Die Ratten. Textausgabe mit Kommentar und Materialien - Gerhart Hauptmann - E-Book
Beschreibung

Klassenlektüre und Textarbeit einfach gemacht: Die Reihe "Reclam XL – Text und Kontext" erfüllt alle Anforderungen an Schullektüre und Bedürfnisse des Deutschunterrichts: * Schwierige Wörter werden erklärt, ausführlichere Wort- und Sacherläuterungen stehen im Anhang. * Zusatz-Materialien im Anhang erleichtern das Verständnis des Werkes und liefern Impulse für Diskussionen im Unterricht: zu Quellen und Stoff, Biographie des Autors, Epoche und Rezeptionsgeschichte. "Einhundertdreiundzwanzig Mark" – so viel ist in Gerhart Hauptmanns 1911 uraufgeführter Tragikomödie Die Ratten ein Säugling wert. Der Handel mit dem Kind lässt zwei Frauen in unerbittlichen Streit geraten, und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf … Die Bände von Reclam XL sind im Textteil seiten- und zeilenidentisch mit den gelben Ausgaben der Universal-Bibliothek. UB- und XL-Ausgaben sind also nicht nur im Unterricht nebeneinander verwendbar – es passen auch weiterhin alle Lektüreschlüssel, Erläuterungsbände und Interpretationen dazu. E-Book mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe: Buch und E-Book können parallel verwendet werden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:284


Gerhart Hauptmann

Die Ratten

Berliner Tragikomödie

Herausgegeben von Peter Langemeyer

Reclam

2018 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
E-Book-Konvertierung: pagina GmbH Publikationstechnologien, Herrenberger Straße 51, 72070 Tübingen
Made in Germany 2018
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961489-2

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019437-9

www.reclam.de

Inhalt

Die Ratten. Berliner TragikomödieDramatis personaeErster AktZweiter AktDritter AktVierter AktFünfter AktAnhang1. Zur Textgestalt2. Anmerkungen3. Leben und ZeitZeittafel4. Zur Entstehungsgeschichte4.1 Anregungen und Quellen4.1.2 Schauspielunterricht4.1.3 Die Kaserne in der Alexanderstraße4.1.4 Der Gerichtsprozess um Kindesunterschiebung

[5]Die Ratten

Berliner Tragikomödie

[7]Dramatis personae

HARRO HASSENREUTER, ehemaliger Theaterdirektor

SEINE FRAU

WALBURGA, seine Tochter

PASTOR SPITTA

ERICH SPITTA, Kandidat der Theologie, sein Sohn

ALICE RÜTTERBUSCH, Schauspielerin

NATHANAEL JETTEL, Hofschauspieler

Schüler Hassenreuters

KÄFERSTEIN

DR. KEGEL

JOHN, Maurerpolier

FRAU JOHN

BRUNO MECHELKE, ihr Bruder

PAULINE PIPERKARCKA, Dienstmädchen

FRAU SIDONIE KNOBBE

SELMA, ihre Tochter

QUAQUARO, Hausmeister

FRAU KIELBACKE

SCHUTZMANN SCHIERKE

ZWEI SÄUGLINGE

[9]Erster Akt

Im Dachgeschoss einer ehemaligen Kavalleriekaserne zu Berlin. Ein fensterloses Zimmer, das sein Licht von einer brennenden Lampe erhält, die von der Mitte der Decke über einen runden Tisch herunterhängt. In die Hinterwand mündet ein gerader Gang, der den Raum mit der Entreetür verbindet, einer eisenbeschlagenen Tür mit einer primitiven Schelle, die der Eintritt Begehrende von außen durch einen Drahtzug in Bewegung setzt. Eine Tür in der Wand links schließt ein Nebengemach ab. An der Wand rechts führt eine Treppe auf den Dachboden.

Auf diesem Dachboden, sowie in den sichtbaren Räumlichkeiten, hat der Extheaterdirektor Harro Hassenreuter seinen Theaterfundus untergebracht.

Man kann, bei dem ungewissen Licht, im Zweifel sein, ob man sich in der Rüstkammer eines alten Schlosses, in einem Antiquitätenmagazin oder bei einem Maskenverleiher befindet.

Zu beiden Seiten des Ganges sind auf Ständern Helme und Brustharnische Pappenheim’scher Kürassiere aufgestellt, ebenso in je einer Reihe an der rechten und linken Wand des vorderen Raums. Die Dachbodentreppe steht zwischen zwei Geharnischten. Die Decke darüber schließt die übliche Bodenklappe ab.

Ein Stehpult ist vorn links an die Wand gerückt. Tinte, Federn, alte Geschäftsbücher und ein Kontorbock sowie einige Stühle mit hohen Lehnen um den runden Mitteltisch lassen erkennen, dass der Raum zu Bürozwecken dienen muss. Wasserflasche mit Gläsern auf dem Tisch und einige Photographien über dem Stehpult. Die Photographien zeigen Di[10]rektor Hassenreuter als Karl Moor sowie in verschiedenen anderen Rollen.

Einer der Pappenheim’schen Kürassiere trägt einen ungeheuren Lorbeerkranz um den Nacken gehängt, mit einer Schleife, deren Enden in goldenen Lettern die Worte tragen: »Unserem genialen Direktor Hassenreuter! Die dankbaren Mitglieder.« Eine Serie mächtiger roter Schleifen trägt nur die Aufschriften: »Dem genialen Karl Moor« … »Dem unvergleichlichen, unvergesslichen Karl Moor« … usw. usw.

Der Raum ist nach Möglichkeit zu Magazinzwecken ausgenutzt. Wo irgend angängig, hängen an Kleiderhaken deutsche, spanische und englische Kostümstücke aus verschiedenen Jahrhunderten. Man sieht schwedische Reiterstiefel, spanische Degen und deutsche Flamberge.

Die Tür links hat die Aufschrift: Bibliothek.

Das ganze Gemach zeigt eine malerische Unordnung. Alte Scharteken und Waffen, Pokale, Becher usw. liegen umher. Es ist eines Sonntags, Ende Mai.

Frau John, über Mitte der Dreißig hinaus, und das blutjunge Dienstmädchen Piperkarcka sitzen am Mitteltisch. Die John, den Oberkörper weit über den Tisch gelehnt, redet lebhaft auf das Dienstmädchen ein. Die Piperkarcka, dienstmädchenhaft aufgedonnert, mit Jackett, Hut und Schirm, sitzt aufrecht. Ihr hübsches rundes Lärvchen ist verweint. Ihre Gestalt zeigt Spuren noch nicht vollendeter Mutterschaft. Sie malt mit der Schirmspitze auf der Diele.

FRAU JOHN.

Na ja doch! Freilich! Ick sag’t ja, Pauline.

DIE PIPERKARCKA.

Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee. Muss jehn un muss nachsehn, ob ick ihm treffe! (Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben.)

[11]FRAU JOHN

(verhindert die Piperkarcka am Aufstehen). Pauline! Um Jottes willen, bloß det nich! Det nich, um keenen Preis von de Welt. Det macht Skandal, kost Jeld und bringt nischt. Wat wolln Se woll, und wo Se noch in den Zustande sind, dem schlechten Halunken noch weiter nachloofen!?

DIE PIPERKARCKA.

Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst verjeblich auf mir. Ick spring im Landwehrkanal und versaufe.

FRAU JOHN.

Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline? Jeben Se Obacht, heeren Se jetzt bloß um Jottes willen ’n janz ’n eenziges … bloß ma’n janzen kleenen Oochenblick uff mir, und passen Se dadruff uff, wat ick Ihn vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch bei de Normaluhr, wo ick an Alexanderplatz aus de Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und hab et Ihn uff’n Kopp druff jesacht. Wat hab ick jesacht? Jelt, hab ick Ihn uff’n Kopp druff jefragt, jelt, kleenet Aas, er will nischt von wissen! – Det jeht hier vielen, det jeht hier allen, det jeht hier vielen Millionen Mächens so! Und denn hab ick jesacht … wat hab ick jesacht? komm, hab ick jesacht, ick will dir helfen.

DIE PIPERKARCKA.

Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken lassen, wie ick verändert bin. Mutter schreit doch auf’n ersten Blick! Vater haut mir Kopf an die Wand und schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls ooch weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke, was ick mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich schlechter Mensch nich Mark nich Pfennig übriggelassen.

FRAU JOHN.

Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein: [12]wenn Se bloß wollten Obacht jeb’n … jeb’n Se doch um Jottes willen Obacht, wat ick Ihn for Vorschläge unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen. Ihn is jeholfen und so desselbijenjleichen ooch mir. Außerden is Pauln, wat mein Mann is, jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil det uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an de Bräune jestorben is. Ihr Kind hat et jut wie’n eejnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz wieder uffsuchen, kenn wieder in’n Dienst, kenn wieder bei Ihre Eltern jehn, det Kind hat et jut, und keen Mensch uff die janze Welt nich braucht wat von wissen.

DIE PIPERKARCKA.

I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! (Sie steht auf.) Ick schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein Jackett zurück: du hast mit deine verfluchte Schlechtigkeit deine Pauline im Wasser jetrieben! dann setze vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher, zu. Denn soll er sehn, wie er mit sein Mord auf Jewissen man meinswegen fertig wird.

FRAU JOHN.

Warten Se, Freilein, ick muss erst uffschließen.

(Frau John stellt sich, als wolle sie die Piperkarcka hinausbegleiten. Noch bevor beide Frauen den Gang erreichen, tritt Bruno Mechelke langsam forschend aus der Tür links und bleibt stehen. Bruno Mechelke ist eher klein als groß, hat einen kurzen Stiernacken und athletische Schultern. Niedrige, weichende Stirn, bürstenförmiges Haar, kleiner runder Schädel, brutales Gesicht mit eingerissenem und vernarbtem linkem Nasenflügel. Die Haltung des etwa neunzehnjährigen Menschen ist vornübergebeugt. Große, plumpe Hände hängen an langen, muskulösen Armen. [13]Die Pupillen seiner Augen sind schwarz, klein und stechend. Er bastelt an einer Mausefalle herum. Bruno pfeