Die Rache des Chamäleons - Åke Edwardson - E-Book

Die Rache des Chamäleons E-Book

Åke Edwardson

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Beschreibung

Dein Mann liebt dich. Eure Kinder. Er ist erfolgreich, und ihr habt ein schönes Leben. Doch eine Nachricht verändert alles. Ein alter Freund glaubt, dass dein Mann ihm noch etwas schuldet. Und das fordert er jetzt ein. Weil du ihn liebst, gehst du mit ihm auf diese tödliche Mission. Doch wer ist der Mann an deiner Seite? Der neue Thriller von Åke Edwardson führt einen scheinbar unbescholtenen Mann zurück nach Andalusien in seine terroristische Vergangenheit.

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Åke Edwardson

DIE RACHE DES

CHAMÄLEONS

Thriller

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel Möt mig i Estepona bei Leopard förlag, Stockholm.

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

ISBN 978-3-8437-0352-9

© 2011 by Åke Edwardson © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten

Satz und eBook: LVD GmbH, Berlin

Für Hanna und Vedran Kristina und Proinsias

Andere Orte sind nicht genauso gut gewesen, aber das lag vielleicht daran, weil wir nicht so gut waren, als wir dort waren.

Ernest Hemingway

Die Wellen sind höher das Rauschen der Brandung ist lauter denn je. Es ist Nacht es ist eine andere Nacht die letzte Nacht. Die erste und letzte Nacht er wusste es als sie ihre Vorbereitungen trafen. Ich bin nicht dabei ich bin nicht hier. Bald bin ich woanders. Der hier bin ich nicht. Ich werde bald wieder ich selbst sein.

Wenn es das war was er wollte. Wenn es überhaupt noch möglich war wieder er selbst zu werden.

Genau das ist es was er in diesem Moment will. Nur das will er es gibt keine Spannung wie diese es gibt keine wie diese bitte sehr zeig sie mir bitte falls doch. Das Blut das durch den Kopf rast sein Blut nichts wie das hier.

Die Horizontlinie blitzt auf über Afrika die Sonne ist unterwegs sie wird die Morgendämmerung mit sich über das Meer ziehen. Wenn sie hier ankommt werden alle verschwunden sein und nichts wird mehr da sein was es vorher nicht gab.

Jemand sagt etwas es ist ein Fluch wie ein Ausatmen Einatmen aus und ein etwas über Sex hinein und hinaus die Flüche in diesem Land handeln nur von Sex hinaus und hinein und hinaus und hinein handeln von Genitalien von Gott und der Madonna und Genitalien wahnsinnige Bilder. Wie jetzt wie hier. Ein brüllender Zusammenschnitt von Bildern und Ereignissen der Strand und die Wellen und der Himmel und die Männer die warten die zitternde Spannung wie die Felsen im Wasser zittern die Spannung die im Wind zittert wie der Tod der wartet der mit der Brandung gleitet der auf der Brandung surft der niemals stürzt der niemals Fehler macht. Wie die Männer die auf das Geräusch warten das ihnen mit der Brandung entgegenfluten soll.

Jetzt hören sie das Motorengeräusch alle gleichzeitig die Silhouetten um ihn herum erstarren erstarren innerhalb einer halben Sekunde. Als würde die Zeit stehenbleiben als gäbe es kein Vorher oder Nachher.

Das Geräusch wird lauter es bewegt sich auf sie zu. Alles ist wie es sein soll die Zeit bewegt sich wieder und der Tod bewegt sich mit ihr. Ohne Zeit gibt es keinen Tod manche sagen der Tod hat sich von der Zeit losgerissen aber sie täuschen sich alle die das sagen täuschen sich.

Das Schiff dort draußen war jetzt die Silhouette einer Yacht gegen den afrikanischen Himmel an Deck Silhouetten von Männern. Er drehte sich um und sah wie sich die Morgendämmerung auf die Berggipfel senkte die weißen Berge er drehte sich zurück zum Meer alle bewegten sich jetzt schnell auf das Meer zu. Die Zeit bewegte sich zu schnell das Schiff hatte sich verspätet und jetzt war es gefährlich gefährlicher als es jemals gewesen war.

Sie wateten hinaus.

Von der Yacht wurde ein Beiboot zu Wasser gelassen.

Er sah wie sich die Kisten von Hand zu Hand bewegten hinunter in das Beiboot es war größer als eine Jolle ein Landungsfahrzeug als ob es Truppen am Ufer absetzen wollte um in das Land einzufallen aber der Feind würde nicht vom Meer kommen.

Der Feind war schon hier.

Er hörte eine der Kisten ins Wasser fallen er hörte Worte die über das Wasser zu ihm trieben Flüche in einer Sprache die er nicht sprechen konnte.

Er sah die Kiste wieder an die Oberfläche kommen eine kostbare Fracht kostbarer als das Leben.

Die Silhouetten trugen die Kisten ans Ufer.

Über dem Strand begann der Tag zu glimmen färbte alles in der Nicht-Farbe der Dämmerung wie Asche färbte alles.

Die Yacht nahm Kurs auf das offene Meer.

Jetzt.

Hier.

Hände heben Deckel von Kisten er denkt dass es die Kisten in der Mitte sind nur an sie denkt er als wäre es von besonderer Bedeutung. Er sieht etwas über einer Kiste aufblitzen. Niemand sagt etwas. Er kann sich nicht rühren und dreht sich wieder um der Horizont über den Bergen hat sich zu der Farbe gelichtet die bald die Asche ersetzen wird Mittelmeerblau.

