Die Pizza-Philosophie - Cristiano Cavina - E-Book

Die Pizza-Philosophie E-Book

Cristiano Cavina

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8,99 €

Beschreibung

Mit seiner Pizza-Philosophie kehrt der italienische Starautor zu seinen Wurzeln zurück: Er stammt aus einer traditionsreichen Familie von Pizzabäckern und hat dieses Handwerk selbst mühsam erlernt. Eigentlich, so Cavino, ist Pizzabacken seine erste große Liebe. Die Anfänge sind steinig und fordern, wie alles, das man mit Kunstfertigkeit betreibt, große Übung und Hingabe. Am Ende jedoch ist das Backen befriedigender als der große Ruhm. Anhand der Fertigung einer echten italienischen Pizza philosophiert Cavino über das Leben, die Liebe – und natürlich verschiedene Beläge für einen knusprigen Boden. Das Lesen selbst macht dieses Büchlein zu einer Selbst-Erfahrung der Achtsamkeit und Entschleunigung.

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EPUB

Seitenzahl: 199

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Zum Buch

Mit seiner Pizza-Philosophie kehrt der italienische Starautor zu seinen Wurzeln zurück: Er stammt aus einer traditionsreichen Familie von Pizzabäckern und hat dieses Handwerk selbst mühsam erlernt. Eigentlich, so Cavina, ist Pizzabacken seine erste große Liebe. Die Anfänge sind steinig, sie fordern mühselige Übung und brennende Leidenschaft, wie alles, was man mit Kunstfertigkeit betreibt. Am Ende jedoch macht das Backen einfach nur glücklich. Während er eine echte italienische Pizza zubereitet, philosophiert Cavina über das Leben, die Liebe – und natürlich über den perfekten Belag für einen knusprigen Boden.

Zur Autorin

CRISTIANO CAVINA wurde 1974 in Casola Valsenio nahe Bologna geboren. Er ist der Verfasser zahlreicher Romane und Erzählungen. Mit »Die Pizza-Philosophie. Italienische Anleitung zum Glücklichsein« kehrt er zu seinen Wurzeln zurück und lässt den Leser an seiner großen Leidenschaft am Pizzabacken teilhaben.

Cristiano Cavina

Die Pizza-Philosophie

Italienische Anleitung zum Glücklichsein

Aus dem Italienischen von Julika Betz

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die italienische Originalausgabe erschien 2014

unter dem Titel »La pizza per autodidatti« bei Marcos y Marcos, Mailand.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Marcos y Marcos published by arrangement with [email protected]

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © shutterstock/martiapunts; Cat_arch_angel

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

MR · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-17894-9V001www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

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Dieses Buch wäre nie zustande gekommen, gäbe es nicht meinen Onkel: Antonio Norrito, Inhaber der Pizzeria »Il Farro« in Casola Valsenio, via Roma 76/A, Tel.: +39-0546-76007, geöffnet Mittwoch bis Montag, Dienstag Ruhetag; alle Pizzas auch zum Mitnehmen.

(Besser, ich gebe alles an, sonst regt mein Onkel sich gleich wieder auf.)

Seit fast fünfundzwanzig Jahren schlage ich mich nun schon mit meinem Onkel herum – außer dienstags, da ist Ruhetag. Er besitzt eine Menge Charakterschwächen, ist ein verdammter Dickschädel und vielleicht etwas zu direkt, wenn es darum geht, seine persönlichen Ansichten zum Besten zu geben; gleichzeitig ist er aber auch ein couragierter Mann, der sich sein berufliches Umfeld geschaffen hat, ohne jemals um etwas zu bitten oder etwas einzufordern. Mir hat er das Nützlichste und Sinnvollste mitgegeben, was ein Erwachsener einem Kind geben kann: Er hat mir einen Beruf beigebracht.

Daher widme ich dieses Buch meinem Onkel Antonio Norrito, Inhaber der Pizzeria »Il Farro« in Casola Valsenio, via Roma 76/A usw.

