Die Rabenprinzessin - Stephanie Burgis - E-Book

Die Rabenprinzessin E-Book

Stephanie Burgis

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Beschreibung

Das Erbe der Rabenkrone Cordelias Magie ist wild, wild wie der Wald, der die einsame Burg umgibt, in der sie schon immer lebt. Nur wenn sie sich in einen Vogel verwandelt und die hohen Steinmauern hinter sich lässt, fühlt sie sich wirklich frei. Als ihre Mutter und ihr älterer Bruder in Gefangenschaft geraten, erfahren Cordelia und ihre Drillingsgeschwister den Grund für ihr abgeschiedenes Leben: Einer von ihnen hat Anspruch auf den Rabenthron. Doch seit dem Zerbrechen der Rabenkrone ist das Land gespalten und die Menschen leiden. Nun liegt es an den Dreien, die zerbrochene Rabenkrone zu finden und ihre Familie zu befreien.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Ollie und Jamie Samphire.Ich hab euch beide ganz genau gleich lieb.

 

 

 

 

Sind diese WälderNicht sorgenfreier als der falsche Hof?

William Shakespeare: Wie es euch gefällt, 2. Aufzug, 1. Szene

Kapitel 1

Jenseits des Burggrabens durchwebten feine Fäden aus Sonnenlicht den tiefen, dunklen Wald und zeichneten goldene Pfade auf den Boden, an deren Ende Abenteuer um Abenteuer zu locken schien. Rotkehlchen sangen verborgen zwischen den Zweigen, und Schwalben schossen über das glitzernde Wasser. Der erste Vorgeschmack auf den Sommer weckte eine wilde Freude in ihnen – wild wie das dunkelhaarige Mädchen, das mit baumelnden Beinen auf dem Fenstersims seines Turmzimmers saß und die Vögel beim Fliegen beobachtete.

Drinnen im Schloss werkelten Cordelias älterer Bruder Connall und ihre Mutter wie so oft im Herbarium herum, wo sie ihre stinkenden Zauber wirkten, die ihr Heim vor dem Rest der Welt schützen sollten. Cordelias Drillingsschwester Rosalind hieb im vorderen Innenhof mit einem langen Stock, den sie wie ein Schwert nutzte, lautstark auf verschiedene Gegenstände, die sie zu ihren Feinden erklärt hatte, ein. Oben in seinem Turmzimmer klimperte ihr Drillingsbruder Gideon hingebungsvoll auf seiner Laute herum. Die Fenster standen offen, sodass sein nicht enden wollendes Klagelied ungehindert hinaus in die warme Sommerluft schwebte.

Doch wirklich frei waren nur die Vögel draußen vor der Burg. Und frei konnte auch Cordelia sein, wenn sie nur …

Nein! Im letzten Moment hielt sie sich vom Absprung ab und zwang sich innezuhalten, ehe die Flügel aus ihrem Rücken dringen konnten.

Sie durfte sich nicht in einen Vogel verwandeln und in den Sonnenschein hinausfliegen. Jedenfalls nicht heute. Denn sie hatte Mutter gerade erst versprochen, es niemals wieder zu tun, nicht ohne Connalls Aufsicht. Eine absolut lächerliche Regelung, weil sie bedeutete, dass Cordelia sich nur ein- oder zweimal die Woche in den Himmel emporschwingen konnte, wo sie es doch am liebsten täglich getan hätte! Sie alle lebten zusammen inmitten eines verwunschenen Waldes. Was bitte sollte ihr hier, umgeben von nichts als Bäumen, schon geschehen? Und wer sollte überhaupt die Absicht haben, ihr etwas anzutun? Aber das waren Fragen, auf die Mutter ihr niemals antwortete, ebenso wenig wie auf all das, was sie über die Vergangenheit ihrer Familie wissen wollte.

Das letzte Mal, als Cordelia der Verlockung nachgegeben hatte und einen herrlichen gestohlenen Nachmittag lang heimlich durch die Wälder geflogen war, hatte ihre Mutter zur Strafe eine ganze Woche lang eine dunkle Rauchwolke vor ihr Fenster gezaubert. Also begnügte Cordelia sich heute mit einem Seufzen und legte den Kopf in den Nacken, um die wohltuende Wärme des Sonnenlichts auf ihrem Gesicht zu spüren und dem vertrauten Murmeln des Waldes zu lauschen …

… bis in der Ferne plötzlich harsche Stimmen erklangen.

Cordelia fuhr ruckartig hoch und riss die Augen auf. Solche Geräusche machte kein Tier dieses Waldes! Die Stimmen ähnelten noch am ehesten der ihres 16-jährigen Bruders Connall – aber selbst seine war nicht annähernd so tief.

»Mutter?«, flüsterte sie.

Hätte ihre Mutter gerade auf sie geachtet, hätte sie Cordelias leises Wispern durch die magischen Bande vernommen, die sie all ihren Kindern auferlegt hatte. Aber im Augenblick schienen die Zauber, die sie gerade wirkte, ihre volle Aufmerksamkeit zu erfordern. Denn Cordelia saß immer noch verunsichert und ohne eine Antwort auf ihrem Fensterbrett, als wenige Momente später die ersten erwachsenen Männer, die sie je gesehen hatte, durch das Dickicht auf die schmale Lichtung jenseits des Burggrabens brachen. Ihre Rüstungen schepperten und blitzten im Sonnenlicht.

