Die Orpheus-Prophezeiung - Oliver Buslau - E-Book

Die Orpheus-Prophezeiung E-Book

Oliver Buslau

4,3
8,99 €

Beschreibung

Ein alter Geheimbund, eine tödliche Verschwörung und die Suche nach einem verborgenen Ort

Als die gefeierte Stargeigerin Mara Thorn mitten im Konzert vom Tod ihres Managers erfährt, gerät ihre Welt ins Wanken. Was wollte ihr John S. Gritti vor seinem Unfall mitteilen? Hat sein Tod etwas mit der geheimnisvollen schwarzen Violine zu tun, die Mara vor Jahren von einem Unbekannten geschenkt bekam? In dem jungen Wiener Antiquar Jakob Lechner glaubt sie einen Verbündeten zu finden. Doch schon bald weiß sie nicht mehr, wer wirklich auf ihrer Seite steht. Mara sieht sich im Fadenkreuz einer mysteriösen „Orphischen Gesellschaft“, deren Wurzeln weit in die Vergangenheit zurückreichen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 700




Buch

Die junge Geigerin Mara Thorn ist ein international gefeierter Star der Musikszene. Tausende bejubeln ihre Konzertshows, bei denen sie im spektakulären Outfit aus Ledermini, Netzstrümpfen und hohen Boots ihre legendäre Schwarze Violine spielt. Hinter der Teufelsgeigerin verbirgt sich jedoch eine sensible Künstlerin, die ihren Aufstieg dem Management des amerikanischen Elektronik-Tycoons John S. Gritti verdankt. Gritti ist nicht nur Maras Manager, sondern auch ihr väterlicher Freund. Umso schlimmer ist es für sie, als er am Tag ihres Konzerts in Berlin nicht rechtzeitig zu ihr ins Hotel kommt. Stattdessen erhält Mara kurz vor ihrem Auftritt einen seltsamen Anruf von Gritti, der anscheinend in seinem Wagen unterwegs ist. Nach wenigen Sekunden wird die Verbindung unterbrochen.

Mara ist voller Sorge, aber höchst professionell spielt sie ihr Konzert. Doch nach der Show überbringen zwei Polizeibeamte die schreckliche Nachricht: Gritti sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Mara glaubt nicht eine Sekunde an die Unfallversion, sondern geht von einem Verbrechen aus. Ihr Verdacht bestätigt sich, als sie einen anonymen Brief mit der Warnung erhält, sie solle gut auf ihre Geige aufpassen, diese sei der Schlüssel zu einem gefährlichen Geheimnis. Da die Polizei Mara nicht ernst nimmt, weiß sie nicht, wem sie sich anvertrauen kann. Kurz darauf lernt sie jedoch den jungen Wiener Antiquar Jakob Lechner kennen und glaubt in ihm endlich einen Verbündeten gefunden zu haben. Aber dann verdichten sich die Anzeichen, dass Lechner einer mysteriösen Geheimgesellschaft angehört …

Informationen zu Oliver Buslau

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Oliver Buslau

Die Orpheus-

Prophezeiung

Thriller

1. Auflage

Originalausgabe Dezember 2013

Copyright © 2013 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: FinePic®, München

Redaktion: Gerhard Seidl

BH · Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- u. Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-12146-4

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz.

Durch die Nacht, die mich umfangen,

Blickt zu mir der Töne Licht.

clemens brentano

Prolog

Hatte Gott gesprochen?

Oder Satan?

Padre Antonio war klar, dass die Wege des Herrn unergründlich waren. So unergründlich, dass man manchmal teuflische Absichten dahinter vermuten konnte. Und dass umgekehrt der Teufel süßeste Hoffnungen zu wecken und sogar zu erfüllen pflegte, um den so Verlockten ins Verderben zu führen.

Nachdenklich blickte der Priester an der Fassade der Kirche San Giorgio empor. An seiner Kirche, in der er mehr als sein halbes Leben dem Herrn diente. Beklemmung quälte ihn. Immer wieder hatte er versucht, sie abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht.

In etwa sieben Metern Höhe stand ein Arbeiter auf einer Leiter und untersuchte die Fassade.

Äußerlich war an dem Bauwerk nichts Außergewöhnliches zu sehen. Doch das hieß gar nichts. Irgendwo im Inneren konnte das Schreckliche lauern.

Herr, gib, dass wir noch einmal davongekommen sind, betete Antonio. Gib, dass wir es auch diesmal geschafft haben.

Er ging die paar Schritte zu der Leiter und wandte sich nach oben. »Wie sieht es aus?«, rief er.

Der Arbeiter antwortete etwas Unverständliches. Es klang nicht beunruhigend. Und wenn schon, dachte Padre Antonio. Es ging ja nicht nur um die Fassade. Es ging um die Fundamente, um die Statik der riesigen Wände, des Turms.

Im Inneren war der Ingegnere mit einigen weiteren Leuten bei der Arbeit. Padre Antonio wusste nicht, wie lange sie brauchen würden.

Im selben Moment setzte sich die Glocke im Turm in Bewegung und schickte vier einzelne Schläge in den Himmel über der kleinen Stadt. Dann folgten zwei weitere, etwas tiefer gestimmte. Vögel stoben auf und flogen als schwarze Silhouetten davon.

Vierzehn Uhr. Jetzt begann die Beichtstunde. Wenn jemand auftauchte, der seine Sünden vergeben haben wollte, würde der Padre ihn wegschicken müssen. Das Gotteshaus durfte nicht betreten werden.

Seit Wochen war niemand mehr zur Beichte gekommen. Die Kirchen litten an Besucherschwund. Wenn der Padre daran dachte, spürte er Hilflosigkeit, manchmal auch Zorn. Doch er würde weitermachen. Unerbittlich. Und wenn er irgendwann der Letzte sein sollte, der noch in den Gottesdienst ging. Wenn er die Messe nur noch für sich alleine las.

Die Leiter vibrierte. Der Arbeiter, ein kugelrunder Mann in blauer Arbeitshose, stieg herunter. Er nahm den gelben Helm ab und strich sich über das verschwitzte Haar.

»Ich kann nichts finden, Padre. Hier vorn sieht alles gut aus. Sie müssen sich wohl keine Sorgen machen. Drüben in Mugello ist es viel schlimmer.«

Der Padre nickte. Gott sei Dank. Es war wieder einmal gut gegangen.

»Warten Sie noch, bis der Ingegnere kommt«, sagte der Arbeiter. »Ich packe schon mal zusammen.«

Der Platz vor der Kirche war menschenleer. Wo sonst vor allem um diese Zeit reges Treiben herrschte, ging es zu wie in einer Totenstadt.

Man konnte es den Leuten nicht verdenken. Ihnen stand nicht der Sinn danach, auf den Plätzen zu flanieren oder sich zu unterhalten.

Zwei Tage war es her, dass am frühen Morgen gegen vier Uhr die Erde gebebt hatte. Zwölf Sekunden, hatten die Nachrichten später gemeldet, aber diese Zeit war jedem, der die Naturkatastrophe miterlebt hatte, wie eine Ewigkeit erschienen.

Padre Antonio war schlaftrunken und wie in einem Reflex aus dem Bett gestürzt. Ihn hatte gerade ein schrecklicher Traum gequält, der etwas mit seiner Zeit im Priesterseminar zu tun hatte. Doch als er im Schlafanzug neben dem Bett stand und das gewaltige, formlose Rumpeln unter sich spürte, waren alle nächtlichen Hirngespinste wie weggeblasen.

Er war auf die Straße gelaufen und auf dem Kirchplatz stehen geblieben, während viele andere ebenfalls aus ihren Häusern gestürmt waren. Ein fahler Fleck am Himmel dem Kirchturm gegenüber wetteiferte gerade mit dem Schein der Straßenlaternen. Es war das erste Morgenlicht des Ostens.

Wie beim Jüngsten Gericht, war es dem Padre durch den Kopf gegangen. Von Osten kommt das Heil. Von Osten wird er kommen …

Aber es war nicht die Apokalypse, die die Menschen hier erlebten. Es war ein Naturschauspiel, wie es in der Toskana, aber auch in anderen Gebieten Italiens immer wieder vorkam.

Der Padre schüttelte die Erinnerungen ab. Die Gestalt des Ingegnere erschien in der offenen Kirchentür. Er trug keinen Overall wie der Arbeiter, sondern einen dunklen Anzug, sodass er wie ein Manager wirkte. Unter seinem Arm klemmte eine schwarze Ledermappe.

Der Padre spürte, wie sein Herz bis zum Hals schlug.

»Alles in Ordnung«, sagte der Ingegnere. »Sie können die Kirche betreten und Ihre Gottesdienste feiern. Es gibt nicht das geringste Problem.«

Der Priester nickte erleichtert. »Das sind gute Nachrichten. Darf ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen? Ich würde mich freuen, wenn …«

Der Ingegnere winkte ab. »Tut mir leid. Es warten noch andere darauf, dass ich mir ihre Gebäude ansehe.«

Er lächelte glatt, und als er die Stufen vor der Eingangstür hinuntergegangen war, blieb ein Hauch Rasierwasserduft zurück. Drei weitere Arbeiter kamen aus der Kirche. Im Vorbeigehen grüßten sie den Padre kurz und gingen dann zu ihrem Wagen, den sie neben dem kleinen schwarzen Mercedes des Ingegnere auf dem Kirchplatz abgestellt hatten. Auf der Seitentür prangte das Logo des Ingenieurbüros.

