Die Nacht bringt dir den Tag zurück - Isabel Schupp - E-Book
Beschreibung

"Als ich noch drei gesunde Kinder hatte, dachte ich, dass ich es nicht überstehen würde, wenn einem von ihnen ein Leid geschähe. Als Pauline krank war, dachte ich, dass ich es nicht überleben würde, wenn sie sterben würde. Nachdem Pauline gestorben war, dachte ich, dass ich nie wieder froh werden würde. Fünf Jahre sind vergangen. Ich lebe. Ich lache. Ich freue mich. Und ich bin glücklich. Nicht immer - aber immer wieder." Das schreibt Paulines Mutter, fünf Jahre nach dem Tod ihrer Tochter. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Isabel Schupp nimmt uns mit auf diesen Weg. Ihr Buch ist berührend aber nicht rührselig, es erzählt vom Sterben und vom Leben, von Verzweiflung und Hoffnung, von Fragen und Antworten, vom Suchen und Finden.

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EPUB

Seitenzahl:294


ISABELSCHUPP

Die Nacht bringt dir denTag zurück

ISABELSCHUPP

Die Nacht bringt dir denTag zurück

Leben und Abschied meiner Tochter

Über die Autorin

Isabel Schupp ist Schauspielerin und Kommunikationstrainerin.Im Jahre 2000 erkrankte eines ihrer drei Kinder, die Tochter Pauline, an Leukämie und starb mit 16 Jahren im Dezember 2006.

Durch die vielen unterschiedlichen Menschen, die in die Behandlung von Pauline involviert waren, erlebte sie, wie groß die Unterschiede in der Kommunikation waren. Bei manchen fühlte sie sich gut aufgehoben, bei anderen hingegen in ihrer Not allein gelassen. So hat sie aus der Kombination ihres beruflichen Know-hows und ihrer Lebenserfahrung ein Seminar-Konzept für Medizin und Hospizarbeit entwickelt, das sie Gruppen, Teams und Einzelpersonen anbietet.

Außerdem ist sie ausgebildete Trauerbegleiterin und begleitet in München die offene Trauergruppe der Verwaisten Eltern.

Isabel Schupp lebt in Icking im Isartal.

Pauline Schupp war eines der drei Kinder in dem erfolgreichen Dokumentarfilm „Seelenvögel“.

Isabel SchuppDie Nacht bringt dir den Tag zurückLektorat: Ina Kleinod© J. Kamphausenin J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeldinfo@j-kamphausen.de

Umschlaggestaltung:Morian & Bayer-EynckGrafisches Konzept des Innenteils: Ina KleinodUmsetzung: Sabine Schiche, ad departmentDruck & Verarbeitung:fgb · freiburger graphische betriebe

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2014

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Print ISBN 978-3-89901-884-4E-Book ISBN 978-3-89901-911-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen undsonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabesowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Liebe Pauline

Sterben

Davor

Muss ich jetzt sterben?

Zweite Heimat

Der Augenblick

Hoffnung

Rückfall

Drei Orangen

Angst

Die Entscheidung

Heilung

Schweinehund

Lotusblüte

Wir sind

Endlose Wirklichkeit

Der Tod

Der Weg

Totenwache

Leere

Weihnachten

Danach

Lieber Gott

Angekommen

Zeit

Epilog

Für Josef und Flora

Was für die Raupedas Ende der Welt bedeutet,nennt der Rest der WeltSchmetterling.Lao Tse

Prolog

Vor langer Zeit bat ein reicher Kaufmann einen Weisen, ihm eine Kalligrafie anzufertigen. Er bestellte einen Segenswunsch für sich, seine Familie und seine Nachkommenschaft.

Der Weise nahm einen Bogen Hanfpapier und schrieb in großen Schwüngen: Vater stirbt, Sohn stirbt, Enkel stirbt.

Noch ehe er den letzten Buchstaben zu Papier gebracht hatte, riss ihm der Kaufmann den Pinsel aus der Hand und schrie: Ich habe dich gebeten, meiner Familie Lebensfreude und Zufriedenheit zu wünschen, und du schreibst über den Tod? Ich werde dir die Hände abhacken lassen.

Der Weise lächelte: Mein Freund, ich sehe du bist rot vor Zorn.

Doch höre: Wenn dein Sohn vor dir stirbt, so ist das ein großes Unglück für dich und deine ganze Familie. Wenn dein Enkel vor deinem Sohn stirbt, ist das ebenfalls eine Tragödie für deine ganze Nachkommenschaft.

Wenn aber deine Familie in der von mir beschriebenen natürlichen Reihenfolge ihr Leben lässt, so ist das ein großes Glück.

Geschichte aus dem Zen

Liebe Pauline

Manchmal möchte ich ein Leierkastenmann sein. Ich möchte mitten auf einem belebten Platz stehen und traurige Lieder singen von meiner geliebten Tochter Pauline. Davon, dass sie so früh sterben musste und dass ich ihren Tod nicht verhindern konnte. Von der jahrelangen Angst möchte ich singen, vom Krankenhaus, von der Chemotherapie und von den Schmerzen, die sie aushalten musste. Von ihrer Hoffnung, ihrer Mutlosigkeit und ihrem Kampf, den sie schließlich verloren hat. Und ich möchte davon singen, wie sehr ich sie vermisse. Ich möchte, dass die Leute sich um mich versammeln, um mir zuzuhören und um mit mir zu weinen.

Manchmal möchte ich ein Bänkelsänger sein. Ich möchte von Haus zu Haus ziehen und von meiner tapferen Tochter Pauline erzählen. Von meiner fröhlichen Tochter Pauline, die trotz ihrer schweren Krankheit so viel Spaß am Leben hatte. Von meiner mutigen Tochter, die es immer wieder gewagt hat, dem Tod ins Auge zu blicken. Von meiner anstrengenden Tochter Pauline, die sechzehn Jahre lang unser aller Leben bereichert hat. Von unserem Schatz, von unserem Reichtum. Ich möchte von dir erzählen, damit ich von dir erzählen kann und damit alle deine Geschichte kennen.

Und manchmal möchte ich auf einen hohen Berg steigen und so laut schreien, dass die Welt erzittert. Damit ich schreien kann und damit alle es hören.

Vor vielen Jahren hast du mich einmal gefragt, warum manche Leute ihre eigene Geschichte aufschreiben und sie dann auch noch veröffentlichen. Das weiß man doch schon alles, was man selbst erlebt hat, hast du dann gesagt, und außerdem interessiert das doch kein Schwein.

Ich habe dir dann erklärt, dass es Menschen gibt, die ein ungewöhnliches Leben oder ein ungewöhnliches Schicksal haben. Und weil sie mit diesem Schicksal nicht alleine sein wollen, möchten sie es anderen erzählen. Während sie schreiben, schauen sie noch einmal ganz tief in ihre Geschichte hinein, durchdringen und durchleben alle ihre Gefühle noch einmal. Und wenn sie das dann in ein Buch schreiben, interessiert das sehr wohl ein Schwein. Du hast das damals nicht so ganz verstanden. Bücher, die aus der Ich-Perspektive geschrieben waren, fandest du blöd.

Jahre später bist du dann selber auf die Idee gekommen, deine Geschichte aufzuschreiben. Die lange Geschichte von deiner Krankheit, von deinem Rückfall, von der Knochenmarktransplantation und von deiner Suche nach einem Weg, um wieder gesund zu werden. Und von deiner Angst. Du hast gesagt, wenn du über sie schreibst, musst du nicht mehr so viel an sie denken, an die Angst, die große Angst, die entsetzliche Angst, die immer wiederkehrende Angst. Also hast du dich hingesetzt und geschrieben. In dein Tagebuch, in dein Gedichtbuch, auf Zettel, in Briefe. Du hast gedacht, vielleicht wird später mal ein Buch daraus, später, wenn alles vorbei ist und du gesund geworden bist. Damit du anderen kranken Kindern Mut machen kannst.

Aber du bist nicht gesund geworden.

Und weil deine Geschichte auch meine Geschichte ist, deine Hoffnung auch meine Hoffnung, deine Angst auch meine Angst, weil meine Trauer so groß und so grenzenlos ist und weil ich kein Leierkastenmann bin und auch kein Bänkelsänger, und weil ich zum Schreien zu wohlerzogen bin, bin ich auf die Idee gekommen, sie aufzuschreiben. Deine Geschichte. Und meine Geschichte.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob das ein Schwein interessiert.

Deine Mami

Sterben

Am 29. Dezember im Jahr 2006 ist meine Tochter Pauline gestorben.

An einem Freitag.

Um sechzehn Uhr.

An einem Freitag um sechzehn Uhr ist meine Tochter Pauline gestorben.

Um sechzehn Uhr ist meine Tochter gestorben.

Pauline ist gestorben.

Mein Kind.

Gestorben.

Gestorben.

Gestorben.

Wie oft muss ich es noch aussprechen, wie oft muss ich es noch geschrieben sehen.

Um es zu begreifen. Ganz zu begreifen. Wirklich zu begreifen.

Zu durchdringen.

Sterben. Ster… ben. Was für ein Wort.

Ster – ben.

Wer kann es begreifen?S t e r b e n

Unbegreiflich.

Mein Kind ist gestorben.

Was gibt es denn da zu begreifen? Es ist dieser kleine Moment, den es zu begreifen gilt. Dieser kleine Moment, der den Moment von „vorher“ von dem Moment von „nachher“ trennt.

Es war es ist.

Davor danach.

Und es istd i e s e rMoment dazwischen,d i e s e rMoment, den ich zu fassen suche.

D i e s e rMoment.

Schmal wie eine Nadelspitze.

Vorher… Nadelspitze… nachher.

Oder schmal wie ein Atemzug. Wie ein Hauch. Ein Häuchlein.

Vorher… Atemzug… nachher.

NEIN. NEIN EBEN GERADE NICHT! EBEN GERADE NICHT - ATEMZUG.

WER KANN SICH DAS VORSTELLEN?N I C H T - A T E M Z U G.

Ich atme ein, ich atme aus, meine Tochter atmet ein und atmet aus, alle atmen ein und aus, niemand denkt daran, ein und aus und ein und aus, da liegst du, mein Kind, mein Mädchen, und atmest ein und aus, langsam… langsam… ganz langsam… nichts anderes zählt, ein und aus… langsam und kostbar… kostbarer Moment ein und kostbarer Moment aus und kostbarer Moment ein und kostbarer Moment aus und… und… da ist er,d a sist er… der Moment.

Die Nadelspitze.

DerN i c h t - A t e m z u g,derN i c h t - E i n a t e m.

Dieser kleine große Moment, den es zu begreifen gilt, den ich fassen möchte, packen möchte mit den Händen, ihn zu mir herziehen, in mir verteilen, durchdringen mit jeder Zelle meines Gehirns, meiner Eingeweide, meines Herzens. Um zu begreifen. Um einmal endgültig zu begreifen.

Das Sterben.

Dieses davor und danach, dieses es war und es ist.

Dieses jetzt noch leben, aber jetzt tot.

G e s t o r b e n.

DerN i c h t - Einatem. Diese kleine große Stille, die das Leben trennt vom Tod. Dieser kleine, stille Augenblick. Einfangen möchte ich ihn. In Worte fassen. Geschrieben sehen. Immer wieder. Mit dem Geist, mit der Erinnerung, im Erzählen. Ihn jetzt aufschreiben, in Worte fassen, kaum möglich. Der Atem. Das was uns immer umgibt. Immer. Immer. Unbedacht. Unbeachtet. Unbegrüßt. Kostbar. Unendlich kostbar.

Kostbarer Atemzug ein… Kostbarer Atemzug aus…

Stille.

Stille.

Die Stille wandert durch den Raum. Leise, feierlich, groß, mächtig, atemberaubend.

Stille.

Erst gehört die Stille noch zu dem „es war“, zu dem „davor“.

Dann… langsam… behutsam… fängt sie an, das „danach“ zu sein. Nimmt Platz in unserer Runde, wie ein ruhiger Gast, der keine Eile hat.

Stille.

Es gibt nichts zu tun.

Sterben.

Davor

Schon einmal gab es so eine besondere Stille, in der die Welt den Atem anzuhalten schien. Weil sie auf deinen Einatem wartete. Und das war bei deiner Geburt.

Paula Larissa Luise wurde am 8. November 1990 geboren. An einem Montag. Um sieben Uhr vierzig. Es war sehr kalt, die Temperaturen lagen bei minus acht Grad und es herrschte Glatteis auf den Straßen. Die Umstände ihrer Geburt waren ungewöhnlich. Bei uns in Deutschland findet eine Geburt ja normalerweise in einem Krankenhaus statt. Auf einem Bett, in Anwesenheit eines Arztes und einer Hebamme. Pauline sollte zu Hause geboren werden, mit einer erfahrenen Hebamme, die auf Hausgeburten spezialisiert war. Auf meine ängstliche Frage, was denn wäre, wenn sich bei der Hausgeburt plötzlich die Nabelschnur um den Hals lege und plötzlich keine Herztöne mehr zu hören wären, antwortete die Hebamme, dass sich eine Nabelschnur nicht plötzlich um einen Hals lege und dass Herztöne auch nicht plötzlich verschwänden. Bei einer Geburt geschähe gar nichts plötzlich, sie begleite seit zwanzig Jahren Hausgeburten, und es sei immer genug Zeit gewesen, eine Geburt abzubrechen und in die Klinik zu fahren. Und im Übrigen sei sie ein Profi und lege keinen Wert darauf, den Rest ihres Lebens im Gefängnis zu verbringen.

Das überzeugte mich.

Alles war bereit, als am 8. November, kurz nach Mitternacht, die Geburt begann und die Wehen einsetzten. Im Schrank warteten sechs ausgekochte und heiß gebügelte Leinentücher auf ihren Einsatz. Josef war bei seiner Patentante untergebracht. Er war noch zu klein und konnte nicht wissen, dass die Schreie, die seine kleine Schwester in die Welt begleiten würden, ganz normal waren, und dass seine Mutter diese Geburt durchaus überleben würde. Die Hebamme war bereit und wartete auf meinen Anruf. Auch sie wusste einiges noch nicht. Zum Beispiel, dass draußen Glatteis war. Und dass sie während Paulines Geburt im Stau stehen würde.

Alleine sitze ich in meinem Zimmer. Es ist ganz ruhig im Haus, und auch über unserem Dorf liegt nächtliche Stille. Auf einem großen grünen Gymnastikball hüpfe ich auf und nieder und versuche mich zu entspannen, meinen Kiefer und meinen Bauch trotz der Schmerzen locker zu lassen. Die Wehe kommt und geht und mit ihr der Schmerz. Eine Frau im Geburtsvorbereitungskurs hatte mir Singen empfohlen, um den Wehenschmerz zu lindern. Also singe ich. Bill Haley. Das ist das Einzige, was mir in den Sinn kommt.

„One for the money, two for the show, three to get ready for…”

Wehe hat was mit wehtun zu tun. Und mit Welle, Woge, Sturm, Geheul, Gewalt. Während ich singe, rollt die Wehe heran, kommt näher, schwillt an, baut sich auf, türmt sich hoch auf. Bis dahin reite ich noch mit dem Atem auf dem Kamm, aber dann packt mich der Brecher, nimmt mich mit, stürzt sich in meine Eingeweide, schleudert mich herum, presst mich zusammen und begräbt mich und Bill Haleys „Go, cat go“ in einem Strudel aus Schmerz und Geheul.

Pause.

Der Schmerz ist vorbei, wie weggeblasen, als wäre er nie da gewesen. Sehr seltsam. Die Buddhisten und die Physiker behaupten ja, dass Schmerz sowieso nur eine relative Wahrheit sei. Eine Erscheinungsform unserer Wahrnehmung. Unser „Ich“ bestimme, dass das jetzt Schmerz sei. Da aber auch das „Ich“ nur eine relative Wahrheit sei, gäbe es in Wirklichkeit gar keinen Schmerz. Und eben auch kein „Ich“. Ein durchaus tröstlicher Gedanke. Aber relativ hin oder her, als die nächste Wehe kommt, lösen sich diese Gedanken in Schmerz auf. Die Geburt meines Sohnes hatte sich in dieser Art zweiundzwanzig Stunden hingezogen. Die zweite, beruhigte uns unsere Hebamme, geht im Allgemeinen schneller. Also rechne ich damit, dass mein Kind gegen Mittag auf die Welt kommen wird.

