Die Mutter (Zusammengefasste Ausgabe) - Maxim Gorki - E-Book

Die Mutter (Zusammengefasste Ausgabe) E-Book

Maxim Gorki

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Beschreibung

Die Mutter (1906/07) erzählt die politische Selbstermächtigung der Arbeiterwitwe Pelageja Nilowna Wlassowa, deren Sohn Pawel zum sozialistischen Aktivisten wird. Aus dem privaten Elend einer Fabrikvorstadt wächst eine kollektive Bewegung: illegale Flugschriften, konspirative Versammlungen, der 1.-Mai-Aufzug, Verhaftungen und Prozess. Gorki verbindet realistische Milieustudie und Tendenzroman: pathetische, bisweilen melodramatische Szenen stehen neben nüchterner Beobachtung, die Redeweise der Figuren bildet ein entstehendes Klassenbewusstsein. Der Roman, oft als Vorläufer des Sozialistischen Realismus gelesen, verankert Einzelbiografie und Masse im Kontext der Revolution von 1905. Maxim Gorki (Aleksej Maximowitsch Peschkow, 1868–1936) kannte Armut, Gelegenheitsarbeit und Vagabundage aus eigener Erfahrung; seine Nähe zu marxistischen Kreisen, die Freundschaft mit Lenin, Polizeiverfolgung und Exil (u. a. Capri) prägten seine Poetik. Nach dem Scheitern von 1905 suchte er eine exemplarische Form, in der persönliche Läuterung politisch lesbar wird—"Die Mutter" bildet diese Synthese programmatisch aus. Empfehlung: Dieses Schlüsselwerk der politischen Literatur lohnt sich für Leserinnen und Leser, die soziale Bewegungen, die russische Moderne und die Genese des proletarischen Romans verstehen möchten. Wer bereit ist, didaktisches Pathos als ästhetische Strategie zu akzeptieren, wird eine eindringliche, historisch aufschlussreiche Lektüre erfahren. Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar – destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Autorenbiografie · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Maxim Gorki

Die Mutter (Zusammengefasste Ausgabe)

Bereicherte Ausgabe. Realistisches Porträt der russischen Arbeiterklasse in Moskau: eine Frau und ihr Sohn zwischen Sozialdemokratie und scharfer Gesellschaftskritik.
Einführung, Studien, Kommentare und Zusammenfassung von Amelie Lorenz
Bearbeitet und veröffentlicht von Quickie Classics, 2026
EAN 8596547888000
Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar – destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Autorenbiografie · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Mutter
Analyse
Reflexion
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der stillen Fürsorge einer Mutter und der lärmenden Geburt eines politischen Bewusstseins entfaltet sich in Maxim Gorkis Die Mutter die Frage, wie ein individuelles Leben unter dem Druck von Armut, Gewalt und Hoffnung auf Gerechtigkeit zu einer Kraft der Veränderung werden kann, wobei familiäre Bindungen nicht nur Trost spenden, sondern zu einem moralischen Kompass in einer Welt werden, die von Fabriksirenen, Misstrauen und Sehnsucht nach Würde geprägt ist, und jeder Schritt vom Häuslichen ins Öffentliche zugleich ein Schritt vom Schweigen zur Stimme, vom Ertragen zum Handeln, vom Einzelnen zur Gemeinschaft bedeutet.

Der Roman zählt zu den prägenden sozialkritischen Werken der frühen Moderne und wird häufig als ein frühes, formendes Beispiel jener Erzählweise gelesen, die später als sozialistischer Realismus bezeichnet wurde. Er spielt in einer russischen Industriestadt unter zaristischer Herrschaft, im Umfeld von Fabriken, Kneipen, engen Wohnungen und polizeilicher Überwachung. Entstanden ist das Werk zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Nachhall der revolutionären Unruhen, deren Spannungen es atmosphärisch aufnimmt, ohne sich auf historisches Detailwissen zu stützen. Als erzählerische Form verbindet es Entwicklungsroman, Milieustudie und politisches Zeitstück zu einer eindringlichen, zugleich disziplinierten Komposition.

