Die Philosophen und ihre Kerngedanken - Horst Poller - E-Book

Die Philosophen und ihre Kerngedanken E-Book

Horst Poller

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Beschreibung

Was kümmert uns Philosophie? Ist das nicht eine weltfremde Wissenschaft, bestenfalls Stoff für Zitaten-Handbücher? Die meisten Menschen werden nicht gewahr, wie Ideen und Denkrichtungen, deren Ursprung Jahrtausende zurückliegt, noch heute ihren Alltag beeinflussen. Die Ideen der Philosophen haben die Welt nicht weniger verändert als die Technik. Die Wurzeln der verschiedenen Denkrichtungen, über die wir uns heute im politischen Alltag streiten, ob utopisch oder realistisch, ob links oder rechts, reichen bis zu den Philosophen der Antike zurück und viele Zusammenhänge werden einem klarer, wenn man diese Wurzeln kennt. Auch die Frage ob Gott existiert, ob wir glauben sollen oder zweifeln müssen, auch dieses Problem hat die Philosophen über die Jahrtausende hin beschäftigt. Und schließlich die Frage, die jeden von uns täglich berührt: Was sollen wir tun? Wie sollen wir unser Leben führen? Besonders über Moral und Ethik haben die Philosophen intensiv nachgedacht. Was die großen Denker herausgefunden haben, ist spannend zu lesen. Keine Angst vor dem Fachjargon, er wird in diesem Buch vermieden. Jedem Philosophen ist ein abgeschlossenes Kapitel gewidmet, in dem auch seine persönlichen Lebensumstände geschildert werden, ebenso wie die geschichtliche Epoche, durch die er geprägt wurde.

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Seitenzahl: 1126




Horst Poller

Die Philosophenund ihreKerngedanken

Ein geschichtlicher Überblick

Bibliografische Informationder Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Horst Poller VerlagSeptember 2005

8. aktualisierte und erweiterte Auflage 2014

© Lizenzausgabe fürLau-Verlag & Handel KG, Reinbek/München, 2014Internet: www.lau-verlag.deISBN 978-3-95768-124-9

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigungund Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form(durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren)ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziertoder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet,vervielfältigt oder verbreitet werden.

Titelfoto: © Istockphoto / PeskyMonkey, Aviator70Umschlagentwurf: Atelier Versen, Bad AiblingSatz: Lau-Verlag & Handel KG, Reinbek

Für Lore

Inhalt

Vorbemerkung

Zeit des Erwachens

Jesaja (740 v. Chr.)

Zarathustra (628–551)

Laotse (604–530)

Konfuzius (551–479)

Buddha (560–480)

Die Griechen

Homer (800 v. Chr.)

Sparta und Athen

Solon (640–560)

Von der Tyrannis zum Scherbengericht

Thales (625–547)

Pythagoras (580–496)

Xenophanes (570–480)

Parmenides (540–470)

Heraklit (544–483)

Empedokles (495–435)

Demokrit (460–370)

Die Perserkriege

Perikles (500–429)

Anaxagoras (500–428)

Protagoras (485–415)

Sokrates (470–399)

Bruderkrieg und Niedergang

Platon (427–347)

Aristoteles (384–322)

Platoniker oder Aristoteliker?

Diogenes (412–323)

Epikur (341–271)

Zenon der Stoiker (340–260)

Alexander der Große (356–323)

Hellenismus (323–133)

Die Römer

Caesar (100–44)

Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.)

Rom als Kaiserreich (Imperium Romanum)

Cicero (106–43)

Seneca (4 v. Chr.–65 n. Chr.)

Epiktet (55–135)

Marc Aurel (121–180)

Jesus (0–30)

Paulus (5–67)

Plotin (205–270)

Völkerwanderung (370–711)

Augustinus (354–430)

Mohammed (570–632)

Kaiser und Papst im Mittelalter (465–1493)

Anselm von Canterbury (1033–1109)

Peter Abaelard (1079–1142)

Albertus Magnus (1193–1280)

Thomas von Aquin (1225–1274)

Wilhelm von Ockham (1285–1349)

Meister Eckhart (1260–1328)

Renaissance (1350–1550)

Nikolaus von Kues (1401–1464)

Erasmus von Rotterdam (1466–1536)

Niccolò Machiavelli (1469–1527)

Reformation und Glaubenskämpfe (1500–1650)

Martin Luther (1483–1546)

Michel de Montaigne (1533–1592)

Giordano Bruno (1548–1600)

Francis Bacon (1561–1626)

Jakob Böhme (1575–1624)

Vom Absolutismus zur Aufklärung (1638–1799)

Thomas Hobbes (1588–1679)

René Descartes (1596–1650)

Blaise Pascal (1623–1662)

Baruch de Spinoza (1632–1677)

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716)

John Locke (1632–1704)

David Hume (1711–1776)

Adam Smith (1723–1790)

Edmund Burke (1729–1797)

Montesquieu (1689–1755)

Voltaire (1694–1778)

Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)

Immanuel Kant (1724–1804)

Thomas Jefferson (1743–1826)

Die Französische Revolution (1789–1815)

Johann Wolfgang Goethe (1749–1832)

Friedrich Schiller (1759–1805)

Johann Gottlieb Fichte (1762–1814)

Friedrich Schelling (1775–1854)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1771–1831)

Arthur Schopenhauer (1788–1860)

Restauration und Revolution (1815–1870)

Auguste Comte (1798–1857)

John Stuart Mill (1806–1873)

Herbert Spencer (1820–1903)

Alexis de Tocqueville (1805–1859)

Abraham Lincoln (1809–1865)

Sören Kierkegaard (1813–1855)

Ludwig Feuerbach (1804–1872)

Max Stirner (1806–1856)

Karl Marx (1818–1883)

Nationalismus und Imperialismus (1870–1914)

Friedrich Nietzsche (1844–1900)

Wilhelm Dilthey (1833–1911)

Gustave Le Bon (1841–1931)

William James (1842–1910)

Charles Sanders Peirce (1839–1914)

John Dewey (1859–1952)

Henri Bergson (1859–1941)

Georg Simmel (1858–1918)

Edmund Husserl (1859–1938)

Sigmund Freud (1856–1939)

Alfred Adler (1870–1937)

Carl Gustav Jung (1875–1961)

Weltkriege (1914–1945)

Max Weber (1864–1920)

Ludwig Klages (1872–1956)

Stefan George (1868–1933)

Thomas Mann (1875–1955)

Hermann Hesse (1877–1962)

Max Scheler (1874–1928)

Helmuth Plessner (1892–1985)

Arnold Gehlen (1904–1976)

Bertrand Russell (1872–1970)

Ludwig Wittgenstein (1889–1951)

Albert Einstein (1879–1955)

Max Planck (1858–1947)

Oswald Spengler (1880–1936)

Houston Stewart Chamberlain (1855–1927)

Arnold Toynbee (1889–1975)

José Ortega y Gasset (1883–1955)

Ludwig von Mises (1881–1973)

Joseph Alois Schumpeter (1883–1950)

John Maynard Keynes (1883–1946)

Ideologien an der Macht

Marxismus

Faschismus

Nationalsozialismus

Nachkriegszeit (1945–2004)

Existenzphilosophie

Karl Jaspers (1883–1969)

Martin Heidegger (1889–1976)

Hannah Arendt (1906–1975)

Hans-Georg Gadamer (1900–2002)

Jean Paul Sartre (1905–1980)

Albert Camus (1913–1960)

Neomarxismus

Die Frankfurter Schule

Max Horkheimer (1895–1973)

Theodor W. Adorno (1903–1969)

Herbert Marcuse (1898–1979)

Erich Fromm (1900–1980)

Ernst Bloch (1885–1977)

Jürgen Habermas (*1929)

Sozialphilosophie

F. A. von Hayek (1899–1992)

Karl Popper (1902–1994)

Wilhelm Röpke (1899–1966)

Walter Eucken (1891–1950)

Milton Friedman (1912–2006)

Ludwig Erhard (1897–1977)

Oswald von Nell-Breuning (1890–1991)

Viktor E. Frankl (1905–1997)

Helmut Schelsky (1912–1984)

Elisabeth Noelle (1916–2010)

John Rawls (1921–2002)

Robert Spaemann (*1927)

Hermann Lübbe (*1926)

Günter Rohrmoser (1927–2008)

Odo Marquard (*1928)

Ralf Dahrendorf (1929–2009)

Mancur Olson (1932–1998)

Meinhard Miegel (*1939)

Samuel P. Huntington (1927–2008)

Hans Küng (*1928)

Otfried Höffe (*1943)

Peter Sloterdijk (*1947)

Philosophie und Politik

Ideengeschichte

Politische Ideologien

Zwei Denkrichtungen

Europa und Amerika

Kampf der Kulturen?

