Die neuen großen Western 7 - Roscoe Hollister - E-Book

Die neuen großen Western 7 E-Book

Roscoe Hollister

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Beschreibung

Die neuen großen Western Die neuen großen Western sind von unverwechselbarer Action und Spannung. Sie handeln von den großen Gestalten, die für Freiheit und Gerechtigkeit kämpften, von legendären Revolverhelden, die nicht bereit waren, sich dem Bösen zu beugen – und die den Outlaw vernichteten, der Dörfer und ganze Gegenden tyrannisierte. Diese Westernhelden sind hart, unbezwingbar und in den Waffenarsenalen jener Pionierzeit ganz zu Hause. Was erst heute mit voller Schärfe entdeckt wurde: Diese charismatischen Gunmen haben die Wehrlosen und Schwachen beispielhaft beschützt! Der Tod kommt auf leisen Sohlen. So heißt es zumindest. Doch nicht immer stimmt es. Und auch nicht an diesem frühen Morgen! Denn da preschte der Sensenmann auf seinem Gaul mit trommelndem Hufschlag, so laut wie der Donner eines Sommergewitters, durch das Morgengrauen. Selbst der Ruf der Falken, hoch oben am Himmel, wo sie kreisend auf ihre Beute lauerten, verstummte. Es schien gerade so, als ob die Natur angesichts des Unheils, das sich auf dem großen, knochigen Pferd näherte, ehrfurchtsvoll den Atem anhalten würde. Auch der hagere, schnauzbärtige Mann, der in einer windgeschützten Senke neben einem erloschenen Lagerfeuer ruhte, erwachte durch den sich rasch nähernden Hufschlag. Hastig rappelte er sich auf und versuchte, die Schlaftrunkenheit, die ihn noch umfangen hielt, abzuschütteln. Als der Fremde sein vor Schweiß dampfendes Pferd vor ihm zügelte, wurde ihm schlagartig bewusst, dass sein Revolvergurt einige Yards entfernt neben der Feuerstelle lag. Ken Duskin, so hieß der Weidereiter am erkalteten Lagerfeuer, blickte zu dem Reiter auf, dessen Statur ein ­pechschwarzer Staubmantel einhüllte. Unter der breiten Krempe seines Stetsons funkelten hasserfüllte Augen. Der Rest des Gesichts war durch ein vor Dreck starrendes Halstuch verdeckt. Von dem schwarz gekleideten Fremden ging eine Eiseskälte aus, die durch das Grau des Morgens direkt auf ihn überzugehen schien. Der Weidereiter schluckte, obwohl er kein ängstlicher Mann war. Aber instinktiv ahnte er die unmittelbare Todesgefahr, in der er plötzlich schwebte, ohne den blassesten Schimmer davon zu haben, weshalb, oder wer dieser Kerl war und von ihm wollte. Duskin setzte an, um ihn danach zu fragen. Doch die Worte erstarben auf seinen Lippen! Denn schnell wie der Blitz hatte der Reiter seine großkalibrige Bleispritze aus dem Holster gezogen. Für einen Sekundenbruchteil starrte der hagere Cowboy die schwarze Mündung an, wie die Eingangspforte zur Hölle.

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Die neuen großen Western – 7 –

Ein Silberdollar für den Tod

Roscoe Hollister

Der Tod kommt auf leisen Sohlen. So heißt es zumindest. Doch nicht immer stimmt es. Und auch nicht an diesem frühen Morgen! Denn da preschte der Sensenmann auf seinem Gaul mit trommelndem Hufschlag, so laut wie der Donner eines Sommergewitters, durch das Morgengrauen. Selbst der Ruf der Falken, hoch oben am Himmel, wo sie kreisend auf ihre Beute lauerten, verstummte. Es schien gerade so, als ob die Natur angesichts des Unheils, das sich auf dem großen, knochigen Pferd näherte, ehrfurchtsvoll den Atem anhalten würde.

Auch der hagere, schnauzbärtige Mann, der in einer windgeschützten Senke neben einem erloschenen Lagerfeuer ruhte, erwachte durch den sich rasch nähernden Hufschlag. Hastig rappelte er sich auf und versuchte, die Schlaftrunkenheit, die ihn noch umfangen hielt, abzuschütteln.

Als der Fremde sein vor Schweiß dampfendes Pferd vor ihm zügelte, wurde ihm schlagartig bewusst, dass sein Revolvergurt einige Yards entfernt neben der Feuerstelle lag.

Ken Duskin, so hieß der Weidereiter am erkalteten Lagerfeuer, blickte zu dem Reiter auf, dessen Statur ein ­pechschwarzer Staubmantel einhüllte. Unter der breiten Krempe seines Stetsons funkelten hasserfüllte Augen. Der Rest des Gesichts war durch ein vor Dreck starrendes Halstuch verdeckt. Von dem schwarz gekleideten Fremden ging eine Eiseskälte aus, die durch das Grau des Morgens direkt auf ihn überzugehen schien.

Der Weidereiter schluckte, obwohl er kein ängstlicher Mann war. Aber instinktiv ahnte er die unmittelbare Todesgefahr, in der er plötzlich schwebte, ohne den blassesten Schimmer davon zu haben, weshalb, oder wer dieser Kerl war und von ihm wollte.

Duskin setzte an, um ihn danach zu fragen. Doch die Worte erstarben auf seinen Lippen! Denn schnell wie der Blitz hatte der Reiter seine großkalibrige Bleispritze aus dem Holster gezogen. Für einen Sekundenbruchteil starrte der hagere Cowboy die schwarze Mündung an, wie die Eingangspforte zur Hölle. Und gleich darauf kam auch das Fegefeuer, verkündet in der zuckenden Mündungsflamme, begleitet von einem ohrenbetäubenden Krachen.

Etwas schlug dumpf in Ken Duskins Brust, raubte ihm jäh Atem und Sinne. Noch bevor er auf dem Boden neben der Feuerstelle aufschlug, war er bereits tot.

Asche zu Asche.

Der Schwarzgekleidete steckte den rauchenden Colt ins Holster zurück. Dann holte er einen Silberdollar aus der Tasche seines Staubmantels.

»Endlich schmorst du in der Hölle, du verfluchter Bastard!« Noch während er diese Worte ausspie, warf er der Leiche die Münze auf den blutenden Leib. Dann gab er seinem Gaul die Sporen und ritt denselben Weg zurück, den er gekommen war. Begleitet von beißendem Pulverdampf und dem Pestilenzgestank des Todes.

*

Howe Chusack hatte nicht die geringste Ahnung, dass er in weniger als einer Minute sterben würde.

Sorgfältig fegte der glatzköpfige Mann den Boden seines Ladengeschäfts für Eisenwaren. Durch den aufgewirbelten Staub war die Luft stickig und schal. Das Atmen fiel schwer, aber das schien den Storebesitzer nicht sonderlich zu stören. Er freute sich schon auf ein saftiges Steak und eine Flasche Whiskey, die in den oberen Räumen, die er bewohnte, auf ihn warteten.

Als er mit dem Ausfegen fertig war, lehnte er den Besen neben die geschlossene Ladentür. Er wandte sich um – und erschrak bis ins Mark! Das Herz hämmerte wild in seiner Brust.

Neben der Trennwand zwischen dem Verkaufsraum und dem Office stand ein Schatten. Reglos, wie eine Spinne im Netz musste er dort schon seit Minuten ausgeharrt und ihn beobachtet haben. Doch wie war der verfluchte Hundesohn hier hereingekommen? Hatte er die Hintertür aufgebrochen?

Weiter kam Howe Chusack mit seinen Überlegungen nicht. Denn jetzt bewegte sich der Schatten rasch auf ihn zu. In der rechten Faust schimmerte der Stahl einer großkalibrigen Kanone.

Der Storebesitzer zuckte zurück, als hätte er eine Tarantel angefasst.

»Was zum Henker …?«

Der Schatten drückte kurz hintereinander ab. Gnadenlos und präzise.

Die Einschläge wirbelten Chusacks Körper um die eigene Achse, als wäre er eine Marionette, die ein unsichtbarer Puppenspieler ins Aus dirigierte. Schwer krachte er gegen ein Regal mit Tierfutter, rutschte langsam daran herab auf den frischgefegten Boden. In seinen gebrochenen Augen spiegelte sich das flackernde Licht der Petroleumlampe.

Mit schweren Stiefelschritten trat der Schatten an den Toten heran und schnippte ihm mit Daumen und Zeigefinger einen Silberdollar auf die Brust.

»Du hättest schon viel früher krepieren sollen, du Hurensohn!«

*

Unbarmherzig brannte die Sonne vom stahlblauen Himmel, sodass Ned Buchanan froh war, endlich die Häuserschatten der kleinen Stadt zu erreichen. Auch wenn Smokey Bend nicht mehr als ein Furz auf der Landkarte von Texas war. Gerade so groß, dass es neben einem Mietstall, in dem er sein staubbedecktes und schweißnasses Pferd unterbrachte, noch einen Saloon mit sechs Zimmern gab. Zum Glück war eines davon noch frei.

Der hünenhafte Mann mit den breiten Schultern und der schmalen Taille, an dessen Erscheinung nichts Weiches war, wollte nur eine Nacht bleiben. Dann musste er weiterziehen. Sein Ziel, die Grenzstadt Laredo am Rio Grande, lag noch etwa hundert Meilen von hier entfernt. Zu weit für ihn und seinen völlig erschöpften Gaul an diesem Tag. Denn das Tier und sein Herr hatten bereits einen langen, anstrengenden Ritt von El Paso hinter sich.

In der angenehmen Kühle des angemieteten Zimmers gönnte sich Buchanan eine Rasur. Als er damit fertig war, blickte ihn aus dem fleckigen Spiegel das glatte, schmale und hartknochige Gesicht eines Steppenreiters an, umrahmt von einem Wust rabenschwarzer Haare. Die rauchgrauen Augen waren leicht schräggestellt. Jeder, der in sie hineinblickte, bekam einen Vorgeschmack auf die Unnachgiebigkeit eines zähen Kämpfers. In die Augenwinkel hatten sich dünne Fältchen gegraben. Ein Zeichen dafür, dass dieser Mann zwischen Jugend und Alter stand. Die etwas hervorstehenden Wangenknochen bildeten eine Einheit mit dem scharfen Kinn. Der Mund unter der geraden Nase, war breit und selbst wenn er nicht lächelte, verlieh er ihm einen ironischen Ausdruck.

Als der Mann schließlich auf dem Bett mit den quietschenden, ausrangierten Federn lag und seine geschundenen Knochen ausstreckte, fiel ihm das Telegramm wieder ein. Adressiert an Ned Buchanan, Sergeant der Texas Rangers. Absender war Chief Captain Mike O’Toole. Dieser hatte nicht nur den Oberbefehl über alle Bataillone inne, sondern besaß nach dem Adjutant General des Staates Texas den zweithöchsten Rang der Polizeitruppe.

Die wenigen Zeilen der Depesche formulierten einen neuen Auftrag für Buchanan. In Rio Bravo war der Store-Besitzer Howe Chusack erschossen worden. In der Nähe von Laredo der Weidereiter Ken Duskin, ein ehemaliges Mitglied der Texas Rangers, der jedoch wegen Unregelmäßigkeiten unehrenhaft entlassen worden war. Auf den Körpern der Leichen wurde – vermutlich vom Täter – jeweils ein Silberdollar abgelegt. Dieses mysteriöse Indiz verband die beiden Morde. Buchanan sollte die Verbrechen aufklären, den oder die Schuldigen finden und dem Gesetz ausliefern. Den örtlichen Gesetzesbeamten traute der Chief Captain dies wohl nicht zu. Zumal eines der Opfer ein Ex-Texas Ranger war, wollte O’Toole die Sache in die eigene Hand nehmen. Im letzten Satz des Telegramms riet er Buchanan, bei seinen Ermittlungen inkognito vorzugehen. Auch gegenüber dem Bezirkssheriff und dem Town Marshals. Dieser Auftrag war es also, der den Sergeant nach Laredo führte.

Es dauerte nicht lange und er fiel in einen tiefen, aber nicht traumlosen Schlaf. Die Geister der Vergangenheit suchten ihn regelmäßig heim, sorgten dafür, dass sein Körper im Traum schweißgebadet zuckte.

Buchanan ist dabei gewesen, als die Texas Rangers unter der Führung von Captain L. H. McNelly die mexikanische Grenze überschritten und einen regelrechten Krieg gegen die Bandoleros führten. Das Ziel der Polizeitruppe war es, gestohlene Vieh- und Pferdeherden nach Texas zurückzubringen. Ein Jahr später drangen die Texas Rangers erneut in Mexiko ein, dieses Mal unter Major S. P. Heintzelman und Major John S. Ford. Mit nur etwas über zweihundert Männern vernichteten sie in einer blutigen Schlacht die Bande des Revolutionsgenerals Juan N. Cortinas.

Bei den überlebenden Teilnehmern dieses legendären Kampfes hatten sich tiefe Spuren eingebrannt. Auch bei Buchanan. Jede Nacht suchten ihn deshalb Albträume von dem Schlachtfeld heim. Viele sind gestorben, zu viele. Bei den Toten handelte es sich überwiegend um blutjunge Männer, wie er damals selbst einer war. Mit Stoßgebeten auf den Lippen, dass ihnen niemand eine Kugel in den Kopf jagen möge, waren sie losgeritten. Doch genau das passierte. Immer und immer wieder. Denn der Gegner griff nicht nur auf offenem Feld an, sondern verkroch sich, wartete in aller Ruhe ab und hatte nur eines im Sinn: Den amerikanischen Eindringlingen den Tod zu bringen oder ihnen zumindest schlimme Wunden zuzufügen. Körperlich und geistig. Mit Schießeisen, mit Messern und Beilen.

In diesen Jahren hatte Ned Buchanan gelernt, sich selbst zu beherrschen, kaltblütig zu sein, wo immer es angebracht war.

Der Texas Ranger stöhnte im Schlaf laut auf. Aber niemand hörte ihn in dieser Nacht in seinem Hotelzimmer in Smokey Bend.

Er war nicht nur im Fegefeuer der Hölle geschmiedet worden, sondern ihr auch entkommen. Das jedenfalls dachte er. Bis er eines Besseren belehrt wurde …

*

Das Letzte was Butch Williams in seinem Leben bemängelte, war der verdammte Fliegendreck an der Wand. Wie ein winziges, schwarzes Muttermal zeichnete dieser sich auf dem weißen Kalk ab. Obwohl er schon seit Jahren in dem schäbigen Loch hockte, das eigentlich eine seriöse Anwaltskanzlei darstellen sollte, fiel ihm der Schmutz erst jetzt auf.

Der untersetzte Mann kniff die Augen zusammen, seufzte kurz und wollte sich soeben wieder dem Stapel Papier auf dem Schreibtisch zuwenden. Doch mitten in der Bewegung hielt er inne, aufgeschreckt von den schweren Stiefelschritten vor seinem Büro. Gleich darauf flog die Tür auf und krachte gegen die Wand. Auf der Schwelle stand ein schwarz gekleideter, hochgewachsener Mann. Der untere Teil des Gesichts war mit einem dunklen Halstuch bedeckt. Ein breiter Hutrand beschattete seine Augenpartie.

Butch starrte den Fremden an wie ein Gespenst, so überraschend war dieser aufgetaucht.

»Ich habe kein Geld hier …«, sprudelte es ihm angesichts des Maskierten über die Lippen.

Doch dieser ignorierte die Worte, zog stattdessen mit einer einzigen fließenden Bewegung den schweren Colt aus dem Holster.

»Fahr zur Hölle du elender Bastard!«

Die Stimme unter dem Halstuch war so eisig wie Morgenfrost. Im selben Atemzug verschmolzen die Mündungsblitze mit dem Donner der beiden Schussdetonationen. Das heiße Blei zerfetzte Butch Williams den Hals. Über seinem Blut, das auf dem Kalk zurückblieb, prangte der Fliegendreck.

Obwohl die Schüsse in der näheren Umgebung gehört worden sein mussten, schien es der Fremde nicht besonders eilig zu haben. Langsam trat er auf den Toten zu, griff in seine Westentasche und holte einen Silberdollar hervor. Mit einem gekonnten Fingerschnippen landete die Münze mitten auf der Brust seines Opfers. Dann wandte sich der Maskierte um und ging ruhigen Schrittes wieder aus der heruntergekommenen Anwaltskanzlei hinaus.

*

Laredo schien nur aus Staub und Hitze zu bestehen. So jedenfalls kam es Ned Buchanan vor, als er mit seinem langbeinigen Wallach in die Stadt hineinritt und in die breite Main Street lenkte. Selbst die Häuser schienen ohne Puls und Atem. Einige von ihnen waren im mexikanischen Stil erbaut, mit hellen Adobemauern, auf denen rote Dachziegel in der Sonne glänzten. Vom Nordufer des nahen Rio Grande wehte ein Wind, so heiß wie der Gluthauch der Hölle. Die Menschen verkrochen sich im Innern der Gebäude oder hielten sich nur in deren Schatten auf. Die Hauptstraße sowie die Plankengehsteige längs der Häuser waren weitgehend verwaist. Ein paar Pferde standen da und dort an den Haltebalken und einige Wagen waren abgestellt. Aber ansonsten wirkte die Stadt wie ausgestorben.

Zielstrebig ritt Buchanan auf die verstaubte Fassade des Rio Grande Hotels zu. Daneben und nur durch einen schmalen Durchgang getrennt, war der Kitty Bell Saloon. Doch um diese Zeit war selbst in dem Amüsierschuppen nicht viel los.

Vor dem Hotel glitt Buchanan aus dem Sattel.

Direkt gegenüber befand sich der Mietstall mit einer großen Scheune. Dahinter einige Corrals und Koppeln. Der Wagenhof der Post- und Frachtlinie schloss sich an.

Ein Junge der im Schatten des Vordachs hockte, dünn wie eine Bullenpeitsche, mit strähnigem braunen Haar und einem verschlissenen Leinenhemd, schlenderte zu ihm hinüber.

Der Texas Ranger nahm die Satteltaschen vom Rücken seines Wallachs und zog die Winchester aus dem Scabbard. Dann drückte er dem Burschen die Zügel in die Hand und ließ einen Dollar folgen.

»Bürste meinen treuen Freund hier gut ab und versorge ihn mit frischem Heu und Wasser.«

»Natürlich, Sir! Das ist ein Armeepferd, nicht wahr?«, fragte der Junge voller Bewunderung, nachdem der Wallach seinen Herrn mit den Nüstern angestupst hatte, als wollte er sich für die bevorstehenden Wohltaten bedanken.

Buchanan nickte nur, schritt dann mit Taschen und Gewehr auf den Schultern die wenigen Stufen zum Hoteleingang hoch. Hinter der Rezeption saß eine zierliche Frau, etwa Mitte zwanzig, die mit einer weißen Bluse und einem dunklen Faltenrock bekleidet war. Eine honigblonde Haarmähne rahmte ein edel geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen ein. Sie hatte eine schmale Nase, die aussah wie von einem Bildhauer gemeißelt, und volle Lippen, so rot wie mexikanisches Chili. Ihre Haut besaß den schimmernden Glanz einer Perle. Die großen, blassblauen Augen leuchteten forsch, als sie den Neuankömmling von oben bis unten betrachteten. Er trug den Colt sehr tief, wirkte kühn und verwegen. Genauso, wie es einer Frau gefiel.

»Willkommen, Mister …«

»Buchanan. Für Sie Ned.«

Die Blondine erhob sich, reichte dem großen Mann gerade so bis zur Schulter.

»Ich bin Esther McCannon«, erwiderte sie mit rauchiger Stimme, die so gar nicht zu ihrer zierlichen Figur passte.

Buchanan entnahm ihren interessierten Blicken, dass er wohl ganz ihrem Geschmack entsprach. Schon öfter hatte er vom anderen Geschlecht zu hören bekommen, dass er unbeugsam, unbestechlich, in zahlreichen Revolverkämpfen zu Stahl geschmiedet, erschien. Diese Attribute zogen Frauen an, wie das Licht die Motten.

Esther hielt den Atem an. Geradeso als wäre sie bei der ersten Begegnung mit dem Fremden von einer plötzlichen Spannung ergriffen, gegen die sie verzweifelt ankämpfte. Plötzlich sog sie hektisch neue Luft in die Lungen.

»Ich bin hier das Mädchen für alles«, überspielte sie ihre Aufgeregtheit. »Ich arbeite an der Rezeption, dann wieder bediene ich oder helfe in der Küche aus … Ach was, das interessiert Sie bestimmt nicht.«

Buchanan antwortete nicht, sondern sah über sie hinweg zum Schlüsselbrett hinter ihr. Die Frau verstand den Wink und übergab ihm wortlos den Schlüssel eines leerstehendes Zimmers.

Der Texas Ranger tippte mit zwei Fingern an den Rand seines Stetsons. »Bitte sorgen Sie noch für ein frisches Bad für mich, Esther.«

Dann stieg er trotz der Last des Sattels auf seinen breiten Schultern, geschmeidig die Treppe hinauf. Die Zimmer lagen im oberen Stock.

Eine Stunde später hatte er sich frisch gemacht und ein neues Hemd angezogen. Die verdreckte Kleidung würde er sich waschen lassen. Sein Magen knurrte hungrig. Er ging zur Rezeption hinunter, um bei Esther etwas zum Essen zu bestellen. Doch die Anmeldung war unbesetzt.

Bei einem Blick durchs Fenster sah er die junge Frau draußen auf der Straße stehen und sich lautstark mit einem offenbar angetrunkenen Mann streiten. Dieser war noch größer und vielleicht dreißig Pfund schwerer als Buchanan, wuchtig gebaut; nicht fleischig oder fett, sondern kräftig. Alles an ihm schien aus Muskeln und Sehnen zu bestehen. Bekleidet war er mit einem dunklen Gehrock und einem flachen Zylinderhut, wie ihn normalerweise Dandys trugen. An seiner Hüfte baumelte ein schwerer Colt in einem eingefetteten Holster. Die hölzernen Griffschalen waren vom übermäßigen Gebrauch abgewetzt. Das zeichnete ihn als Revolvermann aus.

Buchanan wollte sich abwenden, weil ihm die privaten Probleme von Fremden nicht interessierten. Doch als er sah, wie der Kerl mit erhobenen Fäusten einen schnellen Schritt auf Esther zumachte, ging er doch hinaus. Von der Hotelveranda aus rief er: »Versuch’s mal mit einem richtigen Mann!«

Wie von der Tarantel gestochen fuhr der Angesprochene zu ihm herum. Die dunklen verschlagenen Augen in dem breiten, unrasierten und von Pocken vernarbten Gesicht, waren so glänzend und leblos wie ein feuchter Stein.

»Was hast du gesagt?«, blaffte der Angesprochene.

Wortlos schritt Buchanan die Stufen der Hotelveranda hinunter. Aber schnell stellte sich Esther zwischen ihn und das Narbengesicht.

»Lassen Sie nur, Ned«, wandte sie sich an ihn. »Rob ist mein Bruder!«

Der Texas Ranger zog überrascht eine Augenbraue in die Höhe. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, in eine Familienstreitigkeit hineinzugeraten! Bevor er jedoch etwas darauf erwidern konnte, schob der riesige Kerl seine Schwester wie eine Spielzeugfigur zur Seite. Er gab sich wie ein Mann, der es gewohnt war, dass andere nach seiner Pfeife tanzten. Er schien immer das zu bekommen, was er wollte.

»Ich frage dich noch einmal, Stranger: Was hast du eben zu mir gesagt?«

Buchanan blieb ein Yard vor dem Riesen stehen. »Ich habe nicht gewusst, dass ihr Geschwister seid! Für mich sah es so aus, als ob …«

»Das interessiert mich einen feuchten Dreck, kapiert!« Rob McCannon spuckte dem Mann vor sich auf die verstaubten Stiefel.

Buchanans harter Blick durchbohrte den seines Gegenübers. Dazu musste er ungewohnterweise zu ihm hochschauen, weil dieser ihn um einen halben Kopf überragte. »Du hast mich schon richtig verstanden!«

Das Narbengesicht schüttelte stumm den Kopf, als würde er sich über einen guten Witz amüsieren. In seinem Atem lag ein Hauch Whiskey. Allerdings war er bei weitem nicht so betrunken, um nicht mehr zu wissen, was er tat und sagte. Ganz im Gegenteil. Der Alkohol ließ ihn aber seine Vorsicht vergessen und stachelte stattdessen seine Wut und Angriffslust an.

Soeben wollte er erneut ausspucken und gleichzeitig nach vorn schnellen, als ihn Buchanans rechter Dampfhammer mitten in der Bewegung stoppte. Ansatzlos und mit einer solchen Wucht, dass stechender Schmerz bis zu seinem Schulterblatt hochzuckte, erwischte er das Narbengesicht direkt auf der Kinnspitze. Es war ihm, als hätte er gegen einen Felsklotz geschlagen. Ned biss so fest die Zähne zusammen, dass sie knirschten.