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Amerika im Sommer 1942: Das Land befindet sich in einem Zustand höchster Nervosität. Überall werden japanische oder deutsche Spione vermutet. Ein Medium erlebt in all den Wirren seine Blütezeit: das Radio. Als Jack Dulaney, ein erfolgloser Schriftsteller, erfährt, dass sein alter Freund Carnahan in Schwierigkeit steckt, zieht er quer durch das Land an die Küste von New Jersey. Hier, an einer kleinen Radiostation hat Carnahan zuletzt gearbeitet - bis er spurlos verschwand. Unter falschem Namen gelingt es Jack, bei dem Sender eine Anstellung zu finden. Die Hörspiele, die er zu schreiben beginnt, entfalten einen Zauber, der ihm bald den Ruf einträgt, ein Genie des Radios zu sein. Und dann trifft er Holly, Carnahans Tochter. Er hat sie einst geliebt, doch ist sie vor ihm und seiner Liebe davongelaufen. Holly singt in einer Band, ein geheimnisvoller Engel, dem alle Zuhörer verfallen sind. Das Wiedersehen der beiden verläuft äußerst kühl. Holly gibt vor, Jack nicht zu kennen - aus Angst, wie er bald erfährt. Sie glaubt, dass Spione, denen der Sender als Tarnung dient, ihren Vater getötet haben ...
John Dunning ist ein großer Roman gelungen - eine wunderschöne Liebesgeschichte, eine Hommage an das Medium Radio und ein einzigartiger literarischer Thriller zugleich.
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Seitenzahl: 861
Veröffentlichungsjahr: 2021
Amerika im Sommer 1942: Das Land befindet sich in einem Zustand höchster Nervosität. Überall werden japanische oder deutsche Spione vermutet. Ein Medium erlebt in all den Wirren seine Blütezeit: das Radio.
Als Jack Dulaney, ein erfolgloser Schriftsteller, erfährt, dass sein alter Freund Carnahan in Schwierigkeit steckt, zieht er quer durch das Land an die Küste von New Jersey. Hier, an einer kleinen Radiostation hat Carnahan zuletzt gearbeitet – bis er spurlos verschwand. Unter falschem Namen gelingt es Jack, bei dem Sender eine Anstellung zu finden. Die Hörspiele, die er zu schreiben beginnt, entfalten einen Zauber, der ihm bald den Ruf einträgt, ein Genie des Radios zu sein. Und dann trifft er Holly, Carnahans Tochter. Er hat sie einst geliebt, doch ist sie vor ihm und seiner Liebe davongelaufen. Holly singt in einer Band, ein geheimnisvoller Engel, dem alle Zuhörer verfallen sind. Das Wiedersehen der beiden verläuft äußerst kühl. Holly gibt vor, Jack nicht zu kennen – aus Angst, wie er bald erfährt. Sie glaubt, dass Spione, denen der Sender als Tarnung dient, ihren Vater getötet haben.
John Dunning ist ein großer Roman gelungen – eine wunderschöne Liebesgeschichte, eine Hommage an das Medium Radio und ein einzigartiger literarischer Thriller zugleich.
Über John Dunning
John Dunning war viele Jahre lang nicht nur Journalist und Schriftsteller, sondern auch Buchhändler und Antiquar. Sein Geschäft in Denver galt als eine Kultstätte für Bücher. Er besitzt eines der größten Archive über die Geschichte des Radios. Seine Serie um den Bücherdetektiv Cliff Janeway gehört zu den erfolgreichsten Krimiserien in den USA.
Thomas Haufschild, geboren 1967, arbeitet seit 1991 als Übersetzer und hat alle Romane von Eliot Pattison ins Deutsche übertragen.
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John Dunning
Die Radiosängerin
Roman
Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
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Vorbemerkung
Das Gesicht aus der Vergangenheit
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Ein Tag im Leben des Jordan Ten Eyck
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Ein klarer Fall
Kapitel 1
Kapitel 2
Der Dunkelwalzer
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Holly
Schatten eines alten Krieges
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Holly
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Zwei Uhr östlicher Kriegszeit
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Koda
Anmerkungen zum geschichtlichen Hintergrund
Impressum
Dieses Buch erzählt eine erfundene Geschichte. Alle Namen, Schauplätze und Ereignisse entstammen entweder der Phantasie des Verfassers oder werden zu Zwecken der Fiktion benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorfällen, Orten, Personen oder Institutionen (einschließlich der Radiosender WHAR und WROK) aus Vergangenheit oder Gegenwart wäre ganz und gar zufällig.
Für Phyllis Westberg – und im Gedenken an Harold Ober
Dulaney träumte, es gäbe keinen Krieg und es wären tausend Jahre vergangen. Er hätte das Ziel einer ewigen Reise erreicht und dadurch einen endlosen Kreis in Zeit und Raum geschlossen. Aber als er die Augen aufschlug, war es immer noch Sonntag, der 3. Mai 1942.
Er hatte weniger als zwei Stunden geschlafen. Zwar war es draußen inzwischen dunkel, doch der Mond stand am Himmel und ließ die Welt zu einem kleinen silbernen Quadrat auf dem Boden dieses zweieinhalb mal drei Meter messenden Käfigs zusammenschrumpfen. Dulaney starrte in die Schatten jenseits der Zelle – auf den dunklen Korridor und den Lichtstreifen genau gegenüber, dort, wo das Büro lag. Er war mit dem Gedanken an Holly aufgewacht.
Sein Seelenfrieden war erschüttert. Seine Abgeklärtheit ließ immer mehr nach, und zurück blieb ein stetig wachsendes Gefühl des Unbehagens. Im vorderen Raum dröhnte das Radio. Der Wechsel von Charlie McCarthy zu Walter Winchell war ohne einen spürbaren Verlust an Komik vonstatten gegangen, aber sogar als der Wärter über irgendeine von Winchells Äußerungen lachte und somit ganz in der Nähe eine andere menschliche Stimme erklang, fühlte Dulaney sich isoliert, als wäre er ganz allein auf einem fremden Planeten und würde sich kaum zurechtfinden.
Winchell benutzte einen eigenen Namen für Hitler und seine Spießgesellen. Die Ratzis hatten wieder zugeschlagen. Als Vergeltungsmaßnahme für Angriffe der Royal Air Force auf Lübeck und Rostock war Exeter bombardiert worden. Es gab eine kaum wahrnehmbare Pause, bevor Winchell ein Wort benutzte, das über sein Grundschulvokabular hinausging. Baedeker-Angriffe, dachte Dulaney, als wolle er soufflieren. Man nannte sie Baedeker-Angriffe, weil sie sich gegen die Städte richteten, die in den Reiseführern als Symbole der britischen Geschichte und Kultur bezeichnet wurden.
Tatsächlich wählte Winchell diesen Begriff, aber da hörte Dulaney ihm nur noch mit halbem Ohr zu. Er dachte an Holly und an ihr letztes Treffen vor fast zwei Jahren in New York. Er hatte sich sein Geld abgeholt und war zu seiner Wohnung zurückgekehrt, um seine Habseligkeiten zusammenzupacken, und da wartete sie auf ihn. Sie hatte den ganzen Abend im Treppenhaus vor seiner Tür gesessen. Gemeinsam gingen sie durch den Central Park; die Luft war klar und kalt. Die Bäume hatten in dieser dritten Herbstwoche bereits sämtliche Blätter verloren. Über den Wipfeln ragte die Skyline der Stadt empor, und schließlich faßte Holly sich ein Herz, um zu sagen, was sie ihm mitteilen wollte. Sie hakte sich bei ihm ein und zog ihn nah zu sich heran. »So etwas kommt vor, Jack. Niemand ist schuld daran, am wenigsten du.« Aber er ließ nicht zu, daß sie sich ausführlicher zu dem Thema äußerte.
Holly begriff, daß es hoffnungslos war. Sie verließen den Park und standen bald wieder verlegen vor dem Apartmentgebäude, das nur noch eine Stunde lang sein Zuhause sein würde. Dulaney lud sie auf einen Kaffee ein, aber sie lehnte ab und sagte, sie wolle sich lieber gleich hier auf der Straße von ihm verabschieden. Dann gab sie ihm die Hand. »Es ist schon in Ordnung, Jack.«
Unmittelbar bevor sie wegging, brachte sie noch einen letzten Punkt zur Sprache. »Du hast vor einiger Zeit etwas zu mir gesagt, und es geht mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Ein Mann braucht etwas Überlebensgroßes, wofür er sogar sterben würde. Ich muß schon den ganzen Abend daran denken.«
»Das klingt ganz nach mir. Hört sich ein wenig albern an, nicht wahr?«
Sie schüttelte den Kopf. Es gefiel ihr nicht, daß er es herunterspielen wollte. »Auf Wiedersehen, Jack. Ich wünsche dir nur das Beste. Ich hoffe, du findest irgendwann etwas, das dir dieses Gefühl verleiht.«
Doch er hatte es bereits gefunden. Er wußte es damals in New York, und er wußte es auch jetzt, während er allein in einer kalifornischen Gefängniszelle hockte.
