Die Pfaffenhure - Alice Frontzek - E-Book

Die Pfaffenhure E-Book

Alice Frontzek

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Beschreibung

»Nichts als ein Bier- und Hurhaus« - mit diesen Worten äußerte sich Martin Luther einst über seinen Studienort Erfurt. Im zarten Alter von 17 Jahren nahm er das Studium der Sieben Freien Künste auf, bevor er mit 21 in das Erfurter Augustinerkloster eintrat und an die Theologische Fakultät wechselte. Doch zunächst lernte der junge Martin das Leben und die Versuchungen einer Großstadt, des Studentenlebens - und die hübsche Anna, kennen. Die Verbindung mit der Tochter einer Pfaffenhure blieb nicht folgenlos und stürzte den strebsamen Martin in eine tiefe Gewissenskrise …

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Alice Frontzek

Die Pfaffenhure

Ein Roman um Martin Luther

Zum Buch

Erfurt 1501 Martin Luther, der spätere deutsche Reformator, zieht im Alter von 17 Jahren aus seiner beschaulichen Heimat nach Erfurt, um sich dort als „Martinus Ludher ex Mansfeld“ in die Matrikel der Universität einzuschreiben. Schnell erliegt er den Versuchungen, die die Großstadt für ihre jungen Bewohner bereithält. Trinkgelage und Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht – das „leichte Leben“ erscheint Martin zunächst wie ein Befreiungsschlag von der harten Erziehung, die er vor allem durch seinen streng gläubigen Vater erfahren hat. Doch als er die schöne Anna – die Tochter einer Pfaffenhure – kennenlernt und die Verbindung mit ihr nicht folgenlos bleibt, brechen sich die alten Muster von Schuld und Sühne wieder Bahn. Die Suche nach dem richtigen Ausweg stellt Martins Gewissen auf eine harte Probe und bringt ihn in einen moralischen Zwiespalt …

Alice Frontzek, 1966 in Berlin geboren, ist bei Hildesheim aufgewachsen und hat in Erlangen studiert. 1993 zog sie mit ihrem Mann von Nürnberg nach Erfurt. Mit der Familiengründung entschloss sie sich zur Freiberuflichkeit, um ihren vier Kindern gerecht zu werden. So arbeitet sie als Übersetzerin, Stadtführerin sowie Dozentin für Englisch und Deutsch in der Erwachsenenbildung. 2010 begann sie mit verschriftlichten Stadtrundgängen und Thüringenbeiträgen in Zeitschriften ihre Autorenlaufbahn. Mittlerweile ist sie in Thüringen verwurzelt und widmet sich der Regionalliteratur.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Susanne Tachlinski

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lucas_Cranach_d.Ä._-_Porträt_einer_Frau.jpg

und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_Martin_Luther_as_an_Augustinian_Monk.jpg und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vermeersch_IA_Dom_Erfurt.JPG

ISBN 978-3-8392-6906-0

Kapitel 1

1501

Hans Ludher hatte beschlossen, mit seinem ältesten Sohn Martin über Eisenach nach Erfurt zur Intitulation zu reisen. Er war stolz auf ihn. Martin hatte nicht nur in der Lateinschule im heimischen Mansfeld und in der Domschule in Magdeburg gute Leistungen erbracht. Nein, er hatte diese sogar noch übertroffen und sich in den letzten vier Jahren an der Pfarrschule St. Georg in Eisenach zu einem wohlerzogenen und gebildeten jungen Mann entwickelt. In der Grammatik und in lateinischen Versen war er seinen Gesellen weit überlegen. Natürlich war das zu einem großen Teil auch der wohlhabenden Bürgersfrau Ursula Cotta zu verdanken, die seinen Knaben, wie sie einmal schrieb, um seines hellen Singens und seiner aufrichtigen Andacht willen lieb gewonnen hatte und ihn unter Zustimmung ihres Eheherrn an ihren Tisch nahm. Ihr wollte Hans noch einmal persönlich danken.

Anfang April hatte Martin in Eisenach die Schule beendet, war nach Hause gekommen und sie hatten kaum eine Woche Zeit gehabt, sich um seinen Umzug nach Erfurt zu kümmern. Die Erfurter Universität war die größte, beste und vor allem nächste. Darüber hinaus neben der Kölner die einzige, an der nicht nur Kirchenrecht, sondern auch bürgerliches Recht gelehrt wurde – man sprach vom »Bologna des Nordens«. Martin würde ein hervorragender Jurist werden, Berater hoher Herren, vielleicht sogar der Rechtsbeistand eines Fürsten oder Herzogs. Wer konnte es schon voraussagen! Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, Gott allein lenkt seinen Schritt!

Hans goss sich zufrieden etwas von der heißen Milch auf dem Herd in seinen Becher, schnitt eine Scheibe Brot vom Laib und setzte sich damit an den großen Holztisch neben dem Ofen. Es war still im Haus. Seine Frau Margarethe, die nur »Grete« gerufen wurde, war draußen bei den Hühnern. Martin schlief noch. Ja, er sollte sich nur ruhig ausschlafen. Er hatte es sich verdient. Ein wohlhabender Rechtsgelehrter würde er werden, in eine reiche Familie einheiraten. Hier hatte Hans schon genaue Vorstellungen, wie sich das Haus des Ratsherrn von Eisleben und das seine verbinden würden. Martin würde es einmal leichter haben als sein Vater. In Eisenach hatte er höfliche Sitten gelernt. Hans hatte ihn wohlwollend beobachtet und musste sich eingestehen, dass er zu tun hatte, einen ebenso feinen Eindruck zu machen wie sein Sohn. Wir Bergbauern, dachte er, ein bräunlich Volk, die wir weder Wind noch Sonnenbrand scheuen und einen großen Teil unserer Zeit im dunklen Schacht tief unter der Erde zubringen. Er seufzte, nahm einen großen Schluck, schaute in den Sonnenstrahl, der durch das kleine Fenster fiel, und sein Gesicht nahm einen zuversichtlichen Ausdruck an. Dank seines Onkels ging es ihm jetzt recht gut. Der hatte eine eigene Hütte im Kupferbergbau, der er als Vorarbeiter vorstand. Die harte Arbeit machten nun andere. Er führte die Aufsicht, eignete sich kaufmännische Kenntnisse an, verwaltete die Bücher und war bei Vertragsverhandlungen dabei. Oft hatten sie schon im Wirtshaus zusammengesessen und geplant, wie er bald seine eigene Hütte haben würde. Ja, er wurde langsam in die bessere Gesellschaft eingeführt. Mittlerweile konnte er es sich leisten, seinen Sohn auf die Universität zu schicken. Wenigstens den ältesten.

