Die Quellen der Malicorn - Ju Honisch - E-Book

Die Quellen der Malicorn E-Book

Ju Honisch

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Beschreibung

Ein verheerender Krieg bricht aus in der Welt Talunis – nach Jahrhunderten des Friedens. Hier herrscht das friedliebende Volk von Gestaltwandlern – Einhörner, genannt Tyrrfholyn. Im Kampf verschlägt es den unbesonnenen Kanura in die Menschenwelt, ins heutige Irland. Dort trifft er auf Una und nimmt sie mit zurück in sein Reich. Die talentierte, junge Menschenfrau mit dem ausgeprägten eigenen Willen findet sich in einer Welt wieder, in der ein grausames und gewissenloses Regime alles zu unterwerfen sucht, was es für fremd und minderwertig hält. Plötzlich ist Krieg mehr als nur Bilder aus weit entfernten Ländern. Jetzt geht es auch um Unas Leben und um das eines Mannes, der sehr viel mehr ist als – einfach nur ein Mann.

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Ju Honisch

Die Quellen der Malicorn

Roman

1

Kanura spürte kaum den Boden unter seinen Hufen. Er jagte über das sanfte, moosige Gras, über die Hügel, die Bergflanken hinab in die grünen Täler. Und dennoch setzte er jeden Schritt, jeden Tritt bewusst und zielgerichtet. Jeden Sprung. Er spürte die lebende Erde unter sich, fühlte die Verbindung zu ihr.

Sie gab ihm Macht, und die würde er brauchen.

Ihnen allen gab Talunys Nahrung und Macht. Diese, seine Welt war überall, umgab ihn, durchdrang ihn und das gesamte Volk der Tyrrfholyn. Die Einhörner waren Kinder und Herren des Landes gleichermaßen.

Dennoch sprachen die Alten von Krieg. Und sein Freund war tot.

Fast widerwillig stemmte Kanura die Hufe gegen seine eigene Geschwindigkeit, bremste allein mit seiner muskelstrotzenden Stärke und verabschiedete sich vom Wind, der ihm durch die helle Mähne gefahren war wie eine Geliebte, die einem im Übermut die Haare zerzauste. Er drehte den Kopf, senkte sein Horn in die Richtung seines Blickes und ließ es an Informationen einsaugen, was die Augen nicht sahen, die Nüstern nicht rochen und die Ohren nicht hörten.

War da etwas? Er war sich nicht sicher. Aber nicht sicher zu sein, konnte Gefahr bedeuten.

Der Weg war weiter gewesen, als er gedacht hatte. Die sinkende Nachmittagssonne ließ das Wasser im Sonntal silbrig glitzern. Das Flüsschen breitete sich in der Mitte des Tales zu einem kleinen, länglichen See aus. Der Boden in der Nähe des Ufers war sumpfig, und Kanuras Hufe gaben schmatzende Geräusche von sich, als er auf dem üppigen Gras tänzelte.

Brunnen waren vermutlich noch nicht gefährlich, aber Flüsse und Seen mochten schon dem Feind gehören. Wenn die Gerüchte denn stimmten. Wenn sie mehr waren als ein Gruselmärchen, das die Schanchoyi in die Welt gesungen hatten, so wie sie immer aus Vergangenem Lieder und Legenden erschufen.

Der Tod hatte sich ein erstes Opfer geholt, und wo Tote nicht mehr nur Strophen alter Gesänge waren, wurden bunte Märchen schnell zu dunkler Wirklichkeit.

Welchen Grund hatte er, dies zu bezweifeln?

Dennoch galoppierte Kanura durch die Weiten Talunys’ in dem Anspruch, dass es – zumindest bis zu den Trutzbergen – immer noch den Tyrrfholyn gehörte. Das Land ebenso sehr wie die Luft, die er atmete, und das Wasser, ohne das niemand leben konnte.

Und die Uruschge gab es gar nicht. Oder doch?

Misstrauisch betrachtete er das glitzernde Nass. Schön war es und verführerisch. Für sein Volk hatte Wasser immer schon auch Verführung bedeutet. Jede Quellnymphe in den Liedern wusste das. Jeder der Tyrrfholyn wusste das auch. Es war noch nicht einmal etwas Verwerfliches darin: Verführung war zielgerichtete Sinnlichkeit. Und wer hatte schon etwas gegen Sinnlichkeit? Kanura ganz gewiss nicht.

Vorsichtig näherte er sich dem Glitzerspiegel des Wassers. Fast erwartete er, dass sich die glatte Oberfläche nach oben wölben würde, um einen Feind aus der Tiefe hervorbrechen zu lassen. Nicht, dass der aus einem Flüsschen gebildete See tief war, doch die Uruschge konnten Tiefe selbst im flachsten Tümpel finden. Es gehörte zu ihrer ureigensten Magie. Sie trugen die Tiefe in sich, waren selbst Teil eines immerwährenden Abgrunds. Kaum ein Wasserlauf war zu flach oder zu klein, um ihnen als Hinterhalt dienen zu können.

So hieß es zumindest in den Legenden.

Kanura schnaubte argwöhnisch. Irgendetwas stimmte nicht. Er sog die Luft durch seine Nüstern ein, versuchte die Gerüche und Präsenzspuren um sich zu analysieren. Die Uruschge waren vermutlich geruchlos, denn Wasser wusch Duftmarken ab. Doch eine Aura sollten sie wenigstens haben, etwas, was Kanura wahrnehmen konnte. Die Wahrnehmung der Tyrrfholyn war ausnehmend gut, dennoch … nichts!

Er tänzelte etwas nervös hin und her und überlegte, ob er sich wandeln sollte. Manchmal sah man in Menschengestalt klarer, und die Tyrrfholyn wechselten zwischen diesen beiden Möglichkeiten, je nachdem, welche Form gerade praktischer war. Aber in Menschengestalt würde er nicht so schnell fliehen können.

Kaum hatte Kanura das gedacht, tadelte er sich auch schon dafür, denn er wollte gar nicht fliehen. Er war ein Fürstensohn, Prinz des Herrscherclans der Ra-Yurich. Da rannte man nicht einfach vor einem Wassertier davon, egal wie viele Zähne oder welchen Appetit es hatte. Egal ob es aussah wie ein Mensch oder wie ein Einhorn oder einfach nur wie ein Ross.

Zu lange hatten die Tyrrfholyn sicher gelebt, ohne Krieg, ohne Angreifer. Sie waren unvorsichtig geworden. Alte Feindschaften galten ihnen als Märchen, die wohliges Gruseln hervorriefen, wenn die Schanchoyi auf einem Fest davon erzählten oder Balladen über die Heldentaten der Vorfahren sangen. Gefahr war bis vor Kurzem etwas gewesen, wonach man sich beinahe gesehnt hatte, war doch das Leben allzu bequem und sicher. Alle konnten sich gemächlich nur dem Naheliegendsten widmen.

Die Ra-Yurich hatten sich mit ihrer Herrschaft beschäftigt, mit dem Ausbau ihrer Heimstatt Kerr-Dywwen, mit dynastischen Verbindungen, Fortpflanzung, Erhalt dessen, was war. Und mit dem Vergnügen des Lebens an sich.

Die Re-Hoyhn hatten sich damit beschäftigt, wie sie die Herrschaft der Ra-Yurich ablösen könnten. Die Re-Gyurim wiederum hatten sich darauf konzentriert, wie der leise, nie offen ausbrechende Streit zwischen den Ra-Yurich und den Re-Hoyhn zum Vorteil der Re-Gyurim genutzt werden konnte, subtil und höflich.

All das hatte ihnen Zerstreuung bereitet, denn – so hatte man geglaubt – die Zeiten, in denen Einhörner sich gewaltsam mit Feinden auseinandersetzen mussten, waren vorbei und hatten einer Epoche der Schönheit, Weisheit und des Friedens Platz gemacht.

Doch dann war Edoryas verschwunden. Nach Sonntal hatte er galoppieren wollen. Ob er es je erreicht hatte, wusste niemand. Sein Leichnam war viele Meilen entfernt von Kerr-Dywwen am Fluss aufgetaucht, zerbissen und angefressen. Mit dem Gesicht im Wasser hatte er dagelegen, in menschlicher Gestalt. Seine Hände zeigten Kampfspuren, seine Unterarme Abwehrverletzungen.

Sonntal. Da stand er nun also, Fürstensohn Kanura, in dem Tal und vor dem Gewässer, an das er vielleicht seinen Freund und Gefährten verloren hatte.

Eine wütende Träne löste sich aus seinen großen, goldbraunen Augen und rann ihm über das Gesichtsfell. Einen Augenblick lang wünschte er sich Hände, um sie abzuwischen, doch erneut widerstand er der Versuchung, sich zu wandeln. Angespannt tippelte er von einem Huf auf den anderen.

Was tat er an diesem einsamen Ort? Es war nicht weise gewesen, allein hierher zu kommen. Tatsächlich wusste er nicht einmal genau, was er hier wollte. Spuren suchen? Antworten finden?

Wenn man jemanden verlor, der einem wichtig war, wollte man eine Erklärung. Man wollte, dass irgendetwas einen Sinn ergab, doch Edoryas’ Tod hatte keinen Sinn ergeben! Kein Zusammenhang mit was auch immer ließ sich herstellen.

Und die Uruschge, denen die Schanchoyi Edoryas’ Tod anlasteten, hatte niemand zu Gesicht bekommen. Solange Kanura sie nicht mit eigenen Augen sah, blieben sie ein Schemen, ein altes Wort, das die Weisen seines Volks nur aufgebracht hatten, um eine Erklärung für das Unerklärliche zu geben.

Kanura schüttelte den Kopf. Vielleicht war es ja gut, denn allein die Uruschge zu sehen, konnte schon bedeuten, ihnen zu unterliegen. Vielleicht aber auch nicht! Was wäre, wenn die Uruschge nur als eine passende Erklärung für etwas anderes, noch Schrecklicheres angeführt wurden?

Plötzlich begann sich die Wasseroberfläche von der Mitte her zu kräuseln. Kanura setzte mit einem Sprung zurück und bekämpfte den Instinkt, seine Hinterläufe gegen den Boden zu drücken und davonzugaloppieren. Er war kein Pferd, er war ein Tyrrfholyn! Das Fluchtverhalten der weitläufigen Verwandten stand ihm als Fürstensohn der Ra-Yurich nicht zu, auch wenn sein Herz ihm bis in den Hals hinein laut und heftig schlug. Fast schien es durch das stille Tal zu hallen.

Wenn die Schanchoyi recht behielten, hatte Edoryas eine solche Begegnung nicht überlebt.

Flucht oder Kampf? Kanura trat ein paar Schritte vom Ufer zurück und senkte das Horn. Es war nicht nur Sinnesorgan, es war auch Waffe und Sitz seiner Magie. Ob es über die Magie der Uruschge zu siegen vermochte, war ungewiss.

Vielleicht würde auch er bald tot am Wasser liegen. Er hätte nicht allein hierher kommen sollen.

2

»Wo treibt sich Kanura herum?«

Hra-Esteron, Leithengst und Fürst der Ra-Yurich, sandte seine Frage geräuschlos in die Köpfe der Herde, die auf der Wiese mit dem saftigsten Gras stand, der Prunkweide vor Kerr-Dywwen. In ihrem Rücken ragten die hellen Bauten des Palastes in den strahlenden Sommerhimmel, aus wuchtig breiten Untergeschossen filigran nach oben zulaufend. Auf dieser Weide versammelte sich der Hof in seiner freien Zeit. Einhörner hatten Sinn für Prunk und Ästhetik, doch außerhalb des Hofzeremoniells mochten sie es unkompliziert.

»Er trauert um seinen Freund«, antwortete Enygme ebenso still. Ihre gold-gelb schimmernde Isabellfärbung hatte sie an ihren Sohn weitervererbt. Den gewaltigen Knochenbau allerdings hatte Kanura von seinem Vater, dem Hra, dem Fürsten von Kerr-Dywwen und Beschützer von Talunys. Er war ein Rappe, groß, überaus muskulös und unangefochten Herr seiner Sippe und aller Tyrrfholyn. Aller Tyrrfholyn auf der südlichen Seite der Trutzberge, teilte doch diese Grenze Talunys unüberwindlich in zwei Hälften.

Doch Einhörner hatten die Angewohnheit, zu ignorieren, was sie nicht ändern konnten, und so sah der weidende Hofstaat möglichst nicht in ihre Richtung.

Heute jedoch machte Enygme, die Fürstin und Leitstute, eine Ausnahme. Sie hob den Kopf, schüttelte die blonde Mähne und blickte ungehalten auf die schroffe Nordgrenze ihres Reiches.

»Ich hoffe, er macht keine Dummheiten«, schickte sie ihre Gedanken ihr Horn entlang in den Wind. »Er ist zu wild und stürmisch.«

Hra-Esteron rollte mit den Augen und schnaubte stolz. Wild und stürmisch schienen ihm keine schlechten Eigenschaften für einen Fürstensohn zu sein. Enygme sah ihn strafend aus großen Augen an.

»Wir müssen der Sache auf den Grund gehen!«, antwortete Hra-Esteron, nun auch ernst. »Ich habe eine Beratung mit den Schanchoyi und den Schreibern einberufen.«

»Die Schanchoyi kennen ihre Legenden, doch befähigt sie das dazu, die Gegenwart richtig zu bewerten?«, wandte Enygme ein. »Für sie ist das Versmaß von größerer Bedeutung als der Wahrheitsgehalt ihrer Berichte – und vielleicht ist die Wahrheit ja schon vor langer Zeit der Kunst gewichen. Wir glauben zu gerne, dass Schönheit auch Wahrheit ist. Vielleicht hören wir seit Generationen das, was wir hören wollen, anstatt das zu lernen, was die Wirklichkeit war?«

»Die Uruschge hat es wirklich gegeben!«, schnaubte Hra-Esteron. »Wir haben gedacht, sie wären von dieser Welt verschwunden. Doch sie sind wieder da. Und sie morden!«

»Sie waren mir immer zu grausam, als dass ich an ihre Existenz tatsächlich geglaubt hätte«, seufzte Enygme. »Ihre Bösartigkeit ist in ihrer ganzen mörderischen Hinterlist zu unbegreiflich. Was hat jemand davon, so böse zu sein?«

»Nur an das Schöne zu glauben, macht die Welt nicht gut, meine liebe Enygme. Das Grausame hat es immer gegeben. Die Schreiber haben ihre eigenen Legenden aus der Menschenwelt. Auch sie kannten dort die Uruschge. Kelpie ist ihr Name für unsere Feinde in der Menschensprache.«

»Das klingt beinahe niedlich«, flüsterte Enygmes Schwester Aruyen. Sie wandte den Kopf ab, um zu zeigen, dass sie das Herrscherpaar nicht unterbrechen und damit keinesfalls die Rangordnung der Herde infrage stellen wollte.

Das Fell an Hra-Esterons Hals zuckte. Er blickte hoch, an Aruyen vorbei.

»Lasst uns zur Versammlung gehen«, befahl er. »Wenn wir doch an nichts anderes denken können als an das Schreckliche, so kann uns auch das friedliche Grasen nicht ablenken.«

Enygme seufzte. Sie wandte sich Hra-Esteron zu. Dieser hob sein elfenbeinfarbenes Horn in den Himmel, stieg auf die Hinterläufe, schüttelte seine Mähne – und warf sich aus der gleichen Bewegung heraus sein schwarzes Haar aus einer nun menschlichen Stirn.

»Gehen wir!«, wiederholte er mit fester Baritonstimme.

War er als Einhorn schon groß, so überragte er in seiner menschlichen Form alle anderen um Haupteslänge. Esteron war ein muskelbepackter Hüne, langbeinig, breitschultrig, dazu wuchtig, ohne dick zu sein. Er trug schwarze Kleidung, eine wildseidene Tunika mit silbernen Bordüren und weiten Ärmeln und dazu eine schwarze Hose aus fein gewebtem Leinen. Seine Stiefel, kunstvoll geschustert aus der glänzenden Lederpflanze, reichten ihm bis übers Knie.

Enygme blickte ihn an und wusste, dass sie ihn liebte. Wie immer direkt nach der Wandlung vermisste sie das Horn auf seiner Stirn, von dem nur noch ein kleines Muttermal an der linken Schläfe zeugte. In Menschengestalt unterschied die Tyrrfholyn vom Aussehen her nichts von anderen Menschen, außer vielleicht ihre Pracht und Schönheit.

Eine menschliche Bedienstete kam aus der Richtung des Palastes angelaufen, blieb ehrfurchtsvoll am Rand der Weide stehen und knickste.

»Hoheiten«, sagte sie und neigte den Kopf. »Eryennis von den Re-Gyurim wird vermisst. Ihr Vater Hre-Hyron lässt höflichst fragen, ob Ihr wisst, wo sie sein kann.«

Inzwischen hatte sich auch Enygme in eine Frau verwandelt. Sie strich sich ihr hüftlanges, blondes Haar über die Schultern und schüttelte ihr weites, helles Kleid aus, als wäre es zerknittert. Obwohl sie klein war, war sie doch wohlproportioniert. Sie lächelte die menschliche Dienerin an. Menschen fiel es sehr viel leichter, mit den Tyrrfholyn in ihrer menschlichen Gestalt zu reden.

»Sie wird nicht weit weg sein«, meinte Hra-Esteron.

»Vielleicht ist sie mit Kanura unterwegs«, mutmaßte Enygme.

»Das bringt uns zu unserer Frage zurück: Wo treibt sich Kanura herum?«, fragte der Fürst.

»Langsam mache ich mir doch Sorgen!«

»Vielleicht«, murmelte nun Aruyen, die hinter das Herrscherpaar getreten war, »sind sie ja nur irgendwo zu zweit unterwegs und …«, sie räusperte sich anzüglich.

»… und bringen die dynastische Planung durcheinander? Das fehlte noch!«, donnerte Hra-Esteron.

»Solange sie nicht den Uruschge zum Opfer fallen, soll es mir recht sein«, murmelte Enygme. Dann schwieg sie unvermittelt, und ihr Blick ging in die Weite. Plötzlich bekam sie weiche Knie und setzte sich abrupt ins Gras.

Hra-Esteron war sofort neben ihr.

»Was ist, mein Mädchen?«, fragte er hastig. Nachtblaue Augen ruhten besorgt auf ihr.

»Ich weiß nicht.« Enygme strich sich fahrig durch die Haare. »Aber ich habe auf einmal ein so schreckliches Gefühl. Ich hoffe, es ist keine Vorahnung.«

Esteron runzelte die Stirn, und das Mal auf seiner Schläfe zuckte. Er nahm Vorahnungen sehr ernst, besonders wenn sie von Enygme kamen. Er blickte in die Ferne, auf den harmlosen, blauen Himmel, auf die sanft hügelige Landschaft, die sich nach Norden hin immer weiter erhob, bis hin zu den Trutzbergen, die dann schier in die Wolken ragten und sich darin verloren, ohne dass man je ihre Gipfel ausmachen konnte. Die Grenze des Reiches, eine Wand, deren oberes Ende man nie sah.

Alles wirkte so friedlich. Doch auch er spürte es. Spürte es seit Tagen. Der Frieden trog. Er musste Kanura finden. So schnell wie möglich.

3

Würde er fliehen, wäre er vermutlich schneller als ein Verfolger, dachte Kanura. Mit Recht war er auf seine Geschwindigkeit stolz: Er war der schnellste Hengst seiner Herde. Schneller als sein Vater.

Das war bisweilen gut so.

Allerdings wusste er nicht, wie schnell die Uruschge waren. Bei ihrem Ruf konnte man nicht umhin, zu argwöhnen, dass sie in vielen Dingen den Tyrrfholyn überlegen waren – und sei es nur, weil Bösartigkeit sie trieb und ihre Magie keinen moralischen Zwängen unterworfen war.

Das Wasser in dem kleinen See hob sich, als bekäme es eine plötzliche, glatt polierte Beule, die allen physikalischen Gesetzen zuwiderlief. Kanuras Gesichtsmuskeln zuckten vor Anspannung. Das Zucken lief über seinen ganzen Körper und ließ seine Seele kalt erbeben.

Doch er weigerte sich, sich von seiner Furcht übermannen zu lassen. Er war hergekommen, um etwas herauszufinden. Zugegeben, es war dumm gewesen, ohne Verstärkung nach den Mördern seines Freundes zu suchen. Ein Kampf lag plötzlich im Bereich des Realen. Und wer kämpfte, konnte immer auch verlieren. War er zu überheblich gewesen?

In diesem Moment brach sich das Wasser auf dem Scheitelpunkt des unmöglichen Wasserhügels und troff von einer Gestalt herab, die sich aus den Fluten erhob. So sahen sie also aus, die Uruschge! Nicht zum Fürchten. Eher mitleiderregend.

Das junge Mädchen kam auf Kanura zu, zog sich mühsam ans Ufer und blieb dort liegen: matt, die Unterschenkel noch im Wasser, als könnte es nicht weiter. Bei Nähe betrachtet war es von so ungeheurer Schönheit, dass dem Fürstensohn der Atem stockte. Mit Ungeheuern hatte er gerechnet, aber nicht mit dieser überwältigenden Anmut. Goldenes Haar fiel ihr bis zu den schlanken Schenkeln. Ihre Augen waren vom gleichen tiefen Blau wie das Meer. Ihre Gestalt war von so unvergleichlicher Präzision, ein Kunstwerk, das kein Traumwerker hätte schöner gestalten können.

Außerdem war sie nackt.

Es vergingen einige wertvolle Sekunden, in denen Kanuras junger Körper vollständig sein Denken übernahm und sein Gehirn jedes Detail der schönen Mädchengestalt in sich aufsog. Wie eine Urgewalt trieb es ihn dazu, sich der Frau zu nähern und ihr sein Horn und so viel mehr in den Schoß zu legen.

Doch etwas in Kanura kämpfte gegen den Drang an, sich zu wandeln. Leise verfluchte er seine Erregung. Wie konnte dieser verführerische Anblick ihn so rasch die Bedrohung durch die Uruschge vergessen lassen? Männliche Tyrrfholyn waren kräftige Hengste – in jeder Hinsicht, und die physische Erregung würde ihn in jeder Gestalt an einer schnellen Flucht hindern.

Nicht, dass er flüchten wollte. Ganz und gar nicht wollte er das.

Er merkte kaum, wie er einen Huf vor den anderen setzte und dem Mädchen näher kam.

Es weinte. Tränen rannen über das unglaublich schöne Gesicht – oder waren es nur Wassertropfen aus dem See? Im Sonnenlicht glitzerten sie wie Diamanten.

Kanura war nur noch von dem einen Wunsch beseelt, ihr zu helfen und sie zu trösten mit allem, was er hatte und war. Sein Körper fieberte nach der Begegnung, zerrissen zwischen blanker Begierde und dem echten Herzenswunsch, dieses Wesen aus seiner Trauer zu reißen, es zu beglücken.

Nun streckte sie etwas hilflos die Hand nach ihm aus, schien zu schwach, sich vom Rand des Sees entfernen zu können. Mit ihren blauen Augen hatte sie seinen Blick geradezu fixiert.

»Komm«, sagte die Schöne.

Ihre Stimme war wie Musik, sanft und melodisch. Und dennoch berührten ihre Worte in Kanura etwas anderes als Gefühle. Ganz langsam schaltete sich sein Verstand wieder ein, kämpfte gegen die Übermacht der Empfindungen, die seine Seele und seinen Körper gleichermaßen beherrschten.

Er stellte erschrocken fest, dass er sie fast schon erreicht hatte. Widerstrebend blieb er stehen, befahl sich, seine Hufe nicht weiter zu setzen, sondern dort zu verharren, wo er war. Doch er wusste, auch das war schon entschieden zu nah. Ein eigentümliches Gefühl durchdrang ihn, irgendetwas zwischen Unruhe, Misstrauen und unbändigem Wollen.

»Wer bist du?«, fragte er. Es schien ihm, als müssten seine Gedanken die Hürde der Sinnlichkeit überspringen, um voranzukommen.

Die Hand, die sie nach ihm ausgestreckt hatte, fiel schwach zu Boden. Er musste ihr unbedingt helfen.

»Schnell!«, murmelte sie. »Komm zu mir!«

Er konnte jetzt sehen, wie sich der Boden unter ihrem Körper dunkel färbte. War das Blut? War sie verletzt?

Unwillkürlich trat er noch näher. In Einhorngestalt würde er ihr schlecht helfen können. Er musste sich wandeln.

Hielt sie etwas in der Hand? Die tief stehende Nachmittagssonne blendete Kanura. Er blinzelte. Irgendetwas glitzerte in den zarten Fingern. Was immer es war, sie streckte es ihm entgegen.

Er stieg und schüttelte sich – und stand als Mensch da, ohne dass er noch einmal darüber nachgedacht hatte. Sein hellblondes Haar war im Nacken zusammengenommen und fiel ihm lang über den Rücken, seine Augen waren groß und hellbraun, ein Anflug von Nachmittagsbart warf dunkle Schatten auf seine Wangen und betonte seine ebenso dunklen Augenbrauen, die leicht schräg nach oben geschwungen waren. Seine Beine steckten in hohen Stiefeln, über die weite Stoffhosen sich bauschten. Auch sein kragenloses Leinenhemd war locker und weit geschnitten und an den Bünden mit Stickereien verziert.

Die blauen Augen des Mädchens musterten ihn eingehend. Ihr Blick hielt ihn noch immer fest, sodass er kaum darüber nachdenken konnte, was er tat. Plötzlich schnitt der Gedanke an Edoryas durch seine Versonnenheit. Edoryas war tot. War diese Schöne das Letzte, was er gesehen hatte?

»Nimm das!«, flüsterte die junge Frau jetzt. Ihre Stimme schien schwächer geworden zu sein, fast unhörbar, und wieder trat Kanura unwillkürlich näher heran. »Nimm es!«, wiederholte sie beinahe schmerzhaft drängend.

»Was ist das?«, fragte Kanura, ebenso misstrauisch wie neugierig.

»Meine Seele«, kam die gewisperte Antwort. »Du wirst sie brauchen. Komm näher. Näher!«

»Wie – deine Seele?«

Das klang unheilvoll. Kanura wünschte, er hätte Perjanu, den alten Schanchoyi, dabei. Der wüsste vielleicht eine Antwort auf das, was hier geschah. Auch in Kanuras Gedächtnis rührte sich eine Erinnerung. Irgendeine Legende über Seelen, die er einmal gehört hatte. Er wünschte, er hätte sie sich gemerkt.

Er spürte nun ganz deutlich die Magie der Frau. Sie zog ihn wie an Fäden immer näher, und er blieb erschrocken stehen. Er hätte sich nicht wandeln sollen. Seine Stärke als Mann war mit der als Einhorn nicht vergleichbar. Außerdem spannte sein Beinkleid schmerzhaft, denn wider besseres Wissen begehrte er sie noch immer.

»Nun nimm schon! Schnell, Kanura! Wanderer! Retter!«

Wieso kannte sie seinen Namen?

Sie schob sich mühsam weiter auf ihn zu. Er konnte nicht sehen, was sie in der Hand hielt, aber es glitzerte in der sinkenden Sonne. Und ihre Finger – Kanura starrte darauf – waren mit Schwimmhäuten verbunden.

Dass sie nicht einfach ein Mädchen war, hatte er gewusst. Aber dass sie doch so deutlich anders war, hätte er nicht erwartet.

Der rote Fleck unter ihr breitete sich immer weiter aus. Ihre Haut schimmerte. Nur ihr Haar war unglaublicherweise trocken und fiel um ihren Körper wie goldene Seide.

»Bevor ich sterbe!«, weinte sie, und Kanuras Widerstand brach. Mit einer fließenden Bewegung kniete er neben ihr, spürte ihre Aura wie schillernd blaues Perlmutt, ließ sich davon durchdringen. Er fasste sie an den Schultern und zog sie ganz aus dem Wasser. Dabei drehte er sie um.

Eine dolchlange Kralle stak in ihrem Bauch. Alles war voller Blut.

Sie ergriff seine Hand, schob etwas hinein.

»Nimm es«, flehte sie wieder. »Du wirst es brauchen!«

Die Berührung ließ ihn ganz plötzlich begreifen: Sie war eine Quellnymphe. Jahrhunderte lang hatte man keine mehr zu Gesicht bekommen. Seit dem Großen Krieg mieden sie andere Lebewesen, waren zum bloßen Mythos geworden. Wie die Uruschge.

