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Sabrina wird ohne Vorwarnung von ihrem Mann Erik sitzen gelassen. Um das Haus für sich und ihre zwei Kinder zu halten, beschließt sie, eine WG zu gründen, die nur aus alleinerziehenden Müttern besteht, Arbeitsteilung inklusive. Die junge Katja betreut die Kinder, Lisa kümmert sich um den Haushalt, Sabrina und die Schreinerin Inge verdienen das Geld. Oberste Regel: Männer dürfen nicht über Nacht bleiben! Doch Sabrina lernt den Architekten Stefan kennen, und bald schon geraten die Grundsätze der Mütter-WG ins Wanken.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Heiligabend
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Gleich schlage ich ihm mitten ins Gesicht.
Der Gedanke war so übermächtig, dass ich mich sehr anstrengen musste, um zu verstehen, was Erik jetzt sagte.
»Ich hätte mich nicht so früh binden sollen«, jammerte er gerade. »Hätte mich erst mal austoben müssen. Das fehlt mir jetzt.«
»Hast du schon deine Midlife-Crisis?« Was sollte das sonst sein?
Erik schnaubte. »Nein, es ist eher, als würde ich aufwachen.«
»Aus einem Albtraum?«
»Fast.«
»Also, ich und die Kinder sind dein Albtraum.«
»So meine ich das nicht. Es ist eher so global. Was wäre, wenn. Nicht auf euch speziell bezogen.« Er zuckte die Schultern. »Ich möchte jetzt mal frei sein. Tun, was ich will, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen.«
Er war übergeschnappt. Es konnte nicht anders sein. Das ergab doch alles keinen Sinn. Vielleicht würde ein gezielter Schlag ja sogar helfen.
»Kein Problem!«, erwiderte ich schnippisch. »Wir frieren die Kinder ein und tauen sie wieder auf, wenn du dich ausgetobt hast. Dann machen wir weiter wie bisher.«
»Haha! Ich wusste, dass du mich nicht verstehen würdest.«
»Was gibt es denn daran zu verstehen?! Du willst deinen Freiraum. Was wird aus den Kindern?«
Er runzelte die Stirn. »Na, die bleiben bei dir.«
»Und wenn ich auch meinen Freiraum will? Nimmst du dann die Kinder?«
»Das wäre aber ganz schön egoistisch von dir. Schließlich bist du ihre Mutter.«
Das war jetzt zu viel. Meine rechte Hand hob sich von allein. Aber dann würde das Gespräch wohl beendet sein.
»Ich habe sie nicht alleine gemacht«, presste ich stattdessen hervor. »Wenn das ginge, wärst du ja für gar nichts gut. Du bist der, der egoistisch ist. Du kannst doch nicht einfach beschließen, kein Vater mehr sein zu wollen. Die Kinder sind da, und damit musst du jetzt leben. Obwohl die Kinder mehr verdient haben als einen Vater, der sie lediglich duldet.«
»Ich will ja Vater sein. Aber nicht rund um die Uhr.«
»Ach so! Du willst eine Ex-Frau, die die unangenehmen Sachen mit den Kindern macht, während du Wochenend-Papi spielst und deinen Freiraum genießt.«
Erik seufzte. »Ja, und das ist irgendwie nicht in Ordnung von mir. Ich weiß. Aber so ist es nun mal.« Er sah sich um. »Wir verkaufen das Haus und …«
»Nix da! Das Haus wird nicht verkauft. Willst du den Kindern auch ihr Zuhause nehmen? Außerdem weißt du, was es mir bedeutet.«
»Du könntest in eine Wohnung ziehen. Das reicht anderen Familien auch. Ich brauche das Geld.«
»Das kannst du vergessen«, zischte ich. »Hau ab!« Ich riss einen der Koffer hoch, die er schon gepackt hatte, bevor er mir eben mal schnell mitteilte, dass er ausziehen würde, trug ihn zur Tür, öffnete sie und schmiss ihn hinaus. Er polterte die Stufen der Eingangstreppe hinunter und blieb in einer kleinen Pfütze liegen.
Erik schnappte sich den anderen Koffer und stürmte hinaus. »Jetzt hast du komplett den Verstand verloren!«, rief er.
Ich schmiss die Tür hinter ihm zu. Vielleicht hätte ich ihm doch eine schmieren sollen. Gegen die Tür zu donnern, verschaffte mir jedenfalls keine Erleichterung. Zitternd vor Anspannung und Wut ging ich ins Wohnzimmer.