Im Mittelpunkt steht eine einfache Arbeiterin, deren Leben vom Rhythmus der Fabrik und der Härte des Alltags gezeichnet ist, und ihr Sohn, ein junger Arbeiter, der mit neuen Ideen aus dem Betrieb und von heimlichen Versammlungen zurückkehrt. Aus dieser Ausgangslage entwickelt sich eine behutsame Annäherung an die innere Welt der Mutter, deren Blick sich weitet, während sie Geräusche, Gesten und Gespräche neu zu deuten lernt. Die Erzählstimme bleibt nah an den Figuren, arbeitet mit klaren, beobachtenden Bildern und einem ernsten, doch von Mitgefühl getragenen Ton, der das Private nie vom gesellschaftlichen Raum trennt.

Zentrale Themen sind die Wandlung vom Schutz des engen Familienkreises hin zu einer Verantwortung, die das eigene Schicksal mit dem der anderen verknüpft, sowie die Frage, wie Angst in Entschlossenheit übergeht. Muttersein erscheint nicht als Rückzug, sondern als Quelle moralischer Aufmerksamkeit, aus der Empathie, Geduld und Beharrlichkeit für gemeinsames Handeln erwachsen. Gleichzeitig zeichnet der Roman die Mechanismen sozialer Abhängigkeit nach: Lohn, Alkohol, Wohnverhältnisse, Kontrollen und die Sprache der Macht. Dem setzt er eine andere Sprache entgegen, die Erfahrungen teilt und Würde stiftet. So entsteht ein Nachdenken darüber, wie Solidarität entsteht und warum sie verletzlich bleibt.

Stilistisch setzt Gorki auf prägnante Szenen, in denen wenige, sorgfältig gewählte Details den sozialen Raum öffnen: das Gedränge am Werkstor, das Matte einer Küche, die Blicke in einer Versammlung. Der Ton bleibt nüchtern, ohne die Wärme der Figuren zu verlieren, und wird von Passagen getragen, in denen Denken und Wahrnehmen tastend voranschreiten. Wiederkehrende Motive, Geräusche und Wege strukturieren die Bewegung zwischen Arbeit, Zuhause und Straße. Daraus entsteht ein gleichmäßiger, mitunter feierlich anmutender Erzählrhythmus, der der inneren Veränderung Gewicht verleiht, ohne die Härte der Verhältnisse zu beschönigen oder die Komplexität kollektiver Entscheidungen zu reduzieren.

Heutige Leserinnen und Leser finden in diesem Buch nicht nur ein historisches Dokument, sondern eine Erzählung über die Entstehung von Haltung unter Druck. Fragen nach gerechter Arbeit, nach dem Recht auf Mitbestimmung und nach der Würde in prekären Verhältnissen klingen unmittelbar an. Ebenso aktuell ist die Darstellung, wie politische Ideen in Alltagssprache übersetzt werden und wie Vertrauen in Zeiten von Kontrolle, Misstrauen und Erschöpfung wächst. Die Perspektive der Mutter eröffnet dabei einen Blick auf Fürsorge als politische Ressource, auf Lernen im Miteinander und auf den Mut, die eigene Stimme zu finden, ohne das Gegenüber zu entmenschlichen.

Die Mutter lässt sich als Entwicklungsroman einer Bewusstwerdung lesen, als Milieubild industrieller Arbeit und als Studie über die leisen Formen von Autorität und Fürsorge. Wer sich auf den ruhigen, sorgfältigen Ton einlässt, entdeckt eine Spannung, die nicht aus Wendungen, sondern aus wachsender Klarheit entsteht. Das Buch fordert zu aufmerksamer Lektüre auf und belohnt sie mit Figuren, deren Würde aus Handlungen, nicht aus großen Worten spricht. In Zeiten globaler Ungleichheit, neuer Arbeitsregime und gesellschaftlicher Spaltungen behält diese Erzählung ihre Kraft: Sie fragt, was Menschen verbindet, wenn Systeme trennen, und wie daraus Handlung erwächst.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Mutter, ein Roman von Maxim Gorki aus dem frühen 20. Jahrhundert, verfolgt den Weg einer einfachen Frau, die im Klima von Fabrikarbeit, Armut und politischer Unterdrückung langsam ein neues Bewusstsein entwickelt. Im Mittelpunkt steht Pelagea Nilowna, die in einer Industriestadt lebt und ihren Sohn Pawel großzieht. Gorki zeichnet den Alltag der Arbeiterschaft unter der zaristischen Ordnung und lässt die persönliche Geschichte der Mutter mit den erwachenden sozialen Ideen ihrer Umgebung zusammenlaufen. Der Roman beginnt in einem häuslichen Rahmen, doch die Vorzeichen einer größeren Bewegung sind spürbar: Spannungen am Werkstor, Misstrauen gegenüber Behörden und das kaum benennbare Bedürfnis nach Veränderung.

