Die Mondscheinbäckerin - Sarah Addison Allen - E-Book

Die Mondscheinbäckerin E-Book

Sarah Addison Allen

0,0
7,99 €

Beschreibung

Ein bezaubernder Roman voller Liebe und Magie

Nach dem Tod ihrer Mutter kommt die 17-jährige Emily Benedict nach Mullaby, North Carolina, um dort bei ihrem Großvater zu leben. Schon bald merkt sie, dass in Mullaby ungewöhnliche Dinge vor sich gehen: Nachts huschen Irrlichter durch die Wälder, die Tapete in Emilys Zimmer verändert von allein das Muster, und die Nachbarin Julia Winterson backt Kuchen, die geliebte Menschen anlocken können. Als Emily den jungen Win Coffey kennenlernt, funkt es sofort zwischen den beiden. Aber die Familie Coffey hütet ein sonderbares Geheimnis …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 274

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Nach dem Tod ihrer Mutter kommt die 17-jährige Emily Benedict nach Mullaby, North Carolina, um dort bei ihrem Großvater zu leben. Emily hofft, mehr über ihre Mutter und den beschaulichen Ort, in dem sie aufwuchs, erfahren zu können. Doch schon bald stellt sie fest, dass die Bewohner von Mullaby merkwürdig auf ihre Fragen reagieren. Überhaupt gehen in Mullaby ungewöhnliche Dinge vor sich: Nachts huschen Irrlichter durch die Wälder, die Tapete in Emilys Zimmer verändert je nach Stimmung der Bewohnerin das Muster, und die Nachbarin Julia Winterson backt Kuchen, deren süßer Duft geliebte Menschen über weite Entfernungen anlocken kann. Mit dem köstlichen Gebäck ist ein sehnlicher Wunsch verbunden. Julia träumt davon, dass ihre Tochter durch den Duft der Kuchen zu ihr zurückfindet. Auch Emily läuft ein besonderer junger Mann über den Weg: Zwischen ihr und dem gleichaltrigen Win Coffey funkt es sofort. Aber da wäre ein Problem: Die Familie Coffey hütet ein sonderbares Geheimnis …

Weitere Informationen zu Sarah Addison Allen

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Sarah Addison Allen

Die

Mondscheinbäckerin

Roman

Deutsch

von Sonja Hauser

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel

»The Girl Who Chased the Moon« bei Bantam Books,

an imprint of The Random House Publishing Group,

a division of Random House, Inc., New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2013

Copyright © der Originalausgabe 2010

by Sarah Addison Allen

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Published by Arrangement with Sarah Addison Allen

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC

vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Copyright © FinePic

Redaktion: Irmgard Perkounigg

KS · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-07677-1V002

www.goldmann-verlag.de

Zur Erinnerung an den berühmten sanften Riesen

Robert Pershing Wadlow (1918–1940).

Als er mit zweiundzwanzig Jahren starb,

war er zwei Meter zweiundsiebzig groß –

ein unübertroffener Weltrekord.

EINS

Emily hob den Blick von dem Glücksarmband, das sie langsam am Handgelenk hin und her gedreht hatte, und schaute zum Wagenfenster hinaus. Die beiden riesigen Eichen vor dem Haus sahen aus wie zwei aufgeregte, mitten im Knicks erstarrte Damen, deren gestärkte grüne Laubkleider sich im Wind bewegten.

»Sind wir da?«, fragte sie den Taxifahrer.

»Ja, Shelby Road Nummer sechs, Mullaby.«

Emily zahlte und stieg aus. In der Luft hing der süßliche Geruch von Tomaten und Hickoryrauch. Sie leckte sich unwillkürlich die Lippen. Obwohl es bereits dämmerte, waren die Straßenlaternen noch nicht eingeschaltet. Emily staunte, wie ruhig es war. Plötzlich wurde ihr ein wenig schwindlig. Keine Straßengeräusche. Keine spielenden Kinder. Keine Musik, kein Fernsehen. Fast hatte sie das Gefühl, aus der Welt gefallen zu sein, weitab von jeglicher Zivilisation.

Während der Taxifahrer ihre beiden bis zum Bersten vollen Matchbeutel aus dem Kofferraum hievte, sah sie sich um. In der Straße standen große alte Häuser; die meisten hätten mit ihren aufwendigen Zierleisten und hübsch gestrichenen Veranden gut in einen altmodischen Film über die Südstaaten gepasst.

Der Fahrer stellte die Matchsäcke auf dem Gehsteig neben ihr ab, nickte, setzte sich wieder hinters Steuer und fuhr weg.

Emily blickte ihm nach, strich eine Strähne, die sich aus ihrem kurzen Pferdeschwanz gelöst hatte, zurück, packte die Griffe ihrer Matchbeutel und zog sie unter das dunkle, kühle Blätterdach der großen Bäume. Als sie auf der anderen Seite darunter hervortrat, blieb sie, verwundert über den Anblick, der sich ihr bot, stehen.

Dieses Haus unterschied sich deutlich von den anderen im Viertel.