INHALT

MURPHYS GESETZ FÜR HOBBYPIZZABÄCKER

PIZZA – DIE GESCHICHTE EINER BESONDEREN LIEBE

WER BIN ICH?

PRAKTISCHES HANDBUCH FÜR HOBBYPIZZABÄCKER

KURZES GLOSSAR DER FACHBEGRIFFE

DER OFEN

UNTERSCHIEDLICHE PIZZAS FÜR UNTERSCHIEDLICHE ÖFEN

DER TEIG

DAS ZIEHEN (ODER AUSZIEHEN) DER PIZZA

DER PIZZABELAG

DAS EINSCHIESSEN DER PIZZA

DAS BACKEN DER PIZZA

SERVIERFERTIG

EINIGE PIZZAIDEEN

PIZZAS MIT KRÄUTERN UND GEWÜRZEN

SPELEOLOGENPIZZAS

NOCH MEHR PIZZAS

DIE ORIGINAL NEAPOLITANISCHE PIZZA (G.T.S.)

SÜSSE PIZZAS

SÜSSE PIZZAS MIT VERGESSENEN OBSTSORTEN

TRAKTAT VON DER PSYCHOLOGIE DER PIZZA

ANEKDOTEN AUS DEM LEBEN EINES PIZZABÄCKERS (WENN ER DA IST)

DIE ERÖFFNUNG DER PIZZERIA »IL FARRO«

WAS EIN PIZZABÄCKER ALLES ERLEBT – WENN ER DA IST

EIN PIZZABÄCKER GEGEN SANDOKAN

DER PIZZABÄCKER UND DIE NOBELPREISTRÄGERIN

SCHICKSAL

MURPHYS GESETZ FÜR HOBBYPIZZABÄCKER

Du bist grundsätzlich zu spät dran.

Auch wenn du sie noch so intensiv anstarrst – die Pizza wird deshalb nicht schneller fertig.

Starrst du sie nicht an, verbrennt sie.

Hat dein Ofen während des Backvorgangs zu wenig Hitze, bewegen sich die Zeiger der Uhr keinen Millimeter von der Stelle.

Bist du zu spät dran, bleibt die Zeit im Inneren des Ofens stehen. Für die hungrigen Gäste hingegen rast sie nur so dahin.

Ist die Pizza trotz niedriger Temperatur endlich fer3dass Jahre vergangen sind. Spinnweben ziehen sich über Uhr und Wand, deine Kinder sind inzwischen erwachsen und verheiratet. Ständig steht ein nervender Winzling im Weg, der dich Opa nennt, während du dich nur noch daran erinnern kannst, was du dir zuletzt vorgenommen hattest: »Die Temperatur ist zwar nicht optimal, aber für zwei Margheritas wird es schon reichen …«

Klappt alles wie am Schnürchen, ist niemand da, der das merken könnte.

Doch kaum zeichnet sich auch nur das geringste Problem ab, taucht wie aus dem Nichts ein schadenfroher Zuschauer an deiner Seite auf.

Immer dann, wenn es dringend ist, will das Brennholz nicht zünden.

Kannst du es kaum erwarten, einen neuen Belag auszuprobieren, will niemand ihn haben.

Beschließt du aber, ihn von der Karte zu nehmen, schreien alle danach.

Ist ein Belag ausgegangen, egal welcher, kannst du sicher sein, dass die Gäste genau nach diesem einen fragen.

Willst du jemandem mit der Pizza imponieren, die dir am besten gelingt, geht ausgerechnet dann alles schief, was nur schiefgehen kann.

Grundsätzlich mögen alle Menschen Pizza. Die Person, die sie zubereitet, jedoch eher selten.

Dem Pizzabäcker wird grundsätzlich erstmal mit Skepsis begegnet.

Grundsätzlich sind alle Menschen der Überzeugung, wir Pizzabäcker verfolgten nur ein einziges Ziel: ihnen den Abend zu verderben.

