Die Pestärztin - Ricarda Jordan - E-Book + Hörbuch

Die Pestärztin E-Book

Ricarda Jordan

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Beschreibung

Sie lebt in einer dunklen Zeit. Sie ist ein Spielball des launischen Schicksals. Ein fesselnder Roman - prächtig und gefühlvoll. Mainz 1348: Der schwarze Tod wütet in der Stadt, und eine junge Heilkundige nimmt den Kampf mit ihm auf: Lucia verfügt über außergewöhnliche medizinische Kenntnisse. Doch auf dem Höhepunkt der Epidemie verliert sie ihren wichtigsten Mitstreiter und den Mann, den sie liebt: den Pestarzt Clemens von Treist. Die Stimmung in der Stadt schlägt um, und Lucia muss nach Landshut fliehen. Dort holen sie die Schatten ihrer Herkunft ein ... Die Autorin entführt uns als Sarah Lark ins ferne Neuseeland, als Ricarda Jordan zeigt sie uns das farbenprächtige Mittelalter.

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Seitenzahl: 832

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Ricarda Jordan

DIEPESTÄRZTIN

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch

die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

© 2008 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: akg-images, Berlin

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN: 978-3-8387-0500-2

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

HURENKIND

MAINZ 1330-1347

1

Der Regenvorhang tat sich wie eine Wand vor Rachel auf, als sie das Haus der Familie von Metz verließ. Müde und mutlos zog sie die Kapuze ihres wollenen Mantels über den Kopf. Lange würde er sie nicht vor den Fluten schützen, die sich an diesem Herbstabend über das Mainzer Judenviertel ergossen. Rachel machte den ersten Schritt in die Nässe und Dunkelheit und dachte sehnsüchtig an das warme, vom offenen Feuer erleuchtete Zimmer der Wöchnerin, das sie soeben verlassen hatte. Doch ein ruhiger, trockener Abend in einem der ersten Bürgerhäuser der Stadt sollte ihr heute nicht vergönnt sein. Gleich nachdem sie den neugeborenen Ezekiel gebadet und in seine Wiege gebettet hatte, war ein verhuschtes und völlig durchnässtes Küchenmädchen im Hause Metz erschienen.

»Die Hebamme, ist sie noch hier? Es ist dringend, meine Herrin liegt in den Wehen! Und wir haben große Angst, dass sie stirbt, der Herr und die Köchin. Obwohl die Maurin sagt, sie stirbt nicht, aber die meint ja immer, alles zu wissen …« Das Mädchen sprudelte die Worte nur so hervor und vermochte zwischendurch kaum Luft zu holen.

»Nun mal langsam.« Judith, die Amme, reichte der Kleinen ein Tuch, sodass sie sich ein wenig abtrocknen konnte. Das Mädchen musste völlig kopflos und ohne Regenschutz aus dem Haus gestürmt sein. Seine Haube hing schlaff und traurig wie ein nasser Vogel auf seinem krausen braunen Haar. »So schnell stirbt man nicht. Erzähl uns jetzt ganz ruhig, was geschehen ist und wer dich überhaupt schickt.«

Dabei wusste Rachel es längst. Schon als die Kleine die »Maurin« erwähnt hatte, war ihr klar gewesen, dass es Sarah von Speyer sein musste, die in den Wehen lag. Schließlich hatte nur eine einzige jüdische Familie in Mainz eine arabische Dienerin: Benjamin ben Juda von Speyer, ein Fernhandelskaufmann, hatte die maurische Sklavin vor einigen Jahren im spanischen Toledo gekauft – eine Transaktion, der ein größerer Skandal in der Bischofsstadt vorausgegangen war. Rachel wusste nicht genau, worum es ging, aber die Maurin, Al Shifa mit Namen, war offenbar knapp dem Scheiterhaufen entgangen. Seitdem diente sie im Hause der Speyers. Sie hatte sich Rachels größte Hochachtung erworben, indem sie Sarah bei deren letzter Entbindung äußerst kundig beigestanden hatte. Rachel selbst war damals bei einer anderen Wöchnerin aufgehalten worden und kam gerade noch zurecht, um Al Shifa bei der Arbeit zu beobachten. Während die anderen Frauen des Haushalts hilflos um das erstickende Kind herumstanden, hatte die Maurin seinen Hals kundig vom Schleim befreit, ihm Luft in die Lungen geblasen und es schließlich zum Atmen gebracht.

Rachel hatte sich seitdem oft gefragt, ob das auch mit den Mitteln möglich gewesen wäre, die sie selbst anwandte. Auf jeden Fall traute sie Al Shifas Urteil vorbehaltlos. Ihre Einschätzung von Sarah Speyers jetzigem Zustand war zweifellos richtig. Doch auch wenn die Speyerin sich nicht in Lebensgefahr befand – für Rachel bedeutete die Nachricht weitere Stunden harter Arbeit. Sie würde Sarah selbstverständlich beistehen und deshalb ihr eigenes Bett in dieser Nacht kaum zu sehen bekommen. Und wenn es weiter so regnete, würde sie obendrein bis auf die Haut durchnässt sein, ehe sie bei den Speyers ankam.

Rachel seufzte tief, als sie sich durch Kälte und Nässe kämpfte. Nach kurzer Überlegung wählte sie den kürzesten, wenn auch gefährlicheren Weg zum Stadthaus der Speyers in der Schulgasse. Bei Nacht bevorzugte sie größere und belebtere Straßen, denn sie fürchtete die verschlungenen Gassen im Viertel um die Synagoge. Zwischen den kleinen Geschäften und Wohnhäusern, in denen sowohl jüdische Familien als auch ein paar ärmere christliche Bürger lebten, befanden sich zwei berüchtigte Schenken. Sie zogen oft übelsten Abschaum an. Wahrscheinlich hätten die Stadtbüttel diese Spelunken schärfer überwacht, hätten sie sich nicht gerade im Judenviertel angesiedelt. Die Sicherheit der jüdischen Bürger kümmerte die Stadtwache allerdings kaum. Selbst schuld, wenn ein Mann mit gefüllter Börse oder gar eine schutzlose Frau sich zur Unzeit im Umkreis des »Blauen Bären« oder des »Güldenen Rads« aufhielt!

Rachel, die ihr Beruf zwangsläufig auch nachts auf die Straßen zwang, fragte sich zum wiederholten Mal, warum Mainz nicht über ein abgeschlossenes Judenviertel verfügte, wie die meisten anderen Städte. Manchmal wünschte sie sich schützende Mauern um sich – obwohl sie natürlich wusste, dass es im Zweifelsfall für Menschen ihres Glaubens keinen Schutz gab. Wenn eine Seuche ausbrach, wenn Missernten sich häuften oder ein Feuer wütete, suchte man die Schuld gern bei den Juden. Und brach der christliche Mob erst einmal ins Ghetto ein, waren die Mauern dem Überleben eher hinderlich, da sie jede Flucht unmöglich machten.

Rachel wappnete sich gegen den Gestank von billigem Bier und Spanferkel am Spieß, der um diese Zeit meist aus dem »Güldenen Rad« drang und die Nasen der umwohnenden Gläubigen beleidigte. Nun sollte in einer so kalten, nassen Nacht zumindest nicht allzu viel Betrieb herrschen. Selbst das lichtscheue Gesindel, das sich sonst hier herumtrieb, drängte sich heute in den dunklen Ecken schäbiger Kaschemmen. Dennoch hatte Rachel ihren Lohn sicherheitshalber bei den Metzens gelassen. Um ihr Leben und ihre Ehre fürchtete sie nicht so sehr. Schließlich war sie nicht mehr jung, und schön war sie nie gewesen. Und Fleisch war billig in der Gegend um das »Güldene Rad«! Der Wirt verschacherte junge Huren für wenig Geld; obendrein lungerten meist ein paar verzweifelte Mädchen in den Gassen rund um die Schenke und versuchten, auf eigene Rechnung ein paar Kupferpfennige zu verdienen.

Tatsächlich waren die Gassen vor der Wirtschaft in dieser Nacht menschenleer, auch wenn drinnen reger Betrieb herrschte. Man hörte Gläserklirren und obszöne Lieder. Angewidert zog Rachel ihren Umhang straffer um den Körper und mühte sich, rasch vorbei zu kommen. Aber dann vernahm ihr geübtes Ohr Frauenschreie. In dem Grölen und Lärmen, das aus der Kneipe drang, waren die Schreie kaum zu vernehmen. Ob die Kerle da drinnen ein Mädchen schändeten? Rachel zwang sich, weiterzugehen. Sollte ihre Befürchtung zutreffen, konnte sie dem armen Ding ohnehin nicht helfen. Sie murmelte rasch ein Gebet.

Doch als sie den Durchgang zum Innenhof der Schenke erreichte, wurden die Schreie lauter. Und sie kamen nicht aus der Schenke, sondern vom Hof dahinter. Rachel packte das kleine Messer, das sie immer bei sich trug, wenn sie diesen Teil des Viertels durchquerte. Sie war eine couragierte Frau, und selbst wenn sie am Galgen enden sollte, falls sie tatsächlich einmal einen christlichen Gauner vor seinen himmlischen Richter befördern sollte: Kampflos ergeben würde sie sich nicht! Und dieses Mädchen konnte sie nicht ihrem Schicksal überlassen, ohne sich wenigstens davon zu überzeugen, was vor sich ging. Vielleicht schrie ja bloß eine Hure in Ausübung ihrer Profession. Aber das arme Ding konnte durchaus auch Jüdin sein! Für die Kerle wäre das eine zusätzliche Verlockung, denn in diesem Fall wäre das Mädchen sicher noch Jungfrau – und ihre Schändung würde von den Stadtbütteln kaum geahndet werden. Sicher, die Juden standen auf dem Papier unter dem Schutz des Bischofs, doch bis eine Klage zu diesem hohen Herrn durchdrang, war die Untat wohl schon verjährt.

Beherzt betrat Rachel den Hof hinter der Schenke. Hier befand sich der Abtritt, der bestialisch stank, wobei er mit dem Abfallhaufen in einer anderen Ecke des Gelasses konkurrierte. Ein paar streunende Katzen, die sich an halb verfaulten Innereien gütlich getan hatten, stoben auseinander. Es gab allerdings auch einen Pferdestall, und Rachel fand schnell heraus, dass die Schreie des Mädchens aus diesem Verschlag drangen. Sie wurden nun schwächer, jedoch langgezogener, kläglicher, und in Rachel, der erfahrenen Hebamme, keimte ein Verdacht: Diese Frau wehrte sich nicht gegen männliche Angreifer. Wenn Vergewaltigung die Ursache ihrer Schmerzensschreie war, so lag die Untat neun Monate zurück.

Rachel folgte den Schreien, die von Wimmern und Weinen unterbrochen wurden, und hörte bald weitere Frauenstimmen.

»So viel Blut! Das darf nicht sein, Annchen, da stimmt was nicht … und das Kind sollte auch mal zu sehen sein. Aber sie presst nur und presst, und da kommt nichts!«

»Was verstehst du schon davon, Lene! Die einzigen Kinder, die aus dir rausgekommen sind, hat doch der Engelmacher rausgekratzt.« Die Angst in der noch jungen Stimme strafte die harte Wortwahl Lüge.

Rachel sah die Sprecherinnen nun vor sich: zwei Mädchen, die eine schmutzige Tranlampe in der äußersten Ecke des zurzeit leeren Stalles entzündet hatten und sich nun in deren trübem Funzellicht über ein wimmerndes, zartes Frauenzimmer beugten, das offensichtlich in den Wehen lag. Eine der besorgten Helferinnen war rotblond und lang aufgeschossen, die andere drall und dunkelhaarig.

»Sie stirbt, Annchen!«, flüsterte die Blonde. »Gott sei ihrer Seele gnädig. Meiner Treu, kann nicht ein Priester …«

»Ein Priester kommt nicht in ein Hurenhaus, dummes Lenchen.« Annas Stimme klang jetzt nachsichtig. Sie schien als Hübschlerin erfahrener zu sein als die lange Lene.

»Vielleicht reicht ja auch eine Hebamme!«, bemerkte Rachel und erschreckte die Mädchen damit beinahe zu Tode. Beide fuhren zu ihr herum und erschauerten beim Anblick der schwarz gekleideten, dick in ihre Schals und Umhänge vermummten Frau, die sich plötzlich aus dem Dunkel schälte.

»Der Tod …!«, wimmerte Lene.

Das beherztere Annchen schüttelte den Kopf. »Das wär’s erste Mal, dass der Sensenmann sein Weib schickt«, spottete sie. »Nein, die da kenn ich. Ist bloß ’ne alte Jüdin, die schleicht hier öfter rum. Auch nachts … wer weiß, vielleicht treiben’s die Hebräer ja lieber mit alten Vetteln.«

Rachel schlug verärgert ihren Kopfschutz zurück und enthüllte ihre Haube, die sie als ehrbare Frau auswies. »Die Hebräer liegen am liebsten den eigenen Frauen bei und wachsen und mehren sich, wie der Ewige befiehlt!«, gab sie streng zurück. »Und wenn er ihre Verbindung segnet, kommt das Kind meist nicht im Stall zur Welt, sondern im Haus und unter den Händen einer alten Vettel wie mir. Und jetzt lass mich vorbei, Dirne, ich will sehen, ob ich deiner Freundin noch helfen kann!«

Lene lamentierte, dass Rachel ihrer Ansicht nach lästerliche Reden über Christi Geburt geführt habe, doch Anna – offenbar praktischer veranlagt als ihre Freundin – gab rasch den Weg frei. Rachel machte sich auch keine Sorgen, obwohl ihr die Anspielung auf eine andere Geburt im Stall entschlüpft war. Wenn es jemanden gab, dem man noch weniger Glauben schenkte als einer Jüdin, so war es eine Hure. Und diese Mädchen drückten sich auch bestimmt nicht mit Billigung ihres Hurenwirtes im Stall herum. Der duldete keine schwangeren Hübschlerinnen in seiner Schenke. Lene und Anna mussten ihre Freundin also hier versteckt haben. Ihre Furcht vor Entdeckung war gewiss größer als ihr Glaubenseifer.

Rachel stellte ihre Tasche ins Stroh und warf einen ersten aufmerksamen Blick auf die junge Frau, die hier auf ein paar stinkenden Decken lag und vergeblich versuchte, ihr Kind herauszupressen. Einen Herzschlag lang stockte Rachel fast der Atem, als sie das Gesicht des Mädchens sah. Natürlich war es jetzt verschwollen und verweint, die Lippen zerbissen vor Qual. Doch es war immer noch zu erkennen, wie engelhaft schön dieses junge Ding gewesen sein mochte, als es das unselige Kind empfing. Es hatte zarte, elfenbeinfarbene Haut und goldbraunes, gelocktes Haar. Der Gesichtsschnitt war nicht grob wie die Züge von Anna und Lene, sondern so fein, dass sie einem Madonnenmaler hätte Modell stehen können. Schmale, zarte Hände krampften sich um die groben Decken, als ihr graziler Körper von einer neuerlichen Wehe erfasst wurde.

»Oh Maria, oh Jungfrau, oh heilige Mutter Gottes!«,

Das Mädchen stieß die Worte aus. Es war also noch bei Bewusstsein, auch wenn es eben keinen Ton von sich gegeben hatte, während Anna und Lene den Blutstrom kommentierten, der anstelle des Kinderkopfes zwischen den Beinen des Mädchens hervorschoss.

Rachel untersuchte es rasch.

»An eurer Mutter Gottes hättest du dir früher ein Beispiel nehmen sollen«, brummte sie dabei. »Jungfrauen passiert so was nur selten …«

Das Mädchen wimmerte, als die Wehe verebbte, schien dann aber seine ganze Kraft zusammenzunehmen und wandte sich mit klarer Stimme an Rachel.

»Es ist kein Hurenkind!«

Die Kleine schien noch etwas sagen zu wollen; dann aber erfasste sie die nächste Wehe. Sie folgten jetzt rasch aufeinander, doch die Hübsche konnte das Kind nicht herauspressen. Rachel hatte längst erkannt, woran es lag.

»Das Kind liegt falsch«, erklärte sie den Mädchen und der jungen werdenden Mutter, sofern diese überhaupt noch imstande war, die Worte aufzunehmen. Nach der letzten Wehe wimmerte sie nur noch. »Mal sehen, ob ich es drehen kann. Aber es ist spät, sie ist schon sehr geschwächt. Obendrein ist irgendwas in ihr zerrissen, sie verliert zu viel Blut. Wie heißt sie denn? Wie heißt du, Mädchen?«

Rachel wandte sich hoffnungsvoll an die Wöchnerin, doch es war Anna, die schließlich antwortete.

»Beatrix heißt sie. Aber woher sie kommt, wissen wir nicht. Tauchte vor ein paar Monaten hier auf, zusammen mit ihrem Stecher. Den Kerl hat’s dann bald erwischt. Ließ sich vom Roten Hans für seine Bande anwerben, Leuten aufzulauern und ihnen die Börsen zu stehlen. War aber zu dumm dazu. Sie haben ihn aufgeknüpft, auf dem Platz vor der Stadt …«

»Nur wegen einer gestohlenen Börse?«, fragte Rachel erstaunt. Sie tastete Beatrix’ Leib ab und suchte nach einem Ansatzpunkt für den Griff, der das Kind durch eine geschickte Bewegung in die richtige Lage für die Geburt befördern sollte. Das gelang nicht immer, doch bei diesem zarten, dünnen Persönchen war Rachel guten Mutes. Die Lage des Kindes war leicht von außen zu ertasten. Wenn sie nur zwei Stunden früher gekommen wäre …

»Nein, nicht nur wegen der Börse«, sagte Anna. »Der Rote Hans hatte vorher noch einen Kerl abgestochen. Das hat Beas Stecher wohl arg verwirrt. Konnte offenbar kein Blut sehen. Als die Büttel kamen, ist die ganze Bande weggerannt. Nur er stand noch da und starrte auf die Leiche wie ’n Hase ins Licht, das blutige Messer in der Hand, das der Rote Hans ihm rasch zwischen die Finger gedrückt hatte. Da war jedes Leugnen zwecklos.« Anna zuckte bedauernd die Schultern.

Beatrix stöhnte unter der nächsten Wehe. Dann aber schien sie das Bewusstsein endgültig zu verlieren. Viel zu viel Blut war geflossen. Rachel glaubte nicht daran, das Mädchen noch retten zu können. Aber das Kind rutschte jetzt mit einem Ruck in die richtige Lage. Rachel richtete sich aufatmend auf – und musste dann auch schon neben der Wöchnerin niederknien, um das Kind in Empfang zu nehmen. Das Köpfchen, das sich nun endlich in die Welt schob, war winzig. Das Mädchen hätte eine leichte Geburt gehabt, wäre da nicht diese Querlage gewesen. Rachel seufzte. Wer kannte die Wege des Ewigen?

Sanft zog sie am Kopf des neuen Erdenbürgers und beförderte so auch die Schultern des Kindes zutage. Mit einem letzten Schwall Blut und Fruchtwasser glitt das Kind ins Freie.

»Ein Mädchen«, sagte Rachel.

»Lebt es?«, fragte Anna beinahe verwundert.

»Aber ja!« Rachel hob das zerknitterte, blutige kleine Wesen an den Füßen hoch, klopfte ihm energisch auf den Rücken und löste damit einen kräftigen Protestschrei aus. »Da hört ihr’s!«

Selbst Beatrix in ihrer barmherzigen Ohnmacht schien das Kind gehört zu haben. Noch einmal schlug sie die Augen auf. Rachel sah ein beinahe irritierend dunkles Blau, in dem helle Lichter blitzten, als die junge Mutter ihr Kind erkannte.

Beatrix schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort mehr hervor. Ihre Hände machten eine fahrige Bewegung, die an einen Segen erinnerte. Dann sank ihr Kopf zur Seite. Die junge Mutter war tot.

Rachel schloss ihr bedauernd die Augen.

»Es war zu viel für sie«, sagte sie leise. »Armes kleines Ding.«

Die Hebamme ließ offen, ob sie damit Beatrix oder deren neugeborene Tochter meinte. Mitleid empfand sie für beide. Was würde nun aus dem kleinen Mädchen werden, das im Stall eines Hurenhauses das Licht der Welt erblickt hatte? Sofern man die trübe Tranfunzel überhaupt als Licht bezeichnen konnte.

Rachel suchte ein paar Tücher aus ihrer Tasche zusammen und säuberte das Kind notdürftig. Dann wand sie den trockensten ihrer Schals um den winzigen Körper.

»Wer von euch wird sich des Kindes annehmen?«, fragte sie Anna und Lene, die fassungslos auf die Leiche ihrer Freundin blickten. Lene hatte sich bei Beatrix’ Tod immerhin bekreuzigt. Anna hingegen schien sich eher um die Folgen ihres Tuns zu sorgen. Der Hurenwirt würde nach Mitwisserinnen suchen, wenn er am Morgen die Tote fand.

