels Ehepartner zu sein.

„Und woher kommt das Essen? Ich denke nicht, dass man in dieser Landschaft Kartoffeln anbauen kann.“

„Erinnerst du dich, dass ich dir von sechs weiteren Königreichen erzählt habe?“, ergriff Raphael das Wort. „Jedes Königreich trägt zur Wirtschaft unseres Kontinents – Ralva – bei. Hier in Caeli werden Metalle und Waffen hergestellt, das Hühnchen kommt aus Terra und die Kartoffeln aus Solis. Das Salz wird uns aus dem Meereskönigreich Aqua geliefert.“

„Und all diese Königreiche werden ebenfalls von… Teenagern regiert?“ Raphael war zwar älter als ich, aber nur ein paar Jahre.

Zu meiner Überraschung lachte er.

„Ja, so könnte man es wohl nennen. Junge Erwachsene mit übernatürlichen Fähigkeiten. Wie du gesehen hast, beherrsche ich den Wind. Oder stempelst du den Tornado noch immer als Trick ab?“

Nein, tat ich nicht. Ich konnte mir nichts von alldem erklären, doch ich glaubte ihm. Vermutlich hatte ich gar keine andere Wahl.

„Warum kann ich auf einmal Latein sprechen?“, stellte ich eine andere Frage. Seit ich in dieser Welt war, hatte ich kein Englisch mehr gesprochen. Auch wenn ich die Worte noch immer formen konnte, ergaben sie einfach keinen Sinn mehr. Sogar meine Gedanken waren auf Latein.

„Dies ist eines der vielen ungelösten Mysterien. Jeder Mensch, der ins Reich der Oculi reist, spricht automatisch Latein. Elijah hat sich auch sehr gewundert, als er vor drei Jahren hier ankam.“

Ich fuhr zu Raphaels Mann herum. „Du bist ein Mensch?“

„Natürlich. Oder habe ich etwa ungewöhnliche Augen?“

Nein, seine Augen waren von einem normalen Braun. Ohne das seltsame Leuchten, das von Raphaels Iris ausging.

„Was genau sind Oculi eigentlich?“ Ich legte die Gabel beiseite, denn ich hatte aufgegessen, und wandte mich nun vollkommen meinem Gastgeber zu. Oder Entführer, wenn man so wollte. Obwohl ich mich im Grunde freiwillig bereit erklärt hatte, durch das Portal zu gehen.

„Oculi sind wie Menschen, nur mit ausgeprägteren Sinnen. Wir sind schneller, hören und riechen besser, sind kräftiger und bewegen uns eleganter. Außerdem sehen wir besser aus und haben jeder eine sehr ungewöhnliche Augenfarbe.“ Raphael grinste.

„Eine bessere Version des Menschen also.“ Ich legte den Kopf schief. „Wie werde ich eine Oculus?“

Beide brachen in schallendes Gelächter aus.

„Du wirst als Oculus geboren“, erklärte Elijah. „Du kannst dich nicht einfach in eine verwandeln. Ich fürchte, du wirst ein Mensch bleiben müssen.“

„Schön.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „All das erklärt trotzdem nicht, warum ich hier bin.“

„Du brauchtest eine Zuflucht“, sagte Raphael und wurde wieder ernst. „Ich habe dir eine andere Welt, ein Abenteuer angeboten. Einen Ort, wo du neu anfangen kannst.“

„Du glaubst also zu wissen, was ich brauche.“ Ich schnaubte. „Ich brauche meinen Abschluss, das College und einen guten Job, keine Entführung in eine andere Welt voller Verrückter.“

„Nun, das wirst du dann wohl aufgeben müssen. Du kannst nicht mehr zurück.“

Ich richtete mich auf, mein Rücken so gerade wie ein Brett.