Da bewegt sich eine der Gestalten ein Geräusch wie wenn Wind über Sand streicht. Alle schleppen und tragen jetzt die Kisten über den Sand er trägt nicht mehr schleppt nicht mehr er ist nicht dahinten warum ist er nicht dort warum steht er hier und nun setzt er sich in Bewegung weg von allen.

Jemand ruft ihm etwas nach. Vielleicht weiß er vielleicht kennt er die Stimme.

Ein Mann ruft oder er flüstert oder zischt dass er mit anpacken soll dass sie es eilig haben es ist verdammt eilig bevor die Dämmerung in Tag übergeht in dessen Licht man alles sehen kann. Die Tage sind schonungsloses Licht sind wie Glassplitter in den Augen.

Er hört die Geräusche über dem Strand explodieren. Jetzt geschieht es das blendende Licht er hört die Schreie die gellenden Schreie.

1 Der Hund bellt, erst hat er nur geknurrt, doch das hat im Haus niemand gehört. Jetzt bellt er, denn er hört, dass jemand vor der Tür ist. Der Hund weiß, dass draußen etwas Gefährliches ist. Er wird es aufhalten, deswegen steht er hier. Er ist nicht groß, aber er kann bellen. Seine Augen funkeln im Licht der Straßenbeleuchtung, die durch das Türglas fällt. Wieder eine Bewegung. Wieder bellt der Hund.

Die Deckenbeleuchtung in der Diele flammt auf.

»Laika? Laika! Was ist denn, mein Mädchen?«

Laika schaut sich um. Dann wendet sie sich erneut der Tür zu und bellt weiter.

Eine Frau im Bademantel kommt die Treppe zur Diele herunter. Sie ist blond und blinzelt verschlafen in das Licht.

»Hat dich der Zeitungsbote mal wieder aufgeschreckt?«

Die Frau beugt sich zu dem Hund hinunter und streicht ihm über Schnauze und Hals. Jetzt hat er aufgehört zu bellen. Er knurrt nur noch, aber es klingt nicht mehr drohend, als gäbe es draußen nichts Gefährliches mehr, keinen gefährlichen Zeitungsboten.

»Ist schon gut, meine Alte, schon gut. Du weckst noch das ganze Haus. Was sollen denn die Mädchen denken, wenn du so einen Krach machst?«

Die Frau richtet sich auf. Sie öffnet die Haustür und tritt auf eine kleine Holzveranda hinaus. Es ist fünf Uhr in der Früh, über dem Horizont im Osten liegt das helle Band der Dämmerung. Es duftet nach Blumen und Gras, es ist das Ende eines warmen, aber nassen Augustmonats. Das wird ein schöner Tag heute. Darüber freut sie sich. Es gibt so vieles, worüber sie sich freuen kann. In ihrem Leben gibt es keine Gefahren, nicht hier, nicht dort.

Die Frau fröstelt, als wäre von Norden Wind aufgekommen. Hinter ihr knurrt Laika. Die Frau macht einen Schritt weiter auf die hölzerne Veranda und glaubt, in der westlichen Gartenecke eine Bewegung zwischen den Ahornbäumen zu sehen, einen huschenden Schatten. Wieder fröstelt sie. Es ist der Wind, es war der Wind, der die Äste bewegt hat. Sie reichen fast bis zur Erde. Laika ist verstummt.

Der Hund ist ihr nicht nach draußen gefolgt.

Es ist das erste Mal, dass Laika trotz geöffneter Tür freiwillig im Haus bleibt, denkt sie.

Die Dunkelheit lichtet sich. Mit jeder Sekunde wird es heller.

Die Frau geht die drei Stufen zum Schotterweg hinunter, weiter zur Pforte und zum Briefkasten. Fünfundzwanzig Schrit­te sind es bis dorthin. Sie öffnet den Briefkastendeckel. Keine Zeitung. Laika bellt wieder, und sie dreht sich um. Der Hund ist nirgends zu sehen, er scheint immer noch in der Diele zu sein. Das Bellen klingt gedämpft. Jetzt verstummt es. Plötzlich ist es ganz still, still in der Idylle, in der sie lebt. Und sie fröstelt, als stände sie mitten im kalten Wind. Sie hat Angst. Was ist das, denkt sie. Was ist mit mir los? Hier gibt es keine Gefahr. Hier bin ich zu Hause.

*

Ein Mann sitzt in der Küche. Es ist ihr Mann. Er trägt auch einen Morgenmantel, seiner ist rot und schwarz, ihrer ist weiß und blau. Er reibt sich die Augen und schaut auf.

»Keine Zeitung, Rita?«

»Nein, der Zeitungsbote hat sich wohl verspätet.«

»Wenn er überhaupt kommt. Ist vielleicht schon auf dem Weg in die Schären, um ein letztes Bad zu nehmen.«

»Um fünf Uhr morgens?«

»Man muss früh da sein, um einen guten Platz zu ergattern. Um sieben werden die Russen mit dem Helikopter eingeflogen. Die breiten ihre Badelaken auf den Klippen aus, um ihre Plätze zu markieren.«

»Wie am Hotelpool.«

»Genau.«

»Hast du Laika gehört?«

»Hab ich. Vermutlich bin ich von ihrem Gebell aufgewacht.«

»Irgendetwas hat sie erschreckt, Peter.«

»Alles erschreckt sie.«

»Aber sonst steht sie nicht an der Tür und bellt.«

»Auf der Straße ist wohl jemand vorbeigegangen.«

»Bis zur Straße sind es zwanzig Meter.«

»Hunde haben ein gutes Gehör.«

»Ich mein das ernst. Du weißt genau, dass Laika fast taub ist.«

»Was meinst du ernst, Liebling?«

»Ich weiß nicht.« Sie schiebt eine Locke hinter das Ohr. »Da draußen war es plötzlich so kalt.«

Er löffelt Pulverkaffee in zwei Tassen, gießt ein wenig warme Milch darauf und dann heißes Wasser aus dem Wasserkocher.

