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In "Die Mühle am Floß" entfaltet George Eliot ein meisterhaftes Porträt des ländlichen Lebens im England des 19. Jahrhunderts. Mit einem feinen Gespür für die soziale Dynamik und die inneren Konflikte ihrer Charaktere, kombiniert die Autorin psychologische Tiefe mit einer präzisen Schilderung der Natur und der Gemeinschaft. Die Protagonistin Dorothea Brooke asträgt den Leser durch die Herausforderungen des Lebens und der Selbstfindung, während sie mit den Konventionen ihrer Zeit ringt. Eliot nutzt eine realistische Erzählweise, um die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Ambivalenz moralischer Entscheidungen zu beleuchten, was dem Roman eine universelle Gültigkeit verleiht. George Eliot, das Pseudonym der Schriftstellerin Mary Ann Evans, war eine der bedeutendsten literarischen Stimmen des viktorianischen Zeitalters. Ihre eigene Biografie, geprägt von intellektuellen Ambitionen und gesellschaftlichen Einschränkungen, spiegelt sich in ihren Werke wider. Eliot war eine Verfechterin des Feminismus und der sozialen Reformen, was sich deutlich in den Themen und Charakteren ihres Romans niederschlägt. Ihr tiefes Verständnis für die Psyche des Menschen und ihre Bereitschaft, konventionelle Normen in Frage zu stellen, machen ihr Schaffen einzigartig. "Die Mühle am Floß" ist nicht nur eine fesselnde Geschichte, sondern ein zeitloses Werk, das die Leser dazu einlädt, über die Natur des Lebens, die Liebe und moralische Dilemmata nachzudenken. Es ist eine essentielle Lektüre für alle, die an der Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft interessiert sind und die Eleganz der viktorianischen Literatur schätzen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen Pflicht und Verlangen klafft ein Strom, der Leben mitreißt. In Die Mühle am Floß entfaltet sich dieser innere und äußere Konflikt auf einer Bühne, die zugleich heimisch und unbarmherzig ist: eine Mühle am Wasser, eine Familie im Wandel, ein Kindheitskosmos, der von Erwartungen und Enttäuschungen gezeichnet wird. George Eliot richtet ihren scharfen Blick auf die Triebkräfte menschlicher Entscheidungen und auf die Reibung zwischen persönlicher Sehnsucht und sozialer Ordnung. Der Roman lädt ein, das Unbequeme auszuhalten: Widersprüche, Ambivalenzen, das langsame Entstehen von Charakter. Gerade darin findet er seine eindringliche, nachhaltige Spannung.
Die Mühle am Floß erschien 1860 im viktorianischen Großbritannien und festigte George Eliots Ruf als eine der bedeutendsten Romanautorinnen des 19. Jahrhunderts. Hinter dem Pseudonym steht Mary Ann Evans, deren Werk für nüchternen Realismus, intellektuelle Tiefe und ethische Ernsthaftigkeit steht. Nach Adam Bede und vor Silas Marner verortet, markiert dieser Roman eine Phase, in der Eliot die Psychologie ihrer Figuren weiter verfeinert und die Formen des Provinzromans erweitert. Entstehungszeit und Thema sind eng verschränkt: Industrieller Wandel, Bildungsambitionen und gesellschaftliche Konventionen bilden den Resonanzraum, in dem individuelle Lebensläufe sich verwickeln.
Im Zentrum stehen die Geschwister Maggie und Tom Tulliver, die bei ihrer Familie an einer Mühle am Fluss aufwachsen. Die Mühle ist Erwerbsquelle und Heimat, doch sie steht unter wirtschaftlichem Druck und juristischen Auseinandersetzungen, die das Familiengefüge belasten. Maggie ringt um geistige Nahrung und persönliche Freiheit; Tom verkörpert Pflichterfüllung, Pragmatismus und Loyalität gegenüber dem Vater. Diese Ausgangslage genügt, um eine lange Kette innerer und äußerer Konflikte anzustoßen. Eliot erzählt vom Erwachsenwerden, von familiären Bindungen und von den Preisgaben, die das Leben in einer eng regulierten Gesellschaft abverlangt.
Der Roman gilt als Klassiker, weil er die Werkzeuge des Realismus mit ungewöhnlicher Empathie und intellektueller Strenge verbindet. Eliot beobachtet genau: die Ökonomie eines Kleinstadtmilieus, die Dialekte von Standesdenken, die subtilen Bewegungen des Gewissens. Sie untersucht, wie Bildung Chancen eröffnet und zugleich Grenzen sichtbar macht, wie Geschlechterrollen Wünsche kanalisieren und Brosamen von Freiheit erlauben. Dabei moralisiert sie nicht; sie differenziert. Die Mühle am Floß entfaltet eine Ethik der Aufmerksamkeit: Entscheidungen erscheinen nie isoliert, sondern als Knotenpunkte aus Herkunft, Neigung, Pflichtgefühl und Zufall.
Eliots Figuren sind keine Schachfiguren eines Plots, sondern Träger feinster Regungen. Maggie Tullivers Intelligenz und Emotionalität kollidieren mit Erwartungen, die sie zugleich anziehen und beschneiden. Tom, fest verwoben mit Begriffen von Ehre, Verantwortung und Familienstolz, wird zum Prüfstein für Loyalität und Vergebung. Nebenfiguren aus Handel, Recht und Nachbarschaft schärfen das Panorama. Der Roman zeigt, wie aus Gewöhnlichkeit Tragweite erwächst und wie moralische Entscheidungen oft aus begrenzten Optionen geschöpft werden. Diese psychologische Durchdringung prägt bis heute unser Verständnis realistischer Charakterzeichnung.
Stilistisch verbindet Eliot eine souveräne Erzählinstanz mit nahsichtiger Innenperspektive. Ihr Erzählen ist reflektierend, gelegentlich essayistisch, doch stets dem Konkreten verpflichtet: Arbeit an der Mühle, Schultage, Gesprächsrituale, Geldsorgen. Durch rhythmische Wechsel von Beobachtung, Kommentar und szenischer Darstellung erzeugt sie eine dichte Erfahrungsnähe. Der Ton bleibt menschlich, nie zynisch; gesellschaftliche Kritik wird durch genaue Beschreibung sichtbar. So entsteht eine Prosa, die zugleich analytisch und warmherzig ist und die Leserinnen und Leser zu Mitdenkern macht, ohne sie mit fertigen Urteilen zu entlassen.
Historisch verankert der Roman das Private im Zugriff des Ökonomischen. Kredite, Prozesse und Abhängigkeiten strukturieren die Möglichkeiten einer Familie. In dieser Welt ist Charakter nicht nur Tugendfrage, sondern auch Widerstand gegen Druckverhältnisse. Eliot zeigt, wie soziale Erwartung und ökonomische Unsicherheit Bildung, Heirat, Freundschaft und Nachbarschaft prägen. Die Mühle, Sinnbild des Broterwerbs, mahlt nicht nur Getreide, sondern auch Zeit, Chancen und Illusionen. Die Provinz ist hier kein Idyll, sondern ein Ort, an dem Geschichte und Struktur entschieden, wie weit der Einzelne seiner inneren Stimme folgen darf.
Der literarische Einfluss von Die Mühle am Floß reicht weit über sein Entstehungsjahr hinaus. Der Roman hat Maßstäbe für psychologischen Realismus, weibliche Bildungsromane und die Darstellung provinzieller Gesellschaften gesetzt. Er wird in Literaturwissenschaft und Unterricht weltweit gelesen, weil er Empathie nicht fordert, sondern erzählerisch erzeugt. Dabei wirkt er weniger über Thesen als über Form: die geduldige Ausleuchtung von Motiven, die strenge Kausalität, das Verweben persönlicher und sozialer Horizonte. In dieser Komposition liegt sein Nachhall, der spätere Realisten und moderne Erzählweisen mit vorbereitet hat.
Eliots Ethik der Sympathie schärft den Blick auf moralische Ambivalenzen. Sie deutet, wie richtige Gründe zu schmerzlichen Folgen führen können und wie Pflichterfüllung nicht automatisch Gerechtigkeit stiftet. Der Roman sensibilisiert für die Grenzen individueller Autonomie: Charakter bildet sich im Gegenwind, nicht im Vakuum. Gerade die Uneindeutigkeiten laden zur Selbstprüfung ein. Leserinnen und Leser entdecken sich in Fragen wieder: Was schulden wir unserer Herkunft? Wie wägen wir Liebe, Loyalität und Selbstentwurf? Die Mühle am Floß stellt diese Fragen ohne Dogma und überlässt die endgültige Antwort dem verantwortlichen Gewissen.
Der Fluss und die Mühle sind zentrale Bildkräfte. Das Wasser steht für Bewegung, Zeit und die Summe von Kräften, die größer sind als der Einzelne; sein Lauf spiegelt Möglichkeiten und Gefahren. Die Mühle wiederum verkörpert Rhythmus, Wiederkehr, Notwendigkeit. Zusammen bilden sie eine Topografie der Entscheidung: zwischen Treibenlassen und Steuern, zwischen Mechanik und Freiheit. Eliot nutzt diese Bilder nicht dekorativ, sondern strukturell, um die Dynamik der Handlung und die innere Logik der Figuren zu tragen. Die Landschaft wird so zur moralischen Geographie, die Sinn und Handlung verschränkt.
Als Lektüreerfahrung bietet der Roman beides: erzählerische Spannung und gedankliche Vertiefung. Die Kapitel folgen dem Leben in seinen Wendungen, doch sie verweilen bei Beobachtungen, die aus Situationen Sinn gewinnen. Wer genau liest, erkennt die feinen Übergänge von kindlichem Blick zu erwachsenem Selbstgespräch, von privater Kränkung zu sozialer Konsequenz. Die Komposition in mehreren „Books“ strukturiert dieses Wachstum. Auf jeder Stufe bleibt der Ton respektvoll gegenüber der Komplexität des Menschlichen. Die Sprache ist reich, aber klar; sie lädt zum langsamen Lesen ein, ohne die Bewegung der Geschichte zu hemmen.