Der Padre atmete tief durch. Das Duftwässerchen hatte sich verflüchtigt, und es kam dem Priester so vor, als schmecke die Luft jetzt besser. Nach Erde und Gras, nach den Nadelbäumen der Toskana.

Als die beiden Wagen hinter der nächsten Ecke verschwunden waren, drehte er sich um und ging die wenigen Schritte in den Kirchenraum. Niemand würde zur Beichtstunde kommen. So konnte er seinem Herrn alleine nahe sein.

Immer wenn er die Kirche betrat, erlebte er so etwas wie eine seelische Befreiung. Es war, als fielen alle Sorgen, alle Nöte von ihm ab. Er fühlte sich Gott nah – und das bedeutete, dass er sich zugleich klein, aber auch ungeheuer stark vorkam. Es war, als lade sich in seinem Inneren eine Batterie auf.

Jetzt war dieses Gefühl viel stärker als sonst. Es war überwältigend.

Seine Schritte hallten noch in dem riesigen Raum, da ließ er sich vor dem Altar auf die Knie nieder – gleich auf den harten, kalten Stufen, ohne einen Blick auf den zu werfen, den er anbetete: den Gekreuzigten, dessen mattgraue Gestalt im Hintergrund zu erkennen war. Die Figur, die ein Handwerker im 18. Jahrhundert aus Holz geschnitzt, bemalt und lackiert hatte, schimmerte in dem diffusen Licht.

Der Padre bekreuzigte sich.

Danke, Herr, dass uns nichts geschehen ist. Hilf denen, die an dem Erdbeben nicht so glimpflich vorbeigekommen sind … Herr, ich bitte Dich, lass die Verletzten wieder genesen. Und gib ihnen die Erleuchtung, dass nur Du es warst, der sie vor größerem Unheil bewahrt hat. Schick sie in den Schoß Deiner Kirche zurück. Vertraue sie Deinem Diener an, der sich glücklich schätzen wird, die verlorenen Schäflein wie eine Herde zusammenzuhalten. Bald ist Sonntag, und wie herrlich wäre es, die nächste Sonntagsmesse zu einem Dankgottesdienst …

»Padre?«

Die Stimme drang nur langsam in sein Bewusstsein. »Padre, bitte … hören Sie mich?«

Sie klang heiser, diese Stimme. Lag das nur daran, dass der Mensch, dem sie gehörte, zu flüstern versuchte?

»Kann ich Sie sprechen? Bitte. Es ist wichtig.«

Die Beichtstunde. Padre Antonio hatte sie vergessen.

Er beendete sein Gebet, machte ein Kreuzzeichen und erhob sich. Da stand eine kleine, dickliche Gestalt. Der Padre kannte den Jungen. Er war einer von denen, die abends oft auf dem Platz vor der Kirche herumlungerten. Sie hatten stets ihre Mopeds dabei, sorgten für einen Heidenlärm, und vor allem nach dem Wochenende musste Renzo, der Küster, am Morgen haufenweise Scherben von leeren Getränkeflaschen zusammenkehren.

»Was willst du?«, fragte der Priester. »Ich bin beschäftigt.«

Der hoffnungsvolle Gesichtsausdruck, mit dem er den Padre angesprochen hatte, wich einer Miene der Bestürzung.

»Aber ich dachte …« Der Junge brach ab, suchte nach Worten.

»Ich muss die Beichte abnehmen. Ich habe zu tun.«

Die Bestürzung verschwand, und das runde Gesicht strahlte.

»Aber deswegen bin ich hier.«

»Tatsächlich?«

»Aber sicher, Padre.«

Der Priester überlegte. War es jetzt schon so weit gekommen, dass ihm die Jugendlichen aus dem Dorf in der Beichte einen Streich spielen wollten? Da gab es nur ein Gegenmittel: Strenge.

»Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals in der Sonntagsmesse gewesen bist.«

Der Junge nickte. »Sie haben recht. Aber ich habe so wenig Zeit. Zu Hause bete ich regelmäßig. Zweimal am Tag. Wirklich. Das kann ich Ihnen versichern.«

Padre Antonio runzelte die Stirn. Wer war dieser Junge? Von seinem Äußeren her mochte er siebzehn oder achtzehn sein, aber irgendetwas wirkte, als sei er jünger. Er machte nicht den Eindruck dieser Machos, die sich vor der Kirche mit Mädchen kabbelten. Und wenn Padre Antonio sich recht erinnerte, hatte er ihn immer etwas abseits stehen sehen.

»Wie heißt du?«

»Tino. Tino Fasone.«

Fasone … Das war die riesige Familie, die irgendwo hinter San Michele auf einem alten Bauernhof lebte. Padre Antonio hatte vor vier Jahren die Großmutter beerdigt. Einzelne Informationen kamen ihm in den Sinn: Der Vater, der sie pflegte, war alleine mit vier Söhnen. Er arbeitete in Florenz und fuhr jeden Morgen in aller Frühe zur Arbeit. Die Söhne waren sich selbst überlassen.

»Wie geht es deinen Brüdern? Und deinem Vater?«

»Der Vater ist tot, Padre. Meine Brüder arbeiten auf dem Bau. Mal hier, mal da. Kann ich mit Ihnen sprechen?«

Der Priester war milde gestimmt. Dieser Junge hatte kein leichtes Leben. Und wenn er ihm helfen konnte … Jetzt tat es ihm leid, dass er so abweisend reagiert hatte.

»Komm mit zum Beichtstuhl.« Er berührte Tino an der Schulter. »Was arbeitest du?«

»Wenig. Ich bin zu ungeschickt. Zu dumm.« Jetzt wurde dem Padre klar, was mit dem Jungen nicht stimmte. Er war zurückgeblieben.

Der Beichtstuhl wirkte wie eine düstere Kiste, ein Verschlag aus dunklem Holz. War es nötig, sich dort hineinzuknien? Vielleicht sollte er sich mit Tino lieber in einer der Kirchenbänke unterhalten. Allerdings war das nicht korrekt. Die Beichte war ein Sakrament, das bestimmten Regeln zu folgen hatte.

»Wir müssen da reingehen, damit es wirkt, richtig?« Tino runzelte die Stirn.

»Das ist richtig. Aber du musst dich nicht fürchten. Wir werden uns in Ruhe unterhalten. Niemand kann uns stören.«

»Ich habe keine Angst … Es ist nur …«

Padre Antonio zog den Vorhang zur Seite. »Ja?«

»Ich möchte, dass es schnell vorüber ist. Wissen Sie … Ich habe etwas Furchtbares gesehen. Ich glaube, es war eine Art Strafe.«

»Und was war das?«

Tino sah sich um, als wolle er überprüfen, dass außer ihnen wirklich niemand in der Kirche war. Dann beugte er sich vor und flüsterte, wobei er große Augen machte: »Die Hölle, Padre. Sie ist mir erschienen. Ich wurde hingeführt und sollte hinabsteigen.«

Der Priester nahm stechenden Mundgeruch wahr.

»Aber ich bin abgehauen. Und es war nur wegen dieser Deutschen, verstehen Sie?«

Es gelang Padre Antonio, Tino dazu zu bringen, sich in den Verschlag zu knien. Er selbst nahm in dem mittleren Bereich Platz und schloss die Tür. Das Gesicht des Jungen war hinter einem vergitterten Fensterchen nur noch zu erahnen.

Padre Antonio verzichtete auf die üblichen Einleitungsformeln. Auch er wollte schnell mit der Sache fertig werden. Sollte dieser Tino seine Hirngespinste formulieren. Dann konnte der Padre ihn wegschicken. Und ihn ein paar Ave- Maria beten lassen. »Nun erzähl«, forderte er den Jungen auf.

»Es … war gestern. Am Morgen. Ich bin zur Arbeit gefahren.«

»Ich dachte, du arbeitest nicht?«

»Na ja, ich helfe.«

Padre Antonio verstand. Tino übernahm Handlangerdienste.

»Ziemlich weit draußen, hinter Mugello. Da ist das Haus von einem deutschen Professore. Sie waren sowieso dabei zu renovieren. Bei dem Erdbeben sind ein paar Dachziegel heruntergerutscht. Ennio wollte, dass ich neue besorge.«

In Tinos Stimme mischte sich Stolz. Er schien seine Arbeit zu lieben.

»Wer ist Ennio?«

»Der Anstreicher, Padre. Also: Mein Moped hat einen Anhänger. Also kein Problem. Ich besorge die Ziegel. Ich fahre in aller Frühe los. Und wie ich gerade an der Stelle bin, wo die Straße in Kurven durch die Hügel geht, gibt mein Moped den Geist auf. Ich steige ab und schaue mich um. Und da sehe ich zwischen den Bäumen etwas Glänzendes. Da parkt ein Wagen. Der Wagen des Professore. Des deutschen Professore, dessen Haus ich reparieren sollte, verstehen Sie?«

»Ich kann dir folgen. Aber was ist daran so schlimm?«

»Was für ein Glück!«, fuhr Tino fort, als hätte er den Einwand gar nicht gehört. »Ich renne auf das Auto zu. Es sind auch Leute drin. Seine Tochter. Sabine heißt sie. Ein schönes Mädchen, Padre. Sie können sich nicht vorstellen, wie schön. Als ich gerade rufen will, geht die Tür von dem Auto auf, und Sabine und ein Mann steigen aus. Sie laufen weg. Den Mann habe ich aber erkannt. Es war Alberto aus dem Supermarkt, den kennen Sie doch sicher – so ein stämmiger, kräftiger.«

Der Padre kannte ihn nicht. Aber ihm dämmerte, worauf die Geschichte hinauslief.