»Da!« Der Erste, ein Mann, so groß und breit wie der wütende Bär auf seinem Schild, schritt voran. Unter seinem Eisenhelm ragte ein dichter schwarzer Bart hervor. »Das Schloss der Zauberin – und siehe da, kein Drache weit und breit, der das Tor bewacht.«

»Jedenfalls keiner, den wir sehen können.« Der Mann, der nun sprach, war schlank und selbstsicher wie der zähnefletschende Wolf auf seinem Schild. Und ähnlich angriffslustig wirkte der Mann auch. Er drehte den Kopf und ließ seinen Raubtierblick über die Lichtung gleiten. »Mit unserer List mögen wir die äußeren Schutzschilde ihres Waldes durchdrungen haben, aber das heißt noch lange nicht, dass wir uns von nun an in Sicherheit wiegen dürfen.«

Cordelia saß vollkommen reglos da und hielt die Luft an, während mehr und mehr Männer und Frauen zwischen den Bäumen hervorströmten. Sie alle trugen in der einen Hand Schilde, auf denen entweder Bär oder Wolf abgebildet waren, und lange, scharf aussehende Schwerter in der anderen. Sie bezogen hinter ihren beiden Anführern Stellung.

Jetzt war es zu spät, um sich in einen Vogel zu verwandeln und in Sicherheit zu fliegen! Cordelia hätte schon beim fernen Klang der Stimmen unauffällig ins Innere der Burg gleiten sollen, doch das hatte ihre unstillbare Neugierde nicht zugelassen. Aber zum Glück waren ihre Beine und Arme fast so weiß wie der Stein. Und ihr bequemes altes Leinengewand war von einem ähnlichen Dunkelgrün wie der Efeu an den Burgmauern. Sie hatte es an den Seiten aufgerissen, damit es ihr bei ihren Abenteuern nicht hinderlich wurde. Mit etwas Glück würde man sie gar nicht bemerken.

»Kein Drache«, sagte er Anführer der Wolfsritter. »Aber eine kleine Spionin, die uns mit großen Augen für ihre Herrin auskundschaftet. Du da, Mädchen!«, rief er. »Richte der Herzoginwitwe aus, dass sie Besuch hat!«

Der Herzoginwitwe? Cordelia starrte ihn verständnislos an.

Hier auf der Burg gab es keine Herzogin. Bei ihrer Familie lebte niemand bis auf Mutters Freundin Alys, die nach den Ziegen sah, regelmäßig mit Mutter herumstritt, was in den Küchengarten gepflanzt werden sollte, und fast immer bis zu den knochigen Ellenbogen im Dreck steckte.

Wenn sie an den langen Winterabenden im großen Saal beisammensaßen und Gideon seine neusten Balladen vorgetragen hatte, holte Mutter oft einen duftenden Stapel winziger seidengebundener Bücher hervor, aus denen sie ihnen vorlas. Dort hatte Cordelia von eleganten Herzoginnen und Königinnen, von mächtigen Gräfinnen und atemberaubend schönen Rittern gehört. Doch nichts von alledem hatte auch nur entfernt nach Alys geklungen.

»Das Mädchen scheint etwas schwer von Begriff zu sein«, sagte der Anführer der Bärensoldaten. »Ich glaube kaum, dass sie uns helfen kann.« Kopfschüttelnd legte er seine großen Hände an den Mund und brüllte: »Zeige dich, Zauberin! Oder wir greifen an!«

Cordelia verzog das Gesicht. Drohungen schmeckten Mutter überhaupt nicht!

Für einen langen Moment legte sich vollkommene Stille über die Lichtung. Selbst die Vögel im Wald hatten ihren Gesang eingestellt. Sie waren klug genug, sich in Zeiten wie diesen zu verstecken.

Dann spürte Cordelia Mutter durch die Burg wirbeln, während sie über ihre magischen Bande nach allen Familienmitgliedern gleichzeitig griff – nicht mit dem üblichen sanften Stupser gegen ihre Gedanken, sondern ungestüm und heftig.

CORDELIA!

Mir geht es gut!, antwortete sie Mutter hastig in Gedanken. Aber da sind Männer vor dem Tor. Sie …

Das große, silberne Fallgatter öffnete sich ratternd wie von selbst, und Mutter schoss förmlich nach draußen. Sie trug noch ihre fleckige Arbeitsschürze aus dem Herbarium, und ein Großteil ihres langen, dunklen Haars hatte sich aus dem straffen Flechtzopf gelöst. Aber Mutter hatte es noch nie nötig gehabt, ordentlich hergerichtet zu sein, um beeindruckend zu wirken.

Lange Algenstängel erhoben sich vom Grund des Burggrabens und verflochten sich zu einer lebendigen Zugbrücke, über die Cordelias Mutter wutentbrannt marschierte.

Als sie vorüberkam, schossen einige Schemen empor, die zuvor ruhig unter grünem Moos und Seerosen vor sich hin gedümpelt hatten. Es waren lange, sich windende Giftschlangen, die nun auf die Angreifer zuhielten. Sie schwammen so schnell wie Schatten, und die Soldaten, die direkt am Burggraben standen, sprangen bei ihrem Anblick unter erschrockenen Rufen zurück.

Hätte ich mich doch nur in eine von ihnen verwandelt, dachte Cordelia reumütig. Aber nun war es zu spät, um sich zwischen den Wasserschlangen zu verstecken. Während Mutter weiter auf die Soldaten zumarschierte, hallte ihre Stimme durch Cordelias Kopf:

Runter von dem Fensterbrett. Sofort! Niemand darf dich sehen.

