Die Prinzen und der Drache - Tanja Kinkel - E-Book

Die Prinzen und der Drache E-Book

Tanja Kinkel

0,0
3,99 €

Beschreibung

Ein Füllhorn fantastischer Ideen in der Tradition von Michael Ende: „Die Prinzen und der Drache“ von Tanja Kinkel jetzt als eBook bei dotbooks. Aufregung im Königreich Loralon: Die Zwillinge Tonio und Claudio gleichen sich bei der Geburt so sehr, dass niemand weiß, welcher der Prinzen älter ist. Aber wer soll dann eines Tages den Thron besteigen? Als die Knaben herangewachsen sind, beschließt der König, sie auf eine abenteuerliche Reise zu schicken – und wer am Ende einen Drachen erlegt, soll würdig sein, das Erbe anzutreten. Auf Tonio und Claudio warten viele Gefahren, aber auch neue Freunde … und mehr als eine Überraschung! Ein spannender Roman über Konkurrenz und Zusammenhalt, die Macht der Träume und das Abenteuer, seinen eigenen Weg zu gehen. „Ein besonderer Genuss ist Tanja Kinkels klare und doch phantasievolle Sprache. Die Autorin hat mit ihrem ersten Kinderbuch Lehrlings- und Gesellenzeit zugleich bestanden und kann in die Meisterklasse aufgenommen werden.“ Badische Zeitung Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Die Prinzen und der Drache“ von Bestsellerautorin Tanja Kinkel. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 275

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch:

Aufregung im Königreich Loralon: Die Zwillinge Tonio und Claudio gleichen sich bei der Geburt so sehr, dass niemand weiß, welcher der Prinzen älter ist. Aber wer soll dann eines Tages den Thron besteigen? Als die Knaben herangewachsen sind, beschließt der König, sie auf eine abenteuerliche Reise zu schicken – und wer am Ende einen Drachen erlegt, soll würdig sein, das Erbe anzutreten. Auf Tonio und Claudio warten viele Gefahren, aber auch neue Freunde … und mehr als eine Überraschung!

Ein spannender Roman über Konkurrenz und Zusammenhalt, die Macht der Träume und das Abenteuer, seinen eigenen Weg zu gehen.

»Ein besonderer Genuss ist Tanja Kinkels klare und doch phantasievolle Sprache. Die Autorin hat mit ihrem ersten Kinderbuch Lehrlings- und Gesellenzeit zugleich bestanden und kann in die Meisterklasse aufgenommen werden.« Badische Zeitung

Über die Autorin:

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte über Aspekte von Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation Brot und Bücher e.V, um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen: www.brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts.

Bei dotbooks veröffentlichte Tanja Kinkel neben ihren großen Romanen Die Söhne der Wölfin, Die Schatten von La Rochelle und Unter dem Zwillingsstern ihre Erzählungen Der Meister aus Caravaggio, Reise für Zwei, Feueratem und Ein freier Mann.

Die Autorin im Internet: www.tanja-kinkel.de

***

eBook-Neuausgabe Oktober 2016

Copyright © der Originalausgabe © 1997 by Thienemann Verlag (Thienemann Verlag GmbH), Stuttgart/Wien

Copyright © der eBook-Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von Shutterstock/Antracit.

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-693-5

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Die Prinzen und der Drache an: [email protected]

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Tanja Kinkel

Die Prinzen und der Drache

Roman

dotbooks.

Ein Märchenfür Dani und Nick

Kapitel 1 Die Fee

In Loralon gab es ein Sprichwort, das die alten Leute gerne bei allen möglichen Gelegenheiten zitierten. »Hüte dich vor Feen«, pflegten sie in ihrem düstersten Tonfall zu sagen, »denn sie könnten dir deine Wünsche erfüllen.«

Padraic, der König von Loralon, hatte dieses Sprichwort nie verstanden und es fiel ihm zu spät ein, als er an einem regnerischen Morgen, unwillig die Regierungsgeschäfte anzugehen, vor dem Spiegel stand und wie so oft seufzte: »Ich wünschte, ich hätte endlich einen Sohn.«

Erst am vorigen Abend war seine Königin, Fabrizia, beim Abendessen in Tränen ausgebrochen, weil sie sich so sehr nach einem Kind sehnte. König Padraic hatte versucht sie zu trösten, doch ihn bedrückte ihre Kinderlosigkeit nicht minder. Er brauchte einen Nachfolger.

An diesem besonderen Morgen hörte ihn eine Fee, die sonst nichts anderes zu tun hatte, und war gerührt. Sie war noch sehr jung für eine Fee und daher recht neugierig auf die Menschen, also entschloss sie sich mit dem König zu reden, obwohl Feen im Allgemeinen nicht mit Menschen sprechen. (Der Grund dafür wird sich bald herausstellen.) Diese Fee jedoch schlug alle Ratschläge ihrer Artgenossen für den Umgang mit Menschen in den Wind. König Padraics Seufzer war noch nicht verklungen, als er im Spiegel wahrnahm, wie sich hinter ihm das Fenster öffnete. Ein gewaltiger Windstoß ließ ihn unwillkürlich frösteln, als er sich umdrehte, um das Fenster wieder zu schließen. Doch was er dann sah, ließ ihn ungläubig innehalten.

