Die Präsenz - Kat und Steve Nolte - E-Book

Die Präsenz E-Book

Kat und Steve Nolte

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Beschreibung

Industriekultur trifft H. P. Lovecraft! Dreißig Jahre ist das Grubenunglück auf Maria Kunigunde her. Und dennoch verfolgt der Vorfall den Ex-Polizisten Tillmann Bünting noch immer. Was hat er in jener Nacht unter Tage gesehen? Einen heimtückischen Angriff aus der ewigen Dunkelheit – oder lediglich Trugbilder, ausgelöst von der eigenen Angst? Mysteriöse Ereignisse während der Eröffnung des Zechenmuseums lassen alte Wunden aufbrechen. Zusammen mit der Volontärin Sarina sucht Tillmann nach Ursachen und stößt auf unerklärlichen Widerstand. Wie weit reicht der Einfluss der mächtigen RuhrMöhneDeposit AG? Und was lauert dort im Schoß der Erde, mehr als tausend Meter unter Dortmund?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


 

HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

05/2022

 

Die Präsenz

 

© by Kat & Steve Nolte

© by Hybrid Verlag

Westring 1

66424 Homburg

 

Umschlaggestaltung: © 2022 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco

Lektorat: Paul Lung, Matthias Schlicke

Korrektorat: Petra Schütze

Buchsatz: Lena Widmann

Autorenfoto: privat

 

Coverbild ›Wonders Macht‹

© 2018 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Der Sündenfresser‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Das Geheimnis von Talmi’il‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg, Artwork © by Mika Jänisen

Coverbild ›Teufelsmeer‹

© 2020 by BG-Coverdesign

 

ISBN 978-3-96741-131-7

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

Printed in Germany

 

 

Kat & Steve Nolte

 

Die Präsenz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Horror

 

 

Prolog

Erster Teil

Der Steiger kommt nicht mehr

I

II

III

IV

Zweiter Teil

V

VI

VII

Mysteriöser Einsatz: Eliteeinheit hilft bei Grubenunglück!

VIII

IX

Absturz eines Helden – Ex-Elitepolizist vom Dienst freigestellt

X

XI

XII

Dritter Teil

XIII

XIV

Invasion der Grubenaliens

XV

XVI

Epilog

DIE AUTOREN

Hybrid Verlag …

 

Prolog

 

Kupferdreh, 12.11.1814

 

Das kleine Haus stank nach Krankheit, Verfall und Rauch. Trotz des draußen tobenden Herbststurmes und der ungemütlichen Temperaturen dieses unheilvollen Tages war es heiß in der kleinen Kammer, die der Bergmann Hans Schulte bewohnte. Die ungewaschenen Körper, die sich um sein Krankenbett versammelt hatten, trugen ihr Übriges zu schlechtem Geruch und übermäßiger Hitze bei.

Der Steiger und die anderen, die Hans vor einigen Stunden hergebracht hatten, trugen noch immer ihre Arbeitsklamotten. Inzwischen getrocknet, stanken sie dennoch alle wie nasse Köter.

Auf dem Krankenbett warf Schulte sich hin und her. Er zählte keine zwanzig Jahre, sah aber aus wie ein Greis. Noch heute Morgen war er ein kräftiger junger Mann gewesen, jetzt aber wirkte er blass und ausgemergelt. Als streckte der Schnitter bereits seine knochigen Finger nach ihm aus.

Den Steiger schauderte es. Knochige Finger, loderndes Licht, ein Donnergrollen. Er selbst hatte nichts davon gesehen, nein. Er selbst wusste den Blick abzuwenden, wenn er kam.

Für einige Augenblicke waren die keuchenden Atemzüge des jungen Bergmanns, das Schluchzen seiner Verlobten, die vor seiner Bettstatt kniete und seine fahle Hand hielt, und das Prasseln des Regens auf den Dachschindeln die einzigen Geräusche. Die Kumpel wechselten betretene Blicke. Sahen ihren Steiger furchtsam an.

Er erwiderte die Blicke mit gespielter Gelassenheit. Nickte langsam und bedächtig, beruhigend und väterlich. Eigentlich dauerte ihre Schicht noch an und ein bisschen kam es ihm vor, als versteckten sie sich hier vor dem Direktor der Zeche Himmelsfürster Erbstollen, um ihm nicht erklären zu müssen, warum fünf gesunde Männer um das Bett eines einzelnen im Fieberwahn der Hysterie Versunkenen herumstanden.

Doch der Steiger wusste es besser. Sie würden heute nicht mehr einfahren, und dabei fürchteten sie nicht den Direktor, diesen alten Menschenschinder. Heute saß ihre Furcht tiefer als die übliche Sorge um den Arbeitsplatz, der die Familie ernährte, so hart und schmutzig das Tagwerk auch sein mochte.

Heute fürchteten sie sich auf einer anderen Ebene.

Heute fürchteten sie um ihr Seelenheil.

Draußen blitzte es hell, dann fuhr ein knallender Donnerschlag vom Himmel herab und die Kumpel zuckten zusammen.

»Will der Herrgott uns denn derartig strafen? Was haben wir denn nur verbrochen?«, schluchzte das Mädchen und drückte die Hand ihres Verlobten noch fester.

»Was ist denn nur passiert?«, fragte sie zum sicherlich hundertsten Mal an diesem verteufelten Nachmittag.

Der Steiger blieb ihr abermals die wahre Antwort schuldig. »Es muss die Platzangst sein, Kind. Das passiert Bergleuten manchmal. Die Stollen sind eng und dunkel.«

»Aber Hans ist doch seit Jahren Bergmann. Er hat sich nie beklagt. Der geborene Kumpel sei er, das hat er immer betont.«

Ein Großmaul ist er, dein Hans. Aber es stimmte: Bis heute hatte er nie auch nur eine Beschwerde von seiner Seite vernommen. Damit war er die große Ausnahme unter den Kumpeln.

Der Steiger zuckte die Schultern. »Wir können nur hoffen, dass der Doktor bald kommt. Keine Sorge, Mädchen, wir legen zusammen.«

Er wollte es dabei belassen, als nun einer der anderen Männer mit geballten Fäusten vortrat.

Er zitterte und seine Augen blitzten beinahe so irre wie die von Hans Schulte Stunden zuvor. Als sie ihn orientierungslos da unten gefunden hatten. Brabbelnd. Sabbernd. Stammelnd.

»Was ist, Caspar?«, grollte der Steiger mit einem warnenden Unterton in der Stimme, den der Angesprochene überhörte.

»Sag es ihr. Sag ihr, was passiert ist!«

»Willst du wohl dein Maul halten?«, knurrte ein anderer Kumpel und fasste Caspar am Arm, doch dieser riss sich los.

»Sie muss es wissen! Und ich auch!«, sagte der Bergmann und machte einen Schritt auf den Steiger zu, der bereits nach seiner Spitzhacke griff.

»Ich weiß nicht mehr als du, sie oder er«, knurrte der Steiger und deutete nacheinander auf Caspar, das Mädchen und den Bettlägerigen.

»Das kannst du dem Pfaffen erzählen, du Stadt- und Landlügner, du! Du bist länger da unten als wir alle zusammen. Du musst etwas wissen! Rück schon raus, Alter!«

Der Steiger verengte die Augen.

Draußen grollte der Donner.

»Deine eigentümlichen Beleidigungen kannst du dir in den Arsch schieben. Und wenn du nicht deine Schnauze hältst, steck ich dir meine Spitzhacke gleich dazu, du räudiger Hund!«

»Du Troll, du Troll, du Troll, du«, murmelte Hans mit einem Mal, setzte sich auf und beendete das Streitgespräch, bevor jemand handgreiflich werden konnte.

Das Bettlaken rutschte herunter und entblößte eine ehemals kräftige Brust, die seltsam eingefallen wirkte. Seine Haut war weiß und mit kleinen schwarzen Punkten besprenkelt. Gewiss Kohlenstaub, auch wenn der Steiger noch nie Kohlenstaub gesehen hatte, der sich dergestalt auf der Haut absetzte.

Alle sahen den Irren wie gebannt an.

»Hans, was hast du?«, fragte seine Verlobte, die ebenso kreidebleich geworden war wie ihr Liebster. Seine Hand hielt sie weiter fest umklammert.

Hans schien sie nicht zu sehen. Ein Speichelfaden hing ihm von den blutleeren Lippen, als er ein breites Grinsen sehen ließ.

Nein, nicht seine Verlobte blickte er an.

Er sah direkt in den gusseisernen Brennofen, in dem die Kohlen glühten.

»Tief aus der Erde, dort wo die Trolle und Zwerge leben«, sagte Hans mit seligem Lächeln und glasigem Blick. Er blinzelte nicht.

Draußen blitzte es erneut. Seltsame Schatten tanzten dem bleichen Bergmann über Gesicht und Brust.

»Wovon redet er?« Nur ein heiseres Flüstern entrang sich der Kehle des Mädchens. Ihre rotgeweinten Augen sahen den Steiger schockiert an.

Der schüttelte nur den Kopf. Wie seine Leute war er unbewusst einen halben Schritt zurückgewichen, als Hans zu sprechen begonnen hatte. In der engen Kammer stieß er mit dem Rücken an die nächste Wand. Er schluckte.

»Er hat irgendetwas gesehen da unten«, flüsterte einer der Kumpel.

»Den Berggeist von Kupferdreh«, fügte ein anderer hinzu.

»Viele Kumpel haben ihn bereits gesehen. Man sagt, er sei ein ehemaliger Bergmann, der ein schlechtes Leben geführt hat. Nun … nun ist er dazu verdammt, auf ewig durch den Stollen zu wandern und Kumpel vor Gefahren zu warnen. Man sagt, er habe knochige Hände und eine lodernde Laterne.« Caspar bekreuzigte sich.

Knochige Hände.

»Dummes Gewäsch«, knurrte der Steiger kraftlos. Furcht hatte Besitz von ihm ergriffen. Er hätte nicht gedacht, dass er sich in seinem Alter noch einmal derart ängstigen würde.