Früher einmal vermutlich strahlend weiß, war es jetzt grau, und seine neugotischen Spitzbogenfenster wirkten verstaubt und trüb. Es verheimlichte sein Alter nicht. Davon zeugten die abblätternde Farbe und die heruntergefallenen Dachschindeln. Im Erdgeschoss befand sich eine große Veranda, deren Dach als Balkon für den ersten Stock diente, beide bedeckt von altem, sprödem Eichenlaub. Wenn nicht der schmale, durch Menschenschritte geschaffene Weg in der Mitte der Stufen gewesen wäre, hätte man das Haus für unbewohnt halten können.

Hier war ihre Mutter aufgewachsen?

Als Emilys Arme zu zittern begannen, redete sie sich ein, dass das am Gewicht ihres Gepäcks lag. Sie stieg die Verandastufen hinauf und schleifte mit den Matchsäcken eine ganze Menge trockene Blätter mit. Oben stellte sie die Beutel ab, ging zur Tür und klopfte.

Keine Reaktion.

Sie versuchte es noch einmal.

Nichts.

Wieder strich sie eine Haarsträhne zurück und sah sich um, bevor sie die rostige Fliegenschutztür öffnete und »Hallo?« ins Haus rief. Es klang hohl.

Keine Reaktion.

Emily trat zögernd ein. Es brannte kein Licht, doch durch die Fenster im Esszimmer zu ihrer Linken drangen die letzten Strahlen der Sonne. Die Möbel darin waren dunkel und reich verziert; sie erschienen ihr unglaublich groß, wie für einen Riesen gemacht. Rechts von ihr lag ein weiterer Raum mit einer Falttür. Direkt vor ihr befand sich ein Flur, der zur Küche führte, und dahinter entdeckte sie eine breite Treppe in den ersten Stock. Sie trat an den Fuß der Treppe und rief hinauf: »Hallo?«

In dem Moment wurde die Falttür aufgerissen, und Emily wich vor Schreck zurück. Ein älterer Mann mit silbergrauem Haar, der sich unter dem Bogen durchducken musste, um nicht mit dem Kopf anzustoßen, kam heraus. Er war riesengroß und schritt steif dahin wie auf Stelzen. Ein wenig erinnerte er an eine Fehlkonstruktion, an einen Wolkenkratzer aus weichem Holz, der jeden Moment einknicken konnte.

»Endlich bist du da. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.«

Sie erkannte seine wohltönende Südstaatlerstimme von ihrem ersten und einzigen Telefonat eine Woche zuvor, doch sein Aussehen überraschte sie.

Emily blickte zu ihm auf. »Vance Shelby?«

Er nickte. Vance machte den Eindruck, als hätte er Angst vor ihr. Es wunderte sie, dass ein so großer Mensch sich vor irgendetwas fürchten konnte, und sie ertappte sich dabei, wie sie anfing, sich bedächtig zu bewegen, um ihn nicht zu erschrecken.

Sie streckte ihm vorsichtig die Hand hin. »Hallo, ich bin Emily.«

Er lächelte, dann verwandelte sich sein Lächeln in ein dröhnendes Lachen, das klang wie prasselndes Feuer. Ihre Hand verschwand ganz in der seinen, als er sie schüttelte. »Ich weiß, wer du bist, Mädchen. Du siehst aus wie deine Mutter in deinem Alter.« Er hörte zu lachen auf und ließ die Hand sinken. »Wo ist dein Gepäck?«

»Das steht auf der Veranda.«

Schweigen. Bis vor Kurzem hatten sie beide nichts von der Existenz des jeweils anderen geahnt. Wie konnte ihnen der Gesprächsstoff so schnell ausgehen? Sie wollte doch so viel erfahren.

»Oben«, sagte er schließlich, »kannst du machen, was du möchtest – das ist dein Bereich. Da komme ich mit meiner Arthritis nicht mehr rauf. Mein Zimmer ist da.« Er deutete auf die Falttür. »Such dir einen Raum aus. Deiner Mutter hat der letzte auf der rechten Seite gehört. Sag mir, wie die Tapete aussieht, wenn du reingehst. Das würde mich interessieren.«

»Danke, das mache ich«, versprach sie. Er wandte sich von ihr ab und stapfte mit seinen riesigen Schuhen in Richtung Küche.

Emily blickte ihm verwirrt nach. War das alles?

Sie holte ihr Gepäck von der Veranda. Oben entdeckte sie einen langen, schmalen Flur mit sechs Türen, in dem es nach Wolle roch. Das Scharren ihrer Matchsäcke hallte vom Hartholzboden wider.

Als sie die letzte Tür auf der rechten Seite erreichte, stellte sie ihr Gepäck ab, tastete auf der Innenseite des Zimmers nach dem Lichtschalter und knipste das Licht an. Als Erstes fiel ihr auf, dass sich auf der Tapete endlose Reihen winziger Fliederblüten befanden und es in dem Raum sogar ein wenig nach Flieder roch. An der Wand stand ein Himmelbett, von dessen Pfosten die gazeartigen Überreste des früheren Betthimmels hingen wie die Bänder an einem Maibaum.

Am Fußende des Betts stand ein weißer Schrankkoffer, in dessen Holz in schnörkeligen Buchstaben Dulcie, der Name von Emilys Mutter, geschnitzt war. Als Emily im Vorübergehen die Hand darübergleiten ließ, waren ihre Finger voller Staub.

Es ergab keinen Sinn. Emily spürte keinerlei Verbindung zwischen diesem Zimmer und ihrer Mutter.

Emily öffnete die Balkontür und trat in knöcheltiefes trockenes Eichenlaub. Seit dem Tod ihrer Mutter empfand sie alles als sehr fragil, als würde sie über eine Brücke aus Papier gehen. Sie hatte Boston in der Hoffnung verlassen, dass ihre Reise nach Mullaby alles einrenken würde. Der Gedanke, sich in die Jugend ihrer Mutter zu flüchten, eine Verbindung zu dem Großvater herzustellen, von dessen Existenz sie bis vor Kurzem nichts geahnt hatte, war tröstlich für sie gewesen.

Doch nun schien die merkwürdige Einsamkeit dieses Orts sie zu verspotten.

Er fühlte sich nicht wie ein Zuhause an.

Emily tastete nach ihrem Glücksarmband, spürte aber nur nackte Haut. Sie hob erschreckt das Handgelenk.

Das Armband war verschwunden.

Sie sah sich um, wirbelte bei der Suche das Laub auf dem Balkon auf, hastete zurück ins Zimmer und schleifte ihre Matchsäcke herein. Möglicherweise hatte sich das Armband ja an einem verfangen und war hineingefallen. Sie zog ihre Kleidung heraus. Dabei glitt ihr Laptop aus dem weißen Wintermantel, in den sie ihn gewickelt hatte.

Doch sie konnte das Armband nirgends finden. Emily rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Unter dem dunklen Laubdach wurde sie langsamer, bis das Licht der Straßenlaternen ihr den Weg zur Straße wies.

Nach zehnminütigem Suchen wurde ihr klar, dass sie das Armband entweder auf dem Gehsteig verloren hatte, wo es von jemandem gefunden worden war, oder dass es in dem Taxi lag, das gerade zurück nach Raleigh fuhr.

Ihre Mutter Dulcie hatte dieses Armband geliebt, besonders den Halbmondanhänger, den sie in ihrer Nervosität im Lauf der Jahre dünn gerubbelt hatte.

Emily kehrte zum Haus zurück.

Drinnen hörte sie, wie etwas, vielleicht die Tür eines Wäschetrockners, geschlossen wurde, dann trat ihr Großvater aus der Küche.

»Flieder«, sagte sie, als sie sich im Eingangsbereich begegneten, wo sie stehen geblieben war, um ihn nicht zu erschrecken. Merkwürdig, dachte sie, dass sie sich in Gegenwart eines Riesen fehl am Platz fühlte!

Er sah sie fragend an. »Flieder?«

»Du wolltest wissen, wie die Tapete in Moms altem Zimmer aussieht. Es sind Fliederblüten drauf.«

»Aha. In ihrer Kindheit waren es immer Blumen, meistens Rosen. Als sie älter wurde, hat sich das geändert. Einmal waren es sogar Blitze auf pechschwarzem Grund. Und ein andermal schuppiges Blau wie der Bauch von einem Drachen. Sie hat die Tapete gehasst, schien aber nichts dagegen machen zu können.«

Emily schmunzelte. »Das klingt gar nicht nach ihr. Ich weiß noch …« Als Vance den Blick senkte, verstummte sie. Er wollte nicht wissen, was sie ihm zu erzählen hatte. Vance hatte seine Tochter zwanzig Jahre zuvor das letzte Mal gesehen. Interessierte er sich denn überhaupt nicht für sie? Emily wandte sich enttäuscht ab. »Ich glaub, ich geh ins Bett.«

»Hast du Hunger?«, fragte er und folgte ihr in einiger Entfernung. »Ich war heute Morgen im Lebensmittelladen, Sachen kaufen, die Teenager mögen.«

Als sie die unterste Stufe der Treppe erreichte, drehte sie sich um, und er wich sofort einen Schritt zurück. »Danke. Aber ich bin wirklich müde.«

Er nickte. »Gut. Vielleicht morgen.«

In ihrem Zimmer ließ sie sich auf die Matratze fallen, von der modriger Geruch aufstieg, und sah zur Decke hinauf. Motten tanzten, durchs Licht angelockt, um den mit Spinnweben verhangenen Kronleuchter. Ihre Mutter hatte als Kind einen Kronleuchter im Schlafzimmer gehabt? Die Frau, die Emily eine Strafpredigt hielt, wenn sie irgendwo das Licht brennen ließ?

Sie nahm ein Kleidungsstück ihrer Mutter in die Hand und vergrub das Gesicht darin. Es roch vertraut wie die Räucherstäbchen ihrer Mutter. Emily schloss die Augen und blinzelte die Tränen weg. Noch war es zu früh, um zu beurteilen, ob es eine schlechte Entscheidung gewesen war, nach Mullaby zu kommen. Und selbst wenn: Nun konnte sie nichts mehr daran ändern. Ein Jahr würde sie schon überstehen.

Sie hörte, wie der Wind trockenes Laub über den Balkon wehte, was klang, als würde jemand dort auf und ab gehen. Sie wandte den Kopf so, dass sie durch die offene Balkontür hinausschauen konnte.

Das Licht aus ihrem Zimmer erhellte die Spitzen der Bäume beim Haus, deren Äste sich nicht bewegten. Emily stand vom Bett auf und ging auf den Balkon. »Ist da jemand?«, rief sie.

