Die Rache trägt Prada. Der Teufel kehrt zurück - Lauren Weisberger - E-Book

Die Rache trägt Prada. Der Teufel kehrt zurück E-Book

Lauren Weisberger

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Beschreibung

Der Teufel ist zurück ...

Acht Jahre sind vergangen, seit Andrea Sachs dem glamourösen Modemagazin Runway und vor allem dessen teuflischer Chefin Miranda Priestly den Rücken kehrte. Inzwischen ist Andrea Herausgeberin von The Plunge, dem derzeit angesagtesten Brautmagazin, und arbeitet dort mit ihrer ehemaligen Konkurrentin und derzeitigen besten Freundin Emily zusammen. Alles könnte so schön sein, zumal auch noch Andreas Hochzeit mit dem umwerfenden Max, Spross eines einflussreichen Medienunternehmers, bevorsteht. Doch ihre Zeit bei Runway verfolgt Andrea noch immer. Und sie ahnt nicht, dass all ihre Versuche, sich ein neues Leben aufzubauen, sie direkt in ihr altes zurückführen – und in die Arme von Miranda Priestly.

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Buch

Acht Jahre sind vergangen, seit Andrea Sachs dem glamourösen Modemagazin Runway und vor allem dessen teuflischer Chefin Miranda Priestly den Rücken gekehrt hat. Inzwischen ist Andrea Herausgeberin von The Plunge, dem derzeit angesagtesten Brautmagazin, und arbeitet dort mit ihrer ehemaligen Konkurrentin und derzeitigen besten Freundin Emily zusammen. Alles könnte so schön sein, zumal auch noch Andreas Hochzeit mit dem so charmanten wie attraktiven Max Harrison, Sohn eines einflussreichen Medienunternehmers, bevorsteht. Doch ihre Zeit bei Runway verfolgt Andrea noch immer. Und sie ahnt nicht, dass all ihre Versuche, sich ein neues Leben aufzubauen, sie direkt in ihr altes zurückführen – und in die Arme von Miranda Priestly.Weitere Informationen zu Lauren Weisberger

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Lauren Weisberger

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Die Rache trägtPrada

Roman

Aus dem Englischenvon Regina Rawlinson und Martina Tichy

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel»Revenge Wears Prada – The Devil Returns«bei Simon & Schuster; New York

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2013

Copyright © der Originalausgabe

2013 by Lauren Weisberger

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: FinePic c/o Zero Werbeagentur

Redaktion: Martina Klüver

AB · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10032-2

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für R und SIn Liebe

1 Bis an ihr Lebensende

Es goss in Strömen. Der Wind peitschte den eisigen Regen aus so vielen wechselnden Richtungen durch die Straßen, dass auch Schirm, Regenmantel und Gummistiefel nicht viel dagegen ausgerichtet hätten. Doch von wetterfester Kleidung konnte Andy sowieso nur träumen. Ihr zweihundert Dollar teurer Burberry-Schirm hatte geklemmt, und als sie ihn mit Gewalt aufspannen wollte, war er ihr mittendurch gebrochen. Die Kurzjacke aus Kaninchenfell mit dem ausladenden Kragen – nur leider ohne Kapuze – schmeichelte der Taille zwar ungemein, half aber kein bisschen gegen die schneidende Kälte. Und die knallroten, zarten Wildlederpumps von Prada waren eher ein netter Farbtupfer im winterlichen Grau als wärmendes Schuhwerk. In den hautengen Lederleggings fühlten sich ihre Beine wie nackt an. Seidenstrümpfe hätten auch nicht besser gewärmt. New York lag unter einer gut dreißig Zentimeter dicken Schneedecke, die bereits anfing, zu einem grauen Einheitsmatsch zusammenzuschmelzen. Andy wünschte sich wohl zum tausendsten Mal, in einer anderen Stadt zu wohnen.

Sie hatte diesen trübsinnigen Gedanken kaum zu Ende gedacht, als wie aufs Stichwort und unter wütendem Gehupe ein Taxi über die gelbe Ampel geschossen kam. Wie konnte sie sich auch erdreisten, zu Fuß über die Straße zu gehen? Um ein Haar hätte sie dem Fahrer den Stinkefinger gezeigt, konnte sich aber noch in letzter Sekunde beherrschen. Heutzutage musste man immer damit rechnen, dass so ein Kerl gleich seine Knarre zückte. Sie biss die Zähne zusammen und begnügte sich damit, ihm ein paar stumme Flüche hinterherzuschicken.

Trotz der schwindelerregenden Höhe ihrer Absätze kam sie die nächsten zwei-, dreihundert Meter recht gut voran. Zweiundfünfzigste Straße, Dreiundfünfzigste, Vierundfünfzigste … Jetzt hatte sie es bald geschafft. Dann konnte sie sich wenigstens ein paar Minuten aufwärmen, bevor sie wieder ins Büro zurückhetzen musste. Sie tröstete sich gerade mit der Aussicht auf einen heißen Kaffee und dazu vielleicht, aber auch nur vielleicht, einen Chocolate Chip Cookie, als ihr plötzlich ein Klingeln ins Ohr schrillte.

Wo kam das her? Andy blickte sich um. Unter allen Passanten schien sie die Einzige zu sein, die das von Sekunde zu Sekunde lauter werdende Geräusch bemerkte. Brr-rring! Brr-rrring! Der Klingelton des Grauens. Sie würde ihn bis an ihr Lebensende nicht mehr vergessen, auch wenn sie sich ein wenig wunderte, dass es diesen altmodischen Ton überhaupt noch gab, der schlagartig all die schlimmen Erinnerungen zurückbrachte. Noch bevor sie das Handy aus der Tasche gerissen hatte, wusste sie, von wem der Anruf kam. Trotzdem war sie geschockt, als ihr der gefürchtete Name tatsächlich vom Display entgegenleuchtete: MIRANDA PRIESTLY.

Sie konnte nicht rangehen. Ausgeschlossen. Andy atmete tief durch, drückte den Anruf weg und stopfte das Handy hastig wieder in die Tasche. Kaum hatte sie es verstaut, klingelte es schon wieder los. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals, sie bekam kaum noch Luft. Einatmen, ausatmen, befahl sie sich. Der Regen war in einen Graupelschauer übergegangen. Andy zog den Kopf ein, um den Elementen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Weitergehen, immer weitergehen. Bis zu dem Restaurant waren es keine zwei Straßenblocks mehr, sie konnte es schon vor sich sehen. Verheißungsvoll lockte es mit seinem warmen Schein. Unvermittelt traf sie eine besonders tückische Bö im Rücken, sodass sie nach vorn geschubst wurde und fast das Gleichgewicht verloren hätte. Schwankend machte sie Bekanntschaft mit einem der schlimmsten Übel des New Yorker Winters. Sie fand sich in einer schwarzen Pfütze wieder, einer Brühe aus Wasser, Streusalz, Müll und weiß Gott was sonst noch allem, die so dreckig, so kalt und so tief war, dass sie jeden, der dort unfreiwillig hineingeriet, zu verschlingen drohte.

Elegant wie ein Flamingo balancierte sie mindestens dreißig Sekunden lang auf einem Bein in dem Höllenpfuhl, der sich zwischen Fahrbahn und Bordstein gebildet hatte, und überlegte verzweifelt, wie sie sich retten sollte. Während die meisten Passanten einen großen Bogen um sie und ihren Tümpel machten, platschten diejenigen, die kniehohe Gummistiefel trugen, gleichgültig mitten hindurch. Nicht einer von ihnen streckte die Hand aus, um ihr herauszuhelfen. Die Pfütze war so breit, dass Andy sich auch mit einem noch so beherzten Sprung nicht hätte in Sicherheit bringen können. Sie wappnete sich innerlich gegen den nächsten Kälteschock und stellte den linken Fuß neben den rechten. Nun stand sie mit beiden Beinen bis zur Wade im eiskalten Wasser. Es fehlte nicht viel, und sie wäre in Tränen ausgebrochen.

Ihre Schuhe waren hinüber, genau wie die Lederleggings, und ihre Füße fühlten sich an wie abgefroren. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ans andere Ufer zu waten. Sie konnte nur noch einen einzigen Gedanken fassen: Das hast du nun davon, dass du Miranda Priestly weggedrückt hast.

Allerdings blieb ihr nicht viel Zeit, sich über ihr Missgeschick zu grämen, denn kaum hatte sie den rettenden Bordstein erreicht und war stehen geblieben, um sich die Bescherung genauer anzusehen, klingelte erneut das Telefon. Es war mutig – um nicht zu sagen wagemutig – von ihr gewesen, den ersten Anruf nicht anzunehmen. Ein zweites Mal brachte sie es nicht über sich. Triefend, fröstelnd und den Tränen nah ging sie ran.

