8,99 €
Ihre Mission ist Rache, ihr Motiv ist Vergeltung und ihr Leben ist in Gefahr! Tagsüber ist Nikki Griffin eine unscheinbare Frau, mit einem ganz normalen Beruf. Doch nachts wird sie zur Rächerin. Sie verfolgt Männer, die Frauen verletzt haben, obwohl sie sie angeblich liebten. Nikki lehrt sie, wie es sich anfühlt, hilflos zu sein: Sie tut ihnen genau das an, was sie ihren Frauen angetan haben. Bis sie eines Tages auf Karen trifft. Karen hat Angst, denn sie wird verfolgt. Nikki will ihr helfen, doch bei ihrem zweiten Treffen taucht Karen nicht auf. Sie wurde ermordet. Weil Nikki die Letzte ist, die mit ihr gesprochen hat, wird sie plötzlich zur Hauptverdächtigen und muss nun selbst um ihr Leben fürchten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
Wenn Ihnen dieser Thriller gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Die Rächerin« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
Für meine Eltern, Alan und Barbara, für alles
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Beyer
© Saul Lelchuk 2019
Titel der englischen Originalausgabe: »Save me from dangerous Men«
Published by arrangement with Flatiron Books. All rights reserved.
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2021
Redaktion: Susann Harring
Covergestaltung: zero-media.net, München
Coverabbildung: FinePic®, München; Mark Owen/trevillion Images
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht und dafür keine Haftung übernimmt.
Cover & Impressum
WOCHE EINS
1 – Die Bar war drüben …
2 – Ich fuhr ihm hinterher. …
3 – Ich hatte Hunger …
4 – Zehn Minuten später …
5 – Ich fuhr auf dem …
6 – »Nikki? Nikki Griffin? …
7 – Der nackte Hintern …
8 – Sie kam aus San Francisco …
9 – »Hi, Jess. Wie läuft …
10 – »Sie sollten wissen, …
11 – Jemanden zu beschatten …
12 – Grundlegende Kenntnisse …
WOCHE ZWEI
13 – »Nikki, wie ist es Ihnen …
14 – Gregg Gunn hatte …
15 – Es mochte noch üblere …
16 – Ich stellte mein Motorrad …
17 – »Tut mir leid, dass …
18 – Wir setzten uns in …
WOCHE DREI
19 – »Wie ist es Ihnen …
20 – Ich traf mich mit …
21 – Buster’s World Class …
22 – Ihr Porsche befand …
23 – »Sie sind mir gefolgt, …
24 – Die Narwhal Cottages …
25 – Nachdem ich die …
26 – Ich war jetzt seit …
27 – In dieser Nacht …
28 – Ich starrte sie an. …
29 – »Du, ich brauche …
30 – Wie bei vielen …
31 – Am Flughafen …
32 – Seit dem Tag, an …
33 – Am nächsten Morgen …
34 – Mit der Repetierflinte …
35 – Ich nahm Brandons …
WOCHE VIER
36 – »Nikki, was ist denn …
37 – Ich aß einen Salat …
38 – Die Johnsons …
39 – Die Leute waren …
40 – Das Kingston Hotel …
41 – Auf der Van Ness …
42 – Ich fuhr nach …
43 – Das Postleitzahlengebiet …
44 – Das Hafengebiet von …
45 – »Wie bist du hier …
46 – Wir gingen im …
WOCHE FÜNF
47 – »Du meine Güte, …
48 – Der Friedhof befand …
49 – Das Restaurant war …
DANK
Die Bar war drüben in West Oakland. Sie befand sich in einem schlichten, flachen Betonklotz auf einem Parkplatzgelände. Ein Bud Light Neon-Leuchtschild warf blaues Licht auf ein Dutzend heruntergekommener Autos und Lastwagen, die davor parkten. Hier war ich noch nie gewesen, und wahrscheinlich würde ich auch nie wieder herkommen. Ich hielt am Rand des Parkplatzgeländes, knapp außerhalb des Lichtscheins. Dann ließ ich den Motor der roten Aprilia, auf der ich saß, absterben, stieg ab und ging hinein. Es war Freitagabend, noch ziemlich früh, kurz nach neun. Ein halbes Dutzend bärbeißig wirkender Männer lümmelte an der Bar herum, ein paar andere an den Tischen, zwei waren am Billardtisch zugange. Außer mir war nur eine einzige andere junge Frau anwesend. Sie war die eine Hälfte eines Pärchens, das sich in eine dunkle Ecknische gezwängt hatte, zwischen sich ein Krug Bier. Sie trug einen Nasenring. Waren die Dinger eigentlich so schmerzhaft, wie sie aussahen?
Ich stellte mich an die Bar. »Heineken.«
»Macht fünf Dollar.« Der Barkeeper, ein großer Kerl mit Wampe, Anfang fünfzig, ergrauendes Haar, stierte mich an und machte sich gar nicht erst die Mühe, es zu verbergen. Alle anderen in der Bar taten es ihm gleich. Sollten sie ruhig.
Ich griff nach dem Bier, genehmigte mir einen Schluck und verschwand dann in der Damentoilette. Dort roch es nach Desinfektionsmittel und Bohnerwachs. Ich starrte in den angeschlagenen Spiegel und betrachtete mich kritisch. Ich war groß gewachsen, einen Meter siebenundsiebzig, und in den schweren Motorradstiefeln, die ich trug, noch größer. Ich zupfte mir mein goldbraunes Haar zurecht, das der Helm geplättet hatte. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, mich als mager zu bezeichnen, aber ich hielt meinen Körper in Form. Ich überprüfte den Sitz meiner hautengen Stonewashed-Jeans, zu der ich unter einer schwarzen Lederjacke, deren Reißverschluss ich offen gelassen hatte, ein schwarzes Trägerhemd mit U-Ausschnitt trug. Ein Hauch Lidschatten um meine grünen Augen. Ein Hauch von rotem Lippenstift, den ich normalerweise nie trage. Ich sah genau richtig aus.
So konnte ich loslegen.
Ich schlenderte zum Billardtisch hinüber und schnippte einen Vierteldollar auf den Tisch. »Nächster«, verkündete ich.
Die beiden Spieler waren etwa in meinem Alter, dreiunddreißig. Sie warfen mir diesen gierigen Blick zu, den Männer Frauen zuwerfen. Raubtierartig geradezu. Es war, als wollten sie mich mit einem einzigen raschen Biss verschlingen. Es war, als hätte ich, statt nur auf sie zugegangen zu sein und sie angesprochen zu haben, an ihrem Ohrläppchen geknabbert und ihnen dabei etwas Unanständiges zugeflüstert. Der Größere der beiden hielt seinen Queue lässig in der Hand und wandte sich wieder dem Tisch zu. Er hatte eine schwarz-silberne Kappe der Raiders verkehrt herum aufgesetzt. Er zielte sorgfältig und versenkte die letzte Halbe. Dabei stieß er sie fester, als es nötig gewesen wäre. So etwas taten Männer liebend gern. Nur die wirklich guten Spieler waren imstande, der Verlockung eines angeberisch harten Stoßes zu widerstehen. Er zielte erneut. Dieses Mal stieß er ein wenig sanfter zu; die weiße Kugel prallte von der Acht ab und ließ diese langsam in eine Tasche gleiten. Gewonnen.
Er wandte sich wieder mir zu. »Du bist dran.« Er machte Anstalten, sich zu bücken und 25-Cent-Münzen einzuwerfen.
»Ich fordere heraus. Die Runde geht auf mich.«
Er hielt inne und zuckte mit den Schultern. »Wie du willst.«
Ich nahm meinen Quarter vom Tisch und holte drei weitere aus meiner Hosentasche. Dann stellte ich meine Handtasche neben mein Bier und bückte mich, um die Münzen einzuwerfen. Dabei spürte ich förmlich, wie alle in der Bar auf meinen Po in der hautengen Jeans starrten. Ich baute auf.
»Du weißt, wie man so eine Stange halten muss?«, fragte mich sein Freund mit einem anzüglichen Grinsen und der Betonung auf Stange. Er war kleiner als sein Kumpel, und sein fleckiges T-Shirt spannte sich über seinen Bierbauch. Er schien zu glauben, dass seine Frage das Verlangen in mir wecken musste, ihn lieber jetzt als gleich in die Toilette zu zerren, um ihm dort rasch einen runterzuholen. Ich machte mir nicht die Mühe, ihm eine Antwort zu geben. Stattdessen ging ich zur Wandhalterung mit den Queues, zog den heraus, der am geradesten aussah, und rollte ihn über den Tisch. Er hatte zwar schon bessere Zeiten erlebt, aber er würde genügen.
»Spielst du um Küsschen, Süße?«, fragte mein angehender Gegenspieler, der mit der Raiders-Kappe. Immer die gleiche bescheuerte Anmache, wahrscheinlich in jeder Bar des Landes. In jeder Bar auf der ganzen Welt.
Ich schaute zu ihm hoch. »Wenn ich mit jemandem herumknutschen will, gehe ich zum Highschool-Ball.«
»Machst wohl einen auf tough«, sagte er, so als wären wir gerade beim Flirten. »Aber über kurz oder lang wollt ihr doch alle das Gleiche.«
Ich hielt meinen Blick auf ihn geheftet. »Ich mache nicht auf taff. Ich spiele um Geld. Es sei denn, du willst bloß um Drinks spielen. Dein Tisch. Deine Entscheidung.«
Nach dieser Ansage blieb ihm keine Wahl mehr. »Normalerweise nehme ich Mädels nicht aus.«
Ich langte in meine Gesäßtasche und ließ einen Fünfzigdollarschein auf den Tisch segeln. »Kleiner hab ich’s nicht.«
Er wechselte einen erstaunten Blick mit seinem Freund.