Pelageas Ehe war von Angst und Gewalt geprägt; ihr Mann, ein harter Arbeiter und Trinker, bestimmt den Takt des Hauses, bis sein früher Tod eine schmerzhafte Leere hinterlässt. Diese Ausgangslage formt eine Frau, die lange schweigt, geduldig erträgt und Trost im Gewohnten sucht. Nach dem Verlust richtet sie ihr Leben auf den Sohn aus, vermeidet Aufsehen und klammert sich an Ordnung. Die Fabrik bleibt der feste Bezugspunkt: monotone Arbeit, spärlicher Lohn, raue Sitten. Gorki zeigt ohne Beschönigung, wie Abhängigkeit und Angst die Menschen klein halten, gleichzeitig aber eine stille Sehnsucht nach Würde und Sinn in ihnen wächst.

Der erwachsen werdende Pawel tritt in die Fabrik ein, beginnt zu lesen und schließt sich einem kleinen Kreis junger Arbeiter an, die über Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität sprechen. Bücher, die heimlich die Runde machen, verändern den Ton im Haus. Gespräche ersetzen das Schweigen, Zuversicht mischt sich in den grauen Alltag. Pelagea beobachtet die Wandlung des Sohnes mit Sorge und Stolz zugleich. Sie versteht die Begriffe noch nicht, spürt jedoch die Menschlichkeit in der neuen Haltung. Aus vorsichtiger Distanz wird ein inneres Horchen; ihre Furcht vor Behörden und Gerede der Nachbarn weicht langsam einer tastenden, aufmerksamen Neugier.

Das Haus der Mutter wird zum Treffpunkt. Junge Männer und Frauen diskutieren, planen und suchen Wege, ihre Erfahrungen zu teilen. Flugblätter werden vorbereitet, Nachrichten aus anderen Städten kursieren, und die Aufmerksamkeit der Polizei wächst. Pelagea übernimmt kleine Handgriffe, kocht, bewacht die Tür, merkt sich Decknamen. Ihre Rolle ist noch dienend, doch sie beginnt die Kraft zu fühlen, die aus gegenseitiger Hilfe entsteht. Spannungen mit misstrauischen Nachbarn, Drohungen von Vorarbeitern und die allgegenwärtige Furcht vor Spitzeln verdichten die Atmosphäre. Gorki zeigt, wie aus privater Fürsorge leises Engagement wird und wie eine Mutter lernt, für mehr als die eigene Familie einzustehen.

Ein erster großer Schritt nach außen ist der Versuch, am Feiertag der Arbeit gemeinsam aufzutreten. Die Vorbereitung auf die Kundgebung bündelt Hoffnungen und Ängste: Lieder, Parolen, das verdeckte Verteilen von Schriften, verabredete Zeichen. Die Demonstration wird zum Prüfstein des Mutes und zum sichtbaren Bekenntnis, dass die isolierten Stimmen zusammenfinden. Gleichzeitig reagieren Fabrikleitung und Behörden mit Kontrollen und Drohungen. Als die Menge auf die Straße geht, treffen idealistische Überzeugung und staatliche Härte unmittelbar aufeinander. Für Pelagea ist dies der Moment, an dem das, was im Wohnzimmer begonnen hat, unwiderruflich öffentlich wird und sie spürt, dass es kein Zurück in bloße Unauffälligkeit gibt.

Nach dem Auftritt folgen Hausdurchsuchungen, Verhöre und Verhaftungen. Prozesse werden angekündigt, die Zeit der entdeckten Flugblätter wird zur Zeit der Protokolle. Der Kreis löst sich nicht auf, sondern findet neue Formen der Zusammenarbeit. Pelagea übernimmt Botengänge, verbirgt Schriften in scheinbar harmlosen Gegenständen und sucht Kontakt zu Unterstützern, die sie bisher nicht kannte. Auf kurzen Reisen in benachbarte Orte erkennt sie, dass ähnliche Gespräche und Hoffnungen vielerorts existieren. Ihre Perspektive weitet sich: Aus der Sorge um Pawel wächst das Bewusstsein, dass die Geschichten der Werkhallen miteinander verbunden sind und dass Worte Wege durch Mauern finden können.