»Aan-dreh-aa? Sind Sie das? Wie lange soll ich denn noch warten? Ich frage Sie nur dieses eine Mal: Wo – bleibt – mein – Lunch?«

Wer könnte es wohl sonst sein?, dachte Andy. Du hast doch meine Nummer gewählt. Meinst du vielleicht, da meldet sich der Kaiser von China?

»Es tut mir leid, Miranda. Das Wetter ist einfach furchtbar, aber ich …«

»Ich erwarte Sie auf der Stelle zurück. Das wäre alles.« Und bevor Andy noch irgendetwas zu ihrer Verteidigung vorbringen konnte, war das Gespräch auch schon wieder beendet.

Sie nahm die Beine in die Hand. Egal, dass ihr die kalte, eklige Brühe um die Zehen schwappte. Egal, dass sie in diesen Plateaupumps, selbst wenn sie trocken waren, kaum laufen konnte. Egal auch, dass sich das Pflaster im gefrierenden Regen in eine spiegelnde Eisfläche verwandelte. Sie hastete voran, so schnell es eben ging. Als sie nur noch einen Straßenblock vor sich hatte, rief plötzlich jemand ihren Namen.

Andy! Andy, stopp! Ich bin’s. Bleib stehen!

Diese Stimme hätte sie immer und überall wiedererkannt. Aber wie kam Max hierher? Hatte er nicht aus irgendeinem Grund übers Wochenende verreisen wollen? Sie blieb stehen und drehte sich suchend um.

Hier bin ich. Hier drüben, Andy!

Und jetzt sah sie ihn, ihren Verlobten – dichtes schwarzes Haar, leuchtend grüne Augen, markante Gesichtszüge. Er thronte auf einem prachtvollen Schimmel. Seit Andy im zweiten Schuljahr abgeworfen worden war und sich das rechte Handgelenk gebrochen hatte, war ihr Verhältnis zu Pferden nicht gerade das beste, aber der Schimmel machte einen friedlichen, sanftmütigen Eindruck. Andy war viel zu beglückt, Max zu sehen, um sich zu wundern, wieso er bei einem Schneesturm durch Manhattan ritt.

Mit der Leichtigkeit eines geübten Reiters schwang er sich aus dem Sattel. Konnte es sein, dass er Polo spielte, ohne dass sie etwas davon wusste? Mit drei großen Schritten war er bei ihr und zog sie an sich. Sie schmiegte sich in seine warme Umarmung, alle Anspannung fiel von ihr ab.

»Mein armer Liebling«, raunte er, ohne sich um die neugierig gaffenden Passanten zu scheren. »Du musst ja halb erfroren sein.«

Das teuflische Klingeln des Telefons schob sich zwischen sie. Andy kramte es eilig aus ihrer Tasche.

»Aan-dreh-aa! Habe ich mich unklar ausgedrückt? Auf der Stelle bedeutet auf der Stelle. Oder ist das etwa zu hoch für Sie?«, keifte es ihr entgegen.

Andy zitterte am ganzen Leib. Bevor sie irgendetwas antworten konnte, hatte Max ihr das Telefon abgenommen, das Gespräch beendet und das Handy mit einem perfekt gezielten Wurf in derselben Pfütze versenkt, in der sie vorhin gestanden hatte. »Sie hat dir überhaupt nichts mehr zu befehlen, Andy.« Er hüllte sie in eine große warme Daunendecke.

»O Gott, Max, was machst du denn? Ich bin furchtbar spät dran! Ich hab noch nicht mal das Essen abgeholt! Sie bringt mich um, wenn ich nicht in den nächsten Minuten mit ihrem Lunch aufkreuze.«

»Pst.« Er legte ihr sacht zwei Finger auf die Lippen. »Sie kann dir nichts tun. Ich bin jetzt bei dir.«

»Aber es ist doch schon zehn nach eins, und wenn sie nicht …«

Max hob sie mühelos hoch und setzte sie im Damensitz auf den Schimmel.

Stumm vor Schock ließ sie es geschehen, dass er ihr die nassen Schuhe auszog und in die Gosse warf. Aus seinem geliebten Matchbeutel, ohne den er nie aus dem Haus ging, holte er Andys halbhohe, mit Fleece gefütterte Hausschuhe und streifte sie ihr über die geröteten Füße. Er breitete die Decke über ihre Beine, wickelte ihr seinen Kaschmirschal um und reichte ihr eine Thermosflasche mit heißem Kakao. Ihr Lieblingsgetränk. Dann schwang er sich behände hinter sie in den Sattel und ergriff die Zügel. Im nächsten Augenblick trabten sie auch schon die Seventh Avenue hinunter, hinter einer Polizeieskorte her, die ihnen den Weg frei machte.

So wunderbar warm und geborgen Andy sich auch fühlte, ihre panische Angst konnte sie trotzdem nicht unterdrücken. Sie hatte ihren Auftrag nicht erfüllt, und dafür würde Miranda sie feuern, so viel stand fest. Aber womöglich war das noch lange nicht alles, was sie von ihr zu befürchten hatte. In ihrer Wut war Miranda zu allem fähig. Womöglich ließ sie ihre überaus guten Beziehungen spielen, damit Andy nie wieder eine Anstellung fand. Vielleicht wollte sie ihrer Assistentin eine Lektion erteilen und ihr ein für alle Mal zeigen, was einem Menschen blühte, der es wagte, Miranda Priestly nicht nur einmal, nein sogar zweimal im Stich zu lassen.

»Ich muss zurück«, rief Andy, als das Pferd in Galopp fiel. »Max, du musst umdrehen und mich zurückbringen! Ich kann nicht …«

»Andy! Hörst du mich, Liebling? Andy!«

Sie riss die Augen auf. Laut hämmerte ihr das Herz in der Brust.

»Alles ist gut, Schatz. Dir kann nichts passieren. Es war nur ein Traum. Ein böser Traum«, murmelte Max beruhigend auf sie ein, seine Hand kühl an ihrer Wange.

Sie stemmte sich hoch. Die frühe Morgensonne fiel durch das Fenster herein. Kein Schnee, kein Regen, kein Pferd. Ihre nackten Füße lagen warm unter den seidenweichen Laken, und Max barg sie in seinen starken Armen. Sie holte tief Luft, und die Welt war erfüllt von seinem Duft: sein Atem, seine Haut, seine Haare.

Es war nur ein Traum gewesen.

Verschlafen blickte sie sich um. Es war noch viel zu früh am Morgen, um geweckt zu werden. Wo war sie? Was war geschehen? Erst beim Anblick des traumhaften Monique-Lhuillier-Kleids, das an der Tür hing, dämmerte ihr, dass das fremde Zimmer, in dem sie sich befand, eine Brautsuite war – ihre Brautsuite. Und sie selbst war die Braut! Sie bekam einen solchen Adrenalinstoß, dass sie im nächsten Augenblick senkrecht im Bett saß. Max gab einen überraschten Laut von sich. »Wovon hast du geträumt, Liebling? Doch hoffentlich nicht von unserer Hochzeit, hm?«

»Nein, nein. Bloß von einem Geist aus meiner Vergangenheit.« Als sie sich hinüberbeugte, um ihm einen Kuss zu geben, zwängte sich Stanley, ihr Malteser-Welpe, zwischen sie. »Wie spät ist es? Aber he, Augenblick mal! Was suchst du denn eigentlich hier bei mir?«

Max grinste sie mit dem spitzbübischen Lächeln an, das sie so liebte, und stand auf. Mit seinen breiten Schultern und dem Waschbrettbauch hatte er die Figur eines Fünfundzwanzigjährigen – nicht übertrieben muskelbepackt, aber durchtrainiert und sportlich.

»Sechs Uhr. Ich hab mich in der Nacht zu dir reingeschlichen«, antwortete er, während er in die Hose seines Flanellpyjamas schlüpfte. »Ich war so einsam.«

»Dann verschwinde mal lieber schnell, bevor dich noch jemand sieht. Deine Mutter kriegt Zustände, wenn sie erfährt, dass du die Braut schon vor der Trauung gesehen hast.«

Max zog Andy aus dem Bett und schlang die Arme um sie. »Du brauchst es ihr doch nicht zu verraten. Ich hab es einfach nicht länger ohne dich ausgehalten.«

Obwohl Andy die Entrüstete spielte, war sie insgeheim froh, dass er zum Kuscheln vorbeigekommen war – vor allem auch wegen ihres Alptraums. »Super.« Sie seufzte theatralisch. »Und jetzt schleichst du dich wieder auf dein Zimmer! Ich gehe noch kurz mit Stanley Gassi, bevor hier die Hölle losbricht.«

Max zog sie an sich. »Es ist doch noch so früh. Wenn wir uns ein bisschen beeilen …«

Sie lachte. »Nein!«

Er gab ihr einen zärtlichen Abschiedskuss und schlüpfte zur Tür hinaus.