Er war jetzt wirklich gegangen. Und nach allem, was er gesagt hatte, brauchte er auch nicht wiederzukommen. Mein Atem ging schneller, tat schon fast weh. In meinem Kopf drehte es sich. War das eine Panikattacke? Die volle Wucht des Ausmaßes der Katastrophe traf mich.
Zum Glück waren die Kinder noch nicht da! Sie waren auf einem Ausflug, den Grundschule und Kindergarten unserer kleinen Gemeinde zusammen veranstalteten. So mussten sie weder den Streit mitanhören noch ihre Mutter völlig panisch auf dem Sofa sitzen sehen.
»Dieser verdammte Scheißkerl!«, schrie ich den Fernseher an. »Blöder, scheißiger Mistkerl! Memme! Versager! Nichtsnutziger Arsch!«
Wie hatte ich ihn gehen lassen können, ohne ihm eine zu verpassen?! Ich war nicht der Schlägertyp, aber die hatte er sich ja wohl gründlich verdient.
Ich zog mir das Kissen vors Gesicht und stöhnte laut hinein. Erik war weg und überließ es mir, den Kindern zu sagen, dass er nie wiederkommen würde. So ein Drecksack!
Mit zitternden Händen nahm ich das Mobilteil vom Festnetztelefon, um Claudia anzurufen, meine beste Freundin.
Zum Glück ging sie gleich ran. »Hallo, Sabrina!«
»Er ist weg«, begann ich sofort.
»Wer ist weg? Warst du krank?«
»Nein. Erik ist weg. Er hat mich und die Kinder verlassen.«
Schweigen.
»Dieser Arsch!«, rief ich. Dass mir in diesem Moment Tränen über die Wangen rannen, machte mich noch wütender. »Die Kinder sind ihm zu viel. Er will Freiraum und wieder für sich sein.« Ich schluchzte.
»Ach, Mensch! Habt ihr euch gestritten?«
»Nein, vorher nicht. Er stand plötzlich mit gepackten Koffern vor mir und hat verkündet, dass er sich eine Wohnung in der Innenstadt gesucht hat und auszieht, weil ihm das hier alles zu viel wäre.«
»Du und die Kinder?«
»Ja. Er hätte sich nicht so früh binden sollen, nicht so früh Kinder bekommen.«
»Na, so jung war er auch nicht mehr«, sagte Claudia. »Mit dreißig wurde es höchste Zeit bei ihm.«
»Das findet er anscheinend nicht. Jetzt bereut er es und möchte wieder nur für sich verantwortlich sein, sein Leben genießen. Ohne Kinder. Und ohne mich.«
»Dieser Arsch! Ich komme bei dir vorbei.« Mit diesen Worten legte sie auf.
Claudia wohnte im Nachbardorf und stand eine Viertelstunde später vor meiner Tür, mit einer Taschentuchbox und einem Liter Schokoeiscreme.
Nach zehn Taschentüchern und einer halben Eisbox hatte ich ihr alles haarklein erzählt. Von Eriks komischem Verhalten die letzten Wochen, dem späten Nachhausekommen, seiner Abschottung im Keller am Wochenende, weil er »mal seine Ruhe brauche«.
»Selbst die Mädchen wollte er nicht mehr sehen«, jammerte ich Claudia vor.
»Das klingt ernst. Ich hab vorhin gehofft, ihr hättet nur einen Ehekrach.«
Ich schüttelte heftig den Kopf. »Der kommt nicht mehr wieder. Er hat sich das alles schön zurechtgelegt. Hat sogar zugegeben, wie egoistisch er ist und dass das nicht richtig von ihm sei. Nicht mal das konnte ich ihm an den Kopf werfen, damit es ihm wehtut.«
»Er macht es sich aber auch ganz schön einfach.«
»Das Letzte, was er gesagt hat, bevor ich ihm einen Koffer vor die Tür geschmissen habe, war, dass er das Haus verkaufen will, weil er das Geld bräuchte.«
Claudia riss die Augen auf. »Soweit hab ich ja noch gar nicht gedacht. Was wird denn ohne ihn aus dem Haus? Das kannst du doch nicht einfach verkaufen. Er weiß doch, wie viel es dir bedeutet.«
»Das scheint ihm egal zu sein.«
»Wie ist denn das? Ist er Miteigentümer? Du hast es doch von deinen Großeltern geerbt.«
»Als wir es umgebaut haben, hab ich ihn ins Grundbuch schreiben lassen. Die Kredite laufen auch auf uns beide.« Ich schniefte in ein feuchtes Taschentuch.
