Die neue Praxis Dr. Norden 5 – Arztserie - Carmen von Lindenau - E-Book

Die neue Praxis Dr. Norden 5 – Arztserie E-Book

Carmen von Lindenau

0,0

Beschreibung

Auf einer Brücke stehen einige Leute und gaffen und filmen. Ophelia entdeckt eine ohnmächtige Frau am Isarufer, die offenbar von der Brücke gesprungen oder gestürzt ist. Ohne zu zögern ruft sie Dr. Danny Norden zu Hilfe, der sich wenige Minuten später um die Ohnmächtige kümmert. Sie kommt schnell wieder zu sich, hat offenbar keine ernsten Verletzungen und gibt an, dass sie glaubt, von der Brücke gefallen zu sein. Sie widerspricht den Zeugen, die behaupten, sie wäre gesprungen. Ines muss drei Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Dr. Danny Norden lernt Ines' Mann Werner kennen, der über Probleme mit Ines klagt. Ihre Depressionen, Vergesslichkeit und schlechte Laune machen ihm so schwer zu schaffen, dass er eine Auszeit von seiner Ehe nehmen will. Danny Norden und seine Freundin, die Psychologin Olivia, kommen zu dem Schluss, dass Ines – vielleicht auch Werner – psychologische Hilfe braucht. Kann Olivia Licht ins Dunkel bringen? Valentina und ihr Mann Korbinian waren seid fünfundzwanzig Jahren verheiratet und würden demnächst ihre Silberhochzeit feiern. Es sollte ein großes Fest werden. Valentina war sehr froh, dass Carolina, Korbinians Nichte, die Tochter seiner Schwester, sich bei ihnen einquartiert hatte, um ihnen bei den Vorbereitungen zu helfen. Carolina hatte sich nach ihrer Ausbildung zur Köchin zur Ernährungsberaterin fortgebildet, und sie liebte es, für andere zu kochen. "Was hast du heute vor, mein Schatz?", wollte Valentina von Korbinian wissen, bevor sie sich an diesem Morgen auf den Weg zu Danny Norden machte, um sich um seinen Haushalt zu kümmern, so wie an jedem Vormittag von Montag bis Freitag. "Onkel Korbinian könnte mich zum Einkaufen begleiten", sagte die junge Frau, die in der gemütlichen Bauernküche der Merzingers stand und im Stehen eine Tasse Kaffee trank. "Danke für das Angebot, Carolina, aber ich habe ein bissel Arbeit im Garten, und heut ist ein schöner Tag dazu", antwortete Korbinian seiner Nichte. "Du bist jetzt Rentner, Korbinian, du kannst jeden Tag in den Garten gehen", sagte Valentina und streichelte ihrem Mann über das kurze graue Haar. Er saß auf der Eckbank am Küchentisch und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand. "Ich habe aber einen Zeitplan aufgestellt, bis zur Feier will ich alles erledigt haben. Außerdem tut es mir gut, mich ein bissel unter Stress zu setzen, dann habe ich nicht das Gefühl, aussortiert zu sein", erklärte er ihr, nachdem er einen Schluck Kaffee getrunken hatte. "Geh, du bist doch nicht aussortiert", entgegnete Valentina lächelnd, die neben ihm stand und ihn liebevoll betrachtete. Sie hatte den großen starken Mann mit den warmen dunklen Augen erst kennengelernt, als sie schon auf die vierzig zuging. Er war ihre erste große Liebe, und sie war auch für ihn die erste Frau, mit der er sich vorstellen konnte, sein Leben zu verbringen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 124

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Die neue Praxis Dr. Norden – 5 –

Verschiedene Welten

Hat die Liebe trotzdem eine Chance?

Carmen von Lindenau

Valentina und ihr Mann Korbinian waren seid fünfundzwanzig Jahren verheiratet und würden demnächst ihre Silberhochzeit feiern. Es sollte ein großes Fest werden. Valentina war sehr froh, dass Carolina, Korbinians Nichte, die Tochter seiner Schwester, sich bei ihnen einquartiert hatte, um ihnen bei den Vorbereitungen zu helfen. Carolina hatte sich nach ihrer Ausbildung zur Köchin zur Ernährungsberaterin fortgebildet, und sie liebte es, für andere zu kochen.

»Was hast du heute vor, mein Schatz?«, wollte Valentina von Korbinian wissen, bevor sie sich an diesem Morgen auf den Weg zu Danny Norden machte, um sich um seinen Haushalt zu kümmern, so wie an jedem Vormittag von Montag bis Freitag.