Sie trat ans Geländer, weil sie meinte, hinter der Laube am Waldrand etwas zu entdecken.

Da war es wieder. Ein helles weißes Licht, das zwischen den Bäumen hin und her huschte, verblasste und in der Dunkelheit des Waldes verschwand.

Willkommen in Mullaby, North Carolina, dachte sie. Heimat von Irrlichtern, Riesen und Schmuckdieben.

Als sie sich umwandte, um ins Zimmer zurückzugehen, erstarrte sie.

Auf dem alten Verandatisch aus Metall, inmitten einer dicken Laubschicht, lag das Glücksarmband ihrer Mutter.

Wo es wenige Minuten zuvor noch nicht gewesen war.

Zu viel Wein.

Das würde Julia am folgenden Morgen zu Stella sagen. »Ach, und das gestern Abend mit Sawyer – vergiss es. Das war der Wein.«

Als Julia in ihre Wohnung hinaufging, spürte sie ein vages Gefühl der Panik in sich aufsteigen – ganz anders als sonst nach einem sommerlichen Gläschen Wein mit Stella auf der hinteren Veranda. Nur noch sechs Monate, dann konnte sie diesem Ort den Rücken kehren, sechs Monate, die letzte Etappe ihres Zweijahresplans. Doch durch eine kleine Unachtsamkeit hatte sie sich alles sehr viel schwerer gemacht. Wenn Sawyer das, was sie gesagt hatte, erfuhr, würde er keine Ruhe geben. Sie kannte ihn.

Julia öffnete die Tür zu ihrem Flur, von dem vier Türen abgingen. Eine führte ins Bad, eine in Julias Schlafzimmer, eine andere in einen Raum, der als Küche diente, und wieder eine andere in Julias winziges Wohnzimmer.

Stellas Exmann hatte ihr nach der Verschleuderung ihres Treuhandvermögens geraten, einen Untermieter zu nehmen, am oberen Ende der Treppe einen Vorhang aufgehängt und erklärt: »Voilà! Schon haben wir eine zusätzliche Wohnung.« Und hatte sich dann gewundert, dass keine Interessenten auftauchten. Im letzten Jahr seiner Ehe mit Stella hatte er feinen schwarzen Staub auf allem hinterlassen, was er anfasste. Ein Beweis für sein schwarzes Herz, behauptete Stella. Als sie den schwarzen Staub auf anderen Frauen entdeckte – an ihren Beinen, wenn sie im Sommer einen kurzen Rock trugen, oder hinter ihren Ohren, wenn sie die Haare hochsteckten –, hatte Stella ihn endlich hinausgeworfen und ihren Bruder gebeten, oben eine Tür anzubringen, ein Waschbecken zu installieren und in einem der Zimmer einen Anschluss für den Herd zu legen. Julia war ihre erste Untermieterin.

Eigentlich hatte Julia Bedenken gehabt, sich bei ihrer alten Highschool-Feindin einzumieten, doch weil sie sich nichts Teureres leisten konnte, war ihr letztlich keine andere Wahl geblieben. Wider Erwarten kam sie gut mit Stella aus, und im Lauf der Zeit entwickelte sich eine Freundschaft, die Julia sich immer noch nicht so recht erklären konnte. Stella war eines der beliebtesten Mädchen der Mullaby High und von Sassafras gewesen, einer elitären Gruppe hübscher, aufgeweckter Mädchen. Der mürrischen, derben und ziemlich merkwürdigen Julia hingegen waren alle aus dem Weg gegangen. Sie hatte sich die Haare in einem leuchtenden Pink gefärbt, jeden Tag ein Lederhalsband mit Nieten getragen und ihre Augen mit so viel schwarzem Eyeliner umrandet, dass es aussah, als wäre sie verprügelt worden.

Ihr Vater hatte sich bemüht, ihren Aufzug zu ignorieren.

Julia ging den Flur entlang zu ihrem Zimmer, wo ihr auffiel, dass bei ihrem Nachbarn Vance Shelby Licht brannte. Sie trat ans offene Fenster und sah hinaus. Seit sie bei Stella wohnte, in all den schlaflosen Nächten, in denen sie aus diesem Fenster geschaut hatte, war es im oberen Stockwerk des Nachbarhauses niemals hell gewesen. Auf dem Balkon stand ein Mädchen und blickte auf den Wald hinter Vance’ Haus. Die junge Frau war gertenschlank, hatte blonde Haare, strahlte etwas Verletzliches aus und ließ die Nachtluft nach Ahornsirup duften. Plötzlich fiel Julia ein, wer das war. Vance hatte ihr erzählt, dass seine Enkelin zu ihm kommen würde! In der vergangenen Woche war das der Gesprächsstoff in Julias Lokal gewesen. Manche Leute waren neugierig gewesen, andere hatten Angst gehabt und wieder andere ziemlich gemein reagiert. Nicht alle hatten der Mutter dieses Mädchens verziehen.

Julia mochte sich gar nicht ausmalen, was dem Mädchen hier bevorstand. Mit der eigenen Vergangenheit fertigzuwerden war schwierig genug. Da sollte man nicht auch noch die eines anderen aufarbeiten müssen.