»Von uns?«, fragte sie dann entsetzt. »Ihr glaubt doch nicht etwa, wir könnten hier ein Kind aufziehen? Meiner Treu, dann hätt ich auch meine eigenen drei Bälger zur Welt bringen können, aber ich war nicht so dumm wie die da! Es wäre noch Zeit gewesen, meinte der Engelmacher. Aber nein, sie wollt’s ja haben. In Teufels Namen. Das hat sie nun davon. Und das Mädchen …«

»Können wir’s nicht ersäufen?«, schlug Lene vor. »Wie die kleinen Katzen? Mein Alter hat immer gesagt, die merken da nichts von. Und wenn wir’s vorher taufen, kommt’s geradewegs in den Himmel.«

»Und du endest in der Hölle, weil du einen Christenmenschen vom Leben zum Tode gebracht hast!« Anna verdrehte die Augen vor so viel Dummheit. »Wir setzen es aus. Am Dom, da kommt vor morgen früh keiner hin. Dann ist es auch tot.«

»Die Jüdin könnt’s ertränken«, bemerkte Lene. »Bei der kommt’s nicht drauf an. Vor dem Dom aussetzen ist grausam. Da erfriert’s doch!«

Rachel wiegte das winzige Neugeborene, das jetzt traurig vor sich hin wimmerte, als verstünde es die Worte der Dirnen. Es brauchte Wärme und Milch – und die einzigen Menschen, denen seine Mutter sich hatte anvertrauen können, dachten nur darüber nach, wie man es ohne größere Auswirkung auf ihr eigenes Seelenheil möglichst schnell loswurde.

»Ich hab’s nicht zur Welt gebracht, um es zu ertränken!«, herrschte Rachel die Mädchen an. »Die Mutter sagte, es sei kein Hurenkind. Was kann sie damit gemeint haben? Gibt es irgendwelche Verwandten?«

Anna zuckte die Schultern. »Sie sagte, sie wär verheiratet gewesen mit ihrem Stecher. Geglaubt haben wir’s nicht. Aber dem Hurenwirt verdingt hat sie sich erst, als der Kerl am Galgen baumelte. Noch ehe er kalt war, sonst hätt sie raus gemusst aus der Stube bei der Schenke. Konnt ja die Miete nicht mehr zahlen, und da kennt er keine Gnade, unser Herr Heinrich. Jedenfalls war sie dann allein mit ihrem Balg im Bauch …« Sie zeigte auf das Mädchen in Rachels Armen.

Rachel seufzte. Wie es aussah, blieb die Sache an ihr hängen. Wenn sie Anna und Lene das Kind überließ, würde es die Nacht nicht überleben.

Lene beugte sich jetzt immerhin über das Neugeborene und schaute in sein zartes Gesichtchen.

»Ein Jammer«, murmelte sie. »Aber Ihr müsst es einsehen! Wenn wir’s behalten, fliegen wir raus … der Herr Heinrich setzt uns schon vor die Tür, wenn er nur mitkriegt, dass wir Bea versteckt haben. Und dann stehen wir mit dem Balg auf der Straße. Da ist keinem mit geholfen. Und davon kriegt’s auch keine Milch.«

Letzteres war nicht von der Hand zu weisen. Diese Mädchen waren nicht böse. Grausam war nur das Leben, das sie führten. Rachel urteilte jetzt ein wenig milder über sie, nur half das auch nicht weiter.

»Also schön, ich nehm’s mit«, fügte sie sich schließlich in ihr Schicksal. »Vielleicht werde ich’s in einem Kloster los.«

Sehr viel Hoffnung machte sie sich allerdings nicht. Die Nonnen hätten ihr die Geschichte erst einmal glauben müssen. Eine jüdische Hebamme, die nachts in einem dunklen Stall ein christliches Kind entband – wer konnte sagen, welche Folgen das für sie selbst haben mochte? Rachel stand nur Jüdinnen bei; die Christen hatten ihre eigenen Geburtshelferinnen, und die verteidigten ihre Pfründe. Natürlich hätte sich keine von ihnen dazu herabgelassen, einer kreißenden Dirne zu helfen, egal ob Christin oder nicht. Aber wenn Rachel sich hier einmischte und obendrein eine tote Mutter zurückließ … Sie hatte keine Lust, dieses Abenteuer womöglich auf einem Scheiterhaufen zu beschließen!

Anna und Lene wirkten deutlich erleichtert, als Rachel schließlich mit dem Neugeborenen abzog. Es regnete immer noch, und Rachel musste das Kind unter all ihren Tüchern und Umhängen verstecken, damit es nicht nass wurde und womöglich doch noch erfror.

Aus den Wohnvierteln der Christen erscholl jetzt der Ruf des Nachtwächters. Die elfte Stunde hatte geschlagen. Rachel überkam ein Anflug von Schuldgefühl: Über Beatrix’ Entbindung hatte sie Sarah von Speyer fast vergessen! Die Wöchnerin und ihr Gemahl würden bereits ungeduldig warten. Hoffentlich war es nicht wieder eine so schwere Geburt wie damals bei David! Und dem Ewigen sei Dank, dass Sarah immerhin Al Shifa an ihrer Seite hatte.

2

Rachel kam jetzt schnell vorwärts und erreichte bald das wuchtige steinerne Stadthaus in der Schulstraße, das Benjamin von Speyer mit seiner Familie bewohnte.

Der Hausherr selbst öffnete so schnell auf ihr Klopfen, als hätte er hinter der Tür auf sie gewartet. Zweifellos stand ihm Davids knappes Überleben noch zu deutlich vor Augen, als dass er der Sache gelassen gegenübertreten konnte. Vielleicht hatte er sich in dem kleinen Kontor im Vorderhaus mit Arbeit abgelenkt.

»Da seid Ihr ja endlich, Frau Rachel!«, bemerkte er erleichtert. Benjamin von Speyer war ein hochgewachsener Mann in mittleren Jahren, der erst spät eine Familie gegründet hatte. Als Fernhandelskaufmann hatten seine Reisen ihn um die halbe Welt geführt. Seiner jungen Frau war er nun aber herzlich zugetan, wie Rachel schon bei früheren Besuchen bemerkt hatte. Seine beiden Söhne, Esra und David, vergötterte er. »Wo habt Ihr denn bloß gesteckt? Ich habe schon vor Stunden nach Euch schicken lassen!«

Von Speyer ließ Rachel ein, und das zittrige Küchenmädchen von vorhin machte Anstalten, ihr die Umhänge und Schals abzunehmen.

»Ich wurde aufgehalten, Reb Speyer.« Rachel wählte eine ehrfurchtsvolle Anrede. »Wobei mir dies hier in die Hände fiel.«

Sie wickelte das Neugeborene aus dem Schal und hielt es dem Hausherrn entgegen. Die Kleine wimmerte, als sie sich dem Schutz und der Wärme der Wolle beraubt fühlte. »Würdet Ihr wohl veranlassen, dass man dem armen Wurm etwas Milch gibt und ihn wärmt und wickelt?«

Benjamin von Speyer musterte das Kind mit einem Blick, der zwischen Verwunderung und Abscheu schwankte. »Das ist ein Neugeborenes! Habt Ihr es … gefunden, Frau Rachel?«

Rachel vernahm die vorwurfsvolle, unausgesprochene Frage »Und dafür habt Ihr uns warten lassen?« hinter seinen höflichen Worten.