Ja doch! Cordelia kroch in ihr Zimmer und kauerte sich gehorsam auf den Boden unter dem Fenster. Dort wartete sie ab, aber nur für einen Moment. Dann richtete sie sich vorsichtig wieder auf, gerade eben so weit, dass sie nach draußen spähen konnte.

Jetzt, wo Mutter hier war, drohte ihr doch ohnehin keine Gefahr mehr. Wenn sich einfach jemand die Zeit nehmen würde zu erklären …

»Platz da!« Sie wurde unsanft beiseitegerempelt, und Rosalind nahm ihren Platz ein. »Ich will auch was sehen.«

»Guck von woanders aus zu!« Cordelia schubste ihre Schwester genauso unsanft zurück. »Du hast dein eigenes Zimmer!«

»Weg da, ihr Wichte!« Hinter ihnen kam keuchend Gideon angeschlittert und drängte sich zwischen sie. »Vom Turm aus kann man kein Wort verstehen.«

»Könnte daran liegen, dass du ständig einen solchen Krach machst«, murmelte Rosalind.

Cordelia brummte zustimmend.

»Pssst!« Nun betrat auch Connall den Raum. »Ruhe!«

Er sprach das Wort nicht als Befehl, sondern als Zauber. Nun waren die Lippen der Drillinge versiegelt, ohne dass sie etwas dagegen ausrichten konnten. Cordelia biss die Zähne zusammen, Gideon schnaubte durch die Nase, und Rosalind schlug blindlings und mit zornesrotem Gesicht um sich. Aber ihr älterer Bruder ignorierte ihre fliegenden Fäuste und beugte sich, die hellbraunen Hände auf Cordelias Fensterbrett gestützt, mit konzentriertem Gesichtsausdruck über sie.

Jetzt konnte Cordelia nicht einmal mehr durch ihr eigenes Fenster beobachten, was draußen vor sich ging. Nichts konnte man in dieser Familie für sich haben!

Aber zumindest hörte sie noch die Stimme ihrer Mutter.

»… vor meiner Tür auftauchen und Befehle blaffen, als hättet Ihr das Recht, nach all diesen Jahren einfach so in mein Heim einzudringen!«

»Herzogin.« Das war die etwas weichere Stimme des Anführers der Wolfskrieger. »Wir müssen uns für unser unhöfliches Auftreten entschuldigen. Doch wir haben lang und hart gekämpft, um zu diesem Tor vorzudringen. Unsere Manieren scheinen unter der beschwerlichen Reise gelitten zu haben.«

»Was hier mehr als genug gelitten hat, ist meine Geduld.« Mutters Stimme klang so kalt wie nie zuvor. »Nennt mir Euer Anliegen, und dann hinfort mit Euch!«

»Bedauerlicherweise haben wir Euch eine traurige Botschaft zu überbringen, die Ihr nicht so einfach werdet abtun können«, sagte der Wolfsanführer. »König Edmund – möge seine Seele in Frieden ruhen – ist tot.«

Cordelia spürte, wie ihre Mutter nach Luft schnappte, gefolgt von einer Welle tiefen Unbehagens, die durch die magischen Bande rauschte und Cordelia einen Schauder über den Rücken jagte. Doch noch im selben Augenblick gelang es ihrer Mutter, ihre Gefühle wieder vor ihren Kindern zu verbergen. »Und?«, grollte sie den fremden Krieger an. »Was soll das mit mir zu tun haben?«

»Das Spiel ist aus, Zauberin«, knurrte der Bärenanführer. »Ihr habt verloren. Nun könnt Ihr den Erben nicht länger vor uns verbergen. Und ich kann Euch versichern, wenn es nach mir ginge …«

»Werteste«, unterbrach ihn der Wolfsanführer. »Es ist an der Zeit, endlich in unser Königreich zurückzukehren, auf dass Euer Kind über uns alle herrschen möge.«

Kapitel 2

Cordelia kannte den bitteren Geschmack von Geheimnissen. Er legte sich jedes Mal auf ihre Zunge, wenn Mutter erneut einer ihrer Fragen über die Vergangenheit auswich. Warum versteckten sie sich hier im Wald? Weshalb durfte ihn außer ihnen keine Menschenseele betreten? Mit den Jahren hatte sie sich Tausende von Geschichten ausgedacht, um das Schweigen ihrer Mutter zu füllen.

Aber auf diese hier wäre sie niemals gekommen.

Connall ein König? Die Vorstellung war so aufregend, dass ihre Haut prickelte. Doch Connall selbst starrte nur entsetzt durchs Fenster auf ihre Besucher hinunter.

»Ihr verschwendet hier Eure Zeit!« Es war Jahre her, dass seine Stimme zuletzt gezittert hatte, und doch tat sie es jetzt. Seine langen, schmalen Finger klammerten sich so sehr an das Fensterbrett, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er beugte sich vor, um zu den Fremden hinabzubrüllen: »Hier ist niemand außer meiner Mutter und mir und der Dienerschaft.«

Dienerschaft?

Gideons Brauen schossen in gespielter Empörung nach oben, und Rosalind bedachte ihren älteren Bruder mit einer ausgesprochen unhöflichen Geste. Cordelia hingegen kniff argwöhnisch die Augen zusammen.

Noch mehr Geheimnisse.

»Gebt es auf, junger Herr.« Die Stimme des Anführers der Bärensoldaten triefte vor Verachtung, als er das Wort an Connall richtete. »Wir lassen uns von Euren Lügen nicht täuschen. Wir wissen, dass Eure Mutter das Kind, das sie unter ihrem Herzen trug, in diesem verfluchten Wald zur Welt brachte, und auch, dass es überlebte. Alle Seher des Landes sind sich einig.«

So würde doch niemand mit seinem zukünftigen König sprechen!