»Ich bringe dich nach Kerr-Dywwen«, beteuerte Kanura. »Die Heiler werden sich um dich kümmern.«

»Du musst jetzt gehen«, sagte sie nur.

»Ich lasse dich nicht hier allein zurück!«

»Kanura …«

»Ich weiß nicht einmal, wie du heißt!«

Ihre blauen Augen waren nur noch halb geöffnet, und es schien ihr schwerzufallen, ihn anzublicken.

»Ssenyissa«, flüsterte sie. »Ich hieß Ssenyissa.«

Die zarte, kühle Haut unter Kanuras Hand zitterte. Mit einem Mal hielt er nur noch Wasser, das mit Blut vermischt zurück in den See floss.

»Flieh!«, hörte er ihre Stimme im plötzlich aufkommenden Wind, dann war da nichts mehr, nur der Gedanke an ihren Blick, als sie verging.

Unglücklich kniete er auf dem feuchten Boden. Alle Lust war verflogen. Wasser drang in seine Kleidung, dort wo sie den Grund berührte. Er musste unwillkürlich daran denken, dass sie das war, Ssenyissa, die seine Kleidung durchnässte und seine Haut kühlte. Doch von ihr war nichts übrig außer einer Erinnerung und dem, was sie ihm überreicht hatte. Er öffnete die Hand und betrachtete den Gegenstand nachdenklich. Ein hellblauer Edelstein, münzgroß, rund geschliffen, zart funkelnd, mit goldrot glitzernden Einschlüssen.

Vorsichtig drückte er den Stein an seine Schläfe und versuchte, ihn zu erspüren. Die Aura warf ihn beinahe nieder. Er rang nach Atem, keuchte und brauchte eine Weile, um sich wieder zu fassen. Kein Zweifel: Er, Fürstensohn Kanura von den Ra-Yurich, besaß nun zu seiner eigenen auch noch die Seele einer Quellnymphe. Das Geschenk einer Sterbenden.

Wie konnte man eine Seele einem anderen vermachen? Eine so wunderschöne Seele?

Er hatte ihr nicht einmal helfen können.

Trauer durchfuhr ihn, und die Schuld drückte ihn nieder. Er hätte schneller reagieren, ihr sofort helfen müssen. Auch wenn er selbst kein Heiler war, verfügte er über einfache Heilmagie. Vielleicht hätte er sie so lange am Leben erhalten können, bis er sie zu einem echten Heiler gebracht hatte.

Eine Nymphe. Manche aus seinem Volk glaubten, dass es ihnen zu verdanken war, dass die Tyrrfholyn früher in die Menschenwelt hatten wechseln können. Mit ihnen war auch die Möglichkeit des Übergangs verschwunden. Zurück blieb nur die Ahnung, dass es einst wahr gewesen sein musste. Wie sonst hätten die Menschen nach Talunys kommen können? Denn es gab Menschen im Reich der Einhörner. Sie mussten aus ihrer Welt gekommen sein, hatten nicht mehr zurückgefunden und waren das geworden, was sie heute waren: die Abkömmlinge einer kleinen Minderheit von Fremden, die hier Künste und Handwerk etabliert hatten, weil sie keine Magie kannten außer der Fertigkeit ihrer Hände und der Kreativität ihrer Gedanken.

Während die Menschen für Kanura wirklich waren, hatte er Quellnymphen als unwirklich eingeschätzt. Freundliche Wasserwesen, kaum mehr als eine Legende. Ein Märchen, wie die Uruschge.

Und dennoch war Edoryas tot.

Eine Welle traf sein Knie. Kanuras Augen weiteten sich. Vor ihm wölbte sich das Wasser erneut zu einem neuen, unglaublichen Wasserhügel, teilte sich. In Windeseile wurde aus der Welle eine Woge, dann eine Flut.

Da war sie. Ssenyissa. Die Schöne. War sie nicht eben gestorben? Nun stand sie vor ihm, wassertriefend, zum Greifen nah.

»Ssen…«, murmelte er erleichtert, als sie ihn ansah. Dann wandelten sich die blauen Augen, wurden rot. Das Lächeln erhielt Zähne, die lang waren und spitz. Aus den Händen schossen lange, dolchartige Krallen hervor.

Kanura stolperte erschrocken rückwärts, doch schon war die Kreatur da und griff nach ihm.

Flieh! – hatte Ssenyissa gesagt.

Das hätte er wohl tun sollen. Nun war es zu spät.

4

Una fuhr nicht mehr mit ihrer Mutter in Urlaub. Sie war dafür zu alt. Eigentlich.

Mit achtzehn Jahren und gerade bestandenem Abitur reiste man nicht mit der Mutter zum hundertsten Mal an den stets gleichen, verstaubten Ort im Nirgendwo von Westirland, um die stets gleichen Hügel zu erkunden und über die stets gleichen Täler den stets gleichen Kommentar zu hören: »Schau nur, ist das nicht schön!« Stattdessen sollte man irgendetwas Abgefahrenes mit Freunden unternehmen.

Sie hatte ja auch etwas Abgefahrenes vorgehabt, mit Jan hatte sie verreisen wollen, quer durch Frankreich bis nach Spanien. Mit dem Jungen, den sie liebte.

Aber dann hatte Jan sich kurzfristig umentschieden und machte nun die Reise mit Lara. Die gleiche Reise. Unas Reise. Mit Unas Freundin. Una war ersetzt worden, einfach so. In beinahe letzter Minute, ohne große Erklärung. Per SMS.

»Macht man das jetzt so?«, hatte ihre Mutter gefragt und sich ein »Ich habe es doch gleich gewusst!« verkniffen, das dann unausgesprochen zwischen ihnen gestanden hatte und dort immer noch stand. Seit Unas Vater Martin sich hatte scheiden lassen und nun mit einer Frau zusammen war, die näher an Unas Alter war als an dem ihrer Mutter, war das Thema Männer manchmal schwierig.

Allein zu Hause sitzen hatte Una aber auch nicht gewollt. Also eben wieder mal Irland, das Mietcottage in der Grafschaft Clare, wie in so vielen anderen Sommerferien auch.

»Romantisch!«, nannte ihre Mutter das Zweizimmerhüttchen ohne Fernseher, dafür aber mit dem offenen Torffeuer.

Auf Romantik konnte Una zurzeit gut verzichten. Darunter stellte sie sich sowieso und grundsätzlich auch etwas ganz anderes vor, als ums Haus rumgehen zu müssen, wenn man zur Toilette wollte. Nicht, dass es in der Gegend nicht dutzendweise hübsche, moderne Hotels oder Gästehäuser mit vernünftigen EU-geförderten Badezimmern, Fernsehen und WLAN gegeben hätte. Nein, es musste ja »romantisch« sein.

Scheißromantik.

Und so trat Una mit einer gewissen Wut in die Pedale. Ihr Leihfahrrad war nicht eben die Krone der Fortbewegungstechnik. Es war schwarz und schwer und hatte eine völlig veraltete Dreigangschaltung. Wenigstens war die Grafschaft Clare nicht übermäßig bergig.

Einen Vorteil hatte dieser Urlaub, dachte sie ironisch, sie würde fit wie ein Turnschuh zurückkommen. Sie war allein unterwegs, hatte sich Ziele gesetzt, die schwer zu erreichen waren und für die man eine Weile weg war. Den ganzen Tag. Oder auch zwei; dann würde sie in irgendeinem B&B übernachten, allein. Hauptsache weg von so viel »Romantik«.

Tatsächlich war sie sich nicht mehr sicher, ob die Couch zu Hause in Deutschland nicht entschieden spannender gewesen war. Daheim hätte sie immer noch die Chance gehabt, vielleicht andere Jungs kennenzulernen und Romantik nicht im Außenklo suchen zu müssen. Hier gab es nur sehnige Farmer in Gummistiefeln, mit Tweedmütze auf dem Kopf und zu wenigen Zähnen.

Ja, die Landschaft war schön. Grün. Mit kritzegelben Ginsterflecken. Und grauen Steinen. Nett. Und damit hatte es sich dann auch schon.

Ihre Mutter fand Irland unvergleichlich toll. Ihre Eltern hatten sich vor fünfundzwanzig Jahren hier kennengelernt, spielten beide irische Musik, hatten sich auf Sessions mit den Einheimischen vergnügt. Ihre Mutter tat immer noch so, als würde sie einmal im Jahr dazugehören zu den Musikern und den Guinnesstrinkern, den zahnlosen Tweedmützenträgern und zu einer Kulturszene, in der man zu höflich war, um der enthusiastischen Deutschen zu sagen, dass auch in Irland kein Mensch Torffeuer und Außenklos noch romantisch fand – oder jemals romantisch gefunden hatte.

Zugegeben, als Musikerin war ihre Mutter tatsächlich so gut, dass Una sich nicht völlig fremdschämen musste. Aber trotzdem.

Una schwitzte. Es war warm. In Spanien wäre es heißer gewesen – in jedem Sinn des Wortes, aber da hätte sie nicht mit dem Fahrrad Erkundungstouren zu irgendwelchen historisch-kulturellen Stätten gemacht, nur um weg zu sein. Heilige Quellen interessierten sie in etwa so viel wie die Durchschnittsgeschwindigkeit einer afrikanischen Schwalbe unter Last. Aber was gab es schon groß zu unternehmen?

Steinkreise, Megalithgräber und heilige Quellen. Letztere waren ganz furchtbar katholisch. Die Steinkreise kannte sie auswendig. Ihre Mutter befasste sich leidenschaftlich mit Esoterik, da konnte man Steinkreisen nicht entgehen. Die Megalithgräber nahm sie nebenbei mit. Und so konzentrierte Una sich jetzt auf heilige Quellen.