Alle Augen in der Bar waren auf uns gerichtet.
Gut so.
»Gebongt.« Er tastete in seiner Brieftasche herum und blätterte schließlich zwei Zwanziger und einen Zehner hin. »Ich habe Anstoß.«
Wenn es um Geld ging, regten sich bei den Leuten immer die Lebensgeister. Er legte einen guten Anstoß hin, versenkte zwei Volle und hatte danach eine Glückssträhne, bei der er noch einmal zwei versenkte, bevor er einen Bandenball auf mittlerer Distanz versiebte. Damit reihte er sich in die Riege solcher Billardspieler ein, wie es sie in jeder Bar mit einem Spieltisch gab. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Eben Durchschnitt. Das war okay. Beim ersten Spiel ging es nicht ums Gewinnen, sondern darum, herauszufinden, was der andere so draufhatte und wie wahrscheinlich es war, dass er sein Können auch umsetzte. Gewinnen war zweitrangig.
Ich nahm einen großen Schluck Bier und räumte den halben Tisch ab, ohne dabei ein Wort zu verlieren.
Sanft und ohne jede Hast. So, dass sich nach jedem Stoß eine gute Ausgangsposition für den nächsten ergab. Konsequent. Ein Schritt nach dem anderen. Nicht darüber nachdenkend, was ich gerade tat, sondern darüber, was ich als Nächstes tun wollte. Wenn die Kugeln aneinanderstießen, klickte es kultiviert. Wie viele Züge man vorausplanen kann, ist angeblich das Einzige, was beim Schach Amateure von Großmeistern unterscheidet. Beim Pool war das nicht viel anders, fand ich.
Als ich danebentraf, nahm er seinen Queue mit entschlossenem Blick in die Hand. Konzentriert. Er erkannte, dass er mehr als ein hübsches Ass in den Händen hielt, und wollte seine fünfzig Dollar nicht in den Wind schreiben. Konnte ich ihm nicht verübeln. Jemandem, der gerne Geld verlor, war ich bislang noch nicht begegnet.
Er stieß – und verfehlte sein Ziel. Die Nerven womöglich. Mittlerweile hatten wir immer mehr Zuschauer.
Ich fühlte mich gut, war locker und entspannt und versenkte die andere Hälfte der Halben. Dann tippte ich, ohne ein Wort zu verlieren, mit der Spitze meines Queues auf die Tasche in der gegenüberliegenden Ecke und zielte auf die Acht.
Dort versenkte ich sie mit einem sanften Stoß. Gewonnen.
Ich nahm sein Geld vom Tisch und steckte es ein. Meinen Fünfziger ließ ich auf der Bande liegen. »Möchtest du versuchen, dir dein Geld zurückzuholen?«
Jetzt wurde er sauer. »Zum Teufel, klar will ich das! Und dieses Mal mache ich ernst.«
»Dann raus mit den Moppen. Du hast verloren, du baust auf.«
Ich ließ meinen Fünfzigdollarschein an Ort und Stelle liegen, als kümmerte er mich nicht im Geringsten, und ging zur Bar. »Ein Gläschen Jameson und noch ein Bier.«
Ein alter Sack blickte lüstern zu mir herüber. Er trug ein Warriors-T-Shirt, und an seinem Kinn klebten Kartoffelchips-Krümel. »Nett von dir, Süße. Das wäre aber nicht nötig gewesen, mir einen zu spendieren.«
Ich würdigte ihn keines Blickes, ließ ihn mit meinem Schweigen auflaufen. Prompt wandte er seinen Blick wieder dem Tresen zu und lief rot an, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte. Ich kippte den Whisky herunter, warf einen der soeben errungenen Zwanziger auf den Tresen und stolzierte mit dem Bier von dannen, ohne um Wechselgeld zu bitten.
Derweil hatte der Typ aufgebaut, dabei jedoch einen Zentimeter Raum zwischen der vordersten Kugel und dem Rest des Dreiecks gelassen. Da versuchte es wohl jemand auf die krumme Tour. Das bedeutete, dass er nicht daran glaubte, mich auf die faire Art schlagen zu können. Ich trat an den Tisch, nahm das Dreieck und baute, ohne ein Wort zu verlieren, neu auf.
»Muss wohl verrutscht sein«, nuschelte er peinlich berührt. Ertappt.
»Muss wohl«, echote ich. »Geld auf den Tisch.«
Erneut tastete er in seiner Brieftasche herum. Dieses Mal zog er kleinere Scheine hervor, und am Ende machten ein paar Eindollarscheine die Fünfzig voll. Ich genehmigte mir erst noch einen Schluck kaltes Bier und stieß dann an. Mittlerweile umringten die meisten Männer in der Bar den Tisch.
»Das Mäuschen hat ja mal einen Stoß am Leib.«
»Ob sie bei anderen sportlichen Übungen auch so gut ist?«
»Ich könnte den ganzen Abend lang zugucken, wie sie sich vornüberbeugt, so viel steht fest.«
Ich ignorierte die Kerle und besiegte den Typen mit der Raiders-Kappe erneut. Ich steckte sein Geld ein. Er war fix und fertig, steuerte eine Wand an und lehnte sich dagegen.
Jetzt wollte es sein Freund mit dem Bierbauch mit mir aufnehmen. Vielleicht, um Vergeltung zu üben, vielleicht, um noch ein bisschen länger in mein Dekolleté zu starren. Mir egal. Ich knüpfte ihm zwanzig Dollar ab, denn mehr hatte er nicht bei sich.
Dann sah ich ihn.
Er musste gekommen sein, während ich die letzte Partie eingetütet hatte, denn ich hatte ihn nicht eintreten sehen. Er lehnte am Tresen und hatte ein Bier vor sich stehen. Ich schaute auf meine Uhr. 22:40.
Ich ging zur Jukebox hinüber. Einige der Kerle folgten mir mit ihren Blicken. Ich zog erneut ein paar Quarter aus meiner Tasche und wählte einen Song der Rolling Stones. Dann kehrte ich zum Tisch zurück, wobei ich dieses Mal ein wenig die Hüften schwenkte. Genüsslich nahm ich einen großen Schluck Bier. »Wer ist dran?«
Ich schlug erneut jemanden, irgendeinen aus der Meute. Wer es war, kümmerte mich nicht. Der Mann, der gerade hereingekommen war, hatte es sich zwar an der Bar gemütlich gemacht, beobachtete jedoch neugierig die kleine Menschenansammlung um den Billardtisch. Auch mich betrachtete er staunend. Ich hatte seine Aufmerksamkeit.
Ich nahm mein Geld vom Tisch. »Ich muss was trinken. Der Tisch ist frei. Ich bin hier fertig.«
Ich kehrte zur Bar zurück, zog meine Jacke aus und setzte mich neben ihn, wobei ich einen unbesetzten Hocker zwischen uns frei ließ. Ja, er war es. Untersetzt, ein paar Jahre älter als ich, schwarzer Spitzbart, glanzlose Augen. Breite Schultern, blau-grüne Tätowierungen an beiden Unterarmen.
Ich fing den Blick des Barkeepers auf. »Noch ein Heineken. Und noch einen Kurzen.«
Dieses Mal kippte ich den Kurzen nicht direkt hinunter, sondern ließ ihn auf dem Tresen stehen. Ich nippte an meinem Bier und starrte auf die abgenutzte Holzplatte. Jemand hatte Initialen in die Oberfläche geritzt. RS & CJ auf immer. Ob RS und CJ wohl immer noch ein Paar waren? Ich hätte auf Nein gewettet.
»Man sagt, alleine zu trinken ist eine schlechte Angewohnheit.«
Ich schaute zu ihm hinüber. Zum ersten Mal, seit er eingetreten war, sah ich ihm in die Augen. »Wer sagt das?«
Er lachte. »Irgendwer. Scheiß drauf. Ich habe keine Ahnung.«
»Dann trink einen mit.«
»Werde ich dann wohl mal tun.« Er nickte dem Barkeeper zu. »Ein Glas von dem, was auch immer sie hat, Teddy. Geht auf mich.«
»Nein«, korrigierte ich ihn. »Ich bezahle meine Getränke selbst.«
Überrascht schaute er mich an. »Mir ist noch nie ein Mädel begegnet, das einen kostenlosen Drink ablehnt.«
»Einmal ist immer das erste Mal.«
»Wahrscheinlich kannst du es dir ja leisten, nach dieser Nummer vorhin am Billardtisch.«
»Ich konnte es mir bereits leisten, als ich hier hereinspaziert bin. Und kann es immer noch.«
Erneut lachte er. »Du bist mir ja mal ein Energiebündel, was?«
»Du kennst mich nicht«, entgegnete ich.
»Aber ich könnte.«
»Könntest was?«
»Dich kennenlernen. Ein bisschen jedenfalls.«
»Wie?«
Nun war er es, der die Schultern zuckte. »Indem wir uns weiter unterhalten, schätze ich.«
Ich erhob mein Whiskyglas. »Prost.«
Wir stießen an und tranken.