Aber Connall hatte einen anderen Vater als seine jüngeren Geschwister, so viel hatte Cordelia vor Jahren aus ihm herauskitzeln können. Wenn also nicht er der Thronerbe war, dann …

Gideons blasses, sommersprossiges Gesicht leuchtete vor Aufregung, als er sich den Finger in die knochige Brust bohrte. Wie typisch für ihren Drillingsbruder, dass er sich in der Rolle des Königs gefallen würde! Weil er dann endlich alle Welt dazu zwingen konnte, sich tagein, tagaus seine grausigen Lieder anzuhören.

Doch Rosalind schüttelte heftig den Kopf und deutete auf ihre eigene Brust … und dann mit einem Achselzucken auf Cordelia.

Und sie hatte recht. Keiner wusste, wer von ihnen als Erstes zur Welt gekommen war.

Wir alle könnten es sein.

»Ich habe Euch bereits vor Jahren mitgeteilt, dass meine Familie auf jeglichen Anspruch auf den Rabenthron verzichtet«, fauchte ihre Mutter indessen. »Soll ihn irgendein Narr haben, der ihn begehrt. Aber lasst meine Kinder aus dem Spiel. Und wenn Ihr ihn selbst besteigt – mir ist es gleich.«

Der Bärenanführer stieß ein Knurren aus. »Wenn Ihr Euch einbildet, dass …«

»Ihr mögt den Thron im Namen Eurer Kinder abgelehnt haben«, unterbrach ihn nun der Anführer der Wolfssoldaten. »Aber – verzeiht mir, Werteste, doch Eure Nachkommen haben ihre Stellung durch ihren Vater, den verstorbenen Herzog von Harcourt, geerbt und nicht durch Euch. Niemals würde seine Familie zulassen, dass Ihr seine Erben ihres Anrechts beraubt.«

»Ihres Anrechts?« Mutters Stimme donnerte über die Lichtung. »Ich habe doch mit eigenen Augen mit ansehen müssen, wie es den Bauernopfern in diesem Spiel ergeht! Sobald meine Kinder diesen Wald verlassen, werden sie zur Zielscheibe für jeden einzelnen Rivalen um den Thron! Wie viele Eurer großartigen Königinnen und Könige haben nach ihrer Krönung noch länger als ein Jahr zu leben gehabt? Und wie viele …«

»Eher hacke ich dir eigenhändig den Kopf ab, als zuzulassen, dass du das Erbe meines Vetters zunichtemachst, du bösartige Hexe!«, brüllte der Bärenanführer zurück. »Du kannst nicht verhindern, dass dieses Kind den Thron besteigt!« Auf seinen Kampfschrei hin sirrte ein Pfeilhagel durch die Luft. Aus Mutters ausgestreckten Händen dröhnte ein Donnerschlag, und ein Schwarm kreischender Harpyien aus Efeu löste sich von den Burgmauern.

Während draußen vor den Toren ein sinnloser Kampf entbrannte, zog sich Cordelia seufzend zurück und überließ ihren Platz am Fenster ihren Geschwistern. Im Lauf der Jahre hatte sie ausreichend Gelegenheit gehabt, Mutter gegen die verschiedensten Arten von Gegnern kämpfen zu sehen – von tollwütigen Riesenbären bis hin zu den teilweise beängstigenden Geschöpfen, die Connalls Magie bei ihrem gemeinsamen Kampfunterricht zum Leben erweckt hatte.

Im Vergleich dazu stellte eine Handvoll menschlicher Soldaten für Mutter keine Herausforderung dar.

Die anderen drängten sich sofort in die Lücke, die Cordelia freigegeben hatte, und beobachteten fasziniert das Treiben vor der Burgmauer. Rosalind schwang den rechten Arm vor und zurück, als hielte sie ein Schwert und könne sich durch reine Willenskraft aus der Ferne an dem Kampf dort unten beteiligen. Selbst Connall, der sich von hinten über die beiden beugte, schien vollkommen versunken in die Beobachtung des Geschehens.

Deswegen fiel es auch niemandem auf, als Cordelia sich in eine kleine, braune Maus verwandelte und über die steinernen Fliesen davonhuschte, fort von ihren Geschwistern.

Mäuse waren unschlagbar, wenn es darum ging, nicht aufzufallen. Allerdings waren sie auch ziemlich langsam, und Cordelia hatte es eilig. Es würde nicht lang dauern, bis Mutter die Soldaten in die Flucht geschlagen hatte. Als die Wutschreie der Angreifer panisch wurden, rannte Cordelia auf ihren winzigen Pfötchen so schnell wie möglich aus dem Zimmer hinaus bis zu dem schmalen Steinvorsprung, der auf den sonnigen Haupthof hinausging. Sobald sie es sicher nach draußen geschafft hatte, verwandelte sie sich in eine langbeinige, schlanke Katze mit starken Muskeln.

Viel besser! Zufrieden ließ sie ihren dunkelgrauen Schwanz zucken und schüttelte ihren geschmeidigen, cremeweißen Körper. Ihre spitzen Ohren drehten sich, folgten einem leisen Summen in der Ferne, obwohl von überall her die verlockendsten Düfte an ihre feine Katzennase drangen.

Da.