Die dünnen Regentropfen, die der Wind mit sich gebracht hatte, sammelten sich in einem glitzernden, glimmernden Wirbel. Der König blinzelte, doch der kleine Wirbel aus Regentropfen, der sich immer schneller um sich selbst drehte, machte keine Anstalten zu verschwinden. Im Gegenteil, er wurde größer und größer und nahm immer deutlicher die Gestalt einer Frau an, bis König Padraic erkannte, dass er zum ersten Mal in seinem Leben einer Fee gegenüberstand.

»Ich werde Euch ein Kind gewähren«, begann sie mit einer Stimme, in der immer noch das sanfte Rauschen von Regentropfen mitklang, aber der König, der sich noch nicht richtig von dem Schreck erholt hatte, unterbrach sie ohne nachzudenken: »Dann sorgt bitte dafür, dass es ein Sohn ist! Mädchen können keine Königreiche regieren und ich brauche einen Nachfolger.«

Das Gesicht der Fee verdüsterte sich und es schien, dass Blitze in der durchsichtigen Gestalt zuckten. Diesmal hörte der König Donner in ihrer Stimme grollen und jetzt erst erinnerte er sich an das alte Sprichwort, das er nie begriffen hatte.

»Mädchen können was nicht? Das schlägt dem Fass doch den Boden aus! Oh, ich werde Euch Söhne geben, mehr Söhne, als Ihr Euch je erhofft habt!«

Die Gestalt der Fee löste sich auf und wurde erneut zu einem Wirbel aus Regentropfen, bis auch dieser verschwand. König Padraic stand am geöffneten Fenster, spürte den Regen und den Wind, der ihm ins Gesicht blies, und war sich nicht sicher, ob er gesegnet oder verflucht worden war.

***

Eine Zeit lang dachte der König, es wäre alles nur ein Traum gewesen. Die Feen hatten sich schon vor so langer Zeit aus Loralon zurückgezogen, dass die Menschen seiner Generation bezweifelten, ob es sie überhaupt gab. Außerdem starb ein paar Tage später der alte Hofzauberer und die Mühe, einen geeigneten Ersatz zu finden, ließ König Padraic fast vergessen, was geschehen war.

Doch bald entdeckte seine Königin, dass sie ein Kind erwartete, und neun Monate später fieberte das gesamte Königreich der Ankunft des versprochenen Erben von Loralon entgegen. Alles schien zum Besten zu stehen; sogar ein neuer Hofzauberer hatte sich gefunden, ein geheimnisvoller, etwas zänkischer alter Mann mit einer scharfen Zunge, der sich weigerte irgendjemandem seinen Namen zu verraten, doch genügend eindrucksvolle Beweise seines Könnens lieferte, um sofort eingestellt zu werden. König Padraic hatte die Worte der Fee zwar nicht vergessen und ab und zu beschlich ihn ein ungutes Gefühl, doch im Großen und Ganzen war er sehr mit dem Lauf der Ereignisse zufrieden, bis zu dem Moment, als die Hebamme mit ihren Neuigkeiten zu ihm kam.

Denn die Königin gebar nicht nur einen Jungen, sondern zwei. Nun hatte er Zwillingssöhne, die sich vollkommen glichen. Niemand konnte sie unterscheiden, und niemand, noch nicht einmal die Hebamme, konnte sich erinnern, welcher Sohn als Erster auf die Welt gekommen war.

Das war eine Katastrophe. Nur ein Sohn konnte der nächste König sein, denn noch nie hatte jemand davon gehört, dass zwei Könige über ein Reich regierten. Aber welchen der Zwillinge sollte der König vorziehen? In seiner Verzweiflung schlug er vor: »Also … das klingt vielleicht herzlos, aber wie wäre es, wenn wir heimlich einen der Jungen weggeben, so dass er nie erfährt, dass er ein Prinz ist?«

»So weit kommt es noch!«, sagte die Königin scharf und hielt ihre zwei kleinen Söhne ein wenig fester. »Du wirst keinen meiner Söhne fortgeben, lass dir das gesagt sein! Sie sind beide meine Kinder und keiner wird sie einfach hinauswerfen.«

Nicht zum ersten Mal hegte König Padraic den Verdacht, dass Königin Fabrizia, wäre sie an jenem Morgen bei ihm gewesen, ganz und gar die Partei der Fee ergriffen hätte. Sie stammte aus einem Reich mit ein paar merkwürdigen Vorstellungen und war eine energische und eigenwillige Frau. Sie setzte sich durch.

Kapitel 2 Der Zauberer

Beide Zwillinge wurden als Prinzen in Loralon erzogen. Sie erhielten die Namen Claudio und Tonio. Während sie heranwuchsen, glichen sie sich zwar immer noch wie ein Ei dem anderen, aber in ihrem Wesen begannen sie bald Unterschiede zu zeigen. Claudio war der Stärkere; er schwamm und rannte gerne und am allerliebsten ritt er. Tonio war der Klügere; er genoss es, zu lesen, zu lernen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Die beiden stritten sich hin und wieder, wie es bei Geschwistern so üblich ist, aber im Grunde hingen sie sehr aneinander und verbrachten einen großen Teil ihrer Kindheit damit, gemeinsam Streiche auszuhecken. Das bevorzugte Ziel ihrer Streiche war der Hofzauberer.