Claudia atmete tief ein. »Wie willst du das alleine schaffen?«
Ich zuckte die Schultern. »Laura kommt in die zweite Klasse. Ich wollte abwarten, wie das erste Schuljahr läuft, und dann wieder arbeiten. Eigentlich Teilzeit. Aber ich werde wohl auf Vollzeit gehen müssen.« Das wurde mir erst jetzt klar, da ich es ausgesprochen hatte. Seit Lauras Geburt vor sieben Jahren war ich zu Hause geblieben und hatte mich um Haushalt und Kinder gekümmert. Erik arbeitete als Selbstständiger sechzig Stunden in der Woche und verdiente gut.
»Er muss doch Unterhalt zahlen«, sagte Claudia.
»Für die Kinder auf jeden Fall. Für mich weiß ich nicht. Und wer weiß, ob er überhaupt zahlt. Er ist so gerissen in finanziellen Dingen. Da findet er bestimmt einen Weg, das zu umgehen.«
»Meinst du? Es sind doch auch seine Kinder.«
»Von denen er Abstand braucht. Dass er ihnen ihr Zuhause nimmt, wenn wir das Haus verkaufen, hat ihn auch nicht interessiert.«
Die zweite Hälfte der Eisbox später waren wir kein Stück weiter. Aber ich hatte mich so weit beruhigt, dass ich die Mädchen holen konnte.
Allerdings brachte ich es an diesem Abend nicht mehr übers Herz, ihnen zu erzählen, dass ihr Vater gegangen war. Stattdessen erfand ich eine kurzfristige Geschäftsreise, die mir zwar Murren der beiden einbrachte, aber weitere unangenehme Fragen ersparte, die ich nicht hätte beantworten können, ohne über Erik zu schimpfen.
Nachdem sie im Bett waren, saß ich lange auf der Couch. Der Fernseher lief, aber ich bekam nichts mit. Ein Teil von mir hatte wohl gehofft, dass Erik sich melden, dass er vor der Tür stehen und sich entschuldigen würde. Aber er rief nicht mal an. Wie lange hatte er das schon geplant, wenn er sogar schon eine Wohnung hatte? Besser ich fand mich sofort damit ab, dass er weg war!
Nach einer unruhigen Nacht voll wirrer Träume über Häuser im Allgemeinen und Erik, der speziell mein Haus auf einen LKW lud und damit davonfuhr, während ich mit den Kindern auf der grünen Wiese zurückblieb, war mir klar, dass ich sofort handeln musste. Erik würde nicht zur Vernunft kommen. Und wenn, dann würde es nicht so sein wie vorher.
Als Laura und Sara in Schule und Kindergarten waren, suchte ich mir die Nummer einer Familienrechtsanwältin in Nürnberg.
Nachdem ich dem Herrn am Telefon, dem Assistenten der Anwältin, kurz die Sachlage geschildert hatte, bot er mir an, gleich vorbeizukommen. Eine Dreiviertelstunde später saß ich einer älteren Dame gegenüber, die mich über ihre Halbmondgläser hinweg anschaute.
»Wann ist er ausgezogen?«, fragte sie.
»Gestern.«
Sie schrieb etwas auf ihren Block.
