Beschreibung

Robert Lichtenwald, Anwalt aus München, flieht vor einer Lebenskrise in sein Rustico in der Maremma im stillen Süden der Toskana. Hier, in den Hügeln um den Ort Morcone, möchte er zur Ruhe kommen und sein Leben überdenken. Doch bald nach seiner Ankunft entdeckt er an einer Schwefelquelle die Leiche eines Afrikaners. Auf der Brust des Toten ist ein Schriftzeichen eingeritzt. Als kurz darauf zwei weitere Menschen qualvoll sterben, wird Lichtenwald gegen seinen Willen in die Ermittlungen hineingezogen. Gemeinsam mit der eigensinnigen Lokalreporterin Giada Bianchi versucht er, den Mörder zu entlarven, die Verbrechen zu stoppen - und so auch sein eigenes Leben zu retten.

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Das Buch

Robert Lichtenwald, ein Rechtsanwalt aus München, sieht sein Leben in Scherben. Seine Frau Stefanie hat ihn, scheinbar grundlos, verlassen. Er nimmt sich ein Jahr Auszeit, um in den Hügeln der Südtoskana, wo er ein Bauernhaus besitzt, Ruhe zu finden und sein Leben zu ordnen. Doch kurz nach seiner Ankunft in der Maremma stürzt eine Reihe bestialischer Morde das mittelalterliche Städtchen Morcone in einen Alptraum. Die Gerüchte überschlagen sich: Ist hier ein Frauenhasser am Werk? Eine satanische Sekte? Sind es Islamisten? Oder ist gar der Friseur des Ortes der Mörder, der keinen guten Ruf genießt? Die Carabinieri stochern im Nebel. Daher folgt Lichtenwald, mit der Lokalreporterin Giada Bianchi, der Spur des Täters. Ihre Suche führt sie zu einer Abteiruine, in ein Elite-Gymnasium in Florenz und immer tiefer hinein in die gewalttätige Geschichte der Toskana.

Der Autor

Stefan Ulrich, geboren 1963, verbrachte als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung je vier Jahre in Rom und Paris. Heute lebt er mit Frau, Tochter und Sohn in München. Er arbeitet im Ressort Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung – und schreibt weiterhin am liebsten über Italien und Frankreich.

Seine Bestseller Quattro Stagioni, Arrivederci, Roma! und Bonjour la France! erscheinen im Ullstein Verlag. Quattro Stagioni wurde fürs Fernsehen verfilmt.

STEFAN

ULRICH

Die

Morde

von

Morcone

TOSKANA-KRIMI

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-1522-5

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © Jaroslaw Blaminsky/Trevillion Images

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Alle Rechte vorbehalten

»Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner.«

Sunzi, Die Kunst des Krieges

PROLOG

Es konnte kein Zufall sein. Dieses Datum. Der 23. Mai. Es war das Zeichen. Das Zeichen an ihn, zu beginnen.

Da ruhte die Frau zwischen den Brombeerranken am Rand des Tümpels. Ihre Bluse war aufgerissen und gab zwei Brüste frei, überbordend wie die Kuppeln römischer Kirchen. Nur dass diese Kuppeln schwarz waren. Er sank auf die Knie und spürte die Steinchen nicht, die sich durch die Hose in seine Haut bohrten. Über dem Tümpel waberte Nebel in der Morgenkühle. Nebel, der nach Schwefel roch.

»Vade retro satana«, murmelte er mit einem Lächeln.

Ameisen marschierten das nackte Bein der Frau hinauf, überquerten Lederrock und Bauch und krabbelten in die Wunde unter der linken Brust. Sein Finger tauchte in das aufgerissene Fleisch. Kühl und klebrig fühlte es sich an. Plötzlich spürte er Wärme in seinem Gesicht. Er hob den Kopf, blickte nach Osten und schloss die Augen. »Also mögen umkommen alle deine Feinde, Herr! Aber die ihn lieben, sind wie die Sonne aufgeht in ihrer Kraft!«

Er nahm ein Jagdmesser aus der Lederschatulle an seinem Gürtel und beugte sich über die tote Frau.

EINS

Wahrscheinlich war es der Knoblauch. Er hatte zu viel davon aufgeschnitten gestern Abend und ihn zu kurz angebraten. Früher hätte ihm das nichts ausgemacht. Doch seit einiger Zeit schlief er schlecht nach Knoblauch. »Du wirst eben alt«, dachte Robert Lichtenwald, während er sich aus den Laken strampelte. »Und du hast zu viel getrunken.«

Der Morellino vertrug sich aber auch zu gut mit den Spaghetti aglio e olio. Das rächte sich. Lichtenwald war mehrmals aufgestanden in der Nacht, hatte die Fensterläden aufgeklappt und hinausgeschaut auf die mondbleichen Hügel der Maremma mit ihren Ölbäumen, Weinreben und Steineichenwäldchen. Aus der Ferne klang ab und an das Rauschen eines Autos, das die Via Aurelia hinauf nach Livorno oder hinunter nach Rom fuhr. Sonst wurde die Stille nur durch den Klageruf eines Käuzchens gebrochen. Wohlig schaurig erschien ihm dann das Land, wie ein Traum, den man noch nicht zu deuten weiß. Jetzt lagen die Hügel aufgeräumt in der Morgensonne, lockten zum Loslaufen, zum Entdecken.

Lichtenwald hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte. Er würde es ruhig angehen lassen heute. Er brauchte Zeit, um alles zu verarbeiten und seinen Lebensplan umzuschreiben. Viel Zeit.

»Dottore! Wo stecken Sie?« – Ein dröhnender Bass riss ihn aus seinen Tagträumen. Es war der Conte, der Conte di Montecivetta, dem das Gut gehörte, auf dem Lichtenwalds Rustico, sein altes Bauernhaus, stand. Lichtenwald hörte Schritte auf dem Kiesweg. Dann knallte der Türklopfer dreimal gegen das Kastanienholz. »Kann ich reinkommen?«, rief der Conte und trat ein.

Lichtenwald konnte sich gerade noch einen Morgenmantel überwerfen, schon stand ein Mann in Wanderstiefeln und Khakihosen in der Küche. Der Conte blickte amüsiert auf Lichtenwald, der unrasiert und schattenäugig am Gasherd hantierte. »Gerade erst aufgestanden, Dottore? Sie sind doch Deutscher. Da können Sie doch nicht an einem Montagmorgen bis elf Uhr im Bett bleiben. Sie sind mir ein Vorbild für uns Italiener!«

»Ich bin vor allem im Urlaub, Graf«, brummelte Lichtenwald verdrossen. »Und in der Selbstfindung.«

»Das sind Sie seit gut einer Woche. Allmählich müssten Sie sich doch gefunden haben.«

Lichtenwald zuckte mit den Achseln. »Ich habe keine Eile damit.« Er füllte Pulver aus einer Dose mit einem Indianerkopf in den Espressokocher und setzte ihn auf den Herd. »Möchten Sie einen Espresso, einen caffè?«

Der Conte nahm die Dose, schnüffelte hinein, riss die Augen auf und blickte auf den Indianerkopf. »Passalacqua! Alle Achtung. Das ist ein guter. Sie scheinen etwas von italienischer Kultur zu verstehen.«

»Schön, dass ich Sie noch überraschen kann, Conte. Aber welchem Grund verdanke ich die Störung zu so früher Stunde?«

»Wie ich bereits bemerkte: Es ist elf Uhr, Dottore. Ich selbst pflege ja um fünf Uhr aufzustehen. Jetzt wollte ich Sie zu einer Wanderung animieren, damit Sie Ihre neue Heimat würdigen lernen.«