Falls Holly sich heute durch irgendeinen Trick neben ihm im Gefängnis materialisieren würde, könnte er ihr eine bessere Erklärung liefern. Zunächst einmal ließ sich nicht leugnen, daß sein bester Kumpel sie zuerst gesehen hatte. Dulaney würde die beiden immer als Paar betrachten, selbst wenn die Welt noch dieselbe wie früher gewesen wäre und obwohl sie nie tatsächlich geheiratet hatten. Holly wußte das natürlich, aber die Wahrheit weist vielerlei Schattierungen auf. Er und Tom hatten sich nähergestanden als zwei Brüder.
Die meisten Leute würden behaupten, daß dies mittlerweile wohl keine Rolle mehr spielte, denn Tom Rooney lag auf dem Meeresgrund vor Pearl Harbor. Doch sogar nach seinem Tod war sie für Dulaney immer noch Toms Frau. Er würde sich nicht wie irgendein Schwindler an sie heranmachen, der versuchte, eine einsame Soldatenbraut ins Bett zu kriegen. Tom würde ihn als Gespenst mit rasselnden Ketten heimsuchen. Aber er mußte ständig an Holly denken, während er durch das Land zog, und seit gestern mittag war sie ihm gar nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Angefangen hatte es mit dem Klirren der Gefängnistür und dem Deputy, der ihn aus einem leichten Schlaf weckte. »Dulaney, Sie haben Besuch. Der Kerl sagt, er sei Ihr Anwalt.«
Dulaney hatte keinen Anwalt. Es mußte sich um Kendall handeln; niemand sonst würde sich dafür interessieren, wo er sich aufhielt. Der Deputy schloß die Zelle auf und bedeutete Dulaney, er möge durch den halbdunklen Flur zu dem kleinen Raum am Ende des Korridors vorangehen. Das Fenster dort war vergittert, und das gesamte Mobiliar bestand aus einem schäbigen Holztisch und zwei wackligen Stühlen.
Auf einem dieser Stühle saß Kendall. Er wirkte nicht wie ein Anwalt, sondern eher wie ein Arbeiter. Seine Schuhe waren abgewetzt und ausgetreten. Er sah genauso aus wie das, was er auch war: ein arbeitsloser Radioschauspieler, der schon bessere Tage erlebt hatte.
Sie gaben sich die Hand, und Dulaney nahm am Tisch Platz. Der Deputy blieb im Zimmer, knapp außer Hörweite.
»Wie hast du mich gefunden, Marty?«
Kendall lächelte traurig. »Du warst nicht im Hotel, daher hab ich’s im Café versucht. Als ich ankam, fuhr der Streifenwagen gerade weg.«
»Ich bin ein wenig erstaunt, daß man dich hier hereingelassen hat.«
Kendall senkte die Stimme und warf einen kurzen Blick in Richtung des Deputy. »Das habe ich dir doch schon immer gesagt, Jack. Ich war damals ein verdammt guter Schauspieler. Also, was ist passiert?«
Dulaney lächelte. »Eine kleine Schlägerei. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Angriff auf einen Polizeibeamten. Kinderkram.«
Kendall mußte sich ein Lachen verkneifen. Dulaney bemerkte die grauen Strähnen in seinem Schnurrbart und in dem lockigen Haar um seine Ohren. Er hatte Kendall stets für ungefähr vierzig gehalten, aber wahrscheinlich war er um die fünfzig.
Er erzählte Kendall, wie alles angefangen hatte. Er wollte irgendwo etwas essen, und ein paar Matrosen und ihre Mädchen fingen an, ihn damit aufzuziehen, daß er offenbar nicht zur Armee gehörte. »Ich war dort der einzige Kerl ohne Uniform. Aber das ist nichts Neues. Schon während des Bürgerkriegs wurden Männer öffentlich von Frauen bloßgestellt, wenn sie keine Uniform anhatten.«
Kendall erwiderte nichts.
»Dich wird man vermutlich nicht mit so etwas behelligen«, sagte Dulaney. »Du bist ein wenig älter als ich. Mir ist es meistens auch egal. Aber dieses eine Mädchen wollte einfach keine Ruhe geben. Sie ließ mir durch den Kellner eine Portion Mohrrüben bringen. Das gilt so ungefähr als die ultimative Beleidigung. Man gibt den Drückebergern Möhren zu fressen, wie es sich für Angsthasen gehört.«
»Und was hast du gemacht?«
»Mann, ich mag Karotten. Ich dachte mir, ich könnte sie genausogut essen.« Dulaney beugte sich vor. »Ich bin oft genug hungrig gewesen, also widerstrebt es mir, gutes Essen einfach wegzuwerfen. Was dann passiert ist, steht wohl im Haftprotokoll.«
»Es heißt, du hättest den ganzen Laden auseinandergenommen.«
»Eins führte zum anderen. Am Ende sagte ich zu den Jungs, sie würden sich einen Tripper einfangen, falls sie sich weiterhin mit Nutten abgäben. Die Matrosen konnten sich das natürlich nicht gefallen lassen und haben leider den kürzeren gezogen. Wenn das die besten Vertreter unserer kämpfenden Truppe in diesem Krieg waren, bekommen wir Schwierigkeiten.«
Der Deputy räusperte sich. »Werdet langsam fertig, Leute.«
»Es hat nicht lange gedauert. Die Polizei kreuzte auf, vier große Cops mit ihren Knüppeln in der Hand.« Dulaney berührte eine Beule an seinem Kopf.
»Ich wünschte, du wärst nicht auf die Bullen losgegangen, Jack.«
»Eigentlich habe ich gar nichts gegen Cops, aber beim Anblick eines Schlagstocks richten sich mir die Nackenhaare auf.«
»Soweit ich weiß, werden die Richter ziemlich ungemütlich, wenn man sich mit Polizisten prügelt.«
»Der Wärter sagt, ich muß mit sechs Monaten rechnen, sofern ich nicht genug zusammenkratzen kann, um die Geldstrafe zu bezahlen. Falls ich mich freiwillig zur Zwangsarbeit melde, wird die Haftzeit halbiert.«
»Willst du etwa ein Kettensträfling werden?«
»So nennen die das hier nicht, und sie ketten die Leute auch nicht aneinander. Die Wärter erzählen es dir unter der Hand: Falls du arbeitest, bleibst du nicht so lange da; falls nicht, wanderst du in den Knast und sitzt die volle Strafe ab.«
»Mann, das stinkt. Der verdammte Richter wird wahrscheinlich geschmiert.«
»Kann schon sein. Ich werde mich trotzdem dafür entscheiden. Vielleicht kann ich’s später in einem Buch verwenden.«
Kendall sagte nichts, aber Dulaney verspürte schon wieder eine gewisse Anspannung im Raum. Er konnte nicht genau festmachen, was ihn von vornherein an Kendall gestört hatte, aber er vermutete, daß es irgendwo eine Unwahrheit gab. Kendall konnte nicht lügen, ohne daß man es ihm anmerkte. Der Mann war zwar ein vollendeter Radioschauspieler gewesen, aber im wirklichen Leben war er wie Dulaney: Er konnte einen Freund nicht hinters Licht führen.
»Was ist los mit dir, Marty? Schon seit wir uns kennen, nagt etwas an dir.«
Die Stimme des Deputy hallte durch das Zimmer. »Seid ihr soweit?«
»Noch eine Minute«, sagte Dulaney. Er beugte sich vor. »Hast du Ärger mit dem Gesetz?« flüsterte er.
»Nein, zum Teufel. Ich bin heute zum erstenmal in einem Gefängnis. Mein Gott, wie kommst du bloß auf diesen Gedanken?«
»Ich habe inzwischen schon so viele Leute auf der Flucht kennengelernt, daß ich es ihnen ansehen kann. Dich hat von Anfang an etwas beschäftigt.«
Kendall schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich auf der Flucht vor dem Gesetz sein und trotzdem versuchen, wieder ins Radio zu kommen?«
Dulaney wartete ab, aber Kendall äußerte sich nicht weiter. Der Wärter bedeutete ihm mit einer Geste, daß die Zeit nun endgültig abgelaufen sei.
»Hör mal, könntest du mich bitte aus dem Hotel abmelden?« bat Dulaney. »Und nimm meine Unterlagen und Notizen mit. Da gibt es eine halbfertige Story, an der ich zur Zeit arbeite. Achte drauf, daß du sie auf jeden Fall einpackst. Steck einfach alles in einen Karton, und lege ihn in den Kofferraum meines Wagens.«
»Kein Problem.«
»Schluß für heute, Jungs«, sagte der Deputy.
»Nur noch eines«, wandte Kendall im letzten Moment ein. »Kennst du eine Frau mit Namen Holly Carnahan?«
Dulaney erstarrte. »Ja, ich kenne Holly.«
»Im Hotel ist heute ein Brief für dich angekommen. Er ist bereits drei Monate alt.«
»Geh bitte sofort dorthin zurück«, sagte Dulaney. »Mach den Brief auf, lies ihn, und dann komm morgen wieder her und erzähl mir, was drinsteht.«
Er dachte den ganzen Nachmittag über Holly und über Kendall nach. Er glaubte immer noch, daß sein Freund irgendwo irgendwas angestellt hatte. Kendall war letzten November ganz unvermittelt in Santa Anita aufgetaucht, ein vom Pech verfolgter Zeitgenosse, den es irgendwann auf eine Pferderennbahn verschlagen hatte. Es war ein karges Dasein. Ein Mann konnte sechs Stunden lang Pferde herumführen und damit drei Dollar verdienen. Da er zudem kostenlos auf einer Pritsche im Geräteraum übernachten durfte, stellten diese drei Dollar gar kein so schlechtes Einkommen dar, wenn er sich davon lediglich Essen und gelegentlich neue Arbeitskleidung leistete. Dulaney kannte Männer, die ihr Leben lang nichts anderes getan hatten.