„Was?“

„Ich habe dich mehrmals gewarnt“, seufzte Raphael. „Bist du einmal hier, kommst du nicht mehr zurück. Das Portal verschließt sich vor allen Menschen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich dich nicht zurück in deine Welt bringen. Du hast aus freien Stücken eingewilligt, mit mir zu kommen.“

„Weil ich dachte, es sei ein Scherz! Ich dachte, du würdest mich zu einer Sekte voller Geisteskranker oder in eine Drogenhöhle schleppen, aber doch nicht in eine andere Welt!“

„Ich habe nichts dergleichen behauptet. Außerdem ist es ziemlich verletzend, dass du eine Sekte meiner herrschaftlichen Burg vorziehst.“

„Du arrogantes Arschloch!“, schrie ich. „Wie kannst du es wagen, mich zu entführen?“

„Ich habe dir die Wahl gelassen. Außerdem hattest du nichts zu verlieren.“

„Natürlich hatte ich etwas zu verlieren. Mein verdammtes Leben!“

„Ein Leben voller Trauer und Stress? Ein Leben, in dem du nachts über dunkle Straßen bretterst und dich nicht darum scherst, ob du bei der nächsten Kurve einen tödlichen Unfall baust? Ein Leben, in dem du dich betrinkst, um auf andere Gedanken zu kommen?“ Raphael sah mich eindringlich an. „Ich denke, es war eine Rettung und keine Entführung.“

Es war vollkommen still. Mein Blut kochte, die Wut erdrückte mich. Was fiel diesem Möchtegern-König eigentlich ein!

Aber ich würde Raphael nicht die Genugtuung geben, mich ein zweites Mal explodieren zu sehen. Wenn er die Wahrheit sagte, wäre es zwecklos, mich zu wehren. Ich konnte nicht mehr zurück. Das Portal war versiegelt. Ich saß in einer fremden Welt fest.

„Erzählt mir alles. Wenn ich schon hier bin, möchte ich immerhin vorbereitet sein.“

Raphael nickte Elijah zu. „Hol die Karte. Wir geben eine Geschichtsstunde.“

Kurz darauf kam Elijah mit einer riesigen Landkarte, einem Stück Pergament und einer Schreibfeder zurück.

„Warum ist hier alles so altmodisch?“, erkundigte ich mich.

„Oh, die Menschenwelt ist der der Oculi um ungefähr zwei Jahrhunderte voraus. Es gibt keine Autos, keine Elektrizität, keine modernen Waffen. Fließendes Wasser und Gaslampen sind eine Rarität, die den Wohlhabenden vorbehalten ist. Du wirst außerdem ohne das kleine, rechteckige Ding überleben müssen, an dem die Menschen so hängen.“

„Du meinst ein Handy. Na ganz toll, mein zukünftiges Leben verbringe ich ohne Internet.“ Ich stöhnte.

Was würde meine Tante Betty denken, wenn ich nicht mehr zurückkehrte? Vermutlich würde sie meine Abwesenheit nicht einmal bemerken. Wenigstens war sie versorgt. Aber was war mit Tyler? Wahrscheinlich würde er mich suchen und die Polizei alarmieren. Die würde anfangs nur meinen, ich könne ruhig spurlos verschwinden, schließlich sei ich erwachsen. Und selbst wenn man nach Raphael und mir fahndete, würde man keine Spur von uns finden. Nach wenigen Wochen würde die Polizei meine Akte in irgendeinem Schrank verstauben lassen. Man würde mich vielleicht für tot erklären, eine Trauerfeier abhalten und einen leeren Sarg begraben, auch wenn ich nicht wusste, wer diesen bezahlen sollte. Und nach wenigen Jahren würde ich schließlich vollkommen in Vergessenheit geraten.

Wirklich frustrierend.

Ein paar Diener räumten die Tafel ab. Anschließend rollte Elijah die Karte aus. Sie war riesig, größer als ich. Der Fokus lag auf dem Kontinent Ralva, inmitten eines blauen Ozeans. Mehrere Pfeile am Rand der Karte wiesen auf weitere Kontinente hin. Es gab die südlichen Kolonien, das westliche Festland und einen nördlichen Kontinent namens Megra.

Ralva war halbrund, wie ein halber Mond. Im Osten eine fast gerade Linie, ansonsten gewölbt. Die Königreiche waren wie ein Fächer angeordnet und liefen alle auf einen einzigen Punkt hinaus. Eine Stadt namens Citra. Die Hauptstadt des Kontinents – und neutrales Gebiet, wie Raphael erklärt hatte.

Ohne zu fragen griff ich nach der Schreibfeder, tunkte sie etwas ungelenk in die Tinte und begann, die Karte grob auf das leere Stück Pergament zu übertragen. Auf Latein notierte ich die Namen von Königreichen und Hauptstädten und zeichnete auch die Landschaft ein, wie sie auf der Karte abgebildet war.