Der Zauberer hatte sich bald nach seiner Ankunft im Ostturm der Burg eingerichtet, über der Bibliothek. Abgesehen von König und Königin war es jedem streng verboten, seine Räume zu betreten. Das alleine wäre für die Zwillinge schon unwiderstehlich gewesen, doch dazu kam, dass aus dem Ostturm ständig seltsame Klänge drangen, obwohl der Zauberer doch allein dort lebte. Die Dämpfe und Wölkchen, die gelegentlich aus der Turmspitze quollen, waren nie weiß oder grau, sondern grün, rosa, hellblau oder dunkelorange. Und obwohl der Zauberer die Burg kaum verließ und mit nur einem Beutel als Gepäck gekommen war, stapelten sich jeden Monat am Fuß des Turmes die Dinge, die er nicht mehr brauchte und wegwarf, zu einem Haufen, der den Zwillingen riesig schien – bis sie zehn wurden und in einem Jahr mehr wuchsen als vorher in dreien. Danach war der Haufen immer noch eindrucksvoll, aber so lange sie auch hoffnungsvoll darin stöberten, nie fand sich etwas wirklich Aufregendes.

»Schon wieder Holzsplitter und Drahtklammern«, sagte Claudio enttäuscht, als sie den Haufen des Monats gründlich durchsucht hatten. »Warum kann nicht mal etwas Gutes dabei sein, ein alter Zauberstab oder eine Drachentatze oder so?«

Tonio schaute zur Spitze des Ostturms hoch, die an diesem Tag von einer lila Wolke umschlängelt wurde.

»Ich wünschte, ich wäre da oben.«

»Versuchen wir’s einfach noch mal!«, schlug Claudio vor, ehe er sich an die letzte Gelegenheit erinnerte, bei der sie von dem Zauberer vor seinen Räumen erwischt worden waren. Er hatte ihnen gesagt, unerwünschte Besucher würden bereits beim Betreten des ersten Zimmers verbrennen. Claudio schluckte bei der Vorstellung. Zu seiner Überraschung nickte sein sonst so vorsichtiger Bruder.

»Genau das machen wir!«

»Aber …«

»Ich hab mir die Sache überlegt«, versicherte ihm Tonio. »Er kann gar keinen Brandzauber auf die Türschwelle gelegt haben. Was ist, wenn plötzlich ein Bote mit unerwarteten Nachrichten kommt? Und außerdem, wenn er uns etwas tun würde, würden unsere Eltern ihn hinauswerfen. Er hat uns nur Angst machen wollen.«

Das war ein überzeugendes Argument und Claudio schämte sich ein wenig, tatsächlich so etwas wie Angst empfunden zu haben. »Dann nichts wie los!«, rief er und Tonio, der wusste, dass Claudio im Stande war, sofort in den Turm zu stürzen, griff hastig nach seinem Arm und erwischte nur noch den Ärmel.

»Warte, warte, warte! Nicht so schnell!«

»Aber du hast doch gesagt …«

»… dass er uns nicht verbrennen würde. Aber er kann uns irgendwas anzaubern, so wie dem Hofarzt, als der ihn unbedingt untersuchen wollte. Willst du etwa eine Stunde lang mit juckenden Händen herumlaufen?«

Das erschien Claudio belanglos, gemessen an der Aussicht, endlich einen Blick in den verbotenen Bereich des Ostturms werfen zu dürfen. Er machte sich los, als Tonio hinzufügte: »Ich habe einen Plan!«

Am nächsten Tag rannte ein Küchenjunge zum Ostturm und rief, so laut er konnte, nach dem Hofzauberer. Unerklärlicherweise hatten sich Mäuse, Frösche und Kröten in der Burgküche eingefunden und den Koch, der so stolz auf die Küche war, in Verzweiflung gestürzt. Da am Abend ein Fest stattfinden sollte, gab es nur eine Lösung: Der Zauberer musste die Küche von all den Tieren, die aus dem Nirgendwo gekommen zu sein schienen, befreien. Für solche Fälle, wie die Königin bemerkte, während sie den Koch zu trösten versuchte, war er schließlich bei Hofe.

Kaum hatte der Zauberer den Turm verlassen, tauchten die Zwillinge aus ihrem Versteck auf und stiegen in den Turm. Sie hatten den ganzen vorigen Tag und einen guten Teil der Nacht damit verbracht, all die Mäuse, Frösche und Kröten zu fangen. Danach war es nicht weiter schwer gewesen, sie in der Küche auszusetzen, und nun hasteten die beiden eilig die Wendeltreppe empor. Zunächst ging es in die Bibliothek, die jedem zugänglich war. Aber danach kam der Teil des Turmes, den der Zauberer für sich reserviert hatte. In der Eile hatte er nicht abgeschlossen. Ob allerdings etwaige Zaubersprüche ihr Eindringen verhindern konnten, würde sich gleich zeigen.

Claudio drückte entschlossen die Klinge herunter. Nichts geschah, nur ein leises Klicken verriet, dass die Tür wirklich nicht verriegelt war. Er öffnete sie und hielt einen Augenblick lang die Luft an, aber nichts geschah.