»Onkel Korbinian könnte mich zum Einkaufen begleiten«, sagte die junge Frau, die in der gemütlichen Bauernküche der Merzingers stand und im Stehen eine Tasse Kaffee trank.

»Danke für das Angebot, Carolina, aber ich habe ein bissel Arbeit im Garten, und heut ist ein schöner Tag dazu«, antwortete Korbinian seiner Nichte.

»Du bist jetzt Rentner, Korbinian, du kannst jeden Tag in den Garten gehen«, sagte Valentina und streichelte ihrem Mann über das kurze graue Haar. Er saß auf der Eckbank am Küchentisch und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand.

»Ich habe aber einen Zeitplan aufgestellt, bis zur Feier will ich alles erledigt haben. Außerdem tut es mir gut, mich ein bissel unter Stress zu setzen, dann habe ich nicht das Gefühl, aussortiert zu sein«, erklärte er ihr, nachdem er einen Schluck Kaffee getrunken hatte.

»Geh, du bist doch nicht aussortiert«, entgegnete Valentina lächelnd, die neben ihm stand und ihn liebevoll betrachtete. Sie hatte den großen starken Mann mit den warmen dunklen Augen erst kennengelernt, als sie schon auf die vierzig zuging. Er war ihre erste große Liebe, und sie war auch für ihn die erste Frau, mit der er sich vorstellen konnte, sein Leben zu verbringen.

»Es ist halt eine Umstellung«, seufzte Korbinian, der über vierzig Jahre lang als Elektriker in dem Bauunternehmen angestellt war, in dem er seinen Beruf erlernt hatte.

»Stimmt, aber mir gefällt die Umstellung, weil du jetzt mehr Zeit für mich hast«, entgegnete Valentina.

»Du müsstest auch nicht mehr arbeiten gehen.«

»Mei, die paar Stunden bei unserem Doktor. Ich hab ihn gern, und es macht mir Spaß, ihn ein bissel zu umsorgen«, gestand Valentina ihrem Mann, dass sie nicht nur wegen des Geldes zu Danny ging.

»Ich weiß, du brauchst immer jemanden, den du umsorgen kannst.«

»Sie kann dich umsorgen, Onkel Korbinian«, meldete sich Carolina zu Wort.

»Das ist nicht dasselbe. Doktor Norden ist in dem Alter, in dem er Valentinas Sohn sein könnte, und das ist, was sie braucht. Wir hatten doch nicht mehr das Glück, noch eigene Kinder zu bekommen«, erklärte Korbinian seiner Nichte.

»Weil ich schon zu alt war«, seufzte Valentina.

»Wir sind doch auch so glücklich«, sagte Korbinian und umfasste sanft Valentinas Hand.

»Ja, das sind wir«, versicherte ihm Valentina.

»Und ihr liebt euch noch immer, das finde ich großartig. Es wird ein wundervolles Fest werden, dafür werde ich sorgen«, versprach Carolina den beiden.

»Das wissen wir, Kleines«, sagte Valentina. »Aber jetzt muss ich los, wir sehen uns dann zum Mittagessen.«

»Um das ich mich kümmern werde«, sagte Carolina. Sie half Valentina in die blaue Strickjacke, die sie zu ihrer weißen Bluse und dem hellblauen Faltenrock trug.

»Mei, damals, als der Korbinian und ich geheiratet haben, da war ich auch noch so schlank wie du«, stellte Valentina mit einem verträumten Lächeln fest, als sie die schlanke junge Frau betrachtete und gleichzeitig über ihre im Laufe der Jahre rundlich gewordenen Hüften strich.

Carolina trug Jeans und T-Shirt, hatte ihr dunkles Haar zu einem dicken Zopf geflochten, und Valentina wurde es ganz warm ums Herz, als Carolina sie mit ihren strahlend blauen Augen ansah. Als sie sie kennenlernte, ging sie noch in den Kindergarten, und sie hatte sie schon damals in ihr Herz geschlossen. Es war ihr immer eine große Freude gewesen, wenn das Mädchen, das mit seiner Familie in der Nähe von Bremen lebte, in den großen Ferien zu ihnen kam, um ein paar Tage mit ihnen in den Bergen wandern zu gehen.

»Mit dir ist alles in Ordnung, Tante Valentina«, versicherte ihr Carolina und umarmte sie liebevoll.

