Die Mistkerlfalle - Marit Bernson - E-Book

Die Mistkerlfalle E-Book

Marit Bernson

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Beschreibung

Vier Frauen gegen Mistkerle Männerprobleme führen die vier Frauen Nadja, Doro, Annabelle und Vinnie zusammen. Schnell sind sie sich einig – sie sind auf ein Klischee aus Romanen und Filmen reingefallen, das nichts mit dem wahren Leben zu tun hat: Gutaussehende, wohlhabende Männer, die sie schlecht behandeln und sich irgendwann als Traummann herausstellen sollen. Die Männer, die sie kennenlernen, bleiben jedoch Mistkerle. Gemeinsam beschließen sie, ihre Leben privat und beruflich auf die Reihe zu bekommen. Einmal wöchentlich treffen sie sich, um ihre Erkenntnisse und Fortschritte miteinander zu teilen. Doch echte Mistkerle sind manchmal nicht auf den ersten Blick erkennbar. Könnte umgekehrt in einem vermeintlichen Mistkerl vielleicht doch der Traumprinz stecken? Seiten der Printausgabe: 224

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

 

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Über die Autorin

Weitere Geschichten

 

 

1

 

Die Falle

 

Ich hatte sie gespürt, noch bevor sie zuschnappte, war mir bewusst, dass es eine sein musste. Aber ein trügerisches Gefühl namens Hoffnung schaltete meinen Verstand aus.

Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Dabei hatte ich zunächst keine Ahnung, wer vor mir stand. Doch er strahlte diese Souveränität aus, diese Gewissheit, dass die Welt ihm zu Füßen lag. Sein Lächeln, das leicht asymmetrisch war und ein Grübchen auf seiner rechten Wange zum Vorschein brachte, verschlug mir die Sprache. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei bin ich geübt im Umgang mit Worten.

Ich war in Begleitung von Henrik, einem aufstrebenden Autor und einer meiner Schützlinge. Fast ein halbes Jahr hatten wir an seinem Roman gebastelt, um Formulierungen und Strukturen gekämpft, bis endlich vor zwei Monaten das Ergebnis in sämtlichen Buchläden des Landes stand. Dass es ein Erfolg werden würde, hatten wir gehofft. Dass es allerdings ein echter Bestseller geworden war, überraschte Henrik, den Verlag und auch mich.

Nun gehörte Henrik zu den gefragtesten Persönlichkeiten der Stadt, und aus einem Anflug von Dankbarkeit heraus hatte er mich, seine Lektorin, auf die Party eines Freundes mitgenommen, wobei die Zahl seiner sogenannten Freunde in den letzten Wochen sprunghaft gestiegen war.

Vermutlich sollte Henrik der Feier, die in der obersten Etage des Palace Hotels stattfand, mehr Glamour verleihen. Immerhin erkannte ich einige Soapschauspieler, einen bekannten Tenor und einen Fernsehmoderator unter den Gästen. Als Künstler hatte Henrik die Eigenart, Unsicherheit zu zeigen, wo sie unangebracht war, und umgekehrt. Derzeit galt es, ihn bei Laune zu halten, um sich die Rechte an seinem nächsten Werk zu sichern. Also hatte ich seine Einladung angenommen und wurde nun einem weiteren neuen »Freund« vorgestellt.

Den Namen dieses Freundes kann ich hier nicht verraten. Deshalb werde ich ihn von nun an einfach nur Bill nennen. Natürlich kapierte ich sofort, wer da vor mir stand, immerhin einer der reichsten und einflussreichsten Männer des Landes – und ich konnte nur daran denken, wie attraktiv er war. Aber sein Lächeln schaltete den wichtigen Teil meines Hirns aus, der mich vor spontanen Beifallsbekundungen bewahren sollte. Dieser Ausfall bewirkte, dass ich wie ein kleines Mädchen dieses unglaubliche Lächeln mit einer Art Kiekslaut erwiderte, als er seinen Blick auf mich richtete.