Steht das Bestellte nach fünf Minuten immer noch nicht auf dem Tisch, verhalten sich alle Gäste grundsätzlich so, als säßen sie auf dem elektrischen Stuhl.

Machst du einen auf Angeber, fällst du gnadenlos durch.

Redet euch bloß nicht ein, ihr könntet einen Menschen allein durch Pizza glücklich machen.

Lasst euch nicht unterkriegen: Fehler gehören nun einmal zum Leben.

PIZZA – DIE GESCHICHTE EINER BESONDEREN LIEBE

Mit dem Pizzabacken verhält es sich ähnlich wie mit der Liebe: Es muss einem leichtfallen.

Wenn du merkst, dass es dich Mühe kostet, stimmt etwas nicht.

Was mich angeht, lag es immer ausschließlich an mir, wenn es in einem dieser beiden Bereiche nicht klappte, doch ich war ein zu unruhiger Geist und immer viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um mir das wirklich einzugestehen.

Das Rezept für die perfekte Liebe werde ich vielleicht nie ergründen, doch wie man eine gute Pizza zustande bringt – das zumindest habe ich inzwischen raus.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und bei einigen Dingen braucht es eben seine Zeit, bis wir sie kapieren.

Als ich vor zwanzig Jahren das Pizzabacken erlernte, war ich ein Grünschnabel und ganz sicher nicht der Hellste.

Die Pizza verfolgte mich sogar in meine Träume.

Ich war überzeugt davon, dass die Teigkugeln ihre Nächte damit zubrachten, sich Streiche auszudenken. Jeden Tag gelang es ihnen aufs Neue, mich reinzulegen und vor den anderen bloßzustellen.

Bei meinem Onkel Antonio genügten fünf Bewegungen mit dem Teigroller und der Boden hatte seine kreisrunde, flache Pizzaform.

Bei mir lag nach langem Abmühen unter meinem Nudelholz nichts weiter als ein quadratischer Teigklumpen, der seitlich schräg nach oben abstand. Meine Pizzas sahen aus wie Sprungschanzen.

»Das ist das erste Mal, dass ich eine eckige Pizza esse«, gestanden meine Gäste.

Wollte ich den Boden mit Tomatensauce bestreichen, landete sie überall, nur nicht dort, wo sie hinsollte, und wenn es Zeit war, die Pizza einzuschießen, weigerte sie sich, den Bewegungen meiner Pizzaschaufel zu folgen: Der Boden war festgeklebt, und jeder Versuch, ihn loszulösen, war zwecklos.

Ich hatte das Gefühl, es mit Tapetenkleister zu tun zu haben und nicht mit Mehl.

Als Erstes versuchte ich mich an einer Pizza, die in unserer Speisekarte den Namen Trikolore trägt: ein mit etwas Öl kurz im Ofen angebackener Boden, der mit frischen Tomaten, Mozzarella und Basilikum belegt wird.

Eine relativ leichte Pizza; man musste nur einmal pusten, und schon schwebte sie durch die Lüfte.

Mit Schwung schaufelte ich den Teig auf den Pizzaschieber und staunte, dass es so einfach geklappt hatte.

Diese Pizza war tatsächlich leicht wie eine Hostie.

Nach drei Wochen, die ich nun schon in der Pizzeria arbeitete, konnte ich zum ersten Mal wieder lächeln. Lang genug hatte es gedauert. Denn das Lachen war mir bereits am ersten Arbeitstag vergangen.

Plötzlich freute ich mich wie ein Schneekönig, und mich durchströmte ein Glücksschauer, wie man ihn empfindet, wenn man zum ersten Mal etwas ganz automatisch tut, von dem man gar nicht wusste, dass man es überhaupt kann.

Dann versuchte ich, die Pizza in den Ofen gleiten zu lassen, indem ich mit dem vorderen Schaufelrand leicht gegen den Steinboden stieß, so wie mein Onkel es mir gezeigt hatte.