Hinter der Tür befanden sich zur leichten Enttäuschung der Jungen zunächst nur weitere Stufen. Die Wendeltreppe führte unverändert nach oben, und sie zu erklimmen war nicht magisch, sondern nur anstrengend. Der einzige Unterschied zum unteren Teil des Turmes bestand darin, dass die Stufen hier älter aussahen und knarzten, wenn man auf sie trat.

»Ich glaube …«, keuchte Tonio, der nach der hundertsten Stufe mit dem Zählen aufgehört hatte, »… der Zauberer … geht nicht oft … zu Fuß. Wahrscheinlich … zaubert er sich einfach … nach oben.«

Endlich wurde ihre Mühe belohnt. Rechts der Treppe sahen sie eine Pforte, die viel versprechend schwarz angemalt war. Einige weiße Buchstaben vervollständigten das Bild. Claudio blieb nicht lange stehen, um Atem zu holen, er lief zu der Tür, doch noch ehe er diesmal den Türknauf berühren konnte, warf ihn etwas flach auf den Boden.

»Du meine Güte«, sagte er beeindruckt zu Tonio, der gerade erst die oberste Stufe erreicht hatte, »hast du das gesehen?«

Tonio konnte noch nicht sprechen und deutete auf die Tür.

»Ich hab’s versucht und …«

»Da steht«, stieß Tonio hervor, »groß und deutlich ERST KLOPFEN!«

»Oh. Aber er ist doch gar nicht da!«

»Das kümmert magische Türen nicht«, gab Tonio zurück, dachte an all die Geschichten, die er gehört hatte, ging zur Tür, klopfte dreimal, was nie schaden konnte, und sagte dann so höflich wie möglich: »Lasst uns bitte eintreten.«

Die Tür schwang auf. Ehe er dazu kam, sich zu seinem Bruder umzudrehen und selbstzufrieden zu grinsen, flog ihm etwas Lilanes ins Gesicht. Er hustete und wedelte mit den Armen, um die Staubwolke loszuwerden, die ihn umgab und in der er nichts sehen konnte. Es war Claudio, der ihn bei der Hand griff und ins Innere des Raumes zog. Die lila Wolke schwebte noch einen Moment über der Schwelle, dann glitt sie zur Verblüffung der Zwillinge die Stufen hinunter. Das war das Letzte, was sie von ihr sahen, denn die schwarze Tür schlug heftig hinter ihnen zu.

Neugierig blickten sich die Prinzen um. Eigentlich glich der Raum, in dem sie sich befanden, der Bibliothek weiter unten. Doch außer den Bücherregalen entdeckte Claudio noch etwas Vielversprechenderes. In einer Ecke stand eine Reihe von Stäben in unterschiedlicher Länge und Dicke, die in allen Farben schillerten, bald silbrig, bald grünlich, bald gelblich. Tonio hatte sie ebenfalls gesehen und griff nach einem.

»Er lässt sich zusammenschieben«, sagte er staunend. Claudio griff nach einem der größeren Stäbe. »Der hier würde einen guten Speer abgeben«, meinte er, hob ihn auf, hielt ihn kurz prüfend in der Hand und warf ihn dann in das dämmrige Halbdunkel des Raumes hinein.

Etwas jaulte auf, das wie ein kleiner Hund klang. Doch was nun aus der Ecke auf die Zwillinge zurollte, war weder ein Hund noch klein. Es sah zunächst aus wie eine weitere Wolke, diesmal braun mit hellen Flecken, aber es wurde immer größer und verdichtete sich zu einer riesigen, stachligen Kugel. Die Stacheln sahen scharf und glänzend aus, ganz und gar nicht dunstig, und während sich die Kugel auf die Zwillinge zuwälzte, zerstörte das Schnarren und Knirschen der Stacheln auf dem Boden die Hoffnung, es könnte sich immer noch um eine Wolke handeln.

Die Jungen rückten unwillkürlich näher aneinander. Claudio griff nach einem weiteren Stab und Tonio zerbrach sich den Kopf über einen Ausweg. Durch das Fenster springen konnten sie nicht, die Tür befand sich hinter der Kugel, an der kein Weg vorbeiführte. Er versuchte sein Glück mit Worten, weil ihm das bereits an der Tür geholfen hatte. »Halt ein!«, schrie er in allen Sprachen, die er gelernt hatte.

Die Kugel ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie rollte weiter. Nur noch wenige Augenblicke und sie würde … Tonio kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, denn in diesem Moment fuhr ein Blitz durch den Raum. Die Kugel zerbrach in Abertausende kleiner und großer Stacheln, ein Schauspiel, das die Zwillinge so beeindruckte, dass sie eine Weile brauchten, um zu bemerken, dass der Blitz aus der Richtung der Eingangspforte gekommen war, und dass dort, halb verborgen hinter dem stachligen Trümmerhaufen, der Zauberer stand.

»WAS hat DAS zu BEDEUTEN?«, donnerte er.