»Die haben mich gar nicht beachtet«, rief Tino. »Sie waren nur mit sich selbst beschäftigt. Sie können sich nicht vorstellen, was die vorhatten.«

»Doch, das kann ich«, entfuhr es dem Priester.

»Ich musste doch die Dachziegel liefern. Und ich musste mit Sabine reden. So bin ich hinterher. Sie sind so schnell gelaufen, dass ich kaum mitkam. Durch das Gebüsch den ganzen Hügel rauf. Sie haben gelacht und rumgealbert. Manchmal, wenn ich sie zwischen den Büschen aus den Augen verloren hatte, konnte ich sie nur noch hören. Irgendwann waren sie weg. Ich stand alleine in der Wildnis. Ich hatte Mühe, zur Straße zurückzufinden.«

Padre Antonio schüttelte den Kopf. Fast war er geneigt zu glauben, dass man ihm doch einen Streich spielte. Was wollte Tino hier? Was belastete ihn? Sicher hatte er ein Auge auf diese Sabine geworfen – die Tochter eines der vielen Deutschen, die für die Toskana schwärmten und sich hier ein Haus leisteten. Aber das war doch normal. Und was sollte das Gerede von der Hölle?

Tino holte Luft. Die Geschichte schien noch nicht zu Ende zu sein. »Als ich dann weiterging …« Tinos Stimme hatte sich gesenkt und wirkte heiser. »Da lagen sie mitten im Gras. Nackt …«

»Haben sie dich bemerkt?«, fragte der Padre schnell.

Tino antwortete nicht. Der Padre sah hinter dem Fensterchen eine Bewegung. Der Junge schüttelte den Kopf.

»Aber … Ich habe zugesehen.«

»Bist du sicher, dass sie dich nicht bemerkt haben?«

»Ja. Sonst hätten sie ja nicht weitergemacht.«

»Wie lange hast du sie beobachtet?«

»Ein, zwei Stunden.«

»Und dafür soll ich dir jetzt die Absolution erteilen?«

»Ist es denn eine Sünde?«

»Allerdings!«

»Ich dachte es mir. Denn kurz darauf zeigte mir der Herrgott, dass es eine Sünde war.«

»Was meinst du damit? Haben die beiden noch etwas anderes getan?«

»Es geschah, als sie schon weg waren. Es hat mich sehr verwirrt, Padre. Sehr aufgeregt. Wissen Sie, mein Bruder schaut sich manchmal solche Filme an, und meinen Vater hat das sehr erzürnt …«

Dem Priester wurde klar, dass Tino immer noch von dem Liebesspiel der beiden sprach. Er spürte eine dumpfe Erregung und versuchte, sie zu unterdrücken.

»Was ist denn nun hinterher geschehen?«, fragte er. Ungeduld hatte ihn gepackt.

»Mir wurde klar, welche Sünde ich begangen hatte. Ich meine, die beiden natürlich auch. Aber in erster Linie ich.«

»Was soll das heißen?«

Tino sog wieder Luft ein und sagte: »Die Hölle öffnete sich.«

»Was?«

»Ich habe mich auf dem Rückweg zur Straße wieder verlaufen und bin auf der Suche nach einem Weg hügelaufwärts geraten. Da war so eine Art Hohlweg. Als wenn dort einmal eine kleine Straße gewesen wäre. Und mit einem Mal löste sich von irgendwo etwas vom Hügel und rutschte genau vor mich auf den Weg. Als sollte ich dort oben eingesperrt werden. Und die Hölle tat sich auf.«

Ein Nachbeben, dachte der Padre. Und dabei hat es einen kleinen Erdrutsch gegeben.

»Da war plötzlich ein Eingang«, fuhr Tino fort. »Oben am Berg. Es ist ein Schlund, Padre, ein Höllenschlund. Eisige Luft stieg daraus hervor. Der eisige Atem des Teufels.«

Tinos Stimme wurde rau, er raunte beinahe, und die bildhaften Worte des Jungen erzeugten bei Padre Antonio eine Gänsehaut.

»Woher weißt du, dass es der Eingang zur Hölle war?«

»Weil ich gesündigt habe, Padre. Es war eine Drohung. Und als ich hinaufstieg und hineinsah, hatte ich keinen Zweifel mehr.«

»War denn da etwas zu sehen?«

»Das sagte ich doch schon. Die Schwärze.«

Der Padre schüttelte den Kopf. Was erzählte der Junge da? Konnte es wirklich wahr sein?

»Ich dachte, das kann doch kein Zufall sein …«

Ein eisiges Gefühl kroch von irgendwo in dem Padre hoch. Mein Gott, dachte er. Die Geschichte ist wahr. Und nach so langer Zeit …

»Wo war das genau?«, fragte er.

»Wie ich gesagt habe …« Tino wiederholte es. »Muss ich jetzt in die Hölle?«, fragte er.

»Was hast du danach getan?«

»Ich bin weggelaufen. So schnell ich konnte. Irgendwann war ich dann an der Straße. Das Auto vom Professore war schon weg. Ich musste den ganzen Weg zu Fuß gehen. Der Professore hat es aber nicht tragisch genommen. Er arbeitet sowieso den ganzen Tag in seinem großen Zimmer mit den vielen Büchern. Dabei dachte ich, sie hätten das teure Haus gekauft, um darin Ferien zu machen. Und seiner Tochter war es egal.«

»Hat sie dich auf die Begegnung angesprochen? Hat sie dich vielleicht doch bemerkt?«

»Padre, muss ich jetzt in die Hölle?« Tino schluchzte plötzlich.

Der Padre legte sich eine Erklärung zurecht, die zwar bei Licht betrachtet völliger Blödsinn war, aber in diesem Fall ging es nicht anders.

»Hör mir zu, mein Sohn. Manchmal schickt der Himmel Bilder … Bilder, die von deinem Gewissen kommen. Dein Gewissen hat gewusst, dass du etwas Unrechtes getan hast, und so hat es dir das Bild von der Hölle eingegeben. Dass du zu mir gekommen bist, war richtig, und genau das wird dich davon auch wieder befreien.«

»Wirklich?«, fragte Tino und schniefte.

»Wenn du ein paar Bedingungen einhältst.« Der Padre ging zu den Formeln über, die das Ende der Beichte einleiteten. Noch nie waren ihm diese Gesten so leer und nur symbolisch vorgekommen wie jetzt.

»Ego te absolvo … Gehe hin in Frieden.«

»Was muss ich tun?«

»In erster Linie musst du alles für dich behalten. Erzähle niemandem davon. Das ist das Wichtigste. Du würdest sonst das Mädchen in Schwierigkeiten bringen. Und das willst du doch nicht.«

»Auf keinen Fall, Padre.«

»Siehst du, du bist reinen Herzens. Darauf kommt es an. Und erzähle auch niemandem etwas von der Höllenvision. Du würdest damit nur verraten, dass sich dein Gewissen geregt hat. Fahr wieder zu deiner Arbeit, sei tüchtig – dann wird alles gut.«

»Danke, Padre.«

Es gab ein schabendes Geräusch, als Tino den Beichtstuhl verließ. Draußen verabschiedete er sich und ging schnell durch die Kirche davon.

Padre Antonio blickte zu dem Gekreuzigten, der matt in dem diffusen Licht glänzte. Und ich glaubte, das Erdbeben habe uns verschont, dachte er. Deine Wege sind wirklich unergründlich …

Er verließ die Kirche und ging hinüber ins Pfarrhaus. Die alte Gina, seine Haushälterin, kochte gerade Kaffee. Er blickte in das kleine Speisezimmer. Der Tisch war gedeckt. Kuchen stand bereit.

»Tut mir leid, keine Zeit«, murmelte der Padre und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück.

Für den Rest des Tages studierte er Karten von der Gegend. Er blätterte in alten Büchern und machte sich Notizen.

Am nächsten Morgen nach der Frühmesse, zu der gerade mal drei Gläubige erschienen waren, sagte er Gina etwas von einer kranken Frau in Mugello, die er besuchen müsse. Dann nahm er die Tasche mit der Ausrüstung, packte sie in seinen kleinen Fiat, stieg ein und fuhr los.

Er war den ganzen Tag unterwegs. Als er bei Einbruch der Dunkelheit zurückkehrte, fiel er für die halbe Nacht ins Grübeln. Am nächsten Morgen fasste er einen Entschluss.

TEIL 1:

Die Schwarze Violine

1

Ein Kellner näherte sich der abgelegenen Ecke der Hotelbar und stellte ein Tablett vor Mara ab. Darauf standen Kaffeekanne, eine Tasse und ein kleines Porzellangefäß mit Portionen verschiedener Zuckersorten. Mara bekam eingeschenkt, und dieser Moment gab ihr Gelegenheit, um über die letzte Frage des Reporters nachzudenken, der ihr gegenübersaß – ein älterer Mann mit grauem Haar und karierter Jacke, der leicht vorgebeugt verharrte. Das schwarze Aufnahmegerät, das auf dem Tisch stand, war auf Mara gerichtet.

Sie nahm einen Schluck Kaffee und blickte auf das kleine Mikrofon.

»Wie war die Frage noch mal?«

Der Reporter räusperte sich.