»Nadja«, sagte er mit samtweicher Stimme, ohne mich um Erlaubnis zu fragen, ob es in Ordnung war, dass er mich einfach beim Vornamen nannte. »Das klingt … aufregend.«

Mein Nacken begann zu kribbeln, weil er »aufregend« auf eine Art aussprach, die alles andere heißen konnte: heiß, sexy, verdorben. Oder lag es daran, weil er genau so auf mich wirkte? Heiß in seinem perfekt sitzenden dunkelgrauen Anzug, der seine sportliche Figur betonte, sexy mit seinem schiefen Lächeln und den dunklen Haaren, verdorben, weil er mich auf diese Art ansah …

Ich glaube, ich wurde ein bisschen rot. Jedenfalls brannte mein Gesicht plötzlich. Hitze stieg in mir hoch – hoffentlich nahm er meine Reaktion auf ihn nicht wahr.

Jedenfalls ließ er es sich nicht anmerken.

Im nächsten Moment funktionierte zumindest mein von Stolz angetriebener Instinkt noch. Ich nickte und wandte mich ab, um mich anderen Gästen vorstellen zu lassen. Sein Blick folgte mir, wie ich voller Genugtuung feststellte, obwohl es mich nicht interessieren sollte. Ich war sogar froh, dass ich heute ausnahmsweise einmal nicht meine dunkle Hornbrille trug, sondern Kontaktlinsen, obwohl die nach einem langen Tag Augenjucken bei mir verursachten. Aber nichts sollte von meinem grünen Cocktailkleid ablenken. Außerdem wirkte es eleganter. Leider hatte ich aus demselben Grund meine langen Haare hochgesteckt. Sie waren fast schwarz und schimmerten im richtigen Licht rötlich. Dieser Effekt verstärkte sich natürlich, wenn ich sie offen trug. Aber ich war nicht darauf vorbereitet gewesen, hier jemanden kennenzulernen, der das unbedingt sehen sollte. Tat ich auch nicht wirklich. Denn er war nichts für mich. Alles an ihm schrie mir Weiberheld entgegen. Warum also scherte ich mich darum, dass er in der nächsten Stunde immer wie zufällig in meiner Nähe auftauchte, um meinen Blick aufzufangen?

Leider ließ ich mich zwei- oder dreimal dazu hinreißen, dass ich so lange zurückblickte, bis er sich abwandte. Warum passte ich nicht besser auf? Kein Wunder, wenn er annahm, ich sei an ihm interessiert.

»Warum habe ich Sie noch nie auf einer meiner Partys gesehen?«, fragte er, als er plötzlich an der Bar neben mir stand. Oder war er vor mir dort gewesen? Verflixt!

»Das ist Ihre Party?«, fragte ich völlig dämlich.

Er lächelte und schüttelte den Kopf.

Ich sah ihn verständnislos an.

»Es sind meistens dieselben Leute, die man auf solchen Veranstaltungen trifft«, erklärte er. »Egal, wer die Party gibt. Warum also habe ich Sie noch nie gesehen?« Er ließ seinen Blick an meinem Körper abwärts gleiten, etwas, was ich als anzüglich und unangebracht hätte empfinden müssen. Doch stattdessen klopfte mein Herz so heftig, dass ich befürchtete, er würde es von außen sehen können. Sein Blick war gerade in diesem Moment auf die richtige Stelle gerichtet.

»Sind Sie neu in der Stadt?«, fragte er mit seiner Samtstimme weiter. »Ich hätte Sie auf jeden Fall schon einmal bemerkt.« Sein Blick war wieder in meinem Gesicht angelangt, seine grüngrauen Augen funkelten mich an. Ich mag Augen, in denen Grün vorkommt. Vielleicht, weil meine eigenen grün sind und man die Farbe selten sieht. Jedenfalls ist sie weniger verbreitet, als es Liebesromane einen glauben machen wollen. In beinahe jedem zweiten Manuskript, das ich las, hatte einer der Hauptprotagonisten grüne Augen. In dieser Liebesgeschichte hier wären wir zwei. Was für ein Klischee! Was für Augen! Was für ein toller Mann! Viel zu toll!