»In gewisser Weise, ja«, sagte sie ungeduldig. »Kann es mir nun einer abnehmen, sodass ich Eurer Frau zu Hilfe eilen kann?«

»Aber es ist ein Christenkind, nicht wahr? Oder glaubt Ihr …?«

Benjamin von Speyer gehörte zu den Vorstehern der Jüdischen Gemeinde. In Gedanken ließ er alle heiratsfähigen Mädchen vor dem inneren Auge vorüberziehen. Nein, von denen konnte keine schwanger gewesen sein.

»Es ist ein Christenkind, aber kein Hurenkind, wie man mir sagte«, bemerkte Rachel. »Vor allem ist es ein Kind und hat Hunger. Ein Mädchen übrigens. Hier, nimm es, aber lass es nicht fallen!« Sie drückte der kleinen Küchenmagd das Bündel in die Hand und steuerte dann energisch die Wochenstube an.

»Ich werde es nehmen«, sagte eine dunkle Stimme mit seltsam singendem Akzent. Al Shifa, die Maurin, hatte das Lager ihrer Herrin verlassen. Dabei konnte sie die Stimmen Rachels und Benjamins im oberen Stockwerk kaum gehört haben. Aber vielleicht war Sarah auch nur ungeduldig geworden und hatte nach ihrem Gatten verlangt. Das Küchenmädchen betrachtete Al Shifa dennoch mit Argwohn; es schien der Frau aus dem Morgenland magische Fähigkeiten zuzutrauen.

Rachel teilte diesen Glauben nicht, fühlte sich aber dennoch seltsam berührt von Al Shifas Anblick. Von der Maurin ging eine Würde aus, die keiner anderen Frau gleichkam, mit der die alte Hebamme je zu tun gehabt hatte. Die Sklavin bewegte sich mit tänzerischer Anmut, und jede ihrer Gesten schien eine seltsame Geschichte zu erzählen. Man konnte den Blick kaum von ihr wenden; sie beherrschte unweigerlich den Raum. Al Shifa war nicht mehr jung, musste aber eine außergewöhnliche Schönheit gewesen sein. Ihre Haut war dunkler als die der meisten Jüdinnen, aber nicht schwarz oder olivfarben, sondern eher, als habe man Sahne mit dunkler Erde vermischt. Al Shifas Züge waren edel, die Wangenknochen hoch, die Lippen fein und klar geschnitten. Ihre Augen leuchteten in hellem Braun, fast golden, eine seltsame, betörende Farbe, und ihr Haar musste tiefschwarz gewesen sein, ehe sich erste graue Fäden darin gezeigt hatten. Als artige Dienerin trug sie ihre Haarpracht aufgesteckt unter einer Haube, doch die Flechten waren so üppig, dass es kaum möglich war, sie gänzlich zu verbergen. Hätte Al Shifa sie offen gelassen, hätte das Haar ihren Körper wie ein Mantel umweht. Was nun diesen Körper anging, gab die Maurin sich alle Mühe, ihn unter der schlichten Kleidung einer Magd zu verstecken, doch war nicht zu übersehen, dass Al Shifas Körper vollkommen war. Rachel fragte sich, ob Sarah nicht manchmal um die Treue ihres Gatten fürchtete. Doch Benjamin von Speyer hatte wohl keine Augen für Al Shifas Reize, und die Maurin selbst ermutigte keinen Mann. Zumindest wurde nicht über sie getratscht, was das betraf.

Jetzt näherte sie sich der Hebamme und verbeugte sich.

»Ihr seid nicht zu spät, das Kind liegt richtig, und es ist nicht groß. Die Herrin leidet nicht schlimmer, als Gott es jeder Frau auferlegt, doch eine oder zwei Stunden wird es wohl noch dauern. Die Pforte öffnet sich langsam. Wenn Ihr gestattet, werde ich mich um Euer Findelkind kümmern, während Ihr nach der Herrin seht. Ruft mich, falls Ihr mich braucht.«

Al Shifa wartete nicht ab, ob Rachel irgendetwas gestattete. Sie nahm dem Küchenmädchen ganz selbstverständlich das Kind aus dem Arm und legte sein Gesichtchen frei – und dann sah Rachel die Maurin zum ersten Mal lächeln. Ihre langen, schlanken Finger streichelten die zarten Züge des kleinen Mädchens.

»Das Licht der Sonne hat dich geküsst«, sagte sie selbstvergessen und strich über den goldenen Flaum auf dem Köpfchen der Kleinen. »Mögen alle Küsse, die du je empfangen wirst, so warm und süß sein!«

Rachel ließ Al Shifa mit dem Kind allein. Sie hatte jetzt anderes zu tun, und bei der Maurin war das Mädchen offensichtlich in guten Händen.

Sarah von Speyer erwartete sie ungehalten. Die junge Frau war schön und verwöhnt. Sie schien die Schmerzen einer Geburt als persönliche Beleidigung zu betrachten und ließ ihren Zorn an jedem aus, der ihr am Wochenbett beistand. Rachel ließ ihre Vorwürfe für ihr Ausbleiben geduldig über sich ergehen, während sie die Gebärende untersuchte. Al Shifa hatte recht gehabt. Alles ging gut, nur ein wenig langsam. Rachel gab dem Küchenmädchen ein paar Kräuter, um einen Tee aufzubrühen. Vielleicht ließ die Sache sich ja etwas beschleunigen. Vor allem musste Sarah wissen, dass man sich um sie kümmerte. Rachel bemühte sich, sie bequemer zu betten, und unterhielt sie mit der Nachricht von der Geburt des kleinen Ezekiel ben Salomon von Metz, dem sie vorhin auf die Welt geholfen hatte.

»Ach, das freut mich für die Metzens, dass es ein Junge ist!« Sarah war gleich besserer Laune, war sie doch mit Ruth von Metz eng befreundet. »Ich dagegen würde mich nicht ärgern, wenn es diesmal eine Tochter würde. Ich glaube, Benjamin auch nicht, obwohl er natürlich sagt, ein Mann könne nicht genug Söhne haben. Und wenn nun Ruths Ezekiel und mein Mädchen am gleichen Tag geboren werden … Vielleicht ist das ja ein Zeichen! Wir mögen sie miteinander verheiraten, wenn sie erwachsen sind!«

Rachel hielt die Bemerkung zurück, dass man das Kind doch besser erst mal zur Welt brächte, bevor man es verkuppelte. Auch ließ sie die Uhrzeit unerwähnt. Es hatte noch nicht zwölf geschlagen, doch bevor das Kind zur Welt käme, würde der Tag auf jeden Fall zu Ende gehen. Dabei schien Sarahs Kind es jetzt ein wenig eiliger zu haben. Die Geburt ging schneller voran, als Rachel und Al Shifa angenommen hatten. Die Anwesenheit der Hebamme hatte Sarah wohl mit neuem Mut erfüllt. Dennoch war Zeit zwischen den Wehen, und Rachel nutzte sie, um Sarah Speyer eine verkürzte Version ihres Abenteuers im Stall des »Güldenen Rads« zu erzählen. In aller Vorsicht natürlich; die junge Frau durfte auf keinen Fall denken, Rachel habe sie zu Gunsten einer christlichen Hure vernachlässigt. Aber Sarah war jetzt gut aufgelegt.