Knochige Hände.

Knochige Hände zischten vor und griffen nach den Armen des Mädchens.

»Der Berggeist ist ein Troll, Ingrid, ein Troll, ein Troll aus den ewigen schwarzen Tiefen. Er hat mit mir gesprochen. Er hat mich umarmt. Er hat mir gezeigt, was ich sein kann.« Hans zog Ingrid zu sich, das Gesicht zu einer grässlichen Grimasse verzerrt.

Das Mädchen schrie auf. Caspar und der Steiger fassten sich ein Herz und stürmten vor, um den Griff des Kranken von seiner Geliebten zu lösen.

Noch immer sah Hans Schulte keinen der Anwesenden an. Auch nicht, als sie endlich mit vereinten Kräften seine klauenartigen Hände von dem Mädchen gelöst und ihn zurück auf die Matratze gedrückt hatten.

Er sah immer nur auf den Ofen.

Immer nur in die lodernden Flammen des Kohlefeuers.

»Er kann euch allen zeigen, was ihr sein könnt. Wie ihr wahrlich leben könnt. Er wird kommen!«, stöhnte Hans und bäumte sich auf.

Die Bergleute mussten sich mit aller Gewalt gegen ihn stemmen. Er schien mit einem Mal eine unglaubliche Kraft zu entwickeln.

»Geh, sieh nach dem Arzt!«, rief der Steiger Ingrid zu und das Mädchen rannte weinend aus dem Zimmer.

Draußen grollte der Donner.

Draußen peitschte der Regen.

Draußen in der Mine wartete die Dunkelheit auf sie.

Während der Steiger in Hans Schultes verzückt leuchtende Augen sah, glaubte er, die Schwärze des Bergwerks in ihnen zu sehen.

In seinem entrückten Grinsen spiegelten sich die Flammen des Ofens.

Dann erschlaffte er und fiel in die Laken zurück.

Die Bergleute ließen von ihm ab und wichen keuchend und ächzend zurück, um wieder zu Atem zu kommen.

»Er ist noch immer da unten. Er war immer da. Er wird immer da sein«, sagte Hans Schulte leise. »Im Schoß der Erde wird er auf ewig auf uns warten. Wenn wir uns ihm hingeben, wenn wir ihn seinen Hunger an uns stillen lassen, werden wir erlöst werden.«

Die Männer fluchten, bekreuzigten sich und beteten. Caspar floh aus dem Raum.

Der Steiger steckte sich geistesabwesend ein riesiges Stück Kautabak in den Mund. Kaute mechanisch.

Konnte den Blick nicht von dem jungen Mann abwenden.

Der nun seinen Kopf drehte und ihn fixierte.

»Steiger«, hauchte der Bergmann. »Steiger …«

Schweiß perlte auf der Stirn von Hans Schulte. Schweiß troff nun auch dem Steiger vom Gesicht. Doch des Steigers Schweiß fühlte sich kalt wie Eiswasser an.

»Steiger«, wiederholte Schulte heiser. »Du weißt, von wem ich spreche.«

Die anwesenden Kumpel wechselten Blicke. Starrten ihren Steiger irritiert an.

Dieser stierte nur weiter in diese furchtbaren Augen. Und hätte es wohl bis an sein Lebensende getan, wenn Schulte nicht den Blick abgewendet und zurück in den Ofen geschaut hätte.

Der Steiger folgte dem Blick und sah die züngelnden Flammen hinter dem gusseisernen Gitter.

Die rotglühenden Kohlen.

Ja, er wusste es. Er verstand.

Kein Gespenst aus einem Märchen oder einer Spukgeschichte trieb da unten sein Unwesen.

Dem jungen Bergmann war da unten tief im Schoß der Erde etwas erschienen, das sehr real war.

Real und, davon war er überzeugt, auf gewisse Art lebendig. So real und lebendig wie er oder der todgeweihte Junge dort.

So real, lebendig und gefährlich wie ein Wolf oder Bär.

Ein riesiges Raubtier, das die meiste Zeit Winterschlaf hielt.

Mehr noch, so verstand der Steiger in diesem schrecklichen Moment.

Weit mehr als nur irgendein Tier.

Weit mehr als irgendein anderes Lebewesen.

Der Berg selbst war dem Jungen dort erschienen.

Und der Berg, nun …

Der Berg hätte für sie alle ebenso gut ein Gott sein können.

Er starrte noch eine Weile ins Feuer, nahm dann seine Sachen und verließ das Haus.

Der Junge lag noch drei Nächte im Fieber. Mit jeder verstreichenden Stunde ließ er weniger von seinem irrsinnigen Gerede hören. Er wurde katatonisch. Dann schloss er die Augen.

Der herbeigerufene Arzt konnte keine eindeutige Diagnose stellen.

Als Hans Schulte schließlich starb, ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, schaffte man seine ausgezehrte Leiche in aller Eile fort — wie einen Pesttoten, sagten die Leute später.

Der Steiger fuhr wieder ein.

Ihm selbst erschien der Berg nie.

Aber an manchen Tagen konnte er ihn rufen hören.

 

Erster Teil

 

 

 

Ihr seid der Pott, der brennt

Wie ‘ne Droge, die so richtig dröhnt

Tausend Feuer in der Nacht

Sie lodern heiß wie ein Fön

 

Ihr seid der Pott, der brennt

Umklammert mich, lasst mich nicht los

Seid meine Stütze, gebt mir Kraft

Das finde ich grandios

 

1, 2, 3, 4 …!

 

Unter uns die Kohle

Über uns das All

Bist nie alleine

Hier geht es Knall auf Fall

Ob tief unter Tage oder in uns drin

Der Pott durchzieht uns

Hier gehör’n wir hin!

 

Harald Dobermeyer — Der Pott brennt (1000 Feuer)

Dortmunder Ausgabe des Westanzeigers, 15.11.2018

 

Der Steiger kommt nicht mehr

Time to Say Goodbye: Dortmunds letzte aktive Zeche schließt ihre Pforten.

 

Dortmund, 15.11.2018. Das war’s auf Maria Kunigunde! In Marten endet mit den heutigen Abschlussfeierlichkeiten endgültig die Epoche des Dortmunder Steinkohlenbergbaus — doch es gibt einen Lichtblick!

 

 

Schicht im Schacht heißt es auf Maria Kunigunde im Grunde bereits seit mehr als dreißig Jahren — aktive Steinkohlenförderung findet hier seit dem großen Unglück von 1988 nicht mehr statt. Das letzte aktive Steinkohlenbergwerk auf Dortmunder Boden war sie dennoch: seit 1989 wurde hier vor allem technisches Führungspersonal weitergebildet. Auch vielversprechende Studierende des Bergbauingenieurwesens durften hier erste Grubenluft schnuppern.

Kohle gefördert wurde dabei aber nicht mehr. Als zu gefährlich eingestuft wurden gerade die tieferen Regionen des Grubengebäudes ab Sohle 5. Auf Sohle 6 war es damals zu der dramatischen Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion gekommen, bei der 52 Kumpel und fast ebenso viele Rettungskräfte ihr Leben ließen. Seither war es still um Maria Kunigunde geworden.

Vielen Hinterbliebenen ging die Aufklärungsarbeit seitens Landesregierung und RuhrMöhneDeposit damals nicht weit genug. Viele von ihnen sind heute hier. In einem wahren Meer aus Kerzen halten sie eine Mahnwache ab — vor dem Zechengelände. Keines der Familienmitglieder der Verstorbenen will noch einen Fuß auf das Gelände von Maria Kunigunde setzen. Zu tief sitzen noch immer Zorn, Verzweiflung und Unverständnis.

Auf dem Gelände selbst ist die Stimmung andächtig. Die Stilllegung von Maria Kunigunde markiert den Anfang vom endgültigen Ende für den Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet. Wenn kommenden Monat die Zeche Prosper Haniel in Bottrop den Betrieb einstellt, geht damit eine mehr als 160-jährige Ruhrgebietstradition zu Ende. Für die Zeche Maria Kunigunde geht es aber dennoch weiter: Gefördert durch den LWL und die Stadt Dortmund wird hier ein modernes Bergbaumuseum entstehen, das Erinnerungen aufrechterhalten und das kulturelle Leben der Stadt kontinuierlich bereichern soll.

Nicht zuletzt deswegen findet Oberbürgermeister Leo Lemmert feierliche Worte: »Wir blicken mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die Zukunft. Die Bergleute hier haben Großes für die Stadt und für die Region geleistet, aber man muss auch nach vorne schauen. Die Gesellschaft ist im Wandel, das Zeitalter der Schwerindustrie liegt hinter uns und doch soll dies noch lange nicht unser letzter Besuch an diesem geschichtsträchtigen Ort gewesen sein. Ich freue mich bereits sehr auf das neue Bergbaumuseum Maria Kunigunde! Hier entsteht ein echtes Denkmal für eine Ära, für einen Wirtschaftszweig, der das Ruhrgebiet geprägt hat wie kein anderer. Darauf können wir stolz sein. Als Dortmunder, als Ruhris, als Deutsche und Europäer.«

Die Aussagen des Bürgermeisters stoßen nicht nur auf Wohlwollen. Ganz abgesehen von dem großen finanziellen Debakel, das die fragwürdigen Vorgänge rund um das neue Internationale Ballspielmuseum für viele Dortmunder noch immer darstellen, erregt vor allem die Tatsache, dass auf Maria Kunigunde ohnehin seit über dreißig Jahren kein echter Bergbau mehr betrieben wurde, die Gemüter vieler Kumpel und Anwohner.