Lichtenwald nahm den fauchenden Kocher von der Gasflamme und goss den Espresso in zwei Tässchen. »Zucker?«

»Niemals.«

»Dio mio. Aufstehen um fünf Uhr, wandern, Espresso ohne Zucker – wer von uns beiden ist hier der Deutsche?«

»Ich bin Conte, das verpflichtet. Außerdem haben wir die Deutschen immer geschätzt in der Familie, nur dass sie dann zu Nazis wurden und italienische Dörfer niedermachten, das haben wir nie verstanden.«

»Ich auch nicht.«

»Also, was ist jetzt? Kommen Sie mit?«

»Heute nicht. Ich muss nachdenken, Tagebuch schreiben …«

»Das fehlte gerade noch, dass Sie an so einem Frühlingstag in diesem Gemäuer versauern! Da werden Sie doch trübsinnig.« Der Conte legte zur Untermauerung seiner Worte seine rechte Hand schwer auf den Tisch. Ein Manschettenknopf funkelte im schräg durchs Fenster fallenden Sonnenlicht.

»Sie tragen Manschettenknöpfe zum Wandern?«, fragte Lichtenwald ehrlich erstaunt.

»Ich trage immer Manschettenknöpfe. Irgendwie muss ich mich ja von der Masse abheben.« Er lachte, als er den skeptischen Blick Lichtenwalds bemerkte. »Das war nur ein Spaß«, sagte er trocken. »So snobistisch bin ich auch wieder nicht. Die Manschettenknöpfe sind Familienerbstücke. Auf ihnen ist unser Wappen eingraviert. Sehen Sie?« Er schob den Ärmel seines Sportsakkos zurück, damit Lichtenwald das Schmuckstück besser betrachten konnte. Es zeigte eine Eule mit ausgebreiteten Schwingen auf einem stilisierten Hügel. »Montecivetta, Sie verstehen? Was heißt das auf Deutsch?«

»Eulenberg«, sagte Lichtenwald.

»Klingt gar nicht so hart wie eure Sprache sonst. Eher romantisch, und geheimnisvoll.«

»Passt das zu Ihnen, Conte? Romantisch? Und mysteriös?«

Der Conte schmunzelte. »Wir werden sehen. Aber jetzt kommen Sie doch mit. Es wird Ihnen guttun.«

Bald darauf gingen die beiden aus dem Haus. Der Conte fuhr seinen Geländewagen mit traumwandlerischer Sicherheit durch endlose Kurven hinab Richtung Meer. Er schwieg. Lichtenwald war es recht so. Er blickte auf die explodierende Frühlingslandschaft. Die Maremma, die schon in wenigen Wochen von der Sonne goldbraun gebrannt sein würde, war jetzt ein Mosaik aus Grüntönen. Weizenfelder, Obstbäume, Ginstersträucher und Feigenbüsche, gelbe und rosafarbene Blüten überall und quietschrote Geranien an den weißgetünchten Bauernhäusern mit den typischen Außentreppen. Maremma. Seine Maremma. Lichtenwald kurbelte das Fenster hinunter und sog die frühlingstrunkene Luft tief in sich ein. Seine Nase kribbelte. Er hätte sein Allergiespray mitnehmen sollen. Doch das hielt ihn nicht davon ab, die Fahrt in vollen Zügen zu genießen. Er war in diese Landschaft vernarrt, seit er vor fünfundzwanzig Jahren mit Stefanie erstmals hier durchgefahren war. Auch damals war es Frühling. Gleich am ersten Abend auf der Terrasse einer Pizzeria oben in Montiano mit Blick bis zum Meer versprachen sie sich, hier einmal ein Haus zu kaufen. Genauso war es nun gekommen, und doch ganz anders, als sich Lichtenwald das erhofft hatte.