»Warum spielen Sie keine richtige Klassik? Warum dieses bearbeitete Zeug?« Er lächelte ansatzweise und zeigte gelbliche Zähne. »Es heißt, Sie hätten gar keine richtige Ausbildung. Liegt es vielleicht daran?«

Im Hintergrund, an der Bar, saß die PR-Managerin Chloe, das Klemmbrett in der Hand, auf einem der mit rotem Samt bezogenen Hocker und sah Mara auffordernd an. Plötzlich fiel ihr ein, was sie sagen musste.

»Ich spiele die Musik, die mir gefällt.«

Der Journalist nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. »Ohne kommerzielle Hintergedanken? Es ist ja kein Geheimnis, dass man mit richtiger Klassik kaum noch Zuhörer erreicht. Außer man ist Weltklasse.«

Zum Glück konnte der Reporter Chloe nicht sehen, die jetzt böse die Stirn runzelte. Die Managerin hatte Mara gewarnt. Der Mann hatte einen Doktortitel und gehörte zu den Hardlinern, die es als Untergang des Abendlands ansahen, wenn jemand auf einer Violine Popmusik spielte.

»Was ist falsch daran, Musik zu machen, die die Menschen erreicht? Ich denke nicht in den Kategorien von E- und U-Musik. Für mich gibt es nur gute und schlechte Musik. Und ich versuche, möglichst gut zu spielen. Offenbar gelingt mir das.«

Der Journalist blickte wieder auf seine Karteikarten, die er in der Hand hielt. Mara war klar, dass ihre Antwort zu glatt geklungen hatte. Wie auswendig gelernt.

»Sprechen wir einmal über Ihre Violine.«

Mara nickte freundlich, obwohl sie innerlich zusammengezuckt war. Ihre Geige, die sie für sich selbst Tamara nannte, war ein heikles Thema.

»Woher stammt sie? Sie sieht außergewöhnlich aus …«

Mara sagte, was man überall im Internet nachlesen konnte und was sie schon in vielen Interviews gesagt hatte.

»Sie ist das Geschenk eines Fans.«

In gewisser Weise stimmte das sogar.

»Eines reichen Fans?«

»Eines anonymen Fans.«

»Sie sind also sicher, dass dieser Fan nicht Mr Gritti ist?«

»Ganz bestimmt nicht. Ich besaß sie schon, bevor er mich entdeckte.«

»Trotzdem könnte er der Spender sein, oder nicht?«

Mara ordnete ihre Gedanken. Niemand wusste, wo das Instrument herkam. Niemand wusste, wer es ihr geschenkt hatte. Und wenn es Gritti war und er nicht wollte, dass man dahinterkam, dann sollte man das auf sich beruhen lassen.

»Ist es möglich, das Instrument anzusehen?«

Auf diese Frage war die Antwort klar. »Leider nicht.«

»Warum? Hat ein Sachverständiger die Violine schon einmal untersucht?«

Mara spürte, wie in ihrem Bauch ein harter Klumpen wuchs, und sah an dem Reporter vorbei Hilfe suchend zu Chloe hin. Sie hasste Interviews. Und ganz besonders hasste sie sie, wenn sie am Tag eines Konzerts stattfanden. In wenigen Stunden musste Mara auf der Bühne stehen – umgeben von Lasern und vor einer riesigen LED-Wand, vor Tausenden von Fans. In einer solchen Situation konnte sie keine anderen Termine gebrauchen. Chloe war jedoch der Ansicht, dass Pressearbeit ein wichtiger Aspekt für den Erfolg war. Und so schleppte sie einen Journalisten nach dem anderen an. Zum Glück war dieser alte Typ heute der letzte.

»Ich möchte keine Fragen über meine Geige beantworten«, sagte Mara.

»Eine vielleicht doch noch … Was hat es mit dem Zeichen auf sich?«

Die PR-Managerin wirkte einen Moment genauso erschrocken wie Mara, doch sie fing sich sofort wieder.

Das Zeichen? Woher wusste dieser Typ etwas von dem Zeichen?

Was soll ich sagen?, dachte Mara. Zum Glück glitt die PR-Managerin jetzt von ihrem Hocker und näherte sich ihrer Ecke. Mara überbrückte den Moment und nahm einen Schluck Kaffee.

»Noch eine Minute«, sagte Chloe. »Ich bitte um Ihr Verständnis. Frau Thorn hat einen anstrengenden Auftritt vor sich und muss sich vorher noch ausruhen.«

Der Journalist nickte. »Gut. Nur die eine Frage. Was ist mit dem Zeichen? Was bedeutet es?«

Mara setzte die Tasse ab. »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Es heißt, die Geige besitze eine eigenartige Gravur. Sie könnte Hinweise auf ihre Herkunft geben.«

Mara riss sich zusammen, setzte ein Lächeln auf, das sie für verführerisch hielt, und öffnete ihre Beine ein wenig. Sie trug einen schwarzen Ledermini mit Netzstrümpfen. Die Füße steckten in Boots, die bis über die Knöchel gingen. Der Blick des Journalisten wanderte nach unten. Ein billiger Trick, aber er wirkte.

»Ich habe die Geige jeden Tag in diesen Händen.« Mara schob die Arme nach vorn und zeigte ihre Finger. »Wenn es da etwas Besonderes gäbe, wüsste ich es. Glauben Sie nicht alles, was im Internet steht. Hören Sie lieber meine Musik.«

Sie bemerkte Schweißtropfen auf der Stirn des Mannes.

»War es das?«, fragte Chloe von hinten. »Dann bitte ich, das Interview zu beenden.«

»Eine Frage dürfen Sie noch«, sagte Mara, die plötzlich das Gefühl hatte, den Typen auf ihre Weise besiegt zu haben.

Der Blick ihres Gegenübers wanderte wieder nach oben. »Werden Sie denn jemals die Geige jemandem von der Presse zeigen? Oder einem Sachverständigen?«

»Das weiß ich noch nicht. Das heißt – warum sollte ich?«

Chloe kam näher heran und stellte sich neben Mara. Der Journalist stand auf, nahm sein Aufnahmegerät und verabschiedete sich.

Kaum war er in Richtung Hotelausgang verschwunden, funkelte Chloe Mara durch ihre Brille böse an. Die PR-Managerin hätte eine Kollegin des Reporters von eben sein können. Auch bei ihr rahmte das dunkle Gestell die Augen dick ein. Wahrscheinlich wollte sie sich damit einen intellektuellen Anstrich geben, doch in Wirklichkeit ähnelte sie so mehr einer beleidigten Gouvernante. Ihre dürre Figur, die auf eine Essstörung schließen ließ, tat ein Übriges dazu.

»Was habe ich dir gesagt?«, giftete sie. »Diese Spielchen mit Unter-den-Rock-Gucken ziehen bei diesen Kulturkritikern nicht.«

Für einen Moment schien der Stein, der in Maras Magen zu liegen schien, leicht zu werden. »Ich habe schon den Eindruck …«

»Der geht jetzt in die Redaktion und saugt sich irgendwas aus den Fingern von wegen kaum bekleidete Geigennymphe oder viel Haut, wenig Substanz oder was weiß ich. Du kennst diese Geschichten doch zur Genüge von Vanessa-Mae.«

»Was hätte ich machen sollen? Ihm irgendwas über die Geige erzählen? Ich weiß doch selber nichts.«

Chloe fixierte sie. »Darüber müssen wir gelegentlich noch mal reden. Wenn die Tour vorbei ist. Oder morgen.« Sie drehte sich um und stiefelte hinaus.

Mara stand auf, ging durch den Nebenausgang der Bar zum Aufzug und fuhr hinauf in ihr Zimmer.

Hinter den Scheiben erstreckte sich der bedeckte frühherbstlich graue Himmel Berlins. Die Wohnblocks waren ein Meer aus gezackten Firsten, aus Türmchen, Antennen und wie tote Augen dreinblickenden Fenstern. Auf einer vorgeschobenen kleinen Terrasse hinter einem verrosteten Geländer wehte Wäsche im Wind. Auf einem anderen Balkon leuchtete als einziger Farbfleck inmitten der Tristesse ein gelbes Dreirad.

Mara genoss eine Weile die Stille. Dann wandte sie sich ab. Neben dem eingebauten Hotelschreibtisch mit dem Fernseher lag ihr Geigenkasten. Sie nahm ihn, legte ihn auf das Bett und öffnete die Schnappverschlüsse. Eingefasst in grünen Samt lag Tamara da – die Violine, die Mara stets begleitete. Der Lack der Geige glänzte. Das Holz war sehr dunkel. Tiefschwarz, als sei das Instrument einmal Feuer ausgesetzt gewesen, oder der Geigenbauer habe es mit Flammen gebeizt. Einzig der Steg war hell – das geschwungene, dünne Holzstück, über das die Saiten liefen.

Mara hatte ein wenig darüber nachgeforscht, woher die dunkle Färbung kam. Ob es Instrumentenmacher gab, die mit schwarzen Lacken arbeiteten. Aber sie hatte nichts herausfinden können, und sie hatte entschieden, dass es vielleicht besser war, nicht alle Geheimnisse des Instruments zu lüften. Denn Tamara war ein Geschenk. Mit ihr hatte Maras Laufbahn begonnen. Mit ihr war sie erst eine wirkliche Musikerin geworden. Es war wie die Liebe zu einem faszinierenden Unbekannten.

Sie nahm Tamara heraus, hielt sie in das Licht und blickte durch eines der F-Löcher in das dunkle Innere. Die graue Helligkeit beleuchtete das Zeichen. Eingebrannt in das Holz, das auf der Innenseite hell und unlackiert war.