Auf der Suche nach dem Glück

Glück und Lebenssinn

Philosophie und Glaubenslehren

Schicksal und Lebensführung

Meine Freunde, die Philosophen

Quellenverzeichnis

Personenregister

Vorbemerkung

Diese Texte habe ich für mich selbst aufgeschrieben, um die Welt und das Leben besser zu verstehen. Alle Menschen streben nach Glück, behauptete Aristoteles. Was aber bedeutet Glück und wie erlangt man es? An die Frage nach dem Glück schließen sich zwangsläufig die anderen großen Fragen an: nach der rechten Lebensführung, nach Tod und Sterben und ob es Gott wirklich gibt. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? – so hat es Kant formuliert. Und nicht zuletzt mussten die Philosophen auf der Suche nach dem Glück der Frage nachgehen, wie können Menschen am besten zusammenleben? So haben sie sich auch intensiv mit dem Staat, der Politik und der Wirtschaft auseinandergesetzt.

Wenn man das alles nachlesen will, hat man allerdings den Eindruck, dass die zeitgenössischen philosophischen Lehrbücher, obwohl sie weit ausholen, doch in gewisser Hinsicht unvollständig sind. Karl Marx zum Beispiel war mehr Revolutionär als Philosoph. Sein philosophisches „System“ beschränkte sich auf Geschichtsphilosophie und ökonomische Theorien. Keine Rede von Metaphysik oder Ethik, und schon gar nicht von persönlichem Glück. Gleichwohl ist er für die philosophischen Fachgelehrten ein „klassischer“ Philosoph. Das gleiche gilt für Marxens Epigonen, die Neomarxisten der Frankfurter Schule oder der 68er Bewegung.

Große liberale Denker wie Ludwig von Mises oder F. A. von Hayek, die sich nicht weniger intensiv mit Staatsphilosophie und Wirtschaftstheorie beschäftigt haben, kommen hingegen bei den Fachphilosophen gar nicht vor. Sie gelten „nur“ als Soziologen oder Wirtschaftswissenschaftler, obwohl auch ihre Ideen, besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, die Welt ein Stück bewegt haben. Ich stelle sie deshalb als Sozialphilosophen den „klassischen“ Philosophen an die Seite. In die Reihe derer, die als Philosophen zum geistigen Fundus der Menschheit beigetragen haben, gehören ebenso die Religionsstifter und große Dichter.

Hegel und Marx sahen den Ablauf der Geschichte als eine zwangsläufige Entwicklung an. Man könnte versucht sein, den Gedanken der Evolution auch auf die Geschichte der Philosophie anzuwenden, doch ginge das sicher zu weit. Wohl aber sieht man, wie einer auf den Schultern des anderen steht. Die späteren Philosophen haben von den Vorfahren gewusst und gelernt, haben ausgewählt, wer ihren eigenen Vorstellungen entsprach und andere verworfen, oder haben Neues erdacht. Dabei zeigt sich, dass das Denken in gewissen Bahnen verlief, die zum Teil schon von der Antike her vorgezeichnet waren.

Wer sich einen geschichtlichen Überblick verschaffen will, sieht sich im übrigen vor einigen Schwierigkeiten. Die großen Philosophen haben umfangreiche Werke hinterlassen. Man kann Karl Jaspers nur zustimmen, wenn er zum Beispiel die zwölf Folianten, die Augustinus hinterlassen hat, mit einem Bergwerk vergleicht. Um zu den Edelsteinen und Goldadern zu gelangen, muss man sich erst durch die unergiebigen Gesteinsmassen endloser Wiederholungen und rhetorischer Weitschweifigkeiten hindurcharbeiten. „Das Werk insgesamt zu studieren ist eine Lebensaufgabe für Spezialisten.“ Aber auch neuere Philosophen, vor allem, seit die Philosophie fest in der Hand der Professoren ist, scheinen der Ansicht zu sein, dass die Nachwelt ihre Bedeutung an der Menge der hinterlassenen Wörter messen wird.

Nun gibt es, neben den originären Denkern, natürlich auch ein Heer von Nacharbeitern, die dankenswerter Weise zusammengefasst und interpretiert haben. Aber auch unter den Büchern zur Geschichte der Philosophie habe ich nicht das gefunden, was ich für mich suchte. Teils waren sie mir zu sehr im Fachjargon und zu ausführlich, teils zu lückenhaft. So habe ich mir selbst aufgeschrieben, was mir persönlich wichtig erscheint, als Aide-mémoire für weiteres Nachdenken. Es sind die Gedanken vieler Autoren, die ich mir notiert habe, ihnen allen bin ich zu großem Dank verpflichtet. Ich habe gewissenhaft die Quellen verzeichnet, aus denen ich geschöpft habe. Auf einen wissenschaftlichen Anmerkungs-Apparat habe ich allerdings verzichtet, denn es geht mir ja nicht um wissenschaftliche Anerkennung. Ein unvollständiges Fazit meiner eigenen Eindrücke habe ich in den beiden letzten Kapiteln angefügt.

Der Stoff ist so gegliedert, dass jedem der großen Philosophen ein eigener Abschnitt gewidmet ist in dem die Kernsätze seiner Philosophie knapp geschildert werden und gezeigt wird, wie sein persönliches Schicksal eingebettet war in den Lauf der Geschichte. Ich habe versucht, alles in einfachen Worten verständlich darzustellen und habe auf die „intellektuelle Brillanz“ der philosophischen Fachsprache verzichtet.

Wenn meine Aufzeichnungen nun als Buch veröffentlicht werden, so knüpfe ich die Hoffnung daran, dass sie dem Leser so nützlich sein mögen, wie sie es mir sind. Sie sollen nichts weiter sein als eine Ausgangsbasis zum Weiterdenken.

Zeit des Erwachens

Vor rund 2600 Jahren gab es eine Epoche in der Menschheitsgeschichte, die besonders prägend gewirkt und die man die „Zeit des Erwachens“ genannt hat. Der Mensch wurde sich seiner selbst und seiner Grenzen bewusst. Er begann radikale Fragen zu stellen: Wie funktioniert die Welt, was ist der Mensch, wie kann man glücklich werden?

„In diesem Zeitalter wurden die Grundkategorien hervorgebracht, in denen wir bis heute denken und es wurden die Weltreligionen geschaffen, aus denen die Menschen bis heute leben“, meint Karl Jaspers, der diese Epoche die „Achsenzeit“ genannt hat. Die Menschen begannen über ihre Beziehungen zueinander nachzudenken und althergebrachte Meinungen und Methoden kritisch zu betrachten.

Die dokumentierte Menschheitsgeschichte reicht zwar noch weiter zurück. In der Zeit, von der hier die Rede ist, waren die alten Hochkulturen in Ägypten, Mesopotamien, Indien und China schon Jahrtausende alt. Aber in jener Epoche, etwa um 600 v. Chr., fand ein geistiger Prozess statt, der alte Mythen zerstörte oder umformte, der dem Denken, der Vernunft und dem Zweifel Raum gab und in dem zum ersten Mal einzelne Menschen sich ihr eigenes Bild von der Welt formten. Und dieses geistige Erwachen fand gleichzeitig und unabhängig voneinander in verschiedenen Weltregionen statt, ohne dass sie voneinander wussten.

Durch die Jahrtausende hin waren die Menschen im Kampf mit der Natur ihren Instinkten und ihren Ängsten gefolgt. Die Naturgewalten, denen sie unterworfen waren und denen sie ihren Lebensraum abringen mussten, waren für sie unheimliche Kräfte, um deren Gunst man flehen, die man anbeten musste. Die Naturkräfte wurden zu Gottheiten. Es waren viele Götter, die nicht nur Wind und Wetter geboten, sondern auch in das Schicksal der Menschen eingriffen.

In dieser „Zeit des Erwachens“ kam nun etwas Neues auf die Menschen zu. Der Vielzahl der – oftmals nur lokalen – Götter wurden „Systeme“ entgegengesetzt, die die Welt erklärten und zum Glauben aufforderten. Das Neue an diesen Glaubenslehren war nicht nur das Systematische, sondern auch der umfassende Anspruch der Gültigkeit für die ganze Welt.