Sie schaut aus dem Fenster. Die Sonne bricht durch das Laubwerk, alles glitzert.

»So schöne Tage hat es in diesem Sommer nicht viele gegeben.«

»Es ist noch nicht Tag. Das Wetter kann sich noch ändern.«

»Ich wusste gar nicht, dass du aus Västerås stammst.«

»Västerås?«

»Der Quengelgürtel Schwedens. Ein Västeråser trifft einen anderen und sagt, schönes Wetter heute, und der andere antwortet, heute, ja.«

»Ich bin noch nie in Västerås gewesen.«

»Zwei Drittel der Västeråser wohnen in Stockholm«, sagt sie.

»Dann gibt es ja nur noch ein Drittel Bewohner in Västerås.«

»So ist es.«

»Wie traurig, für Västerås, meine ich.«

Er hört Schritte auf der Treppe. Trippelschritte.

Ein kleines Mädchen taucht in der Tür auf, gefolgt von einem zweiten kleinen Mädchen.

»Gu’n Morrrgen!«, ruft das ältere Mädchen. Sie ist sechs Jahre alt. Ihre Schwester ist zwei. Sie ruft: »Guumooagen!«

»Guten Morgen, Mädchen«, sagt Peter. »Guten Morgen, Magdalena, guten Morgen, Isabella.«

»Es regnet nicht!«, sagt Magdalena.

»Das wird ein schöner Tag«, sagt Rita.

»Können wir nicht baden fahren?«, fragt Magdalena, die Ältere der beiden. »Baden!«, sagt Isabella.

»Vielleicht zum letzten Mal«, sagt Rita. »Kannst du dir heute nicht freinehmen, Peter?«

»Heute nicht. Keine Chance.«

Sie schaut ihn an.

»Was für ein Glück, dass ich freihabe«, sagt sie.

»Ja, wirklich.«

»Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als einen Tag mit den Mädchen baden zu fahren«, sagt sie.

»Ich auch nicht«, sagt er. »Einen Tag mit den Mädchen baden fahren.«

Peter fädelt sich durch den dichten Verkehr der Stadt. Ein Regentropfen schlägt gegen die Windschutzscheibe, dann noch einer, zwei, drei, vier, fünf. Das war’s also mit dem schönen Wetter. Zehn Minuten Sonnenschein, mehr kann der Norden von seinem grünen Winter nicht erwarten.

Er wechselt mit der Fernbedienung am Lenkrad den Radiosender, findet aber nichts, was ihm gefällt. Im Radio gibt es nichts Hörenswertes mehr, denkt er. Keine alten, vertrauten Wohlfühlsongs, bei denen man sich auf dem Weg zur Arbeit für einen Moment entspannen kann.

Er schiebt eineCDin den Player und lauscht, wird etwas ruhiger. Das Handy vibriert in seiner Halterung, es leuchtet und blinkt.

»Ja?«, sagt er, ohne die Hände vom Steuer zu nehmen.

Keine Antwort.

»Ja?«

Es knistert, dann nichts mehr, nur ein Tuten im Ohr. Das Display zeigt »unbekannte Nummer« an. Es ist nicht das erste Mal. Unbekannte Nummern sind okay. Da braucht er nicht zurückzurufen. Er hat sich auch angewöhnt, bekannte Nummern nicht zurückzurufen.

Die Ampel springt auf Rot. Er hält an und sieht sich um. Niemand scheint ihn zu beachten, alle haben den Blick auf die rote Ampel gerichtet, als hinge ihr Leben davon ab. Und gewissermaßen ist es wohl so, denkt er. Das Leben hängt vom Licht ab. Und es ward Licht.

Er lauscht Nick Caves ruhigem Gemurmel, aber es be­ruhigt ihn nicht. Er biegt nach links ab und noch einmal nach links. Eine Sekunde lang erwägt er, ein weiteres Mal links abzubiegen und nach Hause zurückzukehren, die Familie ins Auto zu laden und zum Baden zu fahren, zu einem weit entfernten Badeplatz. Weit weg in die entgegengesetzte Richtung.

Ihm folgt ein Auto in seine Richtung. Es ist blau wie spätes Sommerabendblau. Es biegt ab, nach links, links, links.

Das Auto rollt in die Unterwelt, wird von dem Gebäude mit der Glasfassade verschluckt. Der blaue Wagen ist weitergefahren. Er hat es sich nur eingebildet, niemand hat ihn verfolgt.

Im Fahrstuhlspiegel studiert er sein Gesicht. Er kann nichts entdecken, was er nicht kennt. Jedenfalls hofft er, dass es so ist. Äußerlich ist ihm nicht anzusehen, was er im Innern mit sich herumträgt. Noch nicht, nicht ganz. Es wird nie zu sehen sein. Besonders alt sehe ich nicht aus, denkt er. Manche Leute behaupten, man habe das Gesicht, das man verdient. Was das in meinem Fall bedeutet, weiß ich nicht. Ich verdiene es, verdiene es mehr als andere.

