Die Mühle am Floß - George Eliot - E-Book

Die Mühle am Floß E-Book

George Eliot

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Beschreibung

In "Die Mühle am Floß" entfaltet George Eliot ein meisterhaftes Porträt des ländlichen Lebens im 19. Jahrhundert, geprägt von moralischen Konflikten und sozialen Strukturen. Die Erzählung folgt dem Schicksal der Protagonisten, die in der idyllischen aber komplexen Welt von St. Ogg's gefangen sind, während sie mit ihren Sehnsüchten, Ängsten und den Zwängen ihrer Zeit kämpfen. Eliot kombiniert einen poetischen, mitunter lyrischen Stil mit psychologischer Tiefe, um die inneren Konflikte ihrer Charaktere glaubhaft zu machen und die Themen von Liebe, Betrug und sozialer Verantwortung eindrucksvoll zu beleuchten. Der historische Kontext der industriellen Revolution verleiht der Geschichte eine zusätzliche Dimension, indem er die Herausforderungen des Wandels in der Gesellschaft reflektiert. George Eliot, geboren als Mary Ann Evans, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des viktorianischen Zeitalters. Ihre einzigartige Perspektive als Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft und ihre kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen sozialen und psychologischen Fragen prägten ihr literarisches Schaffen. Eliot war nicht nur einflussreiche Autorin, sondern auch eine resolute Denkerin, deren persönliche Erfahrungen und philosophischen Überzeugungen ihr Werk maßgeblich beeinflussten. "Die Mühle am Floß" ist eine Einladung, die menschlichen Emotionen und sozialen Dynamiken in einer sich verändernden Welt zu erkunden. Leserinnen und Leser, die sich für historische Romane und tiefgründige Charakterstudien interessieren, werden in diesem meisterhaft geschriebenen Werk auf faszinierende Weise in die komplexe Seele des 19. Jahrhunderts eintauchen. Es ist ein zeitloses Buch, das zum Nachdenken über zwischenmenschliche Beziehungen und die ethischen Dilemmata des Lebens anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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George Eliot

Die Mühle am Floß

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Marvin Engel
EAN 8596547732938
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Mühle am Floß
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Pflicht und Leidenschaft fließt ein Strom, der Menschen und Moral fortwährend in Bewegung setzt. Dieses Bild durchzieht Die Mühle am Floß wie eine leise, unablässige Strömung und markiert den inneren Konflikt der Figuren zwischen persönlichem Begehren und gesellschaftlicher Bindung. George Eliot führt uns in eine Welt, in der Charakter und Umstände untrennbar sind: Der Fluss formt die Landschaft, die Arbeit formt die Tage, und die Erwartungen der Gemeinschaft formen die Entscheidungen. Schon der Auftakt verdeutlicht, dass hier kein fernes Abenteuer wartet, sondern das genaue, ehrliche Studium eines Lebensraums, dessen Dramen aus Nähe und Notwendigkeit entstehen.

Die Mühle am Floß gilt als Klassiker, weil sie den englischen Realismus mit seltener psychologischer Klarheit und moralischer Ernsthaftigkeit vereint. Veröffentlicht 1860, demonstriert das Werk, wie eine scheinbar begrenzte Provinzwelt universale Fragen eröffnet: Was schulden wir unserer Familie, was uns selbst, und wie tragen wir die Konsequenzen? George Eliot, das Pseudonym von Mary Ann Evans, verbindet Beobachtungsgabe mit ethischer Reflexion und hebt den Roman über bloße Erzählung hinaus. Ihr Einfluss reicht weit über ihre Zeit hinaus; die einfühlsame Darstellung innerer Konflikte wurde zu einem Modell für nachfolgende Generationen von Romanautorinnen und -autoren.

Die Handlung ist im frühen 19. Jahrhundert in einer englischen Provinzlandschaft verortet. Zentrum ist eine Mühle am Fluss, deren gleichmäßiger Rhythmus das Leben der Familie Tulliver strukturiert. In der nahegelegenen Stadt, geprägt von Handel, Tradition und Nachbarschaft, entstehen Bindungen, Erwartungen und Gegensätze. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Maggie und Tom, deren unterschiedliche Temperamente eine produktive, zuweilen schmerzhafte Spannung erzeugen: Sie ist fantasievoll und sensibel, er pflichtbewusst und praktisch. Gemeinsam wachsen sie in einer Welt auf, in der Herkunft, Bildung und Ruf entscheidende Kräfte sind. Diese Ausgangssituation bildet den Grundton, ohne den Blick auf spätere Entwicklungen vorwegzunehmen.

Eliot zeichnet ihre Ausgangslage mit dem Gewicht alltäglicher Entscheidungen: Der Vater, an Ehre und Kontinuität gebunden, sieht in der Mühle mehr als Erwerb; die Mutter achtet Ordnung, Ansehen und die richtige Form. Der Fluss verspricht Arbeit und Wohlstand, bedeutet aber auch Risiko und Veränderung. Für Maggie öffnet Bildung Räume des Denkens, für Tom bestätigen Erfahrungen Pflichten und Grenzen. Schon hier zeigt sich das Spannungsfeld zwischen persönlicher Sehnsucht und den Regeln einer Gemeinschaft, die Stabilität über Experimente stellt. Ohne in Ereignisse zu greifen, lässt sich sagen: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Realitäten stellen die Familie auf die Probe und verlangen Haltung.

Thematisch entfaltet der Roman ein weitreichendes Panorama. Er verhandelt Loyalität und Selbstbestimmung, Geschlechterrollen und Bildungschancen, soziale Herkunft und die Freiheit innerer Entwicklung. Zugleich lotet er das Verhältnis von Gefühl und Vernunft aus, von spontaner Regung und prüfender Gewissenhaftigkeit. Die Provinz wird dabei nicht als eng, sondern als präzises Labor menschlicher Beziehungen sichtbar. Fragen des Glaubens und der Gewohnheit, des Anstands und der Selbstprüfung, durchziehen die Figuren und ihre Entscheidungen. So entsteht kein Thesenroman, sondern ein Erfahrungsraum, in dem Werte auf die Prüfsteine von Notwendigkeit, Verantwortung und Empathie treffen.

Eliots Erzählweise verbindet den souveränen Blick einer allwissenden Erzählerin mit der zarten Nähe zum inneren Erleben ihrer Figuren. Sie nutzt freie indirekte Rede, um Bewusstseinsschichten zu öffnen, und kommentiert mit ruhiger Autorität, ohne die Figuren zu verraten. Kindheit, Jugend und frühe Reife werden mit geduldiger Genauigkeit dargestellt; Erinnerung und Zeitgefühl bilden eine Struktur, in der Entwicklung sichtbar wird. Der Text kennt langsame Beobachtungen und plötzliche Zuspitzungen, verweilt bei Gesten und Worten, die soziale Wirklichkeiten enthüllen. Daraus entsteht psychologische Tiefe, die das Äußere mit dem Inneren untrennbar verbindet.

Literarisch markiert Die Mühle am Floß einen Höhepunkt des viktorianischen Realismus. Das Werk zeigt, wie das sogenannte Provinzthema philosophische Spannung tragen kann, und wie individuelle Biographien gesellschaftliche Konstellationen spiegeln. Eliots sensible Figurenführung, ihre Aufmerksamkeit für Milieu, Sprache und Moral prägten den Roman des 19. und 20. Jahrhunderts nachhaltig. Die psychologische Genauigkeit, mit der Entwicklungen plausibel gemacht werden, wurde zum Maßstab. Damit steht das Buch neben weiteren bedeutenden Arbeiten der Autorin und bekräftigt ihren Rang als eine Stimme, die das Genre des Bildungs- und Gesellschaftsromans neu kalibriert hat.

Auch im historischen Kontext besitzt der Roman Gewicht. Er entstand in einer Epoche, die Industrialisierung, Mobilität und religiöse Debatten neu ordnete. Indem Eliot in eine jüngere Vergangenheit blickt, zeigt sie die Vorstufen dieser Umbrüche: lokale Wirtschaft, Kredit und Handel; Bildung als Möglichkeit und Grenze; das dichte Netz sozialer Erwartung. Die dargestellte Welt ist nicht statisch, sondern in leiser Bewegung, und gerade diese langsame Veränderung formt die Konflikte glaubhaft. Wer das Buch liest, erhält somit keinen nostalgischen Rückzug, sondern eine Analyse von Übergängen – jenen Reibungen, in denen moderne Vorstellungen und überlieferte Muster aufeinanderstoßen.

Die Figuren sind nicht bloß Träger von Ideen, sondern Menschen mit widersprüchlichen Impulsen. Eliot vermeidet einfache Gegensätze von Tugend und Fehler, sie zeigt Verstrickungen, Irrtümer, Einsichten. Selbst Nebenfiguren erhalten Kontur und Motivationen, die sie als Teil eines größeren Geflechts begreiflich machen. Diese sorgfältige Empathie fordert die Lesenden heraus, vorschnelle Urteile zu suspendieren und Beweggründe auszuleuchten. So entsteht eine Ethik des Lesens: Verstehen bedeutet nicht Entschuldigen, doch es eröffnet die Perspektive auf Verantwortlichkeit, die von Charakter, Umständen und Wahlhandlungen gemeinsam geprägt ist.

Stilistisch ist der Roman reich an Bildkraft, ohne prunkvoll zu werden. Der Fluss ist zugleich Landschaft und Sinnbild: Fließen, Wirbel, Rückströmungen – sie markieren Veränderung, Gedächtnis und Wiederkehr. Das Handwerk der Mühle und die Routinen des Alltags liefern eine konkrete, greifbare Materialität, aus der Bedeutungen erwachsen. Leiser Humor, situative Ironie und präziser Dialog sorgen dafür, dass moralische Fragen nicht in Schwere versinken, sondern in lebendiger Beobachtung entstehen. Diese Balance aus Anschaulichkeit und Reflexion, aus Nähe und Distanz, macht die Lektüre anhaltend gegenwärtig.