Doch der neu erwachte Geist hielt sich nicht nur an die Bahnen der Glaubenslehren der Religionsstifter. Er erprobte ständig seine Grenzen, versuchte weiter vorzustoßen auf dem Weg des Zweifels und des Fragens. Was hält die Welt zusammen? Was können wir erkennen? Was sollen wir tun? Männer, die diesen Fragen ihr ganzes Leben widmeten, indem sie die Entwicklung ihrer Gedanken und ihre Erkenntnisse aufzeichneten, wurden Philosophen genannt. Die Herausforderung der Philosophen richtete sich an das Denken auf der Grundlage der naturgegebenen Vernunft. Das Ziel des Philosophierens war nicht nur Welterkenntnis, sondern darüber hinaus Glücks – Suche: wie kann der einzelne Mensch, wie kann ich glücklich werden?

In Palästina traten die Propheten auf, in Persien entwarf Zarathustra das Weltbild des Kampfes zwischen Gut und Böse, in China dachten Laotse und Konfuzius und in Indien Buddha über den rechten Weg der Menschen nach und in Griechenland begann die Philosophie des Abendlandes ihren langen Weg.

Jesaja (740 v. Chr.)

Abraham

In der Zeit der „großen Wanderung“ waren die Völker Mesopotamiens und Kleinasiens durch den Ansturm der Nomadenhorden aus dem Norden und Osten gehörig durcheinander geraten. So war auch das Volk Israel, ein kleiner Stamm der semitischen Völkerfamilie, auf der Flucht. Es verließ seinen Wohnsitz Ur in Mesopotamien, dem „Zwischenstromland“ von Euphrat und Tigris (heute Irak) und sein Stammvater Abraham führte es etwa tausend Kilometer westwärts nach Kanaan, in das „gelobte Land“, das heutige Palästina. (ca. 1800 v. Chr.)

Jakob

Dieser schmale gebirgige Landstrich an der Mittelmeerküste war damals nur dünn besiedelt, man musste ständig auf der Hut sein vor räuberischen Nomaden und es war schwer, dem kargen Land den Lebensunterhalt abzuringen. Abrahams Enkel Jakob, der auch „Israel“ (der „Glaubenskämpfer“) genannt und so zum Namensgeber seines Volkes wurde, sandte in einem Hungerjahr zehn seiner Söhne nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Sie hatten Glück, denn ihr Bruder Joseph hatte es dort inzwischen zum höchsten Würdenträger gebracht und der Pharao lud sie ein, nach Ägypten zu übersiedeln. (Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern kann man bekanntlich nicht nur im Alten Testament, sondern noch ausführlicher bei Thomas Mann nachlesen.)

Moses

Während dieser „ägyptischen Gefangenschaft“ der Israeliten wuchsen sie zu einer mehrere tausend Köpfe zählenden Volksgruppe an. Unter den nachfolgenden Pharaonen mussten sie allerdings Frondienste leisten und so beschlossen sie (um 1220 v. Chr.) den Auszug aus Ägypten. Unter der Führung von Moses durchzog das Volk Israel trockenen Fußes das rote Meer und lagerte sich in der Wüste am Berg Sinai. Das dauerte vierzig Jahre, in denen Moses sein Volk auf den Zug zurück ins „gelobte Land“ des Stammvaters Jakob vorbereitete. In dieser Zeit schlossen die Kinder Israels den Bund mit Jahwe (Jehova), dem einen Gott, der sie nach ihrem Glauben als sein Volk auserwählt hatte. Und Moses verkündete ihnen die Zehn Gebote ihres Gottes.

Salomo

Als die Israeliten, geführt von Moses’ Sohn Josua, schließlich im Lande Kanaan anlangten, war es längst von anderen Stämmen besiedelt und sie mussten sich ihre alte Heimat erst wieder neu erobern. Unter ihren Königen Saul und David erlebten sie Siege und Niederlagen und unter dem Sohn Davids, König Salomo, wurde das Land reich und blühte auf. Salomo baute einen Tempel für Jahwe und für sich selbst einen großen Palast. Nach seinem Tod wurde das Land geteilt (925 v. Chr.) in ein Nordreich, das sich „Israel“ nannte, und in das Südreich „Juda“. Die beiden Reiche bekämpften sich, statt sich wieder zu vereinen und wurden umso leichter eine Beute ihrer äußeren Feinde.

Israel

200 Jahre nach Salomos Tod, im Jahre 722 v. Chr., eroberten die Assyrer das Nordreich Israel, zerstörten die Hauptstadt Samaria und führten 30.000 Einwohner in die Gefangenschaft. Sie wollten auch das Südreich Juda erobern und belagerten die Hauptstadt Jerusalem. Aber die Stadt widerstand und der König von Juda, der sich mit Ägypten verbündet hatte, konnte sein Land einstweilen retten.

Jesaja

In dieser Krisenzeit, während der Belagerung Jerusalems, trat ein Mann namens Jesaja auf den Plan, der furchtlos und wortgewaltig gegen Ausbeutung und Habsucht anging und dem Volk ins Gewissen redete. Das Volk Israel habe sein Elend selbst verschuldet, weil es Jahwe nicht treu gewesen sei; er mahnte sein Volk gerecht zu handeln und Jahwe zu gehorchen. Die Juden glaubten, ein Erlöser werde ihre politische Spaltung, ihr Elend und die Unterwerfung beenden, und eine Welt erstehen lassen, die, unter einem einzigen Gott geeint, im Frieden lebt. Jesaja verhieß ihnen die Erfüllung ihrer Sehnsucht und prophezeite ihnen das Erscheinen des Messias (das ist „der Gesalbte“ des Herrn).

Babylonische Gefangenschaft

Zunächst aber sagte der Prophet Jeremia den Untergang des Staates Juda voraus und seine Prophezeiung erfüllte sich. Rund hundert Jahre nach dem Tod des Propheten Jesaja eroberte der babylonische König Nebukadnezar II. das Südreich Juda und zerstörte die Hauptstadt Jerusalem. Die Bevölkerung wurde weggeführt, für die Juden begann die „Babylonische Gefangenschaft“. Sie sollte über vierzig Jahre dauern. Den Juden ging es nicht schlecht in Babylon, sie genossen Religionsfreiheit und gelangten zu Wohlstand. Sie nahmen die lebensfrohen Sitten der Stadt an und akzeptierten mehr und mehr auch die Götter Babylons. Das konnten die Propheten, die auch in der Verbannung unter den Juden wirkten, nicht gutheißen. Der Prophet Hesekiel versuchte die Integration mit der einheimischen Bevölkerung zu verhindern und weissagte, der Herr werde den Rest der Juden retten und Jerusalem mit einem neuen Tempel wiederauferstehen lassen.

Jesaja 2

Noch ein weiterer Prophet ermahnte diese abtrünnige Generation der Juden, an der alten Religion und ihrer Tradition festzuhalten. Er machte sich daran, das Buch des Jesaja zu vollenden und nannte sich, dem Brauche folgend, ebenfalls Jesaja. Zu dieser Zeit, gegen Ende der Babylonischen Gefangenschaft, war Jesaja schon 160 Jahre tot. Den unbekannten „zweiten Jesaja“ nannte man später „Deuterojesaja“ und er ist es eigentlich, dem der größere „Jesaja-Ruhm“ gebührt. In glänzender, poetischer Prosa verkündete dieser zweite Jesaja den verbannten Juden die erste klare Offenbarung des Monotheismus und verhieß ihnen einen neuen Gott, unendlich viel reicher an „liebender Herzlichkeit“ und Erbarmen als der bittere, schreckliche und furchterregende Jahwe des ersten Jesaja. In Worten, die später Jesus angefeuert haben sollen, fluchte er nicht länger dem Volk ob seiner Sünden, sondern brachte ihm Hoffnung. Das war ihm möglich, weil er entdeckte, dass Jahwe kein Gott der Rache, sondern ein liebender Vater war. Er besang ihn mit herrlichen Liedern und weissagte das Erscheinen des neuen Gottes zur Befreiung seines Volkes. Persien, prophezeite er, werde das Werkzeug dieser Befreiung sein.

Jahwe

Und wenig später, nachdem er Babylon erobert hatte (539 v. Chr.), gab der persische König Kyros den verbannten Juden ihre Freiheit zurück, sodass sie nach Palästina zurückkehren konnten. Er erlaubte ihnen auch den Tempel wieder aufzubauen und langsam verwandelte sich Jerusalem wieder in eine jüdische Stadt, wenn es auch unter fremder Herrschaft blieb. Die Juden hatten ihren Staat und ihre Selbstständigkeit verloren. Aber indem sie in der Gefangenschaft ihre Geschichte, ihr Gesetz und ihre Verheißungen aufzeichneten, fanden sie etwas anderes: sie wurden zu einer Religionsgemeinschaft, die durch ihren Glauben stärker zusammengehalten wurde, als es die staatliche Einheit je vermocht hätte. Der Glaube an den einen Gott, Jahwe, unterschied sie von den anderen Völkern des Altertums, die viele Götter verehrten.