»Ich habe dich hier noch nie gesehen«, warf er ein.
»Liegt daran, dass ich noch nie hier war.«
»Und warum heute Abend?«
Ich fuhr mit einem meiner rot lackierten Nägel durch das zerfurchte Holz vor mir und fragte mich erneut, was es mit RS und CJ auf sich hatte. »Ist das für dich wirklich von Belang?«
»Nicht wirklich.«
»Genau. Ich bin hier. Du bist hier. Warum nach einem Grund suchen?«
»Stimmt schon.« Er schaute zum Barkeeper auf. »Noch zwei. Für ihr Getränk bezahlt sie.« Er wandte sich mir zu. »Wer sagt, dass man einem alten Fuchs nicht noch ein paar neue Tricks beibringen könnte?«
»Bist du ein alter Fuchs?«
Er zwinkerte mir zu. »Noch nicht zu alt.«
»Dann sollten wir vielleicht versuchen, dir ein paar neue Tricks beizubringen.«
Noch mal zwei Jamesons. Wir tranken.
»Mir ist langweilig«, sagte ich, glitt von meinem Barhocker und ging los, ohne mich umzuschauen. Ich kehrte an die Jukebox zurück und legte einen langsameren Song auf, Love Me Two Times von The Doors. Dann fing ich an, in der Nähe des Musikautomaten mit langsamen Bewegungen zu tanzen. Alle Barbesucher hatten ihre Blicke auf mich gerichtet. Ich spürte, dass er hinter mir stand, fühlte es, als hätte ich Augen im Hinterkopf. Seine große Hand wiegte tastend meine Hüfte, nahm meine Bewegungen auf. Ich bremste ihn nicht, als er sich von hinten an mich presste. Ich biss die Zähne zusammen, ließ es aber zu. Wir tanzten den ganzen Song über gemeinsam.
»Du solltest mit zu mir kommen«, sagte er, als die Musik verebbte.
Ich schmunzelte ein wenig. »Ach ja?«
»Du hast getrunken. Du solltest nicht mehr fahren.«
Mein Lächeln wurde breiter. »Du passt auf mich auf.«
Er grinste. »Ich passe auf uns beide auf. Komm. Ich wohne bloß eine Meile die Straße runter. Ich habe eine gute Flasche Whisky, die wir uns genehmigen können.« Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein. »Und ich habe Eier und Kaffee. Zum Frühstück.«
Ich starrte ihn offen an. »Jetzt sage ich dir mal was. Wir beide werden niemals zusammen frühstücken. Völlig ausgeschlossen.«
Seine Augen flackerten vor Zorn. »Das hättest du mir vor einer Stunde sagen können. Was für eine Zeitverschwendung!«
Er machte auf dem Absatz kehrt und steuerte die Bar an.
Ich ließ ihn drei Schritte weit gehen, bevor ich mich erneut meldete.
»Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht mitkommen würde.«
Blitzschnell drehte er sich wieder um.
Ich fuhr ihm hinterher. Ich genoss es, die Nachtluft auf meiner Haut zu spüren, genoss das Gefühl des Lenkers in meinen Händen, genoss den festen Druck, mit dem der Wind in meine Lungen strömte. Mit einer Windschutzscheibe zu fahren verabscheute ich. Ich musste spüren, wie der Fahrtwind mich erfasste und beruhigte. Manchmal war mir, als wäre der einzige Platz, an dem ich inneren Frieden empfinden konnte, auf meinem Motorrad. Ob das nun ein erschreckender oder ein wahrer Gedanke war, vermochte ich nicht zu sagen.
Er wohnte in einem kleinen Bungalow im Craftsman-Stil in West Oakland, nahe den Hafenanlagen. Nahe genug, dass ich das Rauschen des Verkehrs auf dem Freeway hören und die Lichter des Hafens sehen konnte. Schwere Kräne und aufeinandergestapelte Schiffscontainer verdeckten jedoch das dunkle Wasser. Ein orangefarbenes Glühen erhellte den dunstigen, fahlen Nachthimmel. Auf der anderen Seite der Bay glitzerte das Lichtermeer der Stadt.
Ich sah, dass er in eine Auffahrt abbog, fuhr jedoch noch eine Querstraße weiter, bevor ich parkte. Dann schloss ich meinen Helm ans Motorrad an, verstaute meine Handschuhe in meiner Handtasche und ging zurück in Richtung des Hauses. Er wartete in der offen stehenden Eingangstür auf mich. »Wieso hast du nicht in der Einfahrt geparkt?«
»Ich parke nie in der Einfahrt von Fremden.«
»Wir werden nicht mehr lange Fremde sein.«
»Mag sein.«
Sein Wohnzimmer war schlicht eingerichtet. Zwei in die Jahre gekommene Sessel und eine schwarze Ledercouch vor einem Fernseher, auf dem der Sportsender ESPN lief. Ein Xbox-Controller auf dem Couchtisch, daneben diverse schmutzige Teller. Er stellte den Ton des Fernsehers ab, verschwand in der Küche und kehrte wenig später mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern zurück. Hatte er nicht etwas von gutem Whisky gesagt? Es war Famous Grouse. Mein Gott, was war für diesen Kerl denn dann schlechter Whisky?
Er ließ die Musik einer Rockband laufen, die sich anhörte wie ein billiger Abklatsch von Metallica – laut, aber talentfrei. Er schenkte uns ein und machte dann eine Geste mit der Hand. »Zieh dir einen Sessel heran. Sei nicht schüchtern.«
Ich genehmigte mir einen Schluck. »Ich sollte es langsam angehen lassen, sonst bin ich betrunken.«
»Ist betrunken sein etwas Schlechtes?«
»Kommt darauf an, was passiert, schätze ich.«
»Was willst du denn, dass passiert?«
»Wirst du schon sehen.«
»Mein Gott!«, rief er aus, halb amüsiert, halb genervt. »Sich mit dir zu unterhalten ist, wie einen Code zu knacken.«
Ich ignorierte ihn und schaute mich um. Dabei spürte ich, wie sich die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenfügten. Es war nach Mitternacht.
Gleich war es so weit.
Ich deutete mit dem Kopf auf die lavendelfarbenen Vorhänge vor dem Fenster. »Ich hätte nicht gedacht, dass du zum Innenarchitekten taugst.« An der Wand über der Couch hing ein Bild. Darauf war der Mann zu sehen, der jetzt vor mir stand, den Arm um eine Frau gelegt, beide lächelnd und mit einem Drink in der Hand. Sie trug ein schwarzes Kleid, er eine scharlachrote Krawatte über einem kastanienbraunen Hemd. Hinter den beiden liefen Leute umher. Vielleicht eine Party im Kreis von Arbeitskollegen oder ein Hochzeitsempfang. Irgendetwas Geselliges. Die Frau auf dem Bild war nicht besonders hübsch, ein wenig pummelig und hatte schlichte Gesichtszüge. Aber sie wirkte glücklich. Ihr Lächeln war echt.
Unangenehm berührt, folgte er meinem Blick auf die Vorhänge. »Die sind nicht von mir.«
»Mitbewohnerin? Freundin?«
»Klar, nennen wir sie Mitbewohnerin.«
»Ist sie hier?«
»Nein.«
»Kommt sie heute Abend noch zurück?«
»Nein, aber wen schert’s?« Er schenkte sich erneut ein. »Was spielt das für eine Rolle?«
»Tut es wohl nicht.«
»Hör zu, ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe eine anstrengende Woche hinter mir. Gequatscht habe ich genug. Willst du noch einen Drink, oder gehen wir gleich dort hinein?« Er deutete mit dem Kopf auf eine halb geöffnete Tür. Das Schlafzimmer.
»Ich sagte doch schon: Du wirst noch mitbekommen, was ich will.«
»Was sollen diese ganzen gottverdammten Rätsel?«, rief er. »Ich habe dich in einer Bar aufgelesen. Wir sind keine Highschool-Schnuckis mehr. Wir wissen, was wir wollen. Warum um den heißen Brei herum quatschen?«
»Du hast schlechte Laune«, bemerkte ich.
»Ich habe einen Steifen.«
»Ich nehme noch einen Drink.«
»Klar doch.« Er schenkte ein.
Ich nahm das Glas, trank, stand auf, zog meine Jacke aus und hängte sie über den Sessel. Mit dem Glas in einer Hand stand ich nun da in meinem schwarzen Tank Top, meiner Jeans und meinen Stiefeln. »Besser so?«
»Scheiße«, sagte er. »Du bist ein echter Knaller. Und ich bin ein echter Glückspilz.«
»Jetzt du.«
»Nun kommen wir der Sache schon näher.« Er kippte seinen Drink herunter und stand auf. Er war ein groß gewachsener Kerl, vielleicht einen Meter sechsundachtzig, mehr als neunzig Kilo, kräftige Statur. Er zog sich sein T-Shirt aus, und eine schwarze Brustbehaarung trat zutage.
»Weiter«, sagte ich.
»Wie du willst. Schüchtern war noch nie mein Ding.« Er öffnete seinen Gürtel, kickte seine Schuhe weg und zog sich die Jeans aus. In Boxershorts und Socken baute er sich vor mir auf. Das mit dem Steifen war kein Witz gewesen. Entspannt fläzte er sich wieder in seinen Sessel. »Komm zu mir, Kleines. Wir ziehen dir mal die Stiefel aus.«
Ich schaute ihn an.