Die meisten Leute empfinden mich als vorlaut und impulsiv. Tatsächlich bringt mich das öfter in Schwierigkeiten, weil ich meist instinktiv reagiere, statt vorher nachzudenken. Doch in diesem Moment war ich dankbar dafür.

»Vielleicht haben Sie nur nicht genau hingesehen«, erwiderte ich nämlich erstaunlich ruhig und ließ ihn stehen. Zum Glück machte er keine Anstalten, mir zu folgen!

Zeit, das zu beenden. Henrik amüsierte sich auch ohne mich, sodass er kaum registrierte, als ich mich verabschiedete.

Ohne mich weiter umzusehen, fuhr ich mit dem Fahrstuhl nach unten und bestellte am Empfang ein Taxi.

»Zehn Minuten«, sagte der Herr an der Rezeption, und ich beschloss, draußen zu warten, um wieder einen kühlen Kopf zu bekommen.

Wir hatten Ende April. Am Nachmittag war es fast warm genug gewesen, um in einem kurzen Kleidchen herumzulaufen, aber jetzt am Abend fror ich trotz des Jäckchens, das ich über meinem Kleid trug.

Ich hüpfte wenig elegant von einem Bein auf das andere und bemerkte die Limousine, die direkt vor mir hielt, erst, als die hintere Scheibe heruntergelassen wurde und ich das Gesicht erkannte.

»Kann ich Sie irgendwohin bringen?«, fragte die Samtstimme. Das verdammte Grübchen, das von seinem Lächeln verursacht wurde, sah ich sogar aus dieser Entfernung.

»Ich warte auf das Taxi«, erklärte ich.

»Bestellen Sie das Taxi für die junge Dame bitte ab.« Diese Worte richteten sich an den Portier, der einige Meter hinter mir stand.

Ohne meine Zustimmung abzuwarten, eilte dieser auch tatsächlich hinein, um meine Nachhausefahrt zu stornieren.

Die Tür der Limousine öffnete sich. Bill stieg aus und bedeutete mir, vor ihm wieder einzusteigen.

Ich gab mich geschlagen. Was hätte es auch gebracht, dem Portier hinterherzulaufen, theatralisch das Angebot auszuschlagen und sich weiter den Hintern abzufrieren?

Wenige Augenblicke später saß ich neben Bill, so nah, dass unsere Knie sich fast berührten.

»Wo wohnen Sie?«, fragte er und wirkte dabei, als würde er sich die Adresse auf sein Handgelenk tätowieren lassen wollen.

Nachdem ich ihm ganz mechanisch meine Adresse genannt hatte, fuhr er die Trennscheibe zwischen uns und dem Chauffeur hoch. Die Rückbank wirkte nun enger. Er war so nahe. Ich roch sein After Shave. Vermutlich hätte es keine Rolle gespielt, welches genau er trug, denn der Geruch wäre mir in diesem Moment sowieso wie der betörendste Duft der Welt vorgekommen.

»Sie arbeiten also für einen Verlag?«, begann er ein Gespräch.

Ich nickte. »Als Lektorin. Aber die nächsten Monate bin ich ausgebucht, falls Sie etwas in der Schublade haben.«

Er lachte, und es war noch anziehender, als sein Lächeln eh schon gewesen war.

Auf der gesamten Fahrt knisterte es, während er mir Fragen stellte, die ich mehr oder weniger ausführlich beantwortete. Bis sie immer eindeutiger wurden.

»Wohnen Sie allein?«

»Ja.«

»Heißt das, wenn ich Sie fragen würde, ob Sie irgendwann mit mir ausgehen, würden Sie eventuell nicht ablehnen?«

»Eventuell nicht.« Ich blickte ihm dabei fest in die Augen, hielt aber nicht lange stand. Lag das am Licht oder funkelten sie wirklich?

Was dachte ich denn da? Aufhören!

Der Wagen hielt, und der Chauffeur öffnete die Tür für mich. Bill hingegen machte keine Anstalten, mich hinauszubegleiten.