Andy nahm Stanley auf den Arm und drückte ihm ein Küsschen auf die feuchte Nase. »Dann wollen wir mal, Stan!« Er war so überdreht, dass sie ihn sofort wieder absetzen musste, sonst hätte er ihr mit seinem Gezappel womöglich noch die Arme zerkratzt. Für ein paar kostbare Sekunden gelang es ihr tatsächlich, nicht mehr an ihren Traum zu denken, doch schon meldete er sich mit allen realistischen Einzelheiten wieder zurück. Andy riss sich zusammen: Es waren nur die Nerven. Der klassische Angsttraum. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Sie ließ sich das Frühstück aufs Zimmer kommen. Während sie Stanley mit Rührei und Toast fütterte, musste sie einen aufgeregten Anruf nach dem anderen über sich ergehen lassen – ihre Mutter, ihre Schwester, Lily und Emily, die sich allesamt vor Aufregung kaum halten konnten. Dann leinte sie Stanley an, um mit ihm einmal schnell um den Block zu gehen, bevor der Tag zu hektisch wurde. Es war ihr ein bisschen peinlich, die Jogginghose mit der knallpinken Aufschrift BRAUT quer über dem Hinterteil anzuziehen, die sie von ihren Freundinnen geschenkt bekommen hatte, aber ein wenig stolz darauf war sie insgeheim auch. Sie stopfte ihre Haare unter eine Baseballkappe, schnürte ihre Laufschuhe und zog den Reißverschluss ihrer Patagonia-Fleecejacke hoch. Wie durch ein Wunder schaffte sie es, den Astor Courts Estate zu verlassen, ohne auch nur einer einzigen Menschenseele über den Weg zu laufen. Stanley sprang so fröhlich neben ihr her, wie es seine kurzen Beinchen erlaubten. Er zog sie bis zu den Bäumen am Rand des herrschaftlichen Anwesens, deren Herbstlaub bereits in den feurigsten Farben leuchtete. Der Spaziergang dauerte fast dreißig Minuten. Wahrscheinlich wunderten sich die anderen schon, wo sie abgeblieben war. Obwohl Andy die frische Luft und der Blick auf die welligen Wiesen guttaten und ihr vor lauter Vorfreude auf die Hochzeit fast schwindelig war, bekam sie das Bild von Miranda einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Wieso ließ diese Frau sie noch immer nicht los? Immerhin waren inzwischen fast zehn Jahre vergangen, seit Andy mit ihrem dramatischen Abgang in Paris die nervenzerfetzende Episode als Mirandas Assistentin bei Runway beendet hatte. War sie denn seit jenem Schreckensjahr nicht um einiges reifer und erwachsener geworden? Nichts mehr war so wie damals, alles hatte sich zum Besseren gewendet. In der ersten Nach-Runway-Zeit hatte sie als freie Journalistin gejobbt, woraus eine feste Mitarbeit bei dem Hochzeitsblog Happily Ever After entstanden war. Noch ein paar Jahre und zig Artikel später hatte sie sogar ihre eigene Zeitschrift gegründet, The Plunge, ein wunderschönes, anspruchsvolles Hochglanzmagazin, das sich nun seit drei Jahren am Markt behauptete und – entgegen allen Voraussagen und Erwartungen – tatsächlich Gewinn abwarf. Es war sogar schon für Preise nominiert worden, und die Anzeigenkunden rannten ihnen regelrecht die Bude ein. Und jetzt, auf dem Höhepunkt ihres beruflichen Erfolgs, würde sie auch noch heiraten! Und zwar nicht irgendwen, sondern Max Harrison, Sohn des verstorbenen Robert Harrison, Enkel des legendären Arthur Harrison, der nach der Weltwirtschaftskrise den Verlag Harrison Publishing Holdings gegründet und später zur Harrison Media Holdings ausgebaut hatte, einem der renommiertesten und ertragsstärksten Unternehmen im ganzen Land. Max Harrison, der lange als einer der begehrtesten Junggesellen gegolten hatte, der mit den heißesten Society-Girls aus New York City liiert gewesen war. Zum Hochzeitsempfang am Nachmittag wurden der Bürgermeister und Finanzmogule erwartet, die es kaum erwarten konnten, den stolzen Spross der Familiendynastie und seine junge Braut zu beglückwünschen. Aber das Schönste von allem? Sie liebte Max, und er liebte sie. Er war ihr bester Freund. Er brachte sie zum Lachen und respektierte ihren Beruf. Wie lautete noch der alte Spruch? Ein echter New Yorker lässt sich nicht so schnell binden – aber bei der Richtigen kann es nicht schnell genug gehen. Max hatte bereits vom Heiraten gesprochen, als sie sich erst wenige Monate kannten. Und nun, drei Jahre später, war es tatsächlich so weit. Andy nahm sich zusammen. Sie würde den Teufel tun und weiter über den lächerlichen Traum nachdenken.

Als sie mit Stanley in die Suite zurückkehrte, wurde sie bereits von einer Schar beunruhigter Frauen erwartet, die befürchteten, sie hätte sich womöglich im letzten Augenblick aus dem Staub gemacht. Ihr schlug ein kollektiver Seufzer der Erleichterung entgegen. Keine Sekunde später hagelte es auch schon Anweisungen von Nina, ihrer Hochzeitsplanerin.

Die nächsten Stunden vergingen wie im Rausch: duschen, fönen, heiße Lockenwickler, Wimperntusche und als Grundierung eine Lage Spachtelmasse, die selbst für das pickeligste Teenagergesicht ausgereicht hätte. Eine Frau lackierte ihr die Zehennägel, eine andere brachte ihr die Dessous, und eine dritte widmete sich der Lippenstiftfrage. Bevor sie sichs versah, half ihre Schwester Jill ihr schon in das elfenbeinfarbene Hochzeitskleid, ihre Mutter raffte den zarten Stoff im Rücken und zog den Reißverschluss hoch. Andys Großmutter schnalzte begeistert mit der Zunge. Lily weinte. Emily, die dachte, es würde niemand merken, genehmigte sich heimlich im Bad eine Zigarette. Andy sog alles in sich auf. Und dann war sie mit einem Mal allein. Kurz bevor ihre Fotosession in einem der Ballsäle beginnen sollte, waren alle auf ihre Zimmer verschwunden, um sich fertig zu machen. Um nur ja das Kleid nicht zu zerknittern, hockte Andy sich mit äußerster Vorsicht auf die Kante eines antiken Polsterstuhls. In nicht einmal zwei Stunden würde sie eine verheiratete Frau sein, bis an ihr Lebensende mit Max vereint und er mit ihr. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.

Das Zimmertelefon klingelte. Ein Anruf von Max’ Mutter.

»Guten Morgen, Barbara.« Andy rang sich einen möglichst liebenswürdigen Ton ab. Barbara Anne Williams Harrison stammte aus einer der ältesten amerikanischen Familien, war Nachfahrin von gleich zwei Unterzeichnern der Verfassung, saß im Vorstand jedes gemeinnützigen Vereins, der in Manhattan Rang und Namen hatte, und sah von der Oscar-Blandi-Frisur bis hin zu den Chanel-Ballerinas stets wie aus dem Ei gepellt aus. Bei aller Höflichkeit, die sie der ganzen Welt gegenüber an den Tag legte, zählte Herzlichkeit nicht gerade zu ihren hervorstechendsten Tugenden. Andy gab sich die größte Mühe, ihre frostige Art nicht persönlich zu nehmen, und auch Max versicherte ihr immer wieder, es sei alles nur Einbildung. Anfangs mochte Barbara wohl geglaubt haben, Andy sei nur eines seiner zahllosen flüchtigen Abenteuer. Später vermutete Andy dann, dass die Freundschaft zwischen Barbara und Miranda der Grund dafür war, warum sie mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter nicht warm werden konnte. Zuletzt aber verstand sie, dass es einfach Barbaras Art war, denn sogar das Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter war ausgesprochen unterkühlt. Andy konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, ihre Schwiegermutter mit »Mom« anzureden. Was Barbara ihr aber natürlich auch niemals anbieten würde.