Das Geräusch kannte sie doch! Das war Alys, die im Küchengarten herumhantierte. Und bei dem Summen handelte es sich um das Schlaflied, das Mutter den Drillingen früher immer vorgesungen hatte. Wenn jemand die Antworten auf Cordelias Fragen kannte, dann Alys … Und wenn es Cordelia gelang, mit ihr zu sprechen, solange Mutter abgelenkt war, würde Alys ein paar dieser Antworten vielleicht auch ausspucken.

Als Katze durch die Burg zu springen, war fast so herrlich wie fliegen. Cordelia drückte sich von dem Steinvorsprung ab und landete sicher mit allen vier grauen Pfoten auf den wettergegerbten Pflastersteinen, genau dort, wo Rosalind sich vorhin noch im Schwertkampf geübt hatte. Die umgekippten tönernen Urnen und die zerfledderten Pflanzen erzählten ebenso davon wie der Schwertstock, den Rosalind achtlos beiseitegeworfen hatte. Vorsichtig sprang Cordelia über das Chaos hinweg, das ihre Schwester hinterlassen hatte. Ihre Schnurrhaare zuckten genervt. Dann rannte sie weiter zu dem efeubewachsenen Torbogen aus Stein, der in den zweiten Innenhof führte.

Hier gab es keine harten Pflastersteine. Der Hof war vor langer Zeit mit Beeten bepflanzt worden, die die Luft mit den verschiedensten Düften erfüllten und Bienen und andere Insekten aus dem Wald herbeilockten. Große Hühner stolzierten wichtigtuerisch umher und gackerten lautstark, als sich Cordelia durch den Torbogen anpirschte. Die drei griesgrämigen Hausziegen Honig, Mist und Marmelade standen mit mahlenden Kiefern herum und verfolgten mit finsteren Blicken, wie sich Alys über die Kräuterbeete kniete. Unbeeindruckt von den übellaunigen Ziegen summte sie weiter vor sich hin. Nicht einmal das Kampfgeschrei schien sie zu bemerken, und auch sonst nichts um sie herum …

… bis Cordelia mit einem beherzten Satz auf ihrem hageren Rücken landete und ihre Schnauze an Alys’ Nacken schmiegte.

»Uff!« Eine große Handvoll Kräuter flog durch die Luft, als Alys vor Schreck zusammenfuhr. Ach, was liebte Cordelia es, eine Katze zu sein! Sie sprang wieder von Alys herunter, legte mitten in der Bewegung eine saubere Drehung ein und landete in ihrem menschlichen Körper auf dem Boden.

»Ich hätte es wissen müssen.« Seufzend sammelte Alys die Schnittkräuter wieder auf und gab sie in eine große Schüssel. »Sollte Connall nicht auf dich achtgeben, du Quälgeist?«

Cordelia deutete auf ihre versiegelten Lippen.

»Ach, ihr seid mir ein Haufen …« Kopfschüttelnd griff Alys in ihre Schürze und holte den glatt polierten, grauen Flusskiesel heraus, den Mutter ihr vor Jahren geschenkt hatte. Dann berührte sie damit sanft Cordelias Gesicht und wandte sich erneut dem Kräuterbeet zu. Der Stein verschwand bis zu seinem nächsten Einsatz wieder in ihrer Schürzentasche.

»Connall ist beschäftigt«, sagte Cordelia. Mit angezogenen Beinen ließ sie sich neben Alys auf dem Gras nieder und stützte sich auf einem Arm ab. Die Hand vergrub sie tief im warmen, schweren Erdreich des Kräuterbeets. Sie konnte geradezu spüren, wie die Würmer unter ihr geschäftig durch den Boden wuselten und … Nein, sie zwang sich, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen, und kehrte ins Hier und Jetzt zurück.

In einen Wurm konnte sie sich so gut wie immer verwandeln. Aber die Chance, Alys nützliches Wissen zu entlocken, war einmalig und wäre für immer verstrichen, sobald Mutter wieder in die Burg zurückkehrte.

»Weißt du, ich frage mich … Also, so ganz ohne Grund …« Cordelia legte den Kopf in den Nacken und blickte empor in den blauen Himmel, als hätte sie nichts Besseres zu tun, als hier herumzuliegen und den weißen Wolken hinterherzusehen. »Kannst du dich zufällig noch erinnern, wer von uns zuerst zur Welt kam?«

»Na, Connall natürlich«, entgegnete Alys.

»Ich meinte …« Sie verstummte, als Alys sich zurücksetzte, die dreckverschmierten Hände in den Schoß legte und Cordelia mit einem wissenden Glitzern in ihren grünen Augen musterte. »Ich meinte«, wiederholte Cordelia etwas leiser, »von uns Drillingen.«

»Das weiß ich doch.« Alys seufzte tief und schob sich eine dünne, rote Haarsträhne zurück unter ihre weiße Baumwollhaube, wobei sie einen breiten Schmutzstreifen auf ihrer blassen Wange hinterließ. »Du hast also belauscht, was sich vor der Burg ereignet hat?«

Cordelia bedachte sie mit einem aufsässigen Stirnrunzeln. »Woher weißt du überhaupt, was da draußen vor sich geht? Es ist viel zu weit weg, um die Einzelheiten zu hören.«

»Vertrau mir«, sagte Alys. »Ich weiß genau, wer gerade vor dem Tor steht und versucht, sich mit schönen Worten oder frisch geschärften Äxten Zutritt zur Burg zu verschaffen. Deine Mutter und ich erwarten unsere Besucher bereits seit zwölf Jahren.«

Also seit unserer Geburt. Cordelia musterte Alys von der Seite. »Weil Gideon der Nächste in der Thronfolge ist?«

»So leicht erwischst du mich nicht, mein junges Fräulein Naseweis«, entgegnete Alys trocken. »Wenn du Fragen zu eurer Geburt hast, solltest du dich an deine Mutter wenden.«

»Aber sie erzählt mir doch nie irgendetwas!« Cordelia ließ ihren Worten einen unterdrückten Frustschrei folgen, während das massive Burgtor mit einem unverkennbaren Rumms zufiel, gefolgt vom Rattern des Fallgatters. Mutter war zurück. Und damit war jede Chance, mehr herauszufinden, zunichte.

