Die ohne Zeit sind | Band 3 - Michael Milde - E-Book

Die ohne Zeit sind | Band 3 E-Book

Michael Milde

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Beschreibung

Denen "die ohne Zeit sind" entgleitet die Zeit. Doch das interessiert Tristan nicht im Geringsten. Albträume plagen ihn, die schnell Wirklichkeit werden. Alana, seine große Liebe, wird mit der kleinen Sophia entführt. Iskariot, der seit der Begegnung mit dem seltsamen Wesen aus der Kulthöhle in Franken einem Wahn verfallen scheint, sieht sich als den wahren Inquisitor. Mittels einer schwarzen Kunst, die er aus den tiefen Kammern des Vatikans geborgen hat, lernt er eine verhängnisvolle Steuerung des keltischen Objekts. Sein Wille: Alle sollen brennen; in Bamberg Anno Domini 1538. Wie kann man dem zuvorkommen? Tristan verbündet sich mit einem Mann ohne Skrupel. Roman um Engstirnigkeit, Vertrauen und die Zeit des Wahns im fränkischen Bamberg.

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EPUB

Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mein Dank gilt Jochen Ruscheweyh – Künstler, Autor und Realitätsverdreher (www.shakemybantahoe.de) , der die Trilogie gnadenlos einem intensiven Lektorat unterzogen hat.

Außerdem danke ich Hans-Manfred Milde – Autor, Lebenskünstler, Märchendichter und SOS-Kinderdorfleiter i.R. (www.hamami.de) für seine unermüdliche Korrektur des Textes.

Inhaltsverzeichnis

TRISTAN: KOPFSTEINPFLASTER

BENEDIKT: VILLA REMEIS

TRISTAN: DER MOB

BENEDIKT: KONTAKT VERLOREN

TRISTAN: KOMMUNIKATION

BENEDIKT: ZURÜCK NACH BAMBERG

JONAS

TRISTAN: INQUISITION

BENEDIKT: BEVORSTEHENDER AUSBRUCH

JONAS: SCHIFFER

JONAS: SVEN

BENEDIKT: ROM

JONAS: RÄUBER

JONAS: DER MAJOR

BENEDIKT: BIBLIOTHEK

JONAS: BRANDENSTEIN

JONAS: ANSELM

TRISTAN: DAS GRAB

JONAS: DER WAHRE HERR

JONAS: DER BADER

TRISTAN: SMITH

JONAS: DER STADTAPOTHEKER

JONAS: FRANKFURT

ISKARIOTH: AGATHE

JONAS: SARA

JONAS: BEFRAGUNG

ISKARIOT: DIE BIBLIOTHEKARIN

JONAS: ENTSCHEIDUNG

TRISTAN: KLOSTER LEYRE

ISKARIOT: RINGEN UM VORHERRSCHAFT

TRISTAN: ERWACHEN

JONAS: FLUCHT

ISKARIOT: IM HEXENHAUS

JONAS: HANDELSREISEN

JONAS: REGENSBURG

TRISTAN: DAS FREMDE MÄDCHEN

ISKARIOT: ROT GELOCKTES HEXENWEIB

TRISTAN: DAS FREMDE MÄDCHEN II

TRISTAN: KURZ VORHER

TRISTAN: DAS FREMDE MÄDCHEN III

TRISTAN: VERHÖR

SMITH: SOPHIA

SMITH: RITT

ISKARIOT: FRA FREDERE

SMITH: PEST

SMITH: SCHEITERHAUFEN

JONAS: WUNDEN

SMITH: AUFBRUCH

TRISTAN: SCHWARZE LAABER

SMITH: HALSGERICHT

TRISTAN: RAST

JONAS: SARA?

SMITH: HINGERICHTET

TRISTAN: BAMBERG

SMITH: BAMBERG

TRISTAN: BAMBERG II

ISKARIOT: WAGNER

TRISTAN: IM GEFALTET LINSTEN-STÜBLEIN

SMITH: SUCHE

JONAS: ZUHAUSE

SMITH: DOMHERRENHOF

JONAS: FEUER

TRISTAN: FEUER

SMITH: FEUER

TRISTAN: NACH DEM FEUER

JONAS: NACH DEM FEUER

TRISTAN: HEIMKEHR

TRISTAN: VILLA REMEIS

TRISTAN: KOPFSTEINPFLASTER

Er konnte sie weder sehen noch hören. Trotzdem war er sich sicher, dass sie ihn verfolgten und auch einholen würden. Es schien nur eine Frage der Zeit.

Die Gassen, durch die er hastete, kamen ihm unbekannt vor. Aber, obwohl die Stadt so stark mit kopfsteingepflasterten Wegen durchzogen schien, dass sie ihn beinahe an einen menschlichen Körper mit seinem weit verzweigten Blutgefäßsystem erinnerte, wusste er an jeder Gabelung oder Kreuzung doch instinktiv, in welche Richtung er seine Flucht – ja, er floh tatsächlich – fortsetzen musste.

Dunkel kam ihm in den Sinn, dass Sophia neulich ein Asterix&Obelix-Comic gelesen hatte, in dem ein römischer Legionär Steinchen streute, um aus dem wirren Gassendurcheinander des mittelalterlichen Lutetia oder Paris herauszufinden.

Wo war Sophia überhaupt? Und wo Alana? Warum floh er ohne seine Lebensgefährtin und deren Tochter?

Und weshalb war er sich so sicher, dass es keinen Sinn hatte, seinen Verfolgern gegenüberzutreten und deren Motiven zu ergründen, warum sie ihm nachstellten?

Möglicherweise - das wurde ihm jetzt bewusst - stellte er sich die falschen Fragen und nicht das wo oder warum, sondern das wann müsste im Mittelpunkt seines Denkens stehen. Denn Häuser wie Straßenbelag und auch die spärliche Beleuchtung passten nicht in seine Vorstellungen vom Jetzt.

Sein wild pumpendes Herz forderte stetig größere Mengen an Sauerstoff, die er fast schon mechanisch in immer kürzeren Abständen in seine Lungen sog.

Sauerstoff.

Wie viel Prozent des mit der Summenformel O2 beschriebenen Oxygeniums befanden sich überhaupt noch in der schalen, stickigen Luft, die wie ein schwerer Bodennebel in den Gassen hing?

Luft, die nicht abziehen, sich nicht mit den kühleren darüber liegenden Schichten durchmischen konnte, weil sich ein schwerer Dunst von verbranntem Teer wie ein zu üppiges Daunenbettdeck in einer heißen Sommernacht dazwischengeschoben hatte und einen Austausch verhinderte.

Als er das Sirren über sich wahrnahm und dann ein Platschen, wurde ihm klar, welchen Ursprung der Teergeruch hatte: heruntertropfendes Pech!

Er blieb abrupt stehen und hielt sich die Hände über den Kopf. Etwas traf ihn am Rücken, brannte, höllisch; zwang ihn, sich auf den Boden zu werfen, sich umherzuwälzen, zu versuchen, den Schmerz abzustreifen.

Es gelang ihm, sich unter den Schutz eines Vordaches zu rollen. Langsam erstarb der Pechregen. Dafür drängten nun Stimmen, Wortfetzen, Schreie, Klirren von Metall und der dumpfe Klang unzähliger Fußpaare in die Gasse, begleitet von einem Fackelschein, der Tristan in Relation zum spärlichen Morgen- oder Abendlicht – er hatte keine Vorstellung von der Tageszeit – beinahe gleißend vorkam. Plötzlich, dutzende grob gefertigte Lederstiefel vor seinem Gesicht, trotz ihrer tumben Form beinahe spielerisch tänzelnd, als wenn sie ... Schwung holten?

Er spürte seine Haut unter den Tritten aufplatzen.

Dann kalte Luft.

Er schlug wild um sich.

Tristan brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass er seine Bettdecke weggestrampelt hatte, wie ein kleines Kind, das von Alpträumen geschüttelt wird. Er setzte sich aufrecht im Bett hin und tastete im Dunkeln nach Alana.

BENEDIKT: VILLA REMEIS

Sie liefen die Straße zur Villa Remeis hinauf. Obwohl er wegen der Kälte und dem arktischen Wind eher mäßiger Laune war, musste Benedikt einen kurzen Moment lächeln, als er darüber nachdachte, dass dieses kleine Café zu einer Art Treffpunkt für die Menschen geworden war, die er liebte oder gern um sich hatte. Und auch, wenn Alana und er in vielen Dingen einer Meinung waren, so reklamierte doch immer noch jeder für sich selbst, diesen wunderbaren Ort entdeckt zu haben.

„Pater?“, holte ihn Tristan Wagners Stimme aus den Gedanken. „Ist Ihnen auch so kalt?“

„Also ein für alle Mal, Tristan, ich dachte wir hätten uns abschließend auf das du geeinigt, aber wenn das nicht so sein sollte und ich mich irre, dann kann ich dich auch gerne mit deinem vollständigen akademischen Titel und sämtlichen Ehrungen ansprechen. Und versuch dich dran zu gewöhnen, auch wenn ich mich der katholischen Kirche immer noch sehr eng verbunden fühle, bin ich kein Pater mehr.“ Benedikt zog seinen Schal zurecht. „Und ja, mir ist auch kalt, deswegen sollten wir uns beeilen, dass wir endlich reinkommen.“

„Diese Alpträume machen mir wirklich zu schaffen“, begann Tristan. Benedikt wunderte sich, wie viel Zucker sich der sonst recht ernährungsbewusste Geologe in seinen Kakao schüttete. Wahrscheinlich beschäftigte ihn die Sache wirklich sehr stark. Es war schon seltsam, wie sich Dinge ändern konnten. Vor ein paar Monaten noch hätte Benedikt nie gedacht, dass Tristan einmal zu einer Art Freund oder Vertrautem für ihn werden könnte. Sicher, es gab immer noch genug Punkte, an denen sie sich reiben konnten, aber irgendwie schien das, was sie gemeinsam erlebt, die Gefahren, in die sie sich zusammen begeben und die Krisen, die sie gemeinsam durchgestanden hatten, eine Art Beziehungsgrundstock zwischen ihnen gebildet zu haben.

„Erzähl mir davon, Tristan“, entgegnete Benedikt. „Was ist in dem letzten Traum, an den du dich erinnerst, geschehen?“

Er sah, wie Tristan sich mit der Hand über das Gesicht fuhr. „Es ist eigentlich immer derselbe Traum, ich werde verfolgt“, presste sein Gegenüber zwischen den Fingerknöcheln her. „Nicht nur verfolgt, sondern gejagt. Und nach einer Weile kriegen sie mich. Es hat etwas mit Feuer zu tun. Hasserfüllte Menschen, die Fackeln tragen und mich verbrennen wollen. Ich kann das Pech und den Teer förmlich riechen, wenn ich aus dem Schlaf hochschrecke.“

„Hmm, hast du noch mehr Sinnesempfindungen in deinen Träumen?“

„Es ist heiß, stickig“, antwortete Tristan, „ich schreie auf, wenn sich das brennende Pech durch meine Kleidung frisst. Ich habe am Anfang meines Studiums eine Projektarbeit übertragen bekommen, bei der es um ... ach, das führt jetzt zu weit, das verstehst du doch nicht.“

Benedikt beugte sich vor und sagte. „Du wolltest mit mir reden, Tristan. Versuch es mir zu erklären, wenn du möchtest, dass ich dir helfe.“

„Na, es ging um Gesteinsformationen unter einer Schnellstraße, deren Belag erneuert wurde, nichts, was mich fachlich wirklich gefordert hätte, aber den ganzen Tag lang dieser Geruch der Straßenbaumaschinen und von heißem Teer. Furchtbar. Daran musste ich jetzt wieder denken, als die Träume angefangen haben. Ich weiß auch nicht wieso.“

„Wenn ich richtig zwischen deinen Zeilen lese, fragst du dich, ob es einen Zusammenhang zwischen den Träumen und deiner Vergangenheit gibt, deine Beziehung zu Caroline und zu Alana?“

„Ach, Herrgott, ich weiß doch auch nicht!“, fuhr Tristan hoch und ruderte dabei mit seinen Armen, dass sein Kakao über den Tassenrand schwappte.

,Er ist wirklich ganz schön fertig mit den Nerven’, dachte Benedikt, während er Tristan ein paar Servietten hinüberreichte. Benedikt wusste, dass er jetzt behutsam vorgehen musste, wenn er nicht wollte, dass Tristan dichtmachte. ,In dieser Beziehung’, überlegte er, ,waren sie sich ziemlich ähnlich’. Trotzdem ließ sich die Frage nicht vermeiden, daher stellte Benedikt sie: „Weiß Alana davon?“

Er sah, wie Tristan langsam den Kopf schüttelte, während er mit den Servietten die hellbraune Flüssigkeit von der Untertasse tupfte.

„Wenn ich eins beim Erarbeiten meiner Predigten gelernt habe, Tristan, dann, dass die komplette Bibel von Symbolik durchzogen ist. Auf der einen Seite hat dieser Umstand früher verhindert, dass Menschen, die den christlichen Glauben nicht teilten, zuviel über uns erfuhren, andererseits hat es zur Folge, dass es unsägliche viele Interpretationsmöglichkeiten gibt. Ich könnte mir vorstellen, dass du gerne von mir hören würdest, dass deine Fluchtträume nicht bedeuten, dass du dich in deiner Beziehung mit Alana eingeengt fühlst.“

Benedikt bemerkte, wie sich Tristans Augen weiteten, daher fuhr er rasch fort: „Das kann ich nicht tun. Andererseits kann ich es aber auch nicht bestätigen. Ich denke, du musst in dich hineinhorchen. Oder ...“

„Gott fragen!“

Benedikt musste lächeln. „Das hast du jetzt gesagt, Tristan, obwohl ich die Idee unterstützen würde.“

„Ich habe mir schon Skizzen gemacht, auch Diagramme und Tabellen, und versucht, ein Muster zu entdecken.“

„Vielleicht musst du dich von deiner wissenschaftlichen Haltung lösen und es einfach zulassen.“

Tristan presste die Servietten in seiner Faust zusammen. „Sagt der Mann, der in seiner Freizeit astronomische Berechnungen durchführt und das Firmament kartographiert.“

„Es ist in Ordnung, Angst zu haben.“

Tristan wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Dann sagte er leise: „Als ich da draußen auf dem Ozean getrieben bin, da hatte ich Angst. Zuerst. Und dann habe ich gemerkt, dass ich immer ruhiger geworden bin, als ich begonnen habe, mich damit abzufinden.“

„Du meinst, du hattest dein Schicksal akzeptiert.“

„Ja“, entgegnete Tristan, „es war plötzlich alles so klar und eindeutig, als hätte mein ganzes Leben den Zweck gehabt, mich auf diesen Moment vorzubereiten.“

Benedikt strich die Tischdecke glatt. „Du hast getan, was du konntest, um eine Katastrophe zu verhindern, was geschehen wäre, wenn die Kugel in die Hände der falschen Leute gekommen wäre. Du hast sie versenkt. Eigentlich müsste dir die Menschheit auf Knien danken, Tristan.“

„Was ich damit sagen wollte, Benedikt, ich weiß, dass ich ein sehr rationaler Mensch bin, aber ich weiß seit letztem Jahr auch ziemlich genau, wie es sich anfühlt, Angst zu haben. Aber diese Angst in der Nacht ist so ... so ...“

„So real? Vielleicht zu real für einen Traum?“

„Ja, ja, möglicherweise.“

Benedikt streckte seine Hand aus und griff nach Tristans Handgelenk.

,Was tue ich da?’, erschreckte er sich selbst über diese unbewusste Geste der Vertrautheit und zog seine Hand wieder zurück. Es war einfach so über ihn gekommen in dem Moment, als ihm eine Sache klargeworden war. „Tristan“, sagte er, „was wäre, wenn die Kugel noch existieren würde?“

Benedikt sah, wie der Geologe die Stirn runzelte. „Wie meinst du das?“

„Was wäre, wenn die Kugel nicht zerstört wäre, sondern einfach nur inaktiv auf dem Meeresgrund liegen und auf jemanden warten würde, der sie benutzt?“

„Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe es Alana versprochen.“

„Ach komm, Tristan, du bist doch überzeugt davon, dass du die Kugel zerstört hast. Was kann dir also passieren? Wenn deine Annahme stimmt, starrst du lediglich ein bisschen in die Luft, denkst an Alana und Sophia und nichts passiert. Aber zumindest wissen wir dann definitiv Bescheid.“

Tristan rückte auf seinem Stuhl hin und her. „Wieso machst du es nicht?“, gab er zurück.

„Das weißt du ganz genau. Du bist das Genie, wenn es um das Starten und Steuern der Kugel geht. Dafür werfen Sophia und ich mehr Körbe als du. Ich würde das ausgleichende kosmische Gerechtigkeit nennen.“ Tristan lachte auf, genau wie Benedikt angenommen hatte. Es war immer besser, mehrere Varianten zu probieren, wenn man jemanden dazu bringen wollte, etwas zu tun, das enorme Wichtigkeit besaß. Und wenn eine davon Humor war, dann hatte Benedikt kein Problem damit, eben Humor einzusetzen.