»Hallo, Andrea. Mir ist gerade eingefallen, dass ich dir das Collier ja noch gar nicht gegeben habe. Heute Morgen war noch so viel zu organisieren, dass ich vor lauter Hektik sogar zu spät zum Friseur und zur Kosmetikerin gekommen bin! Ich wollte dich nur wissen lassen, dass die Samtschatulle mit dem Collier in Max’ Zimmer ist, in einer Seitentasche seines unsäglichen Matchbeutels. Ich konnte sie ja vor dem Personal nicht offen herumliegen lassen. Wie oft habe ich ihm nicht schon gesagt, dass dieser Beutel unter seiner Würde ist. Nun, vielleicht gelingt es ja dir, ihn zu überreden, sich etwas Angemesseneres zuzulegen. Auf mich hört er einfach nicht.«

»Danke, Barbara. Dann gehe ich das Collier gleich holen.«

»Das wirst du schön bleiben lassen!«, schrillte es aus dem Hörer. Etwas sanfter fuhr Andys Schwiegermutter in spe fort: »Weil ihr euch doch vor der Trauung nicht sehen dürft – das bringt Unglück. Am besten schickst du deine Mutter oder Nina, ja?«

»Selbstverständlich«, antwortete Andy und legte auf. Keine Minute später schlich sie durch den Korridor. Sie wusste schon lange, dass es besser war, Barbara in allem recht zu geben und dann trotzdem das zu machen, was sie selbst wollte. Mit ihr zu streiten war sinnlos. Das war auch der Grund, warum sie bei der Trauung als »etwas Altes« das Familiencollier der Harrisons tragen würde und kein Erbstück aus dem Besitz ihrer eigenen Familie: Barbara hatte darauf bestanden. Seit sechs Generationen wurde der Halsschmuck schon bei den Hochzeiten der Harrisons getragen. Da ging es natürlich nicht an, dass für Andy und Max eine Ausnahme gemacht wurde.

Die Tür von Max’ Suite war nur angelehnt. Als sie eintrat, hörte sie im Bad das Wasser rauschen. Typisch, dachte sie. Ich werde seit fünf Stunden aufgetakelt, und er springt jetzt mal eben kurz unter die Dusche.

»Max? Ich bin’s. Komm ja nicht raus!«

»Andy? Was willst du denn hier?«, rief Max durch die geschlossene Tür.

»Ich hol nur schnell die Kette von deiner Mutter. Sie hat angerufen und gesagt, dass sie sie bei dir gebunkert hat. Bleib schön drin, ja? Du darfst mein Kleid noch nicht sehen.«

Andy kramte in dem Matchbeutel. Die Schatulle fand sie nicht, nur ein zusammengefaltetes Blatt Papier.

Es war ein cremefarbener Briefbogen, mit Barbaras Monogramm BWH bedruckt. Seit vier Jahrzehnten benutzte sie dasselbe Papier, ganz gleich ob für Geburtstagsgrüße, Dankschreiben, Dinnereinladungen oder Kondolenzbriefe. Konservativ bis ins Mark wäre sie eher gestorben, als jemandem so etwas Grässliches wie eine E-Mail zu schicken oder – Gott bewahre! – eine SMS. Es sah ihr durchaus ähnlich, dass sie ihrem Sohn an seinem Hochzeitstag einen handgeschriebenen Brief zukommen ließ. Andy wollte ihn gerade wieder zurücklegen, als ihr plötzlich ihr Name ins Auge sprang. Automatisch begann sie zu lesen:

Mein lieber Maxwell,

Du weißt, dass ich mich nach Möglichkeit aus Deinem Privatleben heraushalte, doch in einer derart gewichtigen Angelegenheit kann ich nicht länger schweigen. Ich habe meine Bedenken bereits früher geäußert, und Du hast mir versprochen, sie zu berücksichtigen. Nun aber, da der Termin Deiner geplanten Vermählung immer näher rückt, muss ich meine bisherige Zurückhaltung aufgeben und Dir offen und ehrlich meine Meinung sagen:

Ich flehe Dich an, Maxwell. Bitte heirate Andrea nicht.

Du darfst mich nicht missverstehen. Andrea ist ein netter Mensch, und sie wird zweifelsohne einmal eine gute Ehefrau abgeben. Aber Du hast etwas Besseres verdient, mein Schatz! Du brauchst eine Frau aus gutem Hause und keine, die aus einer zerrütteten Familie stammt. Eine Frau, die Sinn für unsere Traditionen und unseren Lebensstil hat. Eine Gefährtin, die den Namen Harrison mit Würde in die nächste Generation hinüberträgt. Und vor allem eine Partnerin, für die nicht selbstsüchtige Karriereziele an erster Stelle stehen, sondern Du und Deine Kinder. Ich bitte Dich, denke gründlich darüber nach: Möchtest Du eine Frau, die Zeitschriften herausgibt und ständig beruflich unterwegs ist? Oder wünschst Du Dir jemanden, für den das Wohl anderer oberste Priorität hat und der die philanthropischen Interessen unserer Familie weiterpflegt? Wünschst Du Dir nicht doch eine Frau, der das Glück Deiner Familie mehr am Herzen liegt als ihre eigenen journalistischen Ambitionen?

Ich habe Dir gesagt, dass Deine zufällige Begegnung mit Katherine auf den Bermudas ein Zeichen war. Und wie Du Dich über das Wiedersehen gefreut hast! Gehe diesen Gefühlen doch bitte einmal auf den Grund. Noch ist nichts entschieden – noch ist es nicht zu spät. Denn eines steht doch fest: Katherine war Deine große Liebe. Und dass sie die ideale Lebenspartnerin für Dich wäre, liegt ebenfalls auf der Hand.

Ich konnte immer stolz auf Dich sein, genau wie Dein Vater, der jetzt von oben auf uns herabblickt und darum betet, dass Du die richtige Entscheidung treffen wirst.

Deine Dich liebende Mutter

Das Wasserrauschen im Badezimmer brach ab. Erschrocken ließ Andy den Brief zu Boden fallen. Mit zitternden Händen hob sie ihn auf.

»Andy? Bist du noch da?«, rief Max.

»Ja. Ich … Moment noch. Ich bin gleich wieder verschwunden«, brachte sie hervor.

»Bist du fündig geworden?«

Was sollte, was konnte sie antworten? »Ja«, krächzte sie wie erstickt.

Hinter der Tür rumpelte es, der Wasserhahn am Waschbecken wurde auf- und wieder zugedreht. »Bist du schon weg? Ich müsste mich langsam anziehen.«

Bitte heirate Andrea nicht. Das Blut rauschte Andy in den Ohren. Wie Du Dich über das Wiedersehen gefreut hast! Sollte sie ins Badezimmer stürzen oder in den Korridor flüchten? Wenn sie Max das nächste Mal wiedersah, würden sie vor dreihundert Menschen, darunter seiner Mutter, die Ringe tauschen.

Ein kurzes Klopfen an der Tür, und schon stand Nina, die Hochzeitsplanerin, im Zimmer. »Andy? Was machen Sie denn hier?«, fragte sie entsetzt. »Großer Gott, Sie ruinieren sich noch das Kleid! Wollten Sie Ihrem Bräutigam nicht vor der Trauung aus dem Weg gehen? Aber wenn nicht, könnten wir die Fotos auch genauso gut vorher machen.« Andy konnte ihr wasserfallartiges Geplapper kaum ertragen. »Max, bleiben Sie, wo Sie sind! Ihre Braut steht hier vor mir wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Oh nein! Warten Sie, ich komme.« Mit einem Satz war sie bei Andy, die vergeblich versuchte, aus der Hocke hochzukommen und dabei gleichzeitig ihr Kleid zurechtzuziehen.

»Na also.« Nina half ihr auf die Beine und strich Andys Meerjungfrauenrock glatt. »Und jetzt kommen Sie schön mit. Eine Braut auf Abwegen, ein schöner Titel für einen Film. Aber so etwas können wir heute überhaupt nicht brauchen. Was haben Sie denn da?« Sie nahm Andy den Brief aus der schweißfeuchten Hand und hielt ihn hoch.