»Sie haben Kinder?«
»Ja, zwei. Sieben und fast fünf Jahre.«
Die Anwältin runzelte die Stirn. »Haben Sie Einkommen?«
»Nein, ab September wollte ich wieder arbeiten. Bei unserer Gemeinde in der Verwaltung.«
»Wie viel verdienen Sie dann?«
»Das kommt drauf an. Vollzeit zweitausendvierhundert Euro netto in etwa.«
Die Anwältin nickte. »Haben Sie mit Ihrem Mann bezüglich Unterhalt etwas vereinbart?«
»Dafür war keine Zeit. Er ist selbstständig im Immobilienhandel, hat eigentlich immer gut verdient. Aber jetzt hat er gesagt, er will das Haus verkaufen, weil er Geld bräuchte. Kann er das?«
Die Anwältin holte tief Luft. »Ich gehe mal davon aus, dass das Haus noch nicht abbezahlt ist?«
»Für den Umbau haben wir einen Kredit aufgenommen, der noch läuft.«
»Wenn die Raten an die Bank nicht gezahlt werden, wird Ihnen die Bank das Haus wegnehmen. Ich würde an Ihrer Stelle davon ausgehen, dass er nicht weiter dafür zahlen wird.«
»Aber seine Kinder leben doch auch darin. Es ist das Haus meiner Großeltern. Ich bin dort aufgewachsen, nachdem meine Eltern gestorben sind.«
»Haben Sie es geerbt?«
Ich nickte. »Aber vor dem Umbau haben wir ihn ins Grundbuch schreiben lassen. Er weiß, dass ich es nicht verkaufen will.«
»Sie glauben gar nicht, wie wenig sowas bei einer Scheidung eine Rolle spielt. Ich würde an Ihrer Stelle vom Schlimmsten ausgehen. Am einfachsten wäre, Sie suchen sich eine Wohnung zur Miete und gehen Vollzeit arbeiten. Wenn Ihr Mann überhaupt Unterhalt zahlt, muss er dies nur für die Kinder. Am besten, Sie werden so schnell wie es geht finanziell unabhängig.«
»Gibt es denn keine Möglichkeit, wie ich das Haus behalten kann?«
»Sie müssten Ihrem Mann seinen Anteil ausbezahlen.«
»Das wird schwierig.«
»Noch schwieriger wird es, die Bank davon zu überzeugen, nur noch Sie als Schuldnerin in Anspruch zu nehmen. Wenn Ihr Mann aus dem Kredit nicht rauskommt, wird er wohl kaum damit einverstanden sein, dass Sie das Haus behalten.«
Ich überschlug kurz im Kopf. Der Umbau war mit knapp zweihunderttausend Euro sehr teuer gewesen. Meine Großeltern hatten jahrzehntelang kaum etwas erneuert. Es waren ungefähr achtzigtausend Euro abbezahlt. Davon müsste ich Erik vierzigtausend Euro geben. Wenn er damit überhaupt zufrieden war. Er hatte auch Bargeld in den Umbau gesteckt. Ich rechnete lieber damit, dass er die Hälfte vom Hauswert haben wollen würde, also einhundertfünfzigtausend Euro. Außerdem musste ich die restlichen einhundertzwanzigtausend Euro vom Kredit selbst abzahlen. Das war unmöglich.
»Klären Sie erst mal in Ruhe Ihre Finanzen«, sagte die Anwältin. »Kontostände, Schulden, Einkommen. Wenn Ihr Ehemann Vermögen hätte, könnten Sie über den Zugewinnausgleich die Hälfte davon bekommen.«
»Er hat gesagt, er bräuchte das Geld aus dem Hausverkauf.«
Sie runzelte wieder die Stirn. »Wie gut läuft es denn gerade in seiner Firma?«
»Die genauen Finanzen kenne ich nicht. Aber wir haben nie an irgendwas gespart.«
Jetzt, als sie fragte, kam mir ein furchtbarer Gedanke. Erik war doch nicht etwa pleite?
Die Anwältin kritzelte auf ihrem Zettel herum. »Ich werde gleich einen Schriftsatz aufsetzen und um Vermögensauskunft bitten.«
***
Als Erstes stand ein Finanzcheck an. Ich öffnete die Internetseite der Bank und analysierte den Kontostand und die bisherigen Ausgaben in diesem Monat – und fiel fast vom Stuhl. Da war eine Barabhebung auf dem Haushaltskonto über sechstausend Euro. Nur noch fünfhundert Euro waren von dem Geld übrig, das dafür gedacht war, die laufenden Kosten zu zahlen wie Essen und Anziehsachen. Ich sah die anderen Konten durch. Baukonto, Urlaubskonto – alle waren leergefegt. Erik hatte das Geld beiseitegeschafft. Bereits vorgestern, also bevor er mir verkündet hatte, dass er geht. Die fünfhundert Euro waren alles, was mir blieb. Und wer weiß, wann das mit dem Zugewinn geregelt wurde.
Heute war der siebzehnte Mai. Bis Ende des Monats kam ich zurecht, aber ab nächstem Monat musste Geld rein.
Eigentlich war der Plan gewesen, ab September wieder zu arbeiten. Das hatte ich auch schon beantragt. Jetzt musste ich nachfragen, ob ich früher zurückkommen durfte und dann noch Vollzeit.
Ich suchte die Nummer meiner Kollegin in der Gemeindeverwaltung und wählte.
»Gemeindeverwaltung, Sohr ist mein Name«, meldete sich eine bekannte Stimme.