Heute bleibt Die Mühle am Floß relevant, weil es Grundfragen des Lebens mit ungebrochener Präzision stellt: Wie halten wir Balance zwischen Zugehörigkeit und Selbstbestimmung? Wie tragen wir Verantwortung unter Druck? In Zeiten beschleunigter Umbrüche wirkt Eliots geduldiger Realismus wie ein Erkenntnismittel gegen schnelle Urteile. Der Roman erinnert daran, dass Empathie eine Übung ist und Freiheit immer relational. Zeitlos sind seine Qualitäten: psychologische Wahrhaftigkeit, formale Klarheit, moralische Ernsthaftigkeit und die Kunst, aus dem Gewöhnlichen Bedeutung zu heben. Darum gehört dieses Buch zum dauerhaften Kanon und bleibt eine lohnende Gegenwartslektüre.
George Eliot veröffentlichte Die Mühle am Floß 1860 als weitläufigen Gesellschafts- und Entwicklungsroman, der in einer englischen Provinzgemeinde des frühen 19. Jahrhunderts spielt. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Maggie und Tom Tulliver, die auf Dorlcote Mill am Fluss Floss aufwachsen, nahe der Stadt St. Ogg’s. Früh etabliert der Text den Kontrast zwischen Maggies leidenschaftlicher Sensibilität und Toms nüchterner Pflichtauffassung. Zugleich skizziert Eliot eine Umwelt, in der Familienstolz, kaufmännische Berechnung und soziale Kontrolle den Handlungsspielraum bestimmen. Der Fluss, zugleich Lebensader und Bedrohung, fungiert als wiederkehrendes Bild für Drift, Beharrung und die Macht äußerer Umstände über individuelle Wünsche.
Die Kindheitskapitel zeigen Maggies Wissbegier, ihr Temperament und ihr Bedürfnis nach Anerkennung, die wiederholt mit Erwartungen an weibliche Anpassung kollidieren. Tom, der ältere Bruder, verkörpert Verlässlichkeit, aber auch Starrsinn und Gerechtigkeitsverlangen. Mr. Tulliver, der Vater, möchte Tom schulisch fördern, um die Position der Familie zu stärken, während Mrs. Tulliver und die Dodson-Verwandtschaft Ordnungssinn und Reputation priorisieren. Kleine Missverständnisse und Familienrituale verdeutlichen, wie eng persönliche Entwicklung an soziale Regeln geknüpft ist. Gleichzeitig etabliert die Erzählung eine starke Geschwisterbindung, deren Zuneigung durch Unterschiedlichkeit und Rivalität beständig unter Spannung steht.
Ein juristischer Konflikt, an dem der Anwalt Wakem maßgeblich beteiligt ist, bringt die Tullivers in wirtschaftliche Not. Die Folgen des Prozesses reichen über Finanzen hinaus: Die Familie verliert Ansehen, gerät in Abhängigkeiten und muss ihr Verhältnis zur Nachbarschaft neu justieren. Tom unterbricht seine Ausbildung, um mit praktischer Arbeit zur Entschuldung beizutragen, während Mr. Tulliver unter dem Druck der Niederlage leidet. Der Wendepunkt verschiebt die Handlung vom kindlichen Erfahrungsraum zu Fragen von Verantwortung, Ehre und ökonomischer Wiederaufrichtung. Für Maggie bedeutet der soziale Absturz eine weitere Einengung ihres ohnehin begrenzten Handlungsspielraums, zugleich aber eine Reifung ihrer moralischen Selbstwahrnehmung.
In dieser Lage entwickelt sich eine heimliche, von Literatur und Einfühlung geprägte Verbundenheit zwischen Maggie und Philip Wakem, dem Sohn des verhassten Anwalts. Ihre Gespräche eröffnen Maggie einen geistigen Freiraum, stehen jedoch im Widerspruch zur Loyalität gegenüber der Familie. Aus der privaten Zuneigung erwächst ein ethisches Dilemma: Wie weit darf persönliches Glück gegen kollektive Verpflichtungen verfolgt werden? Die Beziehung bleibt durch Geheimhaltung, soziale Schranken und Toms kompromisslose Parteinahme belastet. Eliot nutzt diese Konstellation, um die Kluft zwischen innerer Wahrheit und öffentlicher Anerkennung sichtbar zu machen, ohne eine einfache Lösung anzubieten.
Während Tom nüchtern Schulden tilgt und an der Wiederherstellung des Familiennamens arbeitet, erschließt die Erzählung das städtische Milieu von St. Ogg’s. Durch Verbindungen zur Familie Deane erhält Tom Zugang zu kaufmännischen Kreisen und zu disziplinierter Erwerbsarbeit, die Aufstieg verspricht, aber auch Härte verlangt. Maggies Cousine Lucy, gesellschaftlich sicher und freundlich, repräsentiert eine weichere Form der Anpassung. In dieser Phase verschieben sich die Kräfteverhältnisse: Der Druck der Vergangenheit bleibt spürbar, doch eröffnen sich Chancen, alte Gegensätze zu entschärfen. Die Frage, ob wirtschaftliche Vernunft moralische Versöhnung stiften kann, bleibt bewusst unbeantwortet.
Stephen Guest, ein angesehener junger Mann aus dem Umfeld von Guest & Co., wird als charmantes Zentrum städtischer Geselligkeit eingeführt und wirbt um Lucy. Mit Maggies Wiedererscheinen in diesem Kreis entstehen neue Spannungen, die nicht als frivole Versuchung, sondern als ernsthafte Prüfung von Charakter und Prinzipien gezeichnet werden. Eliot zeigt, wie Anziehung, Gewohnheit und gesellschaftliche Erwartungen einander überlagern. Für Maggie verschärft sich der Zwiespalt zwischen Pflicht und Gefühl, zumal ihr von asketischer Lektüre geprägtes Ideal der Selbstverleugnung mit der Sehnsucht nach erfüllter Nähe kollidiert. Der Roman markiert hier einen weiteren Wendepunkt, ohne die Konsequenzen endgültig auszubuchstabieren.
Parallel bleibt Philip eine moralische Konstante, deren Empfindsamkeit Maggie berührt, während Tom auf klare Grenzen drängt und jeden Kompromiss mit dem gegnerischen Lager als Verrat ansieht. Familienehre und persönliche Integrität stehen einander gegenüber. Die angespannte Lage wirkt sich auf Mr. Tullivers Gesundheit und Stolz aus; sie verweist auf die Kosten eines Ehrbegriffs, der wenig Raum für Mitgefühl lässt. Maggie ringt um eine Haltung, die sowohl Treue als auch Wahrhaftigkeit einschließt, und sucht zeitweilig Zuflucht in strenger Selbstzucht. Die narrative Bewegung verdichtet das Gefühl, dass keine Entscheidung ohne Verlust bleibt, was die Tragweite der nächsten Entwicklungen vorbereitet.
Eine unbedachte Konstellation zwischen Maggie und Stephen führt zu einer Situation, die öffentliche Aufmerksamkeit erregt und moralische Verdächtigungen auslöst. Eliot beschreibt die Dynamik des Geredes in St. Ogg’s, das rasch Schuld zuweist und differenzierte Beweggründe übergeht. Maggie bemüht sich, den Schaden zu begrenzen und Verantwortung zu übernehmen, auch wenn dies persönlichen Verzicht bedeutet. Tom reagiert hart und sieht die Familienehre erneut gefährdet. Aus dieser Krise erwächst eine Prüfung von Loyalität, Vergebung und Selbstachtung, die die Geschwisterbeziehung auf einen kritischen Punkt bringt, ohne dass die Erzählung dem Konflikt eine glättende Antwort vorwegnimmt.
Auf eine spürbare Zuspitzung folgt ein äußerer Notfall, der die Kräfte der Natur mit den moralischen Forderungen der Gemeinschaft verschränkt. Der Fluss, bislang Sinnbild für unberechenbare Strömungen des Lebens, wird zum Hintergrund einer letzten Bewährungsprobe, in der Mut, Versöhnungsbereitschaft und die Stärke familiärer Bindungen erprobt werden. Eliot beendet den Roman nicht mit einfachen Triumphen oder Belehrungen, sondern mit einer nachhaltigen Reflexion über Mitgefühl, die Grenzen gesellschaftlicher Urteile und die Spannung zwischen individueller Freiheit und Pflicht. Die Mühle am Floß behauptet so ihre Bedeutung als psychologisch genauer, menschenkundlich reicher Roman über Wahl, Verantwortung und Anteilnahme.
Die Mühle am Floß spielt in den frühen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in einer englischen Provinzlandschaft, zentriert um eine fiktive Stadt an einem schiffbaren Fluss. Das gesellschaftliche Gefüge wird von der Kirche von England, lokalen Honoratioren, Kaufleuten und Handwerkern geprägt. Familienbetriebe, insbesondere Mühlen, stehen im Zentrum regionaler Ökonomien und sind eng an Gewässer, Transportwege und saisonale Zyklen gebunden. In dieser Welt bestimmen Status, Verwandtschaft und Ansehen den Handlungsspielraum, während regionale Gerichte, Notare und Anwälte die Regeln des Verkehrs von Eigentum, Pacht und Schulden auslegen. Diese Rahmenbedingungen strukturieren die Konflikte, die das Werk erzählerisch entfaltet.