Andys Herz pochte so heftig, dass sie das Gefühl hatte, kurz vor einem Infarkt zu stehen. Bevor sie antworten konnte, stieg eine Welle der Übelkeit in ihr auf. »Oh Gott, ich glaube, mir wird …«

Wie ein Magier – oder vielleicht auch nur wie eine erfahrene Hochzeitsplanerin – zauberte Nina von einer Sekunde auf die andere einen Papierkorb herbei und presste ihn Andy so fest vors Gesicht, dass sich der Rand in ihr Kinn drückte. »Ist ja gut, ist ja schon gut«, sagte Nina in einem näselnden Quengelton, der trotzdem seltsam tröstlich war. »Sie sind nicht meine erste Braut am Rande des Nervenzusammenbruchs, und Sie werden auch bestimmt nicht die letzte sein. Aber wir können unserem Glücksstern danken, dass nichts danebengegangen ist.« Sie tupfte ihr mit einem herumliegenden T-Shirt den Mund ab. Max’ ganz eigener Duft, der Andy daraus entgegenstieg, diese aufregende Mischung aus Seife und Basilikum-Minze-Shampoo, von der sie sonst nicht genug bekommen konnte, schlug ihr sofort erneut auf den Magen. Um ein Haar hätte sie sich ein zweites Mal übergeben müssen.

Wieder klopfte es an der Tür. Es waren St. Germain, der berühmte schwule Fotograf, und sein hübscher junger Assistent. »Wir wollen Aufnahmen von Max bei den Vorbereitungen machen«, verkündete er mit seinem affektierten, aber undefinierbaren Akzent. Zum Glück würdigten weder er noch sein Mitarbeiter Andy auch nur eines Blickes.

»Was ist da draußen los?«, rief Max, der noch immer ins Badezimmer verbannt war.

»Max, Sie bleiben, wo Sie sind!«, rief Nina mit befehlsgewohnter Stimme und wandte sich Andy zu, die nicht wusste, wie sie die paar Schritte zurück in die Brautsuite schaffen sollte, in der sie gestern Abend, ganz wie es sich gehörte, allein zu Bett gegangen war, obwohl sie schon seit über einem Jahr mit Max zusammenlebte. »Wir müssen Sie nachschminken und … Um Gottes willen, Ihre Frisur!«

»Ich brauche das Collier«, flüsterte Andy.

»Sie brauchen was?«

»Barbaras Diamantcollier. Augenblick noch.« Denk nach, denk nach, denk nach. Was hatte der Brief zu bedeuten? Was sollte sie bloß tun? Als Andy sich gerade zwingen wollte, sich noch einmal nach dem verhassten Matchbeutel zu bücken, ging Nina dazwischen. Sie warf ihn aufs Bett und durchwühlte ihn in fliegender Hast, bis sie zuletzt die Samtschatulle mit der Prägung Cartier herausholte.

»Meinten Sie das hier? Los, kommen Sie.«

Willenlos ließ Andy sich in den Korridor ziehen. Nachdem Nina die Fotografen noch angewiesen hatte, Max aus dem Badezimmer zu befreien, zog sie energisch die Tür zu.

Andy war fassungslos. Hasste Barbara sie wirklich so sehr, dass sie ihrem Sohn die Ehe mit ihr ausreden wollte? Und nicht nur das. Sie hatte sogar schon eine andere Braut für ihn parat. Katherine: die besser zu ihm passte, die nicht so selbstsüchtig war. Die Frau, die Max sich – zumindest, wenn man Barbara glauben durfte – durch die Finger hatte schlüpfen lassen. Andy wusste genau Bescheid über ihre Konkurrentin. Sie war eine österreichische Prinzessin und die Erbin des von-Herzog-Vermögens, die von ihren Eltern, wie Andy es sich vor einiger Zeit mühevoll zusammengegoogelt hatte, auf dasselbe Elite-Internat in Connecticut geschickt worden war, das auch Max besuchte. Katherine hatte später in Amherst Europäische Geschichte studiert. An der Uni war sie erst aufgenommen worden, nachdem ihr spendabler und gut betuchter Großvater – ein österreichischer Adliger mit Nazivergangenheit – auf dem Campus ein Wohnheim hatte bauen lassen. Max fand Katherine zu geschniegelt und gebügelt, zu »fürnehm«. Mit einem Wort: langweilig. Außerdem sei sie ein extrem konventioneller und auf Äußerlichkeiten bedachter Mensch. Warum er dann – mit Unterbrechungen – fünf Jahre lang mit ihr gegangen war, konnte er nicht ganz so gut erklären. Andy hatte schon immer vermutet, dass mehr dahintersteckte. Womit sie, wie sich nun zeigte, ganz offensichtlich richtiglag.

Als Max seine Exfreundin das letzte Mal erwähnte, hatte er sie anrufen wollen, um ihr von der Verlobung zu erzählen. Einige Wochen später traf eine wunderschöne Kristallschale von Bergdorf’s ein, begleitet von den besten Wünschen für das gemeinsame Glück. Emily, die mit Katherine über ihren Mann Miles bekannt war, garantierte Andy, dass sie von ihrer öden, zickigen Rivalin nichts zu befürchten habe. Zugegeben, sie hätte »Supermöpse«, aber in allen anderen Belangen wäre Andy ihr haushoch überlegen. Danach hatte Andy kaum noch einen Gedanken an sie verschwendet. Hatte nicht schließlich jeder Mensch eine Vergangenheit? War sie etwa stolz auf ihre Affäre mit Christian Collinsworth? Wollte sie Max wirklich ihre Beziehung mit Alex in allen Details aufs Butterbrot schmieren? Natürlich nicht. Aber es war etwas völlig anderes, an ihrem eigenen Hochzeitstag lesen zu müssen, dass ihre zukünftige Schwiegermutter ihren Sohn anflehte, doch lieber seine Ex zu heiraten – die Frau, die er nach seinem Junggesellenabschiedstrip auf die Bermudas mit keinem Wort erwähnt hatte, obwohl er über das Wiedersehen doch anscheinend so beglückt gewesen war.

Andy rieb sich die Stirn. Sie zwang sich zum Nachdenken. Wann hatte Barbara den gehässigen Brief geschrieben? Warum hatte Max ihn nicht sofort in den Müll geworfen? Und was hatte es zu bedeuten, dass er Katherine vor sechs Wochen getroffen und seitdem kein Sterbenswörtchen davon hatte verlauten lassen? Obwohl er sich in aller Ausführlichkeit über jede Golfpartie, jedes blutige Steak, jedes Sonnenbad ausgelassen hatte? Dafür musste es eine Erklärung geben. Fragte sich bloß, welche.

2 Liebe auf den zweiten Blick: die Hamptons 2009

Jahrelang hatte Andy sich regelrecht etwas darauf eingebildet, dass sie so gut wie nie in die Hamptons fuhr. Der Verkehr, die vielen Menschen, der Zwang, sich aufzustylen und in den angesagtesten Locations zu verkehren … Das alles entsprach nicht gerade ihrer Vorstellung von einem Erholungsurlaub. Da blieb sie im Sommer doch lieber gleich in New York und streifte über die Straßenmärkte, legte sich im Central Park auf die Wiese oder radelte am Hudson River entlang. Um die Sommerwochen in der Stadt zu genießen, brauchte sie nichts weiter als ein gutes Buch und einen Eiskaffee. Sie hatte nie das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Aber das konnte und wollte Emily ihr einfach nicht abnehmen. Einmal im Jahr verschleppte sie Andy deshalb für ein Wochenende in das Sommerhaus ihrer Schwiegereltern und nahm sie zu »Weißen Festen« mit und zu Polospielen, bei denen die Frauen ihre edle Designerkluft spazieren trugen. Hinterher schwor Andy sich jedes Mal, sich das nie wieder anzutun, aber dann packte sie im nächsten Sommer doch wieder brav ihre Tasche, quetschte sich in den Überlandbus und tat so, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt, als sich auch noch in ihrer Freizeit mit den gleichen Leuten zu umgeben, denen sie bei Firmenevents in der Stadt sowieso dauernd über den Weg lief. Aber dieses Wochenende war anders: Es würde möglicherweise über ihre berufliche Zukunft entscheiden.

Es klopfte einmal kurz an der Tür, dann stand auch schon Emily im Zimmer. Der Anblick, der sich ihr bot, schien ihr ganz und gar nicht zu gefallen. Andy lag auf dem Bett, ein Handtuch um das noch feuchte Haar geschlungen, das andere um den frisch geduschten Körper gewickelt, und starrte ratlos in ihren überquellenden Koffer hinunter.