Zwischen Männern, die füreinander auf Kochplatten in Gerätekammern Mahlzeiten zubereiteten und gemeinsam in den Rennbahnküchen zu Abend aßen, entstand eine enge Kameradschaft. Man nahm für den anderen die Post entgegen, schlief im selben kleinen Zimmer und wusch sich in derselben offenen Duschkabine. Doch in jenem Winter kam die Rennsaison nie richtig in Gang. Nach dem Bombenangriff auf Pearl Harbor wurde die gesamte Westküste unter Militärhoheit gestellt und auch die Rennbahn von der Armee übernommen. »Es geht das Gerücht, wir würden für die Dauer des Krieges schließen«, sagte Kendall eines Abends. »Das Gelände hier soll in ein Lager für amerikanische Japaner umgewandelt werden.«
Aber bis es soweit war, mußten die Pferde regelmäßig bewegt werden. In gewisser Weise war es sogar gleichgültig: Sowohl Kendall als auch Dulaney strebten nach Höherem. Dulaney wollte ein Buch schreiben, und Kendall sprach immerzu davon, wieder groß ins Radiogeschäft einzusteigen. Früher hatte er zu den meistbeschäftigten Radioschauspielern von New York gezählt. 1938, während seines besten Jahres, kam er quer durch alle Sendernetze auf fünfzehn Shows pro Woche und brachte in den Soap-Serien von Frank und Anne Hummert die volle Bandbreite seines Talents zur Geltung. Er war ein älterer Ladenbesitzer in John’s Other Wife und ein reizbarer Konzertpianist in Just Plain Bill. Er half Stella Dallas, ihre verschwundene Tochter Laurel zu finden, und verschwor sich in Our Gal Sunday gegen Lord Henry Brinthrope. Kendall erzählte dermaßen oft von diesen Melodramen, daß Dulaney sie beinahe wirklich zu hören glaubte, obwohl er sich ansonsten kaum für Radiosendungen interessierte. Für Kendall war das alles Teil einer glorreichen Vergangenheit, die dem Alkohol zum Opfer gefallen war. Die Hummerts gaben niemandem eine zweite Chance: Kendall verpaßte eine Probe und wurde auf einen Schlag aus sechs täglichen Fortsetzungsrollen gefeuert. Die Nachricht machte in der Branche schnell die Runde: Kendall hing an der Flasche. Nach einem Jahr war er erledigt.
Dulaney hatte Kendall wenig von sich erzählt. Kendall wußte, daß er an einem Buch schrieb, aber Dulaney hatte ihm weder verraten, worum es dabei ging, noch wieviel Zeit er benötigen würde. Er hatte sich selbst etwas geschworen: Dulaney würde mit seinem neuen Roman, der seinem toten Freund Tom gewidmet sein sollte, endlich Ernst machen. Er mietete sich ein Zimmer abseits der Rennbahn, wo er mittags mit der Arbeit begann, sobald das letzte Pferd sich abgekühlt hatte und wieder in der Box stand. Gegen neunzehn Uhr erlosch dann der kreative Funke, und er kehrte zu Fuß zur Rennbahn zurück, überquerte den riesigen Parkplatz bis zu den Ställen, aß mit Kendall zu Abend und begab sich um einundzwanzig Uhr zu Bett. Am Morgen ging alles von vorn los. Sie teilten die Arbeit untereinander auf, und Kendall holte stets für sie beide die Post ab. Es war ihm besonders wichtig: Wenn die Poststelle morgens öffnete, stand Kendall immer schon bereit, und das kam Dulaney im Rückblick ziemlich merkwürdig vor. Dulaney erhielt nie irgendwelche Post. Nach Toms Tod hatte er sich treiben lassen und war von einer Rennbahn zur nächsten gezogen, ohne kaum jemals seine neue Adresse zu hinterlassen, bis er in Santa Anita Kendall kennenlernte.
Wenn er mit seinem Roman ins Stocken geriet, schrieb er Kurzgeschichten über das Leben auf der Rennbahn. Sein Agent hatte einige davon bei Zeitschriften unterbringen können, und eines Tages sah Kendall eines dieser Magazine und fragte, ob er Dulaneys Story einmal lesen dürfe. Es war die traurige Geschichte eines Mannes, der ein billiges, vorgeblich lahmendes Rennpferd gekauft hatte, um es vor dem Abdecker zu retten. Er hatte dazu seine Ersparnisse verwendet, die eigentlich die Ausbildung seiner Tochter sichern sollten, und er schaffte es tatsächlich, das Tier wieder aufzupäppeln. Aber dann, als das Pferd wieder zu den Gewinnern zu zählen versprach, wurde es von einem skrupellosen Trainer gestohlen, der sich als Freund des Mannes ausgab.
Nach der Lektüre kam Kendall ganz aufgeregt zu ihm. Er folgte Dulaney mit funkelndem Blick über den Reitplatz und schwärmte überschwenglich von der Wahrheit, die in seiner Geschichte lag.
Dulaney hatte zu dem Zeitpunkt sechs dieser Geschichten veröffentlicht, auf die Kendall sich sofort stürzte. In Dulaneys kleinem Erfolg sah er die Chance seiner eigenen Errettung. »Jack, das wären phantastische Hörspiele. Falls du eine Skriptfassung erstellen würdest, könnte ich mit Sicherheit einen Sender dafür interessieren.«
Dulaney wurde unwillkürlich neugierig, und Kendall war Feuer und Flamme. »Mann, wir reden hier von echtem Radio, nicht von dem Schrott, den ich für die Hummerts gemacht habe. Wir reden von etwas so Neuem und Aufregendem, daß kaum jemand begreift, wie gut es sein kann.«
Dulaney führte sein Pferd unter die Bäume, damit es sich im Sand wälzen konnte. Kendall blieb ihm hartnäckig auf den Fersen. »Du hast eine Begabung, Jack, und ich werde deine Visitenkarte auf dem direkten Weg an die Spitze sein. Ich kenne viele wichtige Leute in New York. Ich bin dein Agent.«
»Ich habe schon einen Agenten, Marty. Sein Name ist Harold Ober.«
»Schick ihn in die Wüste. Ich kann mehr für dich tun.«
»Ich habe lange gebraucht, um bei diesem Agenten aufgenommen zu werden. Er vertritt William Faulkner und einige andere Schriftsteller, die ich bewundere.« Dulaney sagte das nicht gern. Er kam sich dabei wie ein billiger Angeber vor.
Kendall lächelte bekümmert. Er sah aus wie ein Mann, der eine Auseinandersetzung verlor, die er von Rechts wegen gewinnen müßte. »Verdammt, Dulaney, du könntest ein zweiter Norman Corwin werden. Verstehst du überhaupt, was ich sage?«
Sogar Dulaney hatte bereits von Corwin gehört, dem Genie der Columbia-Gruppe, dem man nachsagte, er würde die erste echte Literatur über den Äther transportieren.
Sie standen in der Poststelle von Santa Anita und füllten Adreßänderungsformulare aus, als er Kendall sagte, er würde darüber nachdenken. Vielleicht würde er Ober in einem Brief um seine Meinung fragen, sobald sie in Tanforan eintrafen.
Am nächsten Abend brachte Kendall ein Radio in den Geräteraum mit, und am Montag hörten sie sich Die Geschichte zweier Städte an, mit Ronald Colman in der Rolle, die er auch in der Verfilmung gespielt hatte. Dulaney kannte sich mit Dickens aus, und seiner Meinung nach hatte die Bearbeitung den Kern des Romans gut erfaßt und ihn mit Musik und Geräuschen im Kopf des Hörers zum Leben erweckt. Das alles in nur sechzig Minuten, abzüglich der Werbeeinblendungen für Lux-Seife. Dulaney stand im Stall und füllte sein Wasserglas, als der Funke übersprang. Er blickte in Richtung der Hollywood Hills, keine fünfundzwanzig Kilometer von ihm entfernt, wo genau in diesem Moment eine weitere solche Sendung produziert wurde, und er spürte, wie die Magie von ihm Besitz ergriff.
Sie legten ihr Geld zusammen, fünfundsiebzig Dollar, und kauften einen Wagen: einen zwölf Jahre alten, leuchtendroten Essex, dessen Radio funktionierte. An einem warmen Sonntagabend fuhren sie nach Norden, um sich neue Jobs zu suchen. Unterwegs hörten sie sich erst ein kitschiges Liebesdrama und dann ein Mädchenorchester an, das aus Cincinnati zu ihnen ausgestrahlt wurde. Das sei WLW, erklärte Kendall. »Das stärkste Rundfunksignal des Universums. In Dayton kannst du nicht mal dein Klo spülen, ohne daß WLW aus den Leitungen dröhnt.«
Dulaney war vor allem über die Vielseitigkeit und Bandbreite erstaunt. Erst hörte man etwas Großartiges und dann etwas dermaßen Schlechtes, daß es fast in den Ohren weh tat. Schlecht oder gut, es hörte niemals auf. Das Radio verschlang Material wie eine Feuersbrunst. Es verbrannte Worte wie Zunder.