***

Der Rest des Tages verlief für die Zwillinge sehr ungemütlich. Nach dem Zornesausbruch des Zauberers mussten sie noch eine Strafpredigt ihres Vaters über sich ergehen lassen und sich bei dem Koch und allen Küchenjungen entschuldigen. Für die nächsten Tage wurde es ihnen verboten, die Burg zu verlassen, was bedeutete, dass sie auf den großen Jahrmarkt und das Turnier verzichten mussten. Da sie außerdem all die Stacheln aufzuräumen und in Eimern auf den Burghof zu schleppen hatten, was zehn schwere Gänge treppauf und treppab bedeutete, empfanden sie ihre Behandlung als ungerecht und schworen dem Zauberer Rache.

»Trotzdem«, sagte Claudio, als sie in ihrem Lieblingsversteck saßen und Nüsse aßen, »was für ein Abenteuer! Ich wette, ich hätte dieses Ding besiegen können!«

Tonio schaute sich vorsichtshalber noch einmal um, dann grinste er verschwörerisch und zog etwas aus der Tasche. Es war der kleinste der glänzenden Stäbe, den er eingesteckt hatte, ehe Claudio seinen Speerwurf versuchte.

»Vielleicht kriegen wir noch mal die Gelegenheit dazu!«

In den folgenden Jahren gelang es ihnen nicht wieder, in die Räume des Zauberers einzudringen, und der Stab, den Tonio entwendet hatte, tat nie mehr als Blumen sprießen zu lassen, egal wohin man ihn schleuderte. Schließlich gebrauchte ihn Claudio als Übungswaffe. Aber die Prinzen waren auch ohne magische Mittel einfallsreich genug, um dem Zauberer eins auszuwischen, vor allem, nachdem sie entdeckten, dass er nichts so sehr hasste wie Weißdorn und in der Nähe dieses Strauches immer zu niesen anfing und rote Flecken auf der Haut bekam. Wenn sie dafür gelegentlich für einige Stunden mit gefrorenen Händen oder unlösbaren Schellenkappen oder plötzlich viel zu engen Schuhen herumliefen, so machte ihnen das nie sehr lange etwas aus. Im Übrigen wuchsen sie schnell heran, jeden Tag gab es etwas Neues zu erleben, und erst als sie in das Alter kamen, in dem einer von ihnen zum Kronprinzen ernannt werden musste, hatte ihre sorglose Jugendzeit ein Ende, denn ihr Vater wusste immer noch nicht, was er tun sollte.

»Ich kann mich nicht entscheiden, welchen ich nehmen soll!«, sagte er verzweifelt zu dem Hofzauberer, der inzwischen zu seinem engsten Berater geworden war.

»Wenn je ein Heer unser Königreich bedrohen sollte, wäre Claudio ein hervorragender König. Er ist der geborene Kämpfer. Aber in friedlichen Zeiten, wenn er entscheiden müsste, ob man die Steuern erhöhen sollte, welche Gebäude und Straßen zu bauen wären oder welchem Bauern welche Kuh gehört, würde er vollkommen versagen. Wohingegen Tonio solche Lagen spielend meistern würde. Tonio wäre der ideale König für Friedenszeiten. Was soll ich nur tun?«

Der Hofzauberer lächelte dünn und dachte an mancherlei. An seinen besten Zauberstab, den er völlig verbogen in der Rüstungskammer wiedergefunden hatte. An die Bücher in der Bibliothek, die nie dort standen, wo er sie zurückgelassen hatte, falls sie überhaupt noch auffindbar waren. Eines seiner Lieblingsbücher, Merlin und ich: Morganas Memoiren, suchte er immer noch vergeblich. Und schließlich dachte er an die ständigen Übungen in Zurückhaltung und Geduld, die er sich während der Kindheit der Zwillinge immer hatte auferlegen müssen.

»Nun, mein König«, sagte er ernst, »es gibt eine Prüfung, die nur der bestehen kann, der Eures Thrones würdig ist. Ihr müsst den Prinzen eine Aufgabe stellen, die nur ein wahrhaft edler Fürst bewältigen kann. Ihr müsst sie losschicken, um einen Drachen zu töten.«

»Einen was?«, wiederholte der König erstaunt. »Drachen sind seit mehr als hundert Jahren nicht mehr in Loralon gesehen worden. Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine Drachen mehr. Und außerdem, was soll diese Prüfung schon beweisen? Wir wissen bereits, dass Claudio der bessere Kämpfer ist.«

»Oh, es genügt nicht, ein guter Kämpfer zu sein, wenn man einen Drachen besiegen will«, erwiderte der Zauberer. »Drachen sind klüger als jede andere Kreatur auf Gottes Erdboden. Man braucht Verstand, um sich mit ihnen zu messen.«

»Also, angenommen, sie finden einen Drachen«, protestierte der König, »und sterben alle beide? Drachen töten im Allgemeinen sehr viele Leute, bevor sie selbst getötet werden.«

»Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen«, entgegnete der Zauberer ungerührt. »Es würde mich ohnehin wundern, wenn auch nur einer von ihnen einen Drachen findet. Und sollte er tatsächlich dabei sterben, dann ist Euer Nachfolgerproblem ebenfalls gelöst und einer Eurer Söhne hat zur Erhaltung seltener Arten beigetragen.«

Die Königin hörte das alles mit an, doch keiner der beiden Männer hatte sie bemerkt. Sie entschied sich die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen und machte sich auf den Weg, um ihre Söhne zu suchen. Bald fand sie die beiden.