»Danke, mein Schatz. Bis später!«, rief Valentina, schaute noch einmal in die Küche und warf Korbinian einen Handkuss zu. Als sie gleich darauf das Haus verließ, blieb sie kurz stehen, bevor sie das Grundstück verließ.

Die Sonne schien und wärmte sogar schon ein wenig. Der Frühling kündigte sich an. Sie schaute auf das Haus mit der sonnengelben Fassade, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Küche, Wohnzimmer und das Gästezimmer im Erdgeschoss, Schlafzimmer und ein großes Bad im ausgebauten Dachgeschoss, das war ihr immer genug gewesen. Und sie liebte den Garten mit seinen reichtragenden Obststräuchern und prächtigen Blumenbeeten. Die immergrüne Hecke aus hochgewachsenen Buchsbaumpflanzen schirmte den Garten vor neugierigen Blicken der Nachbarn und zur Straße hin ab, was sie als äußerst angenehm empfand.

Valentina lächelte in sich hinein, als sie auf den Teich schaute, den Korbinian vor einigen Jahren mit Freunden angelegt hatte. Im letzten Herbst hatte er beschlossen, ihn zu einem Schwimmteich zu erweitern. Die zusätzliche Erde war bereits ausgehoben. Den Winter über hatte Korbinian die Erdkuhle mit einer Plane abgedeckt, die wollte er heute abnehmen und mit den Arbeiten für den Teich beginnen. Er hoffte, bis zur bevorstehenden Feier fertig zu sein. Ihre Gäste sollten sich bei ihnen wie in einem kleinen Paradies fühlen. Mein Korbinian schafft alles, was er sich vornimmt, dachte Valentina lächelnd und ließ das Gartentor hinter sich zufallen.

*

Korbinian hatte mit der Arbeit im Garten gewartet, bis Carolina gegangen war. Sie wollte in die Innenstadt fahren. Dort hatte ein neuer Bioladen eröffnet, dessen Angebot sie sich ansehen wollte. Korbinian genoss den Besuch seiner Nichte und wollte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Er wäre auch mit ihr in die Stadt gefahren, aber er wäre sicher kein guter Begleiter gewesen, weil er ständig an die Arbeit im Garten gedacht hätte.

Er zog seine Arbeitshose an, die mit den vielen Taschen, in denen er das unterschiedlichste Werkzeug unterbringen konnte, und dazu sein blauweißkariertes Hemd. Bevor er in den Garten hinausging, schaltete er den Backofen aus und nahm das Backblech heraus, worum Carolina ihn gebeten hatte. Sie hatte Teigtaschen gebacken, die er und Valentina heute probieren sollten. Seit Tagen kochte sie schon für sie, weil sie mit ihnen gemeinsam ein Menü für die Feier zusammenstellen wollte.

Die Teigtaschen dufteten verlockend, und er konnte nicht widerstehen, eine davon zu nehmen. Da sie noch sehr heiß war, nahm er sie mit hinaus in den Garten. Zuerst musste er die Plane entfernen, mit dem er die Kuhle abgedeckt hatte, danach würde er die ersten Teichpflanzen in die Erde setzen. Er ging noch einmal um den Teich herum, um ihn von allen Seiten zu betrachten, und biss in die Teigtasche, die mit Gemüse und Käse gefüllt war.

»Was ist denn jetzt los?«, flüsterte er, als ihm auf einmal ganz heiß und schwindlig wurde. Als ihm plötzlich die Beine wegsackten, versuchte er noch, sich mit den Händen abzufangen, aber es gelang ihm nicht. Er stürzte und fiel auf die Plane, die den Teich abdeckte. Sie sackte unter seinem Gewicht nach unten. Er spürte noch, wie er mit dem Kopf auf etwas Hartes schlug, danach wurde ihm schwarz vor Augen.

*

Währenddessen saß Valentina bei Danny Norden in der Küche und trank in aller Ruhe Kaffee. Sie hatte Rühreier und Toast für Danny gemacht und leistete ihm wie jeden Morgen, wenn sie bei ihm war, Gesellschaft. »Wie viele Gäste erwarten Sie denn zu Ihrer Feier?«, fragte Danny, als Valentina ihm von Carolinas Kochkünsten erzählte.

»So um die fünfzig«, sagte sie und ließ ihren Blick durch Dannys große helle Wohnküche mit dem Kachelofen schweifen. Die Schiebetür zum Wohnzimmer, die sich fast über die ganze Wand hinzog, war geöffnet. Die beiden Räume schienen nahtlos ineinander überzugehen. So viel Platz hatte sie zwar nicht in ihrem Haus, aber für ihre Gäste würde es reichen. »Sie kommen doch?«

»Ja, Valentina, sehr gern«, sagte Danny.