»Und Ihr habt das Kind mitgebracht?«, fragte sie beinahe belustigt. »Ein Hurenkind? Was wollt Ihr damit anfangen?«

Rachel zuckte die Achseln. »Eurer Al Shifa scheint es zu gefallen. Ich hab sie nie so glücklich gesehen wie in dem Moment, als sie es an die Brust nahm. Vielleicht erlaubt Ihr ja, dass sie es behält …?«

Rachel glaubte nicht wirklich daran und versuchte deshalb, die Frage ein wenig scherzhaft klingen zu lassen, doch sie konnte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht gänzlich verbergen.

»Sie hat wohl selbst Kinder gehabt«, meinte Sarah und bäumte sich gleich darauf unter der nächsten Wehe auf. Rachel stützte und beruhigte sie, wies sie an, richtig zu atmen und gab ihr Tee zu trinken, als sie wieder zur Ruhe kam. Erst dann griff sie das Thema erneut auf.

»War sie denn verheiratet, dort im Morgenland, wo sie herkommt?« Rachel war neugierig.

Sarah schüttelte den Kopf. »Sie kommt nicht aus dem Morgenland, sondern aus den iberischen Landen. Al Andalus, wie sie es nennt. Es liegt tief im Süden, aber man muss kein Meer überqueren, um dorthinzukommen. Ich glaube allerdings nicht, dass sie dort Kinder hatte; das muss schon im christlichen Spanien gewesen sein. Sonst wären die Bälger wohl nicht im Kloster gelandet, und da sind sie angeblich. Ihr früherer Herr hat sie fortgegeben … oh, es geht wieder los! Der Schmerz! So tut doch etwas, Frau Rachel!«

Rachel konnte nicht viel tun, doch es war sicher nicht ratsam, jetzt weiter über irgendetwas anderes zu reden als über Sarahs Niederkunft. Sie bemühte sich also, die junge Frau zu beruhigen und zu trösten. Und schließlich hielt sie wortlos durch, als Sarah ihre Hände in der letzten Phase der Geburt schmerzhaft drückte und zerkratzte. Die junge Mutter schrie dabei zum Steinerweichen; dann aber schob sich das Kind endlich ins Freie. Zum zweiten Mal in dieser Nacht nahm Rachel ein blondes kleines Mädchen in Empfang. Sarah vergaß ihre Schmerzen sofort und strahlte übers ganze Gesicht.

»Sie soll Lea heißen!«, bestimmte sie und versuchte, sich aufzurichten. »Nach Benjamins Mutter. Was macht Ihr denn so lange, Frau Rachel? Lasst sie mich halten, ich will sie sehen!«

Rachel ließ sich nicht hetzen. In aller Ruhe goss sie kaltes Wasser aus einem Holzbottich und warmes aus einem Tonkrug in eine bereitstehende Mulde, badete das Kind und wickelte es in saubere Tücher. Erst dann bettete sie es in die Arme seiner Mutter. Die kleine Lea sah ihrem Findelkind ähnlich. Aber was für ein unterschiedliches Leben die beiden Mädchen erwartete! Lea würde wie eine Prinzessin aufwachsen. Das andere kleine Mädchen hatte nicht einmal einen Namen …

Benjamin von Speyer drängte jetzt in die Wochenstube, und auch David und Esra durften hereinkommen und ihre Schwester willkommen heißen. Die Jungen konnten nicht viel mit dem Neugeborenen anfangen, zeigten sich jedoch erleichtert, dass ihre Mutter wohlauf war. Sie hatten die letzten Stunden in der Küche bei der lamentierenden und ängstlich betenden Köchin verbracht, die ihre Herrin schon tot wähnte. Auch fehlte der Reiz des Neuen, was das Kind anging, denn Al Shifa hatte die Jungen bereits das Findelkind bewundern lassen.

»Haben wir jetzt zwei Schwestern?«, fragte der kleine David. »Dann müssen wir aufpassen, dass wir sie nicht verwechseln. Die andere sieht genau so aus.«

Sarah runzelte die Stirn. »Natürlich ist nur Lea deine Schwester, David! Und sie ist unverwechselbar. Auf was für Ideen du kommst!« Sie lachte ein wenig unsicher. »Aber nun müsst Ihr mir Euer Hurenkind doch zeigen, Frau Rachel. Schon, damit ich nicht denken muss, es sei womöglich hübscher als das meine!«

Rachel versicherte ihr, niemals ein schöneres Kind gesehen zu haben als die kleine Lea, und Benjamin beeilte sich, ihr beizupflichten. David jedoch nutzte die Gelegenheit, zurück in die Küche zu hüpfen und Al Shifa zu rufen.

»Mutter will das Huhnkind sehen. Warum nennt sie es Huhnkind, Al Shifa?«

Das christliche Küchenmädchen bekreuzigte sich. Die jüdische Köchin warf ihm einen misstrauischen Blick zu.

Al Shifa runzelte die Stirn. »Es heißt nicht Huhnkind, David. Und das andere Wort wollen wir nicht sagen. Das Kind ist ein Geschenk Allahs, egal wer es gezeugt hat.«

Bei der Erwähnung Allahs bekreuzigte das Mädchen sich ein weiteres Mal.

Al Shifa stand auf und machte Anstalten, sich weisungsgemäß mit dem Kind in die Wochenstube zu begeben. Das kleine Mädchen schlief süß an ihrer Schulter. Es war satt und sauber: Al Shifa hatte die Zeit genutzt, es zu baden und mit verdünnter Milch zu füttern.

»Aber Mutter hat es so genannt …«

»Deine Mutter hat nur Spaß gemacht«, behauptete Al Shifa. »Sie hat Frau Rachel bloß necken wollen.«

Mit dem Kind an der Brust verneigte sie sich tief, als sie an Sarahs Bett trat. Rachel fiel ein, dass sie Al Shifa niemals hatte knicksen sehen. Und ihre Verbeugung drückte eher Würde aus als Unterwürfigkeit.

Sarah warf kritische Blicke auf das fremde Neugeborene, denn Al Shifa hatte es in ihre Windeln gewickelt. Doch Sarah war an diesem Tag so glücklich, dass sie keine Bemerkungen darüber machte.

»Es ist in der Tat ebenfalls blond, und auch recht niedlich«, meinte sie huldvoll. »Man könnte es wirklich behalten – als Spielgefährtin für Lea. Was meinst du, Benjamin? Würde der Ewige das als Geste des Dankes annehmen? Für Lea und unsere wundervollen Söhne? Für Davids Überleben nach der schweren Geburt?«

In Rachel keimte Hoffnung auf. Al Shifa schaute mit zunächst leerem, dann jedoch lauerndem Blick von einem zum anderen. Schließlich fixierte sie ihren Herrn. Davids Überleben dankte er nicht seinem Gott, sondern ihr, Al Shifa! Und sie wollte dieses Kind!