George Eliot, Pseudonym der Schriftstellerin Mary Ann Evans (1819–1880), veröffentlichte den Roman 1860. Sie schrieb aus einer reifen viktorianischen Perspektive über eine etwas frühere Epoche, die sie selbst noch aus Erzählungen und Beobachtungen kannte. Eliot verband literarischen Realismus mit philosophischer Reflexion; ihre Detailgenauigkeit speist sich aus intensiver Beobachtung provinzieller Sitten und ökonomischer Abläufe. Die Veröffentlichung in drei Bänden bei William Blackwood and Sons ordnet das Werk der damaligen gehobenen Lesekultur zu. Der Roman kommentiert damit nicht nur eine vergangene Zeit, sondern spiegelt auch die Deutungsbedürfnisse eines viktorianischen Publikums nach 1850.
Politisch ist die dargestellte Epoche von der vorreformerischen Ordnung des britischen Parlamentarismus geprägt. Vor dem Reform Act von 1832 blieb das Wahlrecht stark eingeschränkt; lokale Netzwerke, Patronage und kommunale Honoratioren dominierten. In Provinzstädten entschieden Magistrate und Quarter Sessions über viele Fragen des Alltags, vom Gewerbe bis zur Armenfürsorge. Diese politische Struktur stärkte etablierte Familien, aber sie konservierte auch soziale Grenzen. Im Roman werden solche Grenzen durch Erwartungen an Respektabilität und konventionelles Verhalten sichtbar. Gleichzeitig verweisen Konflikte um Ruf und Zugehörigkeit auf den Wunsch nach Partizipation, der die Reformdiskussionen in Großbritannien befeuerte.
Ökonomisch befindet sich England in einem Übergang: Landwirtschaft bleibt bedeutend, während Märkte, Kredit und frühindustrielle Produktion das Gefüge verändern. Nach den napoleonischen Kriegen (Ende 1815) trafen Preisschwankungen und Schulden viele ländliche und halburbane Existenzen. Die Corn Laws von 1815 beeinflussten Getreidepreise und damit auch Mühlengewerbe und bäuerliche Nachfrage. Regionale Handelssysteme stützten sich auf Flüsse, Kanäle und Turnpike-Straßen. Händler, Pächter und Handwerker waren von kurzfristigen Krediten und Verträgen abhängig, deren Brüche Existenzen bedrohen konnten. Im Roman erhalten solche wirtschaftlichen Verwerfungen konkrete Gestalt im Ringen um Besitz, Kreditwürdigkeit und Reputation.
Technologisch prägen Wasser- und Windmühlen weiterhin die Verarbeitung von Getreide; zugleich wächst die Konkurrenz durch Dampf und mechanische Verbesserungen. Schon seit dem späten 18. Jahrhundert erweitert der Einsatz von Eisen, besserer Getriebetechnik und verfeinerter Mahlwerkzeuge die Leistungsfähigkeit. Für kleinere Betriebe entstehen Investitionsdruck und Modernisierungsfragen. Parallel verschieben Kanäle und verbesserte Flussschifffahrt die Kostenvorteile, bevor ab den 1830er Jahren Eisenbahnen neue Routen eröffnen. Die Mühle im Roman steht damit auch für eine Wirtschaftsform, deren Profitabilität empfindlich von Technik, Transport und Kapital abhängt – Faktoren, die in Krisenzeiten das familiäre Gleichgewicht ins Wanken bringen.
Rechtlich bündeln sich Macht und Risiko in Verträgen, Hypotheken, Pachtverhältnissen und Schuldenregistern. Die Insolvenzpraxis des frühen 19. Jahrhunderts unterschied zwischen Händlern und Nicht-Händlern; Reformen in den 1820er und 1840er Jahren lockerten manche Regeln, doch soziale Stigmata und Verfahrenskosten blieben hoch. Debitoren konnten in Schuldhaft geraten; Gläubiger nutzten anwaltliche Expertise, um Forderungen zu sichern. Die wachsende Bedeutung der Rechtsprofession veränderte lokale Machtverhältnisse: Anwälte wurden zu Knotenpunkten von Information, Kapital und Einfluss. Der Roman zeigt, wie juristische Auseinandersetzungen familiäre Loyalitäten belasten und die moralische Bewertung wirtschaftlicher Entscheidungen schärfen.
Die Klassenstruktur in provinziellen Räumen unterscheidet zwischen Landadel, erfolgreichen Kaufleuten, Handwerkern, Pächtern und Tagelöhnern. In dieser Ordnung spielt „Respektabilität“ eine zentrale Rolle, sichtbar in Kleidung, Hausstand, Umgangsformen und Heiratsstrategien. Heirat gilt als ökonomisch wie sozial bedeutsame Allianz; Mitgift, Vermögen und Verwandtschaftsnetzwerke werden sorgfältig abgewogen. Die Erzählung betont, wie solche Konventionen auf individuelle Wünsche und Begabungen treffen. Dabei stehen Aufstiegshoffnung und die Furcht vor sozialem Abstieg dicht beieinander, was die emotionalen Konflikte im privaten Umfeld mit den öffentlichen Erwartungen verknüpft.
Religiös dominiert die Church of England, doch evangelikale Strömungen und methodistische Gemeinden gewinnen an Einfluss. Sonntagsschulen verbreiten Bibelkenntnis, und religiöse Traktate sind weit verbreitet. Die Publizistik des 19. Jahrhunderts diskutiert Frömmigkeit, Gewissen und Moral als gesellschaftliche Ordnungsfaktoren. Im Roman spiegelt sich diese Vielfalt im inneren Ringen einzelner Figuren, die asketische Ideale, Pflichtethos und Mitgefühl gegeneinander abwägen. Die Rezeption geistlicher Literatur – etwa der Imitatio Christi – verweist auf die Rolle religiöser Texte für persönliche Lebensführung, Trostsuche und die Bewertung von Schuld und Vergebung in einer kleinstädtischen Öffentlichkeit.
Bildung gehört zu den zentralen Hebeln sozialer Platzierung. Jungen besuchen Grammatikschulen oder erhalten Unterricht in Mathematik und Buchführung, um für Handel und Verwaltung gerüstet zu sein. Klassische Bildung bleibt ein Prestigeanker, zugleich drängen praktisch-ökonomische Fächer nach vorn. Mädchenbildung ist begrenzt und oft auf Musik, Zeichnen und „accomplishments“ gerichtet; die Tätigkeit als Gouvernante wird zum akzeptierten, jedoch prekären Erwerbsweg. In dieser Konstellation verhandelt der Roman den Wert von Wissen, Disziplin und Imagination. Das Spannungsfeld zwischen nüchterner Zweckbildung und geistiger Neugier prägt Lebensentscheidungen und Familienkonflikte.
Geschlechterrollen folgen dem Leitbild getrennter Sphären: Männer auf dem Markt, Frauen im häuslichen Bereich. Das Recht der „coverture“ bindet das Vermögen verheirateter Frauen an den Ehemann; substantielle Reformen erfolgen erst ab 1870. Gesellschaftliche Normen schreiben weibliche Zurückhaltung, Pflichtbewusstsein und Fürsorge vor, während eigenständige Ambitionen Argwohn hervorrufen können. Der Roman macht erfahrbar, wie begabte Frauen unter Erwartungen leiden, die ihre Handlungsspielräume einengen. Diese Beschränkungen sind nicht nur individuell spürbar, sondern strukturieren das urbane Zusammenleben, in dem Abweichungen rasch mit moralischen Urteilen beantwortet werden.
Provincialität bedeutet zugleich Nähe und Kontrolle. Vereinswesen, Kirchenbanken, Markttage, Bälle und lokale Zeitungen bilden eine Öffentlichkeit, in der Neuigkeiten schnell zirkulieren. Freundschafts- und Verwandtschaftsbande werden im Gasthaus, in der Kirche und bei Jahrmärkten gepflegt. Zugleich fördert diese Dichte den sozialen Druck, der den Ruf einer Familie zu einem kostbaren Kapital macht. Der Roman zeigt, wie Gerüchte, Missverständnisse und kleine Verstöße große Folgen haben können. Das Bewusstsein, „gesehen“ zu werden, bestimmt Entscheidungen, verstärkt Vorsicht oder Trotz und gibt moralischen Konflikten eine soziale Bühne, die schwer zu verlassen ist.
Als Autorin war Eliot tief in die intellektuellen Debatten der 1840er und 1850er Jahre eingebunden. Sie übersetzte D. F. Strauss’ Leben Jesu (1846) und L. Feuerbachs Das Wesen des Christentums (1854) ins Englische und stand über George Henry Lewes in engem Kontakt mit naturwissenschaftlichen Diskussionen. Die Veröffentlichung von Charles Darwins On the Origin of Species (1859) prägte das Klima, in dem die Leser 1860 den Roman aufnahmen. Diese Konstellation befördert einen psychologisch-naturalistischen Realismus, der Motive wie Vererbung, Umweltprägung, Gewohnheit und Verantwortung verknüpft. Das Werk nutzt so zeitgenössische Erkenntnisse, um alte Konflikte nuanciert zu beleuchten.
Der Literaturmarkt der Mitte des 19. Jahrhunderts war durch das Drei-Decker-Format und die Macht großer Leihbibliotheken wie Mudie’s geprägt, die moralische Erwartungen an Texte stellten. George Eliot publizierte bei Blackwood und arbeitete zuvor als Redakteurin beim Westminster Review, was ihren Sinn für öffentliche Debatten schärfte. Realistische Prosa gewann Ansehen, indem sie Alltagsleben ernst nahm und moralische Komplexität zeigte. Die Millieuzeichnung in Die Mühle am Floß folgt diesem Programm: Sie verbindet genaue Beobachtung mit einem aufklärerischen Anspruch, der die Leser zur empathischen, aber kritischen Betrachtung provinzieller Normen anleitet.