Morgen Abend, beschloss Julia, würde sie im Lokal einen Kuchen mehr backen, als Geschenk für sie.

Julia zog sich aus und legte sich ins Bett. Irgendwann ging das Licht im Nachbarhaus aus. Sie drehte sich seufzend auf die Seite. Morgen war wieder ein Tag, den sie im Kalender abstreichen konnte.

Nach dem Tod ihres Vaters fast zwei Jahre zuvor hatte Julia sich ein paar Tage freigenommen, um nach Mullaby zu fahren und seinen Nachlass zu regeln. Sie hatte vorgehabt, sein Haus und sein Lokal möglichst schnell zu veräußern, mit dem Erlös nach Maryland zurückzukehren und endlich ihren Traum von einer eigenen Bäckerei zu verwirklichen.

Doch es war anders gekommen.

Sehr schnell hatte sie festgestellt, dass ihr Vater hoch verschuldet und Haus und Lokal bis unter den First beliehen waren. Der Verkaufserlös für das Haus hatte die Hypothek darauf sowie einen kleinen Teil des Darlehens auf das Lokal abgedeckt. Aber zu einer verlustfreien Veräußerung des Restaurants hätte es nicht gereicht. Also hatte sie sich ihren inzwischen allseits bekannten Plan zurechtgelegt. Wenn sie sparsam lebte und es ihr gelang, mehr Gäste in J’s Barbecue zu locken, war sie in der Lage, das Darlehen abzubezahlen und das Lokal mit ordentlichem Gewinn zu verkaufen. Aus diesem Vorhaben machte sie kein Geheimnis. Sie würde zwei Jahre lang in Mullaby bleiben, was jedoch nicht bedeutete, dass sie sich dauerhaft dort niederließ. Sie betrachtete ihren Aufenthalt als Besuch.

Bei der Übernahme hatte J’s Barbecue eine kleine, treue Gruppe von Stammgästen gehabt, denn ihr Vater hatte die Gabe besessen, seinen Gästen ein Gefühl der Zufriedenheit zu vermitteln. Doch in Mullaby gab es mehr Grillrestaurants pro Kopf als in allen anderen Orten des Bundesstaats, und so herrschte starker Wettbewerb. Julia wusste, dass sie dem Lokal nach dem Tod ihres Vaters einen persönlichen Touch, etwas, das kein anderes vorweisen konnte, verleihen musste. Also begann sie zu backen und Kuchen zu verkaufen – ihre Spezialität –, was sich sofort im Umsatz bemerkbar machte. Schon bald war J’s Barbecue nicht nur für seine köstlichen Grillgerichte im Lexington-Stil bekannt, sondern auch für die besten Kuchen und das beste Gebäck der Gegend.

Julia traf immer schon frühmorgens im Lokal ein; nur der Koch war vor ihr dort. Sie redeten wenig miteinander. Er hatte seine Aufgaben und sie die ihren. Die Alltagsroutine überließ sie den Leuten, die ihr Vater eingearbeitet und denen er vertraut hatte. Obwohl sie das Grillen im Blut hatte, versuchte sie, sich emotional so wenig wie möglich zu engagieren. Sie hatte ihren Vater geliebt, wollte ihm aber schon lange nicht mehr nacheifern. Als Kind, bevor Julia sich in einen mürrischen Teenager mit pinkfarbenen Haaren verwandelt hatte, war sie jeden Tag vor der Schule mit ihm ins Lokal gegangen, um ihm zu helfen. Ihre schönsten Erinnerungen an ihren Vater hatten mit J’s Barbecue zu tun. Doch seitdem war zu viel passiert, als dass sie glaubte, dort jemals wieder glücklich sein zu können. Also ging sie jeden Morgen früh ins Lokal, buk die Kuchen für den Tag und verließ es wieder, wenn die ersten Frühstücksgäste kamen. An guten Tagen sah sie Sawyer gar nicht.

Aber heute war, wie sich herausstellte, kein guter Tag.

»Du errätst nie, was Stella mir gestern Abend erzählt hat«, sagte Sawyer Alexander und schlenderte in die Küche, als Julia gerade mit dem Apfelschichtkuchen beschäftigt war, den sie Vance Shelbys Enkelin bringen wollte.

Julia schloss kurz die Augen. Stella hatte ihn wohl gleich, nachdem sie am Abend zuvor von ihr weggegangen war, angerufen.

Sawyer trat zu ihr an den Edelstahltisch. Er wirkte wie frische, klare Luft, von sich eingenommen und stolz, aber das sahen ihm alle wegen seines unwiderstehlichen Charmes nach. Seine blauen Augen und blonden Haare machten ihn ziemlich attraktiv; er war intelligent, wohlhabend und amüsant. Und schrecklich freundlich wie sämtliche Männer seiner Familie, in deren Blut Südstaatenhöflichkeit zu fließen schien. Sawyer fuhr seinen Großvater jeden Morgen zu Julias Lokal, zum Frühstück mit seinen alten Kumpeln.

»Du hast hier hinten nichts verloren«, rügte sie ihn, als sie die letzte Teigschicht auf die Füllung aus getrockneten Äpfeln und Gewürzen gab.