»Euer Vater und dieser alte Zauberer hatten einen ausgesprochen törichten Einfall«, teilte sie ihnen mit. »Sie wollen euch alle beide auf eine mörderische Suche nach einem Drachen schicken und bilden sich ein auf diese Weise das Nachfolgerproblem zu regeln. Aber ich möchte nicht erleben, dass einer von euch getötet wird, und daher bitte ich euch, seid vernünftiger als euer Vater. Einer von euch muss selbstlos sein und sein Recht auf die Thronfolge aufgeben. Diese Lösung liegt doch auf der Hand.«

Die Zwillinge schauten einander an. Natürlich hatten sie immer gewusst, dass es da ein Problem gab, sie hatten sich aber nie wirklich Gedanken darum gemacht, denn beiden war es immer klar gewesen, wer König werden sollte. Und nun sprachen sie es laut aus.

»Aber Mutter«, antwortete Claudio, »ich wäre sicher der beste König. Ich werde Tonio zu meinem engsten Berater machen, damit er diesen ganzen Gesetzeskram erledigen kann, und dann feuern wir als Erstes diese alte Kröte von einem Hofzauberer.«

»Aber Mutter«, sagte Tonio gleichzeitig, »ich wäre sicher der beste König. Ich werde Claudio zu meinem General machen, dann kann er seine Kampfeslust austoben und …«

»Ihr seid genau wie euer Vater«, kommentierte die Königin abgestoßen. »Männer!«

Nach einer Weile beruhigte sie sich und setzte erneut an. »Nun gut, ihr beide, dann jagt eurem Drachen hinterher. Vielleicht ist es wirklich das, was ihr verdient, wenn ihr nicht in der Lage seid einzusehen, dass König sein nicht alles ist. Aber hört auf mich und zieht wenigstens nicht einzeln los. Nur gemeinsam habt ihr eine Chance.«

Insgeheim vermutete sie, dass es längst keine Drachen mehr gab, aber eine Reise über die Grenzen von Loralon hinaus war gefährlich genug und ihre beiden Jungen sollten zumindest aufeinander aufpassen können.

»Warum nicht«, entgegnete Claudio unbekümmert und stieß seinen Bruder mit dem Ellenbogen in die Seite. »Ich wollte Tonio schon immer zeigen, wo es langgeht.«

Tonio erwiderte den Rippenstoß, aber angesichts der bekümmerten Miene seiner Mutter verging ihm sein Grinsen.

Später saß er mit gerunzelter Stirn in der Burgbibliothek, beugte sich über alte, verblichene Karten und versuchte deren Landschaftsmarkierungen so genau wie möglich abzuzeichnen. So fand ihn der Hofzauberer.

Die Angelegenheit mit den Mäusen und Fröschen lag nun schon Jahre zurück und Tonio fühlte sich mittlerweile viel zu erwachsen, um noch beeindruckt von mehrfarbigen Wolken zu sein, aber er zuckte trotzdem unwillkürlich zusammen, als er das Räuspern des alten Mannes hörte.

»Aha«, sagte der Zauberer trocken. »Reisevorbereitungen?«

»Möglich«, murmelte Tonio. Der Hofzauberer gehörte eigentlich zu den interessantesten Menschen, die er kannte, doch jede Unterhaltung mit ihm artete früher oder später in einen Wettkampf mit Worten aus und man musste auf jedes einzelne Acht geben. Der Zauberer schnipste mit den Fingern und sein bevorzugter Sessel kam bereitwillig aus der Ecke hervor. Die weiten, dunklen Roben des alten Mannes rauschten, als er sich in den weichen Polstern niederließ.

»Wie erholsam es sein wird«, meinte er, »wenn ihr beide erst aus der Burg verschwunden seid. Verrate mir doch, mein Junge, war der Weißdornzweig in meinem Bett dein Einfall oder verdanke ich das deinem Bruder?«

Tonio schob sich die helle Haarsträhne, die ihm ins Auge gefallen war, aus der Stirn und antwortete in höflichem Tonfall: »War die Suche nach dem Drachen der Einfall meines Vaters oder verdanken wir das Euch?«

Die buschigen Augenbrauen des Zauberers zuckten belustigt. »Hmmm«, brummte er. »Ich wusste schon, warum ich mich geweigert habe euch zu erziehen. Prinzen zu erziehen ist die undankbarste Aufgabe, die sich vorstellen lässt, und hinterher fühlt man sich für die ausgereiften Könige verantwortlich und muss ständig hinter ihnen aufräumen. Nein, ich bin an euren lächerlichen kleinen Hof gekommen, um mich zu erholen, und nun wird es mir wohl endlich gelingen. Übrigens, was das Aufräumen angeht – nimm diese Karten nur mit. Es sind außergewöhnlich mittelmäßige Kopien, ich brauche sie hier nicht mehr und mich schaudert vor dem Ergebnis deiner mangelhaften Zeichenkünste.«

»Danke«, sagte Tonio überrascht.