Er trägt einen grauen Anzug. Oscar Jacobson, nicht übermäßig teuer, aber auch kein billiges Zeug. Seit er ein Mann geworden ist, hat er sich in dieser gehobenen Mittelschicht halten können, der oberen Mittelklasse, die vielleicht nicht die breiteste, aber die sicherste ist, nach oben und unten kaum durchlässig. Er weiß nicht, wie es von der Seite ist, in die Richtung hat er nie geschaut, wollte er nie schauen.

Sein Haar schimmert blau im Fahrstuhllicht. Seine Augen wirken kalt, das ist ihm noch nie aufgefallen. Seltsam, er hat das Gefühl, zum ersten Mal in seine neuen Augen zu blicken, als würde auf der anderen Seite des Spiegelglases ein anderer stehen. Du bist kein anderer, denkt er, du bist Peter Mattéus. Du bist jetzt nur noch Peter Mattéus. Während er seinen Namen denkt, bewegt er die Lippen.

Er tritt aus dem Fahrstuhl und geht auf eine Glastür am hinteren Ende der offenen Bürolandschaft zu. Überall Glas, überall Licht.

Er betritt den Raum, an den hellen Wänden hängen gerahmte Diplome und Plakate. Alles ist sehr hell, ein Ort voller Lachen, Licht und Optimismus. Ein Raum für Gewinner. Eine ganze Etage für Gewinner, hier gibt es nur Gewinner. Für Verlierer ist es zu hell, so ist das, Verlierer werden vom Dunkel angezogen und Winners vom Licht. Einfacher kann es gar nicht sein. Winners, we are the winners.

Fünf Menschen sitzen um den ovalen Tisch, der mitten im Raum steht. Nur wenige schauen auf, als er eintritt. Eine Frau ist mitten in einer Powerpoint-Präsentation. Was für ein dämliches Wort, Powerpoint-Präsentation. Sie klickt eine Alternative in ihrem Computer an, und das Resultat wird auf den großen Bildschirm projiziert. Zwei Männer lehnen sich zurück, um besser sehen zu können.

Die Frau blickt von ihrem Computer auf. Sie trägt ein dunkles Kostüm mit Schlips. Warum trägt sie einen Schlips, denkt er, als er sich setzt. Wollen die alles übernehmen? Er selber ­verzichtet auf einen Schlips. Er ist überzeugt, dass er keinen braucht. Wie auch immer, eine Krawatte ist ein Kleidungsstück für Männer.

»Ich glaube nicht, dass sie das ablehnen«, sagt die Frau.

»Glauben?«, sagt der spitzbärtige Mann rechts von Peter. Er trägt Hosenträger über dem Leinenhemd, ist um die fünfzig, älter als Peter, wirkt jedoch unkonventioneller.

Die Frau scheint sich ertappt zu fühlen, sieht aber immer noch wie eine Gewinnerin aus. Peter dreht sich zu dem Mann um.

»Ach, Lasse, beiß dich doch nicht an einzelnen Wörtern fest.«

»Ich beiße mich an einzelnen Wörtern fest? In diesem Stadium sollten wir längst wissen, dass wir den Zuschlag bekommen und nicht mehr nur daran glauben. Oder, Linda?«

»Ja … natürlich«, antwortet die Frau. Sie nimmt den Stift wieder in die Hand, studiert ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Als wäre er nicht mehr richtig funktionsfähig. Vielleicht ist es ein billiger Stift. Sie kann nur mit teuren Gegenständen arbeiten.

»Wo hast du übrigens gesteckt?«, fragt Lasse und boxt ihn leicht gegen die Schulter.

»Verkehrschaos im Südumgehungstunnel.«

»Schon wieder?«

Er nickt.

»Diesmal keine Terroristenwarnung? Haha.«

»Nicht, was ich sehen konnte.«

»Meinst du, Terroristen kann man sehen? Rein visuell?« Lasse lacht wieder. »So wie man dich und mich sieht?«

»Linda ist noch nicht fertig.« Peter deutet mit dem Kopf auf die Frau im Kostüm.

»Was? Ach ja. Okay, okay.«

Linda klickt ein neues Bild an, das auf dem Bildschirm erscheint. Das gehört nun mal zu ihrem Job, darum kommt sie nicht herum.

Peter schaut aus dem Fenster. Wasser strömt an den Scheiben herunter. Sie werden heute doch nicht baden, denkt er. Vielleicht war es der Regen, den Laika gewittert hat. Tiere haben solche Instinkte. Vielleicht gibt es Sturm. Womöglich Schnee. Nichts ist mehr, wie es einmal war.

Ein jüngerer Mann betritt den Raum, ohne vorher an die Tür zu klopfen, die offen steht zu dem Loft, wo es ebenfalls krea­­tiv zugeht, Kreativität als Dauerzustand. Dort sitzen mindestens fünfzig Personen, denkt er, alle sehr kreativ. Sehr smart. Die Werbebranche ist eine gigantische Verschwendung mensch­licher Intelligenz. Er betrachtet den eben hereingekommenen Kollegen, der ein T-Shirt und Jeans trägt und aussieht wie ein Oberschüler.

»Was für ein verdammtes Gerenne«, sagt Lasse. »Was willst du, Lukas?«

Lukas hat eine Jiffytüte in der Hand.

»Dringend, für Peter.«

»Dringend?«

Lukas durchquert den Raum und übergibt das gefütterte Kuvert.