»Hallo, Jutta! Hier ist Sabrina.«
»Ach, hallo! Wie geht es dir?«
»Na ja, nicht so gut.«
»Ist was mit den Kindern?«
»Nein, aber … ich habe mich von meinem Mann getrennt.« Ich machte eine Pause, aber Jutta schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? »Meinst du, ich kann früher wieder zurückkommen zur Arbeit?«
»Ach, Mensch! Das tut mir aber leid. Willst du deswegen früher wiederkommen?«
»Ja, es ist noch nichts geklärt wegen der Finanzen. Und ich will das selbst regeln, ohne auf Unterhaltszahlungen angewiesen zu sein. Deshalb würde ich auch gern Vollzeit wiederkommen.«
»Das wäre klasse! Wir haben hier so viel zu tun. Der Bürgermeister wird Luftsprünge machen, wenn du früher anfängst.«
Ich atmete auf.
»Ich sag ihm gleich Bescheid«, fuhr Jutta fort. »Und dem Kämmerer natürlich auch. Komm die nächsten Tage mal vorbei, um den Elternzeitantrag zu ändern.«
»Ja, ich komme gleich morgen. Heute schaffe ich es nicht mehr.«
Es war fast zwölf, und ich würde die Kinder in etwa einer Stunde von Schule und Kita abholen.
***
Am Abend kam Claudia vorbei.
»Los, wir köpfen eine Flasche Wein!«, sagte ich.
»Ich kann nicht«, erwiderte sie und sah mich mit einem Lächeln an.
»Bist du etwa …?«
»Ja«, rief sie. »Im vierten Monat. Endlich sieht es so aus, als würde ich wirklich Mutter werden.«
»Das ist toll!« Ich umarmte Claudia. Nach mehreren Fehlgeburten hatte sie schon fast aufgegeben. Das Thema hatten wir die letzten Wochen gemieden.
»So weit war ich noch nie«, sagte sie. »Diesmal schaffen wir es.«
»Auf jeden Fall.« Ich sah unschlüssig auf die beiden Gläser und die Weinflasche.
»Lass dich nicht abhalten!«, sagte Claudia. »Ich nehme einen Saft.«
Ich holte Traubensaft und goss ihn in Claudias Glas. Mir selbst goss ich Wein ein, so viel wie ins Glas passte.
»Erzähl mal!«, forderte ich Claudia auf, und sie erzählte von der abgebrochenen Kinderwunschbehandlung, wie sie und Bernd sich damit abfinden wollten, keine Kinder zu bekommen, dass sie es sich aber anders überlegt und einen letzten Versuch gestartet hatten.
»Das ändert euer ganzes Leben«, sagte ich.
»Davor habe ich auch Angst. Du und Erik wart früher ein Traumpaar.«
Ich tätschelte Claudias Bein. »Bernd ist anders als Erik. Der bekommt bestimmt nicht plötzlich eine vorgezogene Midlife-Crisis, nachdem ihr euch so lange ein Kind gewünscht habt.«
Claudia streichelte über ihren Bauch und lächelte.
Den Rest des Abends sprachen wir über Schwangerschaftsbeschwerden, Kinder im Allgemeinen, notwendige Babyausstattungen, Sinn und Unsinn von Holzspielzeug und mieden das Thema Erik.
Zum Abschied drückte ich Claudia. »Danke für die Ablenkung«, sagte ich.
Sie sah mich ernst an. »Die Kinder wissen es noch nicht, oder?«
»Das hab ich noch nicht geschafft.«
***
Gleich am nächsten Morgen fuhr ich zu dem kleinen Rathaus im Nachbarort.
»Hallo, Sabrina!«, begrüßte mich Jutta fröhlich. Dann erstarb ihr Lächeln plötzlich. »Ich wollte gerade fragen, wie es dir geht. Aber …«
»Wird schon wieder«, erwiderte ich und seufzte. »Muss nur schnell alles klar machen, damit ich ab ersten Juni hier anfangen kann.«
»Super! Wird auch Zeit, dass wieder jemand kommt, der Ahnung hat. Diese ganzen Vertretungen sind echt nicht das Wahre. Geh gleich mal zum Weiß! Der hat schon alles vorbereitet.«
Herr Weiß war der Kämmerer, ein etwa sechzigjähriger, rotgesichtiger Mann. Etwas plump im Umgang, aber sehr herzlich.
Er empfing mich freudestrahlend und hielt mir die Papiere entgegen, die ich sofort unterschrieb.