Die schwere Holztür, die zum Hof ging, öffnete sich knarrend, und Grete, mit Holz auf dem Rücken und einem Korb Eier in der Hand, schob sie mit der Schulter weiter auf. Hans erhob sich von seinem Stuhl, hielt ihr die Tür und nahm ihr die Trage vom Rücken. »Du sollst mir doch Bescheid sagen, wenn wir Holz brauchen.«

»Ich habe es mein ganzes Leben selbst gesammelt. Es geht schon. Außerdem ist es nicht viel. Es wird heute warm. Ich brauche nur ein wenig zum Kochen. Wie wäre es mit ein paar Eiern? Komm, deck den Tisch! Ich höre schon die Kinder. Ich mache Rührei mit Kräutern, dazu Brot mit Butter. Schenk doch schon mal sechs Becher von der Ziegenmilch ein und gib in jeden einen kleinen Klecks Honig!« Sie lächelte ihn freundlich an und machte sich am Herd zu schaffen.

Wie immer trug sie ihr weißes Kopftuch streng bis in die Stirn gezogen. Kein Haar schaute hervor. Nur Hans wusste, dass sie wunderschönes langes, mittlerweile grau-blondes Haar hatte, das sie sich jeden Morgen zu einem Knoten band. Die Enden des weißen Kopftuchschals hingen rechts und links über ihre Brust. Die Furchen um ihre Lippen waren tiefer geworden. Sie hatten nicht wenig Sorgen gehabt, und wenn seine Grete etwas besonders beschäftigte, pflegte sie die Lippen zusammenzupressen und die Stirn in Falten zu legen. Bald würde er sich für sie eine Haushaltshilfe leisten können.

»Hey, schubs mich nicht!« Die zwei Mädchen hüpften die Holztreppe hinunter, gefolgt von den beiden Brüdern, die noch etwas verschlafen die Stufen hinunterschlichen. Alle hatten sie noch Schulferien und deshalb länger liegen bleiben dürfen.

»Morgen!«, sagte einer nach dem anderen und setzte sich auf die lange Bank an den Tisch. »Flegelt euch nicht hin! Sitzt aufrecht! Und es heißt ›Guten Morgen‹! Sind eure Hände sauber?« Hans war entschlossen, aus allen Kindern wenigstens Menschen mit gutem Benehmen zu machen. Er hatte in den letzten Jahren gelernt, wie alleine die Wortwahl und das Verhalten darüber entschieden, ob man in die höhere Gesellschaft aufgenommen wurde oder nicht. Er machte ein strenges Gesicht. Ließe er zu viel des Spaßes zu, verlören sie ihr Pflichtbewusstsein. »Dorothea, geh und hol Martin. Ich möchte, dass wir zusammen frühstücken!«

Dorothea stand wieder auf, lief die Treppe nach oben und pochte an die Tür zu Martins Kammer. »Aufstehen! Es ist spät. Wir sitzen schon alle am Tisch. Die Eier sind fertig!«

»Komme, danke!«, tönte es schwach von innen.

Wenig später saßen sie alle gemeinsam in der Küche, die Hände zum Gebet gefaltet.

»Wir danken dir, Herrgott, himmlischer Vater, dass Du uns Speise und Trank gegeben hast. Lass uns teilhaben am ewigen Gastmahl. Amen.«

Dann aßen sie still. Während des Frühstücks schaute Martin zu seiner Mutter herüber, die seinen Blick mit einem liebevollen Lächeln erwiderte. Wie viel besser es ihr und Vater doch nun geht, dachte er. Sie meinen es herzlich gut mit uns, mit mir. Und er erinnerte sich an die Zeit, in der sie um ihr tägliches Brot ringen mussten und seine Mutter ihn um einer einfachen Nuss willen so ohrfeigte, dass seine Nase blutete. Auch sein Vater hatte ihn einmal so geschlagen, dass er vor ihm davonlief und lange nicht mit ihm sprach, bis er wieder Vertrauen zu ihm gefasst hatte. Aber Martin wusste, dass sein Vater ihn liebte. Als er klein war, hatte er ihn immer den steilen Weg zur Schule hinauf in seinen Armen getragen, bis er ihm irgendwann zu schwer geworden war. Viel Zeit war seitdem vergangen. Die letzten vier Jahre in Eisenach hatten ihn erwachsen gemacht. Davor war er ein Jahr in Magdeburg gewesen. Er schaute zu seinen Geschwistern, die zufrieden schmatzend am Tisch saßen. Ihnen erging es richtig gut, jetzt, da es die Eltern leichter hatten.

Als Hans gegessen und seine Milch ausgetrunken hatte, brach er das Schweigen. »Martin, ich habe eine Antwort von Frau Cotta erhalten. Sie würde sich freuen, wenn wir sie in Eisenach besuchen kämen, bevor du dein Studium in Erfurt aufnimmst. Wir werden einen Umweg machen und ebenfalls bei Mutters Verwandtschaft vorbeischauen. Mutter möchte ihrer Schwester Honig von unseren Bienen zukommen lassen. Wir grämen uns nicht mehr, dass sie dich damals nicht aufnehmen wollten oder konnten – am Ende war es eine Fügung des Schicksals, dass du bei vornehmen Leuten aufwachsen und lernen durftest.« Er blickte nachdenklich zur Seite, lächelte und klopfte dann, sich selbst bestärkend, mit der Hand auf den Tisch. »Ja, eine glückliche Fügung! Grete, ich möchte Frau Cotta auch von deinem Honig, deiner Wurst und deinem Wein mitbringen. Wir brauchen einen Wagen für den Weg. Schließlich müssen wir Martin ein paar Sachen für sein Studium einpacken.«

Jeder, der fertig gegessen hatte, stimmte nun in das Gespräch ein. Wie Eisenach denn wäre, dass man mitfahren wolle, später vielleicht einmal, was Martin denn genau studieren würde. Und er solle noch einmal erzählen, wie er in Eisenach vor den Türen für seinen Unterhalt singen musste.

»Nun, mit mir zogen noch andere Schulgenossen mit guten Stimmen singend von Haus zu Haus. Dafür erhielten wir kleine Gaben, Parteken genannt – oder auch große Scheltworte! Ja, ich war ein richtiger Partekenhengst.« Alle brachen sie in großes Gelächter aus. Es war ein lustiges Geplapper, das sich am Tisch entspann, während Grete Teller, Becher, Pfanne und Topf reinigte. Draußen läutete die Glocke erst viermal, dann neunmal. Volle Stunde, neun Uhr, Zeit zum Fertigmachen für die Morgenandacht. Danach würde langsam alles für die Reise zusammengesucht, in Haus und Hof geholfen und das Gepäck letztmalig überprüft werden. Für übermorgen war die Abreise geplant. Ein Donnerstag. Dann könnten sie bis Samstag in Eisenach sein. Ostersonntag würden sie abends in Erfurt ankommen und am Ostermontag in der Michaeliskirche dem Ostergottesdienst, der gleichzeitig mit der Intitulation gefeiert würde, beiwohnen. Am Dienstag musste Hans wieder zurück nach Mansfeld. Dann hätte Martin noch gut zehn Tage bis zum 23. April, dem Semesteranfang.

Kapitel 2

1501

Nach der Morgenandacht am Donnerstag servierte Grete eine letzte kleine Mahlzeit für die Familie und insbesondere für Martin, damit er und Hans den langen Weg bis zum nächsten Gasthaus durchhielten, ohne hungrig zu werden. Sie hatte einen Gemüseeintopf mit Möhren, Rüben, Kohl und etwas Rindfleisch zubereitet, würzig mit einem großen Stück Markknochen, Salz und etwas Bier. Dazu Brot. Ein großes Bündel Proviant hatte sie ebenfalls geschnürt: einen Laib Brot, ein Stück Schinken, einen Käse, getrocknete Pflaumen, Wein und Bier. Und natürlich die Geschenke für Frau Cotta und ihre Schwester – Honig, Wein und Kupferbecher aus dem Verkauf von Hans’ Hütte. Außerdem Messingbesteck für Martins Studentenleben, weiße Leinenbettwäsche, zwei Leinenhandtücher, Kleidung für kalte Tage und eine Decke. Martin packte sich Schreibzeug in eine flache Holzkiste: eine Schiefertafel, Kreide, zwei Bögen Pergament, Tinte, Feder und das Lateinbuch, das er zum Abschluss in Eisenach bekommen hatte. Wenn etwas fehlte, war es auch nicht so schlimm.

»Du bist ja nicht aus der Welt. Und in den Semesterferien kommst du nach Hause!«, sagte seine Mutter, als sie ihn zum Abschied auf die Stirn küsste.

Er umarmte seine Geschwister, streichelte den Schwestern über den Kopf und setzte sich zu seinem Vater auf den Kutschbock. Hans hatte sich von seinem Onkel einen kleinen Wagen geliehen. Davor hatte er seine zwei Pferde gespannt, die er mit Martin in Eisenach und Erfurt reiten wollte, sobald sie die Kutsche untergestellt hätten.

Der Vater hatte seinen besten Umhang gewählt, seine gute Sonntagshose sowie das weiße, geplättete Leinenhemd, das er nur zu besonderen Anlässen trug. Er wollte den Anschein erwecken, als sei dies seine tägliche Kleidung. Er strengte sich an, sich in seiner ungewöhnlichen Aufmachung wie selbstverständlich zu bewegen, doch der kleinste Grashalm, der winzigste Brotkrümel machten ihn nervös. Grete strich ihm säubernd über sein Hemd und klopfte ihm den Umhang ab. Dazu musste sie sich auf ihre Zehenspitzen stellen. »Gut siehst du aus! Viel Erfolg und gute Reise. Bleibt auf den Geleitstraßen. Gott schütze euch!«, verabschiedete sie sich von Mann und Sohn. Sie reichten sich die Hand. Dann trieb Hans die Pferde an.

Die Luft war noch frisch, der Himmel blau mit ein paar Schönwetterwölkchen, die Vögel zwitscherten, die Bäume trugen ihre ersten Knospen und der Boden war trocken. Es war ein perfekter Tag zum Reisen. Martin und Hans verließen Mansfeld und fuhren hinaus in die offene Landschaft. Auf den Wegen war es noch ruhig. Die meisten Menschen blieben um Karfreitag herum zu Hause. Es wurde kürzer gearbeitet und die Familie konnte sich in Haus und Hof den Ostervorbereitungen widmen, wie Grete, die buk und schmückte, um diesmal ohne Hans mit den Kindern ein schönes Osterfest zu verbringen.

Das Hufgeklapper der Pferde und das gleichmäßige Drehen der Kutschräder auf dem teils steinigen, teils erdigen Untergrund wurden lauter, je stiller es in der Natur wurde. Es entspannte Vater und Sohn nach dem lebhaften Abschied und den aufregenden Vorbesprechungen, sodass sie in angenehmes Schweigen verfielen und jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Die Pferde liefen ruhig, und hin und wieder begegnete ihnen jemand mit einem Fuhrwerk oder einem Handwagen, dem sie zum Gruße die Hand hoben. Das leichte Schaukeln auf dem Kutschbock ließ Martins Augen immer wieder zufallen, bis er beim nächsten Holpern erneut aufschreckte und sich zwang, wach zu bleiben. Schließlich wollte er nicht von der Kutsche fallen.

Mit zwei Zwischenübernachtungen in Sondershausen und Langensalza erreichten sie Eisenach am Samstagmittag. Zunächst bezogen sie einen Gasthof am Georgentor, wo sie die Pferde ausspannen und die Kutsche unter einem Dach abstellen konnten. Gegen einen Obolus wurden Hans’ Brauner und Martins Rappe versorgt. Dann machten sich die Männer auf den Weg zum Haus der Cottas.

Martin kannte sich aus und lief seinem Vater einen Schritt voraus. »Immer in Richtung Georgskirche. Da ist der Turm!«, sagte er.

»Ich weiß, schließlich bin ich auch nicht das erste Mal hier«, versuchte Hans mitzuhalten.

Sie kamen auf den weiten Marktplatz mit dem Trinkbrunnen, der großen Kirche, die Martin regelmäßig zu den Gottesdiensten besucht hatte, und dem Rathaus. Ringsherum standen stattliche Häuser, und eins davon war das der Familie Cotta. Es hatte drei Stockwerke und einen großen Dachboden. Der untere Bereich war massiv aus Stein und weiß getüncht, darüber befand sich verziertes Fachwerk, grau gestrichen. Es gab viele Fenster, dekorativ geschnitzte Türen und ein großes Tor. Martin fasste seinen Vater am Ärmel und zog ihn schneller vorwärts. Sie standen vor der schweren braunen Holztür mit dem Löwenklopfer und der Schelle an der Seite. Martin zog an der Schnur. Dann hörten sie Schritte, das Zurückschieben eines Riegels – die Magd öffnete. Es war Marie, die Martin bei seiner Abreise noch eine Extraportion Wurst zugesteckt hatte. Sie war sichtlich erfreut. Man hatte die beiden schon erwartet, denn nun erschien Frau Cotta in der Tür, gefolgt von ihrem Mann Conrad und einer Kinderschar. »Kommen Sie herein, Herr Ludher, was für eine Freude, dich so schnell wiederzusehen, Martin. Herein, herein!« Frau Cotta machte eine einladende Geste.

»Guten Tag, Hans. Grüß dich, Martin!«, meldete sich nun auch Conrad Cotta zu Wort, der Hans bei dessen Besuch vor einem Jahr das Du angeboten hatte.

Martin begrüßte die Mädchen, die ihm fast wie Schwestern ans Herz gewachsen waren. Die Älteste, fast vierzehn, zog ihn etwas schüchtern in Richtung guter Stube. Sie hieß Clara und trug ihre langen Haare zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr hübsches Gesicht umspielten. Martin und sie hatten sich fast ein wenig ineinander verliebt. Das glaubte er jedenfalls, und ihre Zaghaftigkeit heute bestätigte ihm seinen Verdacht. Gesprochen hatten sie darüber nie, und natürlich konnte daraus nichts werden, denn damit hätte er Frau Cottas Vertrauen missbraucht, der er nichts als Dankbarkeit schuldete.

Sie gingen in die große Stube. Der Boden dort hatte breite, gewachste Holzdielen, und die Wände wiesen bis zur Hälfte eine Holzvertäfelung auf, die mit einer umlaufenden, durch Schnitzereien verzierten Leiste abschloss. Es gab einen Kachelofen, sowie einen hohen schmalen Holzschrank neben der Tür, der optisch jenen Teil des Raumes abtrennte, in dem ein großes Himmelbett stand. Sein grüner, schwerer Samtvorhang war bis auf einen Spalt zugezogen, durch den man kostbaren Bettstoff, ebenfalls in Grün mit Mustern, erkennen konnte.

Der Esstisch stand in der Mitte des Zimmers. Die Magd Marie stellte gerade eine große Zinnschüssel mit einer silbernen Kelle darauf. Es roch nach warmer, würziger Suppe. Neun Zinnteller waren eingedeckt.

Die drei Kleinsten setzten sich auf eine mit einer bunten Decke belegte Bank an das eine Ende des Tisches, Frau Cotta, ihre Tochter Clara und die Großmutter, die gerade hinzugekommen war, an eine der Längsseiten, ihnen gegenüber Martin und Hans, an den Kopf des Tisches Conrad, der Hausherr.

»Bitte nehmt Euch von dem Wein!«, forderte Frau Cotta die Gäste auf.

Sie reichten die Weinkanne herum, den Kindern schenkte die Magd ein leichtes Bier ein.

»Ich möchte mich noch mal sehr herzlich bei Euch bedanken. Martin hat sich bei Euch so wunderbar entwickelt. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden wäre, hätte er nicht Eure freundliche Aufnahme erfahren. Er weiß sich zu benehmen wie ein feiner Herr«, wandte Hans sich an die Gastgeberin.

»Ja, er hat sich sehr gemacht. Ich sehe ihn noch vor mir stehen, ganz schüchtern, meist die Augen gesenkt, nervös mit den Fingern spielend. Aber sein ehrlicher Blick, die klare Stimme, seine ernsten Gebete und seine schnelle Auffassungsgabe sind mir gleich positiv aufgefallen. Auch sein Flötenspiel zeigte Hingabe und Musikalität. Es hätte mir leidgetan, so ein Potenzial ungefördert verloren gehen zu lassen. Seid ganz unbesorgt und fühlt Euch nicht verpflichtet. Er war eine Bereicherung, ein Quell der Freude und auch hier und da eine große Hilfe im Haus.« Frau Cotta nickte Martin lächelnd zu.

Hans öffnete seinen Säckel, den er neben seinen Stuhl gestellt hatte. »Meine Frau schickt ein paar gute Dinge zum Dank: selbst gemachten Honig, eine Flasche unseres Weins – wir haben seit einem Jahr einen kleinen Weinberg – und geräucherte Wurst der letzten Schlachtung, eine Spezialität.«

»Vielen Dank! Wir werden uns alles schmecken lassen. Marie, bring diese Köstlichkeiten bitte in die Vorratskammer. Aber nun lasst uns ein Tischgebet sprechen. Martin, gib uns die Ehre!«

Martin faltete die Hände, schloss die Augen und sprach: »Speis uns, Vater, Deine Kinder, tröste die betrübten Sünder, sprich den Segen zu den Gaben, die wir jetzt hier vor uns haben, dass sie uns zu diesem Leben, Stärke, Kraft und Nahrung geben, bis wir endlich mit den Frommen zu der Himmelsmahlzeit kommen. Amen.«

»Danke, das war sehr schön. Greift zu!«, bat Frau Cotta.

Sie ließen sich die Suppe schmecken, die gefolgt wurde von einem Zanderbraten mit Gemüse und Brot. Zum Nachtisch gab es Grießbrei mit geschmolzenem Zucker und etwas Zimt. Das Schweigegebot während des Essens wurde heute nicht so streng genommen. Nur mit vollem Mund durfte nicht gesprochen werden. Bei den Jüngeren gab es viel zu kichern, was mit einem bösen Blick des Vaters quittiert wurde. Die Erwachsenen, zu denen Martin nun gezählt wurde, unterhielten sich noch lange am Tisch über das anstehende Studium, über Erfurt, über den Transport ihrer Briefe mit Boten und dem Postdienst einiger Zünfte, über das kleine Eisenach mit seinen dreitausend Einwohnern, über Magdeburg mit den fast fünfzehntausend Einwohnern und darüber, was Martin besser gefiele.

»Nun, eine große Stadt ist natürlich sehr aufregend, es gibt viel zu entdecken, viel Neues und Merkwürdiges. In einer Stadt wie Eisenach fühlt man sich sicher, alles ist schnell vertraut. In Magdeburg hatte ich einst ein Erlebnis, das ich bis heute nicht vergesse: Ich habe mit diesen meinen Augen einen Fürsten von Anhalt gesehen, der in der Breiten Straße zu Magdeburg in einer Barfüßerkutte umherging und um Brot bettelte. Auf seinem fast bis zum Boden gekrümmten Rücken trug er einen Sack wie ein Esel. Er sah aus wie ein Totenbild, nur Haut und Knochen. Ich weiß, wie ich vor Andacht erstarrte und mich meines eigenen Standes, der ja weiß Gott nicht hoch ist, schämte. Ich hatte Angst, dass diese Frömmigkeit womöglich die einzig Richtige ist. Seitdem ist mir Magdeburg unheimlich.«

Alle lachten und schenkten sich erneut ein.

»Nein, die zehn Gebote muss man einhalten, die Kirche besuchen und aufrichtig beten. Meint das Schicksal es gut mit einem, dann soll man den Armen geben und mit Ablässen die Kirche unterstützen. Wem nützt es, wenn man sich selber zu Tode darbt? Hat jemand Hände zum Arbeiten oder einen Kopf zum Denken, so soll er sie auch nutzen. Nicht umsonst hat Gott einen jeden von uns mit speziellen Gaben gesegnet!«

Alle stimmten Conrad zu. Er war ein großer, kräftiger Mann mit kantigem Gesicht und einem Schnurrbart. Seine Kleidung war aus feinem Stoff in Tannengrün. Er war Obervierherr von Eisenach, niemand bezweifelte seine Autorität und die Unumstößlichkeit seiner Aussagen.

Ursula Cotta ergänzte: »Ja, diese Unsicherheit habe ich bei dir bemerkt, aber nun gehst du aufrecht, kannst einem in die Augen sehen, hältst deine Finger still«, hier zwinkerte sie Martin lächelnd zu, »und du weißt, dass rechte Frömmigkeit Aufrichtigkeit, Fleiß und regelmäßiges Beten bedeutet. Nichts, wovor man sich fürchten muss.«

Ursula war jünger als Martins Mutter, vielleicht Mitte dreißig. Sie war schlank, etwa einen Meter fünfundsechzig groß, hatte feine Gesichtszüge, eine kleine, sehr gerade Nase, blaue Augen, wohlgeformte Lippen und eine helle, glatte Haut. Ihr Gesicht war umrahmt von einem weißen Schleier mit einem breiten Spitzensaum. Sie trug ein langes, glatt herunterfallendes weinrotes Samtkleid mit weinrot-wollweiß gemusterten langen Ärmeln. Um die Hüfte hatte sie einen dünnen Gürtel gebunden, an dem ein Samtsäckchen hing, in welchem sie ihr Taschentuch und ihren Rosenkranz, Haarnadeln und immer ein paar Münzen aufbewahrte.

Hans war still geworden. Sein Bauch krampfte ein wenig, denn bruchstückhaft fiel ihm ein, wie er in Eisleben einmal seinen Knecht so übel zugerichtet hatte, dass dieser nicht mehr aufgestanden war. Der Schurke hatte geklaut und es nicht zugeben wollen. Trotzdem war Hans’ Ruf danach angeschlagen gewesen. Er hatte die abfälligen Blicke der Leute nicht länger ertragen und mehrere Ablässe gekauft. Irgendwann musste es auch mal gut sein, fand er, es war immerhin ein Unfall gewesen! Auf den Vorschlag seines Onkels waren sie schließlich nach Mansleben umgezogen. Ein Jahr, nachdem Martin geboren worden war. Am 10. November des Nachts war der Kleine zur Welt gekommen und gleich am nächsten Tag auf den Namen des Heiligen Martin getauft worden. Ja, er, Hans, war nicht ganz unschuldig daran, dass Martin Frömmigkeit mit Angst verband. Wie oft hatte er sich nicht anders zu helfen gewusst, als seinen Sohn damit einzuschüchtern, dass Gott ihn bestrafen würde, wäre er nicht gehorsam! Wie sollte er ihn sonst erziehen? Vielleicht hätte er ihm stattdessen öfter sagen sollen, welche Dinge Gott mit Wohlwollen sah … einfach von der anderen Seite betrachtet. Doch tatsächlich war der Teufel überall. Als seine Frau eine neugeborene Tochter verlor, waren sie sich sicher gewesen, die Nachbarin habe sie verflucht, und freuten sich, als diese erschlagen aufgefunden und wahrscheinlich vom Teufel geholt worden war. Ja, das hatte Martin sicher alles Angst gemacht. Aber seine eigenen Eltern hatten Hans die Regeln des Lebens auch nicht anders vermittelt.

Und? War er nun nicht auf dem besten Wege, doch zu etwas zu kommen? Immerhin war er ordentlich gekleidet, sein Gesicht war gewaschen und geölt, damit die Falten und die trockene Haut nicht verrieten, welch harte Arbeit lange Zeit sein Leben bestimmt hatte. Er war zweiundvierzig Jahre alt. Ein Mann in den besten Jahren! Was pflegte er immer zu sagen: »Wer im zwanzigsten Jahr nicht schön, im dreißigsten nicht stark, im vierzigsten nicht klug und im fünfzigsten nicht reich ist, der darf danach nicht hoffen.« Klüger war er geworden, und reich zu sein, war er auf dem besten Wege. Er unterbrach seine Gedanken. Seine zeitweiligen Gewissensbisse hatten hier jetzt nichts verloren.

Frau Cotta brachte gerade drei Flöten und bat Martin, mit ihr und Clara die Lieder zu spielen, die sie gemeinsam geübt hatten. Hans war sehr beeindruckt und musste sich zusammenreißen, dass ihm nicht vor Rührung die Tränen kamen. Martin spielte wirklich schön – das hatte er gar nicht gewusst!

Als die Kirchturmuhr von St. Georg viermal läutete, verabschiedeten sie sich und besuchten Gretes Schwester Elisabeth. Nein, sie würden nicht zum Abendbrot bleiben, beschieden sie die Tante. Sie wären müde, müssten noch nach den Pferden sehen und morgen in aller Herrgottsfrühe nach Erfurt aufbrechen. Aber ob Elisabeth sie nicht noch zum Sechs-Uhr-Gottesdienst begleiten wolle, um für gutes Geleit für ihren Neffen und ihren Schwager auf ihrer Reise und einen guten Studienbeginn für Martin zu bitten?

Elisabeth willigte ein, und so gingen sie gemeinsam zurück zum Marktplatz zur Kirche, wo sie der Familie Cotta in den vorderen Bänken zuwinkten. Die Cottas gehörten zu den Bürgern, die dort ihren reservierten Platz hatten. Elisabeth, Hans und Martin standen mit vielen anderen Eisenachern etwas weiter hinten, knieten sich zum Gebet auf Bahnen von Decken, die vor ihnen lagen, und lauschten der lateinischen Predigt des Priesters. Während Hans die Bilder in den Kirchenfenstern betrachtete und das eintönige Singsang des Geistlichen ihn müde werden ließ, freute sich Martin, dass er alles verstand und hier und da Grammatikfehler des Priesters erkannte. Zweimal musste er gar innerlich lachen, denn der Prediger verwechselte ähnlich klingende lateinische Ausdrücke, die aber gänzlich unterschiedliche Bedeutungen hatten. So wollte er einen Heiligen »celleberimus«, der Gefeiertste, nennen, sagte stattdessen aber »cellerimus«, was den Heiligen zum Schnellsten machte. Martin verkniff es sich, laut loszuprusten, und schaute sich um. Niemand sonst schien den Fehler bemerkt zu haben, sein Lateinlehrer war nicht zu sehen, zwei alte Klassenkameraden auf der anderen Seite waren damit beschäftigt, die anwesenden Mädchen mit Mimik und Gestik zu kommentieren, und hatten offenbar nicht zugehört. Na ja.

Nach der Kirche wurde sich abermals, aber diesmal etwas kürzer, von den Cottas und von Elisabeth und anderen Bekannten verabschiedet. Dann gingen Vater und Sohn zügig in ihr Gasthaus, aßen noch einen kleinen Happen, tranken jeder einen Krug Bier und schliefen bis zum ersten Hahnenschrei.

Kapitel 3

1501

Es war gerade hell geworden, und die Vögel zwitscherten um die Wette, als Hans und Martin Ludher nach einem kräftigen Frühstück mit Ei und Speck abreisefertig die kleine Kutsche bestiegen und die Pferde auf die Via Regia über Gotha nach Erfurt lenkten. Der anfänglich bewölkte Himmel wurde klar und die ersten Sonnenstrahlen wärmten die beiden Reisenden. In Gotha hielten sie unterhalb der Burg Grimmenstein, um im Ostergottesdienst in der Margarethenkirche auf dem Neumarkt zu beten, dann fuhren sie weiter nach Erfordia turrita, die türmereiche Stadt. Ihr Weg führte sie durch Wälder, vorbei an Feldern und Wiesen, durch kleinere Dörfer und entlang schmaler Flüsse und Bäche. Sie machten nur kurze Pausen, um die Pferde zu tränken und selbst einen kleinen Schluck aus ihrer ledernen Flasche oder einen Bissen ihres Brotes und Käses zu nehmen. Einmal hielten sie noch in Kirchheim, als die Wegkirche St. Laurentius zum Abendgottesdienst rief. Sie hatten von der Hohen Straße auf die Nürnberger Geleitstraße gewechselt, die sie über Rockhausen durch den Steigerwald auf die südlichen Stadttore zuführte. Es war fast acht Uhr, es dämmerte bereits, der Tag neigte sich.

Noch einen kleinen Hügel bergan. Martin konnte die Stadt noch nicht sehen, aber er konnte sie riechen. Der stechende Uringestank, der von Ferne etwas milder roch, war ihm vertraut. In Magdeburg und auch in Eisenach gab es viele Waidjunker, die aus der gelb blühenden Färberpflanze »Waid«, genauer gesagt aus ihren Blättern, mithilfe von Urin ein wertvolles, blaues Farbpulver herstellten. Erfurt war neben Toulouse in Frankreich und Urbino in Italien bekannt für den großen Waidmarkt und die einzigartige Qualität des blauen Goldes.

»Man riecht es nicht mehr, wenn man einige Zeit in der Stadt verbracht hat«, sagte der Vater, der sah, wie Martin seine Nase rümpfte.

Nun, auf der Höhe, lag sie vor ihnen. Ein Meer von Türmen. Die hohen und schlanken Spitzen der auf dem Marienhügel und dem Petersberg gelegenen Kirchen grüßten zu ihnen herüber, und das Abendgeläut stimmte sie andächtig. Die letzten Sonnenstrahlen reflektierten auf den blanken Metallplatten, mit denen die Türme von St. Peter gedeckt waren. Beim Anblick des Sibyllentürmchens – eine Art Betsäule, die fromme Bürger dort an der Straße errichtet hatten – dankten Hans und Martin Gott für den gnädigen Reiseschutz. Rauch stieg aus den Schornsteinen empor. Vor der Stadtmauer sah man noch vereinzelt Fuhrwerke ein- und ausfahren.

»Das Tor dort vorne rechts scheint noch geöffnet. Auch hier ist um sechs Uhr Toresschluss an den Nebentoren. Das muss ein Haupttor sein. Auf geht’s!«

Ihr Wagen setzte sich wieder in Bewegung und kam beim Acht-Uhr-Glockenschlag vor dem westlichen Tor zum Stehen. Der Torwächter machte sich schon von innen an den Riegeln zu schaffen.

»Wächter, lass uns noch passieren! Es ist Ostern – die Messe hat uns aufgehalten!«, rief Hans.