Heute ist Die Mühle am Floß relevant, weil es Konflikte zeigt, die uns weiterhin definieren: der Wunsch nach Selbstentfaltung, die Bindung an Familie, die Macht sozialer Normen, die Verletzlichkeit wirtschaftlicher Existenzen. Fragen nach Zugang zu Bildung, nach der Rolle von Frauen in Öffentlichkeit und Privatraum und nach dem Wert von Loyalität gegenüber persönlicher Integrität sind unverändert drängend. Eliot bietet dafür keine schnellen Lösungen; sie lehrt das genaue Hinsehen und die Geduld gegenüber komplexen Lagen. In einer Zeit schneller Urteile wirkt diese beharrliche Differenzierung wie ein Gegenentwurf zur Vereinfachung.

Wer dieses Buch heute aufschlägt, findet eine zeitlose Schule des Sehens und Mitfühlens. Seine dauerhafte Qualität liegt in der ehrlichen Darstellung von Menschen, die nicht aus Abstraktionen bestehen, sondern aus Gewohnheiten, Hoffnungen, Fehlern und Mut. Realismus bedeutet hier, der Wahrheit der Erfahrung zu trauen, ohne die Würde des Einzelnen zu verletzen. Deshalb bleibt Die Mühle am Floß mehr als ein historisches Dokument: Es ist ein literarischer Begleiter, der Sensibilität schärft, Urteilskraft bildet und die Kunst des Maßhaltens lehrt. In diesem Sinn ist es ein Klassiker – und ein Buch für unsere Gegenwart.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

George Eliots Roman Die Mühle am Floß, erstmals 1860 veröffentlicht, spielt im ländlichen England des frühen 19. Jahrhunderts, hauptsächlich in der fiktiven Stadt St. Ogg’s und an der Dorlcote-Mühle am Fluss Floss. Im Mittelpunkt steht die Familie Tulliver, deren wirtschaftliche und soziale Stellung untrennbar mit der Mühle verbunden ist. Der Roman verfolgt über mehrere Jahre hinweg die Entwicklung der Geschwister Maggie und Tom Tulliver, deren unterschiedliche Temperamente und Ambitionen sie in Spannungen mit Familie, Nachbarschaft und den Zwängen einer provinziellen Gesellschaft treiben. Eliot verknüpft familiäres Schicksal, Klassenverhältnisse und moralische Gewissensfragen zu einer genau beobachteten realistischen Studie.

Zu Beginn zeigt Eliot die Kindheit der Geschwister: Tom, praktisch veranlagt, loyal und stolz, wird als Erbe familiärer Verantwortung gesehen; Maggie, lebhaft, wissbegierig und ungestüm, eckt an den Erwartungen einer streng normierten Frauenrolle an. Der Vater, Mr. Tulliver, ein starrköpfiger Müller, führt einen lang schwelenden Streit mit dem Rechtsanwalt Wakem, den er als Ursache seiner geschäftlichen Schwierigkeiten betrachtet. Er investiert in eine juristische Auseinandersetzung und schickt Tom auf eine Kostschule, um dessen Zukunft zu sichern. Maggies Lernhunger bleibt hingegen ungenutzt, was früh den Konflikt zwischen individueller Begabung und gesellschaftlicher Begrenzung markiert.

Die gerichtliche Fehde verschärft die Lage der Tullivers und endet in finanzieller Katastrophe. Schulden, Prozesskosten und ungünstige Entscheidungen führen zum Verlust der wirtschaftlichen Unabhängigkeit; die Mühle fällt unter die Kontrolle von Wakem. Die Familie rutscht sozial ab, abhängig von der widerwilligen Unterstützung der Dodson-Verwandten. Tom empfindet die Schmach als persönlichen Auftrag, Ehre und Besitz wiederherzustellen, und entwickelt eine strenge, auf Leistung und Selbstdisziplin gegründete Haltung. Maggie ringt derweil mit Schuldgefühlen und dem Wunsch nach moralischer Klarheit. Eliot zeichnet die Enge der provinziellen Öffentlichkeit, in der Gerede und Ansehen das private Handeln maßgeblich strukturieren.

In dieser angespannten Lage knüpft Maggie eine geistig geprägte Beziehung zu Philip Wakem, dem sensiblen Sohn des verhassten Anwalts. Gespräche über Bücher, Kunst und Lebensfragen eröffnen ihr ein Gegenmodell zur nüchternen Praxis ihres Umfelds. Doch die Verbindung ist konfliktbeladen: Tom verbietet jede Annäherung an den Namen Wakem, und Mr. Tullivers Groll macht Annäherung zur Verräterei. Die Begegnungen stellen Maggie vor eine grundlegende Frage: Soll sie Loyalitäten gehorchen, die aus Familienfehden erwachsen, oder ihrer eigenen Entwicklung folgen? Eliot lotet die moralische Ambivalenz aus, ohne einfache Lösungen zu präsentieren, und zeigt, wie Zuneigung, Pflichtgefühl und Stolz sich gegenseitig blockieren.

Die Folgen der Niederlage lasten schwer auf Mr. Tulliver, dessen Kräfte schwinden, während die Familie um neue Perspektiven ringt. Tom sucht in Handel und Arbeit einen Weg, Verpflichtungen zu erfüllen und die Schulden zu begleichen. Hilfreich tritt Bob Jakin auf, ein bekannter aus Kindertagen, der mit bescheidenen Mitteln, aber loyalem Herzen, Unterstützung bietet. Schrittweise stabilisiert sich die Lage, doch der Preis ist innere Verhärtung: Toms Unnachgiebigkeit verschärft die Distanz zu Maggie, die zwischen Gehorsam und Selbstbehauptung schwankt. Der Roman verfolgt, wie ökonomische Not und verletzter Stolz Lebensentwürfe formen und Geschwisterliebe zunehmend unter Druck gerät.

Ein neuer Abschnitt beginnt, als Maggie näher in den Kreis ihrer Cousine Lucy Deane rückt. Lucy steht für weltgewandte Geselligkeit und ein leichteres, anpassungsfähiges Frausein, das den gesellschaftlichen Umgang beherrscht. In diesem Umfeld begegnet Maggie Stephen Guest, einem attraktiven, gewinnenden Mann aus gutem Haus, der mit Lucy verbunden ist. Zwischen Maggie und Stephen entsteht eine schwer zu verleugnende Anziehung, die Maggies bisherige Entscheidungen in Frage stellt. Zugleich bleibt die Bindung zu Philip als moralische Verpflichtung bestehen. Eliot inszeniert ein Dreiecksgeflecht, in dem Freundschaft, Verlobungsversprechen und unausgesprochene Sehnsüchte einander überlagern und die Frage nach persönlicher Integrität drängender wird.

Ein scheinbar harmloser Ausflug auf dem Wasser entwickelt sich zu einem heiklen Wendepunkt. In der Dynamik zwischen Nähe, Gelegenheit und innerer Schwäche geraten Grenzen ins Wanken, und Maggie findet sich in einer Situation wieder, die sie gesellschaftlich kompromittieren könnte. Ihre Entscheidung fällt nicht leicht: Folgt sie der Wucht des Augenblicks oder dem Bewusstsein für Pflicht und Rücksicht auf andere? Sie wählt den Weg des Gewissens und stellt sich den Konsequenzen, die Scham, Missverständnisse und öffentliche Verurteilung einschließen. Damit verdichtet sich der zentrale Konflikt zwischen persönlichem Begehren und dem Anspruch, keinem Menschen – weder Freund noch Familie – Unrecht zu tun.

Die Folgen dieses Schritts sind schwerwiegend. Tom urteilt hart und stellt Prinzipien über Verständnis; Freunde wenden sich ab, und die Gemeinde reagiert mit kühler Abgrenzung. Maggie bleibt nahezu allein, bemüht, sich durch Arbeit, Zurückhaltung und innere Prüfung eine Haltung zu bewahren. Philip leidet still, Lucy erlebt Enttäuschung und Loyalitätskonflikt. Zugleich verdichtet Eliot die Motivik von Wasser, Erinnerung und unwiderruflicher Zeit: Der Fluss erscheint als Bild für Kräfte, die Menschen treiben und trennen. Die familiären und sozialen Spannungen nähern sich einem äußerlichen wie inneren Kulminationspunkt, an dem Bindungen auf die Probe gestellt und Möglichkeiten der Versöhnung sichtbar werden.

Die Mühle am Floß vereint psychologische Genauigkeit, soziale Beobachtung und moralische Reflexion zu einem Panorama provinziellen Lebens. Der Roman fragt, wie weit Verantwortung, Liebe und Selbsttreue in einer Welt reichen, die durch Besitz, Ansehen und alte Fehden geordnet ist. Er zeigt, wie Geschwisterbindung zugleich Halt und Fessel sein kann und wie Bildung, Gefühl und Gewissen gegen starre Normen ankämpfen. Ohne einfache Lösungen legt Eliot die Kosten von Stolz, Opfer und Mitgefühl offen. Die anhaltende Bedeutung des Buches liegt in seiner empathischen Darstellung menschlicher Beweggründe und in der Einsicht, dass Freiheit und Zugehörigkeit in einem prekären Gleichgewicht stehen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Mühle am Floß spielt in einer fiktiven Provinzstadt Englands zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in einer Flusslandschaft mit Gezeiten und Schifffahrt, die an reale Orte des mittleren und nordöstlichen England erinnert. Dominant sind die Church of England, aufstrebende freikirchliche Gemeinden, das Rechtssystem mit seinen Gerichten und Solicitors sowie die patriarchalische Familienordnung. Wirtschaftlich prägen landwirtschaftliche Produktion, regionale Märkte, Handwerk und Kleinhandel den Alltag. Gemeinschaft, Ruf und Respektabilität fungieren als soziale Kontrollmechanismen. In diesem Rahmen bewegen sich die Figuren in einem Spannungsfeld aus traditionellen Bindungen und den frühen Umbrüchen der Moderne, die bereits in Technik, Bildung und Politik spürbar werden.

Ein zentrales ökonomisches Umfeld des Romans ist der Getreidehandel. Nach den Napoleonischen Kriegen stabilisieren die 1815 eingeführten Corn Laws die Preise zugunsten der Grundbesitzer, verschärfen jedoch soziale Spannungen. Für Müller und Händler bedeuten schwankende Ernten, Preissprünge und Transportkosten erhebliche Risiken. Die Jahre nach 1815 sind von agrarischen Krisen und episodischer Arbeitslosigkeit geprägt. In ländlich geprägten Regionen sind Mühlen wichtige Knotenpunkte: Sie veredeln Getreide, gewähren gelegentlich Kredit und strukturieren Abhängigkeiten zwischen Bauern, Händlern und Verbrauchern. Diese ökonomische Lage bildet den Hintergrund für Konflikte um Schulden, Eigentum und den Wert der „Respektabilität“ im provinziellen Leben.