»Wieso bist du noch nicht fertig? In ein paar Minuten stehen die ersten Gäste auf der Matte!«

»Ich hab nichts anzuziehen!«, rief Andy. »Ich passe nicht in die Hamptons. Ich gehöre nicht hierher. Alles, was ich mitgebracht habe, kann ich vergessen.«

»Andy …« Emily schob die Hüfte vor. Sie trug ein knallpinkfarbenes Seidenkleid und um die Taille einen dreifachen, in sich verschlungenen Goldgürtel, der bei den meisten Frauen nicht einmal um den Oberschenkel gepasst hätte. Ihre megaschlanken, tief gebräunten und unendlich langen Beine endeten in goldenen Gladiatorensandalen, aus denen ihre makellos lackierten Zehennägel in einem schimmernden Rosa hervorlugten, das exakt auf die Farbe ihres Kleides abgestimmt war.

Andy betrachtete das perfekt geföhnte Haar ihrer Freundin, die schimmernden Wangenknochen und den mattpinken Lipgloss und knurrte: »Hoffentlich ist das ein Glimmerpuder und nicht etwa dein angeborener Glamour. Kein Mensch hat es verdient, so verboten gut auszusehen.«

»Andy, du weißt, wie wichtig der heutige Abend für uns ist! Miles musste seine ganzen Beziehungen spielen lassen, um alle zusammenzutrommeln. Ich schlage mich seit einem Monat mit Caterern, Floristen und meiner Schwiegermutter herum. Hast du überhaupt eine Vorstellung, was für ein Akt es war, bis ich sie weichgeknetet hatte, dass wir das Dinner in ihrem Haus veranstalten dürfen? Bei den Benimmregeln, die sie aufgestellt hat, könnte man meinen, wir wären siebzehnjährige Komasäufer, die eine Fassbierparty schmeißen wollen. Und was verlange ich von dir? Dass du hier antanzt, dich hübsch machst und dich von deiner charmantesten Seite zeigst. Ich fass es nicht!«

»Wieso? Ich bin doch da! Und ich werde mir auch alle Mühe geben, meinen Charme zu versprühen. Aber können wir nicht auf das Aufhübschen verzichten?«

Emily seufzte. Andy musste grinsen.

»Dann hilf mir!«, sagte sie, um Emily zu besänftigen. »Hilf deiner armen, modisch herausgeforderten Freundin, ein Outfit zusammenzustellen, in dem sie es wagen kann, einen Haufen wildfremder Leute um Geld anzubetteln!« Dabei hatte sie in Sachen Modebewusstsein in den letzten sieben Jahren schon große Fortschritte gemacht. Trotzdem würde sie Emily nie das Wasser reichen können, so viel stand fest. Aber wie aus dem Altkleidercontainer gezogen sah sie deswegen noch lange nicht aus.

Emily griff sich einen Schwung Sachen vom Bett und rümpfte die Nase. »Könntest du mir bitte verraten, was du heute Abend anziehen wolltest?«

Andy förderte aus dem Kleiderhaufen ein marineblaues Hemdkleid aus Leinen mit Kordelgürtel und gleichfarbige Espadrilles mit Plateausohlen zutage. Schlicht, elegant, zeitlos. Vielleicht ein kleines bisschen zerknittert. Aber definitiv dem Anlass angemessen.

Emily erbleichte. »Das soll doch wohl nicht dein Ernst sein.«

»Sieh dir nur diese wunderschönen Knöpfe an! Das Kleid war nicht gerade billig.«

»Knöpfe? Was interessieren mich deine Knöpfe?«, kreischte Emily und schleuderte das Kleidungsstück angewidert von sich.

»Es ist von Michael Kors! Zählt das denn gar nicht?«

»Michael Kors? Schön und gut. Aber doch Michael Kors Beachwear! So was trägt man über dem Badeanzug! Sag bloß, du hast es online bestellt?«

Als sie keine Antwort bekam, schlug sie frustriert die Hände über dem Kopf zusammen.

Andy seufzte. »Kannst du dir nicht einfach einen Ruck geben und mir helfen? Sonst musst du darauf gefasst sein, dass ich mich einfach wieder unter der Bettdecke verkrieche.«

Die leise Drohung genügte, um Emily auf Trab zu bringen – wenn auch unter ausdauerndem Protestgegrummel. Redete sie sich nicht seit Jahren den Mund fusselig, welche Klamotten Andy sich besorgen sollte? Alles für die Katz, genau wie ihre Ratschläge zum Thema Schuhe! Die Schuhe waren das A und O. Sie wühlte sich durch das Kleidergewirr, hielt hin und wieder ein Teil hoch und pfefferte es postwendend in die Ecke. Fünf nervtötende Minuten später verschwand sie kurz und kam mit einem wunderschönen türkisfarbenen Maxikleid über dem Arm wieder zurück, in der anderen Hand ein Paar herrliche Ohrringe in Silber und Türkis. »Da. Silberne Sandalen hast du selber, oder? In meine würdest du nie reinpassen.«

»Da passe ich doch auch nicht rein«, sagte Andy, die das teure Teil skeptisch musterte.

»Und ob. Verlass dich drauf. Ich hab es extra eine Nummer größer gekauft für meine nicht ganz so schlanken Phasen. Außerdem kaschiert der Faltenwurf die Taille. Es müsste gerade so gehen.«

Andy lachte. Sie war schon so lange mit Emily befreundet, dass sie ihr derartige Sticheleien und Seitenhiebe nicht mehr übel nahm.

Emily machte ein verwirrtes Gesicht. »Was gibt’s da zu lachen?«

»Mir war nur so danach. Das Kleid ist perfekt. Ich danke dir.«

»Okay, und jetzt ziehst du dich an!« Sie hatte kaum ausgesprochen, als es unten an der Haustür klingelte. »Der erste Gast! Ich mache auf! Zeig dich von deiner hinreißendsten Seite. Mit den Männern unterhältst du dich über ihre Berufe, mit den Frauen über ihr Engagement bei irgendwelchen gemeinnützigen Vereinen. Über unser Magazin redest du nur, wenn dich jemand direkt danach fragt. Es ist schließlich kein Arbeitsessen.«

»Nicht? Ich dachte, wir wollten ihnen eine Finanzspritze aus den Rippen leiern?«

Emily seufzte genervt. »Schon, aber doch nicht als Allererstes. Vorher tun wir so, als ob es nichts weiter ist als ein anregendes Dinner unter Freunden. Es kommt vor allem darauf an, dass wir ihnen zeigen, was für kluge, verlässliche Frauen wir sind. Von den Männern haben die meisten mit Miles zusammen in Princeton studiert. Jede Menge Hedge-Fonds-Typen, die besonders gern in Medienprojekte investieren. Hör auf meinen Rat, Andy: Immer schön lächeln und ganz Ohr sein. Zeig dich von deiner Schokoladenseite, trag das Kleid. Dann kann uns nichts mehr passieren.«

»Lächeln, offenes Ohr, Schokoladenseite. Ich hab’s kapiert.« Andy zog sich das Handtuch vom Kopf und fing an, ihre Haare auszukämmen.

»Denk daran, ich hab dich zwischen Farooq Hamid und Max Harrison gesetzt. Hamids Fonds kam erst kürzlich unter die lukrativsten fünfzig Geldanlagen des Jahres, und Harrison ist der Chef der Harrison Media Holdings.«

»Hat er nicht erst vor ein paar Monaten seinen Vater verloren?« Die Beerdigung war im Fernsehen übertragen worden, und Andy erinnerte sich auch noch gut an die mehr als ausführlichen Nachrufe und Würdigungen in den Zeitungen, für den Mann, der erst eines der größten Medienimperien aller Zeiten aufgebaut und es dann, kurz vor der Finanzkrise voriges Jahr, mit einer Reihe katastrophaler Investitionsfehler in eine finanzielle Schieflage gebracht hatte. Niemand wusste wirklich, wie hoch die Verluste waren, die dem Unternehmen daraus entstanden waren.

»Stimmt. Jetzt leitet Max den Konzern, und nach allem, was man so hört, macht er seine Sache gar nicht schlecht. Und wenn Max Harrison sich für irgendetwas noch mehr interessiert als für Investitionen in Start-up-Medienprojekte, dann sind es Investitionen in die Start-up-Medienprojekte attraktiver Frauen.«

»Huch, ähm … hast du mich gerade attraktiv genannt? Ich glaub, ich werde rot.«

Emily schnaubte. »Wer redet denn von dir? Also, sei bitte in fünf Minuten unten, ja? Ich brauche dich!«, sagte sie, schon halb zur Tür hinaus.

»Ja, ja. Ich hab dich auch lieb!«, rief Andy ihr hinterher, während sie bereits nach ihrem trägerlosen BH angelte.