Esra

Im Jahre 444 v. Chr., etwa hundert Jahre nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft, berief der Priester Esra eine Versammlung der Juden ein und präsentierte ihnen das „Buch des Gesetzes Moses“. Sieben Tage lang lasen er und andere Leviten (so hießen die Priester, weil sie traditionsgemäß aus dem Stamme Levi kamen) aus den Schriftrollen vor und am Ende verpflichtete sich das Volk, diese Gesetzgebung als ihre Verfassung anzuerkennen und sie für alle Zeiten zu befolgen. Bis zu unseren Tagen hat dieses Gesetz den Mittelpunkt im Leben der Juden gebildet.

Altes Testament

Die Schriftrollen, die Esra dem Volke vorlesen ließ, enthielten die fünf Bücher Moses, (auch „Thora“, das heißt „das Gesetz“ genannt), die Schriften der Propheten und eine Reihe poetischer Bücher, wie die Sprüche Salomos oder die Psalmen. Diese Bücher, die später das „Alte Testament“ genannt wurden, sind in hebräischer Sprache abgefasst. Die fünf Bücher Moses (von den Griechen „Pentateuch“ – die fünf Rollen – genannt) enthalten die wundersamen Geschichten von der Schöpfung, vom Paradies, der Versuchung und der Sintflut, wie sie ähnlich in den mesopotamischen Sagen und in anderen Menschheitslegenden überliefert wurden. Vor allem aber enthielten sie die Zehn Gebote: Jahwe allein ist der Herr; der Feiertag und die Familie werden geheiligt; das Verbot zu töten; Verurteilung des Ehebruchs; der Schutz des Privateigentums; das Gebot absoluter Ehrlichkeit; Habgier, Neid und Selbstsucht werden verurteilt. Über die Zehn Gebote hinaus finden sich im Alten Testament Vorschriften und Anweisungen, die einen sehr engen Rahmen für die Lebensführung und das Alltagsleben ziehen.

Judentum

Die jüdische Religion, wie sie im Alten Testament aufgezeichnet ist, lehrt, dass es nur den einen wahren Gott gibt, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde und diesem persönlichen Gott Gehorsam, Dankbarkeit und Liebe schuldet. Wer gottgefällig lebt, darf auf Erlösung hoffen und kann sich glücklich schätzen. Ihm ist verheißen, dass er nach seinem Tod ins Paradies gelangen wird. Wer gegen Gottes Gebote verstößt, lädt Schuld auf sich, doch kann er Gnade und Vergebung erbitten. Jahwe ist ein transzendenter Gott, jenseits menschlichen Begreifens, er leitet die Geschicke der Menschen von oben in unerforschlicher Weise. Dem Judentum gehören heute weltweit etwa 13 Millionen Menschen an, die meisten in Nordamerika und in Israel.

Zarathustra (628–551)

Etwa zu der Zeit, als der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem eroberte, machte bei den Persern ein Mann namens Zarathustra von sich reden. Die Perser waren damals noch Vasallen der Meder, aber sie waren sozusagen schon im Aufbruch. Etwa 50 Jahre später gründete ihr König Kyros ein eigenes Reich, das sich zu einer Weltmacht entwickeln sollte. Zarathustra, den die Griechen Zoroaster nannten, kam in der Nähe des heutigen Teheran auf die Welt und um seine Jugend ranken sich sagenhafte Geschichten von Wundern und Vorzeichen. Mit zwanzig Jahren zog er sich in die Einsamkeit zurück und mit dreißig hatte er eine Offenbarung. Ahura Mazda, der „weise Herr“, erschien ihm und händigte ihm das Avesta, das Buch des Wissens und der Weisheit aus. Fortan fühlte er sich als Prophet des einen Gottes, Ahura Mazda (griechisch Ormuzd), dessen Wort er verkündete. Er verwarf den Aberglauben und das Opferwesen und wandte sich gegen die „Magier“, die Priester.

Ahura Mazda

Ahura Mazda mit seinem Reich des Guten, der Wahrheit, des unendlichen Lichts, ist allwissend und allgegenwärtig, aber nicht allmächtig, denn gegen ihn wirkt Ahriman, der böse Geist mit seinem Reich des Bösen, der Lüge und der Finsternis. Als Ahura Mazda das Leben schuf, schuf Ahriman den Tod. Die Welt ist die Stätte des Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen (Dualismus), am Ende aber wird der gute Gott siegen.

Freie Wahl

Der Mensch, als Geschöpf Ahura Mazdas, gehört von Natur aus dem Reich des Guten an. Aber er hat in jedem Augenblick seines Lebens die Möglichkeit zur freien Entscheidung. Jeder einzelne Mensch, der in Freiheit und eigener Verantwortung die Wahl zwischen Gut und Böse trifft, bestimmt damit nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern auch das der Welt. Denn jede gute Tat erhöht die Macht Ahura Mazdas und jede böse Tat hilft Ahriman und verzögert so den Endsieg des Lichts. Als Lebensgrundsatz galt die „heilige Trias“: Gute Gedanken – gute Worte – gute Werke. Für die Perser war Wahrheitsliebe, das Vermeiden der Lüge, das oberste Gebot. Darüber staunten die Griechen, ebenso wie über die persische Ritterlichkeit gegen Feinde und ihre Milde gegenüber Besiegten.

Avesta

Im Avesta stand die „goldene Regel“, von der noch öfter die Rede sein wird, im Mittelpunkt: „Jenes Wesen allein ist gut, das nichts einem anderen antut, was für es selbst nicht gut wäre.“ Der Mensch habe eine dreifache Pflicht: „… den Feind zum Freund zu machen, den Bösen gerecht und den Unwissenden gebildet.“ Die größte Tugend ist die Gottesfurcht und so ist die Verehrung Gottes durch Reinigung, Opfer und Gebet die oberste Pflicht. War der Perser in Gottesfurcht und Wahrheitsliebe ein treuer Streiter Ahura Mazdas gewesen, brauchte er den Tod nicht zu fürchten und gelangte ins Paradies. Die ruchlosen Seelen aber erwartete im Jenseits Hölle und Fegefeuer mit Qualen bis an das Ende der Welt. Der Mensch ist frei, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Wer tugendhaft lebt und für das Gute kämpft findet sein Glück in der Verheißung, nach seinem Tod ins Paradies zu gelangen.

Zarathustras Lehre

Als Zarathustra begann, seine Lehre zu verkünden, stieß er zunächst auf Widerstand, vor allem der Priester, die ihn auch zeitweise einkerkerten. Es gelang ihm aber, die Gunst des Königs zu gewinnen – er heilte dessen Lieblingspferd – und den Herrscher und seine Gemahlin zu dem neuen Glauben zu bekehren. Doch fehlte es trotzdem nicht an Gegnern und Kämpfen und in einer dieser Auseinandersetzungen soll Zarathustra den Tod gefunden haben. Zarathustras Lehre breitete sich rasch aus. Später soll auch König Kyros einer ihrer Anhänger gewesen sein und schließlich, unter König Dareios I., wurde sie zur Staatsreligion. Das dauerte einige Generationen, dann kam neben der Verehrung Ahura Mazdas auch immer mehr der Kult des alten Sonnengottes Mithra auf, der auch noch später im römischen Reich Anhänger fand. Die Religion Zarathustras wurde zurückgedrängt und schließlich durch die Invasion der Mohammedaner ganz ausgeschaltet. Nur bei einer kleinen Gruppe von Anhängern hat sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten, bei den Parsen in Indien, die bekannt sind für ihre hohe Moral und ihren edlen Charakter.

Laotse (604–530)

Noch zu Lebzeiten Zarathustras kam im fernen chinesischen Staate Tschu (in der heutigen Provinz Honan im nördlichen China) ein Mann namens Li auf die Welt. Er wuchs dort auf und wurde schließlich Geschichtsschreiber des Staatsarchivs. Später gab man ihm den Beinamen Lao Tse, das bedeutet „der alte Meister“. Laotse lebte lange in Tschu. Er sah jedoch, wie sein Heimatstaat mehr und mehr verfiel und beschloss schließlich, davon zu ziehen. Als er an den Grenzpass kam, sprach ihn der Passaufseher an: „Ich sehe Herr, dass Du in die Einsamkeit gehen willst. Ich bitte dich, schreibe deine Gedanken in einem Buche nieder.“ Und Laotse schrieb ein Buch mit dem Titel „Tao-Te-King“, („Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend“). Dann zog er von dannen und niemand weiß, wo er geendet hat.

Yin und Yang

Tao bedeutet „Weg“ und ist ein alter Begriff aus der frühen chinesischen Religion, in der Naturverehrung und Ahnenverehrung eine große Rolle spielten. Das Universum besteht aus Himmel und Erde, aus dem männlichen, schöpferischen, hellen Prinzip, das man Yang nennt, und dem weiblichen, empfangenden und gebärenden, dunklen Prinzip, das als Yin bezeichnet wird. Die beiden gegensätzlichen Grundkräfte, Yin und Yang, gestalten die Welt und der Mensch muss sein Leben im Einklang mit ihnen einrichten, er muss in einer Welt des ewigen Wandels sein Tao finden und ihm folgen.

I Ging

Die Tao-Lehre ist im I Ging, dem „Buch der Wandlungen“ enthalten, der ältesten Aufzeichnung über chinesisches Denken, ja vielleicht über philosophisches Denken überhaupt. Wen-Wang, einer der Gründer der Chou-Dynastie, soll es um etwa 3000 v. Chr. im Gefängnis geschrieben haben. Dieser legendäre Kaiser erfand die acht mystischen Trigramme, in denen die Haupttugenden mit den Gesetzen und Elementen der Natur in Verbindung gebracht werden. Die verschiedenen Linien der Trigramme symbolisieren die polaren Kräfte Yin und Yang. Im Wechselspiel der 64 Kombinationen liegt alle Weisheit des Lebens verborgen, wer sie beherrscht, begreift alle Gesetze der Natur. Für die Chinesen war das I Ging ein Handbuch der Lebensweisheit und der Weissagung.

Tao

Laotses Philosophie knüpft an die alte Weisheit des I Ging an. Für ihn bedeutet Tao allerdings nicht nur „Weg“, es bedeutet zugleich „Vernunft“, mehr noch, es ist der unfassliche Urgrund der Welt, das Gesetz aller Gesetze, das Maß aller Maße. Es ändert sich selbst nicht und ist doch die Ursache aller Veränderungen. Es ist in allem und in ihm ist alles. Es ist Ursprung und Ziel aller Dinge und aller Erkenntnis, es ist das „Absolute“. Das Tao ist unbegreiflich und nicht nennbar. Laotse beteuert: „Ich weiß seinen Namen nicht, nenne es aber Tao.“ In dieser mystischen Auffassung liegt auch der Gedanke der letzen Einheit, des göttlichen Seins, jenseits des Dualismus von Yin und Yang. Da das Tao unfassbar ist, ist das höchste, was wir an Erkenntnis erlangen können, die Gewissheit unseres Nichtwissens. „Erkennen des Nichterkennens ist das Höchste“ (Mensching).

Selbsterkenntnis

Wenn wir das Tao auch nicht erfassen können, so können wir seiner doch in der Stille innewerden, indem wir demütig und hingegeben sein Walten in der Natur erfühlen und zum Richtmaß auch unseres menschlichen Lebens machen. Dazu ist es notwendig, dass wir uns auch im Getriebe der Welt innerlich dem öffnen, was Erde und Himmel durchwaltet. So kommen wir zu Ruhe und Erleuchtung. „In Einheit mit dem Tao leben, heißt zugleich Tao erkennen“ (Störig). Erkenntnis des Tao wird nicht von außen erworben, sondern erwächst aus dem Inneren. Und nur mit dem Erkennen des Tao ist die eigentliche Selbsterkenntnis möglich. „Wer andere kennt, ist klug; wer sich selbst kennt, ist erleuchtet“ (Jaspers). Aus der Selbsterkenntnis aber erwächst die Welterkenntnis: „Ohne aus der Tür zu gehen, kannst du die Welt erkennen …“

Weisheit

Um das Tao zu finden, muss man den Intellekt ausschalten, und einfach und zurückgezogen leben. Wissen bedeutet nicht Weisheit, nichts steht einem Weisen ferner als ein „Intellektueller“, der zwar viel redet und immer neue Ideen entwickelt, aber unfähig ist zu handeln. Nicht Vielwissen, sondern Einfachheit und Einfalt machen die Menschen glücklich. „Die Neigung, alles zu reglementieren, zerstört das kosmische Gleichgewicht und das berechnende Denken löst den Menschen aus seiner harmonischen Beziehung zur Natur“ (Höffe). So meint Laotse, die Herrscher der alten Zeit, die es verstanden, im Sinne des Tao zu wirken, versuchten nicht, das Volk klug zu machen, sondern es zur Einfalt zu bringen. Denn wenn es zu viel Wissen habe, sei das Volk schwer zu lenken.

Der Weise

Laotses Ideal ist nicht der fromme Gläubige, sondern der reife und abgeklärte Geist, der Mensch, der zu Einfachheit und Schweigen zurückkehrt, obwohl er fähig wäre, eine bedeutende Stellung in der Welt einzunehmen. Der vollkommene Mensch ist bescheiden, falls er mehr weiß als andere, so sucht er es zu verbergen, er ist nicht auf Glanz aus. Reichtum und Macht sind für ihn ohne Bedeutung. Er wünscht, nicht zu wünschen. Und er ist selbstlos. „Wer andere überwindet, hat Stärke; aber wer sich selbst überwindet, ist tapfer.“ Wer verzichtet, gewinnt. Und der Weise spricht nicht von der Weisheit, auch nicht vom Tao, denn Weisheit kann niemals durch Worte, sondern nur durch Beispiel und Erfahrung vermittelt werden. „Wer das Tao kennt, redet nicht; wer redet, kennt das Tao nicht.“ Wer so in Gleichmut und Vollkommenheit im Tao wandelt, ist durch keine Gefahren oder Verlockungen mehr zu erschüttern.

Wu Wei

Das Kennzeichen des vollkommenen Menschen ist die Stille, eine Art philosophischen Nicht-Handelns, die Weigerung in den natürlichen Ablauf der Dinge einzugreifen. Dieses „Wu wei“ (wörtlich: Nicht-Eingreifen) bedeutet Handeln durch Geschehenlassen, „das Steuer des Lebens jener Macht zu überlassen, die eine Dimension von uns selbst ist“, dem Tao (Fischer). Oder einfacher ausgedrückt: Man soll über ein Problem nicht nachgrübeln, es genügt, es sich anzusehen ohne darüber nachzudenken und den Rest getrost dem Tao zu überlassen. Wenn Handeln erforderlich ist, werden wir spontan durch Intuition dazu angeregt. „Gemeint ist nicht Passivität, sondern ein Handeln, das dank Anerkennung der gegebenen Ordnung ohne Mühen ins Ziel gelangt.“ Nicht-Handeln siegt öfter als Handeln. „Vergilt Feindschaft durch Tugend … behandle auch den Nicht-Guten gut, denn so erlangt er Güte … behandle auch den Nicht-Wahrhaftigen wahrhaftig, denn so erlangt er Wahrhaftigkeit“, lehrt Laotse.

Regierung

Wirken durch Nicht-Tun, durch anstrengungsloses, gelöstes Ruhen im Tao, ist das Gebot nicht nur für den Weisen, sondern auch für den Regierenden. Ohne viel Worte, ohne viel Gesetze, Ge- und Verbote, nur durch die Ausstrahlung seines eigenen ruhevollen und tugendhaften Seins soll der Herrscher regieren. Aber Regieren durch Nichttun „kann nur dem gelingen, der das Regieren nicht begehrt.“ Wer die Macht begehrt und Angst hat, sie zu verlieren, kann nicht wahrhaft regieren (Jaspers).

Glück

Der Weise strebt danach, einfach, bedürfnislos, zurückgezogen und selbstlos zu leben. So erlangt er Gleichmut und Vollkommenheit. Er lebt im Einklang mit dem Tao und in Harmonie mit der Natur. Die Lebenskunst des Tao erfordert, dass man mit seinen Gedanken Vergangenheit und Zukunft meidet, und nur in der Gegenwart verweilt, den Geschehnissen ihren Lauf lässt ohne Widerstand zu leisten und sich zugleich innerlich von allen Bindungen befreit. Dann lebt man glücklich und gelassen im Heute.

Konfuzianismus

Laotse selbst meinte, dass nur wenige berufen sind, den Weg der Tugend zu beschreiten. Und in der Tat hat die reine Lehre des Tao-Te-King kaum Nachfolge gefunden. Das Leben Chinas wurde vielmehr für lange Jahrhunderte von einer Geistesrichtung bestimmt, die ebenfalls zu jener Zeit entstand, die dem Taoismus verwandt und doch in wesentlichen Punkten von ihm verschieden ist: vom Konfuzianismus.

Konfuzius (551–479)

Wenn die unsicheren Lebensdaten stimmen, dürfte Laotse etwa 50 gewesen sein, als in dem kleinen chinesischen Fürstentum Lu im Süden der heutigen Provinz Schantung ein Mann namens Kung-fu-tse („Meister aus dem Geschlecht Kung“) geboren wurde, besser bekannt unter der lateinischen Form seines Namens: Konfuzius. Er stammte aus einer verarmten Adelsfamilie und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Mit 19 heiratete er, er hatte einen Sohn und zwei Töchter. Mit 23 ließ er sich allerdings wieder scheiden. Er wird als groß und von kräftiger Gestalt geschildert. Mit 22 begann seine Laufbahn als Lehrer, indem er sein Wohnhaus als Schule einrichtete. Bald hatte er großen Zuspruch und im Laufe der Jahre wurden tausende junger Männer seine Schüler und verbreiteten seinen Ruhm. Als Lehrer war er altmodisch und formell, er achtete auf Distanz, den Regeln der Höflichkeit und Etikette maß er großes Gewicht bei. Seine Schüler lehrte er Klarheit und Ehrlichkeit im Denken und im Ausdruck. Mit 33 unternahm er eine Reise in die Hauptstadt. Er soll dabei auch Laotse besucht haben.

Lebensregeln

Konfuzius lebte in einer Zeit, in der die staatliche Einheit Chinas vom Zerfall bedroht war. Die Fürsten der kleinen Staaten bekämpften einander und in ihren Ländern versuchten sie mit Gewalt die Ordnung aufrecht zu erhalten. In diesen chaotischen Verhältnissen neigten viele Gebildete dazu, sich aus dem aktiven Leben zurückzuziehen, sie widmeten sich lieber der Kontemplation und der Betrachtung des Schönen. Konfuzius hielt nichts von dieser Zurückgezogenheit, die auch Laotse so sehr am Herzen lag, und zu dessen Philosophie des Nicht-Handelns stand er in direktem Gegensatz, indem er das praktische Handeln betonte. Für Laotse hatte der Begriff des Tao eine mystisch – metaphysische Dimension. Konfuzius aber knüpfte vor allem an das moralische Motiv an das im alten Tao-Begriff lag. Er baute den „Weg“ im Einzelnen durch genaue Vorschriften des rechten Verhaltens aus. Konfuzius wollte die Menschen lehren, wie man richtig leben und gut zusammenleben soll. Das war nach seiner Meinung nicht mit Gewalt zu erreichen, vielmehr mussten die Menschen aus eigener Einsicht so weit kommen. Er glaubte an das Gute im Menschen; das Böse entspringe nur einem Mangel an Einsicht. Konfuzius wollte die alten Traditionen erneuern und die Menschen dadurch wieder auf den rechten Weg führen. Denn er war überzeugt, dass das politische Chaos seiner Zeit seine Ursache in dem bestehenden moralischen Chaos hatte.

Erkenntnis und Wissen

„Indem die Alten die ursprünglich reine Natur des Menschen auf der ganzen Erde leuchten lassen wollten, ordneten sie zuerst ihren Staat; indem sie ihren Staat ordnen wollten, einigten sie zuerst ihre Familien; indem sie ihre Familien einigen wollten, bildeten sie zuerst ihre Person. Wer seine Person zu bilden bedacht ist, muss sein bewusstes Seelenleben in Ordnung bringen; um das Seelenleben in Ordnung zu bringen, muss man die Ideen wahrmachen; um die Ideen wahr zu machen, muss die Erkenntnis ans Ziel kommen. Das Ziel der Erkenntnis beruht auf dem Erfassen der Wirklichkeit.“ In dieser berühmten Stelle aus der „Großen Wissenschaft“ kommt der Grundgehalt der konfuzianischen Philosophie und ihr Bemühen, eine vollständige Anleitung zum Leben zu geben, zum Ausdruck. Anders als Laotse hielt Konfuzius viel davon, die Menschen nach Wissen streben zu lassen. Dadurch würde ihr Denken aufrichtiger werden, ihre Herzen würden von maßlosen Wünschen gereinigt. Durch Wissen, Aufrichtigkeit und die Macht des Beispiels werden auch die Familien geordnet und damit ihrerseits den Anstoß zu einer sozialen Ordnung geben, die eine erfolgreiche Regierung ermöglicht. So liegt der Weisheit Anfang im Menschen selbst. Die Grundlage der Gesellschaft ist der disziplinierte Einzelmensch in einer geordneten Familie.

Der Edle

Der Edle, wie Konfuzius sein Idealbild des Menschen nannte, verkörpert drei Tugenden: Verstand, Mut und guten Willen. Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst, der Gemeine stellt Anforderungen an die anderen Menschen. Der Edle ist bescheiden und passt sich dem Weg der Mitte an. Er empfindet Zuneigung zu allen Menschen, obwohl er immer auf einen gewissen Abstand bedacht ist. Er ist aufrichtig und bemüht sich um Klarheit, Wahrheit und Würde. Uneingeschränkt ist der Edle jener Maxime verpflichtet, die man später die „Goldene Regel“ nannte, von der schon bei Zarathustra die Rede war und die auch in den folgenden Jahrhunderten von großen Denkern immer wieder in der einen oder anderen Form ausgesprochen wurde. Konfuzius hat sie so formuliert: „Was du selbst nicht wünschest, tu nicht den anderen“.

Familie

Konfuzius wollte die Grundbeziehung der Menschen zueinander wieder in Ordnung bringen. Treue und Aufrichtigkeit geben diesen Beziehungen Dauer und Halt. Treue ist auch die Grundlage der Freundschaft. Die Freunde, die man sich auswählt, sollten wenigstens so gut sein, wie man selbst ist. Aber es beginnt in der Familie, mit dem rechten Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Die Kinder schulden den Eltern Ehrerbietung und Gehorsam. Über diesem Gesetz des Gehorsams steht nur noch das Gesetz der Moral. „… wenn der Befehl falsch ist, sollte ein Sohn sich seinem Vater widersetzen und ein Minister sich seinem obersten Herrn.“ Es muss aber sicher eine sehr schwerwiegende Gewissensentscheidung sein, um eine Einschränkung der beherrschenden Loyalität gegenüber der Familie zu rechtfertigen. Die Familienbande sind stärker als alle anderen gesellschaftlichen Bindungen.

Soziale Bindung

Das Wesen des Menschen kann sich nur in menschlicher Gemeinschaft voll entfalten. Der Einzelne wird nur durch die Tugenden der Gemeinschaft zum Menschen. Dazu ist Ordnung notwendig. Die Ordnung wird durch die Sitten („Li“, Gebote des Benehmens) erhalten. Die Li bedeuten die ständige Erziehung aller. „Mensch wird, wer sein Selbst überwindend sich in die Schranken der Gesetze und der Sitte begibt“ (Jaspers). Der Konfuzianismus betont deshalb auch die Pflichten, weil der Mensch in ein Netz sozialer Beziehungen eingebunden ist und menschliche Tugenden sich nur in Beziehung zu anderen Menschen entfalten.

Staat

Die Werte der patriarchalischen Familie wollte Konfuzius auch auf den Staat übertragen wissen und er legte Wert auf die überkommenen Rituale, ohne die eine Gesellschaft nicht auskommt. Der eigentliche und tatsächliche Träger der politischen Ordnung ist das Volk, denn jede Regierung, die nicht sein Vertrauen genießt, muss früher oder später fallen. Der oberste Grundsatz einer guten Regierung ist die Aufrichtigkeit, und ihr wirksamstes Mittel ist das gute Beispiel. Durch solche Selbstverantwortung muss sie die rechten Männer an sich ziehen und diese dann wirken lassen. Konfuzius’ Argument, dass man durch schlechte Regierung den „vom Himmel gegebenen Auftrag“ verwirkt, hat manchem Aufstand in der chinesischen Geschichte zur Rechtfertigung gedient.

Politiker

Obwohl Konfuzius durchaus politischen Ehrgeiz hatte, wollte er doch nur eine Stellung annehmen, die er mit seinen moralischen Grundsätzen vereinbaren konnte. So dauerte es bis zu seinem 50. Jahr, bis er Gelegenheit hatte, als Justizminister und Kanzler seines Heimatstaates seine Grundsätze in der Praxis umzusetzen und er soll dabei außerordentlich erfolgreich gewesen sein. Als sein Fürst sich zum Wohlleben verleiten ließ und sich von Konfuzius’ Politik abwandte, verließ Konfuzius enttäuscht seinen Heimatstaat und begab sich 13 Jahre lang auf Wanderschaft. Er zog von Staat zu Staat, um irgendwo seine politischen Grundsätze verwirklichen zu können. In einem Gedicht klagte er: „Die Menschen sind ohne Einsicht, schnell vergehen die Jahre“ (Jaspers).