Die Flusslandschaft bildet nicht nur Kulisse, sondern ein historisch-ökologisches System. In vielen Regionen Englands waren Flüsse zugleich Verkehrswege, Energiequelle für Mühlen und Risikozone. Saisonale Hochwässer gehörten zum Erfahrungsraum, während wasserbauliche Maßnahmen und Entwässerungsprojekte regional ungleich vorankamen. Der Roman greift diese Realität auf, indem der Fluss als ökonomischer Taktgeber und moralische Prüfungsinstanz erscheint. Natürliche Kräfte begrenzen Planbarkeit, verschärfen jedoch menschliche Verantwortung. So wird die Landschaft zu einem Faktor der Geschichte, der die Abhängigkeit ländlich-urbane Existenzen von Klima, Technik und kollektiver Vorsorge sichtbar macht.
Soziale Mobilität blieb an Kapital, Bildung und Protektion gebunden. Handwerk, Handel und freie Berufe boten Chancen, jedoch scheiterten viele Karrieren an fehlenden Mitteln oder Netzwerken. Prüfungswesen und standardisierte Zertifikate standen noch am Anfang; Reputation und Bürgschaften wogen schwer. Der Roman zeichnet die Folgen solcher Strukturbedingungen nach: Pflichtgefühl und Ausdauer konkurrieren mit Stolz und Kurzsichtigkeit; ökonomische Vorsicht trifft auf riskante Selbstbehauptung. Diese Konstellation erklärt, warum familiäre Entscheidungen – Investitionen, Ausbildung, Heirat – als moralische Prüfsteine erscheinen, an denen sich Tugend, Klugheit und gesellschaftliche Anerkennung messen.
Im Hintergrund wirken Reformdebatten, die das 19. Jahrhundert prägen: die Neue Armengesetzgebung von 1834, die Factory Acts, die Agitation des Chartismus in den 1830er und 1840er Jahren sowie die Aufhebung der Corn Laws 1846. Auch wenn die Handlung vor manchen dieser Maßnahmen ansetzt, lesen zeitgenössische Rezipienten den Roman durch die Linse dieser Veränderungen. Eliot nutzt diese historische Tiefendimension, um den Abstand zwischen überkommenen Sitten und neuen, utilitaristisch geprägten Rationalitäten zu markieren. Das verleiht der Darstellung provinzieller Starrheit und individueller Leidenschaften eine politische Schattierung, ohne den Erzählfluss in Programmatik aufzulösen.
Die Verflechtung von Recht, Markt, Religion und Familienethos macht den Roman zu einem Kommentar über die Anpassungsfähigkeit provinzieller Gesellschaften. Er kritisiert die Verabsolutierung von Respektabilität und enthüllt die Kosten einer Ordnung, die ökonomische Risiken privatisiert und weibliche Begabungen einschränkt. Zugleich würdigt er Pflichterfüllung, Zuneigung und Verantwortungsbewusstsein als tragende Kräfte des Zusammenlebens. Indem Die Mühle am Floß das Alltägliche ernst nimmt, liefert es einen historischen Spiegel: Es zeigt, wie Menschen unter den Institutionen ihrer Zeit handeln – und wie diese Institutionen nach Reformen verlangen, um menschliche Möglichkeiten zu erweitern.
George Eliot, das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Mary Ann Evans (1819–1880), gehört zu den prägenden Stimmen der viktorianischen Literatur. Ihre Romane verbanden psychologische Tiefe, soziale Beobachtung und ethische Fragestellungen mit einer genauen Darstellung des provinziellen England. Eliot schrieb in einer Epoche rasanter Industrialisierung, religiöser Debatten und wissenschaftlicher Umbrüche und schuf Werke, die die Spannungen zwischen persönlicher Überzeugung, Gemeinschaft und gesellschaftlichem Wandel ausloteten. Als Kritikerin und Erzählerin erweiterte sie die Möglichkeiten des realistischen Romans und beeinflusste nachfolgende Generationen. Ihr Name steht bis heute für intellektuell anspruchsvolle, zugleich menschlich zugewandte Erzählkunst weltweit.
Evans erhielt eine solide, wenn auch nicht universitäre Bildung und bildete sich intensiv autodidaktisch fort. Früh beschäftigte sie sich mit Theologie und historischer Bibelkritik; ihre Übersetzung von David Friedrich Strauss’ Das Leben Jesu (1846) machte sie in intellektuellen Kreisen bekannt. Es folgte 1854 Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums; die Auseinandersetzung mit deutscher Philosophie prägte ihre skeptische, zugleich mitfühlende Ethik. Prägend waren außerdem die englische Aufklärung, realistische Erzähltraditionen und zeitgenössische Wissenschaftsdiskurse. In London arbeitete sie redaktionell und kritisch, suchte den Austausch mit führenden Denkerinnen und Denkern und schärfte eine Position, die literarische Form und moralische Reflexion eng miteinander verband.
Ihren literarischen Weg bereitete Evans als Mitarbeiterin und verantwortliche Redakteurin der liberalen Zeitschrift The Westminster Review in den frühen 1850er-Jahren. Dort veröffentlichte sie Essays und Rezensionen, verfeinerte Stil und Argumentation und gewann ein Netzwerk aus Verlegern und Autorinnen. 1857 begann sie, unter dem Namen George Eliot fiktional zu schreiben; die Erzählungen Scenes of Clerical Life erschienen zunächst in Blackwood’s Magazine und fanden unerwartet wohlwollende Resonanz. Das Pseudonym schützte ihre Privatheit und zielte auf eine vorurteilsfreie Aufnahme in einem männlich dominierten Feld. Die erzählerische Genauigkeit und moralische Ernsthaftigkeit der frühen Texte kündigten ihre großen Romane an.
Mit Adam Bede (1859) etablierte sich Eliot als führende Romanautorin; das Buch verband realistische Milieuschilderung mit ethischer Komplexität. The Mill on the Floss (1860) und Silas Marner (1861) vertieften ihr Interesse an Kindheitserfahrungen, Arbeit und Gemeinschaft. Mit Romola (1862–63) wandte sie sich dem historischen Roman zu, während Felix Holt, the Radical (1866) politische Reformfragen berührte. Middlemarch (1871–72), in Fortsetzungen veröffentlicht, gilt als ihr umfassendstes Gesellschaftspanorama. Daniel Deronda (1876) weitete den Blick auf nationale Identität und religiöse Zugehörigkeit. Daneben schrieb sie Lyrik, darunter The Spanish Gypsy (1868) und The Legend of Jubal and Other Poems (1874).
Eliots Werk ist geprägt von einer säkularen, historisch sensibilisierten Moralauffassung, die Verantwortung, Mitgefühl und die Folgen des Handelns ins Zentrum rückt. Ihre vielstimmigen Erzählerfiguren und die ironisch-verständige Kommentierung schufen ein Markenzeichen des englischen Realismus. Die langjährige geistige Partnerschaft mit dem Schriftsteller und Kritiker George Henry Lewes förderte ihre Arbeit redaktionell wie intellektuell und verschaffte ihr Stabilität im Verlagswesen. In Daniel Deronda wendete sie sich mit seltener Empathie jüdischer Kultur und Fragen kollektiver Zugehörigkeit zu; zugleich bleiben ihre Bücher der Alltagswirklichkeit ländlicher und kleinstädtischer Milieus verpflichtet. Wissenschaftliche Ideen und religionskritische Debatten liefern häufig den Hintergrund der moralischen Konflikte.
Zu ihren späten Veröffentlichungen zählt der essayistische Band Impressions of Theophrastus Such (1879), in dem sie Charakterstudien und zeitdiagnostische Reflexion verbindet. Nach dem Tod von George Henry Lewes 1878 heiratete sie 1880 John Walter Cross. Eliot starb im Dezember 1880 in London; sie wurde auf dem Highgate Cemetery beigesetzt. Ihre Aufnahme in die nationale Erinnerungskultur setzte sich fort: 1980 erhielt sie eine Gedenkplatte in der Poets’ Corner der Westminster Abbey. Zeitgenössische Leserinnen und Leser schätzten bereits zu Lebzeiten die Ernsthaftigkeit und die erzählerische Kunst ihrer Romane, die ein breites Publikum erreichten und kritisches Ansehen genossen.
Heute gilt Eliot als zentrale Autorin des europäischen Realismus; Middlemarch wird häufig als Höhepunkt des viktorianischen Romans bezeichnet. Kritikerinnen und Schriftsteller wie Henry James und Virginia Woolf würdigten ihre psychologische Durchdringung und die Weite ihrer sozialen Imagination. In der Forschung bleiben ihre Methoden des Erzählens, ihr Umgang mit Religion und Wissenschaft sowie ihre Darstellung von Geschlecht, Arbeit und Zugehörigkeit kontinuierlich diskutiert. Ihre Romane sind weltweit im Druck, werden übersetzt, neu ediert und regelmäßig für Bühne, Hörspiel und Bildschirm adaptiert. Eliots Vermächtnis verbindet intellektuelle Strenge mit humaner Feinfühligkeit und behält dadurch anhaltende Aktualität.
Der nachstehende Roman – binnen Jahresfrist der zweite von derselben Verfasserin, den ich beim deutschen Publikum einführe – ist wieder durch den gleichen lebensvollen Realismus und dieselbe feine Detailmalerei, lokale wie psychologische ausgezeichnet, welche dem Adam Bede so viele Freunde bei uns verschafft haben. Die Vorliebe für niederländische Malerei, zu der sich die Verf. in Adam Bede bekannte, beruht offenbar auf einer künstlerischen Verwandtschaft: eine engbegrenzte, kleinbürgerliche Welt ist es, in die der Roman uns führt, und die Darstellung ihrer Bedingungen und ihrer Gestalten ist wie ein niederländisches Bild in Worten, von so genauer Beobachtung zeugen die Motive, von so liebevoll eingehendem Verständniß die Ausführung der Zeichnung. Der penetrante Scharfsinn, mit dem die Verf. verstanden hat, sich in die Seelenzustände und den Entwicklungsgang eines Jungen zu versetzen, oder, wenn man will, die schöpferische Phantasie, mit der sie dieselben nachzubilden weiß, darf auf ungetheilte Anerkennung Anspruch machen. Die Heldin, eine Gestalt von der fesselndsten Originalität, lebt in Fleisch und Blut – sie mag als unartige »kleine Meduse« mit verschnittenem Haar unsere lachende Verwunderung erregen oder als junonische Schönheit uns zur Bewunderung hinreißen.
Der Inhalt des Romans ist eine bürgerliche Tragödie, in kleinen Verhältnissen, aber von erschütternder Wirkung. Ein übertriebener Unabhängigkeitssinn, verbunden mit einem mißleiteten Rechtsgefühl, führt zu Unbesonnenheit und zu Fall; aus den beengenden Banden eines zerrütteten Familienlebens ringt eine junge hochbegnadete Menschenseele hinauf zu geistiger Befreiung und erliegt in diesem Ringen – ein Baum mit mächtigem Triebe, dem Luft und Licht fehlt. Der Konflikt ist mit großer Kunst geschildert; schon durch die Kindheit der Heldin weht ein tragischer Zug und aus kleinen Anfängen erwächst der Kampf bald zu leidenschaftlicher Stärke. Der Ausgang, gestehe ich, entspricht der Anlage nicht; für einen solchen sittlichen Konflikt ist ein zufälliges Naturereigniß wohl ein Ende, aber keine Lösung.
Bei der Uebertragung habe ich mich treu an das Original gehalten, wie es das verdient; nur an wenigen Stellen habe ich weggelassen, was mir für den deutschen Leser zu sehr in das Detail des spezifisch Englischen zu gehen schien.
Der Titel des Romans ist im Deutschen ungeschickt, da Floß der Eigenname eines Flusses, nicht etwa unser »das Floß«, noch auch ein Druckfehler für »Fluß« ist. Eine Aenderung des Titels schien aber bei einer Übersetzung nicht thunlich und stand vollends außer Frage, seit in öffentlichen Besprechungen der ursprüngliche Titel beibehalten war.
Eine weite Ebene, durchzogen von dem Floß, der zwischen grünen Ufern allmälich sich verbreiternd dem Meere zuströmt, halbwegs in seinem Laufe mit stürmischer Umarmung von der rauschenden Fluth gehemmt. Die mächtige Meerfluth führt schwarze Schiffe, hoch beladen mit frischduftenden Tannenbalken, oder wohlgerundeten Säcken mit Oelsaat, oder dunkelglänzenden Kohlen, landeinwärts bis hinauf zu der altfränkischen Stadt St. Ogg[1], deren rothe Ziegeldächer und stattliche Werften zwischen dem Uferrande und einer niedrigen bewaldeten Hügelreihe sich hinziehen und in dem flüchtigen Glanze eines Februar-Sonnenblicks dem Wasser einen matten Purpurschimmer geben. Weit hinaus erstreckt sich nach beiden Seiten üppiges Weideland, untermischt mit den dunklen Streifen von Ackerfeldern, die theils zum Besäen fertig, theils schon mit dem zarten Grün der ersten Blätter des Winterkorns angehaucht sind. Auch goldige Flecke sind in der Landschaft; hinter den Hecken, welche die Felder einschließen, erheben sich noch hie und da Kornschober vom vorigen Jahre. Aus der Ferne ragen die Masten der Schiffe herein, und die rothbraunen Segel scheinen sich mit den Zweigen der breiten Eschen zu vermischen. Gerade bei der Stadt mit den rothen Ziegeldächern fließt der Rieselbach muntern Laufes in den Fluß. Wie lieblich das Bächlein ist mit dem Geriesel seines dunklen Wassers! Er scheint mir wie ein lebendiger Gefährte, der lustge Gesell, während ich am Ufer entlang wandre und auf seine leise Stimme höre, als sei es die Stimme eines, der mich lieb hat, aber taub ist. Wohl erinnere ich mich dieser großen hängenden Weiden. Wohl erinnere ich mich dieser steinernen Brücke.
Und da ist die rothe Mühle selbst. Ich muß ein paar Augenblicke still stehen auf der Brücke und mir die Mühle ansehen, obschon am Himmel drohende Wolken sind und es spät am Nachmittag ist. Der Blick ist hübsch, selbst im kahlen Februar; möglich, daß die kalte feuchte Jahreszeit dem saubern behaglichen Wohnhause, welches so alt ist wie die Rüstern und Kastanienbäume, die es vor dem Nordwinde schützen, einen Reiz mehr giebt. Der Strom ist voll bis zum Rande und liegt hoch in dieser kleinen Weidenpflanzung und spült fast hinweg über den Grasbehang des Stückes Gartenland vor dem Hause. Wie ich so hinblicke auf den vollen Strom, das frische Gras, den zarten hellgrünen Hauch, welcher die mächtigen Linien der dicken Stämme und Aeste mildert, die aus den kahlen röthlichen Zweigen hervorsehen, da verliebe ich mich in das feuchte Element und beneide die weißen Enten, die hier unter den Weiden ihre Köpfe tief in's Wasser tauchen, ohne Ahnung, wie ungeschickt sie in der trocknen Oberwelt aussehen.
Das Rauschen des Wassers und das Getöse der Mühle wiegen mich in eine träumerische Taubheit, welche die friedliche Stille der Scene zu erhöhen scheint. Es ist mir als sei das Rauschen ein großer Vorhang, der mich von der übrigen Welt abschließt. Da weckt mich der Donner des mächtigen Müllerwagens, der mit Kornsäcken beladen nach Hause fährt. Der brave Müllerknecht denkt an sein Mittagessen, welches ihm im Backofen so bös eintrocknet, so spät ist es ihm geworden; aber er wird nicht für sich selbst sorgen, bis er seine Pferde gefuttert hat, die starken, friedfertigen, sanftblickenden Thiere, die – so will mich bedünken – mit schüchternem Vorwurf zu ihm hinüberschielen, daß er so furchtbar mit der Peitsche knallt, als wäre das bei ihnen nöthig. Seht nur, wie sie kräftig anziehen, um die Auffahrt nach der Brücke zu überwinden, mit der doppelten Kraft, welche die Nähe des Stalles giebt! Wie ihre massigen behaarten Füße die feste Erde zu packen scheinen, wie die geduldige Kraft ihrer Nacken sich unter das schwere Geschirr beugt, wie ihre Muskeln an Bug und Schenkel arbeiten! Es müßte hübsch sein, sie bei ihrem sauer verdienten Futter wiehern zu hören und, den schweißtriefenden Hals frei vom Joche, die gierigen Nüstern in den schmutzigen Eimer tauchen zu sehen. Jetzt sind sie auf der Brücke; rascheren Schrittes geht es hinab, und gleich darauf verschwindet der Wagen bei einer Wendung des Weges hinter Bäumen.
Nun kann ich mein Auge wieder auf die Mühle richten und das rastlose Rad beobachten mit dem Demantgefunkel seines stürzenden Wassers. Auch das kleine Mädchen da stellt seine Beobachtungen an; die ganze Zeit, die ich auf der Brücke bin, hat sie genau auf demselben Flecke am Rande des Wassers gestanden. Der komische weiße Hund neben ihr mit den braunen Ohren scheint gegen das Rad anzubellen; vielleicht ist er eifersüchtig, daß sein kleiner Spielkamerad im Velpelhut so ganz verloren ist in das Drehen und Rauschen. Der kleine Spielkamerad, scheint mir, sollte in's Haus gehen; es ist hohe Zeit für sie; auch strahlt heller Feuerschein verlockend zu ihr hinaus, behaglicher als das immer dunkler werdende Grau am Himmel. Auch für mich ist's wohl Zeit, meine Arme von dem kalten Steingeländer der Brücke wegzunehmen …
O, die Arme sind mir wirklich ganz verklommen. Ich habe meine Ellbogen auf die Stuhllehne gestützt und geträumt, ich stände auf der Brücke vor der rothen Mühle, wie ich vor vielen Jahren an einem Februar-Nachmittage wirklich dort stand. Ehe ich einduselte, wollte ich euch erzählen, wovon Herr und Frau Tulliver sich unterhielten, als sie an demselben Nachmittage, von welchem ich geträumt habe, beim hellen Feuer in dem Wohnzimmer linker Hand saßen.