Um die Wehentätigkeit weiter anzuregen, beschließe ich gegen sechs Uhr, einen Spaziergang zu machen. Den Zehn-Minuten-Kringel, einmal zum Dorfweiher und zurück. Mein Mann Eckhard ist erschöpft eingeschlafen, und so schleiche ich alleine in die morgendliche Dunkelheit hinaus. Es ist bitterkalt, auf den Straßen liegt gefrorener Schneematsch. Bei unserem Nachbarn im Kuhstall brennt bereits Licht. Er grüßt mich freundlich. Kann er doch in der Dunkelheit nicht erkennen, dass ich mich an seinem Gartenzaun festhalte, weil mich ein Riesenbrecher gerade in den Asphalt bohrt. Konzentriert gehe ich durch unser Dorf, werde immer schneller, als könnte ich dem Schmerz davonlaufen. Alle drei Minuten muss ich stehen bleiben, mich irgendwo festhalten und hecheln wie ein verendender Hund. Wie kann man nur so blöd sein und während einer Geburt alleine durch die Nacht laufen.

Mit meinem ungeheuren Bauch komme ich mir vor wie eine kleine Waldameise, die eine Samenkapsel von der Größe eines Heißluftballons vor sich herträgt. Ein Traktor blendet mich, rumpelt an mir vorüber. Die Menschen schlafen oder frühstücken oder melken. Niemand weiß, was da draußen vor sich geht. Von dem kleinen Samen in der Kapsel wissen sie nichts, und von den Turbulenzen in dem Heißluftballon wissen sie auch nichts. Nichts von dem Beben, dem Toben, den großen Schmerzen. Ich fühle mich einsam.

Genau achtzehn Jahre später, am 8. November 2008, wird die Ameise wieder durch dieses Dorf spazieren, ohne Heißluftballon, scheinbar leicht und unbeschwert. Ohne Samenkorn. Die Menschen werden schlafen und frühstücken und Traktor fahren und nicht wissen, dass die Ameise trotzdem schwer zu tragen hat, dass es in ihr tobt und bebt und heult. Das Samenkorn war herangewachsen, und als es zu blühen begann, musste es sterben und wurde begraben.

Aber das wusste ich damals noch nicht, meine liebe Tochter, und du schon gar nicht. An diesem Morgen des 8. November 1990 wusste ich, dass du ganz bald auf die Welt kommen würdest. Es ist kurz nach sieben, als ich mit letzter Kraft die Türe zu unserer Wohnung aufsperre. Ich rufe sofort unsere Hebamme an und sage ihr, dass die Wehen sehr stark sind und dass das Baby doch früher als mittags zur Welt kommt. Dass es gut ist, wenn sie sich langsam auf den Weg macht. Ja, sicher, duschen und frühstücken ist schon noch drin, zwei Stunden wird es sicherlich noch dauern.

Es dauerte noch zwanzig Minuten.

Zwanzig Minuten nachdem ich den Telefonhörer auf die Gabel gelegt hatte, lagst du auf unserem Wohnzimmerteppich. Fünfzehn Minuten nachdem ich gerufen hatte, das Baby kommt, und dein Vater gestammelt hatte, das geht nicht, die Hebamme ist noch nicht da. Dreizehn Minuten, nachdem dein Vater durch die Wohnung gespurtet war und die sauberen Leinentücher gesucht und nicht gefunden hatte. Neun Minuten, nachdem er die gebrauchten Handtücher aus dem Badezimmer vom Haken gerissen und sie zu mir ins Wohnzimmer gebracht hatte, wo ich auf dem großen weißen Wollteppich lag, weil du beschlossen hattest, nicht auf die Hebamme zu warten. Sechs Minuten, nachdem dein Vater das Fenster aufgerissen und in unser Dorf gebrüllt hatte, wo bleibt denn die Hebamme? Zwei Minuten, nachdem ich dachte, dass ich jetzt sterben muss. Eine Minute, nachdem dein Kopf zwischen meinen Beinen festzustecken schien.

Während dein Vater versucht, den Teppich zu retten, indem er mich ins Schlafzimmer auf das vorbereitete Bett hieven will, flutschst du wie eine Rakete in die Freiheit. Auf den weißen Teppich.

Dann ist es still.

Ganz still

Niemand bewegt sich.

Niemand scheint zu atmen.

Du atmest nicht. Vor allemd unicht. Atmest du? Warum atmest du nicht? Wo bleibt dein Einatem? Fragen, die träge durch meinen Kopf fließen, ohne mich aufzuregen. Als wäre endlos Zeit, warte ich ab. Gelassen. Warum bin ich so gelassen? Warum rege ich mich nicht auf?

Und da ist er.

Dein erster Atemzug.

DeinE i n - Atem.

Dein erster, kostbarer Atemzug.

Und dann dein Ausatem.

Ein kleiner Schrei, ein ganz kleiner zarter Schrei.

Als dein Bruder Josef geboren wurde, war meine Liebe zu ihm so groß, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass noch Liebe für dich übrig sein würde. Aber meine Großmutter, deine Urgroßmutter, die fünf Kinder auf die Welt gebracht hatte, hat mir einmal gesagt: Das ist ganz einfach, mein Schatz, da baust du eben an! Und das tat ich in diesem Moment, an diesem 8. November 1990, deinem Geburtstag, als ich deinen ersten Schrei hörte. Ich baute an. Zärtlich nimmt dich dein Vater in seine großen Hände, legt dich behutsam auf meinen Bauch und deckt uns mit den gebrauchten Handtüchern aus dem Badezimmer zu.