Sie kamen in Tanforan an, unmittelbar südlich von Frisco, aber auch hier hatte man die Pferde bereits weggeschafft und statt dessen japanische Familien in den Ställen untergebracht. Am Tor stand kein Wachmann, sondern ein Polizist, so daß man sich spontan an ein Konzentrationslager erinnert fühlte. Dulaney umrundete das Gelände und beobachtete, was dort hinter dem hohen Maschendrahtzaun vor sich ging. Neuankömmlinge stiegen von einem Lastwagen herunter, während ein fetter Uniformierter mit lauter Stimme ihre Namen verlas. »Mr. Ben Doi«, sagte der Mann. Mr. Doi trat vor und sah dabei Dulaney am Zaun stehen. Seine Begleiterin, vermutlich seine Ehefrau, starrte ins Leere. Ihre Kinder blickten den Schrecken des Lagers mit tapferen Augen entgegen. Das kleine Mädchen entdeckte Dulaney und winkte ihm schüchtern zu, und plötzlich wallte Empörung in ihm auf. Was hatten diese Japaner getan, daß man sie aus ihren Häusern zerrte und in einem Stall einschloß, der immer noch nach Pferdescheiße stank? Ich werde hierüber schreiben, dachte er.
Entlang der Küste schienen die Pferderennen sich tatsächlich vorerst erledigt zu haben. Sie hörten, daß vielleicht in Bay Meadows noch etwas los sei und daß Longacres womöglich öffnen würde, aber dazu hätten sie auf Verdacht nach Seattle fahren müssen. Doch es gab auch sonst genug zu tun; die Wirtschaftskrise war vorüber, und sie fanden problemlos andere Jobs. Kendall ließ ihre Post an ein Postfach umleiten, und sie begannen ein neues Leben abseits der Pferde. Sie arbeiteten halbtags für eine Zeitarbeitsfirma, so daß Dulaney rund fünf Stunden täglich zum Schreiben blieben. Abends kam Kendall vorbei und brachte die Post mit; dann aßen sie gemeinsam und hörten manchmal danach noch eine Radiosendung an oder sprachen darüber, nach Osten zu ziehen. Bald würde das alljährliche Sommerloch bevorstehen, wenn die bekannten Komiker und etablierten Krimireihen eine achtwöchige Pause einlegten. Das war genau der Moment, etwas Neues zu versuchen.
Für jemanden, der die Highschool vorzeitig verlassen und noch nie einen Rundfunksender von innen gesehen hatte, besaß das alles durchaus beängstigende Züge. Dulaney schob den Brief an Ober immer weiter auf und fing statt dessen mit einer neuen Rennbahngeschichte an. Dann wurde er verhaftet, und nun würde es noch eine ganze Weile dauern, bis Ober überhaupt irgend etwas von ihm hörte.
Am Morgen brachte man ihn wieder in das kleine Zimmer, wo Kendall bereits an dem Tisch auf ihn wartete. Kendall sah blaß aus, als habe er schlecht geschlafen. Oder zuviel getrunken. Dulaney machte sich auf schlimme Neuigkeiten gefaßt, aber als Kendall das Wort ergriff, ging es gar nicht um Holly. »Was ist los mit dir, Jack?«
»Wie bitte? Was redest du da?«
»Gestern hast du mich gefragt, was mit mir los sei. Jetzt stelle ich dir die gleiche Frage. Da gibt es etwas, wovon du mir nichts erzählt hast.«
Dulaney riß sich zusammen. »Das könnte alles mögliche sein. Wenn zwei Typen sich erst seit knapp sechs Monaten kennen, gibt es wahrscheinlich jede Menge, was sie nicht voneinander wissen. Verdammt, Marty, du weißt doch, daß ich nicht besonders geschwätzig bin.«
»Ich rede hier nicht von deinem Liebesleben.« Kendalls Augen waren rot und wässerig.
»Trinkst du wieder?« fragte Dulaney.
»Keinen Tropfen, Jack. Ich schwör’s dir, ich habe dieses Jahr noch keinen Drink gehabt.«
»Aber was fehlt dir denn?«
»Ich muß dir lediglich etwas sagen. Ich denke schon einige Zeit darüber nach, aber ich weiß nicht, wie ich’s anpacken soll.«
Kendall hatte sich auf seinem Stuhl halb zur Seite gewandt und spähte zu Dulaney herüber. Er hat Schmerzen, dachte Dulaney. Jemand hatte ihn sich vorgenommen.
»Was ist passiert, Marty? Du siehst aus, als könntest du kaum geradesitzen.«
»Ich bin gestürzt, das ist alles.« Aber als sie sich in die Augen sahen, kam er mit der Wahrheit heraus. »Man hat mich gestern abend überfallen.«
Dulaney wollte etwas sagen, aber Kendall kam ihm zuvor. »Dieser Wärter wird uns nicht den ganzen Tag quatschen lassen.« Dulaney wartete, was folgen würde; wieder vergingen einige Sekunden.
»Dieses unstete Leben stellt komische Sachen mit zwei Kerlen wie uns an«, sagte Kendall schließlich. »Nach einer Weile gewöhnt man sich aneinander. Verstehst du, was ich sagen will?«
Dulaney nickte, ohne sein Mißtrauen abzulegen.
»Also, was denkst du, Jack? Bin ich dein Freund oder nur irgendein Kumpel, mit dem du dir die Zeit vertreibst?«
Kendall sah ihm nun direkt ins Gesicht, und Dulaney begriff, was er wollte. Bekanntschaften kamen und gingen, aber ein Freund war etwas für’s Leben, und Dulaney hatte noch nie schnell Freundschaften geschlossen. Man lernte den anderen erst dann wirklich kennen, wenn man einige gemeinsame Bewährungsproben bestanden hatte.
Die Frage stand im Raum, und Dulaney mußte darauf antworten. Was er sagte, klang halbherzig, aber mehr war für ihn nicht drin. »Ich glaube, wir stehen am Anfang einer guten Freundschaft. Wohin das noch führen wird, kann keiner wissen.«
Kendall lachte bitter auf.
»Solche Dinge brauchen Zeit, Marty. Aber ich glaube fest daran, daß wir Freunde werden.«
Kendall schaute zu Boden. »Nun, ich betrachte dich als meinen Freund, auch wenn du das nicht ganz so siehst. Aber vielleicht sollte ich weiterziehen.«
»Falls du das möchtest, kann ich es verstehen.«
»Ich kann hier nichts für dich tun. Ich würde einfach nur abwarten und nicht vom Fleck kommen. Eventuell später, falls du Lust hast, wieder Kontakt mit mir aufzunehmen.«
Dulaney sah ihn nur an. Irgend etwas fraß ihn auf, man konnte es ihm regelrecht anmerken. Die Lüge, dachte Dulaney: Er versucht, alles abzustreifen, worüber er gelogen hat.
»Ich möchte, daß du eines nicht vergißt«, sagte Kendall. »Was ich dir über das Radio erzählt habe, ist die reine Wahrheit. Du könntest die gesamte Branche auf den Kopf stellen. Du weißt bereits, wie man Worte zum Leben erweckt. Und du hast noch etwas an dir. Wer dich kennenlernt, will dich unterstützen. Ich habe gehört, bei Corwin sei das ähnlich. Vielleicht ist er als Regisseur seiner eigenen Texte deshalb so gut. Die Leute geben ihm alles, was sie haben. Ich meine das absolut ernst, das mußt du mir glauben.«
»Ich habe nie daran gezweifelt. Zumindest weiß ich, daß du fest davon überzeugt bist.«
»Vergiß es nicht, denn ich muß dir jetzt etwas sagen, das weh tun wird. Du hast richtig vermutet, ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Wir haben uns nicht zufällig getroffen. Jemand hat mich geschickt.«
Dulaney starrte ihn wütend an. »Wer, zum Teufel, interessiert sich so sehr für mich?«
Kendall schüttelte den Kopf. »Ich muß erst noch weiter darüber nachdenken, bevor ich mich entscheide, ob ich dir das sage.«
»Bist du wegen mir zusammengeschlagen worden?«
Kendall erwiderte nichts, aber sein Schweigen sprach Bände.
»Wer war das, Marty?«
»Bloß ein Penner. Irgendein verfluchter Mulligan. Ich weiß nicht, wer er war.«
»Aber du weißt, weshalb er es getan hat. Jemand hat ihn geschickt, um dich in die Mangel zu nehmen. Und zwar wegen mir.«
Dulaney dachte an seine früheren Feinde zurück, aber ihm fiel keiner ein, der derartige Anstrengungen unternommen hätte. Auf einmal regte sich der Wärter, und Dulaney wurde sich wieder bewußt, daß ihre Zeit knapp wurde. »Was ist mit Holly?«
»Keine Ahnung. Sie scheint der Grund dafür zu sein.«
»Ich kann das kaum glauben. Während all dieser Monate hast du kein einziges Mal ihren Namen erwähnt.«
»Du solltest nichts davon erfahren.«
»Wovon sollte ich nichts erfahren, um Himmels willen?« Dulaney war so wütend, daß Kendall ihm kaum mehr ins Gesicht sehen konnte.
»Es tut mir leid, Jack. Es war für mich bloß eine Rolle als Schauspieler. So hat es angefangen. Dann haben wir uns besser kennengelernt.«
»Du Mistkerl.«
»Ich brauchte das Geld. Ich kannte weder dich noch diese Frau.« Kendall wollte sich abwenden, aber Dulaney packte ihn am Arm.