Jedes Land wies eine andere Form der Vegetation auf. Ich wusste nicht, wie so etwas möglich war, und schob es zu den restlichen ungelösten Mysterien. Aqua stand für den Ozean, Terra für den Wald, Ignis für eine Sandwüste und Caeli für die bereits bekannte Steinwüste. Cieri, Solis und Septem wirkten bergig, hier schenkte die Karte jedoch keine weiteren Hinweise.

„Ich will alles über die Herrscher der Länder erfahren“, verkündete ich, nachdem ich die Zeichnung beendet hatte. Ich drehte das Papier um, bereit, mir alles Wichtige zu notieren. Nach einer halben Stunde war das Blatt voll, und ein Diener brachte mir eine weitere Schriftrolle.

Raphael bezeichnete die restlichen fünf Könige und Königinnen als seine Geschwister, auch wenn sie nicht dieselben Eltern und unterschiedliche Nachnamen hatten. Jeder und jede von ihnen verfügte über eine andere magische Gabe. Raven und Dove, die Herrscher über Dunkelheit oder Licht, besaßen außerdem jeweils ein Paar Flügel. Raven konnte sich in einen Raben verwandeln, Dove in eine weiße Taube.

Ich kicherte. „Ihren Eltern ist tatsächlich nichts Besseres eingefallen, als sie nach den Vögeln zu benennen, in die sie sich verwandeln können?“

All das klang so vollkommen absurd, dass ich ein hysterisches Lachen nicht unterdrücken konnte. Als ich mich beruhigt hatte, grinste Raphael.

„Du wirst sie morgen kennenlernen. Ich schlage jedoch vor, du sprichst die beiden nicht auf ihre Namen an.“

„Ich lerne sie kennen?“

„Morgen findet eine Versammlung mit allen Oberhäuptern Ralvas statt. Dort wird darüber entschieden, wer dich bei sich aufnimmt. Vermutlich wirst du mich verlassen müssen und von einem meiner Geschwister aufgenommen.“

„Und warum erfahre ich das erst jetzt?“

„Du hast nicht gefragt.“ Raphael zuckte mit den Schultern, und ich gab ihm mit einer vulgären Geste zu verstehen, was ich davon hielt.

Wir unterhielten uns bis spät in die Nacht, und ich schrieb alles auf, was ich erfahren hatte. Ich notierte mir die vollen Namen und das Aussehen der sechs Herrscher, damit ich sie beim morgigen Treffen nicht verwechselte. Raphael gab mir keine Auskunft darüber, wer sich morgen vermutlich meiner annehmen würde, doch ich machte deutlich, wie wenig ich davon hielt, wie ein Gegenstand herumgereicht zu werden.

Er klärte mich auch über das Tattoo in seiner Armbeuge auf. Jeder Herrscher besaß ein solches Tattoo an verschiedenen Stellen des Körpers. Der siebenzackige Stern war das Wappen Ralvas, das Symbol in der Mitte deutete auf die Magie hin. Außerdem besaß jedes Land ein eigenes Wappen und jeder Herrscher eine heilige Waffe.

Raphael zeigte mir ein Set von drei Wurfsternen. Flache Metallplatten mit jeweils sieben messerscharfen Zacken. Jeder Stern war mit kunstvollen Schnörkeln verziert, die vermutlich Windböen darstellen sollten. Raphael behauptete, die Sterne durchschnitten jedes Material wie Butter, sogar Metall.

Ich notierte mir den Rest der heiligen Waffen, bis meine Hand vom vielen Schreiben ganz steif war.

„Die Versammlung beginnt morgen früh um zehn, bis dahin solltest du noch ein wenig schlafen“, wies mich Elijah an. Es beruhigte mich zu hören, dass zumindest die Zeitmessung in dieser Welt dieselbe war.

Ich nickte und unterdrückte ein Gähnen. Es hatte keinen Sinn, weitere Fragen zu stellen, denn ich war mit meinen Nerven völlig am Ende. Mein Gehirn quoll förmlich über.

Raphael begleitete mich persönlich bis zu meinem Zimmer und hielt mir die Tür auf.

„Es tut mir leid“, entschuldigte er sich, bevor ich ihn aussperren konnte. „Ich hätte dich besser auf diese Welt vorbereiten und dich auf die Tragweite deiner Entscheidung hinweisen sollen.“

Ich sah ihm in die Augen und erkannte die Schuld in seinem Blick.