»Verdient, ein Museum zu werden, hätten es meiner Meinung nach ganz andere Zechen«, meint Achim J., ehemaliger Steiger auf Zollverein, der heute mit dem Knappenverein für den Großen Zapfenstreich hier ist. »Da gibt es noch sehr viel nicht ausgeschöpftes Potenzial.«

Willy Z., der seit fast vierzig Jahren in der Nachbarschaft lebt, fügt hinzu: »Das ist alles schön und gut mit der Industriekultur. Aber nach dem Unglück damals hätten sie den Schacht komplett schließen sollen. Zu damit, sag ich! Was da passiert ist, hätte nie passieren dürfen. Aus Respekt vor den Toten hätten sie die ganze Bude dichtmachen sollen. Ich bin froh, wenn da jetzt niemand mehr unter Tage arbeiten muss. Und ich würde mir wünschen, sie würden einfach das Tor zusperren und den Schlüssel wegwerfen. Am besten noch allen Beton, den sie kriegen können, in den Schacht pumpen!«

Starke Meinungen zu diesem Thema sind eben auch unter echten Ruhrgebietspatrioten zu erwarten. Der Plan der Stadt steht jedenfalls fest: Im Sommer 2022 soll das neue Museum eröffnen. Bis dahin ruht der Betrieb auf Maria Kunigunde.

Zumindest, bis die Bauarbeiter kommen. Wir sagen Glückauf und bis dahin, Maria Kunigunde! Wir werden dich vermissen.

 

Live für Sie vor Ort war unser Lokalreporter Harry Heck.

I

 

Dienstag, 12.07.2022, 12:34 Uhr

 

Unruhig trat der alte Mann von einem Bein aufs andere. »Hörnse ma, junge Frau. Sowas Gepflegtes könnense hier doch bestimmt gut gebrauchen für Ihre Ausstellung. Dann könnense den ganzen jungen Leuten mal zeigen, watt so’n Berchmann alles mitnehmen musste unter Tage. So ‘ne gut erhaltene Grubenlampe hamse bestimmt noch nich für Ihre Sammlung hier. Ich sach Ihnen, ich wollt die lieber bei Zollern abgeben. Oder noch besser bei dem großen Museum in Bochum. Aber die wolltense nich, meine Lampe. Könnense sich datt vorstellen? Sagen die mir, die ham schon genuch davon! Aber so ‘ne Gepflegte? Nee, ich wollt datt eigentlich nich hierherbringen. Ich halt nix von dem Museum hier. Nich nach dem Unglück damals. Ich sach Ihnen — datt könnense ja nich wissen, junge Frau — datt war nich normal damals. Datt war nich nur Schlachwetta! Da steckt watt anderes dahinta. Datt ganze Leid, datt den Menschen da widerfahren is. Ker, datt könnense sich nich vorstellen. Und jetzt wollen die ganzen Oberen die Leute mi’m Museum ruhichstellen. Na ja, aber die Hilde und ich, wir zieh’n um. Haben unser Haus verkauft und zieh’n jetz in sowatt Barrierefreies. Wissense, sowatt mit Dusche ohne Rand, aber mit Hocker. Na ja. Und da is nich so viel Platz und die Hilde sacht, ich muss mich trennen von meinen Sachen von früher. Und so’n Museum, datt will doch imma alte Sachen. Und so ‘ne gepflegte Grubenlampe … Junge Frau, ich willse auch gar nich lange aufhalten …«

Der alte Mann drückte Sarina die Lampe in die Hand, tippte sich an den Hut und machte kehrt.

Sarina seufzte. Das war der vierte Besuch dieser Art in dieser Woche. Und es war erst Dienstag. Dienstagmittag. Sie machte sich mit der äußerst gepflegten Grubenlampe auf den Weg ins Depot, wo sie das Geleucht zu den drei anderen äußerst gepflegten Grubenlampen stellte, die gestern und heute noch abgegeben worden waren. Sie schloss die Tür und machte sich durch die noch unfertigen Gänge auf den Weg zurück in ihr Büro.

Wenn man es so nennen konnte. Obwohl neu gebaut, war im Verwaltungstrakt des zukünftigen Museums kein Büroraum für Volontäre vorgesehen. Ein weniger stromlinienförmiger Architekt als der Wichtigtuer, der den Bau des Museums realisierte, hätte vielleicht bei den Bauherren — RuMö, Landschaftsverband und Stadt — angemerkt, dass angemessene Arbeitsräume nicht nur für die Museumsleitung, sondern auch für alle anderen Angestellten kein purer Luxus waren. Aber der rosa Polohemden tragende Architekt wäre natürlich niemals auf die Idee gekommen, den Bauherren zu widersprechen. Und selbstverständlich auch nicht dem zukünftigen Museumsleiter, Marc-André van Trapp. Seines Zeichens verwandt mit irgendeinem Vorstand der RuMö, verschwägert mit dem Bürgermeister von Marl und verbrüdert mit so ziemlich jedem einflussreichen Schnösel des Ruhrgebiets.

Und weil dem so war, öffnete Sarina nun die Tür zu einem zwei mal zwei Meter großen Raum, den sie sich mit einem überdimensionierten Bücherregal, einer Mikrowelle und einem kitschigen Ölgemälde mit lauter verschwitzten Bergleuten drauf teilte.

Sie ließ sich auf ihren klapprigen Stuhl fallen, der perfekt zu dem abgewetzten Schreibtisch aus alten Stadtbeständen passte. Immerhin besaß das Verwaltungsgebäude schon einen Internetanschluss, und sie konnte auf dem altersschwachen Rechner einigermaßen arbeiten und recherchieren. Doch dazu kam sie heute gar nicht.

Ohne große Ankündigung durch Anklopfen wurde die Tür aufgerissen und der wie aus dem Ei gepellte Marc-André van Trapp stand mitten im Raum und somit direkt vor Sarina.

»Frau Dings … äh, Frau Meerbaum! Bei mir im Büro liegen zwanzig Meter Luftpolsterfolie! Von meinem neuen Bürostuhl! Die müssen weg! Machen Sie die weg! Ich kann so nicht arbeiten!«

Der Museumsleiter drehte sich auf dem Absatz um, rauschte aus dem Büro und ließ die Tür sperrangelweit offen. Sarina seufzte erneut, dieses Mal schwerer. Seufzen schien zu den essenziellen Tätigkeiten einer Volontärin zu gehören, stellte sie fest. Zumindest einer Volontärin in diesem Hause. Und die meisten Seufzer gingen nicht auf Kosten irgendwelcher älterer Herren, die begeistert und wohlmeinend mehr oder minder spannende Exponate ins Haus brachten. Für die meisten ihrer abgrundtief genervten, bisweilen beinahe schon deprimierten Seufzer war der eitle Gockel von Museumsleiter verantwortlich. Sowieso fragte Sarina sich, was der hier eigentlich leitete. Außer seinen Zeigefinger zum Smartphone, um dringend mit anderen High Potentials der Kultur-Politik-Industrie-und-wer-weiß-noch-was-Szene zu networken, leitete Herr Doktor van Trapp hier eigentlich nichts. Oh doch, okay, seine Volontärin leitete er mindestens einmal am Tag zu sinnlosen Aufgaben an. Wie zum Beispiel Luftpolsterfolie entsorgen.

Sei’s drum, nützt ja nix. Sarina machte sich auf den Weg zum Büro des Leiters, der, hemdsärmelig und in wahnsinnig männlicher Wild-West-Manier mit den Füßen auf dem Tisch, schon wieder am Smartphone hing und sich ebenso geistesabwesend wie genüsslich Cashew-Kerne in den Mund flippte.

Ich kann’s nicht mit ansehen! Was macht dieser Mann auf diesem Posten? Und was mache ich, wenn der die Cashews in die falsche Strotte bekommt? Wetze ich dann zu ihm rüber und rette ihn à la Mrs. Doubtfire? Wäre das Notwehr, wenn ich nicht eingreife? Notwehr gegen einen idiotischen Chef am Arbeitsplatz?, dachte Sarina, während sie die riesigen Mengen Luftpolsterfolie aus dem Büro zog. Fünf Meter auf dem Arm zusammengeknüllt und weitere fünfzehn Meter hinter sich her schlörrend, stolperte sie Richtung Mülltonne im Hof. Sie stopfte die Folie in die Tonne, nicht ohne sich vorher ein kleines Stück abzureißen. Luftpolsterfolie ploppen lassen beruhigt schließlich selbst den genervtesten Volontär.

»Ja, er hat sich ausnahmsweise mal wieder was liefern lassen!«, ertönte plötzliche eine Stimme hinter Sarina. Auf einer kleinen Bank im Hof saß, wie immer adrett zurechtgemacht und wie so oft einen bunten Smoothie schlürfend, Marion, die Verwaltungskraft des Museums, die gleichzeitig auch für die Führungsannahme zuständig war. Marion, Mitte fünfzig, hatte nach dreiundzwanzig Jahren in derselben Anwaltskanzlei Lust auf etwas Neues gehabt und hier im Museum angefangen. Neu waren die Umgebung, die Mitarbeiter, das Aufgabenfeld — die Sorte schnöseliger Chef war allerdings gleichgeblieben. Jahrzehntelange Erfahrung mit solcherlei Vorgesetzen hatte Marion für ihre Tätigkeit im zukünftigen Bergbaumuseum Marten bestens trainiert. Sehr zum Missfallen von Marc-André van Trapp, dessen Launen und Divenhaftigkeit vollkommen an Marion abperlten.

»Wir sieht’s aus, gehen wir nach der Arbeit noch gemeinsam ein Weinchen trinken? Die Straße runter hat eine nette Weinbar aufgemacht. Die Gentrifizierung macht glücklicherweise vor nichts Halt — selbst vor Marten nicht.«

»Theoretisch gern«, sagte Sarina. »Ich muss allerdings ein bisschen länger machen heute. Ich will unbedingt noch den Feuerschlucker-Act für die Eröffnung buchen. Das wird eh schon sehr knapp, aber ich komm ja zu nichts. Erst Grubenlampen annehmen, dann dem Chef hinterherräumen. Wenn du schon mal vorgehen willst, ich sehe zu, dass ich zügig nachkomme.«

Marion lächelte. »Ich halte uns einen Tisch frei. Und du kommst einfach, wenn du hier fertig bist.«

Besser gelaunt machte Sarina sich auf den Weg ins Büro. Sie mochte Marion, die es immer verstand, sie aufzumuntern. Mit neuem Elan machte sie sich an die Recherche nach den Feuerschluckern. Sie freute sich auf die Eröffnung am Samstag, für deren Programm sie allein verantwortlich war. Da sich die Träger des Museums natürlich bei einer Neueröffnung nicht lumpen lassen wollten, hatte sie sogar ausreichend Mittel zur Verfügung, um spektakuläre Acts zu buchen.