»Sag’s der Inhaberin.« Er schob ihr eine Haarsträhne hinters linke Ohr, wobei seine Finger einen Augenblick auf der schmalen pinkfarbenen Strähne, die sie sich nach wie vor färbte, verharrten. »Interessiert dich nicht, was Stella mir gestern Abend verraten hat?«, fragte er.

Sie drehte den Kopf weg. »Stella war betrunken.«

»Angeblich hast du ihr gesagt, du würdest meinetwegen Kuchen backen.«

Obwohl Julia gewusst hatte, dass das kommen würde, verharrte sie kurz in der Bewegung. »Ihrer Ansicht nach leidest du unter einem Mangel an Selbstwertgefühl. Sie versucht, dein Ego aufzubauen.«

Er hob eine Augenbraue in dieser für ihn so typischen frechen Art. »Man hat mir ja schon viel vorgeworfen, aber noch keinen Mangel an Selbstwertgefühl.«

»Ist wahrscheinlich schwierig, so attraktiv zu sein.«

»Es ist die Hölle. Hast du ihr das wirklich gesagt?«

Sie ließ den Löffel klappernd in die leere Schale fallen, in der sich die Masse für die Füllung befunden hatte, und stellte beides in die Spüle. »Keine Ahnung. Ich war auch betrunken.«

»Du betrinkst dich nie«, widersprach er.

»Du kennst mich nicht gut genug, um solche Pauschalurteile über mich abgeben zu können.« Es fühlte sich gut an, ihm zu widersprechen. Sie war achtzehn Jahre weg gewesen. Schau, ich habe mich weiterentwickelt, wollte sie ihm damit sagen.

»Stimmt auch wieder. Aber ich kenne Stella und weiß, dass sie nicht mal unter Alkoholeinfluss lügt. Warum sollte sie behaupten, dass du meinetwegen Kuchen bäckst, wenn nichts dran ist?«

»Ich backe Kuchen, und du hast bekanntermaßen eine Vorliebe für Süßes. Vielleicht hat sie da was verwechselt.« Julia holte eine Kuchenschachtel aus dem Lager.

»Du nimmst den Kuchen mit?«, fragte er, als sie wieder herauskam. In der Küche herrschte Hochbetrieb – Kellnerinnen huschten herein und wieder hinaus, Köche hasteten hin und her, Grillfleisch wurde zerhackt –, und er stand einfach nur da. Julia wandte sich ab. Wenn man einen Mann aus der Alexander-Familie zu lange ansah, war das, als würde man in die Sonne schauen. Das Bild brannte sich auf der Netzhaut ein.

»Der ist für die Enkelin von Vance Shelby. Sie ist seit gestern Abend hier.«

Sawyer lachte. »Du bringst jemandem einen Willkommenskuchen?«

Erst jetzt wurde ihr die Ironie der Situation bewusst. »Keine Ahnung, wie ich auf die Idee gekommen bin.«

Er beobachtete, wie sie den Kuchen in die Schachtel packte. »Die Farbe steht dir gut«, bemerkte er und berührte den Stoff ihrer langärmeligen Bluse.

Julia zog den Arm weg. Sie war diesem Mann anderthalb Jahre lang aus dem Weg gegangen, und nun verriet Stella ihm ausgerechnet das, was ihn unweigerlich zu ihr locken würde. Auf diesen Grund hatte er seit ihrer Rückkehr gewartet, das wusste sie. Und es machte sie wütend. Wie konnte er nur wieder dort anknüpfen wollen, wo sie aufgehört hatten, nach allem, was passiert war?

Sie streckte sich, um das Fenster zu schließen. Das war jeden Morgen das Letzte, was sie tat, und manchmal stimmte es sie traurig. Wieder ein Tag, an dem ihr Ruf ungehört verhallt war. Sie verließ ohne ein weiteres Wort an Sawyer mit der Kuchenschachtel das Lokal.

J’s Barbecue war schlicht eingerichtet wie die meisten ursprünglichen Grillrestaurants im Süden – Linoleumboden, Plastiktischdecken, Nischen aus massivem Holz. Das schuldete man der Tradition. Zu Beginn ihrer Zeit hier hatte Julia die eingerissenen NASCAR-Erinnerungsstücke ihres Vaters von der hinteren Wand abgenommen, damit jedoch so laute Proteste geerntet, dass sie sie alle wieder aufhängte.

Sie stellte die Schachtel ab und nahm die Schiefertafel von der Theke, um das Kuchenangebot daraufzuschreiben: »Traditioneller Southern Red Velvet Cake und Peach Pound Cake, Makronen mit grünem Tee und Honig und Cranberry Doughnuts.« Sie wusste, dass sich die ungewöhnlichsten Kreationen am schnellsten verkauften. Es hatte fast ein Jahr gedauert, bis es ihr gelungen war, mit ihren Backkünsten die Stammgäste zu überzeugen, die jetzt alles probierten, was sie ihnen bot.

Sawyer gesellte sich zu ihr, als sie die Tafel auf die Theke zurückstellte. »Ich hab Stella gesagt, dass ich heute Abend mit einer Pizza vorbeischaue. Bist du da?«

»Ich bin immer da. Warum schlaft ihr zwei nicht endlich miteinander, damit das Thema vom Tisch ist?« Sawyers donnerstägliche Pizzabesuche bei Stella waren seit Julias Rückkehr nach Mullaby Tradition. Stella schwor Stein und Bein, dass da nichts lief, aber Julia hielt Stella für naiv.