„Ja, das hättest du“, antwortete ich, bevor ich ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

3

KRONEN UND THRONE

Erstaunlicherweise schlief ich ein, sobald mein Kopf das Kissen berührt hatte, und erwachte erst, als der Morgen graute. Fahles Licht sickerte durch die Fensterfront und ließ den leeren Raum noch trostloser wirken. Vielleicht sollte ich erleichtert sein, dass mein Aufenthalt bei Raphael nicht von Dauer war. Ich fühlte mich inmitten dieser schmucklosen Einrichtung und all den perfekten Kanten und Linien seltsam unwohl.

Ich griff nach den Pergamentrollen, die ich am Abend so eifrig beschriftet hatte, und machte mich ans Lernen. Ich las die Rollen dutzende Male, prägte mir so viel wie möglich ein und wiederholte das Wichtigste sogar laut. Inzwischen hatte ich mich an das Latein gewöhnt.

Ein Klopfen riss mich aus meinen Studien. Sofie, die Dienerin, trat ein. Sie hielt ein Tablett mit Essen in den Händen. Erleichtert stellte ich fest, dass mir die Speisen bekannt waren: Schwarzbrot, Spiegelei, Speck und Orangensaft. Ich hatte bereits gestern von Raphaels Essen gekostet, wenn er mich also hätte vergiften wollen, wäre ich sicher schon tot. Ich griff zu und verschlang die Mahlzeit, während Sofie durch eine unscheinbare Tür ins Badezimmer verschwand und auf wunderbar altmodische Art begann, Wasser für mein Bad zu heizen.

Als sie fertig war, hatte ich aufgegessen. Sofie scheuchte mich in die Wanne. Nach einer kurzen Diskussion entkleidete ich mich vor ihren Augen und stieg in das heiße Wasser. Nur das silberne Amulett behielt ich an. Die Zofe stopfte meinen Rock, das Oberteil und die Jacke in meine Handtasche und machte sich anschließend mit duftender Seife und verschiedenen Ölen über mich her. Ich versteifte mich, als sie intimere Stellen berührte, und bat Sofie schließlich, mich selbst waschen zu dürfen. Als ich fertig war, stieg ich aus der Wanne und hüllte mich in einen weichen Bademantel, bevor ich mich auf einen Hocker vor einem mannshohen Spiegel setzte.

Sofie rieb meine Haut mit einer kühlen Creme ein, bevor sie begann, mich zu frisieren. Ich beobachtete im Spiegel, wie sie mein rotes, gewelltes Haar mit Silberkämmen und spitzen Spangen hochsteckte. Ein paar Strähnen ließ sie absichtlich aus, damit sie mein Gesicht umrahmten.

Dann begann sie mich zu schminken. Pinsel kitzelten über meine Wangen, als Sofie mein Gesicht puderte. Sie schmierte hellrote Pomade auf meine Lippen und Silberstaub auf meine Augenlider. Ich vermisste Mascara und Lippenstift, aber vermutlich hatte ich gerade größere Sorgen.

Anschließend beugte ich mich vor und betrachtete mich im Spiegel. Ich hatte die natürliche Schönheit meiner Mutter geerbt – hohe Wangenknochen, geschwungene Brauen, volle Lippen und leicht schräg stehende, dunkelblaue Augen. Früher war mein komplettes Gesicht von Sommersprossen übersät gewesen. Inzwischen waren es so wenige, dass ich sie an zwei Händen abzählen konnte. Sofie hatte sie ohnehin überpudert.

Sie bat mich, den Bademantel auszuziehen. Nackt stand ich vor dem Spiegel. Ich war schlank, mit üppigen Kurven an den richtigen Stellen und makelloser Haut. Dennoch fühlte ich mich entblößt.

Sofie schien nicht auf meine Nacktheit zu achten, stattdessen begann sie mich anzukleiden. Das Korsett war ein Albtraum. Die Zofe schnürte mir wortwörtlich die Luft ab.