»Und Sie wollen wirklich Vollzeit arbeiten?«, fragte er währenddessen. »Nicht, dass wir Sie nicht brauchen könnten, aber was ist mit Ihren Kindern?«
»Meine Familiensituation erfordert das leider«, wich ich aus und reichte ihm den unterschriebenen Vertrag.
Er nickte nur, und ich verabschiedete mich. Mit flauem Gefühl ging ich zum Auto. Ich musste das alles irgendwie schaffen. Morgens früh anfangen, die Kinder mussten selbst zu Kindergarten und Schule laufen, die zum Glück im gleichen Ort waren. Bis um vier konnten sie in die Betreuung. Ich atmete kurz die aufkommende Panik nieder. Acht Jahre waren Erik und ich verheiratet. Jetzt war ich dreiunddreißig, und er kriegte mit achtunddreißig seine Lebenskrise, während ich allein zusehen musste, wie ich alles auf die Reihe bekam.
Es hatte zu funktionieren. Sonst musste ich doch das Haus verkaufen und umziehen. Aber das konnte ich nicht so einfach. Es war das Haus meiner Großeltern. Zwar kaum wiederzuerkennen nach dem großen Umbau, dennoch quasi mein Elternhaus.
Am Pfingstwochenende hatte das Versteckspiel ein Ende. Am Samstagvormittag sagte ich den Kindern, dass ihr Vater ausgezogen war. Laura nahm es mit finsterem Gesicht zur Kenntnis. Nachdem die letzten Tage der abendliche Anruf Eriks ausgeblieben war, der sonst immer kam, wenn er auf Geschäftsreise war, hatte sie bestimmt schon sowas geahnt.
Sara traf es härter. Sie weinte und schluchzte.
»Sehen wir ihn dann nie wieder?«, fragte sie.
»Doch«, erwiderte ich. »Er richtet sich nur ein und braucht ein bisschen Zeit für sich. Aber dann könnt ihr ihn regelmäßig besuchen.«
»Samira sieht ihren Papa nur alle paar Wochen«, sagte Laura. »Der hat eine neue Familie und will nichts mehr von Samira wissen.«
Danke, Laura! Das hilft jetzt.
Sara sah mich mit nassem Gesicht an. »Will der Papa auch nichts mehr von uns wissen?«
Ich nahm sie in den Arm. »Doch, doch! Natürlich.« Dabei drehte ich sie von Laura weg, die mich mit verschränkten Armen und trotzigem Gesicht ansah. Sie hatte die Situation anscheinend voll erfasst. Es tat mir so leid. Ich liebte die beiden über alles. Und mir ging es noch schlechter, jetzt, wo ich sah, wie hart es sie wirklich traf.
Um uns auf andere Gedanken zu bringen, fuhr ich mit ihnen in den Nürnberger Tierpark. Wir aßen mittags Pommes, später Eis und erwähnten Erik nicht mehr. Laura war zwar auffallend schweigsam, aber ich musste das allein mit ihr besprechen, wenn Sara nicht dabei war.
Abends saß ich an ihrem Bett. Sara schlief im Nachbarzimmer schon.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich und ärgerte mich sofort über diese dumme Frage.
Laura schüttelte den Kopf und fing nun auch an zu weinen. Ich nahm sie in den Arm und strich ihr über den Kopf. Irgendwann schlief sie in meinen Armen ein.
Mir war übel. Dass es die Kinder so fertig machte, war echt das Schlimmste. Die letzten Tage hatte ich alles wie ein Roboter erledigt, abgehakt, was auf meiner Trennungs-To-Do-Liste stand.
Doch jetzt war es Zeit für eine Gefühlsbestandsaufnahme. Ich legte mich auf mein Bett und schaltete den Fernseher ein, damit es nicht so still war.
Ich musste es wagen, die betäubten Gefühle rauszulassen. Wie stand ich nun zu Erik? Sollte ich um ihn kämpfen? Um unsere Ehe? Doch die Wut über sein Verhalten überlagerte jede Zuneigung. Unsere Ehe war im Alltag versunken. Ja. Aber das war nun mal so, wenn Kinder da waren. Oft genug hatte ich versucht, Abende für uns allein zu organisieren. Ich hatte keine Eltern, die auf die Kinder aufpassen konnten, also engagierte ich teure Babysitter. Doch meistens kam Erik etwas dazwischen, ein plötzlicher Geschäftstermin, eine Geschäftsreise. Und so blieb kaum Zeit, unsere Beziehung zu pflegen. Allerdings hatte ich immer versucht, Verständnis aufzubringen. Schließlich verdiente er unseren Lebensunterhalt.