Sollte ich ihn fragen, ob er zu einem Kaffee mit raufkam? Wahrscheinlich war Champagner eher sein Geschmack.

Hatte er mich jetzt gefragt, ob ich mit ihm ausgehen wollte? Eigentlich nicht.

»Auf Wiedersehen …«, sagte ich gedehnt, obwohl ich schleunigst verschwinden sollte.

Er lächelte und griff nach meiner Hand.

»Schön, Sie kennengelernt zu haben, Nadja!«, sagte er nur, und mein Name klang wieder wie etwas Verrücktes, Verruchtes, Aufregendes. Das lag doch eindeutig an seiner Stimme! Wahrscheinlich hätten sogar Schimpfwörter sexy aus seinem Mund geklungen.

Ich stieg langsam aus und ging um das Auto herum. Er hatte seine Scheibe wieder heruntergelassen.

Ob er jetzt nach einer Verabredung fragen würde?

Doch den Gefallen, mich zu ihm ans Fenster zu stellen, würde ich ihm nicht tun. Stattdessen blickte ich lässig über die Schulter und winkte huldvoll – wie ich hoffte.

Dann ging ich die Stufen zur Haustür hoch. Der Wagen stand immer noch hinter mir. Gleich würde Bill mir hoffentlich hinterherkommen, um nach einem Date zu fragen.

Oh Mann! Diese Gedanken! Ich wollte doch gar kein Date mit ihm. Solche Männer waren nicht gut. Nein, nein, nein!

Ich schloss gerade die Haustür auf, als ich hörte, wie die Limousine wegfuhr. Ich eilte durch die Tür hinein und schob sie viel zu sorgfältig zu, um einen Grund zu haben, durch die Glasscheibe nach außen zu sehen.

Bill war weg und ich starrte ihm hinterher wie ein verliebter Teenager.

Die Falle war ausgelegt.

2

 

Zugeschnappt

 

In den nächsten Tagen dachte ich tatsächlich in jeder freien Minute an ihn und seine Frage, was ich erwidern würde, wenn er mit mir ausgehen wollte. Ich grübelte darüber nach und kam zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Hätte ich ihm gleich einen Ort vorschlagen sollen?

Na klar! Damit er sofort merkte, wie nötig ich es hatte.

Wäre es besser gewesen, gleich Nein zu sagen?

Definitiv! Er war nichts für mich.

Wie wohl seine Reaktion auf eine Ablehnung gewesen wäre? Würde ihn so etwas eher aufstacheln? Vielleicht hätte er dann sofort einen Ort und ein Datum vorgeschlagen. Und wie wäre meine Antwort darauf gewesen?

Nein, natürlich!

Ich hätte es offenlassen und nur geheimnisvoll lächeln können.

Dann würde er aber denken, ich sei nicht interessiert. Ich hatte keine Wahl gehabt, ich musste zusagen.

Ich brauchte dringend jemanden, der mir den Nebel im Kopf vertrieb.

Für diese Aufgabe war niemand besser geeignet als meine Freundin Dorothea. Wir kannten uns seit mehr als drei Jahren, als wir fast gleichzeitig im Verlag angefangen hatten – sie in der Marketingabteilung, ich als Lektorin.

Nach meinem Germanistikstudium schien es mir der richtige Schritt zu sein, die Texte anderer zu beurteilen. Ich hatte schon immer eine Affinität für Rechtschreibung und Grammatik, zwanghaftes Richtigschreiben nannten es einige Leute. Aber ich liebte Wörter und die Bilder, die man mit ihnen malen konnte, wenn man sie richtig anordnete. Ich gehöre auch zu denjenigen, die die Kommaregeln sklavisch beachten. Doch es fällt mir immer noch schwer, mich mit den neuen Regeln und den ganzen freiwilligen Kommata anzufreunden. Ja, ich bestehe nach wie vor auf diesem kleinen Komma vor dem erweiterten Infinitiv mit zu, das in einigen Jahren fast völlig vergessen sein wird.