»Erzähl mir von dem Brief.«
»Sie … schreibt, sie benötigt etwas. Etwas, das du für sie aufbewahrt hast. Sie hat sich … in irgendeine Klemme manövriert, hat sich einen einflußreichen Feind gemacht.«
Das klang unwirklich und zugleich auf stille Weise furchterregend. Es breitete sich wie ein Virus in Dulaney aus und nahm ihn mit jedem Herzschlag fester gefangen.
»Was genau will sie denn?«
»Weißt du das denn nicht?«
»Woher, zum Teufel, soll ich das wissen? Wann wurde der Brief abgeschickt?«
»Der Poststempel ist vom Februar.«
Vor drei Monaten. Sie hatte vor drei Monaten in Schwierigkeiten gesteckt und ihn um Hilfe angeschrieben.
»Und wo wurde er aufgegeben?«
»In einem Ort namens Sadler, Pennsylvania.«
Ihre Heimatstadt. Je länger er darüber nachdachte, desto wichtiger wurde es. »Das ändert alles«, flüsterte Dulaney.
Kendall schien ihn entweder nicht zu hören oder nicht zu begreifen, was er meinte. »Jack, wenn ich dir etwas raten darf, dann schick ihr, was sie will. Sag mir, wo es ist, und ich kümmere mich noch heute darum. Vielleicht ist es irgendeine Kleinigkeit, die ihr Vater dir geschickt hat.«
Diese Bemerkung ließ ihn abermals aufschrecken. »Was weißt du über ihren Vater?«
»Das ist jetzt nicht wichtig. Uns läuft die Zeit davon.«
Dulaney nickte dem Wärter zu und hoffte, sich noch einige Minuten erbitten zu können. »Ich habe überhaupt nichts, das Holly gehört«, sagte er. »Und auch ihr Vater hat mir nie etwas geschickt.«
Kendall beugte sich zu ihm. Sein Gesicht war gerötet. »Jack, was auch immer es ist, schicke es ihr. Diese Leute lassen nicht mit sich spaßen. O Mann, ich glaube, der Gorilla hat mir eine Rippe gebrochen.«
»Wer sind diese Arschlöcher? … Du hast den Kerl einen Mulligan genannt. Für mich ist das ein irischer Schläger.«
»Ja, er war Ire.« Kendall verzog vor Schmerzen das Gesicht. »Er ist egal. Bloß irgendein Schläger.«
Dulaney hielt inne und zählte in Gedanken mit, wie die Sekunden verrannen. Vor drei Monaten hatte Holly in Schwierigkeiten gesteckt. Drei Monate.
»Die Zeit ist um, Leute.«
»Bitte noch eine Minute«, sagte Dulaney. Auf einmal fielen ihm hundert Fragen ein, für die nun keine Zeit mehr blieb.
»Hast du meinen Kram aus dem Hotel geholt?«
»Es ist alles im Auto. Aber, Jack …«
Dulaney hob die Hand. »Ich komme hier raus.«
»Wie denn, um Gottes willen?«
»Von einer Kolonne im Straßenbau kann man jederzeit abhauen, wenn man gewillt ist, ein paar Schrotkugeln zu riskieren.«
Kendall schloß die Augen und erschauderte. »Bist du verrückt?«
»Du kannst mir helfen oder nicht. Ich werde auf jeden Fall von hier verschwinden.«
Plötzlich beugte Kendall sich dicht zu ihm und flüsterte mit zitternder Stimme: »Du wirst dein Leben völlig umsonst aufs Spiel setzen. Hör mir zu, Jack. Es gibt keinen Brief. Es gab nie einen. Man hat mir gesagt, ich solle es behaupten. Das ist jetzt die Wahrheit, Jack. Das andere war eine List.«
Der Deputy hustete. »Jungs, genug für heute.«
Dulaney lächelte und legte bittend die Handflächen aneinander. »Ich komme hier raus, Marty«, flüsterte er. »Es liegt bei dir, ob du mir helfen willst oder nicht.«
»Was soll ich tun?«
»Finde heraus, wo das Arbeitslager ist. Spiel diese Anwaltsrolle, die du so gut beherrschst, und sieh zu, ob man dir verrät, wohin man uns bringt. Falls du den Wagen auf der erstbesten Straße östlich des Lagers abstellen kannst, dann mach das. Falls nicht, habe ich eben Pech und bin auf mich allein gestellt.« Dulaney neigte den Kopf. »Ich werde unmittelbar bei Sonnenaufgang in Richtung Osten weglaufen.«
Er sah Kendall in die Augen. »Das bedeutet, du wirst zu Fuß unterwegs sein. Ich bitte dich, dieses Risiko einzugehen, denn ich werde in Häftlingskleidung stecken und den Wagen unbedingt brauchen.«
Er streckte den Arm aus und drückte Kendalls Hand. Das war ihre Bewährungsprobe.
Kendall lächelte, blaß und resigniert. »Das habe ich gemeint, Jack. Du bringst die Leute immer dazu, ihr Bestes für dich zu geben. Ich hoffe, es kostet dich nicht das Leben.«
Sein Auftritt vor dem Bezirksrichter war reine Formsache. Dulaney bekannte sich schuldig, und noch am selben Nachmittag traf ein Bus mit vergitterten Fenstern ein und brachte alle neuen Häftlinge in die Hügel östlich von Oakland.
Ihr Ziel war Camp Bob Howser, eine mit Draht umzäunte Ansammlung kasernenähnlicher Gebäude mit Wachtürmen an zwei der Ecken. Dulaney erhielt graue Baumwollkleidung und mußte sich eine Schirmmütze aufsetzen. Wer Bob Howser war, erfuhr er nie. Es schien niemanden zu interessieren.
Der Lagerleiter, ein hagerer, kahlköpfiger Mann namens Murf Ladson, entsprach genau Dulaneys Erwartungen. Er schritt mit einer Schrotflinte in der Armbeuge die Reihe der Gefangenen ab und sah jedem in das ausdruckslose Gesicht. Als er vor Dulaney stehenblieb, beugte Ladson sich weit genug vor, daß Dulaney der säuerliche Hauch seines Abendessens in die Nase stieg. Hackbraten mit Ketchup. »Komm mir in die Quere, Langer, und du wirst dir bei Gott wünschen, du hättest es nicht getan.«
Demnach sind wir hier Sklaven, dachte Dulaney. Flußabwärts verkauft an denselben bösartigen Aufseher, den schon Onkel Tom gekannt hat.
Am Ende der Reihe drehte der Lagerleiter sich um und betrachtete noch einmal den erbärmlichen Haufen, den man ihm geschickt hatte. »Bei uns zählt nur eines, und das ist der Zeitplan. Wir roden die Trasse für eine Fernstraße. Falls der Staat sagt, seid zum ersten Juli fertig, dann will ich, daß wir schon Mitte Juni soweit sind. Ich halte immer den Termin. Und jetzt bewegt euch auf diesen Laster da. Es bleiben euch heute noch fünf Arbeitsstunden übrig.«
Sie wurden in die Hügel gebracht. Es galt, Baumstümpfe auszugraben und zu verbrennen sowie Felsen zu zertrümmern und wegzuschaffen. Bewacht wurden die Männer von Aufsehern in Zivil, die mit Schrotflinten bewaffnet waren, aber es gab keine Ketten. Bei den Sträflingen handelte es sich zumeist um Landstreicher und Trunkenbolde und nicht um Gewaltverbrecher. Nur wenige von ihnen würden überhaupt den Mut aufbringen, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Kendall hatte wahrscheinlich recht: Das Ganze beruhte auf Korruption; der Richter bekam wahrscheinlich seinen Anteil, wenn er für kostenlose Arbeitskräfte sorgte.
Die Uhren im ganzen Land gingen sechzig Minuten vor. Im Februar hatte man eine entsprechende Kriegszeitverordnung erlassen, so daß ihnen eine zusätzliche Stunde Tageslicht zur Verfügung stand. Das hieß, sie konnten gegenwärtig bis zwanzig Uhr arbeiten, und je näher der Sommer rückte, desto weiter verschob diese Grenze sich nach hinten. Die Männer waren schweigsam und verbittert. Dulaney arbeitete gleichmäßig und hart, um den Wachposten möglichst nicht aufzufallen.
Am Abend wurde eine Verdunklung angeordnet. Die Scheinwerfer des Lasters waren mit Blenden versehen, die das Fahrzeug für überfliegende Feinde unsichtbar machen sollten. Die gesamte Westküste war nervös und blickte in Richtung Japan. Auf dem Weg von Los Angeles nach Norden hatten Kendall und Dulaney an jeder Ecke Gerüchte über eine bevorstehende japanische Invasion gehört.
Im Camp Bob Howser bedeutete eine Verdunklung zugleich eine Verdopplung der Wachen. Heute war Montag; die nächste frische Kleidung gab es am Mittwoch und dann wieder am Samstag, wenn auch die wöchentliche Gruppendusche anstand. Sie aßen in einem verräucherten Raum mit verhängten Fenstern. Es gab eine Mischung aus Mehl, Bohnen und Hackfleisch, die ein mexikanischer Koch aus einem Kessel auf ihre Teller löffelte. Dann lagen die Männer schweißgebadet in ihren Etagenbetten und starrten in die Finsternis.
Dulaney machte die Augen zu.
Er träumte von Holly. Und dann war da noch Tom, der in seinen Gedanken wieder zu leben begann.