Der Zauberer brummte noch einmal. »Außerdem würde ich an deiner Stelle meine Balladenkenntnisse auffrischen. Drachen waren schon immer das Lieblingsthema schlechter Dichter.«

Tonios Blick flog zu den alten Gedichtbänden und er begriff, dass er eben einen Hinweis erhalten hatte. Er sprang auf und lief zu dem entsprechenden Regal. »Vielen Dank«, stieß er freudig hervor, während er bereits den ersten Band hervorholte, »das ist wirklich sehr freundlich von …«

Er hatte einen Fehler begangen. Der Zauberer hasste es, wenn man ihm schmeichelte. »Ich bin niemals freundlich«, sagte er ungnädig. »Sieh zu, dass du möglichst schnell von hier verschwindest.«

Er stand auf und ging zu der kleinen, schmalen Bibliothekstür. Über die Schulter gewandt fügte er hinzu: »Und wenn du vor deinem Abschied nicht alles zurückbringst, was du hier entwendet hast, dann sei versichert, dass Drachen zu den geringsten deiner Schwierigkeiten zählen werden!«

Kapitel 3 Die Reise beginnt

Am nächsten Tag, einem Frühlingsmorgen, der so schön war, wie jeder Morgen es zu Beginn einer großen Reise sein sollte, begannen die Zwillinge ihre lange und gefährliche Suche nach einem Drachen – und einer Krone.

Zunächst gingen sie in verschiedene Richtungen, wie ihr Vater es verlangt hatte, aber bald trafen sie sich, wie heimlich verabredet, unter einer Eiche. Claudio schaute verächtlich auf Tonios schweres Gepäck hinab.

»Dein Pferd wird all das Zeug nicht lange tragen können. Außerdem sind einige von deinen Waffen lächerlich. Was nützen einem Degen gegen einen Drachen? Da braucht man Schwerter und Lanzen!«

Tonio errötete und entfernte etwas von dem überflüssigen Gepäck, aber als sie beide wieder auf ihren Pferden saßen, sagte er: »Nun, hast du dich schon entschieden, in welche Richtung wir reiten?«

Claudio war überrascht. »In welche Richtung? Also, ich dachte, wir folgen einfach der Straße und fragen, ob irgendjemand von einem Drachen gehört oder einen gesehen hat.«

»Unsinn«, entgegnete Tonio. »Ich habe in der Burgbibliothek nachgesehen. Hier ist eine Karte von Loralon. Und in einer Balladensammlung fand ich den Hinweis, dass der letzte Drache im Norden gesichtet wurde, in den Bergen von Kurosawa. Dahin sollten wir gehen.«

Und so ritten die Prinzen gen Norden.

Von der dritten Welt, in der Loralon lag, hieß es, die Wüsten seien im Süden, das Meer im Osten und riesige Wälder im Westen. Über den Norden wusste niemand sehr viel: Man nahm an, dass es dort Sümpfe und Moore gab und dahinter Berge, die bis in den Himmel ragten, aber niemand hatte je herausgefunden, was hinter den Bergen lag.

Die ersten Tage der Reise verliefen für die Prinzen fast enttäuschend gleichförmig. Sie kannten die Gegend, und da im Reich ihres Vaters Frieden herrschte, ließ sich kein einziger Räuber auf den Straßen blicken, an dem sie ihre Tapferkeit hätten erproben können. Einmal zuckte Claudio zusammen, als er Tonio leise stöhnen hörte, und fragte hoffnungsvoll: »Was ist? Hast du irgendetwas gesehen?«

Tonios Wangen röteten sich, während er den Kopf schüttelte. »Nein. Aber ich bin noch nie so lange am Stück geritten!«

Als sein Bruder lachte, warf Tonio ihm den Beutel mit Schreibzeug an den Kopf, den er gerade heimlich aus der Satteltasche hatte entfernen wollen. Sie würden ohnehin kaum mehr dazu kommen, Briefe zu schreiben.

Nach einer Woche merkten die Zwillinge allerdings, dass die Sprache der Bewohner anfing sich zu ändern. Sie betonten Worte anders und sangen fremde Lieder. Und je weiter sie nach Norden kamen, desto schwerer wurde es, einer bestimmten Straße zu folgen.

»Wir müssen im Grenzland sein«, murmelte Tonio eines Nachmittags, während er mit zusammengekniffenen Augen die Karte studierte und versuchte in dem Gewirr von Linien die richtige Straße zu finden. »Wahrscheinlich schaffen wir es heute noch bis nach Ariand.«

Sie wussten nicht viel über Ariand, das große nördliche Nachbarland von Loralon, außer, dass es von mehreren Völkern bewohnt und von einer Stadt namens Zidang aus regiert wurde. Claudio wollte gerade ebenfalls einen Blick auf die Karte werfen, als ein dünner, hoher Laut ihn aufhorchen ließ. Er stieß Tonio den Ellenbogen in die Seite, legte einen Finger auf den Mund und wartete. Der Laut kam wieder, diesmal deutlicher, gefolgt von einem tiefen Knurren. Für Claudio gab es keinen Zweifel: Jemand brauchte Hilfe. Da er und sein Bruder nur kurz gerastet hatten, waren die Pferde gesattelt geblieben. Er schwang sich auf den Rücken seines Tieres und galoppierte bereits in Richtung der Geräusche los, als Tonio ihm nachrief: »Warte! Es könnte …« Claudio hörte ihn nicht mehr. Die Straße verzweigte sich in zwei schmale Wege; einer davon führte in ein Dickicht und aus dieser Richtung drangen die immer klarer werdenden Laute. Die dünne, hohe Stimme und die tiefe, knurrende stießen Laute aus, die Claudio nicht verstand, doch als er erst einmal die Besitzer der Stimmen gefunden hatte, glaubte er sofort zu erkennen, um was es sich handelte.