Die innere Wandlung der Mutter steht im Zentrum dieser Phase. Vom schüchternen, von Alltagssorgen geprägten Leben entwickelt sie sich zu einer Frau mit eigener Stimme. Gorki zeichnet die leisen Zwischentöne dieser Reifung: Müdigkeit, Zweifel, Augenblicke der Furcht, aber auch überraschende Ruhe. Sie begegnet anderen Frauen, die ähnliche Lasten tragen, und findet in ihrer Gemeinschaft Bestätigung. Traditionelle Frömmigkeit, die ihr einst Halt gab, trifft auf eine neue Sprache von Vernunft und Gerechtigkeit; beides wird nicht gegeneinander ausgespielt, sondern ringt in ihr um Sinn. Aus dem privaten Gefühl der Mutterliebe entsteht ein weiteres, solidarisches Verständnis von Verantwortung.

Je näher die Prozesse rücken, desto klarer wird, dass Worte nicht nur in Hinterzimmern, sondern auch in der Öffentlichkeit bestehen müssen. Die Mutter sammelt Aussagen, bereitet Botschaften vor und sucht Wege, sie unter Menschen zu bringen, die noch zögern. In der Stadt verdichtet sich das Klima: Gerüchte, Spitzel, plötzliche Maßnahmen. Gorki führt auf einen Höhepunkt zu, bei dem persönliche Loyalität und gesellschaftliche Forderung ineinandergreifen. Pelagea trifft eine Entscheidung, die über den Schutz des Sohnes hinausgeht und der Sache selbst gilt. Was folgt, wird als Konfrontation erzählt, in der Mut und Gewalt aufeinandertreffen, ohne dass der Roman einfache Lösungen vorgibt.

Die Mutter endet nicht als privates Schicksal, sondern als Sinnbild einer kollektiven Erwachensbewegung. Gorki verknüpft die Geschichte einer Frau mit der Frage, wie Menschen ihre Würde behaupten, wenn Angst und Entbehrung den Alltag bestimmen. Der Roman zeigt, dass politisches Handeln aus alltäglichen Erfahrungen wachsen kann, und betont die Kraft von Solidarität, Bildung und Sprache. Zugleich bleibt er aufmerksam für die Kosten, die Engagement fordert. Als frühes, einflussreiches Werk der revolutionär geprägten Literatur richtet er den Blick auf die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft und lädt dazu ein, Mut nicht als Ausnahme, sondern als geteilte Praxis zu verstehen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Maxim Gorkis Roman Die Mutter entstand 1906–1907 vor dem Hintergrund des späten Zarenreichs. Der Handlungsraum ist ein russisches Industrievorort-Milieu, wie es um die Jahrhundertwende in Städten wie Sankt Petersburg, Moskau oder Ivanovo-Vosnesensk existierte. Prägende Institutionen waren die autokratische Monarchie unter Nikolaus II., die russisch-orthodoxe Kirche, die Fabrik- und Werkssiedlungen sowie die Geheimpolizei (Ochrana). Nach der Revolution von 1905 trat eine Staatsduma zusammen, doch die Exekutive blieb dominant. Zensur, Ausnahmezustände und eine hierarchische Ständeordnung strukturierten das öffentliche Leben. In diesen Rahmen fällt die rasche Urbanisierung, die die neue Arbeiterklasse verdichtete und konfliktbereite Milieus entstehen ließ.