Die Mühle als technischer Ort steht zwischen Tradition und Innovation. Wassergetriebene Anlagen dominieren das Umland, doch in städtischen Zentren verbreitet sich seit dem späten 18. Jahrhundert die Dampfkraft. Während Wasserläufe, Schleusen und Wehre den Betrieb sichern, entstehen Konkurrenz und Rationalisierungsdruck durch modernere Mühlen sowie effizientere Transportwege. Kanäle, seit dem 18. Jahrhundert ausgebaut, und schiffbare Flüsse verbinden Region und Küste. Die Mühle ist so nicht nur ein Familienbetrieb, sondern Teil einer vernetzten Infrastruktur, in der technische Anpassungsfähigkeit über wirtschaftliche Stabilität entscheidet. Das Spannungsverhältnis von Bewahren und Erneuern spiegelt die Lage vieler kleiner Betriebe der Epoche wider.

Die frühe Industrialisierung ist in den Provinzen eng mit Kreditketten verknüpft. Händler, Müller und Handwerker finanzieren Vorräte, Maschinen und Verbesserungen über Wechsel, Hypotheken und persönliche Bürgschaften. Die Finanzkrise von 1825, ausgelöst durch Spekulation und Bankeninsolvenzen, trifft besonders regionale Institute und lokale Unternehmen. Das englische Insolvenzrecht privilegiert zu dieser Zeit noch „trading persons“, und Zwangsvollstreckungen sind üblich; Schuldgefängnisse existieren bis weit in die Mitte des Jahrhunderts. Der Roman spiegelt diese Prekarität, indem er zeigt, wie rasch eine angespannte Liquiditätslage zu sozialem Absturz führen kann, wenn keine belastbaren Schutznetze vorhanden sind.

Mit den wirtschaftlichen Spannungen wächst die Bedeutung der Anwaltschaft im provinziellen Leben. Solicitors verwalten Verträge, Hypotheken und Nachlässe; sie sind Drehscheiben zwischen ländlicher Wirtschaft, Eigentumsrecht und kommunaler Politik. Das Common Law, die Praxis der Equity-Gerichte und komplizierte Eigentumstitel machen juristische Expertise unverzichtbar. Konflikte um Uferrechte, Wasserführung oder Pfandrechte an Mühlen sind typisch. Der Roman nutzt diese juristische Alltagsnähe, um zu zeigen, wie Recht und Besitzverhältnisse nicht nur Vermögen, sondern auch soziale Beziehungen strukturieren. Die scheinbare Neutralität des Rechts offenbart sich als Teil eines Machtgefüges, das Status und Einfluss absichert.

Die Provinzgesellschaft der Zeit ist stark hierarchisiert. Zwischen landbesitzender Gentry, etablierten Kaufleuten, Handwerkern und Lohnarbeitern zirkulieren Normen der „Respectability“. Kleidung, Sprache, Bildung und Vereinsmitgliedschaften signalisieren Zugehörigkeit. „Gentility“ kann angestrebt, aber nur begrenzt erkauft werden; alte Namen und langjährige Netzwerke zählen viel. Konsum wird moralisch gelesen: Sparsamkeit gilt, Verschwendung diskreditiert. In diesem Milieu entstehen Rivalitäten um Anerkennung und Heiratschancen. Der Roman zeichnet diese feinen Grenzziehungen nach und macht sichtbar, wie ökonomische Erschütterungen die brüchige Balance zwischen ehrbarem Ruf und sozialem Aufstieg gefährden.

Frauen unterliegen im frühen 19. Jahrhundert strenger rechtlicher und moralischer Kontrolle. Die Doktrin der „separate spheres“ verortet sie im häuslichen Bereich, während das öffentliche und wirtschaftliche Leben Männern vorbehalten ist. Unter dem Prinzip der Coverture verlieren verheiratete Frauen in England bis zu Reformen ab 1870 weitgehend die Verfügungsgewalt über Eigentum. Berufliche Optionen sind beschränkt, die Heirat bleibt zentrale Absicherung. Rufschädigungen haben gravierende Folgen. Diese Geschlechterordnung rahmt die Handlung und erklärt, warum individuelle Wünsche an normative Grenzen stoßen und wie fragil weibliche Autonomie in einer Kultur der sozialen Überwachung ist.

Das Bildungswesen reproduziert Standesunterschiede. Knaben aus bürgerlichen Familien besuchen Grammatikschulen und lernen Latein, Mathematik und Buchführung, während Mädchen häufig auf Elementarbildung, Handarbeit und „accomplishments“ beschränkt sind. Sunday Schools und der monitoriale Unterricht nach Lancaster oder Bell verbreiten Alphabetisierung in der Breite, doch höhere Bildung bleibt selektiv. Lesestoff – von Andachtsbüchern bis zu populären Kompendien – prägt Moralvorstellungen. Der Roman thematisiert den Wissenshunger junger Frauen und die Grenzen, die ihnen gesetzt werden. Er verweist zugleich auf die sich verändernde Lesekultur, die neue Wünsche und Konflikte zwischen Pflichtethos und Selbstentfaltung erzeugt.

Religiöse Strömungen strukturieren das Gemeinschaftsleben. Der anglikanische Mainstream steht neben einem lebendigen Nonkonformismus: Methodisten, Baptisten und andere Dissenters gewinnen Mitglieder, besonders im Handwerker- und Händlerstand. Evangelikale Frömmigkeit betont Sünde, Gewissen und tätige Nächstenliebe. Andachtsliteratur wie Die Nachfolge Christi prägt persönliche Frömmigkeit, während Predigt und Bibellesung Alltagsentscheidungen legitimieren. Der Roman zeigt, wie religiöse Sprache soziale Erwartungen stützt, aber auch Gewissenskonflikte verschärfen kann. In der Spannung zwischen institutionalisiertem Glauben und individueller Ethik deuten sich breitere geistige Umbrüche der Epoche an.

Die Kultur der Provinz ist durch Vereine, Lesekabinette und Leihbibliotheken geprägt. Periodika und Verlagskataloge bringen Ideen aus London und dem Ausland in die Kleinstädte. Blackwood’s Magazine, Fraser’s oder die Edinburgh Review prägen Debatten über Literatur, Theologie und Politik. Diese mediale Vernetzung relativiert die vermeintliche Abgeschiedenheit der Provinz: Bürger diskutieren Reformen, Wissenschaft und Romane in Salons und Hinterzimmern der Wirtshäuser. Der Roman reflektiert diese Übergangskultur, in der lokale Tradition und neue Denkstile aufeinandertreffen und in der Lesepraxis zu einem Motor für soziale und moralische Selbstverständigung wird.

Politisch markieren die 1820er und 1830er Reformdruck und Mobilisierung. Die Wahlrechtsreform von 1832 erweitert die städtische Wählerschaft; die Municipal Corporations Act von 1835 reformiert verkrustete Stadtverwaltungen. Lokale Zeitungen verbreiten die Sprache der Reform, doch viele Provinzeliten fürchten Umwälzungen. Der Roman spiegelt diese ambivalente Stimmung, indem er zeigt, wie Bürgerliche zwischen Loyalität gegenüber bestehenden Autoritäten und dem Wunsch nach Anerkennung und Mitbestimmung schwanken. Politische Veränderungen wirken in Alltagskonflikte hinein, etwa bei Fragen kommunaler Investitionen, Steuern oder öffentlicher Moral.

Die Flusslandschaft bildet nicht nur Kulisse, sondern soziale Infrastruktur. Schleusen, Deiche und Fährrechte werden lokal verhandelt, Überschwemmungen sind wiederkehrende Risiken an Gezeitenflüssen Englands. Seit dem 18. Jahrhundert haben Drainageprojekte und Flussregulierungen landwirtschaftliche Flächen erweitert, zugleich aber Konflikte um Wasserführung verschärft. Fischerei, Fracht und Uferwege sind ökonomisch bedeutsam und rechtlich umkämpft. Der Roman greift diese Umweltwirklichkeit auf, indem er zeigt, wie stark Naturereignisse Wirtschaft, Mobilität und Sicherheit bestimmen und wie Gemeinschaften auf kollektive Vorsorge, Erinnerung und religiöse Deutung zurückgreifen.

Verkehrlich befindet sich die Zeit im Übergang. Kanäle und turnpike roads tragen den regionalen Handel; Binnenschifffahrt verbindet Marktorte mit Seehäfen. Ab 1830 setzt die Eisenbahn neue Maßstäbe: Die Linie Liverpool–Manchester markiert den Beginn, in den 1840er Jahren breitet sich das Netz rasch aus. Für Provinzstädte verheißt dies Chancen, bedroht aber etablierte Branchen und Transportgewerbe. Erwartungen und Ängste mischen sich: Schnellerer Absatz gegen Preisdruck und Konkurrenz. Der Roman verankert seine Figuren an der Schwelle dieser Beschleunigung und lässt spüren, wie technische Veränderungen soziale Routinen und Selbstbilder infrage stellen.

George Eliot, 1819 als Mary Ann Evans in Warwickshire geboren, kannte das Leben auf dem Land und in Provinzstädten aus nächster Nähe. Ihr Vater war Verwalter auf einem Landgut, wodurch sie früh Einblick in Verwaltung, Pacht- und Besitzfragen erhielt. Diese Erfahrung fließt in die detailreiche Darstellung von Milieus, Arbeitsabläufen und Konflikten ein. Eliot wählt bewusst das Pseudonym „George Eliot“, um jenseits von Gattungszuschreibungen an „Frauenliteratur“ ernst genommen zu werden. Ihre Provinzromane verbinden genaue Beobachtung mit moralischer Reflexion und zeigen soziale Mechanismen nicht als Abstrakta, sondern als gelebte Zwänge und Entscheidungen.