Der Conte parkte an einem Feldweg bei einer Auffahrt zur Via Aurelia, der alten Römerstraße, die sich, heute vom Fernverkehr gemartert, am Meer entlangzieht. Zwei gebrauchte Kondome lagen am Boden. »Nachts ist die halbe Aurelia ein Straßenstrich«, sagte der Conte. »Wegen der vielen Fernfahrer. Aber auch einige Leute aus der Gegend kommen hierher. Leute, von denen Sie es nie ahnen würden. Es ist widerwärtig!«

Lichtenwald blickte auf die Kondome und dann auf den Conte. »Wieso ist hier mitten in der Landschaft ein Strich? Dafür gibt es doch Bordelle, in den Städten.«

Der Conte seufzte. »Italien ist anders. Extremer. Im Guten wie im Schlechten. Ja, auch wir hatten mal ganz offiziell Bordelle. Doch dann kam in den fünfziger Jahren eine Kämpferin gegen die Ausbeutung der Frauen, die Senatorin Lina Merlin, und setzte ein Verbot durch. Daraufhin wurden Aberhunderte case chiuse im ganzen Land geschlossen. Die Folgen können Sie sich vorstellen.«

»Die Prostitution verlagerte sich auf die Straße.«

»Genau. Heute warten in Italien Zehntausende lùcciole – Glühwürmchen, wie wir sie wegen ihrer kleinen nächtlichen Lagerfeuer nennen – an den Ausfallstraßen der Städte, aber auch an Verbindungsstraßen mitten auf dem Land. Achten Sie mal drauf, wenn Sie wieder die Via Aurelia entlangfahren. Das gilt nicht nur nachts, sondern rund um die Uhr. Viele der Frauen sind illegal im Land lebende Afrikanerinnen oder Albanerinnen. Sie sind den Zuhältern und allen Gefahren der Straßen schutzlos ausgeliefert.«

»Und die Behörden lassen das zu?«

»Pah! Die Behörden!« Der Conte schaute Lichtenwald mitleidig an. »Sie werden noch viel lernen müssen. Preisfrage: Was machen wir Italiener, wenn etwas auf dem Gehsteig liegt und stinkt? Wir halten uns die Nase zu und laufen darum herum.«

»Ausgerechnet im Land der großen Verführer ist also Prostitution weiterhin ein Massenphänomen?«, fragte Lichtenwald.

»Klar, das hatte ich vergessen, weil es uns so selbstverständlich vorkommt. Millionen von Italienern gehen mehr oder weniger regelmäßig zu Prostituierten. Es ist ein Milliardenmarkt, auf dem es, nun ja, Spezialangebote für jeden Geschmack gibt: Transvestiten, Transsexuelle …«

»Übertreiben Sie jetzt nicht etwas?«

»Im Gegenteil. Ich untertreibe. Italien ist ein verlorenes Land …«

»Mag sein. Ich mag es trotzdem. Aber sagen Sie, Conte: Haben Sie mich hierhergeführt, um mich von meiner Italienliebe zu heilen?«

Der Conte lächelte müde. »Keineswegs. Das habe ich bei Toskana-Deutschen längst aufgegeben. Ich will Ihnen etwas Schönes zeigen. Ein Juwel aus Stein, wenn auch ein zerbrochenes. Und vielleicht finden wir unterwegs noch ein paar interessante Käfer.«

»Käfer?« Lichtenwald blickte den Conte fragend an.