Benjamin von Speyer fing ihren Blick auf und verstand die Botschaft. Dennoch zuckte er die Schultern.

»Der Ewige würde es zweifellos als Geste der Güte und Freundlichkeit anerkennen. Aber wie stellst du dir das vor, Sarah? Du kannst kein Christenbalg an Kindes statt annehmen. Und du auch nicht, Al Shifa, frag gar nicht erst! Habt Ihr das Kind überhaupt schon getauft, Frau Rachel? Wenn nicht, so wird es Zeit. Ihr könntet sonst in größte Schwierigkeiten kommen!«

»Ach, niemand wird den armen Wurm anmahnen«, meinte Rachel wegwerfend. »Ob der getauft ist oder nicht, wen kümmert’s? Hätte ich das Kind nicht mitgenommen, hätten seine feinen Gevatterinnen es wie eine Katze ersäuft!«

»Niemand wird das Kind anmahnen, solange keiner es sieht«, bemerkte von Speyer und warf einen prüfenden Blick in das Gesichtchen des Kindes. »Aber sobald es irgendwo auftaucht, wird man Fragen stellen. Und dann kommt schnell heraus, dass keine Jüdin es geboren hat. Und keine Muselmanin!« Er wandte sich an Al Shifa. Die streichelte das Kind schicksalsergeben. Ihr kurzer, aufbegehrender Blick war erloschen. Al Shifa kannte ihre Möglichkeiten. Für sie und dieses Kind gab es in Mainz keine Zukunft.

»Aber grundsätzlich würdet Ihr es aufziehen, Reb Speyer?« Rachel gab so schnell nicht auf. »Wenn sich vielleicht eine christliche Pflegemutter fände?« Obwohl sie sich an Benjamin als den Hausherrn wandte, blickte sie Sarah an. Die junge Mutter lächelte dem fremden Kind jetzt zu. Al Shifa hatte es geistesgegenwärtig neben sie gelegt, damit sie es genauer anschauen konnte. Und Sarah fand sich plötzlich mit einem Neugeborenen in jedem Arm wieder.

»Grundsätzlich schon …«, meinte von Speyer zögerlich. Auch er sah das Schimmern in Sarahs Augen, doch für ihn bedeutete es weniger Hoffnung als Komplikationen.

»Dann fragen wir jetzt euer Küchenmädel!«, erklärte Rachel entschlossen. »Die ist doch Christin, oder? Jedenfalls bekreuzigt sie sich alle naslang, auch wenn sie sonst nichts zustande bringt. Wo habt ihr sie überhaupt her? Sie scheint mir nicht sehr aufgeweckt.«

Benjamin lächelte. »Da war Sarah auch wieder zu weichherzig. Die Mutter kam an unsere Schwelle, um das Mädchen in Lohn zu geben. Sie ist nicht die Klügste, aber das zweitälteste von zehn Kindern, und sie brauchte eine Stelle. Und um Wasser zu tragen und am Sabbat die Lichter anzustecken, braucht’s nicht viel Verstand …« In fast jedem jüdischen Haus gab es einen oder mehrere christliche Diener. Sie nahmen den Herrschaften am Samstag Verrichtungen ab, die ihnen als gläubigen Juden untersagt waren.

Rachel nickte. »Bei zehn Kindern fällt eins mehr oder weniger kaum auf«, erklärte sie mit einem Blick auf ihr Findelkind. »Die Mutter wird’s gern für ein paar Pfennige in Kost nehmen. Und wenn die Kleine zur Arbeit kommt, kann sie’s mitbringen. Das Mädel wohnt doch zu Hause, oder?«

Sarah nickte. »Selbstverständlich. Das Grietgen geht jeden Abend heim. Ihr wisst doch …«

Juden war es verboten, christliche Diener unter ihrem Dach zu beherbergen.

Rachel strahlte. »Na also! Wo zehn unterkommen, da kommen auch elf unter! Und keiner wird fragen, woher sie das neue Balg haben, da zählt doch gar niemand mehr mit. Wie ist es, Reb Benjamin? Wollt Ihr mit dem Mädchen reden?«

Al Shifa griff fast ungläubig nach dem Kind, von dem sie sich vorhin wohl schon verabschiedet hatte. Benjamin von Speyer sah den Ausdruck in ihren Augen. Er schuldete ihr etwas. Ohne ihr Eingreifen hätte sein Sohn damals nicht überlebt.

Schließlich nickte er.

»Dann denkt euch einen Namen aus«, meinte er, während er aufstand, um das Küchenmädchen aufzusuchen, das wahrscheinlich schon süß neben dem Ofen schlief. Die Speyers mussten es jeden Abend fast mit Gewalt nach Hause schicken. Ob es wirklich eine so gute Tat war, nun auch noch das Findelkind in diese Familie zu stecken? Viel Wärme und Geborgenheit gab es in Grietgens Heim ganz sicher nicht.

Grietgen verstand nicht recht, worum es ging; sie war wirklich nicht die Klügste. Von Speyer musste schließlich mit ihr nach Hause gehen und mit ihrer Mutter sprechen. Voller Abscheu tastete er sich durch die verschmutzten Straßen am Rand des Viertels »Unter den Juden«. Raffgierige Vermieter hatten hier die Gänge zwischen den Häusern, die ursprünglich dem Brandschutz dienten, mit Holz überbaut. So entstanden primitive Unterschlüpfe, »Buden« genannt, in denen arme Familien ein Dach über dem Kopf fanden. Sollte es wirklich mal brennen, raffte es diese Bauten natürlich als Erstes dahin. Zum Schutz der angrenzenden Steinhäuser hatte man Brandmauern errichtet. Von Speyer zog den Kopf ein, als Grietgen klopfte. Die Dachkallen waren nicht dicht, und der Regen ergoss sich aus den rissigen Rinnen auf seinen Kopf.

Grietgen schien die Nässe kaum zu bemerken. Sie huschte rasch ins Innere der Bude und überließ von Speyer die Verhandlungen mit ihrer Mutter. Rike Küferin erwies sich dabei als zäh und gerissen. Binnen kürzester Zeit handelte sie einen geradezu fürstlichen Pensionspreis für das kleine Mädchen aus.

»Ihr müsst das verstehen, Herr, es geht auch um die Ehre«, erklärte sie treuherzig. »Die Leute werden alle denken, das Balg sei von meinem Grietgen. Dabei ist das Mädel unschuldig wie das Lamm Gottes, Herr! Und wer weiß, vielleicht find sich gar ein Ehemann. Aber wenn da erst ein Balg ist …«

»Ihr könntet es als das Eure ausgeben«, meinte Speyer und bemühte sich um Geduld. Rikes Kindern war deutlich anzusehen, dass mehr als ein Mann an der Zeugung dieser Horde beteiligt gewesen war.