»Lassen wir’s also krachen«, sagte sie zu sich, griff leise summend zum Telefon und wählte die Nummer des Feuerschluckerduos.

 

 

Nach drei Gläsern Wein ohne Abendbrot stieg Sarina in gelöster Stimmung die drei Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Genau genommen handelte es sich natürlich nicht um allein ihre Wohnung; es war eine WG. Von einem mageren Volontärsgehalt konnte man sich selbst in Dortmund keine vernünftige Wohnung leisten. Die Gentrifizierung schritt in der Tat voran, nur ganz weit draußen konnte man noch recht günstig wohnen. Dort, wo die U-Bahn über dreißig Minuten in die Innenstadt brauchte, wo man im gemütlichen Schatten eines Kohlekraftwerks hausen durfte. Dort, wo der Bücherbus gar nicht mehr hinfuhr …

Mit einem schlappen Volontärsgehalt konnte man sich immerhin noch ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer in erträglicher Nähe zur Innenstadt leisten.

Beim dritten Versuch fand Sarinas Schlüssel das Schlüsselloch. Sie schloss auf und erblickte im Flur ihre beiden Mitbewohnerinnen Maja und Kristina, die sich für den donnerstäglichen Clubbesuch aufgebrezelt hatten.

»Hey, wir wollen ein bisschen feiern gehen, kommst du mit?«, fragte Maja, die im dritten Semester BWL studierte, aber eigentlich Vollzeit-Influencerin war.

Eine kurze Verlockung bemächtigte sich Sarinas. Auf drei Gläser Wein würden auch noch ein paar Bier passen. Wenn nur die immer näher rückende Museumseröffnung nicht wäre! Und die morgige VIP- und Presseführung, zu der sich auch Vertreter der Geldgeber angekündigt hatten. Die sollte man wohl besser nicht mit Kater abhalten.

Schweren Herzens schüttelte Sarina den Kopf: »Nee, geht ihr mal allein, ich komm demnächst mal wieder mit. Wenn das ganze Eröffnungschaos vorbei ist. Viel Spaß euch. Gebt Gas!«

»Sarina hat einen seriösen Job mit Anspruch«, sagte Kristina mit einer Mischung aus Verständnis, Spott und Bedauern. Kristina verstand sich als Künstlerin, studierte aber als zweites Standbein Soziale Arbeit. Beides funktionierte leider nicht so gut für sie.

Sarina zuckte die Schultern, lächelte entschuldigend und ließ die beiden im Duft eines schweren Parfums stehen, das den Namen einer Rapperin trug, die Sarina nicht kannte. Während Majas Fön wieder lautstark lospustete, ging sie geradeaus durch den Flur in die Küche, nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es am Wasserhahn randvoll. Mit drei großen Schlucken trank sie es leer.

So, nun brauchte sie erstmal was auf die Gabel. Eingekauft hatte sie natürlich nichts, der Kühlschrank gab nichts mehr her und kochen wollte sie auch nicht. Es folgte ein Griff zum Handy, der Pizzaservice hatte seine eigene Schnellwahltaste bei ihr.

»Pisseria Solemio gudden Abend.«

»Ja, ‘n Abend. Meerbaum. Eine Pizza Salami mit Peperoni bitte.«

»Ja gutt, zehn Minutt.«

Der Weg zur Pizzeria betrug drei Minuten. Sie konnte sich also Zeit lassen und ging erstmal in ihr Zimmer am anderen Ende des Flures. Sie ließ sich aufs Bett fallen, das sogleich unter ihr zu wogen und zu schwanken begann. Hierbei sei angemerkt, dass es sich nicht um ein Wasserbett handelte. Das Abendessen war dringend nötig. Aber auch die Weinchen hatte sie heute gebraucht.

Der Abend mit Marion war wirklich unterhaltsam gewesen. Beim dritten Glas Wein hatte Marion ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Ihr Bürofenster gestattete einen guten Blick auf die Umkleidekabinen des Wachpersonals des Museums. Anders als in vielen anderen Häusern gönnte sich das neue Bergbaumuseum einen eigenen Wachdienst, der sich überwiegend aus gut trainierten Männern zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig zusammensetzte. Den Trainingsstatus der Herren sah man schon durch die Kleidung, aber Marion konnte sich dank der Lage ihres Büros und des stets offenen Fensters der Sicherheitsumkleide direkten Blickes vom überwiegend einwandfreien körperlichen Zustand des Wachpersonals überzeugen. Irgendwie ein bisschen übertrieben für ein Museum, fand Sarina — zumindest für ein Bergbaumuseum, in dem keine unbezahlbaren Kunstschätze ausgestellt wurden. Ihr schien es äußerst unwahrscheinlich, dass sich das Organisierte Verbrechen in irgendeiner Form für die auf Maria Kunigunde ausgestellten Grubenmaschinen interessieren würde, und hielt einen Raub ähnlich des skandalösen Goldmünzenklaus aus dem Bode-Museum in Berlin vor ein paar Jahren für undenkbar. Der Schwarzmarkt für ausrangiertes Zechenequipment war ihres Wissens nach nicht besonders groß. Und einen Oligarchen mit einem Tresor voller geraubter Dieselkatzen und Fördermaschinenmotoren konnte sie sich auch nicht vorstellen.

Marion wiederum hatte sich nicht vorstellen können, was eine solch sportliche Truppe beim Museumswachschutz machte und fragte einen der Wachmänner nach seinem beruflichen Werdegang. Die recht abweisend vorgetragene Antwort des schnittigen Herrn sagte Marion nichts, veranlasste sie jedoch, von weiterer Nachfrage abzusehen und stattdessen das Internet zu bemühen. Seltsamerweise schien der Wachmann eine Karriere bei einer Spezialeinheit der israelischen Streitkräfte hinter sich zu haben. Um jetzt dazu verdammt zu sein, seine Laufbahn als Museumswachmann fortzusetzen, musste er sich wohl in der Vergangenheit einen ganz bösen Schnitzer geleistet haben, nahm Sarina an. Was auch immer das gewesen sein sollte. Vermutlich flog man nicht aus dem Verein, nur weil man es versäumte, die gesamte Luftpolsterfolie, in die eingeschlagen des Generals neue MPi in der Kaserne eintraf, rechtzeitig wegzuräumen. Vielleicht war, wie so oft, auch Geld der Grund.

Das sollte aber jetzt auch erstmal egal sein. Nicht egal dagegen war die zügige Abholung der Pizza. Sarina nahm Portemonnaie und Schlüssel und machte sich auf den Weg.

Die Pizzeria war wie immer gerappelt voll und fünf Tamilen schufteten in einer Affenhitze vor dem Pizzaofen. Irritierenderweise taten sie das jeden Tag. Auch feiertags. Freizeit schienen die nicht zu kennen.

Ich sollte die Pizzabude nie dem van Trapp empfehlen. Wenn der dieses Arbeitszeitkonzept entdeckt, führt der das für Volontäre und anderes Fußvolk auch ein, überlegte Sarina beim Bezahlen. Sie schnappte sich den Pizzakarton und machte sich auf den Weg nach Haus. Sie nahm sich vor, die Gedanken an das Museum, israelische Wachmänner und Luftpolsterfolie hortende Chefs für heute erst mal aus dem Kopf zu streichen und sich ganz ihrer Pizza zu widmen. Für alles andere war auch morgen noch Zeit.

 

 

II

 

 

Datum und Uhrzeit unbekannt

 

Unter Tage.

Er hat nie eine genaue Vorstellung davon gehabt, was das eigentlich heißt.

Trotz all der Onkel, die aufm Pütt gearbeitet haben.

Trotz des ständigen Gelabers von Rollenmeißeln, Bohrklein, Einstrichen, Firsten und Stößen. Von Flözen, Strecken, Streben, Spurlatten, Teilschnittmaschinen.

Und Bewetterung, Bewetterung, Bewetterung.

Hinein in die Teufe! Hinein in die Teufe. Und immer schön aufschließen.

 

Aber was das heißt, unter Tage, das hat er nicht verstanden.

Bis heute.

Die Schwärze um ihn herum ist undurchdringlich. Dass er sich im Schoß der Erde befindet, glaubt er sofort. Keine Überzeugungsarbeit notwendig. Nur, sollte es hier unten nicht trotzdem sowas wie Lampen geben? Grubenlampen, ihr wisst schon.

Und dann die Luft. Stickig, schlecht. Soll das so sein? Er hätte Kühle erwartet, aber es ist schweinemäßig warm.

 

Er hat sich geirrt.

Zudem ist da dieses ständige leise Plätschern und sachte Gluckern. Die Feuchtigkeit.

Wie in einer scheiß Tropfsteinhöhle.

Und dann erst der Wind, der ihm um die Ohren pfeift.

Ob das normal ist?

Komisch, dass er sich das fragt. Wenn hier irgendwas normal wäre, wäre er nicht hier. Wäre keiner von ihnen hier.

 

Es ist unheimlich hier. Ja, echt unheimlich.

Er hat Schiss. Angst im Dunkeln, Tillmann? Seit wann?

Er hat richtig Schiss. Aber warum? Wieso? Der Grund dafür ist ein einfacher. Er kann ihn nur nicht fassen.

 

Zum Wesentlichen.

Wo sind die Bergleute?

Wo sind die Arbeitsgeräusche?

Die rufenden Stimmen der ruppigen Bergmänner?

Das Wummern der Maschinen, der Abbauhämmer, der Fräsen, was auch immer die Kerle hier haben, um voranzukommen?