»Was ist das?«, fragt Peter.

Lasse lacht auf.

»Lukas ist zwar clever, aber einen Röntgenblick hat der Junge nicht.«

»Danke.« Peter nimmt den Umschlag entgegen. »Und warum ist es dringend?«

»Ein Mann hat angerufen und gefragt, ob du es schon bekommen hast. Ich hatte es gerade in der Hand, und der Anrufer sagte, es sei dringend. Genau das Wort hat er benutzt.«

»Wer war der Mann?«

»Seinen Namen hat er nicht genannt. Ich habe ihn gefragt, aber da hat er aufgelegt.«

»Woher kam das Gespräch?«

»Ich weiß es nicht. Unbekannte Nummer. Ich bin sofort losgelaufen. Es war ja …«

»… dringend«, ergänzt Lasse. »Dann öffne es schon, damit wir endlich unsere Marathonsitzung fortführen können.«

»Nein, nein.« Peter legt den Umschlag auf den Tisch.

»Heutzutage ist alles dringend«, sagt Lasse und dreht sich zu der Frau um. »Linda, please carryon.«

Er reißt das Kuvert mit einem Finger auf. Es gibt keinen Absender und keinen Empfänger, nur ganz oben links ein PM, seine Initialen, vom Pförtner notiert, ein Päckchen, von dem man offenbar nicht annahm, dass es eine Bombe enthält.

Privat abgegebene Päckchen sind keine Seltenheit, von Hoffnungsvollen, die Ideen und Bilder beim Pförtner abliefern, als wäre die Agentur ein Buchverlag oder ein Unterhaltungs­center, Leute schicken Bilder und Texte von allem Möglichen zwischen Himmel und Erde, einmalige Bilder, die niemand ablehnen kann, einmalige Ideen, auf die noch kein Mensch auf der Welt gekommen ist. Manches ist gut, die Ideen an sich sind gut, werden aber meist so amateurhaft präsentiert, dass alles Gute daran vom Amateurhaften verschüttet wird. Dass die sich das antun, denkt er oft in solchen Momenten.Get a life, denkt er dann.

Er späht in das Kuvert, steckt die Hand hinein und holt ­Fotografien im Format des goldenen Schnittes hervor.

Er sieht sich im Raum um. Er sitzt an seinem eigenen Schreibtisch. Etwa fünf Meter vom nächsten Kreativen entfernt, einer Frau in einem roten Kleid, mit rotem Lippenstift, roten Schuhen. In einer Werbeagentur ist die Revolution nie weit entfernt.

Er breitet die Fotos auf dem Schreibtisch aus.

Es sind Bilder von seiner Familie, Fotos, die er noch nie gesehen hat, offenbar mit einem Teleobjektiv aufgenommen, vielleicht von der anderen Straßenseite aus. Es muss die andere Straßenseite gewesen sein. Wie sieht es dort aus? Dort sind nur Privathäuser und Privatgärten. Aber die Straße ist für alle da. Kann jemand auf der Straße stehen und Leute fotografieren, ohne dass sie es merken? Die Antwort ist ja, denkt er. Frag die Promis.

Ein Foto von ihm ist auch dabei, auf dem Weg die Verandatreppe hinauf, eins von Rita, wie sie einen Korb mit Wäsche zum Trockenständer trägt, je eins von Magdalena und Isabella, die spielen. Fotografiert beim Spielen in ihrem eigenen Garten! Er spürt Schweiß auf der Stirn und im Nacken wie eine kalte Dusche. Kalte Dusche. Er empfindet auch Zorn. Er hat mehrere Empfindungen gleichzeitig. Diese Fotos wurden erst kürzlich aufgenommen. Er kann sogar ungefähr den Tag nennen. Es war in diesem Monat. Über ihren Köpfen ist der Himmel grau. Es ist die Szene, die er an jenem Nachmittag gesehen hat, als er nach Hause kam. Er hat niemanden mit einem Fotoapparat bemerkt, hat aber auch nicht darauf geachtet. Er hätte darauf achten sollen. Er ist unaufmerksam geworden.

»Etwas Interessantes?«

Er hebt den Kopf und blickt in Lasses Gesicht.

»Nein, nein.« Er rafft die Fotos zusammen und schiebt sie zurück in den Umschlag.

»Was war denn so dringend?«, fragt Lasse.

»Wieso fällt es manchen Leuten in diesem Laden so schwer, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern?«

»Haha, genau, kümmre dich um dich selbst und scheiß auf die anderen. I get it. I got it.«

Peter steht auf.

»Wohin willst du?«

»Wie wir eben sagten …«

»Ja, ja, genau. Haha.«

Womöglich steht Lasse kurz vor einem massiven Zusammenbruch, denkt Peter. So labert er doch sonst nicht herum. Irgendwann wird sein Kopf wahrscheinlich explodieren. Lasses Kopf ist ein übervoller Papierkorb.

Peter spürt das Gewicht des Umschlages in seiner Hand. Er wiegt schwerer, als er es bisher wahrgenommen hat. In dem Umschlag steckt noch mehr. Er setzt sich wieder und schaut zu Lasse hoch, der grinsend Habtachtstellung annimmt, eine Art militärischen Gruß andeutet, sich umdreht und im Exerzierschritt davonmarschiert.

Direkt ins Irrenhaus.

Peter schiebt die Hand in die Jiffytüte und tastet die weiche Füllung ab, spürt etwas Hartes.