»Die sind natürlich schon viel älter als das Christentum, auch wenn die katholische Kirche so tut, als hätte sie sie erfunden«, hatte Unas Mutter etwas säuerlich angemerkt und dann dankenswerterweise nicht auf die Tour mitkommen wollen. Zu katholisch.

Also konnte Una mit einem Ausflug zu den heiligen Quellen wenigstens der Fürsorge ihrer Mutter entkommen. Una überlegte sich, ob sie diesem erfreulichen Umstand ein Votivbild spenden sollte, denn sie hatte gehört, dass die Quellen damit vollgestopft waren. »Maria hat geholfen« – und sei es nur dabei, eine allzu wohlmeinende Mutter zu stoppen, die tatsächlich glaubte, mit ein paar langen psychologischen Gesprächen »von Frau zu Frau« würde sich die Sache mit Jan irgendwie in Wohlgefallen auflösen, und Una würde einsehen, dass alles, so wie es war, ganz super sei.

Es gab Dinge, die brauchte kein Mensch, und gute Ratschläge waren auch Schläge.

Also heilige Quellen.

Una hielt an und konsultierte ihr Navi. Rechts ging es einen Weg hoch. Ein kleines Schild deutete auf eine heilige Quelle hin. Es sah ein wenig handgemacht aus und war zweisprachig gälisch-englisch.

Es ging bergauf. Der Pfad war nicht befestigt und so überwachsen, dass Una das Rad schieben musste. Ihr Rucksack drückte heiß auf ihren schweißnassen Rücken. Wenn man gläubig war, kroch man hier vermutlich auf den Knien hoch und skandierte Gebete. Im Moment schienen allerdings keine Wallfahrer unterwegs zu sein, und Una schob ihr Rad eher in dumpfer Resignation als in andachtsvoller Erbauung. Statt einem Ave-Maria ging ihr nur ständig die Frage durch den Kopf, warum sie das überhaupt tat. Wozu? Was machte sie hier? Warum ging ihr Leben so den Bach runter? Warum vergnügte Jan sich mit Lara, während Una ganz allein ihr geliehenes Rad einer heiligen Quelle entgegenschob, die sie im Grunde nicht interessierte und an deren Wunderkraft sie nicht glaubte.

Der Gedanke ganz allein blieb in ihrem Kopf hängen. Es war sehr still hier. Die Zivilisation war weit weg. Una hörte kein Auto und schon gar keine Menschen. Nicht einmal Vögel oder das Summen von Insekten, und das war schon recht seltsam. Die Stille hatte fast etwas Totes und wurde nur durchbrochen vom Knirschen der Räder ihres Fahrrads auf dem steinigen Pfad.

Una hatte nicht den Eindruck, als kämen viele Menschen hierher. Sie blieb stehen und sah sich um. Alte Bäume ragten neben dem schmalen Weg auf, komplett umsponnen mit Efeu. Misteln hingen in den Kronen und blickten wie vielarmige, kleine Monster auf Una hinunter. Die Baumwurzeln hatten sich durch uralte Steinmäuerchen ineinander verwoben, als hielten sie sich gegenseitig fest aus Angst, sonst umzufallen. Ab und zu leuchtete gelber Ginster aus dem Grün hervor oder stachelte in den Weg hinein.

All das konnte man sehen, aber hören konnte man nichts.

Am liebsten wäre Una umgekehrt. Ein paar Meilen zurück hatte es am Straßenrand ein Pub gegeben. Da wären Menschen.

Hier war niemand.

Es war heiß, doch Una fröstelte.

5

Zähne schnappten nach Kanuras Hals – und verfehlten ihn knapp. Er hatte einen Satz rückwärts gemacht und gleichzeitig seinen langen Dolch gegriffen, der wie von selbst in seine Hand gekommen war, schmal, lang, elfenbeinhell und unendlich scharf – und scheinbar aus dem Nichts. Dieser Dolch war ein Teil von ihm, stellte seine menschliche Waffe dar, die er als Tyrrfholyn in seinem Horn hatte. Sie war immer bereit, wartete unsichtbar bei ihm, um ihm bei Bedarf in die Faust zu gleiten.

Nun hielt er die Waffe mit der Hornklinge nach unten und schlug dann in einer kreisförmigen Bewegung zu. Doch die Nymphe, die keine war, wich dem Streich geschickt aus. Blitzschnell tauchte sie seitlich an der Klinge vorbei, glitt durch seine Deckung und schlug mit den Krallen nach Kanuras Gesicht.

Wieder fuhr er zurück, doch eine Kralle streifte ihn schmerzhaft an der Stirn und schnitt über die Schläfe bis hinunter zur Wange.

Kanura schrie vor Schmerz auf. Die Schläfe mit dem Muttermal war eine hochempfindliche Stelle, befand sich doch hier in seiner menschlichen Gestalt der Sitz seiner magischen Fähigkeiten. Panik erfüllte ihn. Was, wenn es stimmte, dass man einem Tyrrfholyn die Magie dadurch rauben konnte, dass man sein Horn abschlug oder seinen Leberfleck verletzte? Die alten Legenden erzählten von Einhörnern, die plötzlich kaum mehr als Pferde gewesen waren, unfähig, sich zu wandeln, oder von Tyrrfholyn, die sich von Menschen nicht mehr unterschieden und daran zugrunde gingen. In jenem Krieg, der zur Legende geworden war, hatten sie einander so etwas angetan.

Nun war er im Krieg. Kanura spürte, wie ihm Blut über das Gesicht lief, und er versuchte, den Schmerz auszublenden, der ihm bis tief ins Gehirn schnitt. Kampftraining hatte er erhalten. Alle Tyrrfholyn konnten kämpfen. Aber es war immer nur zur Übung gedacht gewesen, eher als spielerischer Rangkampf in einer Gesellschaft, die über solche Duelle längst hinaus war. Er war ein Tyrrfholyn und kein Herdengaul.

Kanura tänzelte seitwärts, einen Augenblick lang irritiert, dass er nur zwei und nicht vier Füße hatte.

Sein Dolch schnitt durch die Luft, ein wenig ungeschickt, denn mit dem ersten Streich war er mit dem Arm zu tief gekommen, hatte sich vom Schwung führen lassen, anstatt vom Verstand.

Wieder schlugen die Krallen nach ihm, doch diesmal war er schneller. Er wich aus und packte das Handgelenk der Angreiferin. Es fühlte sich kalt und klamm an, beinahe tot. Kanura nutzte den Schwung des Angriffs seiner Feindin, um ihren Arm weiter nach unten zu drücken, und setzte seine ganze Kraft ein, sie herumzureißen.

Doch es war, als kämpfte er mit einer Weide, die zwar biegsam war, aber doch fest im Boden verwurzelt.

Ohne weiter nachzudenken, schoss er mit der anderen Hand vor und zielte mit der Waffe nach ihrem Gesicht. Noch während er zuschlug, spürte er sein Widerstreben, Gewalt gegen ein Wesen einzusetzen, das auf den ersten Blick zart und schön war und schwächer schien als er. Seine Faust streifte das liebreizende Gesicht nur. Talunys! War dieses Wesen schnell! Wie ein Aal wusste es sich zu winden und zu drehen, war dabei viel stärker, als Kanura es ihm zugetraut hätte. Instinktiv wusste Kanura, dass es sich wie ein Aal auch in ihn verbeißen und ihn fressen würde, wenn er hier verlor.

Erneut schoss seine Hand mit dem Schwung über das Ziel hinaus. Die Uruschge waren Wasserkreaturen, und tatsächlich schien es, als kämpfte er mit einem glitschigen Fisch. Plötzlich packte ihn eine krallenbewehrte Hand und umklammerte sein Handgelenk mit eisernem Griff.

Kanura schlug mit dem linken Bein nach vorne aus und traf die Frau mit Wucht am Knie. Ein Zischen belohnte ihn mit der Erkenntnis, dass er ihr tatsächlich hatte wehtun können. Bislang war er sich dessen nicht einmal sicher gewesen.

Im nächsten Moment erkannte er jedoch, dass sein Tritt ein Fehler gewesen war, denn noch während er auf einem Bein stand, drang sie nun nach vorne, und er kippte nach hinten. Kanura rang um sein Gleichgewicht, suchte nach der Wendigkeit, die er auf vier Füßen hatte und auf nur einem schmählich vermisste. Ihm wurde bitter bewusst, dass er diesen Kampf gerade verlor. Panik und Wut jagten ihm durch die Seele, dennoch gelang es ihm, sich zu drehen. Nun fiel die Frau mit ihm, wie ein gefällter Baum machte sie seine Bewegung mit. Sie war schwer, ganz und gar nicht nymphenhaft. Es gelang Kanura, sich noch im Stürzen weiter zu wenden, und so fiel sie nicht auf ihn, sondern neben ihn.

Der Fürstensohn war kein Ringer, und das Kämpfen im Liegen fiel ihm schwer. So konnte er seiner Feindin, als sie mit dem Kopf nach vorne schnellte, nichts entgegensetzen: Die langen Zähne schnappten zu und streiften seinen Hals. Er spürte, wie ihm nun auch hier Blut aus den Wunden strömte. Der Schmerz kam verspätet in seinem Bewusstsein an, als hielte ihn die Kampfeswut zurück.

Die Augen des Wesens hatten sich erneut verändert. Eben noch blutunterlaufen rot, zeigten sie nun wieder das tiefe Blau der Nymphenaugen. Selbst der Ausdruck in ihnen war tief erschrocken und ängstlich und mochte einen eher dazu bringen, es in Schutz zu nehmen, als es zu bekämpfen.