Sawyer beugte sich zu ihr herüber. »Stella und ich haben miteinander geschlafen«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Vor drei Jahren, gleich nach der Scheidung. Nur zu deiner Information: Ich versuche heutzutage, die Dinge nicht mehr so eng zu sehen.«

Sie blickte ihm verblüfft nach. Seine beiläufige, fast kokette Bemerkung hatte sie überrascht und hinterließ einen säuerlichen Geschmack in ihrem Mund, als hätte sie in eine Limone gebissen.

Julia konnte es ihm nicht verdenken, dass er panisch reagiert hatte, als sie ihm damals mitteilte, dass sie von der einen Nacht mit ihm auf dem Football-Feld schwanger geworden war. Schließlich hatte sie selbst Panik gehabt. Sie hatten die Entscheidungen getroffen, zu denen sie seinerzeit fähig gewesen waren.

Aber sie verübelte ihm, wie unbeschwert er sein Leben seitdem führte. Für ihn war es nur eine Nacht gewesen. Eine bedauerliche Nacht mit dem merkwürdigen, unbeliebten Mädchen, mit dem er in der Schule kaum ein Wort gewechselt hatte. Mit einem Mädchen, das ihn abgöttisch liebte.

O Gott. Nein, sie würde sich nicht mehr in diese Rolle drängen lassen.

Sechs Monate noch, und sie würde diesen verrückten Ort verlassen und niemals mehr an Sawyer denken.

Wenn alles so lief, wie sie es sich vorstellte.

ZWEI

Als Emily mit schweißnasser Stirn aufwachte, fühlte sie sich hundemüde. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Emily setzte sich mit einem Ruck auf und zog die Stöpsel ihres MP3-Players aus den Ohren, bevor sie sich in dem Raum umsah – die Fliedertapete, die abgewohnten Mädchenmöbel. Da fiel es ihr wieder ein: Sie war im früheren Zimmer ihrer Mutter.

Noch nie zuvor hatte sie in einem Raum ein solches Gefühl der Leere verspürt. Obwohl sie wusste, dass ihr Großvater sich unten aufhielt, verunsicherte es sie, das obere Stockwerk für sich zu haben. In der Nacht hatte es lange Zeiten der Stille gegeben, die nur vom lauten Knacken des Holzes im Haus und vom Rascheln des Laubs auf dem Balkon durchbrochen wurden. Irgendwann hatte sie ihren MP3-Player eingeschaltet und sich vorgestellt, an einem weniger schwülwarmen Ort zu sein.

Angst hin oder her: In Zukunft würde sie bei offener Balkontür schlafen. Irgendwann in der vergangenen Nacht hatte sie sich abgedeckt und die Pyjamahose ausgezogen, so dass sie nur noch das Oberteil trug. Ihre Mutter mochte die politisch korrekteste Person der Welt gewesen sein – eine Aktivistin und Umweltschützerin, die sich für die Unterprivilegierten einsetzte –, aber sogar sie hatte die Klimaanlage eingeschaltet, wenn es zu heiß wurde.

Emily trat an die alte Badewanne mit den zwei Hähnen für warmes und kaltes Wasser und drehte sie auf, weil es keine Dusche gab.

Nach dem Baden schlüpfte sie in Shorts und Top und ging nach unten.

Der Zettel an der Innenseite der Fliegenschutztür fiel ihr sofort auf.

Emily, ich habe vergessen, Dir zu sagen, dass ich jeden Morgen zum Frühstücken gehe. Ich wollte Dich nicht wecken. Selbstverständlich bringe ich Dir etwas mit, aber in der Küche findest Du Sachen, die Teenager gern essen.

Opa Vance

Die Notiz war in großen Lettern geschrieben, die über die Linien hingen.

Emily holte enttäuscht Luft. Es war ihr erster Tag hier, und er wollte ihn nicht mit ihr verbringen.

Da hörte sie an der Fliegenschutztür Laub rascheln und entdeckte eine Frau um die dreißig auf den Stufen zur vorderen Veranda. Sie hatte hübsche dunkelbraune Augen und hellbraune Haare, die ihr bis knapp über die Ohren reichten und zu einem schön schwingenden Bob geschnitten waren. Emily, die letztlich dieselbe Frisur wie sie hatte, sah damit nie so aus. Sie versuchte schon seit Ewigkeiten, die Haare lang wachsen zu lassen, schaffte aber nur einen kurzen Pferdeschwanz. Und selbst aus dem lösten sich immer wieder Strähnen und fielen ihr ins Gesicht.

Die Frau begrüßte Emily auf der obersten Stufe mit einem Lächeln. »Hallo! Du musst die Enkelin von Vance sein«, sagte sie und blieb vor der Tür stehen.