Es ist Absicht, dass er es findet. Was für eine Absicht auch immer dahinterstecken mag.

Er durchsucht den Umschlag noch einmal. Keine schrift­liche Mitteilung. Er dreht die Fotos um, Schwarzweißbilder, müssen in einer antiken Dunkelkammer entwickelt worden sein. Kein Text.

Er steht auf.

Der Schweiß ist von seinem Kopf den Rücken hinuntergelaufen und weiter in den Schritt und zu den Schenkeln. Er ist nass und zugleich kalt und warm. Hat er Angst? Er ist auf dem Weg zum Hauptbahnhof.

Nachdem er eine Viertelstunde herumgekurvt ist, findet er einen Parkplatz auf dem Klarabergsviadukt. Ein paar Taxichauffeure wollten ihn wegscheuchen, aber er hat sie ignoriert. Die Stadt gehört ihm genau wie ihnen, es ist sogar mehr seine als ihre Stadt. Er hat sein ganzes erwachsenes Leben in dieser Stadt verbracht. Die Taxifahrer finden ja nicht einmal aus der City heraus, geschweige denn zu ihren Kunden nach Hause.

In der Bahnhofshalle wogen Menschenmassen hin und her, her und hin, als würden sie ihren Bahnsteig nicht finden. In den Lautsprechern scheppert es so laut, dass er sich die Ohren zuhalten muss. Als wären seine Ohren plötzlich überempfindlich gegen Geräusche. Er hört ein Lachen von der Seite und dreht sich um, eine Frau lacht hysterisch, der Mann neben ihr lacht genauso. Was gibt es auf einem Bahnhof zu lachen?

Die Gepäckschließfächer befinden sich hinter den nörd­lichen Arkaden. Er geht am Pocketshop und an einem Blumenladen vorbei, überall Menschen, wie Vieh auf dem Weg ins Nichts, auf der planlosen Jagd nach einem Ort, wo sie ihre kleinen Besitztümer, vielleicht ihr ganzes Leben ablegen können. Er hat irgendwo gelesen, dass manche Menschen, die aus ihren Wohnungen geworfen wurden, die Reste ihrer Lebenserinnerungen in einem Gepäckschließfach deponierten. So endet es, so endet das Leben.

Er nimmt den Schlüssel aus der Tasche und kontrolliert die Nummer. Dann geht er an den Schranktüren entlang. Es scheint kein leeres Fach zu geben, keine Schlüssel in den Schlössern. Noch einmal kontrolliert er die Nummer. Er folgt der einen Reihe, biegt um die Ecke und geht weiter an der nächsten ­ent­lang. Dort sind weniger Menschen. Er verlangsamt den Schritt, jetzt wird es heiß, da, da. Da. Er schaut sich um. In seiner Nähe ist niemand. Was für ein stiller Ort mitten im Chaos, denkt er.

Er öffnet die Tür des Schließfaches. Den Gedanken an eine Bombe hat er beiseitegeschoben. Das wäre zu einfach, zu platt. Er sieht sich wieder um. Niemand scheint ihn zu beobachten.

Im Schließfach ist es dunkel. Zunächst kann er nichts erkennen. Das Fach ist leer. Dann entdeckt er das Handy an der Rückwand. Es beginnt zu klingeln, bewegt sich, kriecht da drinnen herum wie ein Skorpion, dem die Zangen abgeschnitten wurden. Zehn Sekunden nachdem er das Fach geöffnet hat, hat es angefangen zu klingeln.

Das Telefon klingelt, klingelt, er ist bewegungsunfähig. Es hört auf zu klingeln. Dann fängt es wieder an, klingelt, klingelt, vibriert, leuchtet, kriecht auf dem Boden des Schließfachs herum wie eine Kakerlake. Der Vergleich passt besser, eine sehr große Kakerlake, ein Insekt, ein Kriechtier, das einem feindlich gesonnen ist.

Er sieht sich um. Noch immer ist niemand in der Nähe. Als wäre dieser Teil des Bahnhofs abgesperrt. Abgesperrt in der Erwartung, dass er das Telefon nimmt.

Sie wissen, dass er es weiß.

Genau in diesem Augenblick. Jetzt holt ihn das Leben ein. Es war immer dort drinnen, in dem Schließfach, mein ganzes Leben hat im Schließfach auf mich gewartet.

Er nimmt das verdammte Ding, das in seiner Hand vibriert. Schließt die Augen, öffnet sie wieder, drückt auf die Antworttaste, sagt nichts.

»Bist du es?«, fragt jemand auf Spanisch.

»Wer spricht da?«, antwortet er auf Schwedisch. »Sie wissen, dass ich hier stehe.«

»Ich höre doch, dass du es bist. Die Stimme vergisst man nie.«

»Ich verstehe nicht.«

»Klar verstehst du. Du merkst doch, ich verstehe ein wenig Schwedisch.«

»Dann sprechen Sie Schwedisch. Was soll der Blödsinn? Es muss ein Versehen sein. Ich lege jetzt auf.«

Er hört ein Rauschen in der Leitung, ein Kratzen am anderen Ende. Eine andere Stimme, neutral, korrekt, Schwedisch.

»Legen Sie nicht auf«, sagt die Stimme.

Was ist das? denkt er. Der Anruf scheint aus Spanien zu kommen, aber wie …

»Verlassen Sie den Bahnhof, und nehmen Sie das Handy mit. Fahren Sie auf direktem Weg nach Hause.«

Seine Augen brennen. Er spürt etwas im Mund. Der Schweiß sprudelt wie aus einem Sprinklersystem auf seinem Kopf, als hätte jemand einen Sprinkler in seine Kopfhaut montiert.