Intellektuell ist Eliot von der deutschsprachigen Bibelkritik und Philosophie geprägt. In den 1840er und 1850er Jahren übersetzt sie David Friedrich Strauss’ Leben Jesu und Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums ins Englische. Diese Auseinandersetzungen mit historisch-kritischer Methode und anthropologischer Religionsdeutung schärfen ihr Interesse an Motivationen, Gewissensarbeit und Empathie. Im Roman äußert sich dies als realistische Psychologie: Figuren handeln nicht exemplarisch, sondern unter Druck von Gewohnheit, Emotion, sozialer Erwartung und religiösen Skrupeln. So wird die Provinz zum Schauplatz allgemeiner Fragen nach Freiheit, Verantwortung und moralischer Erkenntnis.

Die Mill on the Floss erscheint 1860 bei William Blackwood & Sons in drei Bänden, in einer Buchhandelswelt, die stark von Leihbibliotheken wie Mudie’s (gegründet 1842) geprägt ist. Die „triple-decker“-Form sichert Absatz über Bibliotheken und bürgerliche Abonnements. Zeitgenössische Leserinnen und Leser schätzen Eliots Ernst und Genauigkeit, zugleich provoziert die Schonungslosigkeit gegenüber provinzieller Engherzigkeit Debatten. Der Roman steht zwischen der Spätphase des englischen Realismus vor 1860 und dem sich formierenden breiteren Viktorianismus, der moralische Lehransprüche mit marktfähiger Unterhaltung zu verbinden sucht.

Forschungen ordnen den Schauplatz häufig Flussstädten an der tidal Trent zu, etwa Gainsborough in Lincolnshire, ohne eine exakte Entsprechung zu behaupten. Entscheidend ist, dass der Roman Charakter und Konflikte einer Typus-Stadt rekonstruiert: Handelsbeziehungen entlang eines schiffbaren Flusses, Nähe zu landwirtschaftlicher Produktion, aber Distanz zu metropolitanen Zentren. Diese Topographie erlaubt es, ökonomische Abhängigkeiten, Umweltunsicherheiten und symbolische Räume – Brücken, Ufer, Märkte – miteinander zu verschränken. Die Wahl eines fiktiven Ortes gibt Eliot Freiheit, verallgemeinerbare Strukturen zu zeigen, ohne dokumentarisch auf eine einzige Stadt festgelegt zu sein. So gewinnt das Lokale exemplarische Kraft für das Nationale. Abschließend lässt sich festhalten, dass Die Mühle am Floß seine Zeit kritisch beleuchtet. Der Roman zeigt, wie ökonomische Unsicherheit, juristische Strukturen und moralischer Konformismus individuelle Lebenswege begrenzen. Er kommentiert die Logik der „Respectability“ als Schutz und Zwang zugleich, entlarvt die Härte sozialer Urteile und plädiert implizit für Verständnis und Selbstprüfung. Indem Eliot die Provinz als komplexes System von Institutionen, Landschaften und Gefühlen darstellt, bietet sie eine moralische Soziologie des frühen 19. Jahrhunderts – und macht sichtbar, welche Kosten der gesellschaftliche Wandel für Einzelne hat.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

George Eliot, geboren als Mary Ann Evans 1819 und gestorben 1880, zählt zu den maßgeblichen Romanautorinnen des viktorianischen Zeitalters. Unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichte sie, um ernsthafte literarische Beurteilung in einem von Männern dominierten Feld zu sichern und ihre journalistische Arbeit zu trennen. Ihr Werk verbindet psychologischen Realismus, ethische Reflexion und genaue Beobachtung provinzieller wie urbaner Milieus. Sie schrieb Romane, Erzählungen, Essays, Gedichte und bedeutende Übersetzungen. Wiederkehrende Themen sind Gewissen, Gemeinschaft, religiöser Wandel, Bildung und gesellschaftliche Reform. Zeitgenossinnen und Zeitgenossen erkannten rasch die intellektuelle Spannweite und moralische Ernsthaftigkeit ihrer Prosa, deren Wirkung bis heute anhält.

Sie erhielt eine solide, teils schulische, teils autodidaktische Bildung und vertiefte sich früh in Geschichte, Theologie und Naturwissenschaften. Prägend war die Auseinandersetzung mit der deutschen Bibelkritik und Philosophie: Ihre Übersetzungen von David Friedrich Strauss’ Das Leben Jesu (1846) und Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums (1854) führten sie zu einem säkularen, humanistisch geprägten Denken. Auch Spinozas Ethik beschäftigte sie intensiv. Kontakt zu reformorientierten intellektuellen Kreisen, zunächst in den 1840er-Jahren in Coventry, schärfte ihr Verständnis gesellschaftlicher Debatten. Diese Einflüsse formten den Ton ihrer späteren Prosa, die religiöse Erfahrung, Moral und Erkenntnislust ohne Dogmatik miteinander verschränkt.

In London arbeitete sie ab den frühen 1850er-Jahren für die Westminster Review, wo sie redaktionell tätig war, Essayistik pflegte und sich in Debatten über Politik, Religion und Kultur profilierte. Die publizistische Erfahrung schärfte ihre analytische Prosa und ihr Ohr für öffentliche Argumente. Eine enge intellektuelle Partnerschaft mit George Henry Lewes förderte diese Entwicklung. 1857 trat sie erstmals als Erzählerin hervor: Unter dem Pseudonym George Eliot erschienen Scenes of Clerical Life, drei eng verbundene Erzählungen aus einer Provinzgemeinde. Kritikerinnen und Kritiker lobten psychologische Genauigkeit, Milieukenntnis und moralische Nuancen. Der Erfolg ermutigte sie, die Form des realistischen Romans weiterzuentwickeln und eine breitere Leserschaft zu erreichen.

Mit Adam Bede (1859) etablierte sich Eliot als bedeutende Romanautorin; das Buch verband moralische Konflikte mit einer genauen Darstellung ländlicher Arbeit und Sitten. Es folgten The Mill on the Floss (1860) und Silas Marner (1861), beide getragen von psychologischer Tiefenschärfe und der Darstellung sozialer Bindungen in englischen Provinzräumen. Parallel erprobte sie kürzere Formen wie die Novelle The Lifted Veil (1859). Ihre frühen Romane fanden eine breite Leserschaft und beförderten Debatten über Bildung, Geschlechterrollen und die Wechselwirkung von individueller Wahl und gesellschaftlichen Erwartungen, ohne sich auf einfache Thesen oder parteiliche Programme festzulegen.

Mit Romola (1862–1863) wandte sie sich dem historischen Roman zu und rekonstruierte das Florenz der Renaissance mit gelehrter Akribie. In Felix Holt, the Radical (1866) thematisierte sie politische Reform, Wahlrecht und Gemeindeleben in einer englischen Marktstadt der 1830er-Jahre. Neben diesen groß angelegten Projekten erschienen kürzere Arbeiten wie Brother Jacob (1864). Eliot veröffentlichte auch Lyrik, darunter das erzählende Gedicht The Spanish Gypsy (1868). Die Bandbreite dieser Phase zeigt ihre Neigung, historische, politische und ethische Fragestellungen erzählerisch zu durchdringen und das Verhältnis von persönlicher Integrität, öffentlichem Handeln und kultureller Tradition auszuloten. Zeitgenössische Reaktionen würdigten die Gelehrsamkeit wie die empathische Figurenführung.

Mit Middlemarch (1871–1872) erreichte Eliot einen Höhepunkt ihres Schaffens: ein umfassendes Gesellschaftspanorama, das berufliche Ambitionen, Ehe, Wissenschaft und Politik in einer Provinzstadt verflicht. Daniel Deronda (1876) erweiterte den Radius zu Fragen von Identität, Zugehörigkeit und moralischer Verantwortung. Beide Romane verbinden erzählerische Weite mit präziser innerer Rede und analytischer Erzählstimme. Spät folgte der essayistische Band Impressions of Theophrastus Such (1879), der in charakteristischen Skizzen Sitten, Bildungsideale und Zeitdiagnosen reflektiert. Die Werke dieser Periode sichern ihren Ruf als Meisterin eines reflektierten Realismus, der Empathie und intellektuelle Prüfung in der Form des großen Romans vereint.

In ihren späten Jahren war Eliot eine weithin respektierte öffentliche Intellektuelle und Romanautorin, deren Bücher intensiv diskutiert wurden. 1880 starb sie in London. Ihr Ansehen blieb über das 19. Jahrhundert hinaus stabil und erlebte im 20. Jahrhundert erneute Anerkennung durch literaturwissenschaftliche Debatten über Realismus, Erzählperspektive und Ethik. Heute gelten Middlemarch und Daniel Deronda vielfach als Höhepunkte des englischen Romans; zugleich finden ihre früheren Werke wegen ihrer Milieuschärfe und Humanität anhaltende Leserschaft. Eliots Vermächtnis liegt in einer Prosa, die Mitgefühl, historische Sensibilität und intellektuelle Redlichkeit verbindet und die Möglichkeiten des Romans nachhaltig erweitert hat.