„Vielleicht hast du recht“, bemerkte Tristan. „Du hast wahrscheinlich einfach mehr Abstand zu der Sache als ich.“

Benedikt überlegte. Der Zeitpunkt wäre ideal sich Tristan gegenüber zu öffnen. Vertrauen gegen Vertrauen. Seinem Freund davon zu erzählen, dass er sich manchmal selbst eingeengt vorkam. Dass er wusste, wie sehr Epiphania sich eine Hochzeit wünschte und wie sehr sie darunter litt, von ihrer Familie bedrängt zu werden, ihre Verbindung zu ihrem deutschen Freund endlich im Sinne des katholischen Glaubens zu legalisieren. Und dass er sich zumindest im Moment trotzdem nicht dazu durchringen konnte, das abgestreifte Korsett der kirchlichen Regeln durch ein neues, bürgerliches zu ersetzen.

„In Ordnung, ich tue es. Aber falls es wider Erwarten klappt, falls die Kugel sich materialisiert, trainieren wir das Steuern mit dir und Epiphania als deinem psychomotorischen Antrieb.“

Benedikt nickte mechanisch. Besser, er ging gar nicht auf Tristans Kommentar ein, sonst wusste er nicht, ob man ihm nicht doch etwas anmerken konnte, was seine Beziehung zu Epiphania betraf.

Sekunden später löste sich der Raum um ihn auf, verschwamm zu einem unscharfen Bild, begleitet von den Blitzen, die Benedikt von den Reisen mit der Kugel kannte. Er hatte also richtig gelegen mit seiner Vermutung!

TRISTAN: DER MOB

Tristan bückte sich und berührte mit seiner Hand das Kopfsteinpflaster. „Verdammt, du hast es geahnt! Und ... noch ... noch mehr als das! Das hier ist die Gasse, die Gasse, von der ich ständig träume. Dann heißt das ja ...“

„... dass wir uns entweder in deinem Traum befinden; was ich allerdings so gut wie ausschließen würde, weil sich dieses Pflaster unter uns ziemlich real anfühlt, oder dass uns die Kugel zu einer nachgebildeten historischen Kulisse gebracht hat. Oder, was ich am Stärksten vermute: Du hast uns durch Raum und Zeit gesteuert!“

Tristan wusste, was passieren würde. Was passieren müsste, wenn sein ständig wiederkehrender Traum tatsächlich prophetischer Natur sein sollte. Trotzdem stand er wie regungslos da, unfähig sich zu bewegen. Widerstandslos ließ er sich von Benedikt in eine Nische ziehen, als der Mob mit seinen Fackeln, den einfachen Knüppeln und kurzen Messern auf sie zuströmte. Verblendete Kinder Gottes, die sich gegenseitig in ihrem Hass anfeuern, kam es ihm in den Sinn, obwohl dies eigentlich eher die Gedanken eines Ex-Kirchenmannes wie Benedikt sein mussten. „Als wenn der Leibhaftige hinter ihnen her wäre“, rief er Benedikt zu.

„Ich vermute eher, dass sie im Begriff sind, den Leibhaftigen aus jemandem herauszuprügeln. Time out!“

Tristan hasste es, wenn Benedikt diese Basketball-Gestik und Sprache benutzte. „Kannst du nicht einmal ...“

„Wir sollten so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden. Bring uns hier weg, Tristan!“, fiel ihm Benedikt ins Wort.

Bevor Tristan reagieren konnte, griffen Hände nach ihnen, zogen sie in die voranströmende Menschenmenge. Er hatte Mühe, sich ihrem Rhythmus anzupassen, stolperte mehrere Male, trat zwei bulligen Kerlen vor ihm in die Hacken, wurde selbst gestoßen, geschoben und gedrängt. Spürte die Hitze der Fackeln um ihn herum.

Plötzlich war er wieder da! Er konnte ihn auf der Zunge schmecken: Der Geruch nach Teer!

„Tris...“, hörte er Benedikts Stimme irgendwo neben sich. Er streckte die Hand aus, versuchte nach dem Freund zu greifen, ein Stück von ihm zu packen zu kriegen. Sie durften auf keinen Fall getrennt werden. Die Gasse verzweigte sich. Er wurde nach rechts geschoben. „Tris...“, erklang Benedikt Stimme noch einmal, während sein Freund vermutlich in die andere Richtung mit dem Strom der Masse trieb, wie er aus dessen sich entfernender Stimme schloss.

Auch wenn ihm das trübe Licht abseits der Fackeln und der dunkle, wolkenverhangene Himmel keinen Aufschluss über die Tageszeit geben konnte, so war er sich doch ziemlich sicher, dass die Stadt, in der er sich befand, Bamberg sein musste. Und der Fluss, der unter der Brücke zu ihren Füssen hindurchströmte, die Regnitz. Etwas Hölzernes traf ihn am Hinterkopf, nicht so stark, dass er ohnmächtig wurde, aber doch so schmerzintensiv, dass er für einen Moment die Orientierung verlor. Er spürte, dass er erst seitwärts, dann rückwärts lief. Zumindest konnte er nicht stürzen, da einfach kein Platz dazu war, so dicht an dicht wie die Menschen vorandrängten.

Auf einmal vergrößerte sich seine Armfreiheit und der Strom verteilte sich zu den Seiten. Wie auf einer Autobahn, wenn man eine Baustelle passiert, fand Tristan, während er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten.

Irgendetwas, nein, jemand riss an seiner Kleidung. Eine Hand auf seiner Schulter, die ihn herumzog. Er sah sich einem zahnlosen, grobschlächtigen Mann gegenüber, dessen Gesicht, - zumindest so viel konnte er im Halbdunkel erkennen – einen wettergegerbten, fleckigen, schlecht rasierten und obendrein noch ungewaschenen Eindruck auf Tristan machte. Seine Augäpfel wirkten groß wie Tischtennisbälle und traten bedrohlich aus den Höhlen hervor, während er den Stoff von Tristans Jacke zu prüfen schien; ein Umstand, den weder er noch Benedikt in ihre Überlegungen eingeschlossen hatten, weil keiner von ihnen auch nur im Entferntesten die Möglichkeit einer Zeitreise in Erwägung gezogen hatte. Wie verhielt man sich, wenn die Kleidung, die man am Leib trug, nicht zu der Kulturperiode passte, in die einen die Kugel versetzte? Und, stand Benedikt nicht augenblicklich vor demselben Problem, nur ein paar Gassen weiter?

Tristan glaubte nicht, dass der Mann, der ihn beinahe um einen ganzen Kopf überragte, mit seinen Händen, die ganz sicher von Hornhaut und Schwielen übersät waren, den im Vergleich zur eigenen Kleidung feinen Stoff ertasten und einordnen konnte. Bis jener Tristans Reißverschluss entdeckte ...

BENEDIKT: KONTAKT VERLOREN

Er durfte jetzt nicht überreagieren. Der worse case war eingetreten, sie waren getrennt worden. Sicherlich könnte er versuchen, die Kugel selbst herbeizuholen. Aber erstens fehlte ihm einfach die Erfahrung dazu und zweitens würde das zwangsläufig bedeuten, Tristan hier zurücklassen zu müssen. Das könnte er auf keinen Fall. Zumal er selbst Tristan dazu angestachelt hatte, den Versuch mit der Kugel zu unternehmen.

Er begann zu schwitzen. Kein Wunder! In ihrer Zeit war es Winter, hier eher Spätsommer oder Frühherbst, wie Benedikt meinte, an den Temperaturen festmachen zu können. Er löste seinen Schal im Gehen und öffnete seine Wolljacke. Erstaunlicherweise konnte er gut verstehen, was die Leute um ihn herumredeten. Es klang wie daheim, von der Vokalisation her, aber er konnte nicht immer den Sinn und den Zusammenhang der Worte nicht erfassen. Zu schnell, zu undeutlich, zu laut um ihn herum. Er erinnerte sich an eine Facharbeit in seiner Studienzeit, die er zu Martin Luthers Thesen von Wittenberg vorbereitet hatte. Eine Arbeit, von der ihm sein damaliger Dekan zu jenem Zeitpunkt dringend abgeraten hatte, wenn er es zu etwas in der katholischen Kirche bringen wolle.

Mittelhochdeutsch.

Und danach Frühneuhochdeutsch.