Russlands Industrialisierung beschleunigte sich in den 1890er Jahren unter Finanzminister Sergei Witte. Eisenbahnbau, Kohle im Donbass, Erdöl in Baku und Metallurgie im Ural und an der Newa schufen große Betriebe. In Fabriken galten lange Arbeitszeiten; das Fabrikgesetz von 1897 begrenzte den Tag für Erwachsene auf 11,5 Stunden, blieb jedoch schwer durchsetzbar. Niedrige Löhne, Werkskasernen und unsichere Beschäftigung förderten Streikbereitschaft. Die Petersburger Textilarbeiterstreiks von 1896/97 mobilisierten Zehntausende und etablierten Solidaritätskassen. Zeitgleich wuchsen städtische Elendsviertel, in denen Arbeiterfamilien, Zuwanderer vom Land und Handwerker unter beengten, oft gesundheitsschädlichen Bedingungen lebten und politische Flugblätter heimlich zirkulierten.

Parallel formierten sich sozialistische Strömungen. Die Russländische Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde 1898 in Minsk gegründet und spaltete sich 1903 auf ihrem zweiten Parteitag in Bolschewiki und Menschewiki. In vielen Betrieben entstanden illegale Lese- und Diskussionskreise, die Schriften von Marxisten, Populisten und Gewerkschaftern verbreiteten. Clandestine Druckereien produzierten Flugblätter für Maifeiern und Streikaufrufe. Die Ochrana infiltrierte diese Netzwerke mit Spitzeln, verhaftete Aktivisten und verbannte sie in entlegene Gouvernements oder nach Sibirien. Trotz Repression hielten Kuriere Verbindungen zwischen Städten, und Ideen reisten mit Arbeitsmigranten, Soldaten auf Heimaturlaub sowie Studenten, die in die Provinz zurückkehrten.

Die Jahre 1904–1905 brachten eine Zuspitzung. Niederlagen im Krieg gegen Japan, Versorgungskrisen und die Erschießungen am „Petersburger Blutsonntag“ vom 9. Januar 1905 lösten landesweite Streiks aus. In mehreren Städten bildeten sich Arbeiter- und Deputiertenräte, darunter der Petersburger Sowjet. Mit dem Oktobermanifest versprach der Zar Grundrechte und eine Volksvertretung, doch die Grundgesetze von 1906 und Notverordnungen begrenzten diese Zusagen. Die neu geschaffene Staatsduma wurde wiederholt aufgelöst. Ministerpräsident Pjotr Stolypin verband Agrarreformen mit drakonischen Standgerichten. In Fabriken, Eisenbahndepots und Werkstätten blieb politische Agitation trotz verstärkter Polizeipräsenz alltäglich. Viele Zeitungen wurden suspendiert, und Versammlungen bedurften polizeilicher Genehmigung.

Zensurstrukturen prägten die Literaturvermittlung. Vor 1905 unterlagen Periodika der Vorzensur; danach wurden Verbote oft nachträglich ausgesprochen, und Ausnahmen galten je nach Gouvernementsstatut. Arbeiterbibliotheken, Sonntags- und Abendschulen sowie Lesezirkel verbreiteten legale und verbotene Schriften. Gorki war Mitherausgeber des Verlags Znanie, der sozialkritische Prosatexte populär machte und Auflagen für Arbeiterleser erschwinglich hielt. Illegale Broschüren gelangten in Mantelfuttern, Brotbeuteln oder Werkzeugkisten in die Werke. Polizeiberichte dokumentieren Beschlagnahmungen von hektografierten Zeitungen, Liedern und Aufrufen. Trotz Risiken stützten diese Medien die Herausbildung gemeinsamer Begriffe für Ausbeutung, Solidarität und kollektive Rechte. Nach 1907 verschärften Verordnungen in vielen Regionen erneut die Publikationskontrolle.

Maxim Gorki (1868–1936) engagierte sich seit den 1890er Jahren in oppositionellen Kreisen, wurde 1901 verhaftet und 1902 nach seiner Wahl in die Petersburger Akademie der Wissenschaften durch ein kaiserliches Veto brüskiert, was Proteste von Schriftstellern wie Anton Tschechow auslöste. Nach 1905 unterstützte er Sozialdemokraten, reiste 1906 ins Ausland und sammelte Mittel. Während dieses Exils arbeitete er 1906–1907 an Die Mutter; eine vollständige Veröffentlichung erfolgte 1907. Der Roman spielt in einem Fabrikort der Vorkriegszeit und greift Praktiken illegaler Zellen, Flugblattverteilung, Streiks und Prozesse auf, wie sie zeitgenössische Presse- und Polizeiquellen vielfach belegen.