Sie saßen auf der Treppe seines alten Mietshauses und hörten einem Spiel der Yankees gegen die Red Sox zu. Im sechsten Inning schaffte DiMaggio einen Homerun, und Tom ging Bier holen. Aber dann traf er ein paar Kumpel, die gerade eine Runde Craps spielten, und vergaß völlig die Zeit.
Holly und Jack redeten bis zum Abend, und irgend etwas geschah. Die Luft zwischen ihnen war wie elektrisch aufgeladen. »Ich glaube, wir wurden im Stich gelassen«, sagte Holly gegen neunzehn Uhr. »Laß uns irgendwo etwas essen gehen.«
Beim Abendessen erfuhr er mehr über sie. Holly stammte aus einer Bergbaustadt in Pennsylvania, wo ihr Vater jahrelang als Lehrer gearbeitet hatte. Doch als die Wirtschaftskrise kam, wurden viele Klassen zusammengelegt, und die Schule mußte schließen. Die Ersparnisse ihrer Familie schmolzen zusammen, und da ihr Haus noch mit neunhundert Dollar belastet war, mußten sie eine Zwangsvollstreckung fürchten.
Also verließ ihr Vater das Heim an der Keeler Avenue und sah sich nach einem neuen Job um. Es war 1932, das grausamste Jahr, das Jahr der Wanderhuren, in dem Tausende junger Mädchen sich in Hauseingängen verkauften und das Geld nach Hause schickten. Viele Familien zerbrachen, Hollys nicht. Carnahan schrieb ihnen jede Woche; mitunter legte er Geld bei, aber es gab Tage, an denen er sich lediglich den Penny für die Postkarte leisten konnte. Eine Karte jedoch schickte er immer, ganz egal, wie schwer er es hatte.
Holly war sechzehn. Ihre Mutter wurde krank, und so hing das gemeinsame Überleben größtenteils von Holly ab. Sie wusch und nähte für die Bergleute oder kochte ihnen Essen und brachte es zu den Kohlengruben. Maisbrot, Reis und Bohnen. Gelegentlich auch heiße Bohnensuppe, die sie aus einem dampfenden Eisenkessel von der Ladefläche des alten Pickups ihres Daddys austeilte. Dann setzte sie sich zu den Arbeitern und verdrückte eine größere Portion als die meisten von ihnen. Einige Jahre nachdem ihr Vater von zu Hause weggegangen war, kam ein Fotograf von Life vorbei und schoß ein Bild von Holly, das er in einer Serie mit dem Titel »Die Gesichter Amerikas während der Depression« unterbringen wollte. Sie saß mit regennassem Haar auf dem Trittbrett des Wagens, hatte sich den schlammverschmutzten Rock zwischen die Beine geschoben und hielt eine dampfende Suppentasse in der Hand. Sie wußte nicht, ob das Foto je gedruckt worden war. Es hätte sie zehn Cents pro wöchentliche Ausgabe gekostet, dies herauszufinden, und das wäre ihr unter den gegebenen Umständen verflucht extravagant vorgekommen.
Dennoch hatten sie Glück. Immer wenn das Haus in akute Gefahr geriet, schien ein Wunder zu geschehen: Holly fand einen Job in der Stadt, ihr Vater schickte Geld – irgend etwas würde dafür sorgen, daß sie die Hypothekenzahlung zusammenkratzen konnte. Zwischendurch kam ihr Vater einige Male nach Hause. Er sah sich dann immer in Sadler um und redete davon, daß alles sich langsam bessere und er in ein oder zwei Jahren endgültig zurückkehren könne. Doch dazu kam es nie.
Ihre Mutter starb 1937. Carnahan traf zu spät für die Beisetzung ein. Er blieb ein Woche, ließ sich nicht bei seinen alten Freunden blicken und zog wieder los, als er sah, daß Holly allein zurechtkommen konnte. Aber die Postkarten erhielt sie auch weiterhin, jeden Montag, jahrein, jahraus.
Tom hatte Holly im Zug getroffen, auf ihrer ersten Reise nach Osten, um ihren Vater in New York zu besuchen. Damals, im Sommer 1938, war sie zweiundzwanzig Jahre alt. Jack hatte noch nie jemanden in diesem Alter kennengelernt, der dermaßen intelligent und witzig war. Doch sie gab niemals damit an, und das mochte er sofort an ihr. Sie schrieb ihre Fähigkeiten der Erziehung durch ihren Vater zu. »Da spricht mein Dad aus mir«, sagte sie häufig. »Er hat dafür gesorgt, daß ich immer viel gelesen habe, schon seit ich von selbst aus dem Kinderstuhl klettern konnte.«
Am liebsten hätte sie bei einer Big Band gesungen, aber bislang hatte sie lediglich Erfahrungen im Kirchenchor der Presbyterianer von Sadler sammeln können. Mit fünfzehn war ihre Stimme voll entwickelt, und manchmal glaubte sie, es könnte ihr gelingen, durch reine Lungenkraft das Dach des kleinen Holzgebäudes anzuheben.
»Soviel zu mir«, sagte sie und errötete leicht. »Und du?«
Dulaney stammte aus Charleston, und auch er war durch seinen Vater geprägt. Jahrelang hatte dieser in Sünde mit Toms Mutter, Megan Rooney, zusammen gelebt, so daß die beiden Jungen wie Brüder aufwuchsen. Tante Meg war Katholikin und konnte sich daher nicht von ihrem alten Ehemann scheiden lassen, wo auch immer der sich herumtreiben mochte.
Jacks Schulzeit endete mit dem Tod seines Vaters, aber er hörte nie auf, sich weiterzubilden. Bereits vor seinem zwanzigsten Geburtstag hatte er Hunderte von Büchern gelesen. Er und Tom waren muskulös und fanden auch während der schlimmsten Jahre der Wirtschaftskrise immer einen Job. Als Teenager brachen sie gemeinsam auf und arbeiteten sich quer durch das Land und die Städte des Ostens und Mittelwestens. Eine Zeitlang betätigte Jack sich als Rausschmeißer in einer illegalen Kneipe in Manhattan. Er war Pferdeknecht in Belmont Park und verlud in den Docks von Brooklyn Zentnersäcke voller Kakaobohnen. Er fing an zu boxen und wurde sogar Sparringspartner von Jack Sharkey. Während einer besonders heftigen Trainingsrunde landete Sharkey einen Schwinger auf seinem Ohr, wodurch er auf ewig untauglich für den Militärdienst wurde. Jack schoß daraufhin eine gewaltige Rechte ab und schickte Sharkey auf die Bretter, aber davon erzählte er Holly nichts. Es hätte zu sehr wie Prahlerei geklungen.
Seine Vorliebe für das gedruckte Wort blieb. Er unternahm eigene Schreibversuche und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Auf ihrem Weg durch den Mittelwesten verschlug es ihn und Tom auch als Kanalarbeiter nach Oklahoma. Dort lernte er einen Schriftsteller namens Jim Thompson kennen, der ihn in Oklahoma City zu ein paar Versammlungen der Kommunisten mitnahm. Jack konnte mit deren politischen Vorstellungen nichts anfangen, aber Thompson mochte ihn, und als Jim zum Leiter eines Schreibprojektes berufen wurde, stellte er Dulaney für ein monatliches Gehalt von fünfundsechzig Dollar als Autor an. Sie arbeiteten an einem detaillierten Reiseführer des gesamten Staates, und Dulaneys Aufgabe bestand darin, die Nebenstrecken abzuklappern und aufzuschreiben, was er sah.
Thompson übte einen starken Einfluß auf ihn aus. Dulaney war stets ein sorgfältiger, konzentriert arbeitender Autor gewesen. Er glaubte an die Macht des Unterbewußtseins und die große Bedeutung der Träume, weshalb er sich beizubringen versuchte, unmittelbar nach dem Erwachen zu meditieren, um sich die versteckten Visionen schnell noch ins Gedächtnis zu rufen, bevor sie für immer verblaßten, und sie dann in seinen Texten zu verwerten. Der Verstand funktionierte weiter, während der Körper schlief, aber Thompson brachte Jack eine andere Art des Schreibens bei. Er lehrte ihn, wie man schnell formulierte, denn um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, mußte man für Magazine arbeiten, die einen halben Cent pro Wort zahlten. Bei solchen Honoraren konnte man es sich nicht leisten, ein Hemingway zu sein.
Es beeindruckte Holly sehr, daß er einen Roman geschrieben hatte. Das Buch erschien im Frühjahr 1937 bei Alfred A. Knopf und wurde vom Verlag als eine Geschichte aus dem Proletariat angekündigt. Die Verkaufszahlen blieben zunächst gleich Null. Erst nachdem Senator Bilbo aus Mississippi den Roman als gefährlich kommunistisch und verlogen negerfreundlich angeprangert hatte, erwachte der Titel zu einer kurzen Blüte. Dulaney hatte alles selbst erlebt. Seine Schilderungen waren weder verlogen noch von einer Vorliebe für die Kommunisten beeinflußt, und die Mißbilligung von seiten der Rednecks machte ihm nicht das geringste aus.
Holly war noch nie zuvor in New York gewesen und wollte alles kennenlernen. Nicht die typischen Touristenziele; sie wollte die Wohngegenden sehen. Anstatt die Freiheitsstatue und das Empire State Building zu besichtigen, verbrachte sie lieber einen Tag an der Lower East Side. Für sie gab es nichts Interessanteres, als durch die Viertel der normalen Bürger zu schlendern, in ihren Läden zu stöbern und den vielen europäischen Akzenten zu lauschen.