»Ich sammle alles, was uns diese gesegnete Erde näherbringen kann.«

»Sie wollen tatsächlich Ihr Projekt von einem Maremma-Museum verwirklichen?«

»Sehe ich so aus, als ob ich nur Sprüche fabriziere? Natürlich werde ich das Museum errichten. Ein leeres Bauernhaus auf Gut Montecivetta wird sich schon finden.«

»Und so wollen Sie Touristen anziehen?«

Der Conte blieb stehen und schaute Lichtenwald an, als sei dieser nicht bei Trost. »Als ob hier nicht schon genug Deutsche, Schweizer und Engländer herumliefen, die viel Geld ausgeben, um so tun zu können, als seien sie Toskaner. Während die echten Toskaner seit der Krise kein Geld mehr haben und längst nicht mehr wissen, was sie sind. Die Jungen ahnen doch nichts mehr von unserer Kultur und Geschichte, den Sagen, der Natur, der Religion, der Küche. Sie können einen Morellino nicht mehr von einem Chianti Classico unterscheiden. Stellen Sie sich das vor!«

»Für wen also bauen Sie das Museum?«

»Na, eben für meine ignoranten jungen Landsleute. Falls sie irgendwann einmal ihre Handys beiseitelegen und aus ihrer ›virtuellen Realität‹« – der Conte verzog das Gesicht – »auftauchen sollten, werden sie in meinem Museum sehen, wie reich die Wirklichkeit ist, die unser Schöpfer geschaffen hat.«

»Und dazu braucht es Käfer?«

»Unter anderem.«

Das Land war hier unten flach. Felder, deren Grün bereits einen gelben Schimmer bekam, zogen sich bis zu den dunklen Hügeln des Maremma-Naturparks, die unter der Sonne lagen wie schlummernde Drachen. Der Duft von Macchia und Pinien mischte sich mit dem Geruch von Kunstdünger. Der Conte führte Lichtenwald weg von den Feldern zu einem verwilderten Stück Land. Schilfbüschel umstanden einen versumpften Bewässerungskanal, in dem es von Libellenlarven und Kaulquappen wimmelte, und Lichtenwald gab acht, sich seine neuen khakifarbenen Turnschuhe nicht im Matsch zu ruinieren. Zweige der Macchia kratzten über seine Arme und ließen die Haut jucken. Der Conte deutete hier auf zartrosa blühende Zistrosen, dort auf zwei durch die Luft tänzelnde Segelfalter. Dies ist sein Land, dachte Lichtenwald. Ob es auch mein Land wird?

Er war viel gereist mit Stefanie, immer auf der Suche nach dem perfekten Ort. Nirgends waren sie ihm so nahe gekommen wie in der Maremma. Ein kleiner Wind vom Meer strich über seine Erinnerungen und frischte die schwere Luft mit einer Brise Salz auf. Die Stimme des Conte verwob sich mit dem Sirren der Zikaden und dem Rauschen der Via Aurelia zu einem Klangteppich, der ihn schläfrig stimmte. Frühjahrsmüdigkeit gab es also auch hier. Das Ziehen tief in seinem Bauch, das sonst die Gedanken an Stefanie begleitete, verebbte. Ja, hier konnte er geheilt werden. Und doch störte ihn etwas. Lichtenwald blickte umher. Was war es? Die Gesellschaft des Conte? Eher nicht. Gewiss, er hatte seine Macken – die Rastlosigkeit, das Belehrende, das irritierend Selbstgewisse. Doch Lichtenwald hatte den Geist und die Bildung des Mannes schätzen gelernt, der ihm und Stefanie vor zwei Jahren dieses verfallende Bauernhaus auf dem Gelände der Tenuta di Montecivetta verkauft hatte.

Was störte ihn dann? Es war ein Geruch, der sich zwischen den Duft der Büsche und des Meeres drängte. Ein Geruch nach Fäulnis.