Stellte mein Glas ab.
Holte meine Motorradhandschuhe aus meiner Handtasche und streifte mir den ersten über. Dabei achtete ich darauf, dass der gepanzerte Lederrücken sich perfekt über meine Knöchel spannte.
Er starrte mich an. »Bist du Lederfetischistin?«
Statt eine Antwort zu geben, zog ich mir den zweiten Handschuh über.
»Hör zu«, sagte er. »Ich weiß ja nicht, worauf du so abfährst, aber ich mache keine perverse Scheiße. Ich will nicht versohlt oder ausgepeitscht oder vornübergebeugt werden.«
Ich schaute zu ihm hinab. »Weißt du was?«
»Was?«
»Ich glaube, ich bin nicht in Stimmung.«
Wütend kniff er die Augen zusammen. »Machst du Witze?«
»Nee.«
»So eine Scheiße kannst du bei mir nicht abziehen.«
»Warum nicht?«
»Du bist mit zu mir gekommen, hast meinen Fusel getrunken, lässt mich meine gottverdammten Klamotten ausziehen. Meinst du vielleicht, ich schleppe dich ab, weil ich Konversation mit dir betreiben will?«
»Wo ist deine Freundin?«, fragte ich.
»Von wem redest du?«
»Ach ja, Mitbewohnerin«, korrigierte ich mich mit vor Verachtung triefender Stimme, während ich mit dem Kopf auf das Foto deutete.
»Wir haben uns getrennt.«
»Vögeln werde ich dich trotzdem nicht.«
»Meinst du das ernst?«
»Todernst.«
»Na schön«, sagte er. »Dann mach, dass du aus meinem Haus kommst, du durchgeknallte Schlampe. Mach schon, aber zackig.«
»Und was, wenn ich nicht gehe?«
Nun lag ein anderer Ausdruck auf seinem Gesicht. Ein gefährlicher.
Ein Blick, der sagte: Wenn du weißt, was gut für dich ist, dann renne um dein Leben.
Ich rührte mich nicht vom Fleck.
Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und spannte den Kiefer an. »Mir reicht’s jetzt mit deiner Schwanzfopperei. Ich weiß nicht, wer du bist oder was du willst, und es ist mir auch egal.«
»Sollte es aber nicht«, erwiderte ich. »Das ist der Punkt. Derlei Dinge sollten dir nicht egal sein.«
Er ging nicht darauf ein. »Ich weiß nur, dass du dich auf meinem Grund und Boden befindest. Und wenn du nicht in fünf Sekunden von hier verschwunden bist, befördere ich dich kopfüber auf den verdammten Bordstein, wo noch der Müll von gestern steht.«
Ich sah ihn gelassen an, ohne etwas zu erwidern.
»Ich meine es ernst.«
Ich blieb stumm.
»Fünf.«
Ich sagte keinen Ton.
»Vier. Drei. Ich meine es wirklich ernst.«
Ich schaute ihn weiter stumm von oben herab an.
»Zwei. Letzte Chance. Ich meine es ernst.«
Ich atmete ruhig ein und stieß dann langsam die Luft wieder aus. Ich spürte, wie mein Puls auf die mir vertraute Art und Weise zu pochen begann. Nun war es gleich so weit.
Gleich.
»Eins.«
Ich holte erneut Luft.
Stieß sie langsam aus.
»Okay, du hast es so gewollt.« Die Hände nach wie vor zu Fäusten geballt, machte er Anstalten aufzustehen.
Ich wartete, bis er sich halb aus dem Sessel erhoben hatte, die Beine angewinkelt, das Gewicht ungelenk nach vorne verlagert und aus dem Gleichgewicht.
In diesem Moment machte ich einen Schritt nach vorn und schlug zu.
Ich war Rechtsausleger und versetzte ihm mit meiner Linken einen heftigen Schlag. Ein kurzer Punch aus der Drehung, hinter dem mein ganzes Körpergewicht lag. Ich spürte, wie meine Faust mit einem malmenden Geräusch auf seine Nase krachte und der Knorpel wie ein Schwamm nachgab. Das war ein anderes Gefühl als bei einem Schlag auf den Kiefer, den Wangenknochen oder die Schläfe. Ich war es schon lange leid, mir die Knöchel aufzuschlagen. Die gepanzerten Motorradhandschuhe konnten einen Aufprall auf dem Asphalt bei einhundertdreißig Stundenkilometer dämpfen. Sie bewirkten Wunder. Mittlerweile trug ich kaum mehr blaue Flecken davon.
Er plumpste zurück in den Sessel und umklammerte sich mit beiden Händen die Nase. »Scheiße«, jaulte er. Seine Stimme klang gedämpft. »Du hast mir die Nase gebrochen.«
Ich rührte mich nicht vom Fleck, holte erneut Luft, stieß sie wieder aus, kontrollierte meine Atmung, meinen Puls, nahm jedes noch so kleine Detail wahr. Es war, als wäre ich auf Droge. Alles um mich herum nahm ich deutlich und klar wahr, jede Bewegung, jedes Geräusch. Ich wählte meine Worte mit Bedacht. »Bist du bereit für eine weitere Kostprobe? Oder brauchst du noch eine Minute?«
Bei dieser Bemerkung stand er wieder auf. Dieses Mal vorsichtig. Er ignorierte das Blut, das ihm aus beiden Nasenlöchern lief, und wandte seinen Blick nicht von mir ab. Als er es erneut versuchte, stürzte er nicht einfach auf mich los. Stattdessen täuschte er, als er auf die Beine gekommen war, einen überstürzten Angriff vor, machte dann aber einen Schritt nach vorn und führte einen schweren rechten Haken in Richtung meines Kopfes aus. Es war die Art Schlag, der einen bis in die folgende Woche hinein ohnmächtig werden lässt und bei dem man sich nach dem Aufwachen fragt, von welchem Bus man überfahren wurde.
Mühelos wich ich ihm aus.
Während er noch um sein Gleichgewicht rang, tauchte ich unter seinem Arm durch, unsere Gesichter keine zehn Zentimeter voneinander entfernt. Ich schlug ihn vier Mal in zwei Sekunden. Ein heftiger Aufwärtshaken zum Kinn, ein kurzer rechter Haken auf die Schläfe, gleich oberhalb des Ohrs, um ihn vollends aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann verpasste ich ihm eine Linke auf die gebrochene Nase und gab ihm mit einem hässlichen Haken in seine alkoholgetränkte Niere den Rest.
Mit dem Gesicht nach unten schlug er auf dem Couchtisch auf.
Dieses Mal sagte ich nichts. Ich wartete aber auch nicht ab, sondern drehte ihm den linken Arm vom Körper weg und brachte mich sorgsam in Stellung. Dann stellte ich meinen bestiefelten Fuß etwa fünfzehn Zentimeter unter seine linke Achselhöhle und ließ den Absatz so fest herunterschnellen, wie ich konnte. Ein Knacken ertönte, und er schrie gellend auf. Ich schaute ihn an, wie er dalag. Keine Spur von Kampfgeist mehr. Er war erledigt.
»Hast du einen Festnetzanschluss?«, fragte ich.
Er gab keine Antwort, sondern lag nur stöhnend da und hielt sich die Seite.
»Hast du einen Festnetzanschluss?«, wiederholte ich.
Sein Atem ging stoßweise. »Du hast mir die verdammte Rippe gebrochen. O Gott, tut das weh.«
So kam ich nicht weiter. »Wenn du kein Festnetz hast, kann ich mir dann bitte mal dein Handy ausleihen?«
»Warum?«
»Um dir einen Krankenwagen zu rufen.«
»Nein. Warum hast du mich zusammengeschlagen?«
»Weil du es verdient hast. Kann ich jetzt das Telefon haben?«
Er rappelte sich langsam von dem zersplitterten Couchtisch auf. »In meiner Jeans.«
Ich ging hinüber zu seiner Hose und zog das Telefon aus der Tasche. Für die Nummer, die ich anwählte, brauchte ich keinen PIN-Code.
»Neun eins eins, welchen Notfall möchten Sie melden?«
»Ein Mann hier«, gab ich durch. »Ich glaube, er wurde in eine Schlägerei verwickelt. Ich glaube, er hat dabei den Kürzeren gezogen.«
Ich hatte Hunger bekommen und fuhr durch die Gegend, bis ich ein paar Meilen weiter auf einen Schnellimbiss stieß, der vierundzwanzig Stunden geöffnet hatte. Drei Schwarze kamen gerade heraus und stiegen gut gelaunt in einen Jeep. Es war eines von diesen neueren Modellen, bei denen die Scheinwerfer sich zu schmalen Schlitzen verengen. Sie erblickten mich, als ich meinen Helm abnahm, und einer von ihnen rief: »Verdammt, Mädchen, du hast vielleicht Stil!«
Grinsend winkte ich ihnen zu, bis sie davonfuhren. Drinnen setzte ich mich in eine Bucht im hinteren Bereich. Außer mir waren kaum andere Gäste da. Es war nach ein Uhr nachts, nicht gerade die Zeit, in der es in einem Restaurant boomte; die Nachtschichtler waren bereits hier gewesen, um zu essen, die Betrunkenen würden erst anrücken, wenn die Bars in Oakland um 2 Uhr dichtmachten. Die Kellnerin kam praktisch sofort zu mir herüber, und ich bestellte Kaffee und ein großes Holzfäller-Frühstück – gewendete Spiegeleier, Würstchen, Schinken, Kartoffelpuffer, ein kleiner Stapel Pfannkuchen und gebutterter Sauerteigtoast. Ich las, bis das Essen kam, und fiel dann darüber her, nach wie vor in meine Lektüre vertieft. Ich bestellte mehr Kaffee und ließ mir mein Eiswasser drei Mal nachfüllen, woraufhin die letzten Auswirkungen des Whiskys allmählich abklangen.
An einem Tisch in meiner Nähe saßen vier Männer. Weiße, Ende zwanzig, Anfang dreißig. Ab und zu warfen sie Blicke in meine Richtung. Sollten sie ruhig. Ich aß weiter. Das Frühstück war lecker. Ich hatte Kohldampf.
Die vier Typen flüsterten miteinander und lachten. Offenbar war ich das Gesprächsthema. Schließlich kam einer von ihnen zu mir herüber. Er sah gut aus, war schlank gebaut und hatte einen tabakfarbenen Dreitagebart. Sein lockiges braunes Haar war kurz geschnitten, und er hatte eine Brille mit Drahtgestell auf der Nase. Er trug eine Cordjacke, und zu meiner Verwunderung erblickte ich eine kleine goldene Pappkrone auf seinem Kopf, wie Burger King sie an Geburtstagskinder verschenkte. »Bitte um Erlaubnis, mich der Bank nähern zu dürfen«, sagte er.
Ich hörte auf zu kauen und schob mein Buch beiseite. »Und warum solltest du das?«
Er trat einen Schritt näher. »Meine Freunde haben mit mir gewettet, du würdest nicht mit mir sprechen.«
»Klingt so, als hätten sie eine hohe Meinung von dir.«
Er kicherte. »Ich meine – du bist echt hübsch, und du konzentrierst dich offenkundig gerade wirklich auf etwas anderes. Meiner Erfahrung nach sind das schlechte Voraussetzungen, um mit einer jungen Frau ins Gespräch zu kommen. Für mich, meine ich, nicht für sie. Die Hübschen, die sich auf etwas konzentrieren, ignorieren mich normalerweise. Jede zweite, um ehrlich zu sein. Funktioniert einfach nicht besonders gut.«
Ich seufzte. »Hör zu. Du redest gerade mit mir. Und ich mit dir. Du hast eure Wette gewonnen. Du kannst zu deinen Freunden hinübergehen und ihnen sagen, dass das echt hübsche, konzentrierte Mädchen mit dir gesprochen hat.«
Ich nahm mein Buch und meine Gabel wieder in die Hände und widmete mich erneut den Spiegeleiern.
»Hör zu, ich wollte dich nicht belästigen.«
»Schon gut«, sagte ich zu ihm. »Du hast mich nicht belästigt.«
Dann überraschte er mich. »Die unendliche Resignation ist das Hemd, von dem in einer alten Sage erzählt wird. Der Faden ist unter Tränen gesponnen, von Tränen gebleicht, unter Tränen ist das Hemd genäht, aber nun behütet es besser als Eisen und Stahl.«
Ich ließ mein Buch erneut sinken, sodass der Titel wieder zu sehen war. Furcht und Zittern.
»Okay, du Held«, sagte ich. »Du bist Student an der Berkeley und kannst Kierkegaard zitieren. Aufbaustudium Philosophie?«
Nun war es an ihm, verblüfft zu sein. »Englisch, um ehrlich zu sein. Ich habe bloß ein Faible für längst dahingeschiedene dänische Existenzialisten. Woher weißt du das alles?«
»Weil du viel zu spät dran bist, um Professor zu sein, und für einen Studenten im Grundstudium bist du zu höflich. Und wärst du an der Stanford, würdest du in San Francisco ausgehen, nicht in Oakland. Bleibt also Berkeley.«
»Das sind jetzt eine Menge Mutmaßungen.«
»Jeder stellt Mutmaßungen an. Die Frage ist nur, ob sie zutreffen oder nicht.«
Er legte die Stirn in Falten. »Dann bin ich also ein offenes Buch? Keinerlei Geheimnis? Das ist deprimierend.«
»Eine Frage hätte ich schon.«
»Ja?«
»Die Krone«, sagte ich. »Daraus werde ich nicht schlau. Sehr geheimnisvoll.«
Verlegen rieb er sich den Kopf. »Ich habe heute meine Dissertation abgegeben. Wir feiern gerade.«
»Glückwunsch.«
»Tja, sie muss noch angenommen werden. Aber immerhin ist es ein erster Schritt.«
»Über wen hast du geschrieben?«
»William Hazlitt.«
»The Fight. Eines meiner Lieblingsbücher.«
»Wow«, sagte er. »Kein Mensch kennt heute mehr Hazlitt, außer vielleicht seine Sachen über Shakespeare. Aber keiner kennt The Fight. Bist du auch auf der Uni?«
»Nee. Bloß eine kleine Arbeiterin.«
»Und wo arbeitest du?«
»In einem Buchladen.«
»Hier in der Gegend? Die kenne ich alle.«
»Dann kennst du ihn vielleicht.«
Er schaute sich in dem nahezu menschenleeren Restaurant um. »Und warum bist du dann heute Nacht hier?«
»Du meinst, ich sehe nicht so aus, als hätte ich gerade eine Dissertation abgegeben?«
Er grinste und zeigte dabei weiße Zähne. »Dafür bist du viel zu nüchtern.«
Mit gelinder Verwunderung stellte ich fest, dass mir sein Lächeln gefiel. »Okay. Gut. Du darfst dich setzen.«
»Ich hatte gehofft, dass du mir das anbieten würdest«, gestand er und nahm Platz. »Ich bin Ethan. Und du heißt …«
»Nikki.«
»Du magst Kierkegaard?«
»Manchmal«, erwiderte ich. »Ich habe das Gefühl, er ist das Einzige, was mich zusammenhält.«
»Hör zu«, sagte Ethan. »Normalerweise gebe ich meine Telefonnummer nicht an fremde Frauen raus.«
Ich musste lachen. »Habe ich denn nach ihr gefragt?«
»Dein Blick verrät dich.«
»Ich verstehe.«
Er zwinkerte mir zu. »Ich mache jetzt mal eine Ausnahme. Nur dieses eine Mal.«
»Dann tu das.«
»Aber wir schlafen bei unserem ersten Date nicht miteinander!«, verkündete er mit strenger Miene. »Darauf bestehe ich. Das steht nicht zur Debatte. Ist mir egal, was du dazu sagst.«
Bemüht, nicht zu grinsen, nippte ich an meinem Kaffee. »Du legst die Bedingungen fest, ja?«
»Na ja, einer muss es ja tun. Wenn du jetzt bitte so freundlich wärst, mir dein Telefon zu leihen. Ich tippe dann meine Nummer ein, und dann kannst du mich praktisch jederzeit anrufen, wann du willst.«
»Ich habe kein Handy.«
Nun war er baff. »Jeder hat doch ein Handy. Meine Großmutter hat ein Handy, weiß aber nicht, wie man es einschaltet. Wirklich, ich übertreibe nicht, sie weiß nicht, wo die Power-Taste ist. Aber sie hat eines.«
»Tja, ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Aus dem gleichen Grund, weshalb ich keinen Hamster habe. Weil ich beides nicht mag.«
Er stibitzte sich einen Kartoffelpuffer von meinem Teller und kaute nachdenklich darauf herum. »Nimm dich in acht. Allmählich mag ich dich wirklich.«
»Echt jetzt?«
»Komm«, sagte er. »Wir gehen miteinander aus, das wird lustig.« Er nahm sich eine Serviette und zog einen Kugelschreiber aus seiner Jackentasche. »Hier, meine Nummer. Wie erreiche ich dich, junge Frau ohne Handy?«
Er hatte blaue Augen. Sanfte Augen. Und er hatte wirklich ein bezauberndes Lächeln.
»Gut.« Ich nahm die Serviette, riss sie in zwei Teile, schrieb eine Telefonnummer und eine Adresse darauf und reichte sie ihm zurück.
Überrascht nahm er die Serviette entgegen. »Deine Adresse? Du kennst mich doch kaum.«
»Montag«, sagte ich. »Du kannst nächsten Montag zum Abendessen kommen, sieben Uhr. Wenn du möchtest.«
»Du lädst mich zum Essen ein? Eigentlich hätte ich dich zum Essen einladen sollen.«
»Tja, hast du aber nicht. Außerdem verspreche ich dir, dass ich eine bessere Köchin bin als du.«
»Woher willst du das wissen?«
»Nenne es wieder eine Mutmaßung.«
»Ich bin ein ziemlich lausiger Koch«, gab er zu. »Dafür esse ich gern.«
Erneut schaute ich auf meine Uhr. Fast halb drei. Es wurde Zeit.
Ich warf einen Zwanziger auf den Tisch und stand auf. »Ich muss jetzt gehen. Und übrigens …« Ich fuhr mit meinen Fingern über seine Jeanstasche, aus der sein Studentenausweis herauslugte. »Manchmal reicht es schon, die Augen aufzusperren.«
Und dann, weil ich einfach nicht widerstehen konnte, nahm ich ihm die Krone ab, setzte sie mir auf und ging aus dem Restaurant.
Zehn Minuten später war ich wieder vor dem Craftsman-Bungalow.