Während sie eines Tages mit ihrem Vater zu Abend aß, machte Tom seinem Freund ein erstes nervöses Geständnis: »Ich habe noch nie so etwas empfunden, Jack. Ich fühle mich, als hätte mich ein Lastwagen überfahren.« Am Freitag und Samstag mußte ihr Vater Überstunden einlegen, und Tom führte Holly in einen angesagten Nachtklub nach Harlem aus. Am nächsten Abend bestand Holly darauf, daß Jack mitkam, und so landeten sie zu dritt schließlich in Yorkville. »Ich habe gehört, es soll da fast so wie in München sein«, sagte sie. »Wir können uns ganz aus der Nähe anschauen, was diese Nazis eigentlich vorhaben.«
Ihr Taxifahrer war ein bulliger Ire, der sich unterwegs als Fremdenführer betätigte. »Früher war das eine tolle Gegend. An der Achtzigsten gibt es zwischen Fünfter und Lexington einen letzten irischen Abschnitt, aber südlich davon geht alles zum Teufel. An der Neunundsiebzigsten jede Menge Farbige und an der Neunzigsten bloß noch Latinos.«
Er bog in die Sechsundachtzigste ein, die von bayerischem Prunk überquoll. »Diese Straße wird auch Hitlers Broadway genannt.«
Holly wollte zu Fuß gehen. Sie war ganz begeistert von dem europäischen Ambiente, während immer wieder Akkordeonmusik an ihre Ohren drang: fröhliche Polkas aus den Tanzlokalen und herzzerreißende Schnulzen aus den Nachtklubs. Sie kamen an einem Restaurant mit Außenbewirtung vorbei. Die Kellner dort jodelten, und die Türsteher waren mit Kniestrümpfen, kurzen Lederhosen, Hosenträgern und Tirolerhüten bekleidet.
»Das wäre wunderschön, wenn es doch nur nichts mit Hitler zu tun hätte«, sagte Holly.
An jeder Ecke wurden Nazi-Zeitungen verkauft. Es gab Nazi-Kioske, winzige Kinos, in denen Nazi-Filme liefen, und in den Schaufenstern der Souvenirläden sah man braune Hemden und Hakenkreuze. In einem der Eingänge stand eine junge blonde Deutsche, rauchte eine Zigarette und lächelte, als die drei einen Blick in ihr Geschäft warfen. »Guten Abend … Haben Sie Interesse an deutschen Fahnen?«
Holly ging hinein. »Ich habe einige herrliche Waren im Angebot«, sagte die Frau. »Vielleicht ein Halstuch aus Berlin? Die sind erst letzte Woche reingekommen.«
Das Halstuch war mit mehreren Landschaftsabbildungen versehen, zwischen denen dünne schwarze Linien verliefen. Doch wenn man genauer hinsah, verwandelten die Linien sich in Hunderte von winzigen Hakenkreuzen. »Ich dachte an etwas mehr Deutschamerikanisches«, sagte Holly.
Die Frau wandte den Blick ab, und ihr Lächeln verschwand. »So etwas finden Sie wohl eher in anderen Teilen der Stadt. Es muß Ihnen doch klar sein, wo Sie sich hier befinden.«
Holly lächelte. »In Amerika, oder nicht?«
Die Frau ging hinter ihr her und legte mit übertriebener Gründlichkeit die Halstücher wieder zurecht. »Sie gehen am besten zum Times Square. Dort dürften Sie finden, was Sie suchen. Jede Menge amerikanische Flaggen und womöglich ein paar britische. Mögen Sie die Briten?«
Die Frau ging weg, aber man konnte sie im Hinterzimmer auf deutsch telefonieren hören. Beinahe unverzüglich versammelte sich eine Gruppe junger Männer auf dem Bürgersteig vor dem Geschäft. Holly kam wieder heraus, und dann setzten sie ihren Spaziergang fort, während die Meute ihnen folgte. Tom legte Holly einen Arm um die Schultern und pfiff immer wieder ein kurzes Stück der amerikanischen Nationalhymne vor sich hin. Sie betraten eine Konditorei und nahmen an einem Ecktisch Platz. Der Kellner brachte ihnen Kaffee und Kuchen und war sehr freundlich, bis die Braunhemden sich am Eingang versammelten. »Ich will hier drinnen keinen Ärger«, sagte er. »Bitte gehen Sie.«
»Wir haben noch nicht aufgegessen«, erwiderte Tom.
Die Jungen kamen herein. Keiner von ihnen war älter als achtzehn. Sie nahmen sich Stühle und ließen sich in einem einschüchternd engen Halbkreis vor den drei Amerikanern nieder. Ihr Anführer ergriff das Wort. »Wer seid ihr?«
Tom beugte sich vor. »Wer seid ihr?«
»Wir sind die Hitlerjugend. Wir sind hier, um Amerika vor den Juden zu retten.«
»Na, was für ein Glück. Sehe ich wie ein Jude aus?«
Der Junge deutete auf Holly. »Die Kleine da war frech zu Frau Hessin. Sie soll zurückgehen und sich entschuldigen.«
»Vielleicht ist es ja nur ein kulturelles Mißverständnis, aber in diesem Land gilt es als unhöflich, mit ausgestrecktem Finger auf eine Dame zu zeigen, die direkt vor einem sitzt.«
Der Junge zog eine Augenbraue hoch. »Ja?«
»Allerdings. Das hier ist Miss Carnahan. Und falls du noch einmal mit dem Finger auf sie zeigst, breche ich ihn dir ab und stopfe ihn dir in die Nase. Dann kannst du zu Miss Gretchenweiler traben und ihr selbst davon erzählen.«
»Sie sind unverschämt. Sie sollten mir besser zuhören. Wir sind immerhin zu sechst.«
»Zu siebt. Ich vermute, man bringt euch in der Hitlerjugend nicht bei, so weit zu zählen.«
»Meinetwegen, sieben. Sie sind zu zweit.«
»Dann ist es ja fast ausgeglichen. Vielleicht würdet ihr gern noch etwas Hilfe herbeirufen.«
Der Junge wurde rot.
»Laßt euch Zeit«, sagte Tom. »Wir warten.«
»Glauben Sie, dieser große Mann dort jagt uns Angst ein?«
»Das sollte er, falls ihr schlau genug seid. Er redet nicht, er tötet nur.«
Der Junge schob seinen Stuhl zurück. »Er ist ein Idiot, er macht uns keine Angst. An Ihrer Stelle würde ich so schnell wie möglich aus Yorkville verschwinden.«
Sie schlenderten zur Tür hinaus, und Holly atmete tief durch. »Iß deinen Strudel auf«, sagte Tom, aber sie hatte keinen Appetit mehr. Als sie dann durch die Straße zurückgingen, blickten ihnen Gesichter aus den Läden hinterher. Im ersten Stock standen Leute an den Fenstern und beobachteten sie, und auch von der anderen Straßenseite folgten ihnen Augenpaare.
Tom war furchtlos, unverschämt und frech, aber als er am letzten Tag von Hollys Aufenthalt ihren Vater kennenlernen sollte, wurde auch er nervös.
»Ich glaube, er mag mich nicht sonderlich«, sagte er an jenem Abend zu Jack. »Er war viel zu höflich, und ich schätze, es ist mir zu keinem Zeitpunkt gelungen, ihn irgendwie für mich einzunehmen.«
Holly kam vorbei, um sich zu verabschieden, und Tom versuchte, sie zum Bleiben zu überreden. »Zieh doch nach New York, wenn es dir hier so gut gefällt. Wieso willst du denn unbedingt zurück in diese Kleinstadt?«
Sie gab keine Antwort darauf. Sie hatte dort eine Anstellung, aber das spielte keine Rolle. Ihre Mutter war tot, ihr Vater schon vor vielen Jahren weggegangen, und es schien auch keine engen Freunde zu geben, die sie dort festgehalten hätten. »Sie hat nichts und niemanden in diesem Kaff«, sagte Tom ungläubig, nachdem sie gegangen war. »Kannst du dir das vorstellen? Ein so tolles Mädchen und dann überhaupt keine Freunde? Trotzdem will sie dieses öde Nest nicht aufgeben.«
Sie blieben in Briefkontakt, und im August fuhr Tom zu Besuch nach Pennsylvania. Im Herbst kam Holly wiederum in den Osten zurück, und sie schlugen sich die Nächte in den Klubs der Zweiundfünfzigsten Straße um die Ohren. Jack hatte inzwischen ebenfalls eine Freundin. Sie hieß Bonnie, war recht hübsch und immer zu Späßen aufgelegt. Aber er konnte seine Augen einfach nicht von Holly abwenden. Ein dutzendmal ertappte er sich dabei, daß er sie anstarrte, und als sie schließlich irgendwann seinen Blick erwiderte, sah er in ihrem Gesicht die gleichen Gefühle, die auch er empfand. Schnell wandte er den Kopf wieder ab.