Als beim vierten Stoß noch immer nichts passierte, gefror mir das Lächeln im Gesicht. Ich musste mich ordentlich anstrengen, weiter zu grinsen, um nicht aufzufallen.

Meine Trikolore wollte beim besten Willen nicht von der Schaufel rutschen.

Ich fühlte das Glühen meiner erhitzten Wangen. Meine Kiefermuskeln begannen zu krampfen, und mir brach der Schweiß aus. Die Gäste glotzten mich schon alle an. Überhaupt das ganze Lokal starrte auf mich. Ich konnte ihre Blicke in meinem Rücken regelrecht spüren, dazu musste ich mich nicht mal umdrehen.

Das kennt man ja, kaum läuft etwas schief, sind alle Scheinwerfer auf einen gerichtet.

Wie wild hieb ich mit der Pizzaschaufel gegen den feuerfesten Stein. Die Gäste dachten vermutlich, ich würde mindestens einen Mammutbaum fällen. Noch immer hatte ich dieses Grinsen im Gesicht, doch nun ähnelte es eher einer Gesichtslähmung.

In meiner Verzweiflung versetzte ich dem Pizzaschieber einen letzten, etwas stärkeren Stoß, in der Hoffnung, die Pizza irgendwie runterzubekommen. Der Teig blieb, wo er war, ohne sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle zu bewegen, der Belag hingegen gab meinem Stoß nach: Er flog als kompakte Masse in den Ofen, wo er lustig vor sich hin brutzelte.

Sogar der Pizzabelag hatte es auf mich abgesehen.

So oder so ähnlich endete es jedes Mal.

Ich hatte beim Pizzabacken einfach kein Glück.

Und fabrizierte eine Katastrophe nach der anderen, genau wie bei den Frauen. In Liebesdingen war ich nicht gerade eine Leuchte, vielleicht weil ich noch nie richtig verliebt gewesen war.

Ohnehin hatte ich den Beruf des Pizzabäckers nicht selbst gewählt. Das mit der Pizza und mir war am Anfang eher so etwas wie eine arrangierte Ehe. Eine Geschichte, wie man sie aus Teenagerzeiten kennt, wenn du mit einem Mädchen gehst, nur weil deine Schulkameraden auf dich eingeredet haben, dass du sie doch endlich fragen sollst.

Hinter meinem Rücken hatte das Schicksal alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mir zu einem Onkel mit Unternehmergeist zu verhelfen.

Ja, das Schicksal war sogar so weit gegangen, Antonio Norrito, besagten geschäftstüchtigen Onkel, in Tunesien aufzustöbern, wo er als Sohn sizilianischer Immigranten zur Welt gekommen war.

Es ist schon erstaunlich, welche Umwege das Schicksal nehmen muss, damit bestimmte Dinge in unserem Leben überhaupt erst möglich werden.

Als mein zukünftiger Onkel Norrito zehn war, zog seine Familie von Tunis nach Rom, wo sein Vater, Don Raffaele, einen kleinen Laden eröffnete, in dem er Schuhe reparierte und Mofa-Zündspulen neu aufwickelte.

Sein Laden trug keinen Namen, denn es gab keinen zweiten seiner Art, der diese beiden Dienstleistungen miteinander zu verbinden verstand.

Doch so leicht lässt das Schicksal sich nicht abschütteln. Selbst in Rom machte es Antonio Norrito ausfindig, hielt ein wachsames Auge auf ihn, während er langsam erwachsen wurde, und behielt ihn auch dann noch im Blick, als er Rom den Rücken kehrte, um als Schichtarbeiter auf den neuen Bohrinseln vor Ravenna anzufangen, wo man Erdgas aus den Tiefen der Adria förderte.

Seine freien Wochen verbrachte er in den Tanzlokalen von Marina di Ravenna, und selbst bei diesem Trubel harrte das Schicksal ungerührt aus wie ein stummer Türsteher.

In Marina di Ravenna ging auch Mariangela Cavina, genannt Bella, tanzen, die ältere Schwester meiner Mutter.