Doch der Zauber wirkte nicht mehr auf Kanura. Während ihm das Blut in den Kragen rann, verlieh ihm die Wut über so viel Arglist neue Kraft. Wütend stieß er mit den Fingern nach den meerblauen Augen, deren Blick auf die andere Hand mit dem Dolch gerichtet war, und traf!

Ein heiseres Wiehern durchschnitt die Luft und ließ seine empfindlichen Trommelfelle vibrieren. Dies war nicht der Aufschrei eines schwachen weiblichen Wesens. Kanura bekam den Hals des Angreifers zu fassen und drückte zu. Ein Tritt traf sein Schienbein mit einer Heftigkeit, dass er vor Schmerz aufzischte. Gleichzeitig schob er das Gefühl, dass man ihm gerade das Bein zertrümmert hatte, weit von sich. Wenn er jetzt seinem Schmerz nachgab, war er verloren.

Kanura holte mit dem Kopf aus und konzentrierte sich. Noch während er die Stirn nach vorne stieß, versuchte er sich zu wandeln. Es mochte eine dumme Entscheidung sein, aus Not und blinder Wut geboren, denn während der Wandlung von einem Zustand in den anderen gab es immer jenen Zwischenzustand, während dessen man weder Mensch noch Einhorn war, nur hilflos im Übergang hing.

Doch er wollte sich die Kraft zunutze machen, über die er in seiner Einhorngestalt verfügte. Und wenn er nicht alles versuchte, würde er sterben. Er wusste zu wenig über den Feind, um sich eine erfolgversprechende Taktik zu überlegen. Er konnte sich nur wehren – auch wenn das nicht genug war.

Denn es war auch für Edoryas nicht genug gewesen. Hätten sie nur den Gesängen und Erzählungen der Schanchoyi mehr Aufmerksamkeit geschenkt, anstatt wild über die Weiden zu jagen und sich mit Eryennis oder anderen jungen Stutenmädchen zu vergnügen. Nun war es zu spät.

Die Hilflosigkeit des Wandels hielt ihn gefangen. Noch nie waren ihm die Sekunden zwischen menschlicher und Einhorngestalt so lang vorgekommen; sie streckten sich dahin und machten ihn taub für seine Umwelt. Wie endlos auch nur ein Augenblick sein konnte, hatte er nie geahnt. Auch nicht, wie viele Möglichkeiten des Versagens einem durch den Kopf schießen konnten, während man von einer Gestalt zu nächsten wechselte. Er spürte bereits die langen Zähne in seiner Kehle, während sein Hals von einem hautbedeckten Menschenhals zu einem fellbedeckten Einhornhals wurde. Dann, plötzlich, änderte sich seine Wahrnehmung, und er holte erneut mit dem Kopf aus und stieß zu.

Ein widerliches Geräusch drang an seine Ohren, die er sofort flach nach hinten anlegte. Es war der Klang von reißendem Fleisch, von berstenden Knochen und von einem Schrei, den er aus seinem eigenen Maul zu kommen wähnte.

Er riss seine Augen weit und panisch auf. Der Schrei verklang. Mit Verspätung begriff er, dass es zwei Schreie gewesen waren, seiner und der des Gegners.

Kanura lag auf der Seite. In seiner Einhorngestalt war das unangenehm, und so versuchte er, auf die Hufe zu kommen. Doch es ging nicht, etwas hielt ihn nieder. Er versuchte, den Kopf zu heben. Auch das ging nicht. Er konnte ihn weder heben noch drehen.

Er saß fest. Hilflos schlugen seine Hufe in die Luft. Er versuchte, sich herumzuwälzen. Noch während er sich zu befreien versuchte, sah er, was geschehen war. Er hatte den Kopf des Wasserwesens durchbohrt. Mit seinem Horn, das sich gebildet hatte, während er sich gewandelt hatte. Als er mit dem Kopf zugestoßen hatte, hatte er mit seinem Horn den Feind durchbohrt, für ihn selbst so unerwartet wie für seinen Gegner.

Dieser Gegner sah nun endgültig nicht mehr aus wie eine schöne Nymphe. Vielmehr stak Kanuras Horn in dessen breiter Stirn, als gehörte es zur Hälfte ihm. Dabei hatte das Wesen selbst zwei lange Hörner, eines links und eines rechts oben am Schädel. Sie waren spitz und lang.

Kanura schrie. Erst jetzt spürte er den Schmerz. Sein Horn war zwar eine Waffe, doch es war auch das Zentrum seiner Magie – der Fokus des Seins der Tyrrfholyn, der Sitz ihrer Macht.

Nun war es zum Schwert geworden, hatte harte Knochen durchbrochen, Gehirnmasse gespalten, war in der Wirbelsäule stecken geblieben – und er spürte all das mit einer wahren Flut von Sinneseindrücken.

Erneut hub Kanura an zu schreien, diesmal aus schierem Schmerz. Er gab sein nutzloses Drehen und Treten auf und lag einige Augenblicke lang reglos da, sann nur darauf, wie er sich befreien konnte. Wie ein Felsklotz hing sein toter Feind an seiner Stirn, schwer und unbeweglich. Noch einmal sah Kanura ihn an. Wie ein Pferd sah er aus, muskulös, schwarz-grau gesprenkelt, aber gänzlich haarlos. Glatt-glitschige Lederhaut überzog den kräftigen Körper. Die Lippen und Nüstern waren zurückgezogen, als würde er die Zähne fletschen.

Kanura schnaubte wütend und zog seinen Kopf erneut zurück. Doch anstatt sich zu lösen, zog das Horn lediglich den Kadaver des Feindes mit sich. Es war schmerzhaft, denn das Blut und das Gehirn des Uruschge waren kalt, und die Knochen, die das Horn gebrochen hatte, schabten schartig an dessen empfindlicher Oberfläche. Wild entschlossen stemmte Kanura nun die Hufe gegen den Boden; in der Seitenlage war das ein schwieriges Unterfangen. Außerdem schmerzte ihn sein rechtes Vorderbein höllisch.

Er keuchte vor Anstrengungen und Schmerzen. Das Triumphgefühl, seinen Feind besiegt zu haben, zerstob zu nichts, als er begriff, dass er feststeckte und dass jederzeit neue Feinde aus dem Wasser hervorbrechen mochten, gegen die er sich in der gegenwärtigen Position noch nicht einmal wehren konnte.

Seine großen, goldbraunen Augen rollten panisch, nicht zuletzt, weil er dem Feind, den er aufgespießt hatte, so ungeheuer nahe war, dass er ihn nicht nur riechen, sondern in seiner ganzen Widerlichkeit spüren konnte. Wieder riss er den Kopf zurück, und wieder schabte Knochen an seinem Horn. Kanura unterdrückte mühsam ein Wiehern.

Sollte er sich noch einmal wandeln? Doch wie würde diese Verbindung sein, wenn er erst ein Mensch war? Würde er dann eventuell statt mit seinem Dolch mit seinem ganzen Kopf im zerstörten Schädel des anderen stecken?

Erneut stemmte sich Kanura gegen den Boden. Der Leichnam gab etwas nach. Doch nicht genug – Kanuras Horn war lang. Zudem war es nicht völlig glatt, sondern geriffelt und ganz leicht, kaum merkbar, spiralförmig gedreht. Wie eine Schraube saß es im Kopf des Feindes.

Ein weiteres Mal sagte er sich, was für eine dumme Idee es gewesen war, allein hierher zu kommen. Das hier war kein Spiel, sondern bitterer Ernst.

Er hatte noch nie getötet. Einhörner töteten nicht gerne. Nicht dass es den Tyrrfholyn an Mut gefehlt hätte, doch sie verabscheuten Gewalt als etwas, das ihrer höheren Bestimmung zuwiderlief. Das Edle und Gute machte die Einhörner aus. Sie zogen den Frieden dem Kampf vor, und wenngleich Kanura selbst ein temperamentvoller Hengst war, streitlustig und voller Vorwitz, so hatte er doch noch nie einen Gegner zur Strecke bringen müssen.

Diesen hier hatte er allerdings besiegt. Doch in der gegenwärtigen Situation konnte er keine Genugtuung darüber zu empfinden. Tatsächlich war Verzweiflung über das, was geschehen war, Kanura näher als der Wunsch, über seinen Sieg zu jubeln.

Er musste freikommen!

Wer weiß, wann ihn jemand suchen würde. Und selbst wenn. Ein Prinz der Ra-Yurich sollte nicht in einer solchen Situation gefunden werden, ob Sieger oder nicht. Von der Gefahr einmal abgesehen, war das Ganze auch noch zutiefst peinlich.

In diesem Augenblick begriff Kanura, dass seine Kindheit und Jugend nun endgültig vorbei waren. Er war ein ausgewachsener Hengst, also sollte er sich auch so benehmen. Der Tod war nach Talunys gekommen, in das Land, das allein den Tyrrfholyn gehören sollte. Es war an der Zeit, den Ratschlägen der Schanchoyi und der Alten zu folgen. Wenn er dies überlebte, würde er umsichtiger werden. Er war ein erwachsener Mann. Und so würde er fortan handeln.

Mit aller Kraft stemmte er noch einmal seine Hufe in den Boden und riss den Kopf zurück. Er zischte vor Schmerz, als sein Horn aus seinem Knochenkäfig schrappte.

Dann endlich war er frei. Noch im gleichen Moment sprang er auf. Seine langen, schlanken Beine standen etwas zittrig auf dem morastigen Boden, und er hob keuchend sein Hinterbein, um es zu entlasten. Er widerstand dem Drang, sofort galoppierend das Weite zu suchen. Stattdessen umrundete er leicht lahmend den erlegten Feind. Vorsichtig. Er war nicht der Erste, der nach Jahrhunderten des Friedens einen Uruschge gesehen hatte. Doch er war der Erste, der es überlebt hatte.