Kurz vor Tagesanbruch erklang Hollys Stimme aus der Dunkelheit im Camp Bob Howser und brachte einen Trinkspruch aus, genau wie vor drei Jahren an Thanksgiving. Einen besonderen Toast auf ihren Vater. »Auf dich, Dad, du wundervoller alter Knabe. Du hast mich denken gelehrt. Du hast mich neugierig gemacht. Du hast mir Hoffnung gegeben.«
Carnahan hätte durchaus auch Jacks Vater sein können; ein Mann Mitte Fünfzig, der seine Weisheit zurückhaltend und taktvoll mit anderen teilte. Jack hatte mit einem Gelehrten gerechnet und war überrascht, statt dessen einen gleichgesinnten Arbeiter kennenzulernen, einen Mann mit Baumwollhose, Flanellhemd und einem verbeulten Filzhut.
Das war der Anfang seiner merkwürdigen Beziehung zu Carnahan; merkwürdig deshalb, weil Holly, die eigentliche Initiatorin, weitgehend ausgeschlossen blieb, genau wie Tom, Jacks bester Freund und fraglos Carnahans zukünftiger Schwiegersohn. An manchen Samstagen traf Jack sich mit Carnahan in der Stadt und zog mit ihm durch die Antiquariate an der Vierten Avenue. Abends verabredeten sie sich häufig in einer kleinen Bar, führten dort lange philosophische Gespräche oder diskutierten über ihre jeweils flüchtige Begegnung mit dem Kommunismus. Auch Carnahan hatte seinerzeit ein paar einschlägige Versammlungen besucht. »Als ich damals auf Jobsuche ausgezogen bin, war ich ziemlich von Marx überzeugt. Ich stand kurz davor, mich der ganzen Sache anzuschließen. Man sieht in diesem Land dermaßen viel Habgier, die durch das System immer wieder aufs neue belohnt zu werden scheint. Aber am Ende erkennt man auch die Schwachstellen des kommunistischen Ideals und begreift, daß es niemals funktionieren wird.«
Sie kamen auf Literatur zu sprechen, und Carnahan las Jacks Buch. »Eine verdammt gute und ehrliche Arbeit«, lautete sein Kommentar. In einer Billardhalle in Brooklyn brachte er Jack bei, wie man am geschicktesten über die Bande spielte. Er blickte von seinem Bier auf und sprach schließlich auf seine ruhige, aber direkte Art das Undenkbare aus.
»Diese Sache zwischen Holly und Tom. Es ist nicht richtig.«
Jack erstarrte über seinem Queue.
»Und du weißt auch, warum es nicht richtig ist.«
Jack hob die Hände, als könnte er die Worte wegschieben. »Ich glaube nicht, daß wir so darüber reden sollten.«
Carnahan lehnte sein Queue an die Wand. »Tom fragt sich immer, weshalb sie nicht nach New York ziehen will. Hör mir gut zu, Jack, ich werd’s dir verraten. Sie kommt wegen dir nicht her. Die Kleine hat weitaus mehr Kummer und Leid erlebt als die meisten ihrer Altersgenossen. Sie kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie eines Tages der Grund für das Ende der Freundschaft zwischen Tom und dir sein könnte.«
»Das wird nicht geschehen.«
»Vielleicht sollte es das aber, wenn ihr nur durch eine Lüge zusammengehalten werdet.«
»Ich kann mich da wirklich nicht einmischen.«
Carnahan kam um den Tisch herum. »Nun, jemand sollte sich aber lieber einmischen. Und zwar verflucht bald.«
Im Camp Bob Howser ging das Licht an. Der Aufseher machte seine Runde durch die Baracken, um die Häftlinge für ihren fünfzehnstündigen Arbeitstag zu wecken. Im Speisesaal, dessen Fenster noch immer dicht verhängt waren, schlangen die Männer ein Frühstück aus kaltem Toast und warmem Brei herunter. Dulaney hörte den Lastwagen vorfahren und wappnete sich für den Tag.
Als im Osten die Sonne aufging und alles in gleißende Helligkeit tauchte, ließ er sich von dem Wagen fallen. Der Aufseher, der hinten bei den Gefangenen mitfuhr, wandte den Kopf gen Westen, und schon sprang Dulaney ab.
Er rollte in den Graben und landete bäuchlings in einer Pfütze. Dann robbte er die Böschung hinauf und machte sich bereit, aufzuspringen und in den knapp vierzig Meter entfernten Wald zu rennen, aber der Aufschrei, mit dem er gerechnet hatte, blieb aus.
Vorsichtig hob er den Kopf. Einige der Häftlinge auf der Ladefläche schauten zu ihm, doch niemand verriet ihn. Der Wachposten starrte mit geschulterter Schrotflinte über das Führerhaus nach vorn. Dann bog der Laster auf einen felsigen Pfad ein und verschwand zwischen den Bäumen.
Jack lief genau nach Osten. Das war riskant, denn er würde dicht an der Baustelle vorbeikommen. Vielleicht sollte er einfach dreist zu den Leuten hingehen und sie nach der Uhrzeit fragen, so wie es vor achtzig Jahren die Vorposten der Rebellen gemacht hatten, als sie im Wald bei Charleston auf feindliche Yankees trafen. Damit rechneten sie bestimmt nicht. Die Hunde würden es bemerken, aber geistig eher schlicht veranlagte Männer neigten häufig dazu, die Tiere zu ignorieren, sobald diese anscheinend unlogisch reagierten. Nette Theorie – wahrscheinlich würde man mich sofort verhaften, dachte er.
Das Gelände verlief abschüssig, und er hörte Wasser rauschen. Ein Bach wäre gut, um die Hunde von seiner Fährte abzubringen, aber letztendlich bot sich ihm diese Gelegenheit doch nicht. Er beschloß, den Kurs nach Osten strikt einzuhalten, und allmählich schwand das Geräusch des Wassers wieder.
Der Gedanke an Holly trieb ihn unerbittlich zur Eile an. Er empfand die deutliche Vorahnung, daß er sie nie wiedersehen würde, wenn man ihn erwischte, also durfte er sich eben nicht erwischen lassen. Das Leben konnte bisweilen sehr einfach sein.
Die Sonne stand nun deutlich über den vorausliegenden Hügeln. Sie schien durch das Blätterdach und hüllte den Wald in einen gespenstisch silbrigblauen Dunst.
Jack dachte an Kendall und den Wagen. Sein Vertrauen, auf eine Verbindungsstraße zu stoßen, war nicht besonders groß. Prinzipiell mußte es eine geben, aber ob sie einen oder dreißig Kilometer entfernt lag, konnte er nicht wissen. Sein Vorsprung betrug bestenfalls vierzig Minuten. Ohne einen Wasserlauf, in dem er seine Spur verwischen konnte, würden die Hunde ihn nach zwei Stunden eingeholt haben.
Der Wald lichtete sich, und er hörte Stimmen. Dann konnte er die Männer sehen. Der Laster und der dritte Aufseher waren nicht mehr da. Einer der beiden verbleibenden Posten stand inmitten der Sträflinge; der andere patrouillierte mit seiner Schrotflinte am Rand der Lichtung, näherte sich Jack dabei bis auf wenige Meter und setzte seine Runde fort.
Dulaney schlich weiter nach Osten. Zehn Minuten später entdeckte er in der Ferne eine Überlandleitung und kurz darauf eine schmale Schotterstraße. Er wußte immer noch nicht, ob Kendall hergekommen war, doch er wandte sich hoffnungsvoll nach Norden.
Es war eine einfache Landstraße, gerade breit genug, daß zwei Fahrzeuge sich begegnen konnten. Jack blieb unter den Bäumen, so daß man ihn nicht schon von weitem sehen würde. Falls Kendall und der Essex auftauchten, konnte er rechtzeitig ins Freie laufen. Zwar kratzte er sich im Dickicht Arme und Gesicht blutig, aber dennoch legte er parallel zur Fahrbahn eine beträchtliche Strecke zurück. Dann hörte er einen Wagen und warf sich zu Boden.
Als das Fahrzeug in Sicht kam, zog er den Kopf ein. Es handelte sich nicht um den unverwechselbar leuchtendroten Essex, sondern um einen schwarzen Ford. Mehr konnte er nicht erkennen, und dann fuhr der Wagen auch schon an ihm vorbei. Ein schwarzer Ford, der mit rasselndem Motor nach Norden im dichten Wald verschwand.
Jack stand auf und hetzte weiter durch das Unterholz. Erst nach knapp einem Kilometer blieb er wieder stehen, um zu lauschen. Er hörte denselben Wagen mit demselben, nun offenbar im Leerlauf tuckernden Motor unmittelbar vor sich. Die Sträucher standen hier sehr dicht; er durfte sich nur langsam bewegen, um kein Geräusch zu verursachen. Aber als er vorankroch, sah er etwas Rotes zwischen den Bäumen aufblitzen. Das mußte der Essex sein. Dann erspähte er den Ford, der mit laufendem Motor daneben stand.
Durch das Gebüsch erblickte er die undeutlichen Schemen zweier Männer; falls er sich weiter näherte, würde man ihn entdecken. Sie schienen den Wagen zu durchsuchen, und der Kofferraum des Essex stand offen. Jack konnte ihr Gespräch deutlich hören.
»Wenigstens wissen wir, wohin er will.«
Der Ire.
»Und was jetzt?« fragte kurz darauf der andere.
»Wir legen alles so zurück, wie es war, und dann hauen wir ab.«
Der Kofferraumdeckel knallte zu. Der Ire ging zur Beifahrerseite des Ford. »Falls ich dieses Arschloch noch mal in die Finger