Ohne zu einem Ergebnis zu kommen, schlief ich ein und träumte wieder wirr, von Giraffen im Garten, die auf die Kinder aufpassten.
Der Pfingstsonntag war etwas trübe, und ich sah mit den Kindern Filme an, spielte Gesellschaftsspiele und backte Waffeln, um sie abzulenken. Über Erik sprachen wir nicht. Am Montag fuhr ich mit ihnen ein paar Orte weiter, um spazieren zu gehen. Dass ich nicht in unserem Dorf spazieren gehen wollte, damit niemand nach Erik fragte, erzählte ich den Kindern natürlich nicht.
Zwei Wochen Ferien lagen vor uns. Aber Laura hatte mich zum Glück überredet, sie in der Ferienbetreuung in der Kindertagesstätte anzumelden, weil sie dort mit ihrer besten Freundin Samira spielen konnte. Sara hatte ich eigentlich abmelden wollen. Aber jetzt würden beide vormittags in der Kita sein. So hatte ich Zeit, ein paar Sachen zu regeln. Den Dienstag nutzte ich für meine Finanzplanung. Ich rechnete mit knapp zweitausendachthundert Euro Einkommen samt Kindergeld, das ich monatlich zur Verfügung haben würde. Die monatliche Hausrate betrug eintausendzweihundert Euro, vierhundert Euro waren die Nebenkosten, Versicherungen zweihundertfünfzig Euro. Wie sollte ich mit den restlichen neunhundertfünfzig Euro alles andere bewältigen? Es waren nicht nur die laufenden Kosten wie Essen, Haushalt, Klamotten. Ich musste ja auch noch Erik ausbezahlen. Ich nahm mir ein paar Minuten, um meinen Tränen freien Lauf zu lassen.
Aber ich musste es wenigstens versuchen. Oder vielleicht klärte sich noch alles, und Erik würde Unterhalt zahlen und war doch nicht pleite.
Doch diese Hoffnung wurde am nächsten Tag zerstört.
Am Mittwochvormittag klingelte mein Handy.
»Was soll das?«, rief Erik am anderen Ende der Leitung.
»Was soll was?«
»Hast du mir gleich eine Anwältin auf den Hals gehetzt? Du kriegst gar nichts, hörst du? Es ist alles weg.« Dann legte er auf.
Ich drückte die Anrufliste und wollte zurückrufen. Aber ich konnte sein Profilbild nicht mehr sehen – ein Bild von den Kindern. So viel ich wusste, hieß das, dass er mich blockiert hatte. Arsch!
Es ist alles weg? Mir wurde schlecht. Mehr als die noch vorhandenen fünfhundert Euro würde ich also wirklich nicht bekommen. Stattdessen musste ich ihm Geld fürs Haus zahlen und dazu noch an die Bank die weiteren Hausraten.
Was war mit seiner Firma? Ich musste unbedingt herausfinden, was geschehen war. Doch auf seiner Homepage deutete nichts darauf hin, dass etwas nicht stimmte. Ich unterdrückte die Nummer vom Festnetz und rief an. Aber es kam eine Bandansage.
»Wir sind im Urlaub. Hinterlassen Sie uns eine Nachricht und wir rufen zurück.« Es war eine automatische Ansage. Ich beschloss, selbst hinzufahren und nachzusehen. Eine Dreiviertelstunde später stand ich vor Eriks Geschäftsräumen in Nürnberg. Auch hier deutete nichts darauf hin, dass es die Firma nicht mehr gab.
Ich wählte die Nummer von Karen, der Sekretärin von Erik. Sie hatte mir mal ihre private Festnetznummer für die Planung einer Überraschungsparty für Erik gegeben.
»Hallo, ihr Lieben!«, ertönte sofort ihre Stimme. »Ich bin auf einer Kreuzfahrt und komme erst am siebten September wieder. Hinterlasst bitte keine Nachricht!«
Na, toll! Sie war wirklich verreist. Dass sie mit Erik zusammen war, schloss ich aus, weil er sich öfter über die Mittfünfzigerin mit der viel zu großen Eulenbrille und »dem Stock« im Hintern lustig gemacht hatte.
Mir fiel etwas ein. Erik hatte einen Brief bekommen, von der Anwältin. Schnell rief ich in der Kanzlei an.