»Was ich möchte, Frau«, sagte Tulliver – »was ich möchte, das ist, ich möchte Tom eine gute Erziehung geben, eine Erziehung, von der er mal sein Brod hat. Das war mein Gedanke, als ich die Stelle in der Akademie zu Ostern kündigte. Auf Johanni[2] soll er in 'ne rechte ordentliche gute Schule. Die zwei Jahre auf der Akademie wären hinreichend, wenn ich 'nen Müller oder Pachter aus ihm machen wollte; er hat da ein gut Theil mehr gelernt als ich in meinem ganzen Leben; was mein Vater in der Schule für mich bezahlt hat, war nicht mehr, als dem Schulmeister sein Stock und ein bischen vom ABC. Aber Tom – das soll 'n Stück von 'nem Gelehrten werden, daß er mit den Kerls auskommt, die ihr Wort zu machen wissen und ihren Namen mit 'nem Schnörkel schreiben. Das käme mir bei den Prozessen und Abschätzen und all so was gut zu passe. Einen eigentlichen Advokaten möcht' ich nicht aus dem Jungen machen; so'n Schuft soll er nicht werden, das thäte mir leid, aber so 'ne Art von Ingenieur oder Feldmesser, oder Auktionator, oder Taxator wie Riley – so'n recht blühendes Geschäft, wo blos Profit ist und keine Auslagen, höchstens für 'ne schwere goldne Uhrkette und 'nen Comptoirtisch. Solche Leute thun's den Advokaten beinahe gleich; der Riley z. B. guckt dem Advokaten Wakem so dreist in's Gesicht, wie eine Katze der andern; der ist vor ihm nicht bange.«
Müller Tulliver sprach mit seiner Frau, einer einfach und bescheiden aussehenden Blondine in einer fächerförmigen Haube. (Beiläufig, ich werde ordentlich ängstlich bei dem Gedanken, wie lange es schon her ist, daß man fächerförmige Hauben trug; ich fürchte, sie werden bald wieder Mode. Zu der Zeit, als Frau Tulliver etwa im vierzigsten Jahre stand, waren sie in St. Ogg ganz neu und galten für »reizend.«)
»Nu, Tulliver, Du mußt's am besten wissen; ich habe nichts dagegen. Aber wie wär's, wenn ich 'n paar Hühner schlachtete und lüde die Onkel und Tanten nächste Woche zu Tisch ein, damit wir Schwester Glegg und Schwester Pullet ihre Ansicht auch hören? Ich habe da ein paar Hühner, die müssen geschlachtet werden!«
»Kannst so viel Hühner auf dem Hose schlachten, wie Du willst, Betty, aber was ich mit meinem eignen Jungen thun soll, das geht keinen Onkel und keine Tante was an«, antwortete der Mann trotzig.
»Lieber Himmel«, erwiderte die Frau, ganz entsetzt über diesen derben Ausbruch, »wie kannst Du nur so reden, Tulliver? Aber so bist Du immer, sprichst immerfort über meine Familie, und denn giebt Schwester Glegg mir die Schuld, und ich bin doch so unschuldig dran, wie ein neugebornes Kind. Mich hat noch keiner sagen hören, daß es nicht ein rechtes Glück für unsre Kinder wäre, daß ihre Onkel und Tanten vermögende Leute sind. Uebrigens wenn Tom in eine neue Schule soll, dann wär's mir lieb, wenn ich ihm seine Wäsche besorgen könnte; sonst könnte er eben so gut Baumwolle tragen wie Leinen: es wird doch gelb, eh' es ein halbdutzendmal gewaschen ist. Und mit dem Wäschkasten könnte ich dem Jungen ab und zu einen Kuchen schicken, oder eine Pastete, oder etwas Obst; wir haben's ja, Gott sei Dank, wenn er sonst nicht satt zu essen kriegt. Unsre Kinder haben Gottlob gesunden App'tit.«
»Nun, nun«, erwiderte der Mann, »wir wollen ihn ja nicht so weit wegschicken, wenn es sich gerade so macht; aber Du mußt mir nicht mit Deinem Waschen dazwischen kommen, wenn wir keine Schule in der Nähe finden können. Das ist immer Dein Fehler, Betty; wenn Dir'n Stock im Wege liegt, so glaubst Du, Du kannst nicht hinüber. Du wärst im Stande und nähmst 'nen guten Knecht nicht, weil er 'ne Warze im Gesicht hat.«
»Lieber Himmel«, meinte die Frau mit sanftem Staunen, »wann bin ich denn gegen einen Knecht gewesen, weil er 'ne Warze im Gesicht hatte? Im Gegentheil, ich mag die Warzen ganz gern leiden; mein Bruder – Gott hab' ihn selig! – hatte auch eine Warze auf der Stirn. Aber ich kann mich gar nicht erinnern, Tulliver, daß Du jemals einen Knecht mit 'ner Warze hast miethen wollen. Da war unser alter Hans, der hatte eben so wenig eine Warze im Gesicht als Du, und ich war ganz dafür, daß Du ihn nahmst, und da hast Du ihn denn auch genommen, und wenn er nicht an der Entzündung gestorben wäre, wo wir noch den Dokter für bezahlen mußten, so führe er wohl heute noch mit unserm Wagen. Vielleicht hat er 'ne Warze gehabt, die man nicht sah, aber wie konnte ich das denn wissen?«
»I nein, Betty, mit der Warze das meinte ich nicht wörtlich, das sollte nur so'n Beispiel sein, aber es thut nichts, es ist 'ne schlimme Geschichte mit dem Reden. Was mir im Kopfe 'rum geht, das ist, ich möchte die richtige Schule für Tom finden und nicht wieder so angeführt werden wie mit der Akademie. Ich will nichts wieder hören von 'ner Akademie; was auch draus werden mag, nach 'ner Akademie kommt er nicht wieder; er soll in 'ne Schule, wo die Jungens was bessers zu thun haben, als dem Prinzipal und seiner Familie die Schuhe zu putzen und für die Köchin die Kartoffeln zu schälen. Es ist 'ne ganz verzweifelt schwierige Geschichte, die rechte Schule zu treffen.«
Hier schwieg Tulliver einige Minuten und fuhr mit beiden Händen in die Hosentaschen, als hoffe er da guten Rath zu finden. Augenscheinlich täuschte ihn seine Hoffnung nicht, denn sogleich fuhr er fort: »Ich hab's, ich weiß was ich thun will; ich will die Sache mit Riley besprechen; morgen kommt er her, um den Deich abzuschätzen.«
»Meinetwegen, Tulliver; ich habe die Laken für das beste Bette schon herausgegeben und Käthchen hat sie eben am Feuer hängen. Es sind nicht unsre allerbesten Laken, aber doch gut genug für jeden Gast, wer's auch sein mag; unsre besten holländischen Laken – die gebe ich nicht her; die sind blos für uns beide, wenn wir mal todt sind. Und wenn Du morgenden Tages stürbest, Tulliver, die Laken sind fertig, wunderschön gerollt, und riechen nach Lawendel, daß es 'ne Lust ist; sie liegen in dem großen eichenen Leinenschrank hinten in der Ecke linker Hand; natürlich lass' ich sie von keinem andern 'rausnehmen, das thue ich selbst.«
Bei diesen letzten Worten zog Frau Tulliver ein glänzendes Bund Schlüssel aus der Tasche, nahm einen davon besonders und rieb ihn sanft lächelnd mit ihren Fingern, während sie ruhig in das helle Feuer blickte. Wäre Tulliver ein zartfühlender Ehemann gewesen, so hätte ihm wohl einfallen müssen, sie habe mit dem Schlüssel ihrer Einbildungskraft zu Hülfe kommen wollen, um sich recht lebhaft den Augenblick zu vergegenwärtigen, wo ihr Mann auf dem Paradebett läge, und die besten Laken von holländischem Leinen ihr Recht bekämen. Aber glücklicherweise war er kein zartfühlender Ehemann; er war nur zartfühlend für seine Mühle und die nöthige Wasserkraft; überdies hatte er die Gewohnheit der Ehemänner, nicht genau zuzuhören, und war seit der Erwähnung des Namens Riley offenbar ganz vertieft in eine Untersuchung feiner wollenen Strümpfe.
»Ich glaube, das wäre das rechte, Betty«, bemerkte er nach kurzem Stillschweigen. »Riley versteht sich auf Schulen so gut wie einer; er hat selbst viel gelernt und bei dem Messen und Taxiren kommt er viel herum. Morgen nach Tisch, wenn das Geschäft abgemacht ist, haben wir Zeit genug, die Sache zu besprechen. So'n Mann wie Riley, weißt Du, soll Tom werden – so einer, der ordentlich zu reden weiß wie gedruckt und viel Worte machen kann, wenn auch nichts dahinter steckt, daß man ihm vor Gericht was anhaben kann, und der sein Geschäft aus dem Grunde versteht.«
»Na meinetwegen«, sagte die Frau; »seine Worte gut zu setzen und sich auf alles zu verstehen, und 'nen guten Diener zu machen, und nett auszusehen – da hab' ich nichts gegen, wenn mein Junge das lernt. Aber die glattzüngigen Leute aus den großen Städten haben meist schlechte Wäsche, sie tragen ein Jabot bis es ganz zerknittert ist, und dann machen sie ein Vorhemdchen darüber; von Riley weiß ich das gewiß. Und denn, wenn Tom nach Mudport zieht und sich da niederläßt wie Riley, dann kriegt er so'n kleines Haus mit 'ner Küche, wo er sich kaum drin umdrehen kann, und hat sein lebelang kein frisches Ei zum Frühstück, und muß drei Treppen hoch, oder gar vier Treppen hoch schlafen, wo er bei lebendigem Leibe verbrennen kann.«
»Nein, nein«, erwiderte der Mann, »ich denke nicht dran, daß er nach Mudport ziehen soll; sein Büreau soll er hier ganz in der Nähe in St. Ogg haben und bei uns im Hause wohnen. Nur eins«, fuhr Tulliver nach einer kleinen Pause fort, »nur eins macht mich etwas besorgt. Ob Tom wohl den rechten Kopf hat zu 'nem tüchtigen Geschäftsmann. Ich fürchte, er ist ein bischen langsam von Begriffen. Er schlägt ganz in Deine Familie, Betty.«
»Ja, das thut er«, entgegnete die Frau, so vergnügt, als wäre ihr die größte Schmeichelei gesagt; »es ist ganz wundervoll, wieviel Salz er in die Suppe nimmt – gerade wie mein Bruder und mein Vater seliger auch.«
»Ist aber doch schade«, meinte Tulliver, »daß der Junge nach seiner Mutter artet, und nicht seine kleine Schwester. Das ist das schlimmste, wenn zwei Familien durch einander heirathen; man kann nie genau berechnen, was draus wird. Unsre Kleine schlägt ganz in meine Familie; sie ist noch mal so gescheut wie der Junge. Zu gescheut für'n Frauenzimmer, fürchte ich« – und der besorgliche Vater begleitete die Aeußerung mit bedenklichem Kopfschütteln. »So lange sie klein ist, schadet's nicht viel, aber ein Frauenzimmer, das zu gescheut ist, ist grade wie 'n Schaf mit langem Schwanze; es steht darum nicht höher im Preise.«
»Ja freilich schadet es schon, wenn sie noch klein ist; es ist nichts als Unart. Sie auch nur zwei Stunden rein zu halten, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Aber 's ist gut, daß Du mich daran erinnerst«, fuhr Frau Tulliver fort, indem sie aufstand und an's Fenster trat, »ich weiß wieder nicht, wo sie steckt, und doch ist's schon Zeit zum Theetrinken. Aha, das konnt' ich mir denken, da geht sie am Wasser auf und ab, das wilde Ding; wenn sie nur nicht mal hineinfällt!«
Bei diesen Worten klopfte Frau Tulliver heftig an's Fenster, winkte und schüttelte den Kopf, aber sie mußte das mehrmals wiederholen, ehe sie wieder Platz nahm.