Erneut ließ ich mein Motorrad eine Querstraße weiter unten stehen. In den Häusern auf beiden Seiten der Straße brannte nirgends Licht. An den Bordsteinen standen reihenweise Autos, und der gelbliche Schimmer der Hafenanlage breitete sich gespenstisch am Horizont aus. Auf der Straße war es ruhig.
In Bezug auf Menschen, die im Krankenwagen von zu Hause abtransportiert wurden, war mir etwas Komisches aufgefallen: Sie dachten nie daran, die Haustür hinter sich abzuschließen. Das war einfach nichts, was ihnen in den Sinn kam. Sie hatten größere Sorgen. Auch Sanitäter schlossen nie die Tür ab. Das war nicht ihre Aufgabe.
Daher war ich nicht überrascht, als ich feststellte, dass die Haustür nicht abgeschlossen war.
Ich trat ein.
Er war noch nicht wieder zurück. An Freitagabenden herrschte in den Notaufnahmen in Oakland Hochbetrieb. Selbst mit gebrochener Nase und Rippe würde er sich ein bisschen gedulden müssen. Oakland war eine Großstadt, und zwar eine ziemlich gewalttätige. Nicht so schlimm wie früher, aber immer noch wurden Menschen angeschossen, überfahren, niedergestochen. Tag für Tag passierten alle möglichen schlimmen Dinge, und Freitagabende brachten das Schlechteste in den Menschen hervor. Für jemanden mit einer gebrochenen Rippe und einer gebrochenen Nase ließ man in der Notaufnahme nicht alles stehen und liegen. An einem Rippenbruch starb niemand. Aber ewig würden sie ihn dort auch nicht schmoren lassen. Schließlich war er ja nicht bloß mit einem verstauchten Knöchel aufgekreuzt. Ich ging davon aus, dass er eine Stunde, höchstens zwei warten musste, je nachdem, wie hektisch es in der Nacht zuging. Je nachdem, wie viele schlimme Dinge Menschen zugestoßen waren, denen ich wahrscheinlich niemals begegnen würde.
Er hatte etwas von Kaffee gesagt.
Ich durchstöberte die Küche und stieß auf eine Tüte Peet’s, vorgemahlen. Es hätte schlimmer kommen können.
Ich brühte eine große Kanne in der Kaffeemaschine auf und richtete mich darauf ein zu warten.
Kurz vor halb vier hörte ich, wie die Tür aufging. Ich machte mir nicht die Mühe aufzustehen, sondern blieb im Sessel sitzen, als er hereinkam. Dass er in Begleitung der Polizei kommen würde, brauchte ich nicht zu befürchten, denn dass ihm ein Mädchen, das er zu sich nach Hause abgeschleppt hatte, den Arsch aufgerissen hatte, würde er niemandem aufs Butterbrot schmieren. Und das Letzte, was ihm in den Sinn kommen würde, war die Möglichkeit, dass ich immer noch da sein würde.
Oder zurückgekommen wäre.
Ich wartete, bis er die Tür geschlossen hatte. »Robert«, sagte ich dann und schaltete eine Lampe ein.
»Was zur Hölle!« Er machte einen Satz zurück. Seine Nase war zum Teil von einem weißen Verband verdeckt, und der Knochenbruch hatte ihm zwei blaue Augen beschert. Dort, wo er mit dem Kopf auf dem Couchtisch aufgeschlagen war, prangten Nähte auf seiner Stirn. Unter dem Hemd war er wahrscheinlich mit elastischen Binden bandagiert. Bei gebrochenen Rippen ließ sich kaum mehr machen, als sie verheilen zu lassen und nichts zu unternehmen, was dies vereiteln würde. Mit so einer Verletzung war nicht zu spaßen. Während er sprach, zuckte er vor Schmerz zusammen. Bei einem Rippenbruch schmerzte am Anfang sogar das Atmen. Er wich vor mir zurück. »Warum bist du hier?«
»Entspann dich«, sagte ich. »Ich werde dir nicht wehtun. Wir werden nur reden.«
»Du willst reden? Nachdem du mich so zugerichtet hast?«
»Ja, will ich. Setz dich. Bitte.«
Furcht und Wut standen ihm ins Gesicht geschrieben. »Du bist in meinem Haus und befiehlst mir, mich zu setzen?«
»Ich bitte dich, dich zu setzen. Ich habe dir nie irgendetwas befohlen.«
»Du wirst mir nicht wehtun? Das versprichst du?«
Ich stand auf, ging in die Küche und kehrte mit einem Becher wieder zurück, den ich ihm reichte. »Ich habe Kaffee gekocht. Ich hoffe, das ist okay.«
»Du hast Kaffee gekocht«, wiederholte er. Nun war er nur noch verwirrt.
»Ich dachte mir, wir könnten beide einen gebrauchen.«
Voller Misstrauen, so als hätte ich Blausäure hineingetan, nahm er den Becher entgegen. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Abgesehen von dem kaputten Couchtisch sah alles noch so aus wie zu dem Zeitpunkt, als wir gemeinsam hierhergekommen waren. »Was willst du?«, fragte er.
Ich öffnete meine Handtasche, zog ein paar Blatt Papier hervor und reichte sie ihm.
Als er die erste Seite sah, schaute er bestürzt auf. »Was ist das?«
»Der Name deiner Freundin ist Angela Matterson. Dein Name ist Robert Harris. Sie arbeitet als Sonderschullehrerin in San Leandro, und du bist Mechaniker bei Sharkey’s Motors. Du bist seit zwei Jahren und sieben Monaten mit Angela zusammen.«
»Woher weißt du das?«
Ich ignorierte die Frage. »Vor sechs Wochen hattet ihr beide einen heftigen Streit. Die Sache ist eskaliert. Und da hast du sie geschlagen. Du hast sie übel zusammengeschlagen.«
Er starrte mich an. »Wer bist du?«
»Ich behaupte nicht, zu wissen, wer im Recht war. Es ist mir schnuppe, wer was gesagt hat. Aber diese Patientendaten aus dem Krankenhaus, die du gerade in der Hand hältst, belegen, dass du deine Freundin mit einem Nasenbeinbruch in die Notfallambulanz befördert hast. Den Rippenbruch hat sie sich zugezogen, als sie beim Versuch wegzulaufen auf der Eingangstreppe gestürzt ist. Der Polizei hat sie erzählt, sie wäre dabei gestolpert, und blieb bei dieser Aussage. Dass du sie verprügelt hast, hat sie nicht zugegeben.«
»Ich habe die Beherrschung verloren«, sagte Robert, nun mit eher gedämpfter Stimme. »Ich hatte ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich hatte vorher noch nie die Hand gegen sie erhoben.«
Vielleicht stimmte das. Vielleicht auch nicht. »Nach ihrem Krankenhausaufenthalt hat sie Zuflucht in einem Frauenhaus gefunden«, fuhr ich fort. »Dort wurde sie beraten und ist dann hierher zurückgekehrt, um ihre Sachen abzuholen. Sie hatte beschlossen auszuziehen und ein neues Leben anzufangen. Sie hat diese Entscheidungen für sich getroffen.«
Er schaute mich an, sagte jedoch nichts.
»Aber als sie zurückkehrte, hast du sie schon erwartet.«
»Um mich zu entschuldigen! Um sie zu bitten, mir eine zweite Chance zu geben.«
»Du hast dich entschuldigt. Das ist unbestritten. Aber sie hat ihre Meinung nicht geändert, sondern ihre Koffer gepackt.« Ich stellte meine Tasse auf den Tisch. »Und da hast du ihr einen Revolver vor die Nase gehalten. Du hast ihr gesagt, du würdest sie aufspüren und etwas tun, was das, was du zuvor getan hattest, in den Schatten stellen würde.«
Ich verstummte, um ihn zum Widerspruch zu animieren.
Er wich meinem Blick aus. »So etwas hätte ich nie getan. Das war nicht ernst gemeint. Ich war bloß sauer. Ich wollte sie einfach zurückhaben.«
Und wieder: Vielleicht stimmte das, vielleicht auch nicht. Es spielte keine Rolle. »Klar. Vielleicht hast du nur geblufft. Vielleicht hast du sie wirklich geliebt. Vielleicht liebst du sie immer noch. Ich weiß es nicht. Ich behaupte auch nicht, es zu wissen. Aber das, was du ihr gesagt hast, reichte aus, um sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Und an dieser Stelle komme ich ins Spiel.«
Er biss sich auf die Lippe. »Ich war wütend. Aber ich würde ihr nie wehtun. Ich habe diesen Revolver nur zur Selbstverteidigung. Ich arbeite in einem üblen Stadtviertel, bin schon zwei Mal Opfer von Carjackern geworden.«
»Wie viel Percocet haben sie dir im Krankenhaus verabreicht?«
»Was?«
»Wie viele Schmerztabletten? Und wie viel Milligramm waren es? Hast du das mitbekommen?«
»Nur eine. Mehr wollten sie mir nicht geben, solange ich noch Alkohol im Blut habe.«
»Also hast du einen klaren Kopf? Nimmst alles bewusst wahr?«
Verwirrt schaute er mich an. »Ja, ich denke schon.«
»Gut.« Ich fasste erneut in meine Handtasche. Dieses Mal zog ich eine kleine schwarze Pistole heraus.