Und so sind wir beisammen.

Muss ich jetzt sterben?

Bei einem Hämoglobinwert von 4,2 müssen wir leider von einer Leukämie ausgehen.

Zäh und klebrig wie ein trüber, breiter Strom arbeitet sich diese Information durch meine Gehirnwindungen, während ich den kleinen Mann im weißen Mantel vor mir betrachte. Der Mann hat eine Nase wie aus Gummi. Er ist klein, hässlich und unsympathisch. Jemand der so eine entsetzliche Nachricht überbringt,k a n nnur unsympathisch sein. Früher, im alten Griechenland, wurden die Überbringer solch schlechter Nachrichten kurzerhand geköpft. Später würden wir den armen Mann nur noch den Arzt mit der Gumminase nennen, denn Pauline fand auch, dass er eine Gumminase hatte.

Später.

Später, das war, als Pauline schon im Krankenzimmer in ihrem Krankenhausbett lag und eine Blutkonserve in ihre Adern lief und auf ihren bleichen Wangen schon ein rosa Schimmer sichtbar wurde. Später, das war, als ich bereits mit meiner Mutter telefoniert hatte, die mich weinend fragte, warum ich überhaupt auf die Idee gekommen war, ins Krankenhaus zu fahren. Der ich dann erzählte, dass wir ja eigentlich auf dem Weg zum Optiker waren, denn Pauline war eine Brille verschrieben worden wegen der dauernden, nicht sehr schlimmen Kopfschmerzen, die sie seit sechs Wochen hatte. Und als sie an diesem Freitagmorgen so besonders blass, fast schon graugrün aussah, durfte sie ausnahmsweise Schule schwänzen und mit mir zusammen die neue Brille abholen. Aber geheimnisvollerweise fuhr mein Auto zum Kinderarzt. Was wollen wir denn bei dem, Mami? Und ich fragte die Sprechstundenhilfe, ob sie mal auf die Schnelle ein Blutbild machen könnte. Die Sprechstundenhilfe machte also ein Blutbild, und weil Dr. Geier sofort sah, dass damit etwas nicht stimmte, meinte er, wir sollten zur Vorsicht in die Uniklinik fahren, und ich fragte ihn, ob’s denn vor dem Wochenende sein müsse oder ob’s Montag reiche und er wiegte den Kopf und knurrte, meinetwegen, wenn sie sich hinlegen kann, dann reicht es auch am Montag. Er neigt nicht zur Hysterie, unser Doktor Geier. Deshalb mochte Pauline ihn sehr. Und ich erzählte weiter, dass ich dann zu Pauline sagte, komm, bringen wir’s vor dem Wochenende hinter uns, dann sind wir zum Mittagessen wieder daheim und du kannst mit der Julie reiten gehen und ich gehe in die Arbeit.

Später, das war, als Josef sie schon zum Lachen gebracht hatte und mit ihr die Vorzüge des dicken Fernsehers in ihrem Krankenzimmer besprochen hatte. Später, als Flora schon neben ihr unter der weißen Bettdecke lag und die beiden Bärenhöhle spielten, während ich Pizza vom Italiener gegenüber holte. Einen Tag später. An dem Tag vor meinem 40. Geburtstag. Sechzehn Tage vor Paulines zehntem Geburtstag.

Am Tag danach. Also Lichtjahre später.

Bei einem Hämoglobinwert von 4,2 … Was war noch mal Hämoglobin? Hatte das nicht was mit Schwangerschaft zu tun? Stimmt, da gab es doch diesen HB Wert, schwemmte der trübe Fluss gerade in mein Kleinhirn, diesen Wert, den mein Gynäkologe immer bestimmt hatte und der immer zu niedrig gewesen war. 4,2. Ja, das war tatsächlich nicht sehr viel, ich war doch schon bei einem HB von neun immer so schlapp gewesen. … müssen wir leider von einer Leukämie ausgehen. Leukämie.

Die Nachricht hat jetzt mein Sprachzentrum erreicht. In meinen Ohren rauscht es so eigenartig, und mein Mund fühlt sich taub an. Eigentlich müsste ich jetzt laut schreien oder zu weinen anfangen. Und was heißt das jetzt, höre ich mich durch das Rauschen hinweg sagen. Ruhig, etwas heiser, angespannt, so wie ich vielleicht auf den Hinweis meines Automechanikers geantwortet hätte, dass meine Lichtmaschine kaputt sei. Später würde es heißen, ich habe sehr gefasst reagiert, gefasst, das war das Wort. Der Mund unter der Gumminase bewegt sich jetzt unablässig, aber das Gesagte, und das ist eine Menge, rauscht ungehört an meinen Ohren vorbei. Als er endlich fertig ist, verlassen meine Tochter und ich das Krankenhaus. Vorher müssen wir ein Dokument unterzeichnen, worin steht, dass wir die Klinik auf eigene Verantwortung verlassen und dass meine Tochter mit diesen Blutwerten nicht in der Lage sein wird, auf eigenen Beinen zu gehen, und dass ich mich verpflichte, in spätestens einer Stunde wieder in die Ambulanz zurückzukehren, nein danke, einen Rollstuhl brauchen wir nicht, schnell raus hier frische Luft schöpfen, wohin nur komm wir gehen zu McDonalds oh Gott ausgerechnet…

… McDonalds.