Claudio hatte zwar noch nie einen Zwerg gesehen, aber das kleine, gedrungene Wesen, das eine Schleuder um seinen Kopf wirbelte, musste einer sein. Er wusste nicht, wie man das braunhaarige Ungetüm nannte, das mindestens dreimal so groß wie der Zwerg und ein beträchtliches Stück größer als Claudio selbst war, doch es sah bedrohlich genug aus. Ohne zu zögern zog Claudio sein Schwert und stürzte sich zwischen die beiden.

Was als Nächstes geschah, hätte er nie erwartet. Das riesige Wesen blickte ihn an, jaulte auf, ließ sich auf seine Vorderpfoten nieder und rannte davon. Gleichzeitig schrie der Zwerg etwas und rammte Claudio eine erstaunlich harte Faust in den Magen.

Mehr verblüfft als verletzt starrte Claudio auf den zornigen kleinen Mann hinunter, der nun in einer einigermaßen verständlichen Form der Hochsprache brüllte: »Du Narr! Du loralonischer Narr! Wofür hältst du dich eigentlich! Der einzige Graumiak im Umkreis von drei Wäldern und du verscheuchst ihn!«

»Ich wollte helfen …«, setzte Claudio an und wurde durch einen weiteren Stoß in den Magen belohnt.

»Mir helfen? Großartig! Und was sollen wir essen? Ich bin jetzt schon fünf Tage auf der Jagd, meiner Familie gehen die Vorräte aus, da finde ich endlich einen Graumiak und so ein bartloser Grobian von einem Loraloner verscheucht ihn! Du …«

»Verzeiht«, unterbrach ihn eine Stimme und der verwirrte Claudio war selten so froh gewesen seinen Bruder zu hören. Tonio stieg in aller Ruhe von seinem Pferd: »Mein Bruder und ich sind Fremde in diesem Land, und wenn wir jemanden beleidigen, so nur aus Unwissenheit, nicht aus böser Absicht. Dürfen wir erfahren, was sich mein Bruder hat zu Schulden kommen lassen?«

Der Zwerg strich sich den gesträubten Bart glatt. Einigermaßen besänftigt entgegnete er: »Nun ja, jede Familie hat ihre Tölpel. Als der Graumiak diesen hier sah, ist er natürlich sofort verschwunden. Schließlich haben wir mit ihnen vereinbart, dass immer nur einer gegen einen kämpft, und die armen Biester haben ohnehin schon genug Angst vor uns.«

Claudios Verwirrung verwandelte sich langsam, aber sicher in tiefen Ärger. Seine Hilfe war offenbar nicht nur unnötig gewesen, man hatte sie ihm auch noch mit Schlägen vergolten und jetzt bezeichnete man ihn auch noch als Tölpel. Tonio mochte es für nötig halten, diesen Zwerg zu umschmeicheln, aber er, Claudio, hatte genug von dem undankbaren kleinen Ungeheuer.

»Ihr habt ihn gejagt?«, fragte er ungläubig. »Und was soll das heißen, Ihr habt es so mit den Graumiaks vereinbart? Wie kann man etwas mit einem Tier vereinbaren? Oder sind das keine Tiere?«

Der Zwerg musterte ihn so verächtlich wie ein Insekt, das unter einem Stein hervorkrabbelt. »Natürlich sind das Tiere. Früher haben sie in Herden mit uns in den Höhlen gelebt, aber seit der großen Katastrophe sind wir alle dazu verurteilt, durch dieses grässliche Grünzeug zu ziehen, wo sich kein Bergbau betreiben lässt, aber jede Menge gefährliche Viecher und Narren wie ihr herumlungern, und seither gibt es immer weniger von uns und den Graumiaks.«

Bei den Worten »große Katastrophe« hatte Tonio aufgehorcht. Doch er kam nicht dazu, seine Frage zu stellen.

»Aber wenn diese Graumiaks Tiere sind«, beharrte Claudio störrisch, »wieso könnt Ihr dann mit ihnen sprechen?«

Zum ersten Mal schien der Zwerg verlegen, wie Claudio befriedigt feststellte. Er zupfte an seinem Bart und seine sonst so schneidend helle Stimme klang undeutlich, als er antwortete.

»Nun ja … es war ein Unfall.«

Tonio stellte seine Frage zurück, denn mittlerweile interessierte ihn die Angelegenheit mit den Graumiaks ebenfalls.

»Ein Unfall?«

»Mhm.« Der Blick des Zwerges wanderte zwischen ihm und Claudio hin und her. Seine Miene hellte sich auf und er erklärte: »Vielleicht könnt ihr uns sogar helfen den Schaden wieder zu beheben. Da mir der Graumiak ja euretwegen entgangen ist, schuldet ihr mir ohnehin etwas.«