Bei dem Dinner ging es um einiges entspannter zu, als man es bei Emilys Hysterie im Vorfeld hätte erwarten können. Durch die offenen Wände des Pavillons, der im Everett’schen Garten mit Blick auf das Wasser aufgebaut worden war, wehte eine laue Meeresbrise herein, und Dutzende kleiner Laternen sorgten für eine Atmosphäre gediegener Eleganz. Das Essen war sagenhaft: kiloschwere Hummer, Venusmuscheln in Zitronenbutter, in Weißwein gedünstete Miesmuscheln, Rosmarin-Knoblauch-Kartoffeln, Maiskolben mit Cotija-Käse, frisch gebackene Brötchen und ein scheinbar unendlicher Vorrat an eiskaltem Bier mit Limetten, kühlem Pinot Grigio und den köstlichsten Margaritas, die Andy je getrunken hatte.

Nach dem Dessert aus warmem Apfelkuchen mit Vanilleeis scharte sich die Gesellschaft satt und zufrieden um das Lagerfeuer am Rand des Rasens. Eingehüllt in federleichte Sommerdecken aus einem himmlisch weichen Bambus-Kaschmir-Gemisch gönnten sie sich noch das eine oder andere geröstete Marshmallow oder einen Becher heißer Schokolade. Es wurde getrunken, es wurde gelacht, und schon bald machte der erste Joint die Runde. Andy fiel auf, dass nur sie und Max Harrison ihn weiterreichten, ohne daran zu ziehen. Als er mit einer Entschuldigung aufstand und ins Haus ging, hielt es auch sie nicht mehr länger im Garten.

»Oh, hey«, stammelte sie leicht verlegen, als sie ihn – nicht ganz zufällig – auf der Wohnzimmerterrasse wiederfand. »Ich, äh, ich suche die Toilette.«

»Sie sind Andrea, nicht wahr?«, fragte er, als hätten sie nicht gerade erst drei Stunden nebeneinander am Tisch gesessen. Er war in ein Gespräch mit der Nachbarin zu seiner Linken vertieft gewesen, einem russischen Model, dessen Sprachkenntnisse einiges zu wünschen übrig ließen. Da sie diesen Mangel aber mit mädchenhaftem Gekicher und gekonnten Augenaufschlägen leicht wieder wettmachte, schien er sich nicht gelangweilt zu haben. Andy hatte sich mit Farooq unterhalten – beziehungsweise seinen Prahlereien von seiner griechischen Yacht und seinem Porträt im Wall Street Journal gelauscht.

»Andy, bitte.«

»Dann also Andy.« Max griff in seine Jackentasche, holte ein Päckchen Marlboro Lights heraus und bot Andy eine an. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr geraucht hatte, griff sie, ohne zu zögern, zu.

Nachdem er ihr Feuer gegeben hatte, zündete er sich selbst eine an und sagte: »Ein wunderbarer Abend. Alle Achtung, was Sie und Ihre Freundin da auf die Beine gestellt haben.«

Andy konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Danke. Aber das ist hauptsächlich Emilys Verdienst.«

»Wie kommt es, dass Sie nicht rauchen? Zumindest kein Gras?«

Sie sah ihn fragend an.

»Sie und ich waren die Einzigen, die nicht gekifft haben.«

Andy fühlte sich fast ein wenig geschmeichelt, dass er sie überhaupt bemerkt hatte, wenn auch nur deshalb, weil sie den Joint nicht wollte. Sie wusste über ihn Bescheid und nicht nur, weil er seit der gemeinsamen Internatszeit einer von Miles’ besten Freunden war. Sie war ihm auch schon des Öfteren in irgendwelchen Klatschkolumnen und Medienblogs begegnet. Aber zur Sicherheit war Emily zuletzt noch einmal Max’ Playboy-Vergangenheit mit ihr durchgegangen: dass er reihenweise hübsche, dumme Dinger abschleppte und unfähig war, sich ernsthaft zu binden, obwohl er im Grunde ein kluger, lieber Kerl war, der sich für seine Familie und Freunde hingebungsvoll einsetzte. Emily und Miles prophezeiten, dass er bis Mitte vierzig Single bleiben würde, um sich dann doch noch dem Druck seiner dominanten Mutter zu beugen, ihr einen Enkel zu schenken. Er würde eine dreiundzwanzigjährige Schönheit heiraten, die schmachtend an seinen Lippen hing und ihn nie kritisierte. Andys eigene Nachforschungen schienen diese Prognose zu bestätigen. Trotzdem hatte sie den unbestimmten Verdacht, dass man ihm mit dieser Einschätzung nicht ganz gerecht wurde.

»Auf dem College habe ich auch gekifft, genau wie alle anderen, aber für mich war es nie so richtig das Gelbe vom Ei. Ich hab mich immer auf mein Zimmer verzogen, mich im Spiegel angestarrt und eine Bestandsaufnahme all meiner Fehlentscheidungen und Schwächen gemacht.«

Max lächelte. »Klingt nicht sehr erbaulich.«

»Irgendwann dachte ich mir, das Leben ist schon schwer genug. Wieso soll ich mich da auch noch von meiner Freizeitdroge runterziehen lassen?«

»Klingt einleuchtend.« Er zog an seiner Zigarette.

»Und Sie?«

Er antwortete nicht gleich, als ob er sich erst noch schlüssig werden müsste, wie offen er mit ihr reden konnte. Nachdenklich zog er die dunklen Brauen zusammen, und das markante Harrison-Kinn sprang noch etwas weiter vor. Plötzlich sah er den Zeitungsfotos seines Vaters frappierend ähnlich. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte er wieder, aber diesmal war es ein trauriges Lächeln. »Mein Vater ist vor Kurzem gestorben. Als offizielle Todesursache wurde Leberkrebs angegeben, aber in Wahrheit litt er an einer Zirrhose. Er war schwerer Alkoholiker. Trotzdem hatte er sein Leben meistens erstaunlich gut im Griff – abgesehen davon, dass er jeden Abend betrunken war. Kritisch wurde es erst, als auch unser Konzern von der Finanzkrise betroffen wurde. Ich selbst habe während des Studiums mit dem Trinken angefangen. Vor fünf Jahren war ich dann völlig am Boden. Seitdem rühre ich keinen Tropfen Alkohol und keine Drogen mehr an – bis auf diese Sargnägel hier. Von denen komme ich einfach nicht los.«

Andy hatte sich weiter nichts dabei gedacht, dass er während des Essens lediglich Mineralwasser getrunken hatte, doch nachdem sie nun die Gründe dafür kannte, hätte sie ihn am liebsten in den Arm genommen.

Max riss sie aus ihren Gedanken. »Wie Sie sich vorstellen können, gelte ich auf Partys immer ein bisschen als Spaßbremse.«

Andy lachte. »Bei mir kann es vorkommen, dass ich mich still und heimlich nach Hause verdrücke, um mich in der Jogginghose gemütlich vor den Fernseher zu knallen. Ob mit oder ohne Alkohol, Sie sind bestimmt eine größere Stimmungskanone als ich.«

Sie plauderten noch ein paar Minuten, rauchten zu Ende und gesellten sich schließlich wieder zu den anderen. Andy war von Max hin- und hergerissen. Einerseits war er ein berüchtigter Frauenheld, andererseits suchte sie unwillkürlich seine Nähe. Und er sah, das musste sie zugeben, einfach wahnsinnig gut aus! Obwohl sie auf Typen wie ihn normalerweise allergisch reagierte, wurde sie das Gefühl nicht los, dass sich hinter seiner unwiderstehlichen Fassade ein aufrichtiger, verletzlicher Kern verbarg. Er hätte ihr weder die Alkoholprobleme seines Vaters noch seine eigenen beichten müssen. Er war entwaffnend ehrlich und unkompliziert gewesen, zwei Eigenschaften, die Andy sehr schätzte. Aber nicht einmal Emily lässt ein gutes Haar an ihm, dachte sie. Und das wollte etwas heißen. Schließlich war ihre Freundin mit einem der berüchtigsten Partylöwen von Manhattan verheiratet. Als Max sich kurz nach Mitternacht mit einem Küsschen auf die Wange und einem höflichen »War nett, Sie kennenzulernen« von ihr verabschiedete, redete sie sich ein, es sei im Grunde besser so. Es gab schließlich genügend anständige Kerle da draußen. Wieso sollte sie sich also ausgerechnet mit einem Hallodri einlassen? Auch wenn er zum Niederknien attraktiv war und noch dazu so nett und umgänglich.