Das Schicksal wollte es, dass die beiden sich ausgerechnet dort trafen und ineinander verliebten.

Ich war eineinhalb Jahre alt, als die beiden heirateten.

Antonio Norrito wurde bei der SIP angestellt und zog erneut für vier Jahre nach Rom, bis er schließlich, einer Eingebung seines noch immer unausgereiften Unternehmergeistes folgend, kündigte. Er entschied, sich mit Sack und Pack in der Romagna niederzulassen: in Casola Valsenio. Damit war meine Zukunft besiegelt.

Frisch aus der Hauptstadt angekommen versuchte er sein Glück zunächst mit einer Schweinezucht.

Er konnte nicht wissen, was für ein grandioser Geschäftspartner ihm in Gestalt meines Großvaters Giovanni Cavina, genannt Gianì, beschert werden sollte.

Gemeinsam betrieben sie die Schweinezucht. Und scheiterten hoffnungslos, dank Großvater Gianì, in dessen Händen sich, ganz im Gegensatz zu König Midas, nicht alles, was er anpackte, in Gold verwandelte, sondern – wie soll ich sagen – in das genaue Gegenteil von Gold; etwas, das man nicht in den Kellern von Banken deponiert, sondern in den Tiefen einer Kloschüssel.

Die wenigen Ersparnisse, die beim Fiasko mit der Schweinezucht nicht draufgegangen waren, investierte Onkel Antonio in den Erwerb einer Lizenz zum Gabelstaplerfahrer: Ihm war eine Festanstellung versprochen worden, sobald er eine entsprechende Fahrgenehmigung nachweisen konnte. Die Zusage hatte ihm einer der obersten Chefs des Bauunternehmens VIC gemacht, das damals gerade im Industriegebiet von Casola an der Errichtung einer riesigen Fabrikanlage zur Herstellung von Gipsplatten beteiligt war.

Man schrieb das Jahr 1984, und das heutige Industriegebiet von Casola war nicht mehr als ein von Pfirsichbäumen und Rebstöcken gesäumtes Asphaltrechteck.

Als mein Onkel seine Lizenz schließlich in Händen hielt, musste er feststellen, dass die versprochene Stelle inzwischen anderweitig vergeben worden war.

Ich glaube, dies war der Moment, da der Unternehmergeist endgültig von ihm Besitz ergriff. Er schwor sich, nie wieder für jemand anderen zu arbeiten. In Zukunft würde er nur noch sein eigener Chef sein.

Er schleuderte seine Gabelstaplerlizenz in die nächstbeste Hecke, und als Tircheo sein Lokal »Bar di Sopra« zum Verkauf anbot, sprach Onkel Antonio bei allen Bankfilialen der westlichen Romagna vor, um einen Kredit zur Finanzierung der Schanklizenz zu beantragen.

Niemand wollte ihm diesen Kredit bewilligen – außer Barone Maurizio Isola, Filialleiter der »Credito Cooperativo« in Casola, der seit fünfzehn Jahren keinen Abend ausließ, um in besagtem Lokal von 18.20 Uhr bis 18.40 Uhr Großvater Gianì beim Kartenspiel abzuziehen.

Man spielte um Kaffee. Und niemand hat jemals den Barone einen einzigen Kaffee zahlen sehen.

Wer weiß, vielleicht entsprach die Höhe des von ihm bewilligten Kredits in etwa dem Betrag, den mein Großvater all die Jahre über beim Kartenspiel an ihn verloren hatte.

1986 wurde die »Bar di Sopra« neu eröffnet.

Es war ein ungewöhnliches Lokal, das sich über zwei Stockwerke und ein Kellergeschoss erstreckte.

Neben und hinter dem Gebäude lag der Kinosaal der Pfarrgemeinde.

Im Untergeschoss gab es außer einer schalldicht gepolsterten Telefonzelle, die an die Isolierzelle einer psychiatrischen Anstalt erinnerte, eine lange Holzbohle, die an der Wand festgeschraubt war.