»Du hältst sie für gescheut, Tulliver«, sagte sie, »aber in manchen Stücken ist das Kind wie von Gott verlassen; wenn sie mir was von oben 'runter holen soll, da vergißt sie, was ich ihr gesagt habe, setzt sich im Sonnenschein aus den Fußboden und kämmt sich das Haar und singt vor sich hin, als wär' sie verrückt, und all' die Zeit muß ich hier unten auf sie warten. Das liegt Gottlob nicht in meiner Familie, ebenso wenig wie ihre braune Farbe, mit der sie aussieht, wie 'ne Mulattin. Ich murre nicht gern gegen die Vorsehung, aber es ist doch hart, daß ich blos dies eine Mädchen habe, das so kurios ist.«
»Pah, Unsinn!« meinte der Mann, »sie ist so'n nettes schwarzäugiges Ding, wie man's nur sehen kann. Ich wüßte doch nicht, worin sie hinter andern Kindern zurück ist, und lesen kann sie so gut beinah wie der Pastor.«
»Aber ihr Haar will sich nicht kräuseln, ich mag aufstellen was ich will; wenn ich's ihr einwickeln will, so wird sie wild, und wenn sie stillstehen soll, damit man's ihr brennen kann – na, das ist 'n schwer Stück Arbeit.«
»Schneid's kurz ab«, war Tulliver's rasche Antwort.
»Wie kannst Du nur so reden, Tulliver? So'n großes Mädchen, schon neun Jahre alt, wie kann man der noch das Haar kurz schneiden! Ihre Cousine Lucie hat Locken um den ganzen Kopf, und ihr Haar ist immer in bester Ordnung! Es ist recht hart, daß Schwester Deane so'n hübsches Kind hat; Lucie artet mehr nach mir als mein eigenes Kind. Gretchen, Gretchen«, fuhr die Mutter halb schmeichelnd, halb ärgerlich fort, als nun dies seltsame Spiel der Natur im Zimmer erschien, »wie oft soll ich Dir sagen, daß Du vom Wasser wegbleibst? Du fällst gewiß noch mal hinein und versäufst und dann wird's Dir leid genug thun, daß Du der Mutter nicht gefolgt bist.«
Gretchen riß sich den Hut ab und der Zustand ihres Haares bot eine traurige Bestätigung für die Schilderung der Mutter; um ihr das Haar zu kräuseln wie allen andern Kindern, hatte Frau Tulliver es ihr vorn etwas kurz geschnitten, so daß es sich nicht hinter's Ohr streichen ließ, und da es kaum eine Stunde nach dem Loswickeln immer schlicht herunterhing, so mußte klein Gretchen unaufhörlich den Kopf zurückwerfen, damit ihr das dunkle schwere Haar nicht über die glänzenden schwarzen Augen fiel. In Folge dessen sah sie dann meist aus, wie ein kleines Pony mit zottiger Mähne.
»Du liebe Zeit, Gretchen, was soll das nun wieder, daß Du Deinen Hut so hinwirfst? Sei hübsch artig, bring ihn nach oben, lass' Dir's Haar bürsten und 'ne reine Schürze vorbinden; andre Schuhe kannst Du Dir auch anziehen – 's ist ja 'ne Schande, wie die wieder aussehen; und dann komm wieder 'runter und bring Deine Handarbeit mit.«
»Ach Mutter«, antwortete Gretchen sehr verdrießlich, »ich mag die Handarbeit nicht.«
»Wie! nicht die hübsche Handarbeit, die Lappendecke für Tante Glegg?«
»Es ist ja Unsinn«, meinte Gretchen und schüttelte ihre Mähne; »erst was entzwei reißen und dann wieder zusammennähen. Und ich will gar nichts für Tante Glegg machen; ich kann sie nicht leiden.«
Und unter dem lauten Gelächter ihres Vaters geht Gretchen ab, ihren Hut am Bande hinter sich herschleifend.
»Ich muß mich doch wundern, wie Du darüber noch lachen kannst«, sagte die Mutter, ein wenig gereizt. »Du bestärkst sie noch in ihrer Unart. Und die Tanten sagen dann immer, ich erzöge das Kind schlecht.«
Frau Tulliver war eine gutmüthige Person; als Kind hatte sie nie geschrieen, außer vor Hunger und Nadelstichen, und von der Wiege ab war sie gesund, rund und dumm gewesen, kurz an Schönheit und Liebenswürdigkeit die Blüthe ihrer Familie. Aber Milch und mildes Wesen halten sich nicht zum besten, und wenn sie nur ein bischen ansauern, so sind sie für die Jugend schlecht zu verdauen. Ich habe oft darüber nach gedacht, ob die Madonnen aus Raphaels erster Zeit mit den blonden Köpfen und etwas dummen Gesichtern wohl ihre ruhige Sanftmuth ungestört bewahrt haben, als ihre kräftigen und eigensinnigen Jungen in das Alter kamen, wo sie nicht mehr nackt gehen konnten. Ich denke mir, sie werden einige sanfte Vorstellungen gemacht haben und immer grämlicher geworden sein, je vergeblicher diese blieben.
Der Herr in dem großen weißen Halstuch mit dem Jabot[3], der so vergnüglich mit seinem Freunde Tulliver Cognac mit Wasser trinkt, ist Herr Riley, ein Mann mit einer Gesichtsfarbe wie Wachs und fleischigen Händen, für einen Auktionator und Taxator sehr gebildet, aber hochherzig genug, um gegen einfache gastfreie Landleute von seiner Bekanntschaft recht liebenswürdig freundlich zu sein. Von solchen Bekanntschaften pflegte Herr Riley herablassend zu sagen, es seien Leute von der guten alten Schule.
Das Gespräch stockte grade. Tulliver hatte sich – nicht ohne besonderen Grund – enthalten, die kaltblütige Abfertigung zum siebenten Male zu erzählen, mit der Riley es dem Dix so gut gegeben habe, und auch die andern Geschichten hatte er erledigt, wie dem hochnäsigen Wakem doch einmal in seinem Leben ordentlich über's Maul gefahren sei, und wie die Sache mit dem Deiche durch gütlichen Vergleich beigelegt worden, bei der es überhaupt nie zum Streit gekommen sein würde, wenn jedermann so wäre wie er sein sollte, und wenn der Teufel nicht die Advokaten in die Welt gesetzt hätte.
Tulliver war im Ganzen und Großen ein Mann, der sich auf der sicheren Heerstraße hergebrachter Meinungen hielt, aber über einige wenige Dinge hatte er sich doch selbst eine Ansicht gebildet und war dabei zu etwas bedenklichen Schlüssen gekommen; unter anderm meinte er, Ratten, Kornwürmer und Advokaten seien vom Teufel geschaffen[1q], und da ihm unglücklicherweise keiner sagen konnte, das sei starke Ketzerei, so beharrte er leider in seinem Irrthum. Heute aber war dem Teufel offenbar sein Werk nicht gelungen; die Geschichte mit der Wasserkraft hatte zwar ihre Rücken und Tücken gehabt, so einfach sie auch erschien, wenn man sie von der rechten Seite ansah; aber so verwickelt sie sein mochte, Riley war doch damit fertig geworden. Tulliver trank daher heute seine Mischung von Cognac und Wasser etwas stärker als gewöhnlich und sprach für einen Mann, der muthmaßlich ein paar hundert Pfund bei seinem Bankier liegen hatte, seine hohe Achtung vor dem geschäftlichen Talente seines Freundes mit etwas unvorsichtiger Offenheit aus.
Aber der Deich blieb ihm ja immer zur Unterhaltung; darüber konnte er ja immer wieder von vorn sprechen, und wie wir wissen, hatte er etwas anderes auf dem Herzen, worüber er Riley's Rath viel dringender wünschte. Das war der besondere Grund, weshalb er nach dem letzten Trunke eine kurze Zeit still schwieg und sich nachdenklich die Kniee rieb. Er liebte keine schroffen Uebergänge. Eine schlimme Welt das, pflegte er oft zu sagen, und wer zu schnell fährt, fährt gar leicht gegen den Prellstein. Riley seinerseits hatte Zeit und Geduld. Warum auch nicht? Die Füße am warmen Kamin, dann und wann eine tüchtige Prise Tabak, und billigen Cognac mit Wasser zum schlürfen – da hätte selbst Heißsporn ruhig gesessen.