Aber war das überhaupt das, für das es Mara hielt – und dieser Journalist von eben auch? War es eine bewusst angebrachte Markierung? Oder nur eine Unregelmäßigkeit im Holz?

Die Punkte lagen wie die Ecken eines Fünfecks zueinander, ein weiterer befand sich ein paar Millimeter außerhalb. Eigentlich war es nichts – wenn diese Punkte nicht in derselben Größe und in denselben Proportionen noch an einer anderen Stelle vorgekommen wären …

Mara betrachtete sie wie schon so oft zuvor, dann legte sie die Geige hin und ging ins Bad. Vor dem Spiegel drehte sie sich um und schob den Kragenrand ihres schwarzen T-Shirts zur Seite, sodass die Schulter freilag.

Sie konnte in dieser Position nur aus den Augenwinkeln nach hinten sehen, aber das, was sich auf ihrer Schulter befand, war deutlich zu erkennen: dasselbe Muster. Diesmal in Form von Leberflecken.

Mara wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass es sich nur um einen Zufall handeln konnte.

Sie fragte sich, was geschehen würde, wenn die Presse dahinterkam.

Chloe würde es als gelungenes PR-Thema begrüßen.

Doch Mara spürte Widerwillen. Sie wusste zu wenig über sich selbst, als dass sie gewollt hätte, dass noch mehr Geheimnisse über sie bekannt wurden. Erst wollte sie selbst diese Geheimnisse lösen. Irgendwann.

Sie ging ins Zimmer zurück und sah auf die Uhr. In einer Stunde wurde sie abgeholt.

Sie nahm ihr Handy und rief Chloe an.

»Ist John zurück?«, fragte sie.

»Nein.«

»Wo ist er? Wir … müssen noch was besprechen.«

»Er wird schon kommen.«

Chloe wirkte wie eine genervte Lehrerin, die auf der Klassenfahrt von den Grundschülern gelöchert wurde, wann man endlich da sei.

Mara sagte nichts. Sie legte einfach auf. Es war sinnlos, mit Chloe darüber zu sprechen, wie sehr sie John Grittis Nähe brauchte. Vor allem, wenn ein Konzert bevorstand.

Früher, als sie noch unbekannt gewesen war und in irgendwelchen Underground-Locations auftrat, hatte sie oft darüber gelächelt, wenn sie las, welch emotionale Macht Manager über die Musiker besaßen. Heute hatte Mara verstanden, dass sie die Menschen waren, die ihre Schützlinge über eine Brücke in ein Land führten, von dem Mara nie gedacht hatte, dass es überhaupt existierte: eine Welt, in der sie sich um nichts zu kümmern brauchte, als ihre Violine anzusetzen und zu spielen.

John sorgte für alles: nicht nur für die Auftrittsmöglichkeiten, sondern auch für die Konzepte ihrer Konzerte, für die Arrangements, das Orchester, das Marketing, das ganze Drumherum.

Anfangs hatte sie gedacht, er hätte es auf sie abgesehen – auch das war so ein Klischee –, und dieser Gedanke hatte sie ebenfalls belustigt. Sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren und er mit seinen knappen sechzig. Doch schnell wurde ihr klar, dass es um etwas anderes ging. Dass Gritti nicht sie, sondern die Musik liebte – und sich auf seine Weise damit beschäftigte. Nicht mit dem Musikinstrument in der Hand, aber als Konzernchef, dessen Geld in Elektronikunternehmen, in Plattenfirmen, in Software-Start-ups und wo sonst noch steckte.

Mara hatte nur in seine dunklen Augen zu sehen brauchen, die das ausdrucksstarke, faltige Gesicht dominierten.

»Ist er immer noch nicht da?«

Fast unbewusst hatte Mara das Telefon genommen und auf die Wiederwahltaste gedrückt.

»Ich sage dir, wenn er kommt, okay? Wahrscheinlich wird er sich sowieso sofort bei dir melden.«

Jetzt nerv mich nicht weiter, sagte der Ausdruck in Chloes Stimme.

Als sie aufgelegt hatte, warf sie einen Blick auf Tamara. Es war sicher nicht schlecht, sich ein wenig einzuspielen. Das bedeutete, dass es nun wirklich ernst wurde mit dem Konzert, dass die Vorbereitungen liefen. Doch alles in ihr sperrte sich gegen den Gedanken, dass sie das Konzert anging, während John noch immer auf sich warten ließ. Wo war er nur?

Sie sollte ihn anrufen.

Ganz einfach.

Sie holte seine Nummer aus dem Speicher.

The number you have called is temporarily not available …

Sie warf sich aufs Bett und griff nach ihrem Notebook, das auf dem Nachttisch lag. Nein, sie konnte nicht an das Konzert denken. Erst, wenn alles in Ordnung war. Wenn sie mit John gesprochen hatte.

Automatisch klickte sie das Twinworld-Symbol an. Im Hotel gab es WLAN, sie war eingeloggt, die Verbindung war ordentlich, und wenige Sekunden später spazierte ihr Avatar durch eine künstliche Landschaft: Es war ein Strand mit ein paar Pavillons, Palmen und Strandliegen. Wenn man sie aktivierte, brachte man die virtuellen Stellvertreter dazu, sich hinzulegen und sich zu sonnen.

Maras Avatar trug einen Bikini. Sie hatte sich bei ihrem letzten Besuch hier am Strand herumgetrieben und sich eine Weile mit Deb unterhalten.

Jetzt war außer ihr niemand auf der SIM, dem virtuellen territorialen Bereich, wo sich ihr Avatar befand. Sie aktivierte ihre Freundesliste. Deb war nicht online.

Maras Unruhe nahm zu.

Beruhige dich, sagte sie sich immer wieder.

John wird schon kommen.

Das Konzert wird gut werden.

Immer wenn du Tamara in die Hand nimmst, geschieht das große Wunder. Immer. Du kannst sicher sein. John ist auf dem Weg zu dir. Jeden Moment ist er da. Und alles wird gut.

Sie schloss das Programm und klappte das Notebook zu. Ein kleiner Energieschub hatte sie erfasst. Sie stand auf und griff nach der Violine. Die Beruhigung, die sie sich vorgestellt hatte, trat ein. Endlich.

Wenn sie Tamara in der Hand hatte, spürte sie so etwas wie Geborgenheit, Wärme, Heimat …

Sie nahm den Bogen, strich die Saiten an. Sie musste nicht einmal stimmen. Es war, als habe Tamara nur darauf gewartet, von ihr berührt und gespielt zu werden.

Der Klang war sahnig voll und ausdrucksstark, gesanglich – als würde nicht Mara ihre musikalischen Ideen zum Ausdruck bringen, sondern als würde Tamara selbst zu erzählen beginnen. Fast unbewusst tauchte Mara in eines ihrer Stücke ein – Improvisationen über den berühmten Kanon von Pachelbel, diese kreisende Melodie ohne Anfang und Ende, bei der man den Eindruck hatte, sie sei ein Symbol der sich ewig drehenden Erde, ein Karussell, das einen ständig umgab, und wenn man die Geige nahm und zu spielen begann, sprang man an einer beliebigen Stelle auf, ließ sich eine Weile mittragen und lauschte den tiefgründigen Geheimnissen der Welt nach.

Sie gab sich Tamaras Melodien hin, bis sie durch ein Geräusch gestört wurde. Sie setzte die Geige ab und horchte in die plötzliche Stille.

Hatte es geklopft?

Nein. Es war ihr Klingelton. Jemand rief an.

JG blinkte auf dem Display.

Plötzlich raste Maras Puls.

Sie zwang sich, die Geige ordentlich hinzulegen. Dann griff sie zum Handy und drückte den grünen Knopf.

2

Unvermittelt war es dunkel um ihn her. Als hätte man das Licht ausgeschaltet und ihn in einem riesigen Raum allein gelassen.

Doch da war jemand. Sein Gegenüber schien ihn zu beobachten, die Fähigkeit zu haben, durch die Finsternis hindurchzusehen.

Das beruhigte ihn. Genau wie die Stimme, die jetzt aus dem großen Raum zu ihm drang – weich und fürsorglich. Eine etwas raue, aber volltönende Männerstimme.

»Beginnen wir …«

Er nickte in das Dunkel, und das unsichtbare Gegenüber musste es bemerkt haben.

»Wir fangen mit dem Namen an. Wie heißt du?«

»Mein Name ist Zenodotos. Aber ich möchte Zeno genannt werden.«

»Warum?«

»Da, wo ich lebe, sprechen wir viel miteinander. Wir diskutieren und wir debattieren über alle mögliche Themen.«

»Was hat das mit deinem Namen zu tun?«

»Es bleibt nicht unbedingt die Zeit, alle Silben auszusprechen. Nach und nach ging man dazu über, den Namen zu verkürzen.«

Dem Mann im Dunkel schien diese Antwort nicht zu behagen. Und wenn schon. Es war die Wahrheit. Was konnte er dafür?

»Möchten Sie wissen, wo ich lebe? Wann ich lebe?«

»Keine allgemeinen Aussagen«, sagte der Mann. »Beherrsche dich. Und sprich nicht so viel. Beantworte nur die Fragen.«

Er nickte wieder.