All das scheint irgendwie zu fehlen. Klar, er ist noch weit vom Streb entfernt. Muss es sein. Das Gebäude unter Tage ist riesig und er kommt nicht so schnell voran, wie er sollte, so ohne Lampe. Trotzdem sollte irgendwer hier sein und was tun — Notsituation oder nicht.

Ganz zu schweigen davon, dass er seine Jungs nirgendwo sieht oder hört. Wenn es in seinem Kopf nicht so neblig zuginge, würde er sofort raffen, dass er sich wie ein Idiot verhält.

Er würde anders handeln.

Aber er handelt jedes Mal so, wie er es in den nächsten Minuten tun wird.

 

Denn: Er hat richtig Schiss. Richtig Schiss, wie gesagt.

Na ja, gut, er ist hier verloren. In der Dunkelheit. Allein. Aber er ist auch ein erwachsener Mann. Und nicht einfach irgendeiner. Groß und stark. Er hat eine Knarre.

Aber er hat eben auch richtig Schiss. Die Kampfhosen gestrichen voll.

Lass laufen. Schiss-Tarn. Macht dich garantiert unsichtbar.

Kunststück, hier mitten im Herz der Finsternis.

 

Zum Wesentlichen, Mann!

Wo ist der Kohlenstaub? Es riecht komisch hier, aber wie in einem Bergwerk?

Zum Teufel, woher soll er das wissen?

Wichtiger noch, verdammt: Wo ist das Licht?

Er guckt hinter sich. Der massive Förderkorb ragt dort auf, aber er kann umöglich sagen, wie weit er entfernt ist. Er erscheint ihm wie eine sehr finstere Fata Morgana. Es ist schräg: Die riesige Stahlkonstruktion verfügt über mindestens eine Lampe, aber er kann ihr Licht schon fast nicht mehr sehen.

Die ewige Nacht hier unten scheint ihn zu verschlucken.

Er fühlt sich kurz so, als würde er in Melasse absaufen.

Er holt tief Luft. Sein Herz wummert. Egal.

Er tastet sich vor. Seine Hände fühlen rauen Fels. Ab und an Metall. Ein Geländer? Ein Kabelstrang? Liegen hier Starkstromleitungen? Wieso hat er bei der Besprechung nicht besser aufgepasst? Wieso erinnert er sich nicht?

Ist er noch beim Förderkorb? Kann kaum sein. Hat er seine Schritte gezählt?

Warum hat er seine Schritte nicht gezählt?

 

Das Wesentliche. Beschränk dich darauf.

Es hallt merkwürdig hier drin.

Dann plätschert es wieder.

Dann platscht es.

Dann rumpelt es. Hört sich an wie Geröll.

Er verharrt. Stürzt da der Stollen ein?

Wohl nicht.

Dann … was ist das für ein Geräusch?

Was ist das für ein … Geruch?

Ist da jemand vor ihm?

 

Schiss überall, auf jeder Ebene seines Seins.

Aber keine Panik. Schiss ist das eine. Panik was anderes.

Er ist nicht in Panik.

Auch Profis können Schiss kriegen. Was hat Armin gesagt? Er möchte mit keinem zusammenarbeiten, der keinen Schiss hat.

Super, Armin. Lass uns arbeiten.

WO VERDAMMT IST ARMIN?!

Wo ist irgendwer?

 

Das Wesentliche: Die Funke!

Er greift zu dem klobigen Funkgerät an seiner Brust. Seine Einsatzweste ist mit allerlei Scheiß vollgestopft, aber irgendwie hat er vergessen, eine Taschenlampe einzupacken.

Dass ein Honk wie er die Spezialausbildung abschließen konnte, ist ihm mit einem Mal schleierhaft.

Er versucht zu sprechen. Klappt aber nicht, sein Kehlkopf ist wie blockiert.

Er räuspert sich.

Das Räuspern hallt dumpf in der Schwärze wider.

Eine perfekte Schwärze.

Wie lange ist er schon hier unten?

Wieso sind seine Gedanken so konfus?

Muss wohl all der Schiss sein.

Er kann ihn fast riechen.

Noch kein Schiss-Tarn, der Geruch ist anders.

 

Konzentration heißt das Zauberwort.

Fokussier dich, Alter. Fokussier dich. Sie haben dir alles Wichtige beigebracht.

Du musst es nur umsetzen.

Du musst nur …

Sprich. Sprich frei von der Leber weg.

»Steiger, Steiger, bitte kommen. Hier Hauer 3. Ich wiederhole, hier 3. Steiger, kommen.«

Es rauscht. Die Funkverbindung ist natürlich beschissen. Er ist von tausenden Tonnen Fels umgeben.

Fels und Kohle. Kann man toll verbrennen. Dann hat man’s warm.

Und den Staub kann man toll einatmen. Hat man Staublunge.

So wie Onkel Werner.

Die Zeche hat Onkel Werner umgebracht.

Entweder die Zeche oder die zwei Schachteln Reval Ohne täglich.

 

»Bitte kommen, Steiger. Wo seid ihr?«

»RCHLAGCHAAAACCHHHHHH!!!!!!!!!!!!!«

Ein körperloses Böses, das ihn aus der ewigen Nacht anbrüllt — ein kratziger, rauschender, kreischender Schrei direkt aus der Hölle.

Das Funkgerät flutscht ihm durch die schweißnassen Finger und ein plötzlicher Ruck durchfährt ihn.

 

Mittwoch, 13.07.2022, 04:40 Uhr

 

Woher kommt der infernalische Lärm?

Wer brüllt da?

Er schnappte nach Luft, japste, keuchte, strampelte. Höllischer Lärm, in einer Sekunde da, in der nächsten verschwunden. Dann nichts als das laute Klopfen in seinem Brustkorb.

Er blinzelte, sah aber fürs Erste nur Schlieren. Einige Sekunden verbrachte er in ziemlicher Panik und Orientierungslosigkeit. Kam langsam wieder zu Atem. Wähnte sich fürs Erste in Sicherheit.

Dann landete etwas mit voller Wucht auf seinem Bauch. Glücklicherweise besaß er dort ein nicht zu verachtendes Kissen aus Fett, das Schlimmeres verhinderte.

Dennoch: Das plötzliche Gewicht auf seinem Bauch ließ ihn keuchend hochfahren.

Er jaulte leise auf. Sein Herz drohte, ihm aus der Brust zu springen. Das sagte sich so leicht dahin und mochte als Analogie abgegriffen sein, aber es stimmte.

Ein sachtes Vibrieren und das Gefühl pelziger Pfoten auf seiner freiliegenden Wampe ließen ihn ebenso leise wie erleichtert seufzen. Er war zu Hause. Klar. Nur ein schlechter Traum.

Während Magnum laut schnurrend dasaß und ihn erwartungsvoll aus großen goldenen Augen anguckte, normalisierte sich Tillmann Büntings Atmung langsam wieder. Er streichelte den leicht übergewichtigen Britisch-Kurzhaar-Kater und zwang sich zur Ruhe. Es gab da ein paar Atemübungen, die nicht halfen. Aber man musste es ja versuchen. Seine Pumpe raste wie wahnsinnig. Wie nach einem Marathonlauf (der letzte lag allerdings mehr als zwanzig Jahre zurück — miserable Zeit war er da gelaufen, wenn er sich recht erinnerte).

Erst jetzt fragte er sich, weshalb er aufgewacht war. Und wie spät es war.

Bevor er den steifen Hals in Richtung seiner alten Donald-Duck-Uhr drehen konnte, schrak er abermals zusammen.

Das erneute ohrenzerfetzende Gebrüll vom anderen Ende des Raumes riss ihn endgültig zurück in die Gegenwart.

Er warf den Kopf zur Seite und sah für einen Moment verschwommen.

Dann erblickte er deutlich das grässliche, zähnestarrende Maul vor sich. Nein, nicht Magnums, auch wenn dieser gerade herzhaft gähnte.

Die Riesenechse auf dem ebenso riesenhaften Plasmabildschirm gähnte nicht, aber sie riss ihr Maul auf und ließ eine gleißende atomare Vernichtungswelle los.

Tillmann, der keine Brille trug, weil er der festen Überzeugung war, keine zu brauchen, kniff die brennenden Augen zusammen.

Keiner der Tōhō-Filme, das sah ja ein Dreijähriger.

Auch nicht das Emmerich-Viech. Come with me? Nö, danke.

Also musste es der neue Godzilla sein. Der, der wie ein Schwein aussah. Passabler Film. Tillmann hatte ihn dreimal gesehen, davon einmal nüchtern. Verdammtes Gebrüll. Kein Wunder, dass man da wach wurde. Und schlecht träumte.

Richtig, der Traum …

Mit einem Mal fröstelte er. Er wusste auch, warum.

Er hatte die Wohnzimmertür offengelassen und durch das undichte Fenster in der Diele zog es trotz sommerlicher Temperaturen wie Hechtsuppe. Außerdem war er klatschnass.

Mehr oder minder panisch checkte er, ob er eingenässt hatte. Das war seit Jahren nicht passiert, aber gestern hatte er Hansa gesoffen und da wusste man nie.

Nur Schweiß. Gott sei Dank.

Auch kein Schiss-Tarn.

Alles nur ein Traum.

Magnum sah ihn wissend an.

»Ja, genau, mein Dickerchen«, murmelte Tillmann kaum verständlich. Er hatte eine richtige Wolldecke im Mund. »Nur ein Albtraum. Papa hatte einen Albtraum. Kacke, ey. Ich dachte, das hätte ich hinter mir. Ich muss wohl wieder auf Whiskey umsteigen.«

Mit einem unterdrückten Rülpsen und ordentlich duseligem Kopf setzte er sich vollends auf. Ließ den Blick durch den Raum schweifen.