Wenn ich heute, sieben Jahre später, an diesem Krankenhaus vorbeifahre, fahre ich auch immer an diesem Tag vorbei. Und an diesem McDonalds. Ungerührt steht er da. Nichts zeugt von dem Drama, das sich dort einmal abgespielt hat, an einem Freitagvormittag. Die Ärzte sprechen von Freitagsleukämie, denn viele Kinder mit Leukämie werden von ihren Eltern am Freitag in die Ambulanz gebracht. Weil die Kinder schon so lange so blass sind oder ungewöhnlich viel schlafen. Oder, weil sie morgens früh mit einem gebrochenen Fuß im Bett liegen, kein Mensch weiß woher, oder weil sie viele blaue Flecken haben oder sonderbare kleine blaue Pünktchen auf der Haut. Weil sie wochenlang Kopfschmerzen haben oder geschwollene Lymphknoten oder Fieber. Ja, ja, die Leukämie kommt sehr unterschiedlich und ungewöhnlich daher, deshalb wird sie so oft nicht erkannt. Und dann plötzlich, am Freitag, schnell noch vor dem Wochenende, wollen die Eltern sich Klarheit verschaffen. Wollen die ständige unterschwellige Sorge loswerden und unbeschwert das Wochenende antreten. Sie gehen zu ihrem Kinderarzt, und wenn sie Glück haben, macht dieser sofort ein Blutbild. Wie bei uns.

Da sitze ich also bei McDonalds im ersten Stock an einem trostlosen Resopaltisch meiner Tochter gegenüber. Meiner kleinen, blassen Tochter, mit der ich gestern noch um die Wette gerannt bin und die jetzt zu krank sein soll, um die Straße zu überqueren. Sicher, wenn ich dieses Rennen nicht gewonnen hätte, säße ich jetzt nicht hier. Denn Pauline ist das schnellste Mädchen der Welt, und die Tatsache, dass ich sie gestern beim Wettrennen geschlagen habe, hat meiner wochenlangen Sorge um sie, wegen dieser unheimlichen Blässe, den Rest gegeben. Schnell noch vor dem Wochenende zum Arzt. Um sicherzugehen, dass ihr nichts fehlt. Was soll denn da sein, sagen die Freundinnen, deine Kinder sind doch alle etwas blass, du bist doch auch so ein heller Hauttyp, na ja, und die Müdigkeit, wer ist im Herbst nicht müde.

Mir steckt ein Kloß im Hals. Vor mir liegt ein angebissener Burger trostlos auf seinem Tablett. Vor Pauline, angebissen und trostlos, eine Apfeltasche. Noch nie zuvor und auch nie mehr danach habe ich mich so trostlos gefühlt wie an diesem Tag, in dieser Stunde, in diesem trostlosen McDonalds. Nie zuvor habe ich mich so sprachlos gefühlt, so schwer, so traurig. Wie gerne möchte ich etwas Warmes, Fröhliches, Hoffnungsvolles in diese graugrünen Augen sagen, die mich so bodenlos verstört anschauen. Aber ich kann nicht. Der kleine Batzen Burger in meinem Hals und der Kloß dahinter versperren allen tröstenden Worten den Weg.

Wir schweigen.

Ein hoffnungsloses elendes Schweigen, wie es sich niemals zwischen Mutter und Tochter ausbreiten dürfte. Als wir vor lauter Schweigen und Trostlosigkeit fast keine Luft mehr zum Atmen bekommen, stehen wir auf. Pauline klettert auf meinen Arm und ich trage sie vor die Tür. Wir stehen auf einem großen Platz vor einer riesigen, rechteckigen Mülltonne, im Rücken McDonalds, links Krankenhaus, rechts Kino, vorne Straßenbahn, um uns Autos, viele, schnell, laut, Menschen, viele, schnell, laut, Kinder, Jugendliche, lebendig, gesund. Wir beide – fallen gelassen und vergessen mitten auf diesem Platz.

Wir gehören nicht dazu.

Die lärmende Großstadt, sie wirbelt wie im Zeitraffer um uns herum, brausend, rauschend, gleichgültig, wir beide mittendrin wie Treibholz, mutlos, ratlos. Als ich nicht mehr kann, setze ich mein Kind auf die große Mülltonne und lege meine Arme um seinen zitternden Körper. Und jetzt fängst du an zu weinen. Nicht wie sonst, wenn du dich mit deinem Bruder streitest oder wenn du dich ungerecht behandelt fühlst, laut und hysterisch, sondern ganz leise und verzweifelt. Ich weine nicht. Ich darf nicht weinen. Sonst geht die Welt unter.

Ich bin die Mutter.

Sie sind zu zweit. Die Oberärztin der Onkologie und die Psychologin. Wenn Ärzte mit einer Psychologin auftauchen, ist das ein schlechtes Zeichen. Pauline hat aufgehört zu weinen und liest draußen auf dem Gang ein Bilderbuch. Währenddessen teilt mir die Ärztin mit, dass die Laboruntersuchung von Paulines Blut eine akute lymphatische Leukämie, kurz ALL ergeben habe, dass diese Krankheit bei Kindern mit Chemotherapie gut zu behandeln sei, dass die Behandlung ein Jahr dauere und dass die Wahrscheinlichkeit, dass Pauline gesund würde, bei achtzig Prozent läge. Sie spricht von Knochenmarkpunktionen und von zentralen Venenkathetern, die Hickman-Katheter nach einem gewissen Dr. Hickman heißen. Sie spricht von sofortiger stationärer Aufnahme und von Studien, an denen man teilnähme, natürlich nur, wenn man wolle, und vom Randomisieren, was ich später im Lexikon nachschlage. Ich weine nicht und stelle Fragen nach der Lichtmaschine, während die hübsche Psychologin mir aufmunternd zulächelt.