»Beschreibe mir, wie es in deiner Umgebung aussieht … Oder fangen wir ganz einfach an: Bist du im Freien oder in einem Raum?«

»Ich bin in einem Raum. Ich kann aber durch ein großes Fenster nach draußen schauen.«

»Welche Tageszeit haben wir? Tag oder Nacht?«

»Tag. Es müsste die Mittagsstunde sein.«

»Was siehst du, wenn du hinausblickst?«

»Das Meer. Es ist eine stille, glatte Fläche. Graublaue Farbe. Es herrscht kaum Wind. Drei Segelschiffe ziehen ihre Bahn. Sie werden wegen der Flaute gerudert.«

»Beschreibe sie genauer.«

»Sie sind aus Holz. Ich kann die Reihe der Ruder sehen, die in das Meer taucht. Wie die Beine eines Tausendfüßlers. Sogar die Kommandos für die Mannschaft dringen an mein Ohr.«

»Wie viele Masten?«

»Drei. Sie bewegen sich in Richtung Hafen.«

»Kannst du den Hafen sehen?«

»Nein. Aber ich weiß, dass er da ist. Ich weiß, in welcher Stadt ich mich befinde.«

»Sag es nicht. Beschreibe lieber den Raum, in dem du dich aufhältst. Bist du alleine?«

»Im Moment schon. Aber es kommen oft andere Menschen her. Heute ist es ruhig. Und um diese Stunde besonders.«

»Gut. Nun erkläre mir, wie es dort aussieht.«

»Der Raum ist groß. Ein Saal. Er ist von einzelnen Säulen durchsetzt, an deren Kapitellen sich Gesichter aus Stein befinden.«

»Gesichter?«

»Ja, ich glaube, es sind Masken.«

»Was ist an den Wänden zu erkennen?«

»Sie sind mit Regalen bedeckt. Der Raum ist sehr hoch, sodass an einigen Stellen Leitern bereitstehen, um die obersten Reihen zu erreichen.«

»Was befindet sich darin? Beschreibe es ganz genau.«

Zeno zögerte einen Moment. Er erlebte nicht nur den optischen Eindruck des Orts, an dem er sich befand, sondern er war ganz und gar dort. Er schmeckte das Aroma von Tang und Salz. Wenn er auf die Geräusche lauschte, die von der nahen Stadt herüberdrangen, erkannte er das typische Durcheinander von menschlichen Stimmen, von Rufen, vom Geschrei der Zugtiere – weit in der Ferne, vom Hafen her.

»Woran denkst du?«

»Entschuldigung. Ich habe mich dem Eindruck dieser Welt hingegeben. Ich konnte nicht anders.«

»Tu jetzt, was ich gesagt habe. Beschreibe, was sich in den Regalen befindet.«

»Es sind Schriften.«

»Bücher?«

»Nein, es sind Rollen. Schriftrollen.«

Der Mann hielt kurz inne, und Zeno kam es so vor, als hätte ihn selbst ein wenig nervöse Erregung erfasst.

»Bist du sicher?«, fragte er nach, und die Stimme zitterte.

Zeno konnte sich vorstellen, warum.

»Kannst du die Schriftrollen lesen?«

»Dazu müsste ich eine herausnehmen.«

»Tu es«, rief der Mann ungeduldig. »Oder ist es dir nicht möglich?«

Zeno drehte sich zu einem der Regale um. Es waren polierte, sehr stabile Holzgestelle, in der Wand verankert. Die Rollen stapelten sich darauf. Ein seltsamer Geruch ging von ihnen aus. Wahrscheinlich war es das frische Pergament, das so roch – vermischt mit der Tinte. Pergament war ja nichts anderes als eine Art Papier aus Tierhäuten anstatt aus Pflanzenfasern. Zeno hatte so etwas schon oft gesehen, aber niemals in ganz neuem Zustand.

Nun stand er vor einem Regal und streckte die Hand aus.

»Ich habe eine Rolle in der Hand«, sagte er.

»Öffne sie. Mach schnell.« Es war deutlich zu spüren, dass der Mann von Ungeduld erfasst wurde.

Zeno zog. Die Rolle war recht lang. »Ich muss sie irgendwo ablegen«, erklärte er.

»Gibt es dafür keine Vorrichtungen?«

»Zwischen den Säulen stehen einzelne Tische«, sagte er. »Sie haben genau die richtige Breite.«

»Dann beeile dich.«

Zeno spürte, wie ihm die Rolle schwer wurde. Seltsam, dabei konnte sie doch gar nicht so viel Gewicht besitzen. Sie besaß einen Durchmesser von kaum fünf Zentimetern. Ihm brach der Schweiß aus, als er sie zum Tisch trug.

»Was ist?«

»Sie hat immenses Gewicht. Ich weiß nicht, woran es liegt. Sie scheint aus Stein zu sein.«

»Kümmere dich nicht darum. Öffne sie!«

Zeno versuchte, den oberen Teil zur Seite zu rollen, um die Schrift sichtbar zu machen. Um wenigstens den Anfang lesen zu können.

»Siehst du schon etwas?«

»Nein … aber gleich.«

Zeno stemmte sich mit dem gesamten Oberkörper gegen die Rolle. Es war, als würde sie eine unbekannte Macht zusammenhalten.

»Ich höre Schritte«, sagte er. »Da kommt jemand.«

»Kannst du etwas lesen?«

»Ich schaffe es nicht, sie zu öffnen.«

Zeno unternahm einen letzten verzweifelten Versuch. Jetzt waren die Geräusche ganz nah. Zwischen den Säulen bewegten sich Gestalten. Zeno kannte sie.

»Wer kommt da?«, fragte der Mann.

»Es sind …« Zeno wusste es nicht mehr. Die Namen waren ihm entfallen. Wie war das möglich? Vor einer Sekunde hatte er sie noch gewusst. Das Bild des Saals schrumpfte, schwarzer Rand umfasste es, und dieser Rand wurde breiter und breiter, sodass es wirkte, als verschwinde das Bild in einem dunklen Tunnel. All die anderen Eindrücke – die Gerüche, der Lärm vom Hafen – verschwanden. Schließlich blieb nur noch ein heller kleiner Punkt übrig, der wie eine Seifenblase zerplatzte, und dann stand Zeno wieder inmitten der Dunkelheit.

»Was ist nun?«, fragte der Mann.

»Es ist vorbei. Ich bin … im Nirgendwo.«

Der Mann schluckte. »Nun gut. Wie fühlst du dich?«

»Müde. Erschöpft.«

»Wir werden das bald wiederholen.«

Zeno nickte.

»Aber du weißt, was geschieht, wenn dir Irrtümer unterlaufen?«

Er atmete tief durch und hörte auf die Stimme. Weitere Anweisungen wurden erteilt.

Und im nächsten Moment war die Dunkelheit verschwunden.

3

John Gritti versuchte, den Oberkörper zu bewegen, aber es ging nicht. Ein metallischer Gegenstand wurde gegen seinen Nacken gepresst. Er fühlte sich an wie die Mündung einer Pistole.

»Ruhig bleiben«, rief der Unbekannte auf dem Rücksitz gerade so laut, um den Lärm in der Fahrerkabine zu übertönen.

Sie befanden sich auf der Straße Richtung Potsdam. Der Mann, der irgendwie ins Auto eingedrungen war und Gritti überrascht hatte, dirigierte die Fahrt.

»Sagen Sie mir doch endlich, was Sie vorhaben. Wohin fahren wir?«

Anstatt zu antworten, rammte der Unbekannte die Waffe noch fester in Grittis Fleisch.

Was geschah hier? Wer war der Mann? Er verfolgte einen Plan, aber welchen? Es ging wohl nicht darum, das Auto zu stehlen. Oder war das eine Entführung?

Der Unbekannte war kein Deutscher, so viel stand fest. Er sprach amerikanisches Englisch. Gritti glaubte, einen leichten Südstaatenakzent herausgehört zu haben.

»Warum wollen Sie einen Landsmann entführen?«, fragte er.

Von hinten kam Schweigen. Gritti hatte das Gefühl, als habe sich der Mann nach vorn gebeugt. Es kam ihm vor, als könne er im Nacken den Atem des Unbekannten spüren.

»Wollen Sie Geld? Ich kann Ihnen welches geben. Wahrscheinlich mehr, als Sie ausgeben können. Lassen Sie uns einfach reden.«

Schon während er die Worte aussprach, überlegte er fieberhaft, welche seiner geschäftlichen Konkurrenten so weit gehen würden, ihn zu entführen, um einen Vorteil herauszuschlagen. Eigentlich fiel ihm nur einer ein, der dazu bereit wäre. Und der hatte sogar einen Wohnsitz in Potsdam.

»Hat Michael Potter etwas damit zu tun? Arbeiten Sie für ihn?«

Das leise Lachen des Mannes übertönte das Rauschen des Motors.

»Ich schlage vor, dass du endlich mal die Schnauze hältst«, sagte er, und das war der längste Satz, den Gritti von ihm bis jetzt gehört hatte. »Bald wirst du ohnehin für immer schweigen.«

Gritti bremste vor einem Stau, schaltete einen Gang hinunter. Der Stoff seines Hemds rieb auf seiner Haut, und er spürte, dass er stark geschwitzt hatte.

Der Mann wollte ihn töten!

Gritti hatte sich immer für einen abgebrühten Businessmann gehalten, und er war auch schon in viele schwierige Situationen geraten, aber noch nie hatte ihn jemand so offen mit dem Tode bedroht.

»Was wollen Sie?« Seine Stimme klang fremd und krächzend.

»Shut up! Bieg hier nach rechts ab.«

»Wie weiter?«

»Das sage ich dann.«

Es ging eine Weile im Schritttempo weiter, und Gritti hatte Gelegenheit, in die benachbarten Autos zu blicken. Auf der Spur links neben ihm schlich ein Van, in dem eine ganze Familie saß. Die Kinder drückten sich an den Seitenscheiben die Nasen platt und lächelten herüber. Gritti versuchte zurückzulächeln.