Sich in die verschiedenen Lagen des Kleids zu zwängen grenzte an Folter, doch als Sofie ihre Arbeit schließlich beendet hatte, kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Das Kleid war taubengrau und ließ meine Schultern unbedeckt. Dekorative Puffärmel, ein herzförmiger Ausschnitt und ein breites Band um meine Taille, das über dem Hintern zu einer Schleife gebunden war, komplettierten mein Aussehen. Der Saum und die Ärmel waren mit silbernen Perlen besetzt. Der obere Teil des Kleids war enganliegend, unterhalb der Taille fiel der geraffte, voluminöse Rock bis zu meinen Füßen. Ein unbequemes Kissen ließ meine Hüfte breiter erscheinen. Der Stoff war schwer und überall von einer hauchzarten, blaugrauen Tüllschicht überzogen. Ich fühlte mich wie eine waschechte Dame aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Sofie reichte mir silberne Armreife und gräuliche Handschuhe, die bis zu den Ellbogen reichten. Als sie mir eine Halskette anbot, lehnte ich ab. Ich würde mich nicht von dem Amulett trennen. Auch die engen Sandaletten, die sie mir vorschlug, wies ich zurück. Stattdessen schlüpfte ich in die High-Heels, die ich am Vortag getragen hatte. Es waren meine Lieblingsschuhe aus schwarzem Samt, mit einer Schlange aus echtem Silber, die sich um meinen Knöchel wand und somit für guten Halt sorgte.

„Braucht Ihr noch etwas?“, fragte Sofie schließlich, nachdem wir das Badezimmer verlassen hatten.

„Könnten Sie mir eine Uhr besorgen?“ Ich hasste es, nicht zu wissen, wie spät es war.

Sie rauschte davon, und ich ließ mich auf der Bettkante nieder. Gestern Vormittag hatte ich in der Schule gesessen und über meinen Abschluss nachgegrübelt. Nun saß ich, in Perlen und Tüll gewandet, in einer Schieferstein-Burg und wartete darauf, dass ein paar Teenager mit Superkräften über mein Schicksal bestimmten. Vielleicht war ich ja doch in einem Traum gefangen.

Ich nestelte an meinem Amulett herum. Wenn meine Eltern mich doch bloß so sehen könnten… Nein. Ich verbot mir jegliche Gedanken an sie. Ich musste mich auf die bevorstehende Versammlung konzentrieren.

Sofie kehrte mit einer silbernen Taschenuhr zurück. Sie baumelte an einer filigranen Metallkette und zeigte zehn vor zehn. Ich nahm das Stück dankend entgegen und steckte es in mein Mieder. Das leise Ticken fühlte sich an wie ein zweiter Herzschlag.

Schließlich war es so weit. Sofie führte mich erneut in den großen Speisesaal, doch diesmal war die Tafel ungedeckt und auch von Elijah gab es keine Spur. Raphael stand mitten im Raum und begrüßte mich mit einem Lächeln. Er sah aus wie ein echter Gentleman: Hemd, Hose, Lederschuhe, Krawatte, eine Weste, aus deren Brusttasche die Kette einer Taschenuhr hervorlugte, und ein knielanger, geöffneter Gehrock mit aufgestelltem Kragen. Auf seinem weißen Haar thronte eine silberne Krone, die, wie alles andere in dieser Burg auch, aus perfekten, geraden Zacken bestand.

Ich feixte bei seinem Anblick. „Was war gegen einen Hut einzuwenden?“

„Ach, du bist doch nur neidisch!“, lachte er. Dann hielt er mir einen Arm hin. „Wollen wir?“

Ich ignorierte seinen Arm und folgte ihm zu einem runden Podest in der Ecke des Speisesaals. Es war aus Stein gefertigt und nur drei Stufen hoch.

„Was soll das?“ Misstrauisch beäugte ich den erhöhten Boden.

„Ein weiteres Portal“, erklärte Raphael. „Mit der Erlaubnis des jeweiligen Herrschers ist es mir möglich, zwischen den Palästen zu teleportieren. Alle sechs Herrscher besitzen ein Schloss oder eine Burg mit einem solchen Podium, damit wir uns im Notfall schnell verständigen können.“

„Und warum kommen deine Geschwister dann nicht einfach hierher?“

„Offizielle Versammlungen finden meistens im Kristall-Palais statt, Doves Wohnsitz. Sie ist die gutmütigste von uns und wahrt den Frieden.“

Ehe ich etwas erwidern konnte, trat Raphael auf das Podium und reichte mir seine Hand. Nach kurzem Zögern folgte ich ihm und legte meine Finger in seine.