»Wer seid ihr?«

»Tun Sie, was wir sagen.«

»Warum sollte ich? Ich bin nur zum Hauptbahnhof gefahren, weil ich neugierig war. Das ist alles.«

»Sind Sie immer noch neugierig?«

»Nein.«

»Dann haben Sie es also verstanden.«

»Ich will damit sagen, dass es mich nicht mehr interessiert. Es ist nicht mehr spannend. Ich hab keine Lust mehr zu spielen.«

»Einen Augenblick«, sagt die Stimme.

Er hört Stimmen, aber keine einzelnen Wörter. Ein Gemurmel, das weit entfernt oder sehr nah sein könnte. Er sieht sich wieder um. Immer noch ist kein Mensch in der Nähe. Eigenartig ist das, auf der anderen Seite der Wand hört er die Geräusche von tausend Menschen, als würde das Leben dort weitergehen wie vorher, als wäre nichts passiert und als würde auf der anderen Seite auch nie etwas passieren. Als wäre hier und jetzt alles vorbei. Wie im Gefängnis zu sitzen und auf die Geräusche des Lebens draußen zu horchen.

»Ich rate Ihnen, sehr interessiert zu sein«, sagt die Stimme. »Ihretwegen und um Ihrer Familie willen.«

»Was hat meine Familie damit zu tun?«

»Fahren Sie nach Hause. Fahren Sie auf direktem Weg nach Hause.«

»Was habt ihr gemacht?«

»Fahren Sie direkt nach Hause, ganz ruhig, und nehmen Sie das Handy mit.«

»Ich habe selber eins!«

»Nehmen Sie dieses auch mit«, sagt die Stimme, dann ist sie weg. Zurück bleibt ein Rauschen in Peters Ohr, ein Geräusch, wie wenn man zwischen Radiokanälen hin und her springt. Er weiß, dass Fragmente dieses Brausens, das man dann hört, Milliarden von Jahren alt sind, schon vom Big Bang, so weit entfernt, dass man selber nie, nie zurückkommt.

Er parkt vor seiner Garage. Über Enskede Gård glüht Globen, Stockholms Eventpalast.

Die Mädchen spielen im Garten. Magda schaukelt Isa. Sein Puls beruhigt sich. Beide Mädchen winken, Isa fällt dabei fast von der Schaukel, hält sich aber oben. Sie ist geschickt. Rasch geht er über den Rasen und umarmt sie. Das Gras ist nass. Es hat aufgehört zu regnen.

»Wir sind nicht zum Baden gefahren«, sagt Magda.

»Nein, mein Spatz.«

»Bist du schon mit der Arbeit fertig, Papa?«

»Ja.«

»Dann können wir jetzt ja eigentlich alle zusammen baden fahren.«

»Wir werden sehen, Mäuschen.«

»Es hat doch aufgehört zu regnen«, sagt sie und macht eine Armbewegung zum blauen Himmel über ihrem Haus. Es ist warm. Er hat nicht darauf geachtet. Auf dem Weg hierher hat er seine Augen im Rückspiegel studiert. Sie waren immer noch kalt.

»Aufgehört!«, ruft Isa und macht ebenfalls eine Bewegung zum Himmel.

Er schaut wieder hinauf. Im Westen beginnt die Bewölkung aufzureißen, bald wird die Sonne durchbrechen. Das könnte ein schöner Abend werden. Alles kann gut werden. Alles ist gut. Alles wird immer gut bleiben.

»Wo ist Rita?«, fragt er.

»Warum sagst du nie Mama, wenn du von Mama redest?«, fragt Magda.

»Weil sie nicht meine Mama ist. Sie ist deine Mama.«

»MEINE Mama«, sagt Isa.

Rita kommt aus dem Haus. Sie winkt. Er geht zu ihr auf die Veranda.

»Hier hagelt es ja Schlag auf Schlag Überraschungen«, sagt sie. »Bist du die nächste?«

»Wie meinst du das?«

»Die nächste Überraschung nach der Sendung.«

»Was für eine Sendung?«

»Jetzt spiel nicht den Unwissenden, Peter.«

Sie sieht nicht verwirrt aus. Oder ängstlich. Oder fragend. Sie sieht fröhlich aus.

»Aber es ist schon sehr kurzfristig.«

»Kurzfristig?«

»Sag nicht, dass du das auch nicht wusstest.«

»Nicht wusste?«, wiederholt er.

»Bist du ein Papagei?«

»Papagei?«, sagt er.

»Was ist los mit dir?« Sie lächelt. »Du scheinst ein bisschen durcheinander zu sein. Komm, setz dich. Wie geht es dir?«

Sie führt ihn zur Verandabank. Er setzt sich, ihm ist auf merkwürdige Art leicht im Kopf.

»Alles in Ordnung.« Er lächelt. »Lasse hat fast einen Zusammenbruch gehabt. Vielleicht ist das ja ansteckend.«

»Höchstens wenn ihr beide irgendwelche Pillen eingeworfen habt.«

»Haben wir nicht.« Er streicht sich über die Stirn. »Mir war nur plötzlich etwas komisch.«

»Vielleicht der Kreislauf«, sagt sie. »Ich hol dir ein Glas Wasser. Bleib sitzen.«

Er bleibt sitzen und sieht seinen Kindern beim Spielen zu. Sie hocken jetzt im Sandkasten. Magda zeigt Isa, wie man Sandkuchen backt. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Sie winken. Er winkt zurück.