Jedenfalls hatte ich immer geglaubt, geradezu prädestiniert dafür zu sein, jegliche Art von Texten zu erschaffen, zu beurteilen und zu verbessern. Bis ich Doro traf. Durch sie begriff ich erst, dass es zwar eine Kunst war, mit vielen, nahezu unbegrenzten Worten Geschichten zu verfassen, aber eine ganz andere Art von Kunst, es mit wenigen Worten zu tun. Das war Aufgabe des Marketings – einen vierhundert Seiten langen Roman in wenigen Sätzen zu beschreiben, besser noch in nur einem einzigen.

Doro war die Erschafferin der Sauer-macht-rosa-Reihe, Chick Lit-Romane, die in New York spielten. Auch wenn ihr Chef Thomas, der Leiter der Marketing-Abteilung, den Namen für sich proklamierte, wusste jeder, dass es Doros Idee war. Ihre Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen, wo ich mit dem Schwafeln begann, war einfach beneidenswert. Wir ergänzten uns perfekt.

Kein Wunder, dass wir uns so gut verstanden.

Doch für mein Dilemma hatte sie keine passende Bezeichnung, nicht mal einen Spruch.

Nur ein Wort: »Mistkerl!«

»Warum?«, fragte ich. »Ich war doch diejenige, die falsch reagiert hat.« Ich ließ mich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch fallen.

Doro runzelte die Stirn. »Darauf gab es keine richtige Reaktion. Er wusste genau, wie er auf dich wirkte, und hat sein Spielchen mit dir getrieben.«

Ihr Blick wurde finster, was jedoch durch die Tatsache abgemildert wurde, dass ihre Augenbrauen hell waren, fast so blond wie ihr Haar, das sie kurz trug. Zum Glück hatte sie hellblaue Augen. Eine dunklere Farbe hätte den Gesamteindruck zerstört. Sie war auch nur etwa einssechzig groß, sodass sie ausschließlich im Gesicht einem schwedischen Supermodel glich, ansonsten aber sehr weibliche Formen hatte. Sie war ein echter Hingucker, was leider oft die falschen Männer anzog, die mit ihrem rigorosen Charakter und ihrem manchmal überschäumenden Temperament nicht klarkamen. Meiner Meinung nach war ihr eigenwilliger Kleidungsstil, der sich dadurch ausdrückte, dass sie beispielsweise kein Problem darin sah, grüne Leggings mit einem lilafarbenen Ballonkleid zu kombinieren, ein deutlicher Hinweis, aber manche Männer glaubten es wohl einfach nicht. Doro bezeichnete ihren Beziehungsstatus als kurzzeitverpartnert, so oft wechselte sie die Freunde, wenn man die so nennen konnte.

»Das klingt ja noch schlimmer«, erwiderte ich jetzt. »Wenn er gemerkt hat, dass ich auf ihn abfahre …« Ich schlug mir die rechte Hand an die Stirn.

»Ich wette, er meldet sich.« Doros Blick wurde mitfühlend. »Aber es wird nicht so ausgehen, wie du es dir vorstellst.«

»Noch weiß ich ja nicht einmal, wie ich es mir vorstelle oder was ich überhaupt will.«

Sie beugte sich über den Tisch zu mir und sah mich eindringlich an. »Dann lehne ab, wenn er sich meldet. Damit ersparst du dir viel Kummer.«

»Meinst du?«

Doro nickte.

»Aber wenn er der Eine ist?«

»Das ist er nicht, sonst würde es dir jetzt nicht so gehen. Keine Frau sollte sich so fühlen, nachdem sie dem Einen begegnet ist. Sag Nein zu ihm!«

 

***

 

Doch ihre Warnung war genauso müßig wie mein Gedankenkarussell. Er hatte mich nach meiner Zusage hängen lassen und tat es immer noch. Denn er meldete sich nicht, und ich beschloss, nicht mehr an ihn zu denken.

Bis ich eine Woche später einen Anruf erhielt.

»Nadja Herold?«, fragte die männliche Stimme am anderen Ende, die sich als Bills Assistent Lars vorstellte.