»Ja, ich bin Emily Benedict.«

»Ich bin Julia Winterson und wohne da drüben.« Sie drehte den Kopf in Richtung des gelb-weißen Nachbarhauses. Da bemerkte Emily die pinkfarbene Strähne in Julias Haaren, die sie hinters Ohr geschoben hatte. Die überraschte sie bei einer Frau mit so frischem Gesicht, mehlbestäubter Jeans und weißer Bauernbluse. »Ich hab dir einen Apfelschichtkuchen gebacken.« Julia öffnete die weiße Schachtel, die sie in der Hand hielt, und zeigte Emily etwas, das aussah wie große braune Pfannkuchen mit Füllung zwischen den einzelnen Lagen. »Ein Willkommensgeschenk. Mullaby hat seine Schwächen, das hat dir deine Mutter sicher erzählt, aber immerhin gibt es bei uns wunderbares Essen. In der Zeit, die du hier verbringst, wirst du nicht darben müssen.«

Emily wusste nicht, wann sie das letzte Mal auf etwas Appetit gehabt hatte, doch das sagte sie Julia nicht. »Meine Mutter hat mir nichts über Mullaby erzählt«, erklärte sie und schaute den Kuchen an.

»Nichts?«

»Nein.«

Julia wirkte erstaunt.

»Was?« Emily hob den Blick von dem Kuchen.

»Ach, nichts«, antwortete Julia und schüttelte den Kopf, bevor sie den Deckel der Schachtel zuklappte. »Soll ich ihn in die Küche bringen?«

»Ja, gern.« Emily hielt ihr die Fliegenschutztür auf.

Als Julia eintrat, fiel ihr Blick auf den Zettel von Opa Vance. »Vance hat mich gestern Morgen gebeten, mit ihm einkaufen zu gehen, Sachen für dich besorgen«, sagte sie und nickte in Richtung des Zettels. »Seiner Vorstellung nach lieben Teenager Softdrinks, Fruchtbonbons und Kaugummi. Ich habe ihn überredet, Chips, Bagels und Müsli zu kaufen.«

»Das war nett. Ich meine, dass du ihn zum Einkaufen begleitet hast.«

»Als Kind war ich ein großer Fan des Riesen von Mullaby.« Als Emily sie verständnislos ansah, fügte sie hinzu: »So nennen die Leute hier deinen Großvater.«

»Wie groß ist er denn?«, fragte Emily mit gedämpfter Stimme, als hätte sie Angst, dass er sie hören konnte.

Julia musste lachen, ein herzliches, sonnenhelles Lachen. Dass sie mit einem Kuchen gekommen war, passte zu ihr, denn sie wirkte mit ihrem strahlenden Gesicht und der pinkfarbenen Haarsträhne selbst wie aus leichtem, hübsch verziertem Kuchen gemacht, doch was sich im Innern verbarg, blieb ihr Geheimnis.

»Groß genug, um den nächsten Tag zu sehen. Sagt jedenfalls er. Er ist über zwei Meter fünfzig, so viel weiß ich. Einmal sind Leute vom Guinnessbuch der Rekorde hier aufgetaucht, aber Vance wollte nichts mit ihnen zu schaffen haben.«

Julia kannte den Weg in die Küche, und Emily folgte ihr. Die Küche war groß und altmodisch, aus den fünfziger Jahren. Früher musste sie ein Schmuckstück gewesen sein. Das Rot erschlug einen fast – rote Arbeitsflächen, ein rot-weißer Fliesenboden und ein großer roter Kühlschrank mit silberfarbenem Griff. Julia stellte die Kuchenschachtel auf die Arbeitsfläche und drehte sich zu Emily um. »Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich«, stellte sie fest.

»Du hast sie gekannt?«, fragte Emily, erfreut darüber, dass endlich jemand bereit war, sich mit ihr über ihre Mutter zu unterhalten.

»Wir waren in der Schule in derselben Klasse, aber nicht befreundet.« Julia schob die Hände in die Taschen ihrer Jeans. »Sie hat dir nichts erzählt?«

»Ich wusste, dass sie in North Carolina geboren ist, allerdings nicht, wo. Bis vor Kurzem war mir nicht mal klar, dass ich einen Großvater habe.« Als Julia die Stirn runzelte, erklärte Emily hastig: »Sie hat nie ausdrücklich gesagt, dass ich keinen habe, sondern nur einfach nicht über ihn geredet, und ich dachte, er ist tot. Mom hat nicht gern über früher gesprochen, und das habe ich respektiert. Sie hat immer gesagt, es hätte keinen Sinn, sich mit der unveränderlichen Vergangenheit auseinanderzusetzen, wenn man so viel für die Zukunft tun kann. Sie ist ganz in ihren Projekten aufgegangen.«

»Ihre Projekte?«

»Amnesty International. Oxfam. Greenpeace. The Nature Conservancy. In jungen Jahren ist sie viel gereist. Nach meiner Geburt hat sie sich in Boston niedergelassen und sich dort für alles Mögliche engagiert.«

»Hm. Erstaunlich.«

»War sie hier auch so?«

Julia nahm die Hände aus den Taschen. »Ich geh jetzt mal lieber.«

»Oh«, sagte Emily verwirrt. »Danke für den Kuchen.«

»Gern geschehen. Mein Lokal heißt J’s Barbecue und ist in der Main Street. Dort gibt’s den besten Kuchen von Mullaby. Die Sachen vom Grill schmecken auch gut, aber für die bin ich nicht zuständig. Da ist dein Großvater übrigens gerade. Er geht jeden Morgen zum Frühstücken hin.«

Emily folgte Julia zur Haustür. »Wie komme ich in die Main Street?«