Sie erreichten eine Anhöhe. Der Conte zeigte geradeaus. Dort unten, auf einer Wiese zwischen ein paar Olivenbäumen, stand in stiller Größe eine Ruine. Die Apsis und die romanischen Rundbögen der Vierung waren noch erhalten, dazu bröckelnde Mauern. Erstaunlicherweise floss ein Bach, aus dem heller Dampf aufstieg, direkt aus der Ruine heraus. »San Rocco war im zwölften Jahrhundert ein blühendes Kloster«, erklärte der Conte. »Doch der Bau war zu schwer für diesen sumpfigen, vulkanischen, von Quellen und Fumarolen durchzogenen Boden. Deshalb sank er ein, was schließlich das Seitenschiff und die Querschiffe zum Einstürzen brachte. In der Apsis öffnete sich eine Quelle, die den Bach speist. Der Rest ist Geschichte.«

Lichtenwald liebte derartige Überraschungen, die die ländliche Toskana in Hülle und Fülle bot. Ihn erregte der Gedanke, dass sich unter der Idylle dieser Region Abgründe auftaten, die in andere Zeiten mit anderen Welten führten. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und schoss ein paar Fotos. »Die Sonne steht schon zu hoch«, sagte der Conte, »das ist kein gutes Licht.«

»Ich weiß«, sagte Lichtenwald. »Sie sind nur Gedächtnisstütze. Ich will wieder herkommen, und zwar mit Pinseln und Farbe.«

»Oh, ein deutscher Ruinenmaler«, sagte der Conte und lächelte in sich hinein. »Da sind Sie nicht der erste. Aber nehmen Sie sich in Acht. In vorchristlicher Zeit haben sich gleich hier drüben, bei dem uralten Olivenbaum, die Hexen getroffen. Heute zieht dieser Ort Satanisten an. Eine entweihte Abtei und ein Hexenbaum – das ist für die unwiderstehlich!«

»Als ob es hier in der Maremma Satanisten gäbe!«

»Die gibt es tatsächlich.«

»Ach was.«

»Fragen Sie Giada.«

»Wer ist das?«

»Die Zeitungshändlerin.«

»Die junge Frau mit den seltsamen Ohrringen?«

»Exakt.«

»Und die soll Satanistin sein?«

»Fragen Sie sie doch.«

Lichtenwald schaute den Conte an. Doch dessen wasserblaue Augen verrieten nicht, ob er wieder einmal spottete oder es ernst meinte. »Wollen Sie mein Haus günstig zurückkaufen?«, sagte er lachend. »Erst die Prostituierten, nun die Satanisten – ein bisschen dick aufgetragen, Conte.«

»Ist es überhaupt nicht, Avvocato! Dieser Boden ist getränkt mit Mythen, Spukgeschichten, Aberglauben. Über Jahrhunderte war die Maremma, wo einst in der Antike die Hochkultur der Etrusker blühte, ein rückständiges, abgelegenes Land, beherrscht von Räuberbanden und Malariamücken. Das nährte Geschichten von verborgenen Schätzen, Drachen, untoten Mönchen, Hexen und eben dem Teufel. Die Ausdünstungen der vielen Schwefelquellen der Gegend tragen das Ihre dazu bei. Labilen Geistern steigt das zu Kopf. Die Zeitungen hier berichten immer wieder von satanistischen Umtrieben junger Leute. An unheimlichen Orten, wie in der Ruine der Abtei von San Guglielmo, wurden Spuren satanischer Messen gefunden, Totenschädel und die Stummel schwarzer Kerzen zum Beispiel. Selbst Gräber auf Friedhöfen wurden geschändet. Wir leben in wirren Zeiten. Die Menschen sind verunsichert. Das macht sie anfällig.«

Lichtenwald hatte eigentlich keine Lust, sich den herrlichen Frühlingstag von solchen düsteren Geschichten trüben zu lassen. Doch da war er wieder, dieser Geruch. Und jetzt, da sie vom Teufel sprachen, war ihm auch klar, nach was es stank. »Es riecht tatsächlich nach Schwefel hier.«

Der Conte lachte. »Und wir haben weder ein Kreuz noch Weihwasser dabei. Im Ernst: Das Wasser der Quelle hier ist schwefelhaltig und reich an Mineralien. Seit vielen Jahren gibt es Pläne, ein Thermalbad zu errichten. Aber die Grundeigentümer und die Denkmalschutzbehörde können sich nicht darauf einigen, was dabei mit den Resten der Abtei geschehen soll.«