Die Hufe des Feindes waren deutlicher gespalten als die Kanuras, sahen eher aus wie die einer Ziege. Die Hörner sprachen auch dafür, die schiere Größe widerlegte jedoch diesen Eindruck. Kanura war nicht klein, aber der tote Feind war größer und kräftiger als er.

Das Einhorn stieß den Kadaver mit dem Vorderhuf an. Kalt und klamm im Tode wie im Leben.

»Ich habe dich besiegt, du Scheusal!«, schickte er seine Gedanken in den Wind. »Merkt euch, dass wir nicht euer Abendessen sind!«

Noch einmal umrundete er den Kadaver. Er versuchte, mit seinem Horn mehr Sinneseindrücke aufzufangen, doch es schmerzte ihn zu sehr, und er fühlte sich taub und blind, obgleich er sehen und hören konnte. Er hoffte inständig, die Verletzung würde bald heilen. Seine Wahrnehmung und damit auch er waren so eindeutig behindert.

Er starrte den Leichnam bitter an.

»Wenn ihr Krieg wollt, werden wir euch bekämpfen. Aber warum geht ihr nicht einfach da hin, wo ihr hergekommen seid – wo immer das war?«

Ihm wurde klar, dass er nicht wusste, wo das war. Wo waren sie so lange gewesen, die Feinde der Tyrrfholyn? Warum tauchten sie gerade jetzt wieder auf? Was konnte das bedeuten? Wie viele waren es? War es eine Herde? Eine Sippe? Waren es Einzelgänger, oder verfolgten sie ein gemeinsames Ziel?

Und was, wenn sie merkten, dass er einen von ihnen getötet hatte? Kanura bekämpfte die Genugtuung, die sich angesichts seines Sieges in ihm breitmachen wollte. Er war ein Tyrrfholyn. Es ziemte sich nicht, über den Tod einer anderen Kreatur zu jubeln.

Kanura ließ seinen Blick über den kleinen See schweifen. Es war beinahe windstill, und doch schien die Wasseroberfläche seltsam belebt. Die Gefahr mochte noch nicht vorbei sein.

Er blieb nicht, um herauszufinden, was das bedeutete, sondern setzte seine Hufe gegen den Boden und begann zu galoppieren. Nur fort von hier.

Sein Bein schmerzte, aber es war nicht gebrochen, lediglich geprellt. Er versuchte, sich selbst Heilung zu generieren, obgleich er wusste, dass seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet eher begrenzt waren. Zudem waren sie nützlicher für die Heilung von anderen. Einhörner waren in ihrem Wesen uneigennützig. Das machte sich in vielem bemerkbar.

Er musste nach Kerr-Dywwen, Bericht erstatten. Er musste die Heiler und Gelehrten hierher bringen, damit sie den gefallenen Feind untersuchen konnten. Er musste der Sippe melden, dass die Gefahr real war und dass er gesiegt hatte. Und auch, wie knapp dieser Sieg gewesen war.

Er hatte die Hügelkuppe schon fast erreicht, als er die Stimme hörte. Sie rief seinen Namen.

6

SIE stellte sich an IHRE Harfe. Das Instrument war riesig, die Saiten spannten sich vom steinernen Boden zur felsigen Decke. Die tiefsten Töne wohnten im Mittelpunkt der Höhle. Wenn sie schwangen, dröhnte das Gebirge, denn es war der Klangkörper des Instrumentes.

Die Saiten waren aus Haaren gemacht, die so fest geknüpft und spinnwebfein umsponnen waren, dass sie pro Saite eine Einheit bildeten. Die Haare mochten einst einem Tyrrfholyn gehört haben oder vielleicht einem Menschen. Möglicherweise sogar einem haarigen Erdworg. SIE allein wusste, von wem die allermeisten stammten, und jene, die besonders schön vibrierten. SIE allein wusste, mit welchem Teil IHRES Selbst SIE sie umsponnen hatte. Ihre Beschaffenheit bedingte die Art des Klanges, nur um den ging es, denn die Erinnerung an die Wesen, denen die Haare einst gehört hatten, ließ die Klänge mal süß und mal bitter erschallen in der Sehnsucht nach einem Leben, das verloren war, genommen, verarbeitet, versponnen und verwoben zu nichts als Schall.

Die talentierten Hände der Bergbewohnerin glitten über die tiefen Saiten, und der Berg vibrierte dunkel. Zum Ende der Höhle hin, wo Boden und Decke sich trafen, waren die Saiten kurz und die Töne, die sie erzeugten, hoch.

SIE wirbelte an den Saiten nach oben, und der Klang hellte sich auf, wurde beinahe kristallen. Dann begann SIE zu singen, und IHRE Stimme war so schön wie die Nacht dunkel.

»Singt das Wasser,singt der Wind,weiß man, dass der Krieg beginnt.Stirbt die Nymphe,stirbt das Horn,ist ihr Kampf schon fast verlor’n.Sing mir ein Felsenlied,sing es wohl mit mir mit.Wehr dich nur, Recke,ich bring dich zur Strecke.Komm, komm nur, du,und mein Berg singt dich zur Ruh.«

SIE wandte sich ab. IHR weißes Haar war aus Wut und Willen gesponnen. Das Licht störte IHR Dasein nicht. Keines IHRER Augen verzehrte sich nach dem Tag.

SIE summte leise. Alles würde sich fügen. So wie SIE es wollte. Der Plan war perfekt.

7

Kanura lauschte der Stimme, die vom See her mit dem Wind herangetragen wurde. Es war eine Frauenstimme – Besorgnis schwang darin, auch ein wenig Angst.

Kanura hielt an und wandte sich um. Arglos und schön lag das Tal mit dem See unter ihm. Er tänzelte nervös auf der Stelle. Sollte er zurücklaufen, oder war dies ein weiterer Versuch, ihn zu täuschen?

Da! Sie erklang erneut, die Stimme, die er inzwischen zuordnen konnte. Sie gehörte Eryennis. Die Einhornstute mochte nicht seiner Sippe angehören, doch sie war eine enge Freundin. Gelegentlich war sie auch seine Liebhaberin, gleichaltrig, so stürmisch wie er, abenteuerlustig und voller Tatendrang. Eryennis – das ganz besondere Mädchen in seinem Leben, intensiv und fordernd und begabter als alle, die er kannte. Sie klang, als wäre sie in ernsten Schwierigkeiten.

Nur, wo war sie? Kanura ließ den Blick weit über das Sonntal schweifen, doch er konnte sie nirgends entdecken. In Menschengestalt mochte sie durch das Buschwerk und die spärlich wachsenden Bäume verdeckt sein. Als Einhorn sollte er sie aber ausmachen oder zumindest ihre Anwesenheit spüren können.

Wieder erschallte die Stimme. Nun klang sie eindeutig furchtsam. Ein flaues Gefühl breitete sich in Kanuras Magen aus. Seine Sinne suchten dies zu deuten, doch er konnte nichts davon zuordnen.

»Eryennis?«, rief er leise, gleichermaßen bemüht, gehört zu werden und nicht aufzufallen. »Eryennis, wo bist du?«

Eryennis, Edoryas und er waren das führende Trio der Jung-Einhörner. Sie waren es, die die Wildheiten ersannen, mit denen sie ihre Zeit verbrachten und sich amüsierten. Und mit denen sie die ältere Generation regelmäßig zum Verzweifeln brachten und sich Bezeichnungen einhandelten wie »verantwortungslos«, »sittenlos«, »halbstark« oder »leichtfertig«.

Sie jagten durch Talunys, rauften und liebten sich – jenseits von Etikette oder dynastischer Planung. Sie pfiffen auf die Sippenzugehörigkeit, achteten untereinander weder auf Rang noch Grenzen und ließen es auch an Respekt gegenüber ihren älteren Verwandten oder den Schanchoyi mangeln.

Das ureigenste Wesen der Tyrrfholyn sei, gut zu sein, hatte man ihnen allen beigebracht. Doch Kanura und seine Freunde waren da anderer Meinung. Das ureigenste Wesen der Tyrrfholyn war es, frei zu sein.

Nun war Edoryas tot. Eryennis rief ihn. Und er floh? Konnte er das tun? Hatte er seinen Freunden gegenüber nicht auch eine Verantwortung? Was war seine Freundschaft sonst wert?

Es war eine Falle. Er war sich fast sicher. Aber nicht ganz. Was, wenn Eryennis wirklich seine Hilfe brauchte und er sich abwandte und davonrannte?

Das flaue Gefühl breitete sich von seinem Magen im ganzen Körper aus. Sein Horn schmerzte, und er war überzeugt, dass seine Wahrnehmung immer noch eingeschränkt war. Es fühlte sich an, als läge ein eisiger Sack über seinem Kopf, und er sollte durch ihn sehen, hören und riechen.

»Eryennis!«, rief er wieder, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch zu helfen und der bohrenden Ahnung, dass die Stimme seiner Freundin nur ein böser Spuk war, nur dazu da, ihn erneut in die Nähe des Wassers zu locken. Einen weiteren Kampf würde er nicht überleben, verletzt wie er war.

Er musste die Sippen informieren und über das berichten, was er so schmerzvoll gelernt hatte: Die Uruschge waren tatsächlich zurückgekehrt, sie konnten sich in eine andere Gestalt verwandeln und dadurch täuschen. Und sie waren schwer zu besiegen.