Die Leute reagieren unterschiedlich, wenn ich eine Waffe auf sie richte. Manche schreien auf, andere erstarren, wieder andere rennen Hals über Kopf davon. Es kommt zu allen möglichen Reaktionen. Robert begann, seinen Kopf ruckartig hin und her zu bewegen. Vor und zurück, wie eine Art grotesker Springteufel.
»Das ist eine Beretta Subkompaktpistole mit Hohlspitzgeschossen Kaliber 40 im Magazin«, erklärte ich ihm. »Subkompaktpistolen taugen nicht für weit entfernte Ziele, weil ihr Lauf zu kurz ist. Aber aus anderthalb Metern spielt das keine so große Rolle.«
»Du hast gesagt, du würdest mir nicht wehtun!«
Ich zog den Schlitten zurück, worauf sich der Hahn mit einem satten metallischen Geräusch spannte.
Als Sicherheitsfaktor baute ich immer nur darauf, dass sich keine Patrone im Lauf befand.
Seine ruckartigen Bewegungen gestalteten sich immer hektischer. »Bitte!«
Ich hielt den Lauf der Waffe eine ganze Weile auf ihn gerichtet. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog ich dann den Schlitten zurück, ließ die scharfe Patrone aus dem Lauf herausspringen und nahm die Pistole runter. »Ich will, dass du deine Situation begreifst. Wie sie eskaliert ist.«
»Bitte!«, flehte er erneut.
Ich ging zu ihm hinüber und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. Dann drückte ich ihm etwas in die Hand. Die Patrone. Ein kleiner Messingzylinder, an einem Ende zugespitzt, noch immer warm von meiner Hand. »Ich will, dass du die hier aufhebst, Robert«, sagte ich und nahm wieder Platz. »Betrachte sie als Erinnerung an dein Kontaktverbot. Wenn du jemals wütend wirst oder einsam und dann mit dem Gedanken spielst, Angela aufzustöbern, dann möchte ich, dass du diese Patrone in die Hand nimmst, sie anschaust und dich an unsere Unterhaltung erinnerst. Denn solltest du jemals wieder versuchen, mit ihr zu reden oder sie zu treffen, dann werde ich dir genau so eine Patrone in den Kopf jagen.«
Stumm starrte er den länglichen Zylinder auf seinem Handteller an. Ich ließ ihn nachdenken.
Er schaute auf. »Ich verstehe«, sagte er schließlich.
»Gut.« Ich legte die Waffe beiseite.
»Also das in der Bar heute Abend, dieses ganze Spiel, du würdest mich wollen, das Flirten … Du hast das hier die ganze Zeit über geplant, nicht wahr?«
»Ich habe nicht gelogen. Ich lüge nicht. Ich habe dir nicht ein einziges Wort gesagt, das unwahr gewesen wäre.«
»Du hast mich angebaggert.«
»Nein. Ich habe mich von dir anbaggern lassen. Und ich habe dich darüber mutmaßen lassen, was ich vorhatte.«
»Warum musstest du mich dann zusammenschlagen?«
»Du hast deine Freundin ins Krankenhaus befördert. Was mit dir passiert ist, deine Verletzungen, das ist ausgleichende Gerechtigkeit.«
»Warum bist du noch mal zurückgekommen?«
»Das ist eine Methode, die aus zwei Teilen besteht, Robert. Hätte ich dich nur verletzt, wärst du womöglich noch wütender geworden. Hätte ich nur eine Waffe auf dich gerichtet, hättest du mich womöglich nicht ernst genommen. So aber tust du es.«
»Wie ist Angela auf dich gekommen?«
»Darum geht es nicht. Es geht darum, dass ich auf dich gekommen bin. Es geht nicht mehr um sie. Es geht um uns – um dich und mich. Das ist es, was jetzt zählt.«
»Also hast du so etwas vorher schon mal getan.«
Darauf gab ich ihm keine Antwort.
»Du musst mich für einen echten Dreckskerl halten.«
»Ich bin mit Sicherheit besseren und ich bin definitiv schlechteren begegnet.«
»Ich habe sie wirklich geliebt. Vielleicht tue ich das immer noch.«
»Okay.«
»Was, wenn du mich nicht erwischt hättest? Wenn ich es in die Küche geschafft und mir dort ein Messer genommen hätte?«
Eine Tür geht auf. Ein Schritt vorwärts auf den sonnenbeschienenen Fußboden. Ein klebriger Fleck und der Geruch von Eisen. Staubkörner flimmern im Sonnenlicht, das auf die Wand fällt. Noch ein Schritt.
»Ich mag keine Messer. Ein Messer hätte nicht geholfen, Dinge zu klären.« Er ließ meine Worte auf sich wirken.
»Noch irgendetwas unklar?«, fragte ich.
»Nein.«
»Dann sind wir fertig miteinander.« Ich stand auf. »Es ist noch Kaffee da, falls du welchen möchtest. Ich habe die Maschine für alle Fälle eingeschaltet gelassen. Ruh dich ein bisschen aus. Und dann lerne eine andere kennen. Sei nett zu ihr. Oder genieße das Singleleben. Geht mich nichts an. Hört sich das gut an?«
Der Tonfall, mit dem er das eine Wort aussprach, war düster. »Gut.«
»Mich wirst du nicht wiedersehen. Es sei denn, du versuchst, sie aufzustöbern. Dann wirst du mich noch genau einmal wiedersehen.«
Während er ausdruckslos auf den kaputten Couchtisch starrte, ließ ich ihn allein und trat hinaus in die Nacht.
Ich fuhr auf dem Freeway in nördliche Richtung, bremste vor der Ausfahrt Berkeley ab, überlegte es mir dann aber anders, beschleunigte wieder und fuhr vorbei. Ich war noch nicht müde. Für die Strecke von Oakland nach Bolinas brauchte man normalerweise etwa anderthalb Stunden. Auf der Aprilia, nachts, ohne Verkehrsaufkommen, konnte ich sie in weniger als einer Stunde zurücklegen. Ich fuhr weiter bis zur Interstate 580, hielt mich dort Richtung Norden und nahm die Richmond Bridge über die Bay. Dabei genoss ich die Nacht, die Geschwindigkeit, den Fahrtwind. Nachdem ich die Schifffahrtskanäle überquert hatte, passierte ich den wuchtigen Klotz des Staatsgefängnisses von San Quentin, der an der Küste von Marin County aufragt.
Dabei versuchte ich, nicht an das zu denken, woran ich immer dachte, wenn ich an diesen blassen Steinmauern vorbeifuhr.
Und an wen ich dabei immer dachte.
Ich fuhr in einer Schleife erst hinauf und dann hinunter um Mount Tamalpais und legte mich dabei in die Haarnadelkurven, während der Lichtkegel meines Scheinwerfers die Nacht durchschnitt. In Höhe von Stinson Beach, als die Straße wieder schnurgerade verlief, drückte ich während der letzten Meilen aufs Tempo. Seit meiner Kindheit hatte sich Bolinas erheblich verändert. Vor allem waren die Häuser etwa zehnmal teurer geworden, da sich zu den Hippies und Künstlern die millionenschweren Hightech-Heinis gesellt hatten, die am Wochenende gerne einen auf Surfer-Sunnyboy machten. Diesen Kerlen saß das Geld so locker in der Tasche, dass sie ein paar Millionen Mäuse für eine kleine Bude am Meer hinblätterten, die nur wenige Jahrzehnte zuvor noch für dreißig oder vierzig Riesen den Besitzer gewechselt hätte. Dennoch war der Ort nach wie vor winzig und bewahrte sich trotz der ihm aufgezwungenen Veränderungen stolz seinen ursprünglichen Charakter.
Ich bog von der Hauptstraße in eine schmale, kurvenreiche Straße ab, die zu der Steilküste hoch über dem Meer hinaufführte. Auf halbem Weg hielt ich an, stellte den Motor aus und stieg ab. Dann ging ich leise auf ein blaues Haus zu, das in dem trüben Licht der frühmorgendlichen Dämmerung gerade noch zu sehen war. Es war ein kleines, einstöckiges Haus. Ein gepflegter Fußweg aus Pflastersteinen teilte die Rasenfläche in zwei Hälften. Ich bemerkte, dass im Vorgarten ein Kinderdreirad vergessen worden war. Bei der Vorstellung, ein Kind könne voller Eifer mit dem Rad über den Fußweg gefahren kommen, biss ich mir auf die Lippe. Ich konnte das Knirschen förmlich hören, das die Plastikräder verursachen würden, auch das glückliche Lachen im Hintergrund.
Ein fröhliches blaues Haus.
Ich stand da und schaute es an. Nirgends brannte Licht. Niemand war wach. Die Nacht war ruhig. Ich konnte die Wellen am Fuß der Klippen hören. Mich überkam das gleiche beklemmende Gefühl, das mich jedes Mal ergriff.