Bei der durchgesessenen Couch, auf der er lag, fing er an. Das war so eine ganz hässliche amerikanische, der man nicht ansah, dass sie mal bei Seats & Sofas mehr als dreitausend Euro gekostet hatte. So ein grässliches Ding, auf dem höchstens Al Bundy seinen Hintern parken würde. Eins dieser Teile, bei denen die stolzen Besitzer gerne die Schonbezüge aus Plastik draufließen. Weiter bestand die großzügige Ausstattung seines geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmers aus einem weiteren hässlichen Sofa, einem mottenzerfressenen Sessel sowie einem alten Marmortisch, darauf mehrere leere Bierpullen und -dosen. Ein überquellender Blues-Brothers-Aschenbecher. Dahinter ein Stuhl, der aus irgendeinem Grund umgekippt war. Altbackene Schränke, noch von seiner Oma. Das restliche Mobiliar stammte vom Trödel. Susanne hatte die guten Möbel behalten.

Ächzend und mit knackendem Kreuz erhob er sich. Die Tatsache, dass er von seinem im wahrsten Sinne des Wortes verkaterten Herrchen zum Verlassen seiner gemütlichen Position gezwungen wurde, quittierte Magnum mit einem Geräusch, das irgendwo zwischen einem protestierenden Kreischen und einer zu Boden fallenden Wärmflasche lag.

Tillmann hatte jedenfalls andere Probleme. Er fluchte: Der geflieste Boden war eiskalt! Fliesen im Wohnzimmer! Was für eine Schnapsidee! Im Winter knallte die Kälte natürlich noch schlimmer rein. Er hasste diese alte Bude. Und seine geizigen Nachbarn von unten, die nie heizten — nicht, dass man im Sommer allgemein dazu hätte verdammt sein sollen, aber hier und jetzt hätte es ihm geholfen, also scheiß drauf.

Durch das große Fenster, das zum kleinen Balkon rausging, fiel die allererste Andeutung eines fahlen grauen Lichtschimmers. Es musste noch vor fünf sein.

Die Donald-Duck-Uhr war mal wieder stehengeblieben.

Tillmann schmatzte. Seine Zunge fühlte sich an wie eine Fußmatte. Seine Mundhöhle schmeckte wie ein Aschenbecher, in den ein Iltis geschissen hatte. Ein Blues-Brothers-Aschenbecher vielleicht.

Kurz sah er argwöhnisch in Magnums Richtung. Der kleine Dicke schaute so unschuldig, wie er nur konnte. Trotzdem ein verdammt beschissener Geschmack.

Passend für einen beschissenen Morgen. Verdammte Albträume. Er konnte sich kaum noch an den Traum erinnern, aber es war im Grunde seit vielen Jahren derselbe Bullshit. Vielleicht hätte er die Tabletten nicht absetzen sollen, aber auch ein Singlemann brauchte eben ab und zu einen Ständer, sonst wurde er krank. Anders krank.

Für Tillmann eine Tatsache.

Wo war er stehengeblieben? Ah ja: Verdammte, beschissene Albträume!

Er schlüpfte in seine Chewbacca-Puschen und schlurfte zur Küche, dabei den Fernseher samt Schweinegodzilla ausschaltend.

Seine Armbanduhr lag in der kleinen Schale auf dem Küchentisch.

In die große Schale auf dem Boden gab er Trockenfutter für Magnum, der bereits maunzte, als hätte er seit Monaten gehungert.

Er blickte auf die Uhr. 04:46 Uhr.

Für einen Vorruheständler eine verdammt unchristliche Zeit, um aufzustehen. Aber wenn er schon mal wach war, konnte er die Zeit auch nutzen.

Er schielte Richtung Kühlschrank und auf seine Hände.

Er musste heute nicht arbeiten, die sechzehn Stunden, die er jede Woche beim Wachdienst abriss, um seine Pension aufzubessern, hatte er bereits hinter sich. Ein Frühstücksbierchen würde ihm Kraft für den Tag geben.

Tillmann ballte die Fäuste und zwang sich, wegzuschauen. Lieber sah er Magnum beim Essen zu. Das Dickerchen knusperte und schnurrte, dass es eine Freude war.

Wieder sah er auf die Uhr. 04:50 Uhr.

Gitti würde in zehn Minuten öffnen. Sie tat alles für die hungrige Frühschicht, auch wenn es dieser Tage immer weniger Leute gab, die sowas wie eine Frühschicht hatten. Vielleicht ein paar Brötchen holen. Bisschen was einkaufen.

Sein Herz pochte noch immer. Wie so oft keimte ein Anflug von Besorgnis in ihm auf. Vielleicht sollte er mal wieder was für die Gesundheit tun. Hatte er nicht vorhin an den Marathon gedacht?

Nette Idee, aber er hielt es nicht für wahrscheinlich, dass er derartige Laufleistungen je wieder erbringen würde.

Dennoch …

Fünf Minuten später stand er in seinen uralten Laufschuhen und einem schlumpfblauen Jogger, der noch von früher im Schrank lag — und in den er genau genommen seit Jahren nicht mehr reinpasste — vor dem schmutzigen Schlafzimmerspiegel.

Zu langer Bart, zu lange Haare, 80er-Jogger, ausgelatschte Treter, Pocke, die unter der Laufjacke hervorschaute.

Er trug sogar ein verdammtes Handtuch über den Schultern!

Fehlt nur noch ein Schweißband. Der gesamte Sozialblock wird Beifall klatschen.

Egal. Laufen würde ihm guttun, da war er sich sicher. Hatte es doch früher auch. Nur weil er zehn Jahre nicht mehr …

War es so lange her?

»Verdammte Kacke«, knurrte er und schüttelte den Kopf.

Magnum, der mit einem Mal neben ihm saß, schaute ihn voller Herablassung an, so als wollte er ihm zu seinem gelungenen Outfit gratulieren.

Netter Aufzug. Was genau hast du vor? Du wirst dich nicht nur lächerlich machen, du wirst dich umbringen!

»Denkste also.« Tillmann rülpste leise und rieb sich den Bauch, der leise gluckerte.

»Na, dir werd ich’s zeigen.« Magnum erwiderte seinen trotzigen Blick mit vollkommenem Gleichmut.

Er warf noch einen Blick auf das Rocky-Poster an der Schlafzimmertür, küsste seine Fingerspitzen, drückte sie auf Balboas erhobenen Oberarm und verließ das Zimmer.

Laufen würde ihm guttun. Vielleicht würde er sogar wieder etwas in Form kommen.

Ganz sicher aber würde er für einen Moment den Albtraum vergessen. Kranker Scheiß. Hirngespinste. Vergangenheit, mit der er abgeschlossen hatte. Psychologen, die sich goldene Psychologiepreise an seinem Fall erforscht hatten.

Ja, Laufen war jetzt genau das Richtige.

Joggen, wie sie früher gesagt hatten.

Genau das Richtige.

Vorher musste er nur noch kurz aufs Klo.

Er übergab sich ausgiebig.

Spülte sich den Mund mit einem Rest Lysterine aus, den er in einer fast blinden Plastikflasche im Schrank fand.

Dann packte er knurrend sein Handtuch, grabschte die Haustürschlüssel und verließ die Wohnung.

 

III

 

 

Mittwoch, 13.07.2022, 06:46 Uhr

 

Der Kater, mit dem Sarina am nächsten Morgen erwachte, war nicht von schlechten Eltern. Und das nach ein paar Wein und einer Pizza! Mir fehlt das Training, dachte sie. Ich muss dringend an meiner Work-Alcohol-Balance arbeiten, wenn die Eröffnung vorbei ist.

Vor das nächste Glas Wein hatte der Herrgott jedoch das Arbeiten gesetzt, genauer die VIP-Führung durch die fast fertige Dauerausstellung. Geladen waren natürlich keine wirklichen VIPs, eher Menschen, die sich dafür hielten. Die Chefin der RuMö, der Oberbürgermeister und die Vorsitzende des Landschaftsverbandes der Städte und Kommunen, kurz VSK. Dazu noch weitere Provinzprominenz: Diverse Ressortleiter der Stadt, der Schützenkönig von Marten und der Vorsitzende des örtlichen Fußballclubs. Willkommen in der Großstadt.

Zum Glück gab es aber tatsächlich noch so eine Art Lichtblick am Bedeutungslosigkeitshorizont. Ein einziger echter Prominenter hatte sich breitschlagen lassen, den Normalsterblichen seine Aufwartung zu machen: Harald Dobermeyer, ein wirklich und wahrhaftig berühmter Sänger aus Gelsenkirchen, der vor über dreißig Jahren mit einem seiner Stadt gewidmeten Lied berühmt geworden war. Ein Lied, das er seither auf jedem seiner Konzerte ebenso zuverlässig wie gequält ins Mikrofon nuschelte. Der Typ wohnte jetzt eigentlich in Paris, hielt sich aber gerade besuchsweise im Ruhrgebiet auf und Sarina hatte es tatsächlich zuwege gebracht, ihn für einen kurzen Auftritt bei der Eröffnung morgen Abend zu gewinnen. Dabei hatten ihr Marions Kontakte aus deren altem Job geholfen, denn immerhin freundete sich die ehemalige Anwaltsgehilfin dort mit Dobermeyers Schwester an, die zu den Klienten von Marions ehemaligem Chef gehörte. Der vertrat die Dame während ihrer Scheidung vor Gericht — erfolgreich wohlgemerkt. Zum großen Glück für Sarina, denn immerhin nötigte die geglückte Buchung des Ruhrgebietsbarden sogar van Trapp eine anerkennend hochgezogene Augenbraue ab.

Sarinas Mutter war jedenfalls ganz aus dem Häuschen. Der Harald! Auf der Eröffnung! Von ihrer Tochter engagiert! Das war ja mal was! Sie war doch sooo ein Fan. Stand bei jedem Konzert in Reihe eins. Und nun bekam sie die Gelegenheit, mit ihrer im Museum arbeitenden Tochter auch mal vor ihrer Schwester anzugeben.