Ende

Mit 68 kehrte er schließlich in seinen Heimatstaat zurück. Dort regierte inzwischen ein neuer Fürst, der ihn ehrenvoll zurückberief. Die restlichen fünf Jahre seines Lebens verbrachte er in gelehrter Abgeschlossenheit mit Dichtkunst und Philosophie. Er widmete sich der Herausgabe klassischer Schriften. So gab er auch das „I Ging“, das „Buch der Wandlungen“ neu heraus und kommentierte es. Von ihm selbst sind keine Schriften erhalten. Seine Schüler haben die Gespräche mit ihm überliefert und in dem Buch „Lun – yu“ aufgezeichnet. Konfuzius starb, nachdem er seinen Tod selbst vorausgesagt hatte, in seinem 73. Jahr und wurde von seinen Schülern mit großem Pomp begraben.

Glück

Eine Anleitung zu persönlichem Glück findet sich nicht unter den Lebensregeln des Konfuzius. „Treue gegen sich selbst und Gütigkeit gegen andere: darin ist alles befasst“, war seine Maxime. Selbsterziehung und Streben nach Tugend sind seine Ideale. „Weisheit macht frei von Zweifeln, Sittlichkeit macht frei von Leid, Entschlossenheit macht frei von Furcht.“ Nicht nach ferner Vollkommenheit geht sein Streben, hier und heute muss sich jeder bewähren: „Der Weg war das Ziel“. Im Zentrum des konfuzianischen Denkens steht die Einheit und Harmonie des Ganzen. Der Einzelne, der seine Tugenden nur in Beziehung zu anderen entfalten kann, ist deshalb der Gesellschaft verpflichtet.

Agnostiker

Konfuzius’ Philosophie war auf praktische Lebensführung und vernünftige Regierung gerichtet. Von mystischen Betrachtungen hielt er nichts. Vom Jenseits können wir nichts wissen, meinte er. Er war also ein „Agnostiker“. Doch ermahnte er seine Schüler, an den traditionellen Riten des Ahnenkults und der Verehrung des Himmels festzuhalten. „Nur der Himmel ist groß“, sagte er. Der Himmel, das war für Konfuzius kein persönlicher Gott, sondern eine unpersönliche Macht. Und unpersönlich war das von ihm gesandte Schicksal. „Das ist Bestimmung“, ist des Konfuzius oft wiederholte Wendung. Die Menschen müssen ihre Rolle im Leben hinnehmen. „Tod und Leben ist Bestimmung“. Der Tod wird ohne Erschütterung hingenommen. Der metaphysische Aspekt seiner Philosophie beschränkte sich darauf, nach Einheit in allen Erscheinungen zu suchen und eine dauerhafte Harmonie zwischen den Regeln des rechten Verhaltens und dem Ablauf der Natur zu finden.

Konfuzianismus

Konfuzius war an seinem Ende enttäuscht darüber, dass die Regierenden so wenig auf seine Lehre hörten und seine Grundsätze nicht beachteten. Er ahnte nicht, dass seine Gedanken später um so mehr Anhänger fanden und er, wie manche meinen, der einflussreichste Philosoph wurde, der je gelebt hat (Störig). Der Konfuzianismus beherrschte China 2000 Jahre lang, bis zum Ende seiner politischen Macht im Jahre 1912. „Mit Hilfe dieser Philosophie entwickelte China ein harmonisches Gemeinschaftsleben, eine glühende Bewunderung des Lernens und der Weisheit und eine ausgeglichene und stete Kultur … sie verlieh der Nation und jedem ihrer Bürger eine Würde und Tiefe, wie sie sonst nirgends in der Welt und in der Geschichte wieder erreicht worden sind“ (Durant).

Chinesische Religion

Die beiden Glaubensrichtungen des Taoismus und des Konfuzianismus haben sich heute gegenseitig so durchdrungen, dass zwischen ihnen kein scharfer Trennungsstrich mehr gezogen werden kann. Man spricht vom „Chinesischen Universismus“ (Fiedler). Bei beiden Lehren liegt der Akzent auf dem Diesseits, beide nehmen das Individuum nicht so wichtig. Der Mensch ist für sie ein winziger Teil des Großen Ganzen, im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Je mehr sich der Einzelne in Harmonie mit dem Universum befindet, desto näher ist er der Unendlichkeit. In dieser Harmonie liegt der Lohn, nicht in himmlischen Freuden als Anreiz für ein tugendhaftes Leben. Früher standen sich der Konfuzianismus mit seiner Aufforderung zur Aktivität und der Taoismus mit seiner passiven Haltung feindlich gegenüber. Die Chinesen in ihrer betont praktischen Art haben sich aus beiden Glaubensrichtungen die Elemente heraus gesucht, die ihnen für die Lebensbewältigung am geeignetsten erschienen. Der „Chinesischen Religion“ gehören heute rund 1300 Millionen in der Volksrepublik China und weitere rund 175 Millionen Menschen in Vietnam, Südkorea, Taiwan, Nordkorea und Laos an.

Buddha (560–480)

Etwa zur gleichen Zeit als Konfuzius in China wirkte, war in Indien ein Weiser unterwegs um eine neue Lehre zu verkünden, die zwar auch nicht mit den alten Traditionen brach, aber doch zu neuer Erkenntnis führen sollte.

Veda

Rund 1000 Jahre vorher waren in Indien vom Norden her Eroberer eingedrungen, die sich selbst „aryas“, Arier, nannten. Die hellhäutigen Eroberer stießen auf dunkelhäutige, sesshafte Ureinwohner und deren Naturreligion. Die alten Götter wurden von den neuen Herren aber nicht verdammt, sondern neben den eigenen integriert. In den folgenden Jahrhunderten sind religiöse Schriften entstanden, die man unter der Bezeichnung „Veda“ („Wissen“) oder „die Veden“ zusammengefasst hat. Es waren die Handbücher der Priester, nach denen die Opferhandlungen vollzogen wurden. Aus diesen frühen Schriften sind die „Upanishaden“ hervorgegangen, die die Gedanken und Lehren vieler Weiser enthalten und von denen Schopenhauer später sagte: „Es ist die belohnendste und erhebendste Lektüre, die in der Welt möglich ist. Sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein.“

Götter

Im Rigveda, dem ältesten Teil der Veden, wird das Leben der Indoarier geschildert. Sie waren ein kriegerisches Volk von Bauern und Handwerkern, sie glaubten an Götter, die für sie die Kräfte der Natur verkörperten: Wischnu, der Sonnengott, der Schöpfer und Erhalter und seine Gemahlin Lakshmi, die Göttin der Schönheit und des Glücks, Agni, der Feuergott, Indra, der über Donner und Blitz gebietet. Im Rigveda wird auch die Suche nach einem Urgrund der Welt erkennbar, ob nicht hinter der Vielzahl der Götter eine letzte, alles umfassende Einheit verborgen ist.

Kasten

Die Indoarier bildeten eine Herrenschicht über den Ureinwohnern und daraus entwickelten sich soziale Einrichtungen, die bis heute das indische Leben prägen: Das Kastensystem (mit Fürsten, Königen, Kriegern, Freien und „Unberührbaren“, den Parias) und die bevorzugte Stellung des Priesterstandes, der „Brahmanen“. Im unübersichtlichen indischen Götterhimmel waren die Brahmanen unverzichtbare Führer und durch ihren Einfluss die mächtigste Kaste.

Brahman Atman

In den Upanishaden sind die Lehren des Brahmanismus enthalten. „Brahman“ (ursprünglich „Gebet“ oder „heiliges Wissen“) wird zu einem umfassenden Begriff für das allgemeine, schöpferische Weltprinzip, die große Weltseele, aus der alles hervorgegangen ist und in der alles ruht. Es ist der Urgrund aller Dinge. Der andere zentrale Begriff des Brahmanismus ist „Atman“ (ursprünglich „Hauch oder „Atem“), der unser eigenes Ich, den innersten Kern unseres eigenen Selbst bezeichnet, das was wir Seele nennen. Brahman und Atman aber, so lehren die Upanishaden, sind im Grunde eins. „Die (nichtindividuelle) Seele oder Kraft in uns selbst ist mit der unpersönlichen Seele der Welt identisch“ (Durant). So liegt der Zugang zum Wesen der Welt tief in unserem eigenen Innern, wir können ihn durch Versenkung erschließen. Die Welt der Dinge in Raum und Zeit ist demgegenüber unwesentlich, ist nur Trugbild und Illusion, ist „Maya“.