»Es tut mir leid«, flüsterte ich in Richtung Haus. »Es tut mir wahnsinnig leid.«
»Nikki? Nikki Griffin? Erzählen Sie mir doch mal ein bisschen etwas über sich, ja?«
»Über mich. Etwas Bestimmtes?«
»Egal. Was Ihnen gerade so durch den Kopf geht.«
»Das hört sich an wie eine Fangfrage. Wie in einem Bewerbungsgespräch.«
»Es ist keine Fangfrage. Fangen Sie doch am Anfang an.«
»Also schön. Mein Bruder und ich sind in Bolinas aufgewachsen. Meine Eltern waren so eine Art kalifornische Lebenskünstler, fuhren an den Wochenenden immer zum Fillmore, um dort Konzerte zu besuchen und danach bei einem Feuerchen am Strand Gras zu rauchen und Wein zu trinken.«
»Stehen Ihr Bruder und Sie sich nahe?«
»Ich versuche, auf ihn aufzupassen.«
»Und stehen Ihre Eltern und Sie sich nahe?«
»Können wir über etwas anderes sprechen?«
»Natürlich. Darf ich Sie etwas fragen, Nikki?«
»Klar.«
»Wie ist das mit der Gewalt?«
»Der Gewalt.«
»Ja.«
»Tja, neulich hätte ich um ein Haar einen Kellner verdroschen.«
»Einen Kellner? Wieso das denn?«
»Ich hatte einen Martini-Cocktail bestellt, und dann bringt er einen mit Wodka.«
»Wodka? War das ein Problem?«
»Gin. Wenn jemand einen Martini-Cocktail bestellt, dann bringt man ihm einen mit Gin. So läuft das. Nicht Wodka. Gin.«
»Aber Sie haben es nicht getan.«
»Ihn vermöbelt? Nee. Habe ihn bloß gebeten, mir einen mit Gin zu bringen. Das war jetzt sowieso mehr oder weniger bloß ein Scherz. Dass ich ihn schlagen wollte.«
»Freut mich sehr, das zu hören.«
»Aber irgendwie hatte ich schon das Bedürfnis. Ein bisschen jedenfalls. Wodka. Mein Gott!«
»Trinken Sie viel, Nikki?«
»Wieso fragen Sie mich das?«
»Bloß eine Frage – Sie wissen schon, Alkohol kann alle möglichen anderen Sachen triggern.«
»Andere Sachen?«
»Impulsives Verhalten und so weiter.«
»Hören Sie. Neunundneunzig Prozent meines Lebens bin ich nicht impulsiv.«
»Vielleicht sollten wir über dieses eine andere Prozent reden.«
»Ich will ja nicht unhöflich sein – aber kann ich jetzt gehen?«
»Wir können früher Schluss machen, es spricht nichts dagegen. Wir sehen uns dann nächste Woche, zur gleichen Zeit?«
»Klar. Nächste Woche. Gleiche Zeit.«
»Und, Nikki?«
»Ja?«
»Versuchen Sie, brav zu sein.«
Ich trat in das gleißende nachmittägliche Sonnenlicht hinaus, kniff die Augen zusammen und setzte meine schwarze Ray-Ban Aviator auf. Dann fischte ich aus meiner Handtasche den Lipgloss, der leicht nach Zitrusfrüchten schmeckte. Die Therapeutin praktizierte in ihrem Haus in North Berkeley. Sie hatte sich leger gekleidet, trug eine Bluejeans und einen ausgeblichenen Pulli. Wir hatten in ihrem Wohnzimmer gesessen, ich auf der Couch, sie in einem Sessel. Auf ihrem Schreibtisch standen gerahmte Buntstiftzeichnungen, wahrscheinlich das Werk ihrer Enkelkinder. Ein abgetretener Perserteppich lag auf dem Parkettboden, ein hohes Bücherregal war vollgestopft mit Werken prominenter Persönlichkeiten aus der Psychologie, dazu mit anderen, die mir nichts sagten. Die Einrichtung gefiel mir. Ein privates Zuhause war besser als geflieste Böden und Fragebögen auf einem Klemmbrett. Für so etwas wie eine Therapie. Auf der Straße vor ihrem Haus formten sanfte Wellen im Asphalt Rüttelschwellen. Farbenfroh gestrichene Häuser säumten die ruhigen Straßen, die Heckenschere eines Gärtners sirrte. Es war ein behagliches Wohnviertel, ein sicheres Viertel. Ende September war die Luft mild.
Ich zog mir ein Haargummi vom Handgelenk, band mir das Haar zu einem Knoten zusammen und setzte den Helm auf. Die schwere Maschine heulte auf, und selbst durch den gepolsterten Helm hindurch drang mir das Geräusch an die Ohren. Um den Fahrtwind zu spüren, ließ ich den Reißverschluss der Jacke offen. Ich schob den Schalthebel mit dem Fuß leicht nach oben, um den ersten Gang einzulegen, ließ die Kupplung los, rollte auf die Straße und fuhr in südlicher Richtung auf Oakland zu.
Ich hatte einen Job zu erledigen.
Der nackte Hintern des Mannes sah so bleich aus, als hätte er noch nie einen Sonnenstrahl abbekommen.
Ich richtete das schwarze Fadenkreuz aus und zielte damit genau auf seinen Allerwertesten.
Klick.
Ich machte mehrere Aufnahmen, wobei das leistungsstarke Teleobjektiv es so aussehen ließ, als wäre der Mann kaum einen Meter entfernt statt auf der anderen Straßenseite in einem Apartment im ersten Obergeschoss. Nun kam die Frau ins Bild. Sie hatte nur BH und Slip an. Die Wohnung war auf ihren Namen angemietet worden. Die Frau mochte etwa vierzig sein, vielleicht zwanzig Jahre jünger als der Mann. Sie hatte den Körper von jemandem, der sich einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit im Fitnessstudio abrackerte. Ob der Mann wohl die Miete zahlte? War das so eine Art Sugar-Daddy-Beziehung?, fragte ich mich beiläufig. Egal. So oder so, für mich spielte das keine Rolle. Wichtig war nur, dass die beiden hier waren, vor meinen Augen, zusammen. Aber eigentlich war die Frau zu hübsch für ihn.
Sie umarmten sich. Seine Hand liebkoste ihren Nacken unter ihrem blonden Haar.
Klick. Klick-klick-klick.
Durch das Teleobjektiv beobachtete ich, wie seine Finger an ihrem BH-Verschluss nestelten und ihn öffneten.
Klick. Klick.
Als sie sich vom Fenster auf das Bett zubewegten, verschwanden sie aus meinem Sichtfeld. Das war okay. Ich verstaute die große Kamera in meinem Rucksack und ging den Block entlang, um zu warten. In einem Kiosk holte ich mir einen Kaffee und eine Ausgabe des Chronicle. In der Zeitung standen die üblichen Schlagzeilen, allesamt negativ, wie es schien. Die Immobilienpreise stiegen sprunghaft an, Nordkorea feuerte Raketen ab, im Nahen Osten wurden die Menschenrechte verletzt. In der Rubrik USA & Welt prangte ein unscharfes Foto von einem kraushaarigen Mann mit einer Zahnlücke, eingeklinkt gleich neben einem weiteren Foto, nämlich der Totalen eines gelben Polizeiabsperrbands, das den Bereich um einen Leichensack markierte. Laut Bildunterschrift handelte es sich um den verstorbenen Sherif Essam, einen prominenten Blogger, der gerade einen Artikel über Menschenrechtsverletzungen der Regierung veröffentlicht, sich dann aber dazu entschieden hatte, lieber vom Dach eines dreißigstöckigen Gebäudes in Kairo zu springen. Für die Polizei ein glasklarer Fall von Selbstmord. Ich legte die Zeitung beiseite. Die Welt war ein deprimierender Ort. Das war nun nicht wirklich der bahnbrechendste aller Gedanken, aber einer, der mir häufig durch den Kopf schoss. Vielleicht lag das an meiner Arbeit.
In Anbetracht der Aufträge, denen ich nachging, bekam ich im Allgemeinen nicht die schönsten Seiten der Menschen zu sehen.
Apropos schönste Seiten. Ich stand auf. Selbst die leidenschaftlichsten Paare machten nicht ewig miteinander herum.
Als der Mann und die Frau die Wohnung verließen, bekam ich sie durch das Teleobjektiv wieder gestochen scharf vor Augen. Er trug einen marineblauen Anzug mit Nadelstreifen und roter Krawatte, womit er wie der erfolgreiche Anwalt daherkam, der er war. Sie trug Jeans und T-Shirt, ihr Haar war noch feucht von der Dusche. Ihre Gesichter waren gerötet. Sie waren glücklich mit ihrem Geheimnis. Er beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen.
Klick-klick-klick.
Es verblüffte mich immer wieder, wie einfach es war, Leute, die eine Affäre hatten, dabei zu erwischen. Rendezvous in Wohnungen, Verabredungen in Autos, Treffen in Hotels. Sie hielten sich für clever. Ich hatte zwar selbst noch nie eine Affäre gehabt, aber vielleicht gehörte der Nervenkitzel ja dazu. Das Verbotene. Spionspielchen. Herumschleichen, in einem anonymen Motel einchecken. Manche waren vorsichtiger als diese beiden, die Fotos dann schwerer zu bekommen. Aber zu bekommen waren sie immer. Die endlose Warterei, das Ausspionieren von Gewohnheiten und Vorlieben machte mir nichts aus, aber die Verletzung der Intimsphäre gefiel mir nicht. Dieser furchtbare Voyeurismus, Männer und Frauen zu beobachten und zu fotografieren, Frauen und Frauen, Männer und Männer, häufig während eines eindeutigen Sexualkontakts. Die Leute entschieden sich dazu, Affären zu haben. Das hatte nichts mit mir zu tun. Einige hatten es wahrscheinlich verdient, dass man ihnen verzieh, andere wahrscheinlich nicht.