Im Erdgeschoss befand sich der eigentliche Gastraum mit seiner langen Teakholztheke und einer Handvoll treuer Stammgäste, die sich an ihre Weingläser klammerten, während es im ersten Stock bis auf die sanitären Anlagen und einen Kamin rein gar nichts gab – abgesehen von vergilbten Fotos an den Wänden, die Italien als WM-Sieger 1934 und 1938 zeigten.

Im Untergeschoss brachte mein Onkel die Lampen in Ordnung und stellte Tische auf; den ersten Jugendlichen, die das Lokal betraten, drückte er Dosen mit Lackfarbe in die Hand und erteilte ihnen die Erlaubnis, die Wände nach Belieben zu beschmieren.

Für den ersten Stock organisierte er Billardtische, Spielautomaten und Flipper.

Das Lokal schloss nun erst spät in der Nacht und öffnete schon am frühen Morgen, wenn die Jäger und Pilzsammler, die das ganze Jahr über die Gegend aufsuchten, bereits wach waren.

Mein Onkel führte Toast in Casola ein und die für Rom typischen Tramezzini, die unsere Art zu frühstücken revolutionierten.

Zwischen 1988 und 1990 war die »Bar di Sopra« ständig überfüllt, sodass es schwierig war, überhaupt einen Platz zu ergattern. Sie war zum Treffpunkt der Dorfjugend geworden. Mein Onkel und sein Barmann Tatulli verbrachten ihre Zeit damit, immer neue Bierfässer aus dem Lager heraufzuschleppen.

Im Sommer half ich immer aus. Normalerweise übernahm ich gemeinsam mit Tatulli die letzte Schicht. Samstags wurde es oft drei Uhr morgens, bis wir mit Putzen fertig waren und endlich abschließen konnten. Gegen halb vier waren wir bereits in Faenza, wo wir im »Spaghetti Notte«, das durchgehend geöffnet hatte, noch schnell einen Happen aßen, dann fuhren wir weiter nach Ravenna, zum »Saint Louis«, einem Stripperclub, in den Tatulli mich einschleuste, indem er mich als seinen achtzehnjährigen Neffen ausgab.

Damals war ich vierzehn und noch Ministrant.

Sonntags um neun stand ich schon wieder hinter dem Altar und tat meinen Dienst als Messdiener. Ich wusste nichts von der Welt und erst recht nicht, was ich später mal werden wollte, hin- und hergerissen wie ich war zwischen Stripperinnen und sonntäglichen Predigten.

Irgendwann verlegte die Dorfjugend schließlich ihren Treffpunkt in eines der anderen neun Lokale von Casola, auch deswegen, weil mein Onkel mit der Zeit seiner Funktion als Barbetreiber überdrüssig geworden war, besonders ab dem Moment, als ihm aufgefallen war, dass es in Casola nur eine einzige Pizzeria gab, was seinen Unternehmergeist erneut entfacht hatte.

Er begann, über die Neugestaltung des Raumes im ersten Stock zu phantasieren.

Inzwischen war Billard aus der Mode gekommen; stattdessen war das goldene Zeitalter der Atari-Computerspiele angebrochen.

Also reichte mein Onkel bei der Gemeinde einen Projektentwurf für die Umgestaltung des Raumes ein und erhielt die Genehmigung.

Die Billardtische wurden durch Tische und Stühle ersetzt, die Spielautomaten mussten Kühlvitrinen weichen.

Für einen Pizzaofen reichte der Platz nicht aus, und so riss er kurzerhand die Trennwand zwischen seinem Lokal und dem angrenzenden Kinosaal ein, der schon jahrelang nicht mehr als solcher genutzt worden war. Das einen Meter zehn hohe Mauerstück, das stehen blieb, wurde zur Arbeitsfläche umfunktioniert.

Jenseits des Mauerstücks befand sich der ehemalige Vorführraum.