Er hört Rita auf die Veranda kommen. In der einen Hand hat sie ein Glas Wasser, in der anderen eine Jiffytüte. Sie ist weiß, wie die, die in seinem Auto liegt. Der Unterschied besteht darin, dass der Umschlag, den sie aus der Jiffytüte nimmt, in einer Ecke den Stempel seines Büros trägt. Das Logo seiner Firma. Er war selbst an der Entwicklung beteiligt. Darauf war er stolz. Ist er immer noch stolz.

»Was ist das?«, fragt er.

»Na, die Tickets.«

»Tickets?«

»Nun fang nicht schon wieder damit an«, sagt sie. »Ich glaube, du willst mich auf den Arm nehmen.« Sie lacht. »Ich weiß, dass du mich veräppelst.«

»Darf ich mal sehen?« Er streckt die Hand aus. Sie gibt ihm das Kuvert, und er öffnet es. Er steckt die Hand hinein und zieht mehrere Tickets heraus, die mit einer Heftklammer zusammengeklammert sind, obenauf ein Empfehlungskärtchen, das er aus dem Büro kennt. Auch darauf leuchtet das Logo.

Er liest: »Viel Spaß in der Sonne!«

Druckbuchstaben, auf dem Computer geschrieben. Keine Unterschrift.

»Okay, wollen wir jetzt mit dem Versteckspiel aufhören?« Sie lächelt.

»Gern«, sagt er.

»Wie hast du es bloß geschafft, das alles für dich zu behalten!«

»Tja.«

»Hat die Reise etwas mit deinem Job zu tun?«

Gedanken rasen durch seinen Kopf wie die Jets am Himmel über Europa. Er sieht seine eigenen Hände in den Fahrkarten blättern, richtige Tickets, keine Computerausdrucke. Er versucht zu lesen. Versucht es noch einmal. Es dauert eine Weile, ehe er das Reiseziel findet. Er spricht es leise aus. Sie hört es.

»Warum ausgerechnet dorthin?«

Er antwortet nicht.

»Bist du schon einmal an diesem Ort gewesen, in dieser Stadt, meine ich?«, fragt sie.

»Ich weiß es nicht …«

»Schon nächste Woche, Peter!«

»Ja.«

»Woher wusstest du, dass ich Anfang September fünf Tage freinehmen wollte?«

»Ich … wusste es.«

»Habe ich dir etwa erzählt, dass ich noch ein paar Urlaubstage zusammenkratzen kann? Das muss Anfang des Sommers gewesen sein.«

»Ich erinnere mich«, sagt er.

»Was für eine Überraschung!«

»Ja …«

»Du wirkst immer noch etwas benebelt. Wie geht es dir jetzt?«

Er lächelt, versucht es jedenfalls.

»Gut.«

»Aber wo werden wir wohnen? An der Südküste gibt es ja mehrere Städte.«

»Das … ist auch eine Überraschung«, sagt er.

Im Garten lachen die Kinder.

»Sie werden bei meiner Mutter bleiben«, sagt Rita. »Ich hab schon mit ihr gesprochen.«

Er weiß nicht mehr, was er noch sagen soll, was es zu sagen gibt.

»Obwohl es schön wäre, wenn sie mitkommen könnten, oder?«

»Nein, nicht die Kinder.«

Er geht über den Rasen. Sein Kopf ist merkwürdig leer, er weiß nicht genau, wohin mit seinen Füßen. Jemand ruft etwas, aber er hört es nicht, er schaut an den Himmel, da oben kreist ein schwarzer Vogel, einsam und ruhig. Der Himmel ist blau, so weit das Auge reicht. Wieder ruft jemand, jetzt steht er beim Auto, von hier kommt der Ruf.

»Ich will, dass du mitkommst, Papa.«

Magda sitzt auf dem Rücksitz. Sie trägt schon die aufgeblasenen Schwimmflügel am Arm.

»Ich hab noch etwas zu tun, Schätzchen«, sagt er.

»Aber du bist doch gar nicht auf der Arbeit.«

»Ich muss zu Hause einige Papiere durchsehen«, antwortet er.

»Vorhin hast du gesagt, du bist fertig mit der Arbeit.«

Er schaut Rita an. Von dort hat er keine Unterstützung zu erwarten. Er kann es nicht erklären. Es gibt nichts zu erklären.

»Morgen«, sagt er. »Ich verspreche es dir.«

Die Sonne drängt in sein Arbeitszimmer. Der schwarze Vogel schwebt immer noch am Himmel, als kommandierte er die Attacke der Sonne. Er verstellt die Jalousien und tippt die Telefonnummer des Reisebüros ein.

Schon nach dem zweiten Klingeln meldet sich jemand.

»Hallo, hier ist Peter Mattéus. Ich habe heute Tickets durch einen Boten bekommen … DHL … über Sie … ja … ja, genau … genau … Ich wollte nur fragen, ob die Rechnung zunächst über mich … Aha, die Agentur, ja, wie üblich, ja … Na, dann weiß ich Bescheid. Ach, schon bezahlt, aha, ja, danke.«

Er legt auf. Im Büro will er nicht anrufen, er will sich nicht blamieren. Er will nicht als Idiot dastehen, nicht noch einmal.

Um ihn herum ist es still, als würden alle den Atem anhalten, denkt er. Als würden alle den Atem anhalten. So lange, bis sie nicht mehr atmen können.