»Ist in Ordnung. Ab sechs ist die Gebühr fällig: zwei Kreuzer. Macht vier für Euch! Wo müsst Ihr hin?«

»Uns wurde die Ausspanne zum Rebstock in der Futterstraße empfohlen.«

»Ja, Futterstraße ist auf jeden Fall gut. Ihr kennt den Weg? Frohe Ostern!«

Hans hatte genickt, gab dem Mann ein paar Münzen, wünschte einen guten Abend sowie ein gesegnetes Osterfest, und dann kamen sie auf einer gut gepflasterten Straße in die Stadt, fuhren an der Reglerkirche der Augustinerchorherren vorbei, über den Waidanger nach rechts Richtung Kaufmannskirche mit ihren zwei Türmen, dann ein Stück durch die Johannesstraße, die von großen Waidhändler- und Brauhöfen gesäumt war, und schließlich links in die Futterstraße.

Sie kehrten im Haus zum Großen und Kleinen Rebstock der Familie des Otto Ziegler ein. Es war ein stattliches Haus, das die Zieglers vor fünfzig Jahren gebaut hatten. Otto war alt, aber sein Sohn führte die Geschäfte der Brauerei, des Getreidehandels, der Ausspanne und des Gasthauses fort. Martin und Hans waren gleichermaßen beeindruckt, obwohl das Anwesen ihnen von einem Freund aus Mansfeld empfohlen und bereits ausführlich beschrieben worden war. Da waren die achtzehn Zinnen, die in den Farben der achtzehn Königreiche angemalt waren, die Otto während seiner ausgedehnten Reisen besucht hatte. Es waren dies das Römische Königreich, Kroatien, Sizilien, Frankreich, das Reich des Priesters Johannis, Dänemark, Böhmen, Dalmatien, Cypern, Portugal, England, Schweden, Ungarn, Neapel, Armenien, Mavarra, Schottland und Polen. Rechts, in Höhe des ersten Geschosses, prangte das Familienwappen: ein roter Hirschkopf im roten Felde.

Den Hausnamen hatte der frühere Ratsherr Otto gewählt, nachdem er aus dem Heiligen Land einen Rebstock mitgebracht und bei sich eingepflanzt hatte. Angeblich ein Abkömmling der wunderbaren Reben des Landes Kanaan. Er stand noch immer im Innenhof und trug jeden Herbst reichlich Trauben.

Hans klopfte an der großen Tür des Hauses. Otto der Jüngere öffnete und sagte, er werde das Tor öffnen lassen und bitte sie, zunächst Wagen und Pferde hineinzuführen, dann könnten sie vom Hof aus ins Haus kommen.

Das weite, hohe Tor wurde von einem Stallknecht nach innen aufgezogen. Er übernahm auch gleich die Zügel und wies einen Stallburschen an, die Pferde von der Kutsche loszumachen und in den Stall zu führen.

Von der Straße aus war die Größe des Innenhofes nicht zu erahnen gewesen. Es gab dort auf einer Seite fünf Stalltore, die zu den Pferdeständen führten, auf der anderen Seite befand sich die Remise. Der vordere Hofteil bot Platz für den Ausschank in der Zeit, in der der Brauer jeweils für vierzehn Tage sein Bier verkaufen konnte, und ganz hinten gab es weitere Anbauten, vermutlich ein Brauhaus und eine Werkstatt.

Der Stallknecht zeigte ihnen den Eingang in das Gasthaus.

»Nochmals – guten Abend und frohe Ostern! Der Sohn soll wohl in Erfurt studieren?«, riet Ziegler richtig. Er wusste, wann die Väter ihre Söhne zur Intitulation brachten.

»Frohe Ostern. Ja, nach der Lateinschule das Studium! Kommen viele angehende Studenten zu Euch?«, fragte Hans.

»Lasst uns an die neunzehntausend Erfurter sein, davon gibt es fast achthundert Geistliche und immerhin fünfhundert Studenten«, berichtete der Wirt stolz, der er sich als Mitglied des Rates natürlich bestens auskannte. »Jedes Jahr werden es mehr. Hat einen guten Ruf, unsere Universität. Gratuliere! Mach was draus, Junge!«, wandte er sich an Martin. »Wie lange bleibt Ihr?«

»Ich werde übermorgen abreisen, und Martin zieht bereits morgen in eine der Bursen.«

»Ihr seid woher?«

»Aus Mansfeld.«

»Dann müsste er eigentlich in die Georgenburse für sächsische und thüringische Studenten. Augustinerstraße zwischen Georgskirche und Nikolaikirche, gleich bei der Lehmannsbrücke. Der Fluss fließt direkt am Hof vorbei. Die Lehmannsbrücke ist eine Marktbrücke. Da ist immer was los. Viel zu sehen. Ein Stückchen weiter ist das Augustinerkloster. Wird sicher eine schöne Zeit. Auch ich habe an der Universität studiert, ohne das Bakkalaureats-Examen. Die Arbeit hier musste gemacht werden.« Er lachte etwas wehmütig. Dann gab er ihnen einen großen eisernen Schlüssel für die Kammer mit den zwei Betten. »In der Gaststube bekommt Ihr noch bis neun Uhr eine warme Suppe und Bier.«

Hans und Martin bedankten sich, nahmen ihr Gepäck und gingen in die Kammer. Sie lag im ersten Stock. Die Decke des Raumes hatte bemalte Balken, zwischen den beiden Betten stand ein Tisch mit zwei Stühlen, und die Betten selbst hatten blaue Vorhänge, die an den Ecken zurückgebunden waren. Die Kissen und Zudecken – ebenfalls blau mit weißen Blaudruckmustern – waren dick mit Daunen befüllt. Ein kleiner Ofen stand neben der Tür. Ziegler hatte gesagt, er würde gleich nach der Magd schicken, die den Ofen anfeuern und heiße Bettpfannen bringen würde. Die Aprilnächte wären noch recht kalt. Zufrieden, heile angelangt und so gut untergekommen zu sein, wollten Martin und sein Vater nur noch kurz in der Gaststube sitzen und etwas zu sich nehmen.

In der Stube gab es fünf große Holztische, die bis auf einen auch alle besetzt waren. Als sie saßen und sich umblickten, sahen sie zur Rechten zwei dunkelhäutige Männer mit schwarzen Schnurrbärten und roten Gewändern. Ganz in der Ecke saß ein Afrikaner mit einem Juden am Tisch.

»Ich hatte gehört, Erfurt hätte keine jüdischen Bürger mehr«, wunderte sich Hans. Er wusste, dass die Juden aus Mansfeld einst gekommen waren, weil sie aus Erfurt vor nunmehr siebenundvierzig Jahren vertrieben worden waren. Er hatte schon überlegt, ob er bei einem von ihnen einen Kredit für seine erste eigene Hütte aufnehmen sollte.