Ich gehe zu meiner Tochter. Ich krächze ihr zu, alles wird gut. Hand in Hand betreten wir das Behandlungszimmer. Jeder sitzt auf einem eigenen Stuhl. Aufmerksam hört Pauline der Ärztin zu, die in einfachen Worten ihre vorherige Ansprache wiederholt. Die Ärztin fragt Pauline, ob sie noch Fragen habe, und schaut sie erwartungsvoll an. Pauline fragt wie aus der Pistole geschossen:

Muss ich jetzt sterben?

Die Ärztin schnappt nach Luft, zögert einen kleinen Augenblick und sagt dann sehr bestimmt: Das glaube ich nicht.

Zweite Heimat

Ich werde zur Anmeldung ins Erdgeschoss geschickt, ein ganz normaler Vorgang, also gehe ich zur Anmeldung. Ich renne nicht, ich stürze nicht, ich gehe. Treppe runter, Treppe runter, lachende Chirurgen, eine afghanische Putzfrau, die früher eine große Villa mit Garten und Swimmingpool in einem Vorort von Kabul besessen hat, und deren Mann Neurochirurg war und jetzt Stapelfahrer bei der Bahn ist, ein kleines Mädchen, das versucht, das Treppengeländer hinunterzurutschen, ernste Chirurgen, ein Scheich in weißem Gewand mit einem kleinen, bleichen Jungen auf dem Arm, auch in Weiß. Die denken sicher alle, dass ich mir eine Wurstsemmel kaufen gehe. Aber ich kaufe mir keine Wurstsemmel, Leute, ich werde noch sechs Jahre lang diese Treppen runtergehen, um mir Wurstsemmeln zu kaufen, aber heute kaufe ich mir keine Wurstsemmel, heute bin ich auf dem Weg, mein krebskrankes Kind anzumelden.

Mein Kind hat Krebs.

Bei der Anmeldung muss ich eine Nummer ziehen, wie bei der Kfz- Zulassungsstelle. Damals wusste ich noch nicht, dass man VIP-Status hat, wenn das Kind Krebs hat, dass man einfach an allen Wartenden in das Büro gehen darf, ohne auch nur eine Sekunde zu warten. Aber beim ersten Mal warte ich. Wie all die vielen anderen Eltern, Kinder und Scheiche mit ihren Babys. Ich warte ganz normal, bis ich dran bin, obwohl mein Kind seit drei Stunden zwei Stockwerke über uns liegt und Leukämie hat.

Ich sitze auf einer Bank und warte.

Weder raufe ich mir die Haare, noch zerreiße ich mein Hemd vor der Brust, noch zerkratze ich mir mein Gesicht, noch werfe ich mich der wartenden Türkin an den Hals. Weil ich so wohlerzogen bin. Die anderen sind auch wohlerzogen. Sie warten und niemand lässt sich was anmerken. Ob das Baby vom Scheich wohl einen Gehirntumor hat? Oder nur eine Mittelohrentzündung? Als ich an der Reihe bin, gebe ich dem Mann hinter dem Schalter meine Angaben durch. Es ist ein ganz normaler Mann, wie ich, essen, schlafen, spazieren gehen, Berge vielleicht, was weiß ich, jedenfalls schreit er nicht, als ich ihm sage, auf welcher Station mein Kind liegt, ich schrei ja auch nicht, was habe ich denn erwartet, griechische Tragödie oder was?

Ich schreie nicht.

Das Schlimme an einem Krankenhaus ist, dass es nicht so schlimms c h e i n t,wie es schlimmi s t. Dass das Grauen im Verborgenen lauert. Dass alles so seltsamn o r m a list. Das täuscht über das Schlimme hinweg. Mein Kind ist schwer krank, und wenn es nicht behandelt wird, stirbt es in wenigen Wochen. Das ist das Grauen.

Anmeldung, lachende Chirurgen und freundliche afghanische Putzfrauen, das ist das Normale.

Drei Stunden später sitze ich in einem Gang. Dass ich in einem Gang sitze, ist nicht weiter wichtig, aber dass meine Tochter hinter einer Tür ist, die von diesem Gang wegführt, ist wichtig. Und dass sie hinter dieser Tür schreit. Ich sitze in dem Krankenhausgang vor einer Tür, und hinter dieser Tür schreit meine Tochter.

Meine Tochter schreit.

Dem Gang merkt man nicht an, was hinter seinen Türen geschieht. Er liegt so gepflegt da, blank gewischt von der afghanischen Putzfrau, an den Wänden hängen große Bilder, durchaus geschmackvoll, bunt, ermunternd, keine nichtssagende Kunst für öffentliche Ämter, nein, nein, Gemälde mit Niveau, von einem gewissen Aaron Zeng. Ob Aaron wohl Kinder hat? Wieso sitze ich eigentlich wie angewachsen in diesem gepflegten Gang auf meinem Stuhl, während mein Kind da drinnen schreit? Weil der Arzt gesagt hat, dass Pauline keine Schmerzen haben wird, wenn er mehrmals mit der langen Nadel in ihre Beckenschaufel sticht, um dort Knochenmarkproben zu entnehmen, um noch genauer herauszufinden, welche Form der Leukämie Pauline hat. Der Arzt hat nichtd i r e k tgesagt, dass es nicht wehtut, aber er hat gesagt, dass Pauline Dolantin bekommen wird und sich nachher an nichts mehr erinnern kann. Das ist auch so ein Grauen hinter einer gepflegten Fassade. Schmerzen, an die man sich nicht erinnern kann.

Aberi c hkann mich erinnern.