»Ah, sie ist wieder in Sicherheit!« Alys sank sichtlich erleichtert in sich zusammen.

Hatte sie sich ernstlich gesorgt? Um Mutter?!

Ein Lächeln zupfte an Alys’ dünnen Lippen, als sie die Schultern kreisen ließ. »Lass uns hoffen, dass Kathryn unsere Besucher angemessen verabschiedet hat.«

»Aber natürlich hat sie das!« Das war doch gar keine Frage! »Und jetzt schleichen sie davon. Zumindest soweit sie überhaupt überlebt haben. Bestimmt bekommen wir nie wieder so interessante Gäste.«

Einen wunderbaren Augenblick lang war ihr die Welt jenseits des Waldes gewaltig und voller unerschöpflicher Möglichkeiten erschienen – so als sei sie endlich frei, in diese Welt hinauszuziehen und sie kennenzulernen.

Aber Cordelia hätte es besser wissen müssen. Ihr Wunsch würde sich niemals erfüllen.

»Hm.« Alys erhob sich und klopfte sich die Erdkrumen von den hochgekrempelten Ärmeln. »Für uns alle hoffe ich, dass du recht hast, Fräulein Naseweis. Aber so wie ich die Häuser Arden und Lunis kenne …«

Ein harter Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. Einen beunruhigenden Moment lang sah Cordelia etwas Kaltes, Düsteres durch ihren Blick huschen. Etwas, das sie in all den Jahren lauten, engen, betriebsamen Familienlebens nicht ein einziges Mal dort bemerkt hatte.

»Nun, wo sie einen Weg gefunden haben, in Kathryns Wald zu gelangen«, sagte Alys leise, »war der heutige Tag wohl nur der Anfang.«

Kapitel 3

Cordelia blieb keine Zeit mehr für weitere Fragen, ganz gleich, wie sehr sie auch in ihr brennen mochten. Mutter wirbelte durch die Burg wie ein Orkan und beschwor eine Wolke aus undurchdringlichem, schwarzem Rauch empor. Sie bedeckte die gesamte Außenwand und verschloss alle Fenster und Schießscharten. Es fühlte sich an, als wolle sie ihre Kinder einsperren, um sie für alle Ewigkeit von der Außenwelt abzuschirmen.

Hastig verwandelte sich Cordelia in einen Wurm und vergrub sich im Kräutergarten, um ein paar Happen Erde zu futtern und ungestört vor sich hin zu brodeln. Aber wie immer würde sie ihrer Familie nicht lang aus dem Weg gehen können.

»Mmmmhhhmmm!«

In Wurmgestalt hatte sie keine Ohren. Dennoch nahm sie die tiefen Schwingungen einer menschlichen Stimme wahr, die durch das warme, dunkle Erdreich dröhnte und die herrliche Ruhe durchbrach. Dann wurde es um Cordelia herum plötzlich hell. Grelles Sonnenlicht brannte auf ihrer empfindlichen Haut, und das Dröhnen der Stimme war nun überall um sie herum: »Mmmmhhhmmm!«

Das musste Gideon sein, und sie war wirklich nicht in Stimmung für einen seiner endlosen Vorträge. So schnell sie konnte, schlängelte Cordelia sich tiefer in die Dunkelheit.

Aber sie war zu langsam. Sekunden später schloss sich die Hand ihres Bruders um ihren wild zappelnden Körper, Dreckkrumen zerbröselten, und sie wurde in die Luft gehoben. »Mmmmhhhmmm!!!!«

Ja, ja, schon gut! Cordelia nahm wieder menschliche Gestalt an – und landete hart auf Händen und Knien, als Gideon sie losließ. »Was?« Mit einem finsteren Blick in Richtung ihres Drillingsbruders rappelte sie sich auf und klopfte sich den Dreck von dem grünen Gewand, das sie über ihrer kürzeren Tunika trug. »Ich will keine Balladen über den Vorfall draußen vor dem Tor hören. Wenn du Publikum brauchst, kannst du Rosalind damit auf den Keks gehen. Mich interessiert nur eins: wer diese Leute waren.«

»Na, ist da heute jemand mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?« Gideon grinste zu ihr hinab. Seit sie ihn zuletzt gesehen hatte, hatte er sich umgezogen. Nun trug er sein edles, pfauenblaues Lieblingswams mit einer passenden Strumpfhose und wippte so ungeduldig auf seinen spitzen Schuhen auf und ab, als warte er auf den Beginn eines Wettrennens. »Es gibt Abendessen«, erklärte er. »Und du hättest nicht davonlaufen dürfen. Ich dachte, Connall fällt gleich der Kopf ab, als er gesehen hat, dass du weg bist. Wir konnten ihn nur unter Mühen von der Vorstellung abbringen, dass du in entsetzlicher Gefahr schweben musst.«

»Hmpf.« Cordelia stapfte los in Richtung des Haupthofs, ohne auf Gideon zu warten. »Connall macht sich doch ständig Sorgen«, sagte sie, und Gideon verzog das Gesicht, weil er widerwillig zugeben musste, dass sie recht hatte.