»Bill erwartet Sie am Donnerstag um neunzehn Uhr im Primavera«, erklärte er. »Ein Wagen wird Sie eine halbe Stunde vorher abholen. Ein Cocktailkleid wäre angemessen.« Dann legte er bereits auf.

Ich war zu verdutzt, um zu reagieren.

Was sollte das denn? Er ließ seinen Assistenten eine Verabredung mit mir treffen, als sei ich irgendein Geschäftstermin? Was ich anziehen sollte, schrieb er mir auch noch vor?

Natürlich würde ich nicht hingehen!

 

***

 

Zwei Tage später wartete ich nervös vor meiner Haustür und blickte – erneut unbebrillt, aber mit offenem Haar und in einem kurzen, weinroten Flatterkleid – der Limousine entgegen, die gerade vorfuhr.

Ich hatte von ihm geträumt in den letzten zwei Nächten. Sehr intensive Träume, auf die ich nicht weiter eingehen werde. Jedenfalls musste ich zu diesem Date. Doro hatte ich vorsichtshalber nichts erzählt. Sie hätte nur versucht, es mir auszureden. Dabei wusste ich selbst gar nicht, wohin das führen würde. Aber eine gewisse Hoffnung war geweckt.

Wie er dort saß an diesem kleinen Tisch! Sofort beschleunigte sich mein Puls. Ich stand doch gar nicht auf Schönlinge. Aber diese breiten Schultern, die der dunkelblaue Anzug noch zu betonen schien, das Profil seines Gesichts. Und dann der Gedanke an diese grünen Augen, in die ich gleich schauen würde.

Ich musste dringend aufhören, solche Sachen über ihn zu denken.

Er stand auf, als mich der Kellner zu seinem Tisch führte, und lächelte mir selbstsicher entgegen.

»Bill«, sagte ich und drückte nur kurz die Hand, die er mir entgegenhielt.

»Nadja«, antwortete er in seinem verruchten Tonfall, und ich bemerkte durchaus den Blick, mit denen er meine Haare betrachtete. In dem schummrigen Licht würde es den gewünschten Effekt zeigen.

Wir setzten uns, und er ließ sich nicht anmerken, ob er meine Ablehnung gespürt hatte. Er war immer noch damit beschäftigt, mich anzusehen.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte er und nickte kurz dem Kellner zu, der sofort Wein in mein Glas schenkte.

Ich seufzte gespielt, fest entschlossen, es ihm nicht so leicht zu machen.

»Eigentlich arbeite ich um diese Uhrzeit nicht mehr. Aber für Sie habe ich eine Ausnahme gemacht.«

Damit hatte ich ihn überrascht. Er zog die Augenbrauen hoch.

»Das ist doch ein Geschäftsessen, oder?«, fragte ich unschuldig. »Ihr Assistent hat den Termin vereinbart, und für Dates bevorzuge ich das Wochenende. Haben Sie doch ein Manuskript herumliegen, für das Sie eine Lektorin begeistern möchten?« Ich schmunzelte und war auf seine Reaktion gespannt. Dass mein Wochenende bereits begonnen hatte, weil ich mir für morgen frei genommen hatte, musste er nicht wissen.

Er hatte sich gefasst und zeigte wieder dieses schiefe Lächeln. »Es tut mir sehr leid«, sagte er. Dann beugte er sich vor und flüsterte: »Ich habe die ganze Zeit an Sie gedacht, hatte aber keine Zeit für ein angemessenes Telefonat.«

»Angemessenes Telefonat?«, fragte ich und versuchte, mein Herzhämmern zu ignorieren.

Er lehnte sich wieder zurück, ohne den Blick von meinen Augen abzuwenden. Das grüne Funkeln war nicht zu übersehen. Wäre der Tisch nicht zwischen uns gewesen … nein, ich durfte nicht einfach so über ihn herfallen!