Die Mühle am Floß

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Erstes Buch. Knabe und Mädchen
Erster Abschnitt. Vor der Mühle
Zweiter Abschnitt. Müller Tulliver erklärt was er mit seinem Sohne Tom vorhat
Dritter Abschnitt. Herr Riley giebt seinen Rath
Vierter Abschnitt. Tom wird zu Hause erwartet
Fünfter Abschnitt. Tom hat Ferien
Sechster Abschnitt. Die »Onkels und Tantens« erscheinen im Hintergrunde
Siebenter Abschnitt. Die »Onkels und Tanten« treten auf
Achter Abschnitt. Worin Herr Tulliver zeigt, dass er auch seine schwache Seite hat
Neunter Abschnitt. Ein Besuch auf dem Tannenhofe
Zehnter Abschnitt. Klein Gretchen ist sehr unartig
Elfter Abschnitt. Klein Gretchen sucht ihrem eigenen Schatten zu entlaufen
Zwölfter Abschnitt. Der Onkel und Tante Glegg
Dreizehnter Abschnitt. Tulliver zerrt wieder an seinem Lebensknäuel und verwirrt ihn noch mehr
Zweites Buch. Die Schulzeit
Erster Abschnitt. Tom's erstes Semester
Zweiter Abschnitt. Die Weihnachtsferien
Dritter Abschnitt. Der neue Schulkamerad
Vierter Abschnitt. Junge Triebe
Fünfter Abschnitt. Gretchens zweiter Besuch
Sechster Abschnitt. Eine Liebesscene
Siebenter Abschnitt. Der Kindheit goldne Pforte schließt sich zu
Drittes Buch. Der Sturz
Erster Abschnitt. Was zu Hause vorgefallen war
Zweiter Abschnitt. Frau Tulliver's Hausgötzen
Dritter Abschnitt. Der Familienrath
Vierter Abschnitt. Ein verlöschend Licht
Fünfter Abschnitt. Die Welt ist 'ne Auster, und Tom sucht sie zu öffnen
Sechster Abschnitt. Widerlegung des allgemein verbreiteten Vorurtheils, man dürfe niemanden ein Taschenmesser schenken
Siebenter Abschnitt. Wie ein Huhn fein listig sein will
Achter Abschnitt. Auf dem Wrack wird's Tag
Neunter Abschnitt. Es wird wieder etwas in die große Bibel eingetragen
Viertes Buch. Das Thal der Erniedrigung
Erster Abschnitt. Eine Art Protestantismus, von der Bossuet nichts weiß
Zweiter Abschnitt. Das zerrissene Nest wird von den Dornen zerfetzt
Dritter Abschnitt. Eine Stimme aus der Vergangenheit
Fünftes Buch. Weizen und Wicken
Erster Abschnitt. Im rothen Grunde
Zweiter Abschnitt. Tante Glegg erfährt, wie breit Bob's Daumen ist
Dritter Abschnitt. Die Waage schwankt
Vierter Abschnitt. Wieder eine Liebesscene
Fünfter Abschnitt. Der hohle Baum
Sechster Abschnitt. Der schwer errungene Sieg
Siebter Abschnitt. Abrechnung
Sechstes Buch. Die große Versuchung
Erster Abschnitt. Ein Duett im Paradiese
Zweiter Abschnitt. Erste Eindrücke
Dritter Abschnitt. Vertrauliche Mittheilungen
Vierter Abschnitt. Bruder und Schwester
Fünfter Abschnitt. Worin sich zeigt, daß Tom die Auster geöffnet hat
Sechster Abschnitt. Beiträge zur Lehre von den Gesetzen der Anziehungskraft
Siebter Abschnitt. Philipp tritt wieder auf
Achter Abschnitt. Wakem zeigt sich in einem neuen Lichte
Neunter Abschnitt. Wohlthätigkeit in voller Gala
Zehnter Abschnitt. Der Zauber scheint gebrochen
Elfter Abschnitt. Zwischen den Hecken
Zwölfter Abschnitt. Ein Familientag
Dreizehnter Abschnitt. Stromab
Vierzehnter Abschnitt. Das Erwachen
Siebtes Buch. Die endliche Rettung
Erster Abschnitt. Die Rückkehr nach der Mühle
Zweiter Abschnitt. St. Ogg sitzt zu Gericht
Dritter Abschnitt. Wie einen alte Bekannte überraschen können
Vierter Abschnitt. Gretchen und Lucie
Fünfter Abschnitt. Der letzte Kampf
Nachwort
Fußnoten

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Der nachstehende Roman – binnen Jahresfrist der zweite von derselben Verfasserin, den ich beim deutschen Publikum einführe – ist wieder durch den gleichen lebensvollen Realismus und dieselbe feine Detailmalerei, lokale wie psychologische ausgezeichnet, welche dem Adam Bede so viele Freunde bei uns verschafft haben. Die Vorliebe für niederländische Malerei, zu der sich die Verf. in Adam Bede bekannte, beruht offenbar auf einer künstlerischen Verwandtschaft: eine engbegrenzte, kleinbürgerliche Welt ist es, in die der Roman uns führt, und die Darstellung ihrer Bedingungen und ihrer Gestalten ist wie ein niederländisches Bild in Worten, von so genauer Beobachtung zeugen die Motive, von so liebevoll eingehendem Verständniß die Ausführung der Zeichnung. Der penetrante Scharfsinn, mit dem die Verf. verstanden hat, sich in die Seelenzustände und den Entwicklungsgang eines Jungen zu versetzen, oder, wenn man will, die schöpferische Phantasie, mit der sie dieselben nachzubilden weiß, darf auf ungetheilte Anerkennung Anspruch machen. Die Heldin, eine Gestalt von der fesselndsten Originalität, lebt in Fleisch und Blut – sie mag als unartige »kleine Meduse« mit verschnittenem Haar unsere lachende Verwunderung erregen oder als junonische Schönheit uns zur Bewunderung hinreißen.

Der Inhalt des Romans ist eine bürgerliche Tragödie, in kleinen Verhältnissen, aber von erschütternder Wirkung. Ein übertriebener Unabhängigkeitssinn, verbunden mit einem mißleiteten Rechtsgefühl, führt zu Unbesonnenheit und zu Fall; aus den beengenden Banden eines zerrütteten Familienlebens ringt eine junge hochbegnadete Menschenseele hinauf zu geistiger Befreiung und erliegt in diesem Ringen – ein Baum mit mächtigem Triebe, dem Luft und Licht fehlt. Der Konflikt ist mit großer Kunst geschildert; schon durch die Kindheit der Heldin weht ein tragischer Zug und aus kleinen Anfängen erwächst der Kampf bald zu leidenschaftlicher Stärke. Der Ausgang, gestehe ich, entspricht der Anlage nicht; für einen solchen sittlichen Konflikt ist ein zufälliges Naturereigniß wohl ein Ende, aber keine Lösung.

Bei der Uebertragung habe ich mich treu an das Original gehalten, wie es das verdient; nur an wenigen Stellen habe ich weggelassen, was mir für den deutschen Leser zu sehr in das Detail des spezifisch Englischen zu gehen schien.

Der Titel des Romans ist im Deutschen ungeschickt, da Floß der Eigenname eines Flusses, nicht etwa unser »das Floß«, noch auch ein Druckfehler für »Fluß« ist. Eine Aenderung des Titels schien aber bei einer Übersetzung nicht thunlich und stand vollends außer Frage, seit in öffentlichen Besprechungen der ursprüngliche Titel beibehalten war.

Berlin, Anfang März 1861.J. Frese.

Erstes Buch. Knabe und Mädchen

Inhaltsverzeichnis

Erster Abschnitt. Vor der Mühle

Inhaltsverzeichnis

Eine weite Ebene, durchzogen von dem Floß, der zwischen grünen Ufern allmälich sich verbreiternd dem Meere zuströmt, halbwegs in seinem Laufe mit stürmischer Umarmung von der rauschenden Fluth gehemmt. Die mächtige Meerfluth führt schwarze Schiffe, hoch beladen mit frischduftenden Tannenbalken, oder wohlgerundeten Säcken mit Oelsaat, oder dunkelglänzenden Kohlen, landeinwärts bis hinauf zu der altfränkischen Stadt St. Ogg, deren rothe Ziegeldächer und stattliche Werften zwischen dem Uferrande und einer niedrigen bewaldeten Hügelreihe sich hinziehen und in dem flüchtigen Glanze eines Februar-Sonnenblicks dem Wasser einen matten Purpurschimmer geben. Weit hinaus erstreckt sich nach beiden Seiten üppiges Weideland, untermischt mit den dunklen Streifen von Ackerfeldern, die theils zum Besäen fertig, theils schon mit dem zarten Grün der ersten Blätter des Winterkorns angehaucht sind. Auch goldige Flecke sind in der Landschaft; hinter den Hecken, welche die Felder einschließen, erheben sich noch hie und da Kornschober[1] vom vorigen Jahre. Aus der Ferne ragen die Masten der Schiffe herein, und die rothbraunen Segel scheinen sich mit den Zweigen der breiten Eschen zu vermischen. Gerade bei der Stadt mit den rothen Ziegeldächern fließt der Rieselbach muntern Laufes in den Fluß. Wie lieblich das Bächlein ist mit dem Geriesel seines dunklen Wassers! Er scheint mir wie ein lebendiger Gefährte, der lustge Gesell, während ich am Ufer entlang wandre und auf seine leise Stimme höre, als sei es die Stimme eines, der mich lieb hat, aber taub ist. Wohl erinnere ich mich dieser großen hängenden Weiden. Wohl erinnere ich mich dieser steinernen Brücke.

Und da ist die rothe Mühle selbst. Ich muß ein paar Augenblicke still stehen auf der Brücke und mir die Mühle ansehen, obschon am Himmel drohende Wolken sind und es spät am Nachmittag ist. Der Blick ist hübsch, selbst im kahlen Februar; möglich, daß die kalte feuchte Jahreszeit dem saubern behaglichen Wohnhause, welches so alt ist wie die Rüstern und Kastanienbäume, die es vor dem Nordwinde schützen, einen Reiz mehr giebt. Der Strom ist voll bis zum Rande und liegt hoch in dieser kleinen Weidenpflanzung und spült fast hinweg über den Grasbehang des Stückes Gartenland vor dem Hause. Wie ich so hinblicke auf den vollen Strom, das frische Gras, den zarten hellgrünen Hauch, welcher die mächtigen Linien der dicken Stämme und Aeste mildert, die aus den kahlen röthlichen Zweigen hervorsehen, da verliebe ich mich in das feuchte Element und beneide die weißen Enten, die hier unter den Weiden ihre Köpfe tief in's Wasser tauchen, ohne Ahnung, wie ungeschickt sie in der trocknen Oberwelt aussehen.

Das Rauschen des Wassers und das Getöse der Mühle wiegen mich in eine träumerische Taubheit, welche die friedliche Stille der Scene zu erhöhen scheint. Es ist mir als sei das Rauschen ein großer Vorhang, der mich von der übrigen Welt abschließt. Da weckt mich der Donner des mächtigen Müllerwagens, der mit Kornsäcken beladen nach Hause fährt. Der brave Müllerknecht denkt an sein Mittagessen, welches ihm im Backofen so bös eintrocknet, so spät ist es ihm geworden; aber er wird nicht für sich selbst sorgen, bis er seine Pferde gefuttert hat, die starken, friedfertigen, sanftblickenden Thiere, die – so will mich bedünken – mit schüchternem Vorwurf zu ihm hinüberschielen, daß er so furchtbar mit der Peitsche knallt, als wäre das bei ihnen nöthig. Seht nur, wie sie kräftig anziehen, um die Auffahrt nach der Brücke zu überwinden, mit der doppelten Kraft, welche die Nähe des Stalles giebt! Wie ihre massigen behaarten Füße die feste Erde zu packen scheinen, wie die geduldige Kraft ihrer Nacken sich unter das schwere Geschirr beugt, wie ihre Muskeln an Bug und Schenkel arbeiten! Es müßte hübsch sein, sie bei ihrem sauer verdienten Futter wiehern zu hören und, den schweißtriefenden Hals frei vom Joche, die gierigen Nüstern in den schmutzigen Eimer tauchen zu sehen. Jetzt sind sie auf der Brücke; rascheren Schrittes geht es hinab, und gleich darauf verschwindet der Wagen bei einer Wendung des Weges hinter Bäumen.