»Wir haben es an die Firmenadresse geschickt«, teilte mir der Assistent der Anwältin mit. »Eine andere haben wir ja nicht.«
***
Donnerstag wachte ich auf mit einem Grummeln im Bauch. Wut! Blanker Hass! Ich musste was tun. Erik hatte nicht mal nach den Kindern gefragt, sondern mich nur angeschnauzt. Von wegen, er wisse, dass er unfair sei!
Als die Kinder in der Kita waren, setzte ich meine Wut in Energie um und entfernte Eriks restliche Sachen. Einen Schrank nach dem anderen nahm ich mir vor, ein Zimmer nach dem anderen. Ich stopfte sie in riesige blaue Mülltüten. Bevor ich die Kinder um zwei abholte, beseitigte ich alle Spuren der Ausräumaktion und verstaute die Säcke im Keller. Dann ging es mir besser und ich fuhr mit den Kindern Eis essen.
Am Freitag waren die Unterlagen dran. Ich kramte und räumte und sortierte. Mir fiel auf, dass sämtliche Papiere über Eriks Firma fehlten, obwohl ich genau wusste, dass er hier zu Hause auch welche aufbewahrt hatte. Es schien, als habe er alles entfernt, was ihm etwas bedeutete, nur der unwichtige Rest war hiergeblieben. Die Kinder und ich.
Ich sortierte die wenigen Papiere heraus, die nur Erik betrafen, und ordnete den Rest neu. Vielleicht konnte ich die eine oder andere Versicherung kündigen oder günstiger abschließen. Aber darum musste ich mich später kümmern.
Pünktlich zum Wochenende war aus meinem Sichtfeld alles verschwunden, was Erik gehörte. Die Bilder im Flur und im Wohnzimmer, auf denen wir als Familie abgebildet waren, musste ich ein andermal unauffällig austauschen. Vielleicht würde ich Erik rausschneiden, denn ich gefiel mir auf den meisten Bildern gut. Man konnte meine Haarfarbenreise gut an ihnen erkennen. Von Rot über Schoko und Kastanie, bis ich beim jetzigen Blond gelandet war, das meiner Naturhaarfarbe am nächsten kam, aber mit Strähnchen etwas aufgehellt war. Diese Bilder waren viel zu schade für Kisten. Aber erst mal blieben sie da, wo sie hingen.
Ich fühlte mich befreiter und hatte das erste Mal das Gefühl, dass etwas Neues begann. Doch leider erwischte die Kinder die nächsten zwei Tage der Blues. Vermutlich waren sie unter der Woche abgelenkt gewesen, von ihren Freunden. Außerdem hatten sie Erik vorher meist am Wochenende mal für sich allein gehabt. Und dieses Wochenende schlug die Sehnsucht voll zu.
Sara weinte am Samstag in ihrem Bett und wollte nicht aufstehen. Laura legte sich zu ihr, und so musste ich in zwei vorwurfsvolle Gesichter sehen.
»Wann können wir denn mal zu Papa?«, fragte Sara.
»Ich weiß nicht. Er hat sich nicht gemeldet.«
»Dann ruf du ihn doch an!«, sagte Laura giftig.
Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Das werde ich sofort tun.«
Dann ging ich hinunter, machte mir einen Kaffee und starrte mein Handy an. Ich war immer noch blockiert. Aber ich musste es versuchen. Ich rief an, bekam aber gleich ein Besetztzeichen. Ich tippte ein paar Sätze in der Hoffnung, er würde irgendwann aus Neugier schauen, ob ich geschrieben hatte. Wobei ich nicht genau wusste, ob meine Nachricht nicht einfach unwiederbringlich im Nirwana verschwand, wenn ich blockiert war.
Beim Kaffeetrinken ließ ich mir Zeit, bevor ich mit schwerem Herzen wieder zu den Kindern hinaufging.
»Der Papa hat dieses Wochenende keine Zeit«, log ich.
»Hast du ihn erreicht?«, fragte Laura und sah von dem Buch auf, das sie gerade Sara vorlas.
»Nicht direkt. Aber ich denke, er ist weggefahren. Unter seinen Telefonnummern geht nur der Anrufbeantworter ran, und seine Sekretärin ist im Urlaub. Es sind ja Ferien. Ihr wisst, wie viel er arbeitet. Da braucht er jetzt einfach ein bisschen Zeit für sich, und dann wird er sich melden.«
Laura atmete geräuschvoll ein und las weiter. Auch Sara wandte sich wortlos wieder dem Buch zu.
Mit Kloß im Hals und Tränen in den Augen ging ich runter. Das würde ein tolles Wochenende werden. Wie wohl die nächsten Wochenenden auch.