»Da geht mir was im Kopfe 'rum«, sagte Tulliver endlich mit etwas gedrückter Stimme, indem er den Kopf erhob und seinem Freunde fest in's Gesicht sah.
»Ach so«, erwiderte Riley im Tone wohlwollender Theilnahme. Mit seinen schweren Augenlidern und hochgewölbten Augenbrauen hatte er unter allen Verhältnissen immer dasselbe Aussehen, und durch diese Unbeweglichkeit seines Gesichtsausdrucks, sowie durch die Gewohnheit, vor jeder Antwort erst eine Prise zu nehmen, erschien er dem Müller doppelt und dreifach wie ein Orakel.
»Es ist ganz was besondres«, fuhr er fort; »es betrifft meinen Jungen, den Tom.«
Bei diesem Namen fuhr Gretchen, die auf einer Fußbank nahe beim Feuer saß und ein großes Buch auf dem Schooße hielt, leise in die Höhe, warf ihr schweres Haar zurück und horchte begierig auf. Es gab nicht viele Worte, die Gretchen aus ihrer Träumerei weckten, wenn sie über einem Buche saß, aber der hellste Pfiff konnte nicht so wirken wie der Name ihres Bruders Tom; in einem Augenblicke stand sie auf dem Posten und blickte aus ihren glänzenden Augen so scharf um sich, wie ein schottischer Pinscher, der Unheil wittert, – bereit auf jeden loszuspringen, der ihrem Tom etwas anhaben wollte.
»Sehen Sie, Riley, zu Johanni soll er in 'ne andre Schule; Ostern kommt er von der Akademie nach Hause, und dann soll er ein Vierteljahr feiern, aber nachher möcht' ich ihn in so 'ne recht gute Schule thun, wo er gehörig was lernt.«
»Das muß ich loben«, erwiderte Riley; »besser können Sie nicht für ihn sorgen als durch eine gute Erziehung. Nicht als ob ich meinte«, fügte er mit höflicher Herablassung hinzu, »daß einer nicht ein ausgezeichneter Müller und Landwirth sein kann, und ein gescheuter Praktikus obendrein, ohne daß er grade viel beim Schulmeister gelernt hat.«
»Ganz meine Ansicht«, entgegnete Tulliver und nickte mit den Augen und wandte den Kopf auf die andere Seite, »aber das ist grade der Punkt; Tom soll gar nicht Müller und Landwirth werden. Davon halt' ich nicht viel; denn, sehn Sie, wenn ich ihn Müller und Landwirth werden ließe, dann würde er sich darauf spitzen, daß er mal die Mühle und das Ackerland kriegt, und bei Gelegenheit gäb' er mir zu verstehen, es würde doch wohl Zeit für mich, daß ich mich zur Ruhe setzte und an mein Ende dächte. – Nein, nein, das kenne ich, das hab' ich bei Söhnen oft genug erlebt. Ich bin nicht so einer, der seinen Rock auszieht vor Schlafengehen. Ich werde Tom eine gute Erziehung geben und ihm 'n Geschäft einrichten; da kann er sich denn ein warmes Nest machen und braucht nicht darauf zu warten, daß er mich aus meinem wegtreibt. Früh genug, wenn's ihm nach meinem Tode zufällt. Ich lasse mich nicht auf Kinderbrei setzen, so lange ich noch meine Zähne habe – nein, nein, ich nicht, ich nicht.«
Offenbar war Tulliver auf diesem Punkte fest entschlossen, und der Nachdruck, mit dem er diese Rede ungewöhnlich schnell gesprochen hatte, zeigte seine Nachwirkung noch einige Minuten nachher in einem trotzigen Schütteln des Kopfes von einer Seite zur andern und einem gelegentlichen Nein, Nein, das wie ein dumpfes Grollen verhallte.
Diese bösen Zeichen entgingen der kleinen Gretchen nicht und schnitten ihr tief in's Herz. Tom sollte also fähig sein, den Vater aus dem Hause zu verdrängen, sollte so schlecht sein, ihm eine traurige Zukunft zu bereiten! Das war nicht zu ertragen; Gretchen sprang von ihrer Fußbank auf, vergaß ganz ihr schweres Buch, welches laut zur Erde fiel, und sagte, indem sie dicht an den Vater herantrat, halb weinend, halb entrüstet:
»Vater, Tom würde nie schlecht gegen Dich sein, – nie, ganz bestimmt nicht.«
Da Frau Tulliver grade draußen mit dem Abendessen zu thun hatte und Tulliver's Herz gerührt war, so bekam Gretchen diesmal wegen des Buches keine Schelte; Riley nahm es ruhig auf und sah es sich an, während der Vater mit einer gewissen Zärtlichkeit in den harten Zügen sein kleines Töchterchen anlächelte und streichelte, ihre Hände ergriff und sie auf den Schooß nahm.
»Ach so! von Tom darf man nichts böses sagen«, meinte Tulliver und nickte Gretchen zu. Dann, als könnte sie es nicht hören, sagte er etwas leiser zu Riley: »Sie versteht alles, was man sagt; so was hab' ich mein' Lebtage noch nicht gesehen. Und lesen sollten Sie sie hören! Das geht so schlank weg, als wüßte sie alles schon auswendig. Und immer bei ihren Büchern! Aber es ist doch bös, recht bös«, fügte er etwas gedrückt hinzu; »ein Mädchen darf nicht so gescheut sein, das führt zu nichts gutem, fürcht' ich. Aber wahrhaftig!« – hier gewann der natürliche Stolz wieder die Oberhand – »lesen kann sie die Bücher und verstehen, besser als mancher Erwachsene.«
Gretchen hörte das alles und wurde vor Stolz und Freude ganz roth im Gesicht: jetzt, meinte sie, würde Riley wohl Respekt vor ihr haben; vorher hatte er offenbar nichts von ihr gehalten. Er blätterte grade in dem Buche, und sie wußte nicht recht, was sie aus seinem Gesichte mit den hohen Augenbrauen machen sollte; aber nun sah er sie an und sagte:
»Komm, Kleine, und erzähl' mir was aus dem Buche; da sind ein paar Bilder; ich möchte wohl wissen, was die bedeuten.«
Noch tiefer erröthend, aber ohne Zögern stellte sich Gretchen neben Riley und sah in das Buch, faßte es begierig an einer Ecke, warf ihre Mähne zurück und sagte:
»Oh, ich will Ihnen wohl sagen, was das ist. Ein fürchterliches Bild, nicht wahr? Aber ich muß es doch immer wieder ansehen. Die alte Frau im Wasser, das ist 'ne Hexe, und die haben sie in's Wasser gesteckt, weil sie sehen wollen ob's 'ne Hexe ist oder keine, und wenn sie oben schwimmt, denn ist sie eine, und wenn sie untergeht und stirbt, denn ist sie unschuldig und keine Hexe, sondern blos 'ne arme verrückte alte Frau. Aber was soll ihr das wohl helfen, wenn sie mal erst ertrunken ist? Blos, denn kommt sie in den Himmel, und der liebe Gott wird's ihr lohnen. Und der schreckliche Schmied mit den untergeschlagenen Armen, der so lacht – hu, was der häßlich ist! Und wollen Sie wissen, wer's ist? Das ist der leibhaftige Teufel (hier wurde Gretchens Stimme lauter und ausdrucksvoller) und gar kein rechter Schmied, denn der Teufel nimmt die Gestalt von bösen Menschen an und geht umher und bringt die Leute in's Verderben, und er erscheint öfter in Gestalt eines bösen Menschen als sonst wie; denn wenn die Leute sähen, es wäre der Teufel, und er brüllte sie an, dann liefen sie weg, und er könnte nicht mit ihnen machen, was er wollte.«
Tulliver hatte diese Auseinandersetzung Gretchens beinahe starr vor Staunen angehört.
»Aber was für'n Buch hat das Mädchen da in die Hände bekommen?« rief er endlich aus.
»Die Geschichte des Teufels von Daniel Defoe«, erwiderte Riley; »das ist nicht grade ein Buch für kleine Mädchen. Wie kommt das unter Ihre Bücher, Tulliver?«
Gretchen sah ein bischen betrübt aus, während der Vater antwortete: »O, 's ist eins von den Büchern, die ich neulich auf der Auktion gekauft habe; sie haben alle denselben Einband – recht hübsch der Einband, wie Sie sehen – und ich glaubte, es wären lauter gute Bücher. ›Das gottselige Leben und Sterben‹ von Jeremias Taylor war mit dabei; da lese ich des Sonntags oft drin«, (Tulliver fühlte eine gewisse Verwandtschaft mit diesem Schriftsteller, weil er selbst mit Vornamen auch Jeremias hieß) »und noch mehr solche Bücher; ich glaube, meist Predigten; sie haben alle denselben Deckel und darum dachte ich, es stände auch ungefähr dasselbe drin. Aber man darf nicht nach dem Aeußern urtheilen, scheints; 's ist 'ne schlimme Welt.«
»Nun, Kleine«, sagte Riley in väterlich ermahnendem Tone, indem er Gretchen den Kopf streichelte, »von der Geschichte des Teufels bleib lieber fort und lies ein hübscheres Buch. Hast Du denn nichts lustigeres?«
»O doch«, erwiderte Gretchen, angenehm angeregt durch die Aussicht, die Mannigfaltigkeit ihrer Lektüre beweisen zu können, »ich weiß wohl, daß die Geschichte in diesem Buche nicht hübsch ist, aber die Bilder hab' ich gern und zu den Bildern erfind' ich mir selbst Geschichten. Ich hab' aber auch noch andre Bücher, Aesops Fabeln, und ein Buch über Känguruh's und so was, und die Pilgerreise.«
»Ah, das ist 'n schönes Buch«, meinte Riley, »Du kannst kein besseres lesen.«