»Können wir uns die Ruine mit der Quelle anschauen?«

»Da gibt es nicht viel zu sehen. Ein Tümpel halt, aus dem es qualmt und stinkt.«

Es war heiß geworden. Lichtenwald tupfte sich mit einem schneeweißen Taschentuch die Stirn ab. »Ich würde die Quelle trotzdem gern sehen. Vielleicht kann ich einmal zum Baden herkommen, Thermalwasser täte meinem Rücken gut. Außerdem ist es ein idyllisches Plätzchen.«

»Na denn«, sagte der Conte. »Ich hätte Ihnen ja lieber noch was anderes gezeigt. Einen der Sarazenen-Türme am Meer. Aber wenn Sie sich unbedingt diesem infernalischen Gestank aussetzen wollen …«

Sie stiegen den Abhang hinunter und überquerten die Wiese, die unter ihren Schritten federte. Hier und da wuchs Schilf in dichten Büscheln. Sie folgten einem Trampelpfad und traten in die Vierung der Abtei. Hinten in der Apsis öffnete sich ein kleiner Teich mit gelbtrübem Wasser. Lichtenwald wurde schwindlig von der Schwüle und dem Gestank nach faulen Eiern. »Lassen Sie uns heimgehen.«

»Kommen Sie. Dort drüben beginnt ein Fahrweg, der uns direkt zum Auto …« Der Conte blieb so abrupt stehen, als sei er schockgefrostet worden. »Du lieber Himmel«, flüsterte er und hielt sich die Hand vor den Mund.

»Eine Schlange?«, fragte Robert Lichtenwald. Dann sah auch er den reglosen Körper im Schatten der Apsis liegen. Sie traten näher. Ein Schwarm Fliegen schwirrte vom blutverschmierten Bauch der jungen Schwarzen auf, um sich gleich darauf wieder gierig auf ihn hinabzustürzen. Das Summen schwoll in Lichtenwalds Kopf zu einem Dröhnen an, ein Schweißausbruch wie bei einem Saunaaufguss, er taumelte und übergab sich in den Tümpel. Der Conte half ihm auf die Beine. »Dio mio«, murmelte er immer wieder.

Ratlos starrten die beiden auf das Bündel Mensch, das nur mit einer zerrissenen Bluse, einem Leder-Mini und Stilettos bekleidet war. Robert Lichtenwald kam dieses Bild so unwirklich vor wie die Inszenierung eines Schock-Künstlers. Da war der schlaffe Penis, den der hochgerutschte Rock freigab. Da waren die rotgeschminkten Lippen des Schwarzen – oder der Schwarzen? Die große Wunde über dem Bauch, um die die Fliegen surrten. Und der volle Busen. Am meisten verstörte Robert Lichtenwald aber das Zeichen, das in die rechte Brust geschnitten war:

Es sah aus wie ein großes L. L wie lucifero? Oder was konnte das sonst bedeuten?

ZWEI

Robert Lichtenwald fasste sich als Erster wieder. Als Strafverteidiger hatte er schon einige Mordopfer gesehen. Er beugte sich hinunter, fühlte am Handgelenk, dann am Hals nach dem Puls. »Sie lebt nicht mehr.«

»So ein Ende nach so einem Leben!« Der Conte warf einen mitleidigen Blick auf den toten Körper.

»Wie meinen Sie das?«

»Sehen Sie nicht, dass das eine Prostituierte war? Eine sehr spezielle Art von Prostituierter! Halb Mann, halb Frau. Das arme Geschöpf musste dafür herhalten, dass irgendwelche Scheißkerle mal schnell ihren Triebstau loswerden konnten. Und schließlich hat sie einer abgestochen, nachts, in der Fremde.« Die Empörung riss den Grafen fort, was dem Deutschen durchaus sympathisch war.

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