Wenn er jetzt nicht mit den Sippen sprach, würde er sich schuldig machen an jedem weiteren Tod eines Einhorns, das die Gefahr nicht kannte.

Vielleicht wussten die Schanchoyi ja auch, was es mit der fremden Seele auf sich hatte, die er auf so schmerzliche Weise geerbt hatte. Er musste sie in Sicherheit bringen. Ssenyissa hätte nicht gewollt, dass er ihre Seele zusammen mit seiner Haut zu Markte trug.

Doch Vernunft kämpfte mit dem Bedürfnis, seiner Freundin zu helfen, umso mehr, als er einen Freund bereits verloren hatte. Auch hier lag Verantwortung und Pflicht. Und mehr als das. Er war sich immer bewusst gewesen, dass Eryennis seinem Herzen näher war als andere Stutenmädchen. Da sie zu einer anderen Sippe gehörte, hätte sein Vater es gerne gesehen, wenn sie einander nicht so nahe gekommen wären, denn er fürchtete dynastische Verwicklungen und politische Folgen. Doch das war Kanura egal gewesen.

In Menschengestalt hatten sie mehr als einmal miteinander geschlafen – dynastische Pläne hin oder her. In Menschengestalt waren die Tyrrfholyn unfruchtbar. Es war Liebesspiel, nicht mehr. Manchmal hatten sie auch zu dritt mit Edoryas dieses Spiel betrieben. Das würde nun nie wieder geschehen.

Widerwillig setzte er erst einen Schritt, dann den nächsten in Richtung See. Er ließ sich Zeit. Wozu sollte er sich beeilen? Da war nur eine Stimme. Wohin sollte er überhaupt? Zum See natürlich. Aber dort sah er nichts außer einer Wasseroberfläche, die sich in einer sanften Brise leicht kräuselte, an manchen Stellen mehr als an anderen.

Hätte er die Nymphe retten können, wenn er sich mehr beeilt hätte? Sollte er daraus lernen und sich schneller nähern?

Er war Kanura, Fürstensohn, Prinz der Ra-Yurich. Feigheit geziemte sich nicht. Er setzte zum Galopp an.

»Kanura!«, ertönte da eine Stimme hinter ihm.

Er fuhr erschrocken herum und stieg.

»Kanura!«, riefen nun zwei Stimmen.

Erst jetzt begriff er, wem die Stimmen gehörten: Perjanu, dem Ältesten der Schanchoyi, und seinem Vater. Der Ruf war Mahnung und Befehl, und Kanuras Freiheitsdrang sträubte sich angesichts der geballten Autorität. Einen Augenblick lang glaubte er, die beiden auch zu sehen, doch ihr Bild trug nicht so weit wie ihr gemeinsamer Wille. Es lag an seiner eigenen Vorstellungskraft, zu den Stimmen die dazugehörigen Bilder zu schaffen.

Als er noch klein gewesen war, hatte er das unwillkürlich getan, wenn sie ihn so gerufen hatten – durch die Weite Talunys’, nur mit der gesammelten Kraft ihres Geistes. Das vermochten sie. Perjanus Magie war erstaunlich, und auch Kanuras Eltern hatten ihre besonderen Fähigkeiten. Sie hatten sie schon lange nicht mehr bei ihm angewandt, denn er war erwachsen, und sein Umherstromern mochte Unmut hervorrufen, aber keine Unruhe oder Panik. Er mochte kritisiert werden, doch niemand pferchte ihn ein.

»Komm zurück!«, kam nun ein weiterer Befehl, erreichte ihn direkt im Klang der zwei körperlosen Stimmen. »Jetzt! Eile dich!«

Kanura rang mit sich. Eigentlich verlangte alles in ihm danach, sich dagegen zu wehren. Doch der Ruf war wie ein Sog. Und so gab er nach. Zu stark war das Bedürfnis, seine Schritte dorthin zu setzen, wohin es ihn rief. Nach Kerr-Dywwen, durch dessen weite Gefilde auch ein Fluss strömte. Auch dort konnte es Uruschge geben. Vielleicht griffen sie bereits den Hof an?

»Kanura!« Eryennis’ Stimme erklang wieder aus der Richtung des Sees. »Geh nicht zu ihnen! Kanura! Nein! Komm zu mir!«

Er sah sich noch einmal um, doch seine Freundin war nach wie vor nirgends zu sehen.

Nachdenken brachte ihn nicht weiter. Er leerte seinen Kopf, schob alle Gedanken von sich und konzentrierte sich auf das Nichts und das Alles, das gemeinsam immer die ultimative Wahrheit beinhaltete. Es war eine Mediationsübung zur Erlangung der Weisheit. Die Schanchoyi beherrschten sie gut. Kanura war eher schlecht darin, denn es bedurfte jahrzehntelanger Übung – sehr langweiliger Übung.

Schon lief er los, galoppierte und sprang. Seine Hufe setzten sich automatisch in Bewegung, noch bevor er eine bewusste Entscheidung getroffen hatte. Vielleicht war ihm die Meditationsübung ja unerwartet gelungen.

Oder er machte gerade wieder einen gigantischen Fehler. Wenn auch die Stimmen Perjanus und seines Vaters nur ein Täuschungsmanöver der Uruschge waren?

Fehler in einem Krieg konnten den Untergang bedeuten – für Eryennis, für Kanura, für alle Tyrrfholyn. Im Fehler machen, so hatten ihm die Gelehrten wiederholt versichert, war er gut. In Meditationsübungen nicht.

»Kanura!« Es klang verzweifelt.

8

Panik zu bekommen, nur weil es still war, wollte Una sich nicht erlauben. Neben allem anderen hatte sie diese einsame Fahrradtour auch deshalb unternommen, um zu beweisen, dass sie sehr gut alleine zurechtkam. Sie brauchte keine esoterisch-psychologisch ausgebildete Mutter mit wohlmeinenden Ratschlägen, keinen sorgenvollen, aber geschiedenen und mit einem neuen Leben versorgten Vater, der seine Erfahrungen als Gymnasiallehrer an den Problemen seiner Tochter schärfen wollte. Und schon gar keinen Jan, auf den kein Verlass und der ein verlogenes Arschloch war.

Sie brauchte nur sich.

Sie hatte auch nur sich. Eine Weile stand sie etwas verloren neben ihrem Fahrrad. Kein Lüftchen rührte sich. Das war für Irland eher untypisch, fast schon ein bisschen seltsam. Die Hitze ebenfalls. In Spanien hätte es kaum heißer sein können. Aber sie war nicht in Spanien.

Una hatte sich ihre feuerroten, wuscheligen Haare mit einem Haarband aus dem Gesicht gebunden und hinten mit einer Spange zusammengenommen, doch selbst dieses elastische Band schien irgendwie zu heiß für die Witterung zu sein und klebte ihr am Kopf.

In Irland holte man sich im Allgemeinen keinen Sonnenbrand, doch Unas helle Haut würde vermutlich unter diesem Ausflug leiden. Fast meinte Una zu hören, wie die Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren Wangenknochen emporschossen und sich mit leisem Ploppen breitmachten. Rothaarig zu sein, war ein elendes Schicksal, das man zu tragen hatte. Braun wurden andere – Una wurde sprenkelig, ohne jede Hoffnung darauf, dass sich die Sommersprossen irgendwann zu einem flächendeckend nussbraunen Teint zusammenfinden würden. Unas Mutter fand die Sommersprossen niedlich – aber die fand ja auch ein Außenklo romantisch und war somit, was ernst zu nehmende Meinungen anging, gänzlich außen vor.

Lara, mit der sich Jan gerade in Spanien vergnügte, war blond und braun gebrannt und hätte gut und gerne von so manchem Illustrierten-Cover herunterlächeln können. Sie war ein Modeltyp. Una hätte bestenfalls für Irlandreisen Werbung machen können, irgendwo zwischen einem Kleeblatt und einem Glas Guinness. Die niedliche Rothaarige, die keinem hippen Ideal entsprach, eher klein als langbeinig, eher stupsnasig als klassisch, mit Haaren, die irgendwo zwischen Karotte und Kastanie angesiedelt waren. Ihre Mutter, die mit Henna den gleichen Farbeffekt zu erzielen versuchte, fand Unas Haare natürlich toll, aber auch da griff wieder die Außenklo-Maxime.

»Weiter!«, befahl sich Una und packte ihren Lenker fester. Sie wollte nicht über ihr Aussehen nachdenken. Und nicht über Lara oder Jan oder darüber, dass ihr ein wenig sonderbar zumute war, so als wartete irgendetwas auf sie. Doch das hatte bestimmt mit der Hitze zu tun. Hier war schließlich nichts. Was sollte schon sein?

Ihre eigene Stimme klang sehr einsam in der stehenden Wärme des Tages. Entschlossen schob Una ihr Rad wieder voran, den sanften Hügel hoch. Zwischen den überwachsenen Mäuerchen, die seit einiger Zeit den Weg säumten, konnte man nicht weit sehen.

Als sie fast oben war, bog der Weg ab. Was dahinter liegen mochte, war nicht zu erkennen. Auf dem Schild hatte nichts darüber gestanden, wie weit es bis zur heiligen Quelle war. Doch jetzt noch umzukehren, ergab überhaupt keinen Sinn, obgleich ein Gedanke in Unas Gehirn herumspukte wie eine Einflüsterung aus dem Nirgendwo: Dreh um! Schnell, mach dich aus dem Staub, bevor es zu spät ist!

Blödsinn. Sie würde verdammt noch mal diese Quelle besichtigen und dort Pause machen. Und Fotos für Facebook. Schlimmer als ein Außenklo konnte es nicht sein, und auch das hatte sie gepostet.