»Und dann lass ich’s mit dem Grietgen rumziehen? Nein, nein. Wenn’s das meine sein soll, dann legt Ihr noch drei Kupferpfennig im Monat drauf, dafür behelligt’s Euch auch nicht mehr!«

Benjamin warf einen Blick auf die unordentliche Wohnung, den schmutzigen Lehmboden und die verdreckten, kalten Schlafstätten der Kinder, die man vor dem Schlafengehen sicher nicht gewaschen hatte. Tagsüber sah er sie mitunter auf der Straße, gelangweilt und verwahrlost. So hatte er sich das Leben von Rachels kleinem Findling nicht vorgestellt.

»Ich leg drei Kupferpfennig drauf, aber Ihr gebt es Grietgen jeden Tag mit, und Ihr legt es abends in ein sauberes Bett. Das Grietgen lernt, wie man ein Haus sauber hält und ein Bett bezieht. Es wird wissen, was ich will. Und bringt mir das Kind auch nur eine Laus oder einen Floh ins Haus, zieh ich Euch die Pfennige wieder ab! Können wir uns so einigen?« Benjamin zückte seine Börse.

Die Küferin nickte. Aber noch gab sie nicht auf. Wäre ja noch schöner, wenn der reiche Jud das letzte Wort hätte!

»Aber Ihr bringt es mir nicht ins Haus, bevor’s getauft ist, hört Ihr?«, bemerkte sie. »Ein Heidenkind nehm ich nicht, und erst recht kein Judenbalg!«

Benjamin bat seinen Gott um Langmut und nickte. »Es wird christlich getauft, und am Sonntag in der Kirche lasst Ihr es einsegnen«, erklärte er und musste Grietgen anschließend noch einmal wecken. Das Mädchen war auf seinem heimischen Strohsack gleich wieder eingeschlafen und begriff nicht, warum es jetzt noch einmal mit zu den Speyers gehen und das fremde Kind holen sollte.

»Ach, lasst die beiden Bälger heut Nacht bei Euch!«, meinte die Küferin großzügig. Anscheinend hatte sie keine Lust, die Tür nachher noch einmal für Grietgen zu öffnen. Und auf das Geschrei eines Neugeborenen konnte sie auch verzichten. »Die Nachbarn haben ja gesehen, wie das Grietgen heimkam, da wird keiner tratschen.«

Grietgen tappste also brav neben ihrem Herrn her, zurück ins Haus der Speyers. Dort schlief es selig vor dem Ofen in der Küche und hätte seine neue kleine Schwester dabei auch durchaus im Arm gehalten. Die erhielt jedoch erst mal ihren Namen, über den Al Shifa lange nachdachte.

»Es muss ein christlicher Name sein. Aber er soll auch ein bisschen Sonne in sich tragen …«, meinte sie, als Rachel schließlich couragiert Wasser über die Stirn des Neugeborenen rinnen ließ, widerwillig ein Kreuz schlug und die christliche Taufformel sprach. Das Gesetz verpflichtete sie dazu, wenn sie ein christliches Kind auf die Welt holte, das womöglich nicht lange überlebte. Wobei eine Nacht im Haus eines Juden wahrscheinlich als gefährlicher angesehen wurde als eine zu frühe oder schwere Geburt.

»Ich taufe dich auf den Namen …«

»Lucia«, bestimmte die Maurin. »Das Licht.«

3

So begann das Leben der kleinen Lucia in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Wenn Grietgen das Kind im Morgengrauen in die Schulstraße brachte, wartete Al Shifa bereits darauf, es zu baden und frisch zu wickeln. Sie fütterte es mit süßer Milch und später mit Honigbrei, sang ihm vor und bettete es schließlich, sauber in Hemdchen aus edelstem Leinen gekleidet, in die gleiche Wiege wie Lea. Wenn Sarah von Speyer aufstand, fand sie dann meist schon beide Kinder vor und liebkoste und wiegte sie fast gleichermaßen. Ihre »kleinen Prinzessinnen« wurden gehegt und gepflegt, und sobald sie die ersten Worte verstanden, las man ihnen vor und spielte mit ihnen.

Doch nach Sonnenuntergang, wenn Grietgens Dienst endete, wurde Lucia dem Prinzessinnendasein ebenso rasch entrissen, wie man sie morgens hineinbeförderte. Grietgen trug sie wie einen Sandsack, ließ sie gleich nach dem Heimkommen auf ein unordentlich gemachtes Lager sinken und dachte gar nicht daran, ihr bei Nacht die Milch zu geben, die Al Shifa sorglich für sie vorbereitete. Die Leckerei landete stattdessen in den Mägen der jüngeren Küfers, die sich meist so lauthals darum stritten, dass Lucia erwachte und vor Angst und Kälte schrie, bis die Erschöpfung sie übermannte. Die Küferin wertete dies als Erziehungserfolg. Sie hatte alle ihre Kinder schreien lassen, sobald ihre eigene Milch versiegte; und das ging im Allgemeinen rasch, schließlich empfing sie meist wenige Wochen nach der Geburt das nächste Kind.

Am schlimmsten waren die Feiertage, an denen Grietgen nicht zur Arbeit musste. Dann blieb Lucia zwischen den Kindern der Küferin, wurde selten gewickelt und noch seltener gefüttert. Meist erbrach sie das altbackene, in Wasser aufgeweichte Brot sofort, mit dem Grietgen ihr »das Maul stopfte«, wie die Küferin es nannte. Am folgenden Tag kam sie dann schmutzig und mitunter verlaust zurück zu den Speyers. Al Shifa rügte Grietgen scharf für die schlechte Pflege des Kindes, aber das Mädchen hatte längst begriffen, dass ihm die Fürsorge für Lucia eine gewisse Machtposition bot: Wenn die Speyers Grietgen hinauswarfen, verloren sie Lucia. Das Mädchen machte sich insofern wenig aus Al Shifas Vorwürfen und bot mitunter sogar frech Paroli. Schließlich gab die Maurin es auf. Letztendlich war es ja nur eine Frage von wenigen Jahren, bis Lucia selbst laufen und in die Schulstraße flüchten konnte. Und allzu viele freie Tage hatten Dienstmädchen wie Grietgen nicht.

Als Lucia heranwuchs, wurden ihr die Unterschiede zwischen Lea und ihr selbst zunehmend bewusster. Nun gab es jeden Abend Kämpfe und Tränen, da die Kleine nicht mit Grietgen gehen wollte. Auch Lea trennte sich nur schwer von ihrer »Milchschwester« und schrie lauthals mit. Aber ihr stand zumindest nicht das abendliche Martyrium bei den Küfers bevor. Lucia schlief jetzt nicht mehr gleich ein, wenn Grietgen sie nach Hause brachte, sondern wurde ins »Familienleben« einbezogen, das größtenteils daraus bestand, dass die anderen Kinder sie neckten und quälten.

»Was ist ein Hurenkind?«, fragte sie eines Morgens Al Shifa, als sie drei Jahre alt war. Die Maurin ließ die Kinder zu ihren Füßen spielen, während sie Sarahs feine Truhen aus edelsten Hölzern abstaubte und wachste. Lucia und Lea stellten Tonfigürchen zusammen und spielten »Familie«.

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