Nun kann ich mein Auge wieder auf die Mühle richten und das rastlose Rad beobachten mit dem Demantgefunkel seines stürzenden Wassers. Auch das kleine Mädchen da stellt seine Beobachtungen an; die ganze Zeit, die ich auf der Brücke bin, hat sie genau auf demselben Flecke am Rande des Wassers gestanden. Der komische weiße Hund neben ihr mit den braunen Ohren scheint gegen das Rad anzubellen; vielleicht ist er eifersüchtig, daß sein kleiner Spielkamerad im Velpelhut so ganz verloren ist in das Drehen und Rauschen. Der kleine Spielkamerad, scheint mir, sollte in's Haus gehen; es ist hohe Zeit für sie; auch strahlt heller Feuerschein verlockend zu ihr hinaus, behaglicher als das immer dunkler werdende Grau am Himmel. Auch für mich ist's wohl Zeit, meine Arme von dem kalten Steingeländer der Brücke wegzunehmen …

O, die Arme sind mir wirklich ganz verklommen. Ich habe meine Ellbogen auf die Stuhllehne gestützt und geträumt, ich stände auf der Brücke vor der rothen Mühle, wie ich vor vielen Jahren an einem Februar-Nachmittage wirklich dort stand. Ehe ich einduselte, wollte ich euch erzählen, wovon Herr und Frau Tulliver sich unterhielten, als sie an demselben Nachmittage, von welchem ich geträumt habe, beim hellen Feuer in dem Wohnzimmer linker Hand saßen.

Zweiter Abschnitt. Müller Tulliver erklärt was er mit seinem Sohne Tom vorhat

Inhaltsverzeichnis

»Was ich möchte, Frau«, sagte Tulliver – »was ich möchte, das ist, ich möchte Tom eine gute Erziehung geben, eine Erziehung, von der er mal sein Brod hat. Das war mein Gedanke, als ich die Stelle in der Akademie zu Ostern kündigte. Auf Johanni[2] soll er in 'ne rechte ordentliche gute Schule. Die zwei Jahre auf der Akademie wären hinreichend, wenn ich 'nen Müller oder Pachter aus ihm machen wollte; er hat da ein gut Theil mehr gelernt als ich in meinem ganzen Leben; was mein Vater in der Schule für mich bezahlt hat, war nicht mehr, als dem Schulmeister sein Stock und ein bischen vom ABC. Aber Tom – das soll 'n Stück von 'nem Gelehrten werden, daß er mit den Kerls auskommt, die ihr Wort zu machen wissen und ihren Namen mit 'nem Schnörkel schreiben. Das käme mir bei den Prozessen und Abschätzen und all so was gut zu passe. Einen eigentlichen Advokaten möcht' ich nicht aus dem Jungen machen; so'n Schuft soll er nicht werden, das thäte mir leid, aber so 'ne Art von Ingenieur oder Feldmesser, oder Auktionator, oder Taxator wie Riley – so'n recht blühendes Geschäft, wo blos Profit ist und keine Auslagen, höchstens für 'ne schwere goldne Uhrkette und 'nen Comptoirtisch. Solche Leute thun's den Advokaten beinahe gleich; der Riley z. B. guckt dem Advokaten Wakem so dreist in's Gesicht, wie eine Katze der andern; der ist vor ihm nicht bange.«

Müller Tulliver sprach mit seiner Frau, einer einfach und bescheiden aussehenden Blondine in einer fächerförmigen Haube. (Beiläufig, ich werde ordentlich ängstlich bei dem Gedanken, wie lange es schon her ist, daß man fächerförmige Hauben trug; ich fürchte, sie werden bald wieder Mode. Zu der Zeit, als Frau Tulliver etwa im vierzigsten Jahre stand, waren sie in St. Ogg ganz neu und galten für »reizend.«)

»Nu, Tulliver, Du mußt's am besten wissen; ich habe nichts dagegen. Aber wie wär's, wenn ich 'n paar Hühner schlachtete und lüde die Onkel und Tanten nächste Woche zu Tisch ein, damit wir Schwester Glegg und Schwester Pullet ihre Ansicht auch hören? Ich habe da ein paar Hühner, die müssen geschlachtet werden!«

»Kannst so viel Hühner auf dem Hose schlachten, wie Du willst, Betty, aber was ich mit meinem eignen Jungen thun soll, das geht keinen Onkel und keine Tante was an«, antwortete der Mann trotzig.

»Lieber Himmel«, erwiderte die Frau, ganz entsetzt über diesen derben Ausbruch, »wie kannst Du nur so reden, Tulliver? Aber so bist Du immer, sprichst immerfort über meine Familie, und denn giebt Schwester Glegg mir die Schuld, und ich bin doch so unschuldig dran, wie ein neugebornes Kind. Mich hat noch keiner sagen hören, daß es nicht ein rechtes Glück für unsre Kinder wäre, daß ihre Onkel und Tanten vermögende Leute sind. Uebrigens wenn Tom in eine neue Schule soll, dann wär's mir lieb, wenn ich ihm seine Wäsche besorgen könnte; sonst könnte er eben so gut Baumwolle tragen wie Leinen: es wird doch gelb, eh' es ein halbdutzendmal gewaschen ist. Und mit dem Wäschkasten könnte ich dem Jungen ab und zu einen Kuchen schicken, oder eine Pastete, oder etwas Obst; wir haben's ja, Gott sei Dank, wenn er sonst nicht satt zu essen kriegt. Unsre Kinder haben Gottlob gesunden App'tit.«

»Nun, nun«, erwiderte der Mann, »wir wollen ihn ja nicht so weit wegschicken, wenn es sich gerade so macht; aber Du mußt mir nicht mit Deinem Waschen dazwischen kommen, wenn wir keine Schule in der Nähe finden können. Das ist immer Dein Fehler, Betty; wenn Dir'n Stock im Wege liegt, so glaubst Du, Du kannst nicht hinüber. Du wärst im Stande und nähmst 'nen guten Knecht nicht, weil er 'ne Warze im Gesicht hat.«

»Lieber Himmel«, meinte die Frau mit sanftem Staunen, »wann bin ich denn gegen einen Knecht gewesen, weil er 'ne Warze im Gesicht hatte? Im Gegentheil, ich mag die Warzen ganz gern leiden; mein Bruder – Gott hab' ihn selig! – hatte auch eine Warze auf der Stirn. Aber ich kann mich gar nicht erinnern, Tulliver, daß Du jemals einen Knecht mit 'ner Warze hast miethen wollen. Da war unser alter Hans, der hatte eben so wenig eine Warze im Gesicht als Du, und ich war ganz dafür, daß Du ihn nahmst, und da hast Du ihn denn auch genommen, und wenn er nicht an der Entzündung gestorben wäre, wo wir noch den Dokter für bezahlen mußten, so führe er wohl heute noch mit unserm Wagen. Vielleicht hat er 'ne Warze gehabt, die man nicht sah, aber wie konnte ich das denn wissen?«

»I nein, Betty, mit der Warze das meinte ich nicht wörtlich, das sollte nur so'n Beispiel sein, aber es thut nichts, es ist 'ne schlimme Geschichte mit dem Reden. Was mir im Kopfe 'rum geht, das ist, ich möchte die richtige Schule für Tom finden und nicht wieder so angeführt werden wie mit der Akademie. Ich will nichts wieder hören von 'ner Akademie; was auch draus werden mag, nach 'ner Akademie kommt er nicht wieder; er soll in 'ne Schule, wo die Jungens was bessers zu thun haben, als dem Prinzipal und seiner Familie die Schuhe zu putzen und für die Köchin die Kartoffeln zu schälen. Es ist 'ne ganz verzweifelt schwierige Geschichte, die rechte Schule zu treffen.«

Hier schwieg Tulliver einige Minuten und fuhr mit beiden Händen in die Hosentaschen, als hoffe er da guten Rath zu finden. Augenscheinlich täuschte ihn seine Hoffnung nicht, denn sogleich fuhr er fort: »Ich hab's, ich weiß was ich thun will; ich will die Sache mit Riley besprechen; morgen kommt er her, um den Deich abzuschätzen.«

»Meinetwegen, Tulliver; ich habe die Laken für das beste Bette schon herausgegeben und Käthchen hat sie eben am Feuer hängen. Es sind nicht unsre allerbesten Laken, aber doch gut genug für jeden Gast, wer's auch sein mag; unsre besten holländischen Laken – die gebe ich nicht her; die sind blos für uns beide, wenn wir mal todt sind. Und wenn Du morgenden Tages stürbest, Tulliver, die Laken sind fertig, wunderschön gerollt, und riechen nach Lawendel, daß es 'ne Lust ist; sie liegen in dem großen eichenen Leinenschrank hinten in der Ecke linker Hand; natürlich lass' ich sie von keinem andern 'rausnehmen, das thue ich selbst.«

Bei diesen letzten Worten zog Frau Tulliver ein glänzendes Bund Schlüssel aus der Tasche, nahm einen davon besonders und rieb ihn sanft lächelnd mit ihren Fingern, während sie ruhig in das helle Feuer blickte. Wäre Tulliver ein zartfühlender Ehemann gewesen, so hätte ihm wohl einfallen müssen, sie habe mit dem Schlüssel ihrer Einbildungskraft zu Hülfe kommen wollen, um sich recht lebhaft den Augenblick zu vergegenwärtigen, wo ihr Mann auf dem Paradebett läge, und die besten Laken von holländischem Leinen ihr Recht bekämen. Aber glücklicherweise war er kein zartfühlender Ehemann; er war nur zartfühlend für seine Mühle und die nöthige Wasserkraft; überdies hatte er die Gewohnheit der Ehemänner, nicht genau zuzuhören, und war seit der Erwähnung des Namens Riley offenbar ganz vertieft in eine Untersuchung feiner wollenen Strümpfe.