Anders als die Drillinge befolgte ihr älterer Bruder gehorsam jede von Mutters Anweisungen. Tagtäglich übte er mehrere Stunden lang, die natürliche Magie zu beherrschen, die durch seine Adern floss. Gemeinsam mit Mutter arbeitete er daran, das Schloss und den Wald vor Angreifern zu schützen, und befand sich in dauerhafter Sorge, dass den übrigen Familienmitgliedern irgendwelche schlimmen Dinge zustoßen könnten. Einige von Cordelias ältesten Erinnerungen bestanden darin, dass Connall losrannte und sie auf seinen langen, starken Armen von jedem noch so aufregenden Abenteuer wegtrug, weil es ihm zu gefährlich erschien.

Jetzt, wo es echte Angreifer auf sie abgesehen hatten, würde er sicherlich unerträglich werden.

Das alles hieß natürlich nicht, dass sie ihn nicht liebte. Denn das tat sie. Aber er schien ständig zu vergessen, dass er anders als Mutter und Alys noch kein Erwachsener war. Warum konnte er sich nicht ein einziges Mal entspannen und ein bisschen Spaß haben? Mutter hätte ihn nie dazu gezwungen, so hart an seinen magischen Fähigkeiten zu arbeiten. Das tat er freiwillig. Als Gideon und Rosalind nach wenigen Unterrichtsmonaten beschlossen hatten, ihre Magieausbildung abzubrechen, hatte sie nur halbherzig versucht, die beiden umzustimmen. Cordelia hatte mit Aufruhr und Krawall gerechnet. Doch dieses eine Mal hatte Mutter es ausnahmsweise gelassen hingenommen, als sich ihre Kinder gegen sie auflehnten.

»Ich würde euch niemals drängen, denselben Weg einzuschlagen wie ich«, hatte sie ihnen mit einem tiefen Seufzen mitgeteilt. »Nach allem, was ich erlebt habe, weiß ich es besser, als meinen Kindern eine solche Entscheidung aufzuzwingen.«

Anders als Cordelia trugen Gideon und Rosalind mehr als genug angeborene Magie in sich, um mit den verschiedensten Arten von Zauber auf die Welt einwirken zu können, so wie Connall und Mutter es Tag für Tag taten. Aber die beiden hatten nicht ihr halbes Leben damit verbringen wollen zu lernen, die Magie in ihrem Blut im Zaum zu halten. Gideon sang schon, solange Cordelia denken konnte. Und wenn Mutter nicht bereit gewesen wäre, Rosalind Kampfunterricht zu erteilen, hätte Rosalind wohl die Burg in Schutt und Asche gelegt – und ihre Drillinge gleich mit dazu! –, so heftig war ihr Drang, ihre schier unerschöpflichen Körperkräfte zu nutzen.

Und was Cordelia betraf … Nun, ihre Kräfte hatten bereits ihre einzigartige Form angenommen, ehe die Drillinge überhaupt alt genug für Magieunterricht gewesen waren. Selbst Mutter hatte zugeben müssen, dass es sinnlos war zu versuchen, sie in eine Form der Magie umzuwandeln, mit der sich Veränderungen in der Welt bewirken ließen. Cordelia hatte von Geburt an etwas Wildes an sich gehabt. Ein Teil von ihr war wie ein Tier, das sich in den tiefen Wäldern draußen vor der Burg tausendmal wohler fühlte als in den gemütlichen Zimmern im Inneren. Manchmal, so wie jetzt gerade, zerrte der Drang nach der Freiheit außerhalb der Burgmauern so heftig an ihr, dass es ihr vor Schmerz den Atem verschlug. Es war, als würde sie an einem Haken in ihrer Brust mit aller Gewalt nach draußen gezogen.

Nur weil sie jahrelange Übung darin hatte, diesem Drang zu widerstehen, gelang es ihr nun, weiter Schritt für Schritt auf die stickigen Zimmer im Inneren der Burg zuzugehen, wo sie den restlichen Abend und die Nacht über gefangen sein würde. Als sie Gideon antwortete, schwang trotzdem ein gereizter Unterton in ihrer Stimme mit. »Wieso hätte ich bleiben und weiter den Kampf verfolgen sollen, wo ich doch weiß, dass Mutter sie verjagt hat? Inzwischen sind sie alle fort, und keiner von uns hätte daran etwas ändern können.«

»Sie sind nicht fort.«

Cordelia blieb so ruckartig stehen, dass ihr Bruder sie von hinten anrempelte.

Gideon zog ein triumphierendes Gesicht, während sie sich wieder aufrappelten. »Ich hab dir doch gesagt, dass es ein Fehler war, einfach zu gehen. Du hast eine atemberaubende Schlacht verpasst! Rosalind versucht immer noch, die Schwertkampftechniken unserer Angreifer nachzuahmen.«

»Was auch sonst.« Cordelia verdrehte die Augen. Da normalerweise sie als Übungspartnerin für Rosalind herhalten musste, würde sie das neu erlernte Wissen ihrer Schwester vermutlich schon bald am eigenen Leib zu spüren bekommen.