»Ich wollte, dass unser nächstes Gespräch ausführlicher wird und nicht nur eine zehnsekündige Verabredung.«

»Und wenn ich keine Zeit gehabt hätte?«

Sein Lächeln vertiefte sich. »Es ist der einzige Abend in dieser Woche, an dem ich Zeit dafür habe.«

»Eine Alles-oder-Nichts-Verstrickung sozusagen.«

Er hob sein Glas und ich Äffchen reagierte darauf, indem ich meines auch nahm und ihm zuprostete.

»Auf jeden Fall«, murmelte er, bevor er einen Schluck nahm.

»Dann haben Sie kein Manuskript mit Ihren Memoiren dabei?«, fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen.

Er schüttelte den Kopf. »Ich füge lieber den Erinnerungen in meinem Kopf weitere hinzu, als darüber zu schreiben.« Er tippte sich an die Schläfe. »Dort sind sie sowieso viel lebendiger. Nach diesem Abend kommen hoffentlich neue hinzu.«

Ich räusperte mich. Mein Herz war von schnellem Hämmern zu pointiertem Klopfen übergegangen.

»Zumindest ein Abendessen wird sich dazugesellen«, krächzte ich fast und räusperte mich wieder.

»Ich hoffe doch, dass es aufregendere Erlebnisse sein werden, die sich mir einprägen.«

Jetzt wurde mein Gesicht heiß. Er hätte kaum eindeutiger sein können. Wie konnte er sich seiner Sache so sicher sein?

»Wir werden sehen«, sagte ich und trank noch einen Schluck Wein. »Vielleicht kommt Lars ja auch noch.«

Er lachte, und ich konnte mich kaum von seinem Anblick losreißen.

 

***

 

Die nächsten zwei Stunden bestanden aus Abendessen und Gesprächen über unverfängliche Themen wie dem Buchmarkt und Literaturtrends. Er hatte nur sehr wenig Ahnung davon, sodass er meiner Meinung nie widersprach, sondern zuhörte, lächelte und mich in den richtigen Momenten mit langen Blicken bedachte, sodass mir beinahe die gesamte Zeit über Kribbelschauer durch den Körper fuhren, die ich nur mit Mühe ignorieren konnte, indem ich ein neues Unterthema begann, das seine Aufmerksamkeit verlangte und diese Blicke unterbrach.

Jetzt saßen wir wieder in seiner Limousine. Er hatte vorgeschlagen, in seinem Penthouse noch etwas zu trinken. Penthouse!

Ich hatte abgelehnt, wohl wissend, wo das enden würde. Aber nach Hause wollte ich auch noch nicht. Dennoch bewegten wir uns unaufhaltsam dorthin.

Ob er hoffte, in meine Wohnung mitkommen zu können?

»Das war ein schöner Abend«, sagte er und griff ungefragt nach meiner Hand. Aber ich war gar nicht in der Lage, sie ihm zu entziehen. Der Griff war fest und entschlossen, die Haut warm und weich. »Ich hoffe, Sie waren nicht allzu enttäuscht, dass mein Assistent nicht mehr aufgetaucht ist«, setzte er hinzu.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich war mir nicht sicher, wobei er Ihnen noch alles behilflich ist.«

Er lächelte nicht, sein Gesicht wirkte ernst.

»Die wichtigen Dinge tue ich selbst.« Er beugte sich zu mir. »Hierbei lasse ich mich nicht von meinem Assistenten vertreten«, flüsterte er in mein Ohr, bevor er sanft durch meine Haare fuhr, ganz langsam, als würde er jeden Moment genießen. Ich hielt den Atem an, um nicht laut zu seufzen, so sehr erregte mich seine Berührung. Schließlich fasste er meine Wange, drehte mein Gesicht weiter zu ihm und küsste mich. Minutenlang …

Als der Wagen hielt, wusste ich, wo wir waren. Er hatte dem Fahrer keine weitere Anweisung geben müssen.

Wir lösten uns voneinander, er nahm wieder meine Hand und half mir aus der Limousine. Ohne ein weiteres Wort ließ ich mich zum Fahrstuhl führen, der direkt im obersten Stock in seinem Penthouse hielt. Viel von meiner Umgebung bekam ich aber nicht mehr mit.

---ENDE DER LESEPROBE---