»Ich glaube, das wäre das rechte, Betty«, bemerkte er nach kurzem Stillschweigen. »Riley versteht sich auf Schulen so gut wie einer; er hat selbst viel gelernt und bei dem Messen und Taxiren kommt er viel herum. Morgen nach Tisch, wenn das Geschäft abgemacht ist, haben wir Zeit genug, die Sache zu besprechen. So'n Mann wie Riley, weißt Du, soll Tom werden – so einer, der ordentlich zu reden weiß wie gedruckt und viel Worte machen kann, wenn auch nichts dahinter steckt, daß man ihm vor Gericht was anhaben kann, und der sein Geschäft aus dem Grunde versteht.«

»Na meinetwegen«, sagte die Frau; »seine Worte gut zu setzen und sich auf alles zu verstehen, und 'nen guten Diener zu machen, und nett auszusehen – da hab' ich nichts gegen, wenn mein Junge das lernt. Aber die glattzüngigen Leute aus den großen Städten haben meist schlechte Wäsche, sie tragen ein Jabot bis es ganz zerknittert ist, und dann machen sie ein Vorhemdchen darüber; von Riley weiß ich das gewiß. Und denn, wenn Tom nach Mudport zieht und sich da niederläßt wie Riley, dann kriegt er so'n kleines Haus mit 'ner Küche, wo er sich kaum drin umdrehen kann, und hat sein lebelang kein frisches Ei zum Frühstück, und muß drei Treppen hoch, oder gar vier Treppen hoch schlafen, wo er bei lebendigem Leibe verbrennen kann.«

»Nein, nein«, erwiderte der Mann, »ich denke nicht dran, daß er nach Mudport ziehen soll; sein Büreau soll er hier ganz in der Nähe in St. Ogg haben und bei uns im Hause wohnen. Nur eins«, fuhr Tulliver nach einer kleinen Pause fort, »nur eins macht mich etwas besorgt. Ob Tom wohl den rechten Kopf hat zu 'nem tüchtigen Geschäftsmann. Ich fürchte, er ist ein bischen langsam von Begriffen. Er schlägt ganz in Deine Familie, Betty.«

»Ja, das thut er«, entgegnete die Frau, so vergnügt, als wäre ihr die größte Schmeichelei gesagt; »es ist ganz wundervoll, wieviel Salz er in die Suppe nimmt – gerade wie mein Bruder und mein Vater seliger auch.«

»Ist aber doch schade«, meinte Tulliver, »daß der Junge nach seiner Mutter artet, und nicht seine kleine Schwester. Das ist das schlimmste, wenn zwei Familien durch einander heirathen; man kann nie genau berechnen, was draus wird. Unsre Kleine schlägt ganz in meine Familie; sie ist noch mal so gescheut wie der Junge. Zu gescheut für'n Frauenzimmer, fürchte ich« – und der besorgliche Vater begleitete die Aeußerung mit bedenklichem Kopfschütteln. »So lange sie klein ist, schadet's nicht viel, aber ein Frauenzimmer, das zu gescheut ist, ist grade wie 'n Schaf mit langem Schwanze; es steht darum nicht höher im Preise.«

»Ja freilich schadet es schon, wenn sie noch klein ist; es ist nichts als Unart. Sie auch nur zwei Stunden rein zu halten, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Aber 's ist gut, daß Du mich daran erinnerst«, fuhr Frau Tulliver fort, indem sie aufstand und an's Fenster trat, »ich weiß wieder nicht, wo sie steckt, und doch ist's schon Zeit zum Theetrinken. Aha, das konnt' ich mir denken, da geht sie am Wasser auf und ab, das wilde Ding; wenn sie nur nicht mal hineinfällt!«

Bei diesen Worten klopfte Frau Tulliver heftig an's Fenster, winkte und schüttelte den Kopf, aber sie mußte das mehrmals wiederholen, ehe sie wieder Platz nahm.

»Du hältst sie für gescheut, Tulliver«, sagte sie, »aber in manchen Stücken ist das Kind wie von Gott verlassen; wenn sie mir was von oben 'runter holen soll, da vergißt sie, was ich ihr gesagt habe, setzt sich im Sonnenschein aus den Fußboden und kämmt sich das Haar und singt vor sich hin, als wär' sie verrückt, und all' die Zeit muß ich hier unten auf sie warten. Das liegt Gottlob nicht in meiner Familie, ebenso wenig wie ihre braune Farbe, mit der sie aussieht, wie 'ne Mulattin. Ich murre nicht gern gegen die Vorsehung, aber es ist doch hart, daß ich blos dies eine Mädchen habe, das so kurios ist.«

»Pah, Unsinn!« meinte der Mann, »sie ist so'n nettes schwarzäugiges Ding, wie man's nur sehen kann. Ich wüßte doch nicht, worin sie hinter andern Kindern zurück ist, und lesen kann sie so gut beinah wie der Pastor.«

»Aber ihr Haar will sich nicht kräuseln, ich mag aufstellen was ich will; wenn ich's ihr einwickeln will, so wird sie wild, und wenn sie stillstehen soll, damit man's ihr brennen kann – na, das ist 'n schwer Stück Arbeit.«

»Schneid's kurz ab«, war Tulliver's rasche Antwort.

»Wie kannst Du nur so reden, Tulliver? So'n großes Mädchen, schon neun Jahre alt, wie kann man der noch das Haar kurz schneiden! Ihre Cousine Lucie hat Locken um den ganzen Kopf, und ihr Haar ist immer in bester Ordnung! Es ist recht hart, daß Schwester Deane so'n hübsches Kind hat; Lucie artet mehr nach mir als mein eigenes Kind. Gretchen, Gretchen«, fuhr die Mutter halb schmeichelnd, halb ärgerlich fort, als nun dies seltsame Spiel der Natur im Zimmer erschien, »wie oft soll ich Dir sagen, daß Du vom Wasser wegbleibst? Du fällst gewiß noch mal hinein und versäufst und dann wird's Dir leid genug thun, daß Du der Mutter nicht gefolgt bist.«

Gretchen riß sich den Hut ab und der Zustand ihres Haares bot eine traurige Bestätigung für die Schilderung der Mutter; um ihr das Haar zu kräuseln wie allen andern Kindern, hatte Frau Tulliver es ihr vorn etwas kurz geschnitten, so daß es sich nicht hinter's Ohr streichen ließ, und da es kaum eine Stunde nach dem Loswickeln immer schlicht herunterhing, so mußte klein Gretchen unaufhörlich den Kopf zurückwerfen, damit ihr das dunkle schwere Haar nicht über die glänzenden schwarzen Augen fiel. In Folge dessen sah sie dann meist aus, wie ein kleines Pony mit zottiger Mähne.

»Du liebe Zeit, Gretchen, was soll das nun wieder, daß Du Deinen Hut so hinwirfst? Sei hübsch artig, bring ihn nach oben, lass' Dir's Haar bürsten und 'ne reine Schürze vorbinden; andre Schuhe kannst Du Dir auch anziehen – 's ist ja 'ne Schande, wie die wieder aussehen; und dann komm wieder 'runter und bring Deine Handarbeit mit.«

»Ach Mutter«, antwortete Gretchen sehr verdrießlich, »ich mag die Handarbeit nicht.«

»Wie! nicht die hübsche Handarbeit, die Lappendecke für Tante Glegg?«

»Es ist ja Unsinn«, meinte Gretchen und schüttelte ihre Mähne; »erst was entzwei reißen und dann wieder zusammennähen. Und ich will gar nichts für Tante Glegg machen; ich kann sie nicht leiden.«

Und unter dem lauten Gelächter ihres Vaters geht Gretchen ab, ihren Hut am Bande hinter sich herschleifend.

»Ich muß mich doch wundern, wie Du darüber noch lachen kannst«, sagte die Mutter, ein wenig gereizt. »Du bestärkst sie noch in ihrer Unart. Und die Tanten sagen dann immer, ich erzöge das Kind schlecht.«

Frau Tulliver war eine gutmüthige Person; als Kind hatte sie nie geschrieen, außer vor Hunger und Nadelstichen, und von der Wiege ab war sie gesund, rund und dumm gewesen, kurz an Schönheit und Liebenswürdigkeit die Blüthe ihrer Familie. Aber Milch und mildes Wesen halten sich nicht zum besten, und wenn sie nur ein bischen ansauern, so sind sie für die Jugend schlecht zu verdauen. Ich habe oft darüber nach gedacht, ob die Madonnen aus Raphaels erster Zeit mit den blonden Köpfen und etwas dummen Gesichtern wohl ihre ruhige Sanftmuth ungestört bewahrt haben, als ihre kräftigen und eigensinnigen Jungen in das Alter kamen, wo sie nicht mehr nackt gehen konnten. Ich denke mir, sie werden einige sanfte Vorstellungen gemacht haben und immer grämlicher geworden sein, je vergeblicher diese blieben.

Dritter Abschnitt. Herr Riley giebt seinen Rath

Inhaltsverzeichnis

Der Herr in dem großen weißen Halstuch mit dem Jabot[3], der so vergnüglich mit seinem Freunde Tulliver Cognac mit Wasser trinkt, ist Herr Riley, ein Mann mit einer Gesichtsfarbe wie Wachs und fleischigen Händen, für einen Auktionator und Taxator sehr gebildet, aber hochherzig genug, um gegen einfache gastfreie Landleute von seiner Bekanntschaft recht liebenswürdig freundlich zu sein. Von solchen Bekanntschaften pflegte Herr Riley herablassend zu sagen, es seien Leute von der guten alten Schule.

Das Gespräch stockte grade. Tulliver hatte sich – nicht ohne besonderen Grund – enthalten, die kaltblütige Abfertigung zum siebenten Male zu erzählen, mit der Riley es dem Dix so gut gegeben habe, und auch die andern Geschichten hatte er erledigt, wie dem hochnäsigen Wakem doch einmal in seinem Leben ordentlich über's Maul gefahren sei, und wie die Sache mit dem Deiche durch gütlichen Vergleich beigelegt worden, bei der es überhaupt nie zum Streit gekommen sein würde, wenn jedermann so wäre wie er sein sollte, und wenn der Teufel nicht die Advokaten in die Welt gesetzt hätte.