Erneut hatte ich das Gefühl zu fallen, und erneut war da dieses gleißende Licht. Ich konnte nicht schreien, nicht atmen, sondern klammerte mich verzweifelt an Raphaels Hand.

Nach wenigen Sekunden war es vorbei. Dieses Mal verschonte mich die Übelkeit, und sogar meine Frisur schien noch immer zu sitzen.

Wir standen in einem riesigen Saal, noch größer als Raphaels Speisehalle. Die Wände, der Boden, die Säulen, alles bestand aus funkelndem Kristall, der das strahlende Sonnenlicht tausendfach reflektierte und regenbogenfarbene Muster warf. Die Kuppel war so hoch, dass ich den Kopf in den Nacken legen musste. Ein einziger, gleißender Sonnenstrahl fiel durch das breite Loch in der Mitte und sammelte sich als funkelnder Teich auf dem Boden. Hinter den Kristallwänden erblickte ich weitere Türme und Erker, die wie Nadeln in den Himmel stachen und die Wolken aufzuspießen schienen. Alle Balkone, Terrassen und Wendeltreppen waren mit blühendem Blauregen geschmückt. Das Palais musste auf einem Berg thronen, denn weit unter mir sah ich ein fruchtbares Land, durchzogen von schillernden Flüssen.

So stellte ich mir den Himmel vor.

Erst jetzt fielen mir die sieben Throne auf, die in einem Halbkreis am anderen Ende des Saals aufgestellt waren. Zwei von ihnen waren leer, auf den restlichen saßen die fünf atemberaubendsten Personen, die ich je gesehen hatte. Sie alle sahen mir entgegen.

Ich richtete mich auf.

Meine Mutter war nie streng zu mir gewesen, doch an meinem zwölften Geburtstag hatte sie mir drei Lektionen erteilt, die ich seitdem ausnahmslos einhielt.

Erstens: Egal was passiert, bewahre immer Haltung. Straffe die Schultern, hebe das Kinn, und wende niemals zuerst den Blick ab.

Genau das tat ich, als Raphael mir eine Hand ins Kreuz legte und mich langsam in Richtung der Throne führte. Ich hielt mich kerzengerade, hob das Kinn und sah jedem der Anwesenden in die Augen.

Die Frau auf dem Kristallthron in der Mitte war die schönste von allen. Ihre Haut war so schwarz wie Onyx, ihr Haar ein dunkler Wasserfall. Sie strahlte eine natürliche Autorität aus, wie sie da vollkommen aufrecht auf ihrem Thron saß, die Hände auf die Armlehnen gelegt. Sie war mollig und trug ein weißes Gewand aus schimmernder Seide, das mehr enthüllte als verbarg. Ihr Gesicht war gütig, ihre Augen, die mich an frische Erde erinnerten, waren zu alt für ihr sonst so junges Aussehen. Auf dem Kopf trug sie eine Kristallkrone.

Das eigentlich Auffällige waren jedoch die Flügel, die hinter ihr aufragten. Sie bestanden aus schneeweißen Federn und waren fast so groß wie sie selbst. Das war Dove Lux, Herrin des Lichts, ganz ohne Zweifel. Neben ihren nackten Füßen lag ein polierter Schild, der eine goldene Sonne zeigte, und auf ihrer dunklen Haut prangte ein weißes Tattoo mit demselben Symbol.

Mein Blick glitt zur nächsten Person, und ich zwang mich, nicht zusammenzuzucken. Es war der Mann, der nachts an meinem Strand aufgetaucht war. Raphael hatte erzählt, dass er sein Erscheinungsbild in der Menschenwelt etwas abänderte, damit er nicht so vollkommen außerweltlich wirkte. Dasselbe musste der Kerl auf dem schwarzen Thron getan haben.

Während von Dove ein natürliches Licht ausging, wirkte dieser Mann wie die Finsternis selbst. Unheimlich, bedrohlich, düster. Er trug einen maßgeschneiderten, schwarzen Anzug und saß so gelangweilt auf seinem Thron, als könnte er das Ende des Treffens gar nicht abwarten. Das Kinn hatte er auf die rechte Hand gestützt. Seinen Zeigefinger zierte ein Onyxring, und auf seinem Kopf saß eine Krone aus demselben Stein.