Seelenwanderung Kharma

Die Frage, was aus dem Menschen nach seinem Tode wird, beantworteten die Upanishaden mit der Lehre von der Seelenwanderung. Nachdem die Seele den Leib abgeschüttelt hat, ergreift sie einen anderen Anfang. Je nach den im jetzigen Leben angesammelten Werken („Kharma“) kann sie auf niederer Stufe, um für vergangene Missetaten Buße zu tun, oder auf höherer Stufe wiedergeboren werden. Die Bewährung im letzten Leben bestimmt die Situation, in die ein Mensch hineingeboren wird, er hat also sein Schicksal selbst verursacht und keinen Grund sich zu beklagen. Doch kann er durch seine Lebensführung sein künftiges Schicksal beeinflussen und eine gute Wiedergeburt bewirken oder gar zu einem Ende des Kreislaufs von Leben und Tod gelangen.

Buddhas Leben

In diese indische Welt hinein wurde im Jahre 560 v. Chr. Siddharta Gautama geboren. Er war der Sohn des Fürsten von Kapilavastu, eines kleinen Landes im Süden des Himalajas, etwa 160 Kilometer nördlich von Benares. Sein Vater ließ ihn in Pracht und Reichtum erziehen und war bemüht, ihn von den Übeln der Welt fernzuhalten. Eines Tages aber, er war damals 29, kam Siddharta beim Gang durch die Gassen der Stadt doch mit Elend und Unheil in Berührung und wurde von dem Gedanken gepackt, dass ja Alter, Krankheit und Tod auch vor ihm nicht Halt machen würden. Da beschloss er, sich auf die Suche nach der Erlösung vom Leid der Welt zu machen. In der gleichen Nacht noch verließ er seine schlafende junge Frau und seinen neugeborenen Sohn. In einem fremden Land, in Uruvela, ließ er sich nieder. Sechs Jahre lang übte er sich in strengster Askese bis er nur noch Haut und Knochen und mit Schmutz bedeckt war. Schließlich sah er ein, dass Kasteiung und Selbsterniedrigung ihn nicht weitergebracht hatten. Er ließ sich unter einem schattigen Baum nieder und wartete dort auf die Erleuchtung. Da überkam ihn eine Vision, wie der endlosen Folge von Tod und Wiedergeburt, diesem unablässigen Strom des Leidens, Einhalt geboten werden kann. Siddharta war nun zum Erleuchteten, zum „Buddha“ geworden und er zog aus, seine Lehre zu verkünden.

Lehre

Nach Buddhas Lehre ist alles leiderfüllt („duhkha“), und es ist alles unbeständig („anicca“). Weder der Einzelmensch noch das Universum weisen ein Selbst („anatta“) auf. Individualität und Persönlichkeit, die im westlichen Denken eine so große Rolle spielen, hält der Buddhismus für fundamentale Täuschungen, im Haften am „Ich“ sieht er die Ursache allen Leids. Buddha lehrte „die vier heiligen Wahrheiten“: Alles Leben ist Leiden, die Ursache des Leidens liegt in den Begierden, im „Durst“. Wenn wir die Begierden zum Schweigen bringen, erreichen wir die Aufhebung des Leidens und unterbrechen die Kette der Wiedergeburten. Der Weg zu dieser Befreiung ist „der heilige achtteilige Pfad“: auf die richtige Weise erkennen, denken, reden, handeln, streben, sein Leben führen und sich versenken. Als seine Schüler ihn baten, seine Auffassung vom rechten Leben näher zu beschreiben, nannte Buddha die „Fünf Sittengesetze“: 1. Töte kein Lebewesen. 2. Nimm nicht, was Dir nicht gegeben. 3. Sprich nicht die Unwahrheit. 4. Trinke keine berauschenden Getränke. 5. Sei nicht unkeusch. Und auch Buddha lehrte, wie Laotse und später Jesus: „Überwinde den Zorn durch Herzlichkeit, Böses durch Gutes … Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf; Hass hört durch Liebe auf!“

Nirwana

Wer die „vier heiligen Wahrheiten“ erkannt und den achtfachen Pfad beschritten hat, wird ein Heiliger („arhat“) und kann bereits im Leben „Nirwana“ erreichen, die vollständige Gemütsruhe, die dem Erlöschen der Gier und der Befreiung vom Ich-Wahn folgt. Nach seinem Tod erreicht er Paranirwana, das endgültige Nirwana und wird aus dem Kreislauf der Wiedergeburten („samsara“) erlöst.

Religion ohne Dogma

Buddhas ursprüngliche Lehre ist kein Dogma, eher eine Philosophie als eine Religion, er kennt keinen Schöpfergott, jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden, ohne Priester, ohne Ritus, er muss ins eigene Innere blicken und dort das richtige Verhältnis zu sich und seinen Mitmenschen erkennen. Dann findet er zu einem Leben, das bestimmt wird von Toleranz, Demut und Ehrfurcht gegenüber anderem Leben und dem gesamten Kosmos, dann kann er Angst, Hass und Gier überwinden. Zurückhaltung und Selbstzucht führen zur Harmonie mit dem Ganzen. Buddha, ein Mann von starkem Willen, gebieterisch und stolz, doch freundlich und voller Güte, behauptete, er sei erleuchtet, aber er gab nie vor, dass ein Gott aus ihm spreche. Über Ewigkeit, Unsterblichkeit oder Gott diskutierte er nicht. Frömmigkeit und Zufriedenheit lag für ihn einfach im selbstlosen, wohltätigen Leben. Er kümmert sich um das Verhalten, nicht um Metaphysik. Er glaubte an die Existenz der Götter, da sie Teil seiner Kultur waren, doch er glaubte nicht, dass sie den Menschen viel nützen könnten (Armstrong). Buddha verwirft jeden Kult, seine Religion ist frei von Dogma und Priesterherrschaft, sein Weg zur Erlösung ist allen zugänglich. Die Erleuchtung, die er gewonnen hat, ist nicht übernatürlichen Ursprungs, sondern gehört zur menschlichen Natur. Mit der Technik des Yoga kann der Mensch das Bewusstsein für seine innere Welt schärfen. Buddha empfahl seinen Schülern eindringlich, sich selbst zu retten, anstatt sich auf einen Gott zu verlassen. „Buddha lehrt die Selbsterlösung des Menschen durch eigene Kraft, zeigt den Weg und gibt das Vorbild. Er hilft dem Menschen sich selbst zu helfen“ (Jaspers).

Gott

Buddha selbst hatte die Vorstellung von einem Gott zurückgewiesen, zu dem man beten und von dem man Hilfe erwarten könne. Für ihn war das Ideal der Mensch, der zu niemandem Zuflucht sucht als zu sich selbst. Nach seinem Tode wurde Buddha aber schon bald wie ein Gott verehrt. Der Buddhismus wurde zu einer Kirche mit Dogmen und Liturgie. Es entstanden Mönchsgemeinschaften, deren Mitglieder Heimat und Familie verlassen hatten und im gelben Mönchsgewand umherzogen. Sie hatten die erlösende Erkenntnis erreicht, wollten und wünschten nichts mehr in dieser Welt.

Glück

Buddha lehrte Befreiung durch Einsicht. Glückseligkeit ist weder hier noch in einem Jenseits möglich. Nur Friede ist möglich, nur „die kühle Stille beendeter Sehnsucht“ (Durant), das „Nirwana“. Der Sinn des Lebens liegt nicht in der Anhäufung materieller Güter, sondern im Gegenteil, in der Überwindung des Wunsches nach Besitztümern und der Auflösung der Persönlichkeit im alles umfassenden Nichts. Der Mensch kann sich selbst erlösen, durch eigene Kraft, er kann Erleuchtung erlangen, aus seiner Natur heraus, ohne göttliche Hilfe.

Buddhismus

Von Indien aus verbreitete sich der Buddhismus über die ganze asiatische Welt. Heute leben die über 500 Millionen Buddhisten vor allem in China, Burma, Thailand, Ceylon und Japan, dort in der Form des Zen-Buddhismus.

Hinduismus

In Indien selbst, das den Buddhismus hervorgebracht hat, ist er heute nahezu erloschen. Dort ist die vorherrschende Religion der Hinduismus, der die Tradition des Brahmanismus fortsetzt. In Indien, in Nepal und in Bangladesh leben die über 800 Millionen Hindus.

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