Tulliver war im Ganzen und Großen ein Mann, der sich auf der sicheren Heerstraße hergebrachter Meinungen hielt, aber über einige wenige Dinge hatte er sich doch selbst eine Ansicht gebildet und war dabei zu etwas bedenklichen Schlüssen gekommen; unter anderm meinte er, Ratten, Kornwürmer und Advokaten seien vom Teufel geschaffen, und da ihm unglücklicherweise keiner sagen konnte, das sei starke Ketzerei, so beharrte er leider in seinem Irrthum. Heute aber war dem Teufel offenbar sein Werk nicht gelungen; die Geschichte mit der Wasserkraft hatte zwar ihre Rücken und Tücken gehabt, so einfach sie auch erschien, wenn man sie von der rechten Seite ansah; aber so verwickelt sie sein mochte, Riley war doch damit fertig geworden. Tulliver trank daher heute seine Mischung von Cognac und Wasser etwas stärker als gewöhnlich und sprach für einen Mann, der muthmaßlich ein paar hundert Pfund bei seinem Bankier liegen hatte, seine hohe Achtung vor dem geschäftlichen Talente seines Freundes mit etwas unvorsichtiger Offenheit aus.

Aber der Deich blieb ihm ja immer zur Unterhaltung; darüber konnte er ja immer wieder von vorn sprechen, und wie wir wissen, hatte er etwas anderes auf dem Herzen, worüber er Riley's Rath viel dringender wünschte. Das war der besondere Grund, weshalb er nach dem letzten Trunke eine kurze Zeit still schwieg und sich nachdenklich die Kniee rieb. Er liebte keine schroffen Uebergänge. Eine schlimme Welt das, pflegte er oft zu sagen, und wer zu schnell fährt, fährt gar leicht gegen den Prellstein. Riley seinerseits hatte Zeit und Geduld. Warum auch nicht? Die Füße am warmen Kamin, dann und wann eine tüchtige Prise Tabak, und billigen Cognac mit Wasser zum schlürfen – da hätte selbst Heißsporn ruhig gesessen.

»Da geht mir was im Kopfe 'rum[1q]«, sagte Tulliver endlich mit etwas gedrückter Stimme, indem er den Kopf erhob und seinem Freunde fest in's Gesicht sah.

»Ach so«, erwiderte Riley im Tone wohlwollender Theilnahme. Mit seinen schweren Augenlidern und hochgewölbten Augenbrauen hatte er unter allen Verhältnissen immer dasselbe Aussehen, und durch diese Unbeweglichkeit seines Gesichtsausdrucks, sowie durch die Gewohnheit, vor jeder Antwort erst eine Prise zu nehmen, erschien er dem Müller doppelt und dreifach wie ein Orakel.

»Es ist ganz was besondres«, fuhr er fort; »es betrifft meinen Jungen, den Tom.«

Bei diesem Namen fuhr Gretchen, die auf einer Fußbank nahe beim Feuer saß und ein großes Buch auf dem Schooße hielt, leise in die Höhe, warf ihr schweres Haar zurück und horchte begierig auf. Es gab nicht viele Worte, die Gretchen aus ihrer Träumerei weckten, wenn sie über einem Buche saß, aber der hellste Pfiff konnte nicht so wirken wie der Name ihres Bruders Tom; in einem Augenblicke stand sie auf dem Posten und blickte aus ihren glänzenden Augen so scharf um sich, wie ein schottischer Pinscher, der Unheil wittert, – bereit auf jeden loszuspringen, der ihrem Tom etwas anhaben wollte.

»Sehen Sie, Riley, zu Johanni soll er in 'ne andre Schule; Ostern kommt er von der Akademie nach Hause, und dann soll er ein Vierteljahr feiern, aber nachher möcht' ich ihn in so 'ne recht gute Schule thun, wo er gehörig was lernt.«

»Das muß ich loben«, erwiderte Riley; »besser können Sie nicht für ihn sorgen als durch eine gute Erziehung. Nicht als ob ich meinte«, fügte er mit höflicher Herablassung hinzu, »daß einer nicht ein ausgezeichneter Müller und Landwirth sein kann, und ein gescheuter Praktikus obendrein, ohne daß er grade viel beim Schulmeister gelernt hat.«

»Ganz meine Ansicht«, entgegnete Tulliver und nickte mit den Augen und wandte den Kopf auf die andere Seite, »aber das ist grade der Punkt; Tom soll gar nicht Müller und Landwirth werden. Davon halt' ich nicht viel; denn, sehn Sie, wenn ich ihn Müller und Landwirth werden ließe, dann würde er sich darauf spitzen, daß er mal die Mühle und das Ackerland kriegt, und bei Gelegenheit gäb' er mir zu verstehen, es würde doch wohl Zeit für mich, daß ich mich zur Ruhe setzte und an mein Ende dächte. – Nein, nein, das kenne ich, das hab' ich bei Söhnen oft genug erlebt. Ich bin nicht so einer, der seinen Rock auszieht vor Schlafengehen. Ich werde Tom eine gute Erziehung geben und ihm 'n Geschäft einrichten; da kann er sich denn ein warmes Nest machen und braucht nicht darauf zu warten, daß er mich aus meinem wegtreibt. Früh genug, wenn's ihm nach meinem Tode zufällt. Ich lasse mich nicht auf Kinderbrei setzen, so lange ich noch meine Zähne habe – nein, nein, ich nicht, ich nicht.«

Offenbar war Tulliver auf diesem Punkte fest entschlossen, und der Nachdruck, mit dem er diese Rede ungewöhnlich schnell gesprochen hatte, zeigte seine Nachwirkung noch einige Minuten nachher in einem trotzigen Schütteln des Kopfes von einer Seite zur andern und einem gelegentlichen Nein, Nein, das wie ein dumpfes Grollen verhallte.

Diese bösen Zeichen entgingen der kleinen Gretchen nicht und schnitten ihr tief in's Herz. Tom sollte also fähig sein, den Vater aus dem Hause zu verdrängen, sollte so schlecht sein, ihm eine traurige Zukunft zu bereiten! Das war nicht zu ertragen; Gretchen sprang von ihrer Fußbank auf, vergaß ganz ihr schweres Buch, welches laut zur Erde fiel, und sagte, indem sie dicht an den Vater herantrat, halb weinend, halb entrüstet:

»Vater, Tom würde nie schlecht gegen Dich sein, – nie, ganz bestimmt nicht.«

Da Frau Tulliver grade draußen mit dem Abendessen zu thun hatte und Tulliver's Herz gerührt war, so bekam Gretchen diesmal wegen des Buches keine Schelte; Riley nahm es ruhig auf und sah es sich an, während der Vater mit einer gewissen Zärtlichkeit in den harten Zügen sein kleines Töchterchen anlächelte und streichelte, ihre Hände ergriff und sie auf den Schooß nahm.

»Ach so! von Tom darf man nichts böses sagen«, meinte Tulliver und nickte Gretchen zu. Dann, als könnte sie es nicht hören, sagte er etwas leiser zu Riley: »Sie versteht alles, was man sagt; so was hab' ich mein' Lebtage noch nicht gesehen. Und lesen sollten Sie sie hören! Das geht so schlank weg, als wüßte sie alles schon auswendig. Und immer bei ihren Büchern! Aber es ist doch bös, recht bös«, fügte er etwas gedrückt hinzu; »ein Mädchen darf nicht so gescheut sein, das führt zu nichts gutem, fürcht' ich. Aber wahrhaftig!« – hier gewann der natürliche Stolz wieder die Oberhand – »lesen kann sie die Bücher und verstehen, besser als mancher Erwachsene.«

Gretchen hörte das alles und wurde vor Stolz und Freude ganz roth im Gesicht: jetzt, meinte sie, würde Riley wohl Respekt vor ihr haben; vorher hatte er offenbar nichts von ihr gehalten. Er blätterte grade in dem Buche, und sie wußte nicht recht, was sie aus seinem Gesichte mit den hohen Augenbrauen machen sollte; aber nun sah er sie an und sagte:

»Komm, Kleine, und erzähl' mir was aus dem Buche; da sind ein paar Bilder; ich möchte wohl wissen, was die bedeuten.«

Noch tiefer erröthend, aber ohne Zögern stellte sich Gretchen neben Riley und sah in das Buch, faßte es begierig an einer Ecke, warf ihre Mähne zurück und sagte:

»Oh, ich will Ihnen wohl sagen, was das ist. Ein fürchterliches Bild, nicht wahr? Aber ich muß es doch immer wieder ansehen. Die alte Frau im Wasser, das ist 'ne Hexe, und die haben sie in's Wasser gesteckt, weil sie sehen wollen ob's 'ne Hexe ist oder keine, und wenn sie oben schwimmt, denn ist sie eine, und wenn sie untergeht und stirbt, denn ist sie unschuldig und keine Hexe, sondern blos 'ne arme verrückte alte Frau. Aber was soll ihr das wohl helfen, wenn sie mal erst ertrunken ist? Blos, denn kommt sie in den Himmel, und der liebe Gott wird's ihr lohnen. Und der schreckliche Schmied mit den untergeschlagenen Armen, der so lacht – hu, was der häßlich ist! Und wollen Sie wissen, wer's ist? Das ist der leibhaftige Teufel (hier wurde Gretchens Stimme lauter und ausdrucksvoller) und gar kein rechter Schmied, denn der Teufel nimmt die Gestalt von bösen Menschen an und geht umher und bringt die Leute in's Verderben, und er erscheint öfter in Gestalt eines bösen Menschen als sonst wie; denn wenn die Leute sähen, es wäre der Teufel, und er brüllte sie an, dann liefen sie weg, und er könnte nicht mit ihnen machen, was er wollte.«

Tulliver hatte diese Auseinandersetzung Gretchens beinahe starr vor Staunen angehört.

»Aber was für'n Buch hat das Mädchen da in die Hände bekommen?« rief er endlich aus.

»Die Geschichte des Teufels von Daniel Defoe[4]«, erwiderte Riley; »das ist nicht grade ein Buch für kleine Mädchen. Wie kommt das unter Ihre Bücher, Tulliver?«