Mein Onkel kriegte es hin, im angrenzenden Labor, wo ursprünglich beschädigte Filmspulen wiederhergerichtet worden waren, die Küche und eine Toilette unterzubringen.

Das war der Beginn.

So viel Aufwand nur dafür, damit es Anfang des Sommers 1993 zu jener schicksalhaften Begegnung zwischen mir und der Pizza kommen konnte.

Ich war neunzehn und hatte gerade die Fachoberschule für Elektrotechnik abgeschlossen. Mein Abschlusszeugnis nützte mir nicht zu viel mehr als zum Zufächeln kühler Luft, und so fand ich mich, mit einem Nudelholz bewaffnet, hinter der Theke meines Onkels wieder.

Als Teenager ist die Vorstellung, Pizzabäcker zu werden, alles andere als cool, es sei denn, man fühlt sich wirklich dazu berufen oder braucht dringend Geld.

Das Pizzabacken gehört zu jenen Tätigkeiten, die viele nur vorübergehend ausüben, zum Beispiel in den Sommermonaten oder zur Überbrückung, bis etwas Besseres kommt.

Die Arbeitszeiten eines Pizzabäckers überschneiden sich exakt mit den Stunden, zu denen der Rest der Welt Feierabend macht. Mit etwas Glück bekommst du einen Tag in der Woche frei, Samstag und Sonntag natürlich ausgenommen.

Mit deinen Freunden abends ausgehen, das kannst du dir sowieso abschminken, und wenn der Sommer kommt und sich alles am Strand trifft, bist garantiert du der Erste, der sich verabschiedet, und zwar dann, wenn es gerade erst richtig losgeht. Oder du beschließt von vornherein, dich auszuklinken.

In meinem Leben schien es nicht vorgesehen, dass mir noch etwas Besseres beschieden sein würde, und außerdem brauchte ich Geld. Das Schicksal hatte so viel Aufwand betrieben, um mich mit der Pizza zusammenzubringen, da war es nur eine logische Folge, dass Holzofen und Hefe Teil meines Lebens werden würden – und so nahm ich das Angebot meines Onkels an.

Während der ersten Jahre meiner Zwangsehe mit der Pizza lebte ich in ständiger Angst zu versagen und mit dem Frust, keine andere Perspektive zu haben.

Vormittags hatte ich frei, doch da war ich der Einzige; für meine Freunde begann das richtige Leben erst nach siebzehn Uhr, genau dann, wenn ich zur Arbeit ging.

Nach und nach aber spielten die Dinge sich etwas ein.

Man darf nicht vergessen, dass wir in einem kleinen Dorf wohnen. Über Mittag hatten wir geschlossen, und ich konnte es so einrichten, dass ich nur eine Stunde später als meine Freunde in der Disko eintraf, denn wir machten nicht allzu spät zu.

Nachdem ich einige Jahre als Pizzabäcker gearbeitet hatte, beschloss mein Onkel eines Tages, sich etwas aus dem Geschäft zurückzuziehen und nur noch in der Funktion als Kellner und Eigentümer aufzutreten. Ab diesem Moment übernahm ich das Kommando.

Und erst da, in weißer Montur und an vorderster Front, begriff ich, dass ich mein Metier doch ganz gut beherrschte.

Zur Qualität meiner Pizzas kann ich nicht viel sagen, das ist eine Frage des Geschmacks. Dem einen schmeckt der Teig, dem anderen nicht. Aber ich habe festgestellt, dass ich ganz gut bin, was das ganze Drumherum betrifft.

Ich bekam es hin, das gesamte Lokal und den Lieferservice allein zu managen.

Und gleichzeitig Pizzas zu backen, Teig auszurollen, zu belegen und neue Bestellungen anzunehmen, ohne den Überblick zu verlieren.

Ganz ähnlich verhält es sich, wenn ich vor meinem Computer sitze. Mal abgesehen vom Ergebnis, das ich nicht zu bewerten habe und auch nicht bewerten will, waren dies die beiden einzigen Orte in meinem Leben, wo ich mich nicht fehl am Platz fühlte oder früher oder später eine nicht wiedergutzumachende Katastrophe fabrizierte.