Offenbar sorgte der Mann hinter ihm perfekt dafür, dass man nicht erkannte, wie er den Fahrer mit einer Waffe bedrohte.

Die Panik in Gritti hatte sich wieder gelegt und kühler Überlegung Platz gemacht. War es möglich, den Menschen in den anderen Fahrzeugen ein Zeichen zu geben? Er konnte die Bremslichter in Morsezeichen aufleuchten lassen – sodass sich das Signal SOS ergab …

Er versuchte es. Was kam zuerst? Dreimal lang oder dreimal kurz? Egal – er trat auf das Pedal, wechselte immer zwischen drei Mal lang und drei Mal kurz hin und her. Aber was glaubte er, was passieren würde? Dass jemand das Zeichen erkannte, ausstieg, nach vorn kam und ihn fragte, ob etwas passiert war?

Jetzt floss der Verkehr wieder. Gritti erhöhte das Tempo auf siebzig Stundenkilometer.

»Rechts raus«, wiederholte der Mann auf dem Rücksitz.

»Was würden Sie tun, wenn ich nicht gehorche?«

»Wenn ich du wäre, würde ich es nicht darauf ankommen lassen«, kam es von hinten. »Fahr weiter. Und schau nur geradeaus.«

Ein metallisches, klackendes Geräusch ertönte. Der Unbekannte hatte den Hahn seiner Pistole gespannt.

Ruhig atmen, sagte Gritti sich. Noch bist du nicht tot. Es muss eine Chance geben, diesem Irrsinn zu entkommen. Es muss einfach. Nur wer nicht mehr kämpft, hat verloren.

Aber er kämpfte ja nicht. Er wusste nicht, wie er kämpfen sollte.

Sein Blick fiel auf den Tacho. Die Digitaluhr unter der Geschwindigkeitsanzeige stand auf 17:43. Mara war sicher im Hotelzimmer und bereitete sich auf ihren Auftritt vor. Bestimmt fragte sie sich, wo er blieb. Das Mädchen brauchte Beistand vor einem Konzert. Und obwohl Gritti fast vierzig Jahre älter war als sie, hatte er als Einziger die Macht, ihr diesen Beistand zu geben.

Du Idiot, schalt er sich. Du bist gerade Opfer eines Verbrechens geworden. Vielleicht wird man dich töten. Und du denkst an Mara.

Doch der Gedanke hatte ihn auf eine Idee gebracht.

Sein Handy steckte in der Ablage der Fahrertür. Der Mann hinter ihm schien sich so positioniert zu haben, dass er rechts an Gritti vorbeisah. Wahrscheinlich achtete er auf die Straße. Und er hielt die Pistole wohl mit der linken Hand.

Ein Linkshänder …

Gritti war Rechtshänder und versuchte nun, mit der linken Hand nach dem Mobiltelefon zu tasten. Es war nicht eingeschaltet, und es würde eine Weile dauern, bis eine Verbindung zustande kam. Doch es war seine einzige Chance.

Er streckte die Finger aus und berührte die Tasten. Er suchte den Knopf links unten und drückte. Dabei zählte er sehr langsam bis fünf …

»Was machst du da?« Der Unbekannte sprach direkt neben Grittis Ohr.

»Nichts.«

Er zog seine Hand zurück und griff nach einem Papiertaschentuch, das in seiner Hosentasche steckte. Er hustete und übertönte das leise elektronische Piepsen, mit dem das Handy signalisierte, dass es bereit für die PIN war.

»Jetzt links abbiegen«, befahl der Mann. »Fädele dich auf der Spur ein.«

Wieder musste er an einer Ampel halten. Die Schilder wiesen nach Potsdam.

Ob doch Potter dahintersteckte?

Die Ampel wurde grün. Beim Abbiegen gelang es Gritti, die vier Zahlen in das Handy zu tippen. Das Telefon war nun bereit.

»Beide Hände auf das Lenkrad«, kam es von hinten. »Fahr schneller.«

Gerade kamen sie an einem Schild vorbei, das siebzig Stundenkilometer als Höchstgeschwindigkeit anzeigte.

»Hier ist Geschwindigkeitsbegrenzung.«

»Egal.«

»Sollen wir in eine Radarfalle fahren? Wollen Sie erkannt werden? Von mir aus.«

Gritti gab Gas.

»Stopp«, rief der Mann. »Du hast recht. Bleib bei siebzig.«

Sie hatten jetzt die Besiedlung westlich von Berlin hinter sich gelassen und fuhren durch Wald. Zwischen den Bäumen erschien ab und zu eine schiefergraue Wasserfläche.

»Darf ich noch mal das Taschentuch herausholen?«, fragte Gritti. »Ich meine, ein neues.«

Wieder schalt er sich einen Idioten. Wenn er dem Mann ankündigte, was er vorhatte, würde der vielleicht genau kontrollieren, was er tat. Und dabei das Handy entdecken, das jetzt, kurz nach dem Einschalten, wahrscheinlich auch noch beleuchtet war.

Sie erreichten den Saum des Walds. Die Straße führte in einem weiten Bogen an freien Feldern und Weiden vorbei.

Gritti schaltete hoch, und in dem Moment, in dem er die rechte Hand wieder an das Lenkrad brachte, griff er beherzt zu dem Telefon. Er drückte auf den großen Knopf, den er im oberen Teil des Tastenfelds fand. Jetzt war das Handy bereit für eine Nummer.

»Lass das«, schrie der Mann so laut, dass Gritti erschrak. Der Wagen schlingerte, die Reifen quietschten. Gritti trat auf die Bremse, und es gelang ihm gegenzulenken. Das Auto ruhte wieder sicher auf der Straße. Vom Rücksitz kamen Geräusche. Offenbar hatte der Mann das Gleichgewicht verloren, war zur Seite gerutscht und rappelte sich jetzt auf.

Er ist nicht angeschnallt, dachte Gritti.

Eine neue Chance.

Sie waren wieder ein Stück durch Wald gefahren, allerdings nur wenige Hundert Meter. Nun lag freie Strecke vor ihnen – schnurgerade Straße. Kaum Bäume. Weidenzäune links und rechts. Ab und zu bog ein Feldweg ab.

»Was hast du da?«, fragte der Mann.

Er arbeitete sich rechts neben Gritti vorbei. Gritti machte einen Schlenker mit dem Wagen, diesmal quietschten die Reifen lauter. Gleichzeitig griff er mit der linken Hand zum Handy und drückte die Wahltaste erneut.

Jetzt baute das Telefon die Verbindung zum letzten Gesprächspartner auf, den er angerufen hatte. Gritti wusste nicht, wer das war. Mara vielleicht. Oder Chloe.

Egal. Es blieb keine Zeit, die Notrufnummer zu wählen.

Etwas Hartes traf ihn am Kopf und sorgte dafür, dass sich für den Bruchteil einer Sekunde ein schwarzer Schatten vor seinen Augen herabsenkte. Gleichzeitig schob sich der Körper des Fremden weiter nach vorn. In Gritti flammte plötzlich heißer Zorn auf. Er riss das Steuer herum und trat auf die Bremse.

Einen Moment lang, der ewig zu dauern schien, drehten sich die Weidezäune, das Grün und die Bäume. Die Kontur eines Hauses in der Ferne kam in Sicht, und mitten in diese verzögerte Sequenz hinein hörte Gritti Maras Stimme, die wieder und wieder sagte: »Hallo?«

Dann raste vor dem Kühler eine Linienreihe aus Stacheldraht heran. Es gab einen Ruck, als der Wagen den Zaun durchbrach. Der Unbekannte stieß einen Fluch aus. Immer noch war da Maras Stimme, aber vielleicht war sie auch nur noch in Grittis Kopf. Plötzlich zog ihn etwas hart auf die Seite, dann nach unten, und ihm wurde klar, dass sich der Wagen überschlagen hatte und auf dem Dach weiterrutschte.

So fühlt sich das also an, was du so oft im Fernsehen und im Kino gesehen hast, dachte er, und im selben Moment endete die Rutschpartie in einem gewaltigen Hammerschlag, der den Wagen stoppte und Gritti das Gefühl gab, alle Knochen in seinem Körper seien zu Brei zermalmt worden.

Seltsam, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen, während er die Augen aufriss, sich aber gleichzeitig sein Sichtfeld weiter einengte, als hätte ihn jemand in einen Sack gesteckt und sei nun dabei, die Öffnung immer fester zuzubinden …

Hatte er wirklich Mara angerufen?

Hatte er noch einmal die Ruftaste gedrückt?

Dann verschluckte ihn die Schwärze vollends.

Zuerst hörte Mara nur ein Rauschen, und sie wusste, was das bedeutete: John saß im Wagen. Sicher würde er ihr sagen, dass er gleich im Hotel war.

Umso seltsamer, dass er sich nicht meldete.

Wahrscheinlich war die Verbindung schlecht.

»Hallo?«, rief Mara. »Hörst du mich?«

Das war kein normales Rauschen, wie sie es als Hintergrundgeräusch beim Autofahren kannte. Da waren Stimmen im Hintergrund.

Mara presste das Telefon ans Ohr.

Da fluchte jemand. Auf Englisch.

»Hallo?«, rief sie wieder. »John? Was ist los?«

Vielleicht war er aus Versehen auf die Wiederwahltaste gekommen. Vielleicht war das Handy in seiner Tasche, und er wollte sie gar nicht anrufen.