»Aber was ist geschehen?«, fragte sie. »Wie konnten sie Mutters Kreaturen entkommen?«

»Aaaalso – entkommen würde ich es nicht unbedingt nennen. Ich arbeite gerade an einer neuen Ballade über den Kampf. Sie schlitzten und hackten mit mächtigen Hieben, um unsere Burg …«

Cordelia brachte ihn mit einem von Alys’ sagenumwobenen strengen Blicken zum Schweigen. Alle Drillinge konnten diese Blicke perfekt nachahmen. »Kein Gesang. Beantworte einfach nur meine Frage.«

»Kiiiinder!«, hallte plötzlich Alys’ Stimme durch den Innenhof, als hätte Cordelia sie mit ihrer Nachahmung heraufbeschworen. »Schluss mit der Trödelei! Euer Abendessen wird kalt!«

Jeder hier in der Burg wusste: Was die Mahlzeiten betraf, war mit Alys nicht zu spaßen. Gehorsam liefen die beiden los, doch Cordelia konnte es sich nicht verkneifen, Gideon zwischen zusammengebissenen Zähnen zuzuzischen: »Wäre deine nutzlose Ballade nicht gewesen, müssten wir uns jetzt nicht beeilen.«

Gideon knurrte zurück: »Selbst schuld, dass du sie dir nicht angehört hast. Es ist meine bisher beste! Eines Tages werden die Königinnen und Könige dieser Welt ihre Schatzkammern leeren, nur um mich singen zu hören!«

Nicht, wenn ICH Königin werde. Die Antwort lag Cordelia wie von selbst auf der Zunge, aber ausnahmsweise einmal schwieg sie lieber, als ihren Bruder aufzuziehen. Der Scherz erschien ihr zu gefährlich, um ihn offen auszusprechen, hier draußen, wo jeder ihre Worte aufschnappen konnte.

»Wo sind die Soldaten jetzt?«, flüsterte sie, als sie durch den offenen Durchgang in die Vorratskammer traten, die direkt neben dem großen Saal lag. Cordelia schnappte sich die Lederschuhe, die sie nach dem Frühstück dort abgelegt hatte, und streifte sie im Gehen hastig über. »Verstecken sie sich im Wald?«

Gideon beugte sich zu ihr herüber, um ihr die Antwort ins Ohr zu flüstern, während sie gemeinsam die gewaltige Tür zum großen Saal aufdrückten. »Nein, sie lagern draußen vor der Burg, direkt vor dem Eingang. Deswegen hat Mutter ja auch die Fenster versiegelt, nachdem sie den Versuch aufgegeben hat, die Soldaten zu vertreiben.«

Sie hat aufgegeben? Cordelia klappte die Kinnlade herunter.

Mutter gab sich niemals geschlagen. Niemals! Hunderte von Fragen sirrten durch Cordelias Kopf. Doch sie verkniff sich ihre Neugierde, als sie Mutter und Alys mit Rosalind und Connall sowie einem dampfenden Kessel voll Eintopf an der riesigen, hölzernen Tafel sitzen sah.

War Mutter guter Laune, schien die gesamte Burg von Sonnenschein erfüllt zu sein, und alle anderen Familienmitglieder glühten förmlich, so kräftig war die Wärme, die sie abstrahlte. War sie aber schlecht gelaunt …

Mit gesenktem Kopf und zusammengepressten Lippen setzte sich Cordelia auf ihren Platz neben Connall und nahm sich fest vor, alles dafür zu tun, das drohende Donnerwetter abzuwenden. Sie würden ein angenehmes, ruhiges Abendessen verleben, und dann …

Strahlend wedelte Rosalind mit ihrem Suppenlöffel herum. Sie trug noch immer die einfache grüne Tunika und die engen Wollhosen, sie die früher am Tag zum Kampfunterricht angezogen hatte. Das kurze, schwarze Haar stand ihr wild vom Kopf ab. »Ist das nicht aufregend? Wir werden belagert! Umgeben von Angreifern! Ich kann es gar nicht abwarten, sie bei ihrem nächsten Vorstoß mit siedendem Öl zu übergießen.«

Cordelia wechselte einen leidgeprüften Blick mit Gideon. Ob ihre ungestüme Schwester wohl je auch nur einen Funken Taktgefühl entwickeln würde?

Ihr älterer Bruder verzog das Gesicht, dann öffnete er den Mund. Aber es war zu spät. Dieses Donnerwetter konnte selbst Connall nicht mehr abwenden.

»Wir werden nicht belagert!« Mutter ließ ihre Hand so heftig auf den Tisch krachen, dass der Schlag im gesamten Saal widerhallte. »Ich weigere mich, diese elenden Kakerlaken dort draußen mit diesem Begriff in Verbindung zu bringen!«

Diesmal war es Alys, die das Gesicht verzog. »Kathryn, bitte vergiss nicht, dass es sich bei einer dieser ›Kakerlaken‹ um meinen Bruder handelt.«

Welcher ist es?, gab Cordelia Gideon lautlos zu verstehen.

Er zuckte mit den Achseln.

Alys wirkte auf Cordelia weder sonderlich bärig noch sonderlich wölfisch. Sie war einfach nur … Alys, die abwechselnd mit Mutter die Familie bekochte, die Kinder durch die Gegend scheuchte und Cordelia unbarmherzig das Haar absäbelte, wenn es so wild wucherte, dass sie den Anblick nicht länger ertragen konnte. Sie war für alle praktischen, nicht magischen Angelegenheiten auf der Burg zuständig und so zuverlässig und einfühlsam wie ein Felsblock.

Cordelia war nie auch nur der Gedanke gekommen, dass Alys ebenfalls Geheimnisse hegen könnte.

Connall sagte: »Vielleicht sollten wir sie auf anderem Weg davon überzeu…«