»Frau Doktor Mai habe ich auch eingeladen.«

»Ich weiß«, entgegnete er lächelnd.

Dass Valentina in ihm und seiner schönen Nachbarin bereits ein Paar sah, war ihm schon länger klar.

»Wir bekommen Besuch«, sagte sie, als sie das Mädchen im Garten sah, das auf die Terrassentür zusteuerte. »Guten Morgen, Ophelia«, begrüßte sie das Mädchen mit den langen roten Haaren und den hellen blauen Augen, als sie ihr gleich darauf die Tür öffnete.

»Ist Ortrud da?«, fragte Ophelia, Olivia Mais Tochter.

»Nein, Herzl, heute nicht, ich habe sie schon vermisst«, antwortete Valentina mit einem bedauernden Achselzucken. Ortrud, die Katze der Mais, kam für gewöhnlich jeden Morgen zu Danny, legte sich auf die Fensterbank mit Blick auf den Garten und ließ sich streicheln.

»Ich hatte so gehofft, dass sie hier sein würde. Wir haben sie seit gestern Abend nicht mehr gesehen, und das ist ungewöhnlich. Sie kommt sonst nachts immer nach Hause«, entgegnete Ophelia mit besorgter Miene.

»Sie kommt schon wieder. Katzen kommen sehr gut allein zurecht. Vielleicht hat sie ihr Revier ausgedehnt und erkundet die Gegend«, beruhigte Valentina das Mädchen.

»Ja, vielleicht, ich werde mich aber trotzdem mal in der Nachbarschaft umsehen. Ich habe heute erst zur dritten Stunde Schule. Guten Morgen, Doc!«, rief sie, als sie Danny am Küchentisch entdeckte.

»Guten Morgen«, antwortete Danny freundlich. »Falls du Ortrud nicht findest, gib mir Bescheid. Ich höre mich dann in der Praxis um, ob jemand etwas weiß«, schlug er Ophelia vor.

»Danke, Doc, ich werde vielleicht darauf zurückkommen«, verabschiedete sich Ophelia und stürmte davon.

»Hoffentlich findet sie Ortrud«, sagte Valentina, während sie dem Mädchen in der roten Jeans und der weißen taillenkurzen Jacke nachsah.

»Sie taucht ganz bestimmt wieder auf«, versicherte ihr Danny und schaute auf die Fensterbank, auf der Ortrud sonst um diese Zeit lag. Seitdem seine Nachbarinnen in das Haus neben ihm gezogen waren, kam die Katze fast jeden Morgen vorbei, und er hatte das sanfte Tier schon lange in sein Herz geschlossen.

Ein paar Minuten später machte er sich auf den Weg zur Praxis, die durch einen abgeschlossenen Gang mit dem Wohnteil des Hauses verbunden war. Sophia und Lydia, seine beiden Arzthelferinnen, waren wie immer schon da und standen hinter dem weißen Empfangstresen. Lydia telefonierte, Sophia schrieb die Namen der Patienten auf, die zu ihm in die Sprechstunde wollten. An diesem Morgen war schon einiges los. Auch im Wartebereich mit den gelben Sesseln und den hochgewachsenen Grünpflanzen, der nur durch eine Glaswand von der weiten hellen Diele getrennt war, waren schone einige Plätze besetzt.

»Guten Morgen, Herr Doktor!«, rief Sophia, als sie auf Danny aufmerksam wurde.

»Guten Morgen, Herr Doktor!«, schlossen sich die Patienten der Begrüßung an, während Lydia ihm lächelnd zunickte.

»Guten Morgen«, antwortete Danny freundlich in die Runde und durchquerte den Gang in Richtung seines Sprechzimmers. Er gab vor, es eilig zu haben, weil er nicht wollte, dass ihn seine Patienten schon im Gang ansprachen und jeder dabei dem anderen zuvorkommen wollte. Er war nicht darauf aus, sich dem Vorwurf auszusetzen, er würde dabei jemanden bevorzugen.

Das Sprechzimmer war ebenso hell eingerichtet wie die ganze Praxis. Der Kontrast zwischen dem modernen Schreibtisch, der an einem Stahlarm befestigten Lampe mit dem großen Schirm und der antiken Standuhr, die eine Ecke des Zimmers einnahm, verlieh diesem Raum einen besonders interessanten Charakter. Danny hatte gerade das Fenster geschlossen, das zum Lüften geöffnet war, als es an der Tür klopfte und Lydia hereinkam.

»Was kann ich für Sie tun, Lydia?«, fragte Danny.

»Ich weiß nicht mehr, wie ich die Leute beruhigen soll. Ich hatte heute Morgen schon unzählige Anrufe. Ich befürchte, auf uns rollt etwas Beängstigendes zu.«

»Und das wäre?«

»Die Leute wollen wissen, wie sie sich vor diesem neuen Virus schützen können, das gerade grassiert. Sie glauben mir nicht, wenn ich Ihnen sage, dass gründliches Händewaschen allein schon eine Menge dazu beiträgt, sich keine krankmachenden Viren einzufangen.«

»Aber so ist es«, sagte Danny und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

»Ich weiß das, aber die Leute wollen unbedingt mit Ihnen persönlich sprechen. Das würde allerdings dazu führen, dass Sie keine Zeit mehr für die Patienten hätten, die in die Praxis gekommen sind und noch kommen werden.«

»Das wäre allerdings ein Problem«, stimmte Danny der hübschen jungen Frau mit dem dunkelblonden halblangen Haar zu.

»Ich wünschte, die Leute würden sich nicht immer gleich bedroht fühlen, wenn irgendwo ein neues Virus auftaucht. Es reicht schon, wenn sich alle vor der jährlich wiederkehrenden Grippe fürchten«, seufzte Lydia.

»Hände waschen ist nun einmal die beste Option. Sie könnten zusätzlich noch dazu raten, auf gesunde Ernährung zu achten und einen Arzt aufzusuchen, falls sie plötzlich Fieber bekommen.«

»Alles klar, drei Ratschläge. Damit klinge ich gleich viel kompetenter«, entgegnete Lydia lächelnd. »Können wir dann mit der Sprechstunde anfangen?«

»Können wir«, sagte Danny.

*

Ophelia hatte bereits die nähere Nachbarschaft nach Ortrud abgesucht, in die Gärten geschaut und auch bei den Leuten geklingelt, aber ihre Katze war nirgendwo zu sehen. Inzwischen war sie in der Straße unterwegs, in der Valentina wohnte. Vielleicht war sie auf ihren Streifzügen durch die Gärten irgendwo verunglückt und konnte sich nicht allein retten.

»Ortrud!«, rief Ophelia und schaute sich in alle Richtungen um.

»Wen suchst du?«, fragte eine ältere Frau, die mit einem Staublappen in der Hand am Fenster im ersten Stock eines der Einfamilienhäuser stand.

»Meine Katze, sie hat ein rotgetigertes Fell«, beschrieb Ophelia Ortrud. Sie war vor dem Eisentor stehengeblieben, das zum Garten des Hauses führte.

»Ich habe vorhin etwas gehört, es kam von dort.« Die Frau deutete auf die Eiche, die auf der anderen Straßenseite vor dem Grundstück der Merzingers stand.

»Vielen Dank«, sagte Ophelia. Sie überquerte die Straße, blieb unter dem Laubdach der Eiche stehen und schaute nach oben. »Ortrud, bist du da irgendwo?!«, rief sie und beobachtete die Äste, ob sie sich bewegten. »Ortrud?!«, versuchte sie es erneut und plötzlich sah sie, wie ein Ast in Schwingungen geriet. Gleich darauf hörte sie Ortruds vertrautes Miauen, und sie atmete erleichtert auf, als sie das rote Fell der Katze durch das Laub schimmern sah. »Ortrud, komm zu mir!«, lockte sie das scheue Tier. »Du schaffst das, Süße«, machte sie Ortrud Mut, die weit oben im Baum über einen Ast balancierte.

Aber Ortrud schien das Wagnis nicht eingehen zu wollen. Sie hatte es zwar geschafft, den Baum hinaufzusteigen, traute sich aber nicht mehr hinunter. Möglicherweise war sie am Abend zuvor vor etwas oder jemandem geflüchtet, vielleicht vor einem unbekannten Hund oder einem Menschen, der sie ärgern wollte. Sie hatte sich zwar in Sicherheit gebracht, aber ganz bestimmt hatte sie nicht damit gerechnet, die Nacht dort oben verbringen zu müssen.

»Ortrud, du bist eine Katze, du kannst auch einen Baum wieder hinunterklettern«, redete Ophelia weiter auf Ortrud ein, aber sie hatte keinen Erfolg.