Niemals werde ich vergessen, wie meine Tochter hinter dieser Türe geschrien hat. Wie ichz u g e l a s s e nhabe, dass meine Tochter hinter dieser Tür geschrien hat. Wie ich zugelassen habe, dass sie Schmerzen hat, an die sie sich später nicht mehr erinnern kann. Wie konnte ich das zulassen?

Weil ich so wohlerzogen bin.

Pauline bekommt ein Bett auf der Krebsstation. Nach dem Gespräch mit der Oberärztin hatte ich sofort Dr. Geier angerufen und ihm von der Leukämie erzählt. Er knurrte, das habe ich mir schon gedacht und ich fragte ihn, ob Chemotherapie in diesem Fall wirklich die Ultima Ratio sei, denn meine Kinder hatten bis zu diesem Zeitpunkt von ihm nie etwas anderes als Kügelchen bekommen, auch nicht, wenn sie ganz schwer krank waren, und er erwiderte, auf jeden Fall, es gibt nichts anderes. Und es wird sechs Wochen dauern, bis du die Julie wieder daheim besuchen kannst, reiten natürlich nicht, wegen der Keime, und bis ich wieder arbeiten gehen kann.

Hier, auf der schlimmsten Station von allen, auf der Station, die eine Mutter nur aus Albträumen kennen sollte, scheint das Krankenhaus zunächst genauso schlimm, wie esn i c h tschlimm ist, das soll jetzt einer verstehen, es ist eben nicht zu verstehen, ich verstehe es selber nicht. Denn da sitzen sie oder laufen herum, die Kinder ohne Haare, die man höchstens mal in einer Dokumentation auf Arte oder als Aufreißer in der Bildzeitung gesehen hat. Diese kleinen glatzköpfigen Wesen mit den großen, weisen, etwas traurigen Augen. Du bist geschockt. Ich bin geschockt. Deine dicken blondbraunen Haare fließen in glänzenden Wellen bis zu deinem Po. Deine tolle Haarpracht, auf die du immer so unglaublich stolz warst. Deine Haarpracht, die du schon fast wie einen Fetisch verehrt hast. So, dass ich vor drei Wochen streng zu dir gesagt habe, dass Haare nicht das Ein und Alles sind im Leben, und dass man seine Haare auch mal verlieren kann, und dass man dann trotzdem noch ein ganzer Mensch sei.

Was für eine Prophezeiung.

Tapfer stehst du neben mir und betrachtest das seltsame Treiben auf dieser Station. Über den glatten, weißen Linoleumflur donnert ein kleines, rotes Bobby Car, auf dem ein etwa zweijähriger Junge sitzt. Aus seinem Hals hängt ein langer Schlauch, der wiederum zu einem Beutel mit gelber Flüssigkeit führt, der an einem Ständer auf Rollen hängt. Die gestresste Mutter rennt hinter ihrem kleinen Rennfahrer her und versucht, den Ständer so schnell hinter dem Auto herzuschieben, dass sich das Kabel nicht strafft und hofft, dass der Venenkatheter nicht plötzlich aus dem Hals gezogen wird. Über uns, an der Decke der Station, hängt ein riesengroßer, Feuer speiender Drache aus grünem Pappmaschee, und zum ersten Mal an diesem Tag muss ich lächeln. Was für ein herrlicher Drache. Der macht Mut. Neben dem Drachen ist die Küche. Mein Blick fällt auf ein aufgeschlagenes Buch, welches auf einem der Tische liegt. Vorne drauf steht „Kinder sterben anders“. Auf der Rückseite lese ich ein Gedicht:

Ich bin von euch gegangen,

nur für eine kurze Zeit

und gar nicht weit.

Wenn ihr dahin kommt,

wohin ich gegangen bin,

werdet ihr euch fragen,

warum ihr geweint habt.

Es ist von Lao Tse. Normalerweise habe ich ein schlechtes Gedächtnis, aber dieses Gedicht konnte ich sofort auswendig und habe es nie wieder vergessen.

Ich habe gedacht, vielleicht brauche ich es noch mal.

Ich habe gedacht, hoffentlich werde ich es niemals brauchen.

Neben uns, auf einem großen, schwarzen Ledersofa, sitzen zwei Teenager. Sie sind so blass wie Pauline. Beiden hängt der Schlauch aus dem Hals, der Hickman-Katheter. Der Hicki, der daran schuld ist, dass die jungen Krebspatientinnen nicht ins Wasser dürfen, nicht duschen, nicht baden, nicht schwimmen. Der aber auch dafür sorgt, dass die Kinder nicht andauernd in die Venen gestochen werden müssen. Alle Medikamente, alle Blutkonserven, jede Blutabnahme erfolgt über den verhassten Hicki. An dem Ständer in dem roten Beutel befindet sich Blutplasma, das auch Pauline in regelmäßigen Abständen bekommen wird. Denn die Zytostatika zerstören nicht nur die kranken Zellen, die Blasten, sondern auch die gesunden Zellen, die wir zum Leben brauchen. In dem gelben Beutel befinden sich Thrombozyten, die Thrombos, ein Wort, das wir öfter in den Mund nehmen werden als Pizza oder Sonnenblume.

Das eine Mädchen trägt ein pinkfarbenes Kopftuch, das andere hat eine Glatze mit einem feinen blonden Flaum darauf.

So wirst du auch bald aussehen, meine Kleine, zart und rührend mit deinem haarlosen Köpfchen, wie ein Vogeljunges, das zu früh aus dem Nest gefallen ist. Du wirst dich hassen ohne deine Haarpracht. Und ich werde dich so lieben und dir ganz oft über deinen warmen, haarlosen Kopf streicheln und dich wunderschön finden.