Das war schwer genug, denn Tante Betty fand Sarinas Job höchst ominös. »Watt soll datt denn? Immer mit dem alten Krempel! Datt will doch keiner seh’n! Mein Kevin, der macht watt Vernünftiges: Der fährt die Santa Maria immer vom Hafen bis zur Schleuse. Jeden Tach. Mit Kapitänsmütze!«

Was allerdings nicht so ganz stimmte. Kevin fuhr nicht als Kapitän auf diesem Rentner-Partyschiff, das stetig zehn Kilometer den Dortmund-Ems-Kanal rauf- und wieder runterjuckelte. Kevin war der hauptberufliche Asbach-Uralt-Ausschenker dort. Dabei trug er tatsächlich eine schmuddelige Kapitänsmütze, wie Sarina selbst bezeugen konnte, seit sie einmal auf diesem großartigen Dampfer mitgefahren war. Jedenfalls konnte man bei Tante Betty als Historikerin gegen einen vermeintlichen Kanal-Kapitän nicht bestehen.

Harald Dobermeyer hatte sich für die heutige Führung jedenfalls auch angekündigt. Morgen sollte er schließlich singen. Und ihm zuzumuten, mit dem Fußvolk bei der Eröffnung durch die Ausstellung zu gehen, sei schier ein Unding, wie van Trapp meinte.

Letztlich wurden die üblichen Pressemenschen erwartet. Im Prinzip erschienen immer dieselben Lokalvisagen, aber bei der Starpower heute konnte es sein, dass sich vielleicht sogar das eine oder andere Fernsehteam sehen ließ. Sarina würde sich überraschen lassen.

 

 

Laufen konnte man das nicht nennen. Joggen schon gar nicht — trotz Jogger, Turnschuhen (Sneaker sagten sie heute) und Handtuch im Nacken.

Das Handtuch war durchgeschwitzt. Der Jogger war durchgeschwitzt. Tillmann war durchgeschwitzt. Er war am Ende.

Nein, laufen konnte man das nicht nennen. Sterben mit Anlauf war das.

Stöhnend schleppte sich Tillmann die letzten paar Stufen zu seiner Wohnung rauf. Der Aufzug kam natürlich wieder mal nicht. Ausgefallen. Der Hausverwalter würde sich sicher drum kümmern, der alte Knabe nahm den Job ernst, aber er war eben alt. Alt und langsam.

Tillmann hustete. Bitte nicht noch mal kotzen. Er lehnte sich an die Wand und sah auf die angeschwitzte Brötchentüte. Er wartete eine Minute, bis er einigermaßen wieder zu Atem kam. Im Flur herrschte absolute Stille. Der überwiegende Teil der Hausbewohner schlief sicherlich noch — in einer Plattenbausiedlung in Hörde nichts Ungewöhnliches, auch an einem Donnerstag (Es war doch Donnerstag? Nein, wohl eher Mittwoch!). Die meisten seiner Nachbarn hielten nicht viel vom Thema Arbeit. Zumindest war er davon überzeugt. Jaja, die Wirtschaft, die Automatisierung, die zionistische Weltverschwörung waren schuld, nicht die faulen Penner selbst, die hier auf Staatskosten in ihren Sozialbuden hausten.

Seine Hand um die Brötchentüte hatte sich verkrampft. Er wurde auf seine alten Tage wirklich noch zum Stammtischnazi. Die meisten der Leute hier im Haus waren, wenn er ganz ehrlich war, furchtbar nett. Aber er stammte aus einem Arbeiterhaushalt und da bekam man zwangsläufig diverse Vorurteile eingeimpft. Manche Menschen kamen mit den Jahren über Dinge wie Erziehung und Indoktrination in der Kinderstube allmählich hinweg, aber Tillmann tat sich in dieser Beziehung schwer.

Und auch wenn er jetzt nicht mehr (oder nur noch sehr wenig) arbeitete, meinte er doch, seinen Teil getan zu haben. Für die Gesellschaft und so. Viele linke Steineschmeißer und arabische Großfamiliengangster vertraten da sicher eine andere Meinung, aber Polizist zu sein, das war schon was. Immerhin gelang es ihm damals, seine Cousine Jennifer zu überflügeln, die bei Karstadt in der Personalabteilung angefangen hatte. Ein Bürojob — wie edel!

Er grinste, dann hustete er wieder. Seine Hand hatte unbewusst zu zittern begonnen.

Diese ganze Rennerei war sinnlos. Natürlich kam er ohnehin nur zwei Kilometer weit, kaum halb um den Rombergpark herum — im absoluten Schneckentempo —, bis das Seitenstechen einsetzte. Und was für welches! Ein Bahnhofjunkie hatte ihm mal bei einer Routinekontrolle ein Messer in die Rippen gerammt — die guten alten Tage vor den Stichschutzwesten, wo man auf den Straßen noch ungestraft und ungestört den Schimanski machen durfte — und sein Gedächtnis mochte ihn trügen, aber diese Seitenstiche kamen dem Schmerz von damals nahe.

Nee, die Rennerei hatte nichts gebracht. Noch immer fühlte er sich wie gebeutelt von diesem albernen Albtraum. Von den bösen Männern in der Nacht. Von den Geistern unter Tage. Von den Kobolden in der Mine. Letzte Nacht und die Nacht davor, Tommyknockers, Tommyknockers klopften an mein Tor …

Er versuchte, sich lustig zu machen. Versuchte sich an einem sardonischen Grinsen, einem sarkastischen Blick und ungläubigem Kopfschütteln. Er spürte seine Pumpe wieder heftig schlagen. Er roch seine eigenen fiesen Ausdünstungen. Ethanol und alte Socken.

Diese Albtraumsache war ein Problem, vor dem er nicht wegrennen konnte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Kratzen von hinter der Wohnungstür riss ihn aus seinen Gedanken. Ein leises Maunzen folgte. Er fasste die von Gitti gepackte Brötchentüte fester und zog den klimpernden Schlüsselbund aus der Jogginghose.

Noch ehe die Tür sich mehr als nur einen Spalt geöffnet hatte, setzte ein pummeliger grauer Schemen über die aktuelle Ausgabe des Stadtanzeigers auf der Fußmatte hinweg und warf sich auf den ungewischten Boden des Hausflurs.

Magnum legte sich auf den Rücken und schnurrte lautstark. Streckte sich und wälzte sich in den Staubflusen. Zeigte seine durchaus eindrucksvollen Tatzen.

»Du kleiner, dicker Bär! Rein mit dir!«

Das übliche Ritual vollzog sich. Magnum schnurrte und maunzte leise und ließ sich von Tillmans Fuß sanft über die Fliesen in Richtung Wohnung zurückschieben. Der Kater hatte einen Knall. Vermutlich verstanden sie sich deswegen so gut.

Tillmann beugte sich herunter und hob die Zeitung auf. Sein Rücken machte sich schmerzhaft bemerkbar. Ebenso seine Knie. Scheiß Herumrennerei. Er war keine zwanzig mehr.

»Er ist so niedlicher Kater!«, sagte eine unverbrauchte Stimme, der ein schwerer osteuropäischer Akzent ihren ganz eigenen Charme gab, hinter ihm.

Fast schon erschrocken drehte er sich um.

Tillmann war keine zwanzig mehr, aber Irina schon. Anfang zwanzig, gebaut wie ein Playmate und wie immer dick geschminkt — auch, um das neue Veilchen auf ihrer Wange zu überdecken, nahm er an.

Die Brötchentüte knisterte, als er unbewusst die Faust ballte. Irina hatte ein Problem mit ihren stetig wechselnden Schlägertyp-Boyfriends. Und damit hatte Tillmann wiederum ein riesiges Problem.

»Morgen, Irina«, murmelte Tillmann und hoffte, dass seine Fahne nicht allzu abschreckend wirkte. Er hätte Irinas Vater sein können, aber kein Mann stand vor einer attraktiven Frau gerne wie ein Trottel da.

Irina strahlte über das ganze Gesicht, ihr zweijähriger Sohn Arthur, den sie auf dem Arm trug, sah Tillmann mit großen Augen an. Ihre Augen dagegen funkelten spöttisch — aber wohlgemerkt nicht hämisch! —, als sie Tillmanns Sportdress musterte.

»Morgen, Tillmann. Chast du Sport gemacht? Ich finde super! Form ist wichtig! Gesundheit!«, zwitscherte sie — wenn man in Anbetracht ihres doch eher schleppenden Akzents von einem Zwitschern reden konnte. Na ja: Hühnchen Kiew. Obwohl Hühner nicht zwitschern. Nicht lustig. Egal.

Sie selbst trug wie meistens eine Funktionsleggings und einen Adidas-Pullover, hatte die Haare zu einer Asipalme hochgebunden und sah trotzdem aus wie einem Modekatalog entsprungen.

»Äh, ja klar. Fit halten und so.« Aus einem nervösen Hüsteln erwuchs ein waschechter Hustenanfall. Wurde er etwa rot? Ihm war jedenfalls mit einem Mal ganz schön heiß. Hatte sicher mit der Rennerei zu tun.

»Ich dir chabe gesagt, chör auf zu rauchen.«

»Baba, rauchen!«, sagte Arthur und Irina nickte.

»Ja, stimmt. Bah ist das. Da hat der kleine Hosenmatz ganz recht!« Tillmann stand etwas peinlich berührt da, während das Kleinkind ihn weiter skeptisch musterte.

»Sonst alles okay?«, fragte er linkisch. Sein Blick fiel auf Magnum, der inzwischen wieder auf der Fußmatte saß und Irina samt Sohn musterte.

Irina zögerte beinahe unmerklich. Beinahe. »Jaja, alles okay, alles okay.«

Tillmann seufzte und zwang sich, nicht zu unverblümt auf die überschminkte Blessur zu gucken.

»Na dann.«

»Du bist früh wach, Tillmann.« Geschickter Themenwechsel.

»Ja. Training und so. Mal … ja, wie gesagt: Mal in Form kommen. Und so weiter.« Dann fügte er aus unerfindlichen Gründen an: »Außerdem hab ich schlecht geträumt.« Er schalt sich einen Narren. Arthur nickte und schien ihn gut zu verstehen.