Mit der Zeit hatte ich eine ganze Menge Kniffe gelernt und war in der Lage, mich aus den Fallstricken des Pizzabackens herauszumogeln.

Und von da an begann ich meinen Beruf zu lieben.

So oder so ähnlich mussten sich meine Freunde fühlen, die schon als Kinder gute Fußballer gewesen waren.

Die jene Selbstsicherheit besaßen, den Ball mit einem weiten Bogen über die Mauer dorthin platzieren zu können, wohin sie ihn haben wollten.

Mir war das nie gelungen.

Bis heute kriege ich das nicht hin.

Genauso schlecht bin ich beim Kartenspiel oder Blumengießen. Alle Pflanzen gehen bei mir entweder ein, weil ich sie in Wasser ertränke, oder sie vertrocknen.

Ich kann den Mund nicht halten, ich bin nicht gut im Kopfrechnen, und ich erkenne die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht, selbst wenn ich sie noch so deutlich sichtbar vor der Nase habe.

Doch gebt mir einen Ofen, etwas Mehl und Teig, und ich mache euch daraus, was immer ihr wollt.

Selbst mit verbundenen Augen. Oder mit auf dem Rücken verschränkten Armen, wie Jimi Hendrix in Woodstock.

Ich mache mir um meine Arbeit keinen Kopf. Es ist nicht so, wie wenn du dich abmühst zu erkennen, wann der richtige Moment ist, das Mädchen zu küssen, mit dem du ausgegangen bist. Wenn du in der ständigen Panik lebst, sie könnte den Kopf wegdrehen, sobald deine Lippen sich ihrem Mund nähern.

Ich weiß einfach, wie es geht. Das ist alles.

Nach zwanzig Jahren war auf wundersame Weise aus der arrangierten Ehe eine Liebesbeziehung geworden.

WER BIN ICH?

Zehn Jahre nachdem ich meine Karriere als Pizzabäcker angetreten hatte, beschloss ein Verlag, eines meiner Bücher zu veröffentlichen.

Ich hatte mit achtzehn Jahren zu schreiben begonnen; damals betrieb mein Onkel noch seine Bar. Mit vierzehn hatte ich mit Freunden in einer Rockband gespielt, doch vier Jahre später hatte ich eingesehen, dass ich an der Gitarre nie besonders gut sein würde und dass die Verpflichtungen eines angehenden Barmanns sich mit denen eines Rockstars nur schwer in Einklang bringen ließen.

Die Lust am Gitarre spielen war mir vergangen.

Heutzutage ist es einfach, in einer Band zu spielen: Du gibst den Titel eines Songs auf Youtube ein, dazu dein Instrument und »Solo«, und schon bekommst du 3000 Videos, die dir zeigen, was du zu spielen hast. 1987 war das noch anders.

Man schloss sich in seinem Zimmer ein, legte eine Platte auf und hörte sich das Solo so oft an, bis man die ganze Passage im Ohr hatte.

Ich hatte es schon bald satt, meine Nachmittage im Zimmer zu verbringen.

Ohne die Musik hatte ich plötzlich wieder eine Menge freier Zeit, vor allem nachmittags.

Meine Mutter meinte, ich hätte diese Zeit besser zum Lernen nutzen sollen.

Im Prinzip keine schlechte Idee, aber auch das Lernen war eine Art Training, an der ich schnell die Lust verloren hatte, so ungefähr ab der 3. Klasse.

Nicht lange nachdem ich die Band geschmissen hatte, fiel mir an einem Mittwochnachmittag, an dem ich untätig herumsaß, weil der Bar-Kühlschrank bereits aufgefüllt war, eine Schreibmaschine ins Auge.

Meine Mutter und meine Tante hatten darauf irgendwelche Geschäftspapiere getippt und sie danach auf dem Tisch stehen lassen.