Frauen spielten in der russischen Arbeiterbewegung vor 1917 eine sichtbare, wenn auch oft unterschätzte Rolle. Besonders im Textilsektor arbeiteten viele Frauen; sie beteiligten sich an Streiks, organisierten Sammelkassen und verteilten Druckschriften. Aktivistinnen wie Nadeschda Krupskaja leiteten Bildungsarbeit für Arbeiter, Alexandra Kollontai schrieb über Frauenarbeit und Sozialpolitik. Polizeiakten vermerkten Hausdurchsuchungen, bei denen Literatur in Küchen oder Kinderkleidung versteckt war. Gleichzeitig blieb der Zugang zu Bildung und politischer Öffentlichkeit für viele Frauen eingeschränkt. Diese Konstellation erklärt, warum Erzählungen über Familie, Sorgearbeit und politisches Erwachen eng verknüpft wurden, ohne traditionelle Bindungen vollständig aufzugeben.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Die Mutter als Zeitzeugnis des späten Zarenreichs lesen: ein Roman über die Herausbildung von Klassenbewusstsein, über Polizeistaat und über die Wege, auf denen verbotene Ideen zu Arbeiterinnen und Arbeitern gelangten. Die erzählte Entwicklung einer Arbeiterfamilie, die in die Bewegung hineingezogen wird, spiegelt dokumentierte Erfahrungen vieler Betriebe um 1905, ohne die historischen Prozesse zu erklären oder vorwegzunehmen. Das Buch wurde früh weit verbreitet und später im Sowjetstaat kanonisiert; Vsevolod Pudowkins Verfilmung von 1926 trug zu seiner internationalen Wirkung bei. Als Kommentar zur Epoche verdichtet es Konflikte, Stimmen und Hoffnungen.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Maxim Gorki (eigentlich Aleksej Maksimowitsch Peschkow, 1868–1936) war eine Schlüsselgestalt der russischen und frühen sowjetischen Literatur. Sein Werk verbindet romantische Aufbrüche des 19. Jahrhunderts mit sozialkritischem Realismus und prägte Debatten über Kunst, Gesellschaft und Würde des Einzelnen. Als Erzähler, Dramatiker, Romancier und Memoirist entwarf er eindrucksvolle Bilder des Lebens der Entrechteten und der urbanen wie provinziellen Unterschichten. Gorki wirkte in den Umbrüchen vom Zarenreich zur Revolution und zum entstehenden Sowjetstaat. Seine internationale Wirkung verdankt sich sowohl dem literarischen Rang seiner Dramen und Prosatexte als auch seiner öffentlichen Rolle in kulturpolitischen Auseinandersetzungen.

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, erhielt Gorki nur eine elementare Schulbildung und arbeitete seit der Jugend in wechselnden Tätigkeiten. Die Erfahrungen von Armut, Wanderleben und Handwerk prägten sein Menschenbild und seine Stoffe. Er bildete sich als begeisterter Leser autodidaktisch, zog durch verschiedene Regionen des Imperiums und hörte Volksmärchen, Lieder und Erzählungen, die seine frühen Texte färben. Anfang der 1890er-Jahre nahm er das Pseudonym „Maksim Gorki“ an, dessen Beiname „bitter“ programmatisch auf soziale Härte verweist. 1892 erschienen erste Erzählungen in regionalen Zeitungen; rasch fiel sein kräftiger Stil auf, der Pathos, Beobachtungsgabe und empathische Figurenzeichnung verband.

Literarisch stand Gorki zwischen der realistischen Tradition des 19. Jahrhunderts und Strömungen wie Populismus und frühem Sozialismus. Seine Texte wurden zunächst in der Provinzpresse bekannt; bald erschienen sie in überregionalen Zeitschriften. Der erfahrene Autor und Publizist Wladimir Korolenko förderte ihn und eröffnete ihm Zugänge zum literarischen Feld. Um 1900 schloss sich Gorki dem Petersburger Verlag und Kreis Znanie an, der gesellschaftskritische Prosa und Dramatik bündelte und verbreitete. Im Austausch mit bedeutenden Zeitgenossen schärfte er seine Poetik eines engagierten Realismus, der das Schicksal der „kleinen Leute“ ernst nimmt und moralische Fragen konsequent mit sozialen Bedingungen verknüpft.