»Bürger, Vater, Bürger. Das heißt doch nicht, dass sie als durchreisende Händler nicht in Erfurt sind.«

»Hier geht’s ja bunt zu. Na ja, ist halt ein Handelsort mit Stapelrecht. Hier kommen alle durch, die von West nach Ost, von Nord nach Süd wollen. Dann packen sie drei Tage hier aus, bevor sie weiterfahren können. Vielleicht musst du mir irgendwann einmal etwas besorgen, das es nur hier gibt. Dienstagfrüh sehen wir uns zusammen noch mal um. So viel Zeit habe ich, bevor ich fahre.«

Die Suppe war kräftig, das Bier süffig. Beim Neun-Uhr-Glockenschlag wurden ihre Krüge eingesammelt, und sie gingen in ihre Kammer, die nun behaglich warm war. Endlich am Ziel, fielen sie schnell in einen tiefen Schlaf und hörten noch nicht einmal mehr den Nachtwächter, der um zehn seine Runden drehte.

Am Ostermontag, so stand es in dem Brief, den Hans vor einigen Wochen von der Universität erhalten hatte, war für alle neuen Studenten die Ostermontagsmesse bereits Teil ihrer Einschreibung. Sie machten sich nach dem Frühstück zu Fuß auf den Weg zur Michaeliskirche. Martin blickte immer wieder staunend umher, so sehr beeindruckten ihn das bunte Treiben und die vielen Menschen auf den Straßen. Sie hatten es nicht weit. Nur die Futterstraße entlang bis auf den Wenigemarkt, dann durch einen Durchgang im Turm der Ägidienkirche über die Krämerbrücke mit ihren vielen Läden, am anderen Ende durch das Tor im Kirchenschiff der Benediktskirche wieder herunter und gleich die zweite rechts in die Michaelisstraße. Dort an stattlichen Häusern und der Großen Waage vorbei, dann rechts hinter der Dreifaltigkeitskapelle mit dem Erker zur Michaeliskirche. Sie wussten, dass sie richtig waren, denn gegenüber befand sich, nicht zu übersehen, das Collegium Maius, das große Hauptgebäude der ehrwürdigen Universität zu Erfurt. Studenten und Professoren in ihren Talaren gingen zwischen den beiden Gebäuden hin und her.

»Komm, wir fragen jemanden, ob wir dich irgendwo anmelden müssen«, sagte Hans.

Sie gingen auf einen etwas älteren Mann mit rot-weißem Talar zu, der dem Lehrkörper angehören musste.

»Verzeiht. Dies ist mein Sohn Martin, der sich heute zum Studium einschreiben möchte. Wo soll er sich melden?«

»Oh, seid willkommen!« Der Mann reichte beiden die Hand. »Sucht Euch einen Platz in der Kirche, alles Weitere wird dort angesagt, die Studenten, die wir erwarten, werden aufgerufen und dann auf spezielle Plätze verwiesen. Schön, es freut mich, Martin, dass Ihr zu uns kommen wollt.« Er nickte höflich und verschwand eiligen Schrittes in der Kirche. Hans und Martin folgten ihm.

Drinnen herrschte ein aufgeregtes Hin und Her, jeder hatte wohl noch Verschiedenes zu erledigen. Als Gast konnte Martin dem Treiben noch recht entspannt zusehen. Das würde im nächsten Jahr sicher schon anders sein. Es stellten sich noch andere Vater-Sohn-Gespanne neben sie, bei manchen war auch die Mutter dabei. Martin schaute sich um.

Die Kirche war nicht groß. Es gab eine Empore. Dort oben standen die älteren Studenten und blickten hinab auf die Neuankömmlinge. Über ihnen befand sich die Orgel, Grabplatten bedeckten den gesamten Boden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs gab es eine große Tür, die noch offen stand und den Blick in einen Kirchhof freigab. Martin konnte etwas Gras und einige Grabkreuze erkennen. Es gab Bänke an den Seiten, auf denen nun einige Magister und Professoren Platz nahmen. Die Reihen mit den Kniebänken um sie herum füllten sich, und die Glocken begannen zu läuten. Der Chorbereich lag eine Stufe erhöht. Darauf stand der Altartisch mit dem Flügelaltarbild, das in der Mitte den Heiligen Levi zeigte. Licht fiel durch die Fenster auf die mittleren Reihen.

Die Letzten hatten sich nach dem stillen Gebet von ihren Knien erhoben. Jeder versuchte nun, ruhig zu stehen. Der Priester der Kirche trat nach vorne, begrüßte den Rektor, die Professoren und Doktoren, die Magister, die Bakkalare, Studenten, Neuankömmlinge und schließlich die Gäste und Erfurter. Er wünschte allen gesegnete Ostern und begann dann seinen Gottesdienst mit den Worten: »Der Herr der Kirche spricht: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Es folgten die Ostergeschichte, Gebete, die Predigt. Martin hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war damit beschäftigt, sich der Reihe nach alle Anwesenden in seinem Blickfeld anzusehen.

Am Ende übergab der Geistliche dem Rektor und Priester, der bis vor Kurzem noch das Pfarramt an der St. Andreaskirche innehatte, das Wort. Er hieß Jodokus Trutvetter. Martin hatte bereits gewusst, dass er ihn hier wiedersehen würde. Er war sein Lateinlehrer in Eisenach gewesen und hatte ihm die Universität von Erfurt ans Herz gelegt. Trutvetters Blick schweifte über die neue Studentenschar. Er erkannte Martin, nickte ihm ganz leicht mit einem anerkennenden Lächeln zu und richtete seine Augen dann zurück in die Menge. Martin schätzte ihn auf etwa vierzig Jahre, ungefähr so alt wie sein Vater, wenngleich bei ihm nicht die äußerlichen Spuren harter Arbeit zu sehen waren. Er trug einen Talar, eine goldene Amtskette und übergab jetzt das Universitätszepter einem älteren Studenten, der unauffällig hinter ihm stand und assistierte.

Trutvetter stellte sich vor. »Ich komme aus Eisenach.«

Hier stupste Hans seinen Sohn mit dem Ellbogen und schaute ihn bedeutsam an.