Jetzt gab es dort, wo John war, einen dumpfen Knall. Jemand schrie. Und dann schrie jemand anderes. Die Stimmen waren deutlich zu unterscheiden.

»Hallo …«, rief Mara immer wieder. »Hallo …«

Etwas quietschte, es knallte wieder.

Und mit einem Schlag verstummte die rauschende Kulisse. Stattdessen: Stille. Bedrückende, unheilschwangere Stille.

»Hallo?«, rief Mara noch einmal. Regelmäßiges Tuten war zu hören. Ein dumpfes Klopfen … Gleichzeitig mit dem Besetztzeichen? Das konnte nicht sein.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Mara klar wurde, dass jemand an die Tür des Hotelzimmers hämmerte.

Was war jetzt los? Niemand durfte Mara vor dem Konzert stören. Das war eine feste Regel, an die sich alle hielten. Nur John durfte bei ihr sein, wann er wollte.

Es hämmerte erneut. Stärker.

Mara kam ein völlig wahnsinniger Gedanke. Alles war ein Irrtum. Das war nicht John, der sie eben angerufen hatte. Jemand hatte sein Handy gestohlen, oder er hatte es verloren, und jemand hatte es gefunden. Und die letzten Nummern ausprobiert – in einer S-Bahn oder sonst wo.

Mara ging zur Tür, riss sie auf – und da stand Chloe, die sofort losredete und gleichzeitig mit ihrem Klemmbrett herumfuchtelte.

»Wir haben noch ein Interview reinbekommen, das müsstest du morgen früh machen. Es ist wirklich wichtig – ein Fernsehteam …«

Mara spürte, wie ihre Beine weich wurden. »Chloe«, sagte sie. »Hör mir zu … Chloe!«

Als keine Reaktion kam, schrie sie fast, und endlich sah Chloe auf, schob sich die Brille, die auf ihre Nasenspitze gerutscht war, nach oben.

»Hat sich John gemeldet?«, fragte Mara. »Ist er endlich gekommen?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich dir Bescheid gebe, sobald er da ist. Kannst du damit nicht endlich mal aufhören?«

»Das heißt, du hast in den letzten ein, zwei Stunden nichts von ihm gehört?«

»Er ist ein erwachsener Mann, der viel Arbeit hat und im Übrigen tun und lassen kann, was er will, ohne sich bei mir oder bei dir abzumelden. Was soll das?«

»Er hat mich gerade angerufen.«

Chloe reagierte mit einem Stirnrunzeln, das den Eindruck von Hochnäsigkeit, der ohnehin in ihr Gesicht eingegraben zu sein schien, noch verstärkte. »Und warum nervst du mich dann mit deiner Fragerei? … Um auf das Interview zurückzukommen, wir müssen da noch ein paar Sachen klären, denn das Fernsehteam will dich mit der Geige haben. Ich weiß ja, dass du das nicht so gerne machst, aber …«

»Chloe, John ist irgendwas passiert. Ich glaube, er hatte einen Unfall oder so was.«

Die PR-Managerin sah erneut auf. »Ist sein Auto kaputt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hat er nichts gesagt?«

»Es hörte sich an, als sei ich über das Telefon Zeuge eines Unfalls geworden. Als sei es gerade passiert, als wir telefonierten.«

Chloe sah Mara streng an, zog ihr eigenes Handy hervor und drückte einen Knopf. »Dann gucken wir doch mal, was los ist, anstatt hier so neurotisch herumzuzittern.« Sie wählte. Wartete. »Er ist nicht zu erreichen«, stellte sie nach einigen Sekunden fest.

»Verdammte Scheiße, da ist was passiert«, sagte Mara.

»Das ist nicht gesagt. Entspann dich.«

»Entspannen? Wenn John was passiert ist?«

»Nun sei mal professionell und mach deinen Kopf klar für das Konzert. Da warten ein paar Tausend Fans auf dich. Denen bist du was schuldig.«

John bin ich auch was schuldig, dachte Mara. Das allermeiste. Alles. Mein ganzes Leben eigentlich.

»Du wirst doch wohl mal ein Konzert spielen können, ohne dass Onkel John vorher kommt und dir die Hand tätschelt, oder? Wie ich gesagt habe: Sei professionell. The show must go on.«

Mara spürte, wie sich in ihrem Inneren ein großes Loch auftat. Eine Leere, die schmerzte und die sie ganz und gar zu verschlucken drohte. »Ich kann nicht spielen«, sagte sie. Ihr Mund war trocken, ihr Nacken plötzlich ganz steif.

»Wie bitte? Nun hör mir mal zu. Du wirst spielen. Und wenn ich dich auf die Bühne schleifen muss, klar? Was würde John sagen, wenn er jetzt hier wäre? Was würde er sagen, wenn ich ihn an die Strippe bekäme und er irgendwo rund um Berlin mit seinem Auto steht und tatsächlich einen kleinen Unfall hat und deswegen nicht kommen kann? Zumindest nicht vorher? Zum Konzert wird er garantiert da sein. Es gibt ja Taxis. Also – was würde er wohl sagen?«

»Er würde sagen, ich soll spielen«, sagte Mara leise, den Kopf gesenkt.

»Dann verstehen wir uns ja. Ich mache das mit dem Interview morgen klar. Du wirst gleich abgeholt. Bis dann.«

Sie verließ den Raum und schlug die Tür hinter sich zu. Der Knall schien noch eine Weile in der Luft zu verharren.

4

Im Vorbeifahren erkannte Mara sich selbst – als riesige Figur auf einer Plakatwand. Sie hielt die Violine nicht wie eine Virtuosin, sondern eher wie einen Tennisschläger, wie eine Waffe oder wie ein Ruder. Die Hand umfasste das Griffbrett, der glänzende Korpus war dem Betrachter wie eine Drohung entgegengestreckt, wodurch ein dreidimensionaler Effekt entstand. Als ob das nicht schon als Hingucker gereicht hätte, wehte Maras Haar, tiefschwarz gefärbt, im Wind. Sie erinnerte sich noch genau an das Fotoshooting. Sie hatte im Sturm eines riesigen Ventilators gestanden – hinter ihr nichts als eine weiße Leinwand. Der Computer sorgte dafür, dass ihre Figur auf dem Plakat nun vor einem rötlichen Hintergrund zu sehen war. Sodass es aussah, als käme Mara direkt aus der Hölle.

Mara, die Teufelsgeigerin.

Sie war wohl die Einzige, die dazu fähig war, die wahre Mara auf dem Bild zu erkennen, denn die Frau auf dem riesigen Bild hatte nur wenig mit ihr gemeinsam: das schmale, helle Gesicht, die schwarzen Haare. Doch die Mara auf dem großformatigen Papier war eine Gothic Lady – Leder, Netzstrümpfe, blutroter Lippenstift.

Bald tauchte das zeltartige Dach des Tempodroms auf – die Konzerthalle, wo Mara spielen würde.

Der Wagen hielt. Mara stieg aus, den Geigenkasten an der Hand. Sofort wurde sie in Empfang genommen und von dem sehr genauen Zeitplan verschluckt, der jedem Konzert voranging.

Sie bezog ihre Garderobe, nahm Tamara hervor und stimmte sie in Ruhe. Das Gefühl, ihr vertrautes Instrument in Händen zu halten, sorgte für ein wenig Geborgenheit.

Kurz darauf kam ein Techniker und bat sie zum Soundcheck.

Auf der Bühne saß bereits das Orchester – alle noch in normaler Kleidung, in Jeans, Pullis, die Frauen in Schlabberkleidern, Baumwollröcken. Zwanzig Streicher, Holz- und Blechbläser, eine Menge Percussion mit Drumset, Glocken, Gongs und Xylophonen, der Pianist. Marc, der Dirigent, begrüßte sie kurz.

»Alles klar? Können wir anfangen?«

Mara nickte nur. Niemand nahm ihr übel, dass sie wenig sprach. Sie war bekannt dafür. Auch im Konzert würde sie nichts sagen und nur Tamara sprechen lassen. Es gab keine Moderation, keine Zwischentexte.

Am Anfang war das ein Problem gewesen, denn eigentlich erwartete man von einem Künstler wenigstens ein paar Worte an das Publikum. Andere Geiger wie Nigel Kennedy oder David Garrett unterhielten das Auditorium sogar mit kleinen Geschichten aus ihrer Studienzeit, sie erklärten ein wenig die Musik – plauderten über Vivaldi, Beethoven und Brahms.

Mara fühlte sich dazu nicht in der Lage. Außerdem hatte sie keine Studienzeit absolviert, von der sie berichten konnte. Sie war nie an der Juilliard School of Music in New York gewesen wie David Garrett. Sie hatte niemals Unterricht bei einer Größe wie Yehudi Menuhin gehabt wie Nigel Kennedy.

Sie galt als Naturtalent, mit nichts ausgestattet als ein bisschen Unterricht in der Frühzeit als Schülerin, als sie noch bei ihren Pflegeeltern in Hannover lebte. Mit sechzehn war sie ausgerissen. Und hatte ein Leben auf der Straße geführt.

John Gritti hatte ein Konzept daraus gemacht: Mara, die Unnahbare. Mara, die Geheimnisvolle. Mara – die Frau, die nur durch ihre Geige spricht.

Sie befestigte am Steg der Violine ein kleines kabelloses Mikro. Marc nickte ihr noch einmal zu. Dann spielten sie alle Programmnummern an, in jeweils wenigen Takten.