Irina lächelte warm. »Weniger Bier, mehr Yogi-Tee. Ich dir auch chabe gesagt. Und nicht so viele Monsterfilme.«

Tillmann lachte ebenso leise wie ertappt. »Ich mag meine Monsterfilme.«

»Monsterfilme!«, rief Arthur, zog eine Grimasse und machte ein ziemlich fieses Monstergeräusch. Tillmann jagte das einen Schauer über den Rücken, der ihm peinlicher war, als er zugegeben hätte.

»Jau. Na ja. Ich … äh. Hab Brötchen geholt. Frühstück.«

»Guten Appetit, Tillmann!«

»Appetit!«, rief Arthur und zog wieder die Monstergrimasse.

Magnum maunzte und rannte unvermittelt in die Wohnung.

Tillmann grinste schief, nickte und folgte dem Kater, nicht ohne noch einen knappen Blick auf Irinas Hintern in den hautengen Leggings zu werfen. Er kam sich creepy vor — wie Hamid, ein weiterer seiner illustren Nachbarn, wohl gesagt hätte —, aber nicht zu sehr. Er war immerhin ein Kerl, verdammt!

Er zog die Tür hinter sich zu und atmete durch. Verflucht noch mal. Heute war offenbar wieder einer dieser Tage.

Er legte die Brötchen auf den Küchentisch, warf den Stadtanzeiger daneben und holte Butter und eingeschweißten Aufschnitt aus dem Kühlschrank. Erst jetzt fiel sein Blick auf die Schlagzeile in der Zeitung. Er war stolz, dass sein Atem nur sehr kurz stockte.

Bergbaumuseum Maria Kunigunde eröffnet in Marten.

Er hätte es tatsächlich fast vergessen. Konnte es Zufall sein? Er setzte sich auf den einzigen Stuhl, der am Küchentisch stand, leckte den Daumen an, schlug die Zeitung auf und las.

Dass sie das Bergwerk auch nach dem Zwischenfall nie gänzlich stillgelegt hatten, wusste Tillmann natürlich. Immerhin hatte es eine Zeit gegeben, da ihn das Thema Maria Kunigunde intensiv beschäftigte. Sehr intensiv. Zu intensiv. Wohl einer der Gründe, warum er dort angekommen war, wo er eben heute war.

Ja, er wusste Bescheid. Ausbildung von technischem Führungspersonal unter Tage. Angeblich. Abgebaut wurde dort nichts mehr. Angeblich. In gewisser Weise glaubte er beiden offiziellen Meldungen der RuMö. Allerdings ließen beide großen Interpretationsspielraum zu.

Aber dass sie wirklich ein Museum daraus machen würden, war irgendwie an ihm vorübergegangen. Ganz entfernt erinnerte er sich an vereinzelte Meldungen in den letzten zwei, drei Jahren. Zwei, drei Jahre, die er immerhin — so wie die letzten zwei, drei Jahrzehnte — meist damit zugebracht hatte, sich die Welt schöner zu saufen. Darunter litt sein Gedächtnis bisweilen erheblich. Eventuell auch sein Verstand. Sicher nichts Irreversibles, aber wie erwähnt: Die Situation, in der er sich derzeit befand, kam bestimmt nicht von ungefähr.

Ein Museum. Menschen, Bürger, Zivilisten da unten? Tillmann fuhr sich über sein unrasiertes Gesicht. Schwielige Hände über dichten, borstigen Haaren.

Die Geschichte schmeckte ihm ebenso wenig wie das Brötchen, in das er nun biss. War Gitti bestimmt wieder auf den Boden gefallen. Deswegen hatte sie ihm die Tüte auch billiger gegeben — als sei Geld ein Problem für ihn. Na ja, kein großes jedenfalls.

Ein Museum. Da unten. Na ja. Wenn die meinen. Ein leises Schnurren von unterm Tisch ließ ihn in erwartungsvoll aufgerissene Goldaugen schauen.

»Na hopp!«, sagte Tillmann zwischen zwei Bissen und hielt dem Kater ein Stück Kochschinken hin, nachdem dieser sicher auf seines Herrchens Schoß gelandet war.

Heute VIP-Führung. Mit Dobermeyer, diesem Spacko. Wir im Westeeeen. Wirtschaftswunderlaaaaand. So sehr er auch die Musik dieses Kerls missbilligte, Tillmann musste zugeben, die Melodien blieben im Ohr. Natürlich taten sie das. Darauf begründete sich immerhin sein Status als Multimillionär.

Das Foto des Sängers, das die Zeitungsfritzen abgedruckt hatten, war beinahe größer als das der Zeche, um die es eigentlich ging. Der soll doch seine Fresse halten. Pseudointellektueller Schwachmat.

Am Samstag sollte dann die große Eröffnung folgen. Zu der natürlich Dobermeyer was zum Besten geben würde. Reden vom Oberbürgermeister der Stadt und anderen einflussreichen Menschen standen ebenfalls auf der Agenda. Tillmanns Blick wanderte automatisch zu der kleinen Schwarzweißfotografie einer überaus attraktiven Frau, die irgendwo zwischen vierzig und sechzig sein mochte. Wer konnte das heutzutage schon sagen bei diesen Damen, die über Geld, Zeit und Personal Trainer verfügten?

Und dieser Dame, Grit Habicht, standen garantiert alle drei dieser Vorzüge auf einmal zur Verfügung, soviel wusste Tillmann. Er konnte sich gut an Grit Habicht erinnern. Damals war sie noch keine so einflussreiche Frau, auch wenn ihr Weg zu diesem Zeitpunkt natürlich bereits vorgezeichnet gewesen war.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Vorstandschefin der RuMö. Ein eiskaltes Biest aus elitären Kreisen. Und trotzdem hätte er sie damals beinahe gevögelt. Klar. Beinahe. So wie er so vieles beinahe getan hätte.

Knurrend schob er Zeitung und Brötchen weg und reichte Magnum den Rest des Belages — Kochschinken stand bei ihm tatsächlich immer hoch im Kurs.

Für eine kleine Weile blieben die winzigen Schmatz- und Schnurrlaute des Katers das einzige Geräusch im Raum.

Tillmann seufzte, erhob sich mit einem leisen Ächzen, denn seine Knochen schmerzten vom Laufen oder vom Leben allgemein oder was wusste er schon, und langte geistesabwesend zu dem kleinen roten Retro-Radio, das er letztes Jahr gekauft hatte. Sah aus wie eine billige 60er-Jahre-Nordmende-Kopie und war auch eine, sah aber nett aus und verfügte über Bluetooth. Tillmann besaß zwar kaum bluetoothfähige Geräte, aber die zur Unterfütterung seiner Kaufentscheidung gelesenen Onlinerezensionen hoben allesamt die Bluetoothfunktion stark hervor. Eigentlich wollte er lediglich Radio hören, und dafür taugte das Teil ziemlich gut.

Die knisternden atmosphärischen Störungen, die nun folgten, bildete er sich jedenfalls wohl größtenteils ein, als ein Sprecher kundtat: »… Ausbruch aus der Klinik für Forensische Psychiatrie in Aplerbeck gekommen. Der sechzigjährige Ralf P., der an schizoiden Wahnvorstellungen leidet, wird als gefährlich eingestuft.« Natürlich. Es sind nur noch Bekloppte unterwegs. Warum und weshalb und worum es überhaupt ging, war Tillmann herzlich egal. Es wurde eben alles immer schlimmer. Faktum. »Sachdienliche Hinweise nimmt das Polizeipräsidium Dortmund entgegen.«

Auf diese ernste und bedrückende Nachricht folgte postwendend die bemüht unbeschwerte und unentwegt gutgelaunte Stimme der Morgenmoderatorin. »Hui, da ist ja wieder ganz schön was los bei uns im Pott! Haltet die Augen offen, aber lasst euch nicht beirren, Leute, denn Antenne Dortmund sorgt für euren besten Start in den Morgen! Als Nächstes kommt für euch ein echter Evergreen. Wir alle lieben ihn, wir alle wollen ihn — also sollen wir ihn auch bekommen: Harald Dobermeyer mit Gelsenkirchen. Oder sollte ich sagen: Herne-West?!« Lacher vom Band.

Noch bevor jedermanns Lieblingsruhrgebietsbarde losnölen konnte, versetzte Tillmann dem Ausschalter seines Radios einen Schlag.

Sein Bauch gluckerte.

Seine Stimmung war finster.

Es war nicht mal 08:00 Uhr morgens, er war schwer verkatert und nach einem geschlagenen Jahrzehnt zum ersten Mal wieder Joggen gewesen.

Zudem gab es den ganzen verdammten Tag nichts zu tun.

»Scheiß doch drauf.«

Ein sanfter Schubser ließ Magnum mit einem vage verärgerten »Blöahb!« zu Boden springen. Einige wenige schlurfende Schritte beförderten Tillmann in sein Bett.

Zwei Minuten später schnarchte er.

 

 

Gähnend leer erstreckten sich vor Sarina die Museumsgänge, als sie gegen 10:00 Uhr durch die Ausstellung schlenderte. Sie kannte zwar alle Objekte in- und auswendig, wusste zu den Hintergründen der Gestaltung und der Szenografie etwas zu sagen, aber es machte sie immer etwas entspannter, wenn sie sich kurz vor einer wichtigen Veranstaltung noch mal alles ansah. Die ehrenwerte Aufgabe, die Führung zu halten, hätte an sich ohnehin van Trapp zugestanden. Die Betonung lag auf an sich. Eine solche Führung war Arbeit, die selbstredend postwendend auf die Volontärin abgewälzt wurde.

Ist auch besser so. Sie schnaubte belustigt beim Gedanken daran, wie dieser Schwachmat sich durch die Exponate stammelte. Sie war sich nicht sicher, ob der Direktor schon mal selbst durch die Ausstellung gegangen war und tatsächlich wusste, was wo stand.