Am nächsten Morgen stapfte Emily um neun Uhr in Andys Zimmer, selbst zu dieser frühen Stunde todschick gekleidet: weiße Hotpants, Batikbluse und Plateausandalen. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte sie.

Andy hielt sich den Arm vors Gesicht. »Muss ich dafür aufstehen? Die Margaritas gestern Abend haben mich umgehauen.«

»Erinnerst du dich an Max Harrison?«

Andy klappte ein Auge auf. »Klar.«

»Er hat gerade angerufen. Er wollte dich, Miles und mich ins Haus seiner Eltern zum Lunch einladen, um über Zahlen zu reden. Ich glaube, er hat ernsthaft vor, in unser Projekt zu investieren.«

»Das ist ja fantastisch!«, sagte Andy. Allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob ihre Begeisterung der Aussicht auf einen Geldgeber galt oder nicht eher doch der Einladung.

»Leider haben wir uns mit Miles’ Eltern im Club zum Brunch verabredet. Wir müssen in fünfzehn Minuten los, da führt kein Weg drum herum. Und glaub mir, ich habe alles versucht. Schaffst du das mit Max auch allein?«

Andy tat so, als müsse sie kurz überlegen. »Doch, doch. Ich denke schon. Wenn du es unbedingt willst.«

»Super, also abgemacht. Er holt dich in einer Stunde ab. Du sollst Badezeug mitnehmen.«

»Badezeug …?«

Emily drückte ihr eine überdimensionale Strandtasche von Diane von Fürstenberg in die Hand. »Bikini – nicht zu knapp geschnitten, ich kenne dich schließlich. Ein hinreißendes Strandkleid von Milly, großer Sonnenhut, ölfreie Sonnencreme – Lichtschutzfaktor 30. Nach dem Schwimmen ziehst du die weißen Shorts von gestern an, die Leinentunika und die weißen Stoffschuhe. Noch Fragen?«

Nachdem Andy ihre Freundin lachend verabschiedet hatte, kippte sie die Strohtasche auf dem Bett aus. Sonnencreme und Hut kamen postwendend wieder hinein, zusammen mit ihrem eigenen Bikini, Jeansshorts und einem Tanktop. Emily sollte ihr mit ihrer Modediktatur gestohlen bleiben, und wenn Max ihr Outfit nicht gefiel, konnte sie ihm auch nicht helfen.

Es wurde ein perfekter Nachmittag. Sie tuckerten in Max’ kleinem Motorboot die Küste entlang und sprangen zwischendurch immer mal wieder ins Wasser, um sich abzukühlen. Zum Lunch gab es ein Picknick an Bord: Brathähnchen, Wassermelonenscheiben, Erdnussbutterplätzchen und Limonade. Nachdem sie fast zwei Stunden am Strand spazieren gegangen waren, ohne von der Mittagshitze viel zu bemerken, gönnten sie sich am einsam in der Sonne glitzernden Swimmingpool der Harrisons auf den weich gepolsterten Liegen ein Schläfchen. Andy war es so, als seien Stunden vergangen, als sie die Augen wieder aufschlug und Max vor sich sitzen sah, einen versonnenen Ausdruck im Gesicht. »Mögen Sie Muscheln?«, fragte er. Ein schwer zu deutendes Lächeln umspielte seine Lippen.

»Wer mag die nicht?«

Er lieh ihr ein Sweatshirt, dann sprangen sie in seinen Jeep Wrangler. Während der Fahrtwind Andy die salzigen Haare um den Kopf peitschte, fühlte sie sich so frei wie noch nie zuvor, und als sie schließlich in dem einfachen Strandlokal saßen, war sie zum bekennenden Hamptons-Fan konvertiert. Es gab keinen himmlischeren Ort auf Erden, solange sie mit Max zusammen war und eine Riesenschüssel mit frischen Muscheln vor sich stehen hatte. Was war dagegen schon ein Wochenende in der Stadt? So langweilig wie eingeschlafene Füße.

»Nicht schlecht, was?«, sagte Max, während er eine Muschelschale auf den großen Haufen warf.

»Frischere Muscheln hab ich im Leben noch nicht gegessen«, nuschelte Andy mit vollem Mund. Sie knabberte an einem Maiskolben. Dass ihr die flüssige Butter über das Kinn lief, konnte sie nicht weiter erschüttern.

Er sah ihr in die Augen. »Ich möchte in Ihre neue Zeitschrift investieren, Andy.«

»Tatsächlich? Das ist ja wunderbar. Ach was, das ist phänomenal. Emily hatte gleich das Gefühl, dass es mit Ihnen klappen könnte, aber ich war mir …«

»Ich bin wirklich tief beeindruckt von Ihrer Leistung.«

Andy wurde rot. »Ehrlich gesagt hat Emily das meiste gestemmt. Sie ist ein richtiges Organisationsgenie. Und sie hat hervorragende Beziehungen. Ich wüsste noch nicht mal, wie man einen Businessplan aufstellt, geschweige denn …«

»Sicher, Emily hat viel dazu beigetragen, aber ich wollte eher auf Sie selbst hinaus. Seitdem Ihre Freundin mich vor ein paar Wochen kontaktiert hat, habe ich fast alles gelesen, was Sie je zu Papier gebracht haben.«

Andy starrte ihn ungläubig an.

»Nehmen wir nur den Hochzeitsblog, für den Sie schreiben. Happily Ever After, richtig? Obwohl ich mich mit dem Thema Hochzeit normalerweise nicht so häufig beschäftige, muss ich Ihnen sagen, Ihre Interviews sind ganz große Klasse. Der Artikel über Chelsea Clinton war außerordentlich gelungen.«

»Danke«, krächzte sie.

»Gefallen hat mir auch Ihre Enthüllungsstory für das New York Magazin, in der es um das Bewertungssystem für Restaurants ging. Unglaublich spannend. Oder der Artikel über die Yoga-Reise. Wo war das noch mal? In Brasilien?«

Andy nickte.

»Ich wäre am liebsten sofort hingeflogen. Dabei bin ich nicht gerade der Welt größter Yoga-Jünger.«

»Das geht runter wie Öl.« Andy räusperte sich, um nicht über das ganze Gesicht grinsen zu müssen. »So ein dickes Lob und dann auch noch von Ihnen.«

»Ich sage das nicht, um Ihnen zu schmeicheln, Andy. Sondern weil es wahr ist. Auch von Ihren Plänen für The Plunge, wie Emily sie mir umrissen hat, bin ich überaus angetan.«

Diesmal gestattete sie sich ein breites Grinsen. »Wissen Sie, ich war anfangs skeptisch, als Emily mir mit der Idee für ein neues Hochzeitsmagazin kam. Als gäbe es nicht schon mehr als genug von diesen Dingern. Ich konnte keine Marktnische dafür entdecken. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass die Zielgruppe dafür sehr wohl vorhanden ist – Frauen nämlich, die eine edel gemachte Hochglanzzeitschrift nach Art der Runway kaufen, ohne billigen Kitsch, aber mit Promis und Society-Größen. Zwar sind solche Nobelhochzeiten für die meisten Leserinnen unerschwinglich, trotzdem träumen sie natürlich heimlich davon. Solch ein Magazin gibt der trendbewussten, intelligenten, stilsicheren Frau von heute seitenweise Inspirationen für ihre eigene Hochzeit an die Hand. Nicht wie diese banalen Illustrierten, in denen sich alles nur um Schleierkraut, Brautschuhe zum Einfärben und billige Strass-Tiaren dreht. Etwas für Anspruchsvolle. Ich bin überzeugt, dass The Plunge eine Nische finden wird.«

Max machte große Augen.

»Entschuldigen Sie, ich höre mich ja an wie ein Marktschreier. Aber wenn ich erst mal in Fahrt gekommen bin, gibt’s für mich kein Halten mehr.« Andy nippte an ihrem Bier. Hoffentlich empfand er es nicht als unsensibel, dass sie in seiner Gegenwart Alkohol trank.

»Ich möchte bei Ihnen einsteigen, weil Ihr Konzept Hand und Fuß hat. Außerdem ist Emily sehr überzeugend, und Sie sind äußerst attraktiv. Ich hatte bloß nicht damit gerechnet, dass Sie auch noch genauso bestechend argumentieren können wie Ihre Freundin.«

»Da sind mir wohl gerade ein bisschen die Pferde durchgegangen, was?« Andy schlug die Hände vors Gesicht. »Tut mir leid.« Hatte er sie gerade »äußerst attraktiv« genannt? War das möglich?

ENDE DER LESEPROBE