Jetzt fielen ihm auch die Quellen wieder ein, die er Nächte lang studiert hatte. Komplizierte Satz-Ungeheuer, die sich konstruiert und wenig sprachpraktisch anhörten, wenn man sie sich vorlas. Die gesprochene Sprache, die er jetzt wahrnahm, klang viel einfacher und verständlicher. Mit ein bisschen Geduld würde er sich sogar den hier gesprochenen Akzent aneignen, falls er bzw. sie hier länger festsitzen würden. Die Vorstellung war beunruhigend, schon, aber vielleicht war diese Reise, dies alles hier eine Prüfung für ihn, die Gott ihm auferlegte, um seinen Glauben zu stärken.

Instinktiv blickte er nach oben. „Ich weiß, du lässt mich nicht allein!“, flüsterte Benedikt, unhörbar für den Pulk der mitströmenden aufgebrachten Bürger.

Mit einem Mal war er wieder Herr seiner Schritte, wurde nicht länger mitgerissen, fand einen Weg, sich etwas abseits zu halten, ohne jedoch wie ein Außenseiter zu wirken. „Danke“, sagte er leise und wischte sich den Schweiß von der kahlen Stelle auf seinem Kopf.

Er ging in die Hocke und lehnte sich mit dem Rücken gegen eine Wand, als sein Blick auf ein Paar Beine fiel, die hinter einem Mauervorsprung hervorguckten.

Der Mann dort vor ihm am Boden war offensichtlich stark berauscht von der Art Alkohol, mit der man sich hier betäubte. Benedikt war schon vorher aufgefallen, dass viele der Leute in dem Pulk um ihn herum nach Wein oder Fusel gerochen hatten. Er erinnerte sich an einen Art ikel in der GEO, in dem darauf hingewiesen wurde, dass die Menschen in früheren Zeiten kaum Zugang zu frischem Wasser hatten und daher in Asien abgekochte Flüssigkeiten in Form von Tees, in Europa hingegen Vergorenes wie Bier und Wein tranken; der Mann zu seinen Füßen offenbar ein wenig zu viel von Letzterem.

Ein Gedanke formte sich in seinem Bewusstsein, nahm Gestalt in Form eines Plans an.

Die Kleidung des Mannes stank fürchterlich und fühlte sich zudem durchgeschwitzt an, als Benedikt sie überstreifte. Einige Male musste er gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfen, dann hatte er sich so weit gefangen, dass er sich wieder unter die Menschen auf dem Platz mischen konnte.

TRISTAN: KOMMUNIKATION

Vielleicht lag es daran, dass Tristan immer noch ein wenig benommen von dem Schlag gegen seinen Hinterkopf war, er wunderte sich selbst, wie ruhig er blieb, als der Fremde, seinen Reißverschluss befühlte, den Stoff links und rechts davon dehnte und dann mit einem Finger aufwärts entlang der in sich verzahnten Metallösen fuhr. Tristan sah, wie ein Lächeln auf dessen Gesicht trat, das sich zu einem beinahe diabolisch wirkenden Grinsen wandelte. Der Mann murmelte etwas, das wie „Heute Nacht wirst du brennen!“ klang, aber sicher war sich Tristan nicht, da die Zahnlosigkeit seines Gegenübers dessen Aussprache stark verfremdete. Trotzdem spürte er jetzt den Adrenalinschub, der schon vor gut einer Minute hätte einsetzen sollen. Der Fremde bückte sich für Tristan vollkommen unerwartet, griff nach einem hochstehenden Pflasterstein, ruckelte einige Male gezielt daran, bis dieser sich aus dem Boden löste und nahm ihn auf. ,Er wird mir den Schädel einschlagen’, realisierte Tristan.

Einen quälend langen Moment standen sie stumm voreinander. Die Augen des Mannes schienen noch weiter aus den Höhlen herauszutreten. ,Als wenn er mich hypnotisieren will’, dachte Tristan, wie eine gnädige Betäubung, bevor er zuschlägt.

Plötzlich griff der Fremde nach Tristans Hand, legte den Stein in die Innenfläche und zeigte – wenn Tristan richtig verstand –, dass er den Stein werfen sollte. Jetzt? Und wohin?

Tristan überlegte noch, wie er reagieren sollte, als ein zweiter Mann, der ebenfalls wie ein einfacher Bauer oder Arbeiter auf ihn wirkte, dazukam und wild mit einem Holzkreuz gestikulierte, das annähernd die Größe eines Tennisschlägers besaß. Es schien als wolle er, dass man ihm folge.

Auch wenn er zu weit entfernt war und zu viele aufgebrachte Menschen um ihn herum durcheinanderredeten, um zu erkennen, wer dort in der Mitte des Platzes auf einem Podest sprach, so besaß die anklagende Stimme, die auf Umwegen an Tristans Ohr drang, doch irgendetwas, das Tristan bekannt vorkam, auch wenn er es nicht direkt einordnen konnte. Sollte es wirklich möglich sein? Und wie konnte das gehen? Doch nicht dieser Bastard?

Dann der hohe, gellende Schrei einer Frau. Noch einmal. Dann lang gezogener, bis er zu einem durchgängigen Wehklagen mut ierte. „Hexe!“, schrie es plötzlich neben, dann hinter ihm und dann von allen Seiten. Und etwas wie „Brennen soll sie!“

Auch wenn er es unter anderen Umständen niemals getan hätte: Er hoppste jetzt wie ein Springball und versuchte dabei, über die Köpfe der Vordermänner und –frauen hinweg in Richtung Platzmitte zu schauen. Solange, bis jemand die Hand auf seine Schulter legte.

„Benedikt“, rief Tristan, als er herumfuhr und erkannte, wer ihn am Springen hinderte.

„Weg hier!“, stieß der ehemalige Geistliche knapp hervor. ,Das passte zu ihm’, dachte Tristan, ,dieser Befehlston.’

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|Universitätsserver Erlangen … ON

|Zugang: Prof. Dr. Wagner

|Passwort: *******

|Datenbank START ...

|>BAMBERG

Stadt mit mittelalterlichem Kern im fränkischen Bayern. Gegründet 1007 durch Kaiser Heinrich II. Namensgeber ist das fränkische Adelsgeschlecht der Babenberger, deren Burg auf dem heutigen Domberg stand. Region ist seit der Jungsteinzeit durchgehend besiedelt. UNESCO-Welterbe seit 1993

|Datenbank STOP …

|Universitätsserver Erlangen … OFF

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BENEDIKT: ZURÜCK NACH BAMBERG

In einer Nebengasse in unmittelbarer Nähe zu dem großen Platz stellte sich Benedikt vor Tristan und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie du angezogen bist? Wir können von Glück sagen, dass dich noch niemand als Hexer oder Magier geoutet hat.“

Er sah Tristan übertrieben mit der Hand wedeln, als fächere er den unangenehmen Geruch beiseite.

„Ich hatte leider keine große Auswahl, sonst hätte ich mir auch lieber etwas frisch Gewaschenes ausgesucht. Aber du weißt, ich bin Basketballer und daher den Geruch von Umkleidekabinen und Männerschweiß gewohnt.“

Zwei junge Frauen traten in die Gasse. Sie schienen zu scherzen, wie Benedikt aus ihrem Lachen und ihrer Haltung zu einander folgerte. Schüchtern waren sie jedenfalls offensichtlich nicht, denn eine von ihnen kam auf sie zu und sprach Tristan an. Benedikt interpretierte dessen hilflosen Blick als Aufforderung, seinem Freund unterstützend beizustehen. Kurzerhand stellte er sich vor Tristan und begann mit den Händen zu deuten. Es dauerte einen Moment, aber dann war er wieder vollkommen in diese Art zu kommunizieren eingetaucht und seine Finger folgten seinen Gedanken.

Die beiden jungen Frauen beobachteten Benedikt noch einen Moment lang, schienen aber dann das Interesse zu verlieren und gingen weiter, ohne sich noch einmal umzublicken.

„Was war das?“, fragte Tristan.

„Gebärdensprache“, gab Benedikt zurück.

„Die gab es damals schon? Ich meine, denkst du, die beiden haben dich verstanden?“

Benedikt schüttelte den Kopf. „Es ist vollkommen gleich, ob sie mich verstanden haben, sie sind zumindest der Meinung, es gibt einen guten Grund, dass wir nicht reden, weil wir taub sind. Aber zu deiner Information. Bereits um 1550 herum unterrichtete ein spanischer Geistlicher, Pedro Ponce de León, obendrein noch ein Benediktiner Mönch taube Kinder und entwickelte eine Art der Kommunikation mit ihnen. 2.Semester Sozialpädagogik. Also, warum sollten unsere Freunde hier um uns herum noch nie etwas davon gehört haben? Aber jetzt bring uns endlich zurück, bevor wir noch einmal getrennt werden!“

JONAS

Er hätte es nie gewagt, die Seiten mit den Fingern zu berühren. Zu kostbar erschienen ihm die schweren Folianten, die sein Vater in seinem Laboratorium aufbewahrte. Sicher, sie hätten schon einen gewissen Wert, und ein Tagelöhner müsse sehr lange und hart dafür arbeiten, hatte Theobald Maria Regenspurger seinen Sohn einmal aufgeklärt. Aber in den Universitäten befänden sich Werke, deren Bedeutung und Nutzen für ihre Zunft noch viel größer wäre, mit wunderschönen Lettern und Tusche-Illustrationen, und Jonas könne sich glücklich schätzen, wenn man ihm irgendwann einmal im Laufe seines Lebens Zugang dazu gewähren würde.

Jonas konnte Stunden damit verbringen, Seite um Seite vorsichtig mit einem Tuch umzublättern. Was ihn am meisten erstaunte: Auch, wenn er jeden dieser Folianten schon dutzende Male bestaunt hatte, entdeckte er doch stets etwas Neues. Eine besonders kunstvoll gestaltete Kapitelüberschrift oder eine Zeichnung, der er merkwürdigerweise bis dahin keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Jonas mochte auch den ganz speziellen Geruch, den die Werke verströmten. Wenn er seine Nase ganz dicht an einen Folianten heranführte, konnte er ihn ausmachen. An manchen Tagen, wenn es längere Zeit nicht geregnet hatte und die Luft trocken und warm war, glaubte er sogar, den Duft von einzelnen Kräutern wahrzunehmen, der sich aus den in Schweinsleder eingebundenen und mit Holzplatten verstärkten Einbänden löste.

Aber so sehr ihn diese Bücher faszinierten, war da auch noch etwas anderes, das in den letzten Wochen und Monaten immer mehr von Jonas Besitz ergriff.

Direkt beschreiben konnte er es nicht, weil es sich so wenig greifbar anfühlte und sich, wenn er sich ablenkte, auch rasch wieder verflüchtigte. Nur um dann in den Abend- und Nachtstunden mit noch stärkerer Macht zurückzukehren. Ihm war instinktiv bewusst, dass es sich hier um eine Angelegenheit handelte, die er nie mit seinem Vater erörtern könnte, auch wenn dieser ihm in so vielen Bereichen als guter Lehrmeister und Ratgeber unter die Arme griff.

Es kam Jonas fast wie Verrat vor, Unrecht oder Undankbarkeit, aber er konnte nicht anders. Er musste dem Drang einfach nachgeben. Immer wieder. Und so hatte er sich auch an diesem Tag wie ein Abtrünniger oder Gesetzesbrecher aus dem Laboratorium in den Garten geschlichen, an den Büschen entlang und sich schließlich hinter dem schützenden Stamm der großen Eiche niedergelassen.

Jonas blickte sich um.

Dann holte er das Buch hervor, das sich so hervorragend unter der Abhandlung über Astronomie verbergen ließ. Allein schon der Titel entfachte ein Kribbeln in seinen Oberschenkeln, das sich langsam hinauf bis zu den Lenden arbeitete.

Carmina Burana.

Es klang wie ein Name für eine dunkelhaarige, geheimnisvolle Schönheit.

Er musste an die gut gekleideten Frauen in der Andacht denken.

Wie sich ihre Körper unter dem Stoff ihrer Kleider abmalten.

Wie er Reihe für Reihe mit den Augen abwanderte, ihre Herrlichkeit miteinander verglich.

Und wie sich immer wieder eine geheimnisvolle Fremde in seine Vorstellung stahl; verschleiert, den Kopf mit einem gebundenen Tuch verdeckt, in aufrechter Körperhaltung in der hintersten Ecke der letzten Bankreihe.

Wie sie die Hand hob, mit dem Finger schnippte und die Gemeinde erstarrte.

Als wenn die Zeit stehenblieb.

Wie sie Jonas deutete, zu ihr zu kommen, vorbei an den in ihren Bewegungen eingefrorenen Menschen.

Ihr Kuss so feucht und fordernd, wie er es einmal aus einer Kutsche heraus gesehen hatte, zwischen zweien, die sein Vater als Pöbel bezeichnete.

Jonas Atem ging schneller.

Er musste aufhören, daran zu denken.

Musste vor allem diese wirren Bilder aus der Kirche aus seinem Kopf verbannen. Wenn jemand davon Kenntnis erlangte. Es schien ihm falsch und verwerflich, diese Gedanken zu haben, besonders, wenn er nachts ...

Si puer cum puellula

Mararetur in cellula …

Wenn ein Knabe mit dem Mädchen

Still verweilt im Kämmerlein:

Seliges Beisammensein!

Wächst die Liebe erst heran,

überwindet alle Scham

endlich zwischen Frau und Mann,

wächst draus unaussprechlich Spiel:

Glieder, Arme und Lippen vereint.

Oder hier:

Chramer, gip die varwe mir,

die min wengel roete,

Krämer, gib die Farbe mir,

die meine Wangen rötet,

damit ich junge Männer so

ihrerhalb zur Liebe zwinge.

Er schweifte wieder ab.

„Jonas?“, erklang die Stimme seines Vaters.

Auch wenn ihm das Herz jedes Mal bis zum Halse schlug, war er doch mittlerweile recht geübt darin, die Bücher so schnell und geschickt zu tauschen und vor sich zu halten, dass niemand bemerken konnte, welcher Art der Schriftkunst er sich gerade gewidmet hatte.

„Warum bist du nicht im Labor, sondern stiehlst unserem Herrgott hier draußen den Tag?“

„Ich bitte untertänigst um Verzeihung, Vater! Es stand mir nicht zu, diesen Moment der Muße einzulegen, ohne Euch vorher um Eure Erlaubnis zu bitten.“

Der Vater schüttelte den Kopf und seufzte. „Das ist die Sorglosigkeit der Jugend. Nicht mehr dem Knabenalter zuzurechnen, aber auch noch nicht mit dem Reifegrad eines aufgeklärten jungen Mannes versehen. Sag mir, Jonas, wie lange soll ich denn noch auf meinen Rosmarin warten?“

„Verzeiht, Vater, mir war nicht bewusst, dass Ihr ihn sobald benöt igtet.“

„Meine Gutmütigkeit ist dir ein schlechter Lehrherr, Jonas. Nur Strenge und der Zwang zu absolutem Gehorsam können bei dir noch etwas bewirken.“

„Vater, Ihr seid der beste Lehrer, den einer wie ich sich wünschen kann. Wenn Ihr es für nötig haltet, dann züchtigt mich. Ihr werdet sehen, kein Laut des Schmerzes wird über meine Lippen kommen.“

„Nein, Jonas, dazu bin ich nicht der Rechte, ich bin vom Wesen her zu schwach. Meine Vision sieht vor, dich zu unserem Blutsverwandten nach Frankfurt zu entsenden. Er wird vollenden, was mir misslang.“

Jonas blickte seinem Vater hinterher, der langsam zum Kräutergarten hinüberschritt, dort auf die Knie ging und sich selbst den Rosmarin schnitt, den zu bringen, eigentlich Jonas aufgetragen war.

,Er wirkt wie ein alter Mann’, dachte Jonas, als er den Vater sich mühsam wieder aufrichten sah. ,Im letzten Jahr gingen ihm viele Dinge noch leichter von der Hand. Und ich, der die Apotheke übernehmen soll, wie er es einst von seinem Vater getan hat, bereite ihm solchen Kummer und Ungemach.’

Jonas überlegte, dass ein Wechsel nach Frankfurt auch neue Möglichkeiten eröffnen konnte. Wie oft war er mit den Söhnen der Nachbarschaft nach der Andacht durch die Gassen gezogen. Weibsbilder! hatte Eduard, ein im letzten Jahr unglaublich ins Kraut geschossener Jüngling mit seiner zwischen glockenhell und tiefdunkel wechselnden Stimme einmal gerufen, als Jonas Vater zufällig in der Nähe war. Die Ohrfeige des Apothekers hatte weniger auf Jonas Wange geschmerzt, als das Gefühl, den Vater enttäuscht zu haben. Seltsamerweise, so folgerte Jonas, schien es kaum junge Mädchen in Bamberg zu geben. Denn auf ihren Streifzügen durch die schmalen Gassen bemerkten sie keine. Oder aber, man entließ diese erst hinaus, wenn sie bereits vermählt an der Seite eines anständigen Mannes durchs Leben schritten.

Allein die Tochter der Weißfrau tauchte von Zeit zu Zeit in den Gassen auf. Von ihr wusste Jonas nicht viel; außer, dass sie das Handwerk der Mutter lernte: Nachkommen auf diese Welt zu holen. Und dass sie ihn, Jonas, immer anlächelte, bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie sich über den Weg liefen. Dennoch vermochte sie nicht dasselbe in ihm zu erzeugen, wie die Carmina Burana oder die Frau aus der letzten Bankreihe in der Andacht, die sich immer wieder in seine Gedanken drängte. Darüber hinaus rankte sich unter den Leuten bildhaftes Gerede um das Mädchen und was sie im Stande zu bewirken sei. Andererseits, wenn er versuchte, sich ihr Gesicht in Erinnerung zu rufen, ihre anmutigen Bewegungen und wie das, was ihre Kleidung ausfüllte, diesen folgte, verspürte er eine neue warme Welle die Innenseite seiner Oberschenkel emporfluten. Es musste aufhören.

„Ich will von nun an richtig lernen und mich bemühen, meine Aufgaben stets zu Eurer Zufriedenheit zu erledigen“, sagte Jonas jetzt laut und deutlich, während er sich bewusst eineinhalb Schritte hinter seinem Vater hielt. Jonas sah das als Zeichen seines Respekts. Gleichzeitig nahm er sich vor, jedes Mal eine kleine Verbeugung anzudeuten, wenn der Vater wenig später in den Gassen mit „Gott zum Gruße, Confectionarii!“ angesprochen werden würde. Sein Vater schwieg fast den ganzen Weg über.

Irgendwann aber blieb sein Vater unvermittelt stehen und sagte: „Du lernst nicht, um mich zufrieden zu stellen, du lernst für dich und dein zukünftiges Leben. Dir stehen alle Möglichkeiten offen. Sieh, die Pest ist mit Gottes Hilfe zurückgedrängt, aber unsere Zunft hat einen großen Anteil daran gehabt. Unter den Medizinern wird der Ruf laut, unsere Dienste, was das Mischen von Salben und Elixieren angeht, mögen doch weit verbreitet zur Verfügung stehen.“

„Wie ist es Euch gelungen, das Geschäft, dass Ihr vom Großvater übernahmt, so mit Erfolg zu vergrößern?“

„Mit der Quintessenz, ohne die keine Medizin gelingt. Findest du sie, bist du würdig.“

„Woraus wird die Quintessenz gewonnen?“

„Schweig und denke.“

Was hatte er jetzt schon wieder falsch gemacht?

Die Gedanken an die Fremde, an die ihm unbekannte Familie in Frankfurt, wirkten auf einmal bedrohlich, und es kam ihm plötzlich so vor, als sei das Ende seiner Jugend unmittelbar abzusehen.

Die Händler bauten ihre Stände bereits zurück, als sie den Grünen Markt überquerten. Am liebsten, wäre Jonas umgekehrt und hätte sich ans Ufer der Regnitz gehockt und Steine auf ihrer Wasseroberfläche tanzen lassen statt weiter dem unangenehmen Wechselspiel aus Schweigen und Tadel ausgesetzt zu sein.

Irgendwo schrie ein Kind, laut und ausdauernd, während eine Frauenstimme mit einer lieblichen Melodie dagegen ankämpfte. Vermutlich eine Mutter, die ihr Neugeborenes zu beruhigen versuchte. Sofort kam Jonas wieder die Tochter der Weißfrau in den Sinn. Ihr Lächeln, wenn sie sich in den Gassen begegneten. Er musste wissen, was an dem Gerede war. Warum war er wenige Augenblicke zuvor wieder darüber hinweggekommen, sich zu erkundigen?

„Sagt, Vater“, hob Jonas an, und diesmal spürte er dabei mehr ein Pulsieren in der Brust als in seinen Lenden, „stimmt es, was man sich von der Tochter der Weißfrau erzählt?“

So hatte er den Vater noch nie erlebt! Völlig unvermittelt griff dessen rechte Hand so stark nach Jonas Unterarm, dass sich seine knöcherigen Finger beinahe durch den Ärmel in Jonas Haut gruben, während Jonas die linke auf seinen Mund gepresst wiederfand: „Schweig, du unglückseliger Narr!“, herrschte der Vater ihn an, „willst du uns alle in Gefahr und mein Geschäft in Verruf bringen?“

TRISTAN: INQUISITION

„Mein Gott, Benedikt! Ich weiß, dass du dich gerne auf diesem Holzstuhl kasteist, aber es macht mich verrückt, wenn du da wie ein Ölgötze sitzt und Löcher in den Fußboden starrst.“ Tristan atmete aus. Es fühlte sich gut an, seiner Wut Luft zu machen. Das war eines der Dinge, die er an Alana bewunderte. Sie konnte ihre Gefühle aussprechen und damit einen großen Teil Anspannung und Druck loswerden. Nun ja, Tristan war noch alles andere als perfekt darin, das wollte er nicht abstreiten, aber den Grundstein hatte er bereits gelegt. Er durfte sich nur nicht dazu hinreißen lassen, Benedikt auf der Glaubensebene zu provozieren. Das lenkte von der Sache ab und war damit kontraproduktiv, einer der bevorzugten Ausdrücke seines Freund und Kollegen Franz Gehlen.

„Tut mir den Gefallen“, stöhnte Alana, „und werdet mal erwachsen“, stand auf und ging hinaus.

„Du machst dich, Tristan“, blickte Benedikt auf. „Nur zwei dezente Anspielungen auf meinen Glauben. Wenn wir jetzt Basketball spielen würden, und du das einem streng gläubigen Südländer oder Orientalen zuraunen würdest, dann sähe ich dich binnen Sekunden auf dem Hallenboden.“

„In Ordnung“, gab Tristan zurück. „Du hast Recht. Bitte entschuldige. Ich glaube, ich bin ein wenig überlagert.“

„Überlagert?“

„Ja, wie wenn Gesteinsschichten einander bedecken, sich überlagern. Verstehst du ...?“, begann Tristan, registrierte jedoch dabei, dass Benedikt ihn überhaupt nicht ansah, sondern scheinbar in einer eigenen Gedankenwelt versunken war. Also schwieg Tristan.

„Nein“, antwortete Benedikt nach einer so langen Weile, dass Tristan sich nicht sicher war, ob sich das Nein auf seine Frage bezüglich Benedikts Verstehens oder auf etwas anderes bezog.

„Es mag sich vielleicht irreal angefühlt haben, aber ich denke, was wir gesehen haben, lässt sich in irgendeiner Weise erklären. Auch wenn wir vielleicht im Moment keinen Ansatz dazu haben. Trotzdem hat das Ganze auch etwas Gutes gehabt.“

„Etwas Gutes? Wie soll ich das denn verstehen?“

„Ruhig, Tristan, versuch dich wieder zu erden. Ich weiß, dass dir das nicht leichtfällt, aber anders kommen wir nicht weiter. Wut und Angst behindert bloß, engen einen ein. Wenn du dich öffnest, wirst du sehen, dass wir eine neue Facette der Fähigkeiten und Kräfte dieser Maschine kennengelernt haben: Sie kann durch die Zeit reisen.“

Auch wenn er die Möglichkeit noch nicht in Betracht gezogen hatte, wusste er nicht, wie sie der Aspekt der Zeitreisen weiterbringen sollte. Das Problem lag Tristans Verständnis nach an einer ganz anderen Stelle.

„Jetzt reden wir schon seit einer Stunde um den Kern der Sache herum“, fasste Tristan seinen Unmut in Worte, „und wir vermeiden beide, uns gegenseitig zu bestätigen was wir gesehen haben. Oder besser: wen wir gesehen haben.“

Benedikt strich mit dem Finger über seine Oberlippe und schüttelte den Kopf: „Ich denke weder du noch ich brauchen eine Bestätigung, dass der Mann, den wir auf dem großen Platz gesehen und gehört haben, Iskariot war.“

„Aber wie konnte das passieren?“, hob Tristan an, griff nach dem Tetrapack und goss sich Saft in sein Glas.

„Ich fürchte, es ist unsere Schuld.“

„Unsere Schuld, wie meinst du das?

„Erinnerst du dich daran, dass ich dir erzählt habe, wie verstört Iskariot gewesen ist, als er die Begegnung an der Höhle hatte? Er hat diesen Steinzeitmenschen als den Teufel bezeichnet. Und glaub mir, ich habe Iskariot schon oft gegenübergestanden, aber in diesem Moment habe ich das pure Entsetzen in seinen Augen gesehen.“

„Naja, einem Steinzeitmenschen begegnet man ja auch nicht allzu oft.“

„Komm lass die Witze, Tristan. Jemanden, der sich ohnehin schon jenseits der Schwelle von geistig gesund zu psychopathologisch befindet, kann eine solche Begegnung noch weiter in die Krankheit treiben.“

Tristan füllte den Saft mit Mineralwasser auf und beobachtete, wie die sprudelnde Flüssigkeit den naturtrüben Saft aufklarte.

„Ich würde sogar so weit gehen“, fuhr Benedikt fort, „und sagen, Satan ist inkarniert!“

Tristan blickte hoch. „Satan? Ich dachte, der spielt in deinem Glauben keine Rolle, also, ich meine, ich bin nicht davon ausgegangen, dass du an seine Existenz glaubst.“

Benedikt zuckte mit den Schultern: „Vielleicht ist es dann an der Zeit, festzustellen, dass es ihn nun gibt.“

Tristan trank sein Glas in einem Zug aus, so wie er es eigentlich immer tat. Er mochte es einfach nicht, wenn Schorle abgestanden schmeckte. Genauso wenig behagte ihm die Vorstellung, einem Fanatiker – und das war dieser Iskariot ganz sicher, wie Tristan fand – unabsichtlich dazu verholfen zu haben, den Aktionsradius seiner Taten auf eine weitere Dimension, die Zeit, erweitern zu können. Sicher, im Kopf von Iskariot mussten sich eine Menge entrückter Dinge abspielen. Trotzdem besaß dieser ein hohen Grad an Intelligenz und die Fähigkeit, Situationen und Menschen für seine Pläne zu gewinnen oder besser gesagt, zu missbrauchen. Und auch wenn die Keltenzeichnung nur wenige Darstellungen umfasste, wäre es für einen Mann wie Iskariot ein Leichtes, eine Art Gebrauchsanweisung daraus abzuleiten.

„Ich weiß ja aus alten Science-Fiction Romanen, dass es eine Art Zeitparadoxon geben soll“, wandte Tristan ein, „aber trotzdem, wenn dieser Iskariot im Augenblick in der Vorzeit unterwegs ist, dann müsste er ja im Jetzt, also in der Gegenwart verschwunden sein. Fehlen. Eine Lücke hinterlassen haben. Kannst du nicht deinen Freund Frei Severino darauf ansetzen?“

Benedikt strich sich über sein Kinn. „Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Vielleicht sollte ich ihn ...“

Er verstummte, und auch Tristan drehte sich um, als er die Tür im Flur hörte.

„Ah, die Herren Sherlock Holmes und Dr.Watson brüten immer noch über einem unlösbaren Fall“, sagte Alana, gab Tristan einen Kuss und umarmte Benedikt so flüchtig, dass dieser noch nicht einmal die Gelegenheit hatte, dazu aufzustehen. Zumindest kam es Tristan so vor.

„Und wer ist heute euer Moriarty?“, ergänzte sie, während sie ihre Jacke abstreifte.

„Wer ist das, Moriatty?“, erkundigte sich Sophia.

Tristan fuhr sich durch die Haare: „Moriarty? Also, Moriarty ist ein Mann, ein sehr böser Mann, aber eigentlich gibt es ihn gar nicht, also jedenfalls nicht ... in Echt.“

„Wie kann er dann böse sein, wenn es ihn gar nicht gibt?“ Tristan schloss die Augen und atmete tief ein. So aufgeweckt und neugierig wie Sophia eben war, würde sich diese Diskussion noch etwas hinziehen. Und auch wenn es sicherlich pädagogisch wertvoll wäre, weiter zu antworten, stand ihm gerade nicht unbedingt der Sinn danach.

„Tja, Alana, wie wäre es, wenn du unseren Freund erlöst, schließlich hast du die Sherlock-Sache ja aufgebracht“, kam ihm Benedikt zur Hilfe.

„Männer!“, rümpfte sie die Nase. „Komm Sophia, wir lassen die beiden denken und gehen uns etwas zu essen machen.

„Transusen!“, kommentierte Sophia.

„Da habt ihr’s“, fügte Alana hinzu, ehe die beiden in der Küche verschwanden.

„Ich denke, du solltest es ihr sagen.“

„Wer Moriarty ist?“

„Nein, Tristan, du solltest Alana sagen, dass du Albträume hast und dass es gerade schwierig für dich ist, damit umzugehen.

Tristan stand auf, ging hinüber zu Alanas antiker Anrichte neben dem Fenster und nahm eine der Versteinerungen aus dem Setzkasten. Er wusste, dass Alana sowohl diesen Kasten als auch seine darin aufbewahrten Exponate hässlich und in gewisser Weise überflüssig fand. Aber wenn Tristan einen dieser steinernen Zeitzeugen in die Hand nahm und darüberstrich, das hatte er in der letzten Zeit bemerkt, dann beruhigte ihn das ebenso wie andere Menschen, die diese chinesischen Kugeln durch ihre Hände gleiten ließen. „Was sind meine Albträume gegen die Vorstellung, dass ein Wahnsinniger durch unsere Unachtsamkeit die Gelegenheit hat, durch die Zeit zu reisen und Unschuldige zu quälen?“, sagte Tristan leise, während seine Fingerkuppen die raue Oberfläche der Versteinerung betasteten.

BENEDIKT: BEVORSTEHENDER AUSBRUCH

Trotz der Kälte und der Feuchtigkeit, die durch seine Kleidung zu kriechen schienen, war er froh, noch ein bisschen gehen zu können. Ihm fehlte Bewegung. Das merkte er eindeutig, jetzt, da seine Muskeln auf die Kälte reagierten, ihm steifer als jemals zuvor erschienen. Benedikt wusste, dass er den Sport, das Basketballspielen zwar nicht aufgegeben, aber doch vernachlässigt hatte.

Er spürte ein Gefühl in sich aufsteigen, dass er so noch nicht kannte. Waren die ersten Wochen hauptsächlich von Harmonie und Gleichklang mit seinem neuen Leben in einer Beziehung geprägt gewesen, hatte sich in letzter Zeit eine diffuse Unzufriedenheit mit seiner Situation eingestellt. In manchen Momenten fühlte er sich regelrecht schlecht deswegen, wie ein Egomane, der nur sein eigenes Wohl im Fokus hatte.

Nein, das war er nicht. Oder doch?

Wie hatte er überhaupt in diesen Zustand hineingleiten können? Epiphania war doch schließlich das, was er sich immer gewünscht hatte, eine Traumfrau, die emotional auf derselben Wellenlänge mit ihm lag und obendrein noch einen wunderschönen Körper besaß, den zu berühren ein Geschenk war.

Sein müsste.

Es war einfach zu schnell gegangen. Nicht ihre Beziehung, nicht ihr Zusammenziehen, nein, sein Lösen aus dem System Kirche. Denn abseits der vielen Dinge, die ihn die Jahre über an diesem undurchsichtigen Apparat mit seinen oft fragwürdigen Normen gestört hatten, klaffte dennoch ein großes Loch in seinem Inneren, das er noch nicht hatte schließen oder füllen können und das nun drohte, all die anderen Dinge, die ihm lieb und teuer waren, in dieses dunkle Vakuum zu ziehen.

„Es liegt nicht an ihr, es liegt an mir!“, sagte er so laut, dass ein ihm entgegenkommender Passant fragte: „Was meinen Sie?“

„Entschuldigen Sie“, gab Benedikt zurück. „ich habe mit mir selbst gesprochen.“

„Was hast du denn? Irgendetwas quält dich doch!“, fragte Epiphania, während sie Benedikt und sich Tee eingoss.

Benedikt rieb sich die Augen. Wie sollte er ihr erklären, dass es im Moment Wichtigeres für ihn gab, als mit ihr und den Kindern, denn die zwei Waisen Daniela und Florian, die Epiphania nicht mehr aufgeben konnte, zusammen zu sein? Konnte man so etwas überhaupt erklären oder begründen. Oder politisch ausgedrückt: War eine solche Position vermittelbar? Würde nicht jede Frau eine Äußerung in diese Richtung als in Frage stellen der Beziehung interpretieren?

„Es ist ... ich glaube ... nein, ich weiß ... ich sollte nach Rom fahren.“

Er beobachtete, wie Epiphania den Blick senkte.

„Wie denkst du darüber?“, fragte er.

„Ich denke, dass du tun musst, was du tun musst. Ich kann nicht sagen, dass ich davon begeistert bin, weil ich vermute, dass deine Reise mit der Angelegenheit von neulich zu tun hat und ich mir große Sorgen um dich mache. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass du das, was mir gemeinsam haben, niemals leichtfertig auf’s Spiel setzen würdest, und dass der Grund für die Reise wirklich wichtig ist. “

Benedikt nickte. „Dann sollte ich jetzt wohl packen.“

„Verabschiedest du dich noch von den Kindern?“

Benedikt stand auf und küsste Epiphania drängend, wie immer, wenn er mit ihr schlafen wollte. „Sicher, Liebes, sicher.“

Ihre brasilianische Leidenschaft schaltete auf Samba-Modus, wie Benedikt das insgeheim nannte.

JONAS: SCHIFFER

Er kam sich einsam und alleingelassen vor an diesem nebligen Morgen. Ab und zu hörte er einen Kutschwagen in einiger Entfernung passieren und manchmal glaubte Jonas sogar, eine Gestalt auf dem Bock zu entdecken, aber schon einen Augenblick später hatte der diesige Schleier wieder alles verhüllt.

Immer wenn der Dunst sich etwas lichtete, tauchte der riesige Kranausleger auf, der schräg vor ihm in die Höhe ragte. Dessen Form erinnerte ihn an einen drohenden Zeigefinger, so wie ihn der Vater manchmal gegen Jonas erhob.

Die Mutter war daheim geblieben, hatte den Sohn mehrfach an ihr Herz gedrückt und sein Gesicht mit der Nässe ihrer Tränen benetzt. Das war ihm insofern nicht unangenehm gewesen, als dass der Vater die seinigen Tränen auf diese Weise nicht wahrnahm.

Jonas bereute mittlerweile, Theobald Maria Regenspurger in einiger Entfernung vor den Hafenanlagen weggeschickt zu haben. Ein junger Mann, der sich von seinem Vater begleiten ließ, würde es schwer an Bord haben, da war Jonas sich sicher gewesen. Der Mut der Verzweiflung, der ihn dazu getrieben hatte, das letzte Stück des Weges allein zu gehen, war einem Gefühl der Angst und Sorge gewichen. Jetzt, da er sich der Tatsache bewusstwurde, von nun an für sein Handeln selbst verantwortlich zu sein. Der Vater hatte ihn zwar verwundert angeschaut, war aber auch sehr schnell auf Jonas Bitte eingegangen, was Jonas zu der Überzeugung kommen ließ, dass dieser wahrscheinlich damit gerechnet, sich vielleicht sogar gewünscht hatte, der Sohn möge auf diese Weise Verantwortung übernehmen. Daher stand Jonas Entschluss fest: Er würde den Vater stolz machen, ganz gleich mit wie viel Mühe und Arbeit das verbunden war.

Das Quietschen von Ketten, von dem Jonas nicht genau sagen konnte, aus welcher Richtung es zu ihm drang, klang wie ein hämisches Lachen, ein Spotten über den ungeschickten Apothekersohn, der so verloren durch den Hafen irrte.

„Heda, Junge! Was stehst du wie ein Taugenichts in der Gegend herum? Mach dich nützlich, meinst du die Ladung kommt von allein an Bord?“

„Aber ich ...“, begann Jonas, obwohl er eigentlich gar nicht genau wusste, was er entgegnen sollte. Der Mann, der ihm gegenüberstand, wirkte auf eine gewisse Weise edel gekleidet, doch befand sich gleichzeitig so viel Raues und Ungezähmtes an ihm, dass der Reichtum, den er zur Schau trug, eher in den Hintergrund rückte. Noch während Jonas darüber nachdachte, ob der Mann, den er möglicherweise für den Eigner dieses Schiffes, mindestens aber für den Kapitän hielt, derjenige war, bei dem er sich melden sollte, packte dessen Hand Jonas Nacken und zerrte ihn zu einer Ansammlung von Säcken und Kisten. „Dein Vater will, dass du auf meinem Schiff den Schliff bekommst, den er dir nicht hat verpassen können. Aber ein guter Schliff hängt auch von einem guten Werkzeug ab und Werkzeuge sind teuer. Wenn dein werter Herr Vater also wenig Münzen für dich springen lässt, schließe ich daraus, dass er ein grobes Werkzeug wünscht, mit dem ich dich bearbeiten soll. Im Übrigen, denke immer daran: Wo gehobelt wird, da fallen Späne!“

„Jawohl, ich werde es mir merken“, gab Jonas zurück.

„Ich werde es mir merken?“, fragte der Mann und wiederholte dann noch einmal lauter: „Ich werde es mir merken? Von jetzt an höre ich ein Aye Aye, Kapitän, wenn dich dir einen Befehl erteile, hast du das verstanden?“

„Ja, ich ...“

„Ob du das verstanden hast?“

„Ja ... aye aye, Kapitän!“

„Ah, schon besser, um ehrlich zu sein, viel besser“, sagte der Kapitän leiser, „wie heißt du gleich nochmal, Junge?“

„Jonathan ... aber man nennt mich Jonas.“

„Hör zu, ich werde dich erst dann bei einem dieser beiden Namen nennen, wenn du an unserem Zielhafen von Bord gehst und ein richtiger Mann geworden bist. Bis dahin heißt du schlicht und einfach Junge!“

Jonas hörte den Kapitän tief einatmen, ehe dieser schrie: „Und jetzt schnapp dir einen von diesen vermaledeiten Säcken und bring ihn verdammt noch mal unter Deck oder ich prügele dich wie einen streunenden Hund!“

Jonas griff willkürlich nach einem der Säcke und versuchte in hochzuwuchten. Es gelang ihm tatsächlich, das prall gefüllte Jute-Behältnis einige Zentimeter anzuheben. Aber was dann? Er versuchte, mit seinem Fuß von unten gegen den Sack zu drücken, um umgreifen zu können. Zwecklos! Er konnte das Gewicht nicht halten.

Ein anderer Sack vielleicht? Jonas entdeckte einen, der Falten warf und ihm vom Ansehen her leichter vorkam. Als er sich herunterbeugte, löste sich ein Riemen von seinem Rucksack, so dass sein Hab und Gut, das er mit sich trug, plötzlich vor ihm baumelte.

Jonas spürte förmlich den Blick des Kapitäns in seinem Rücken. Er musste einen dieser Säcke an Bord bekommen, koste es was es wolle. Denn sonst, das wurde ihm klar, würde er erst recht keinen leichten Stand an Bord haben.

Hastig richtete er den Riemen und schulterte seinen Rucksack neu, als sich jemand vor ihn schob, mit scheinbar unsäglicher Leichtigkeit einen der Säcke aufnahm, auf Jonas zuging und ihm die Last übergab.

Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand gegen den Bauch geschlagen, so sehr zog ihn das Gewicht des Sacks nach unten, verkrümmte seinen Rumpf und quetschte seine Eingeweide. Schwerfällig wie ein ausdrehender Kreisel steuerte Jonas in Richtung der Rampe, die auf das Schiff führte. Er wusste, dass er auf den leicht ansteigenden Holzbohlen, die das Schiff provisorisch mit dem Ufer verbanden, nicht anhalten durfte, sonst würde er entweder rückwärts wieder herunter oder - schlimmer noch - womöglich seitlich in den Fluss stürzen.

„Schwing die Hufe, verdammt noch mal!“, hörte er die Stimme seines neuen Herren hinter sich, ehe ihn etwas hart unterhalb des Steißes traf: Der Kapitän hatte ihn in den Allerwertesten getreten!

Jonas wusste nicht, wie er unter Deck kam, er konnte sich lediglich daran erinnern, dass ihm irgendwann schwarz vor Augen geworden war.

Er saß mit dem Rücken gegen einen der Säcke gelehnt auf dem Boden. Als er aufblickte, zeichnete sich die Silhouette eines Matrosen im Gegenlicht vor Jonas ab.

„Den Weg runter kennst du ja jetzt, aber hier gibt es nichts mehr zu tun.“

„Was ist passiert?“, fragte Jonas. Er fühlte sich noch recht benommen und es kam ihm vor, als verließen die Worte nur schwerfällig seinen Mund.

Der Matrose ging vor ihm in die Hocke und ergriff Jonas Kinn mit einer Hand. „Ich will doch hoffen, dass du besser ziehst als du hebst.“

„Isch ... isch verstehe nischt“, gab Jonas durch die fremde Hand, die seine Lippen quetschte, zurück.

„Meinst du der Klabautermann und seine siebzehn Henker rudern uns von Geisterhand nach Frankfurt? Du hast gute Zähne, kommst aus gehobenem Hause, was, Junge?“

Jonas gab sich Mühe, die Lippen wieder aufeinander zu pressen. Der Matrose ließ die Hand von Jonas Kinn gleiten und fuhr hinab über Jonas Hals und Brust. „Das Leben hier an Bord kann hart sein, aber du kannst es dir auch ein wenig versüßen.“ Sein Gegenüber lächelte und gewährte Jonas den Blick auf einige abgebrochene schwarze Stummel.

Jonas wusste nicht, was der Matrose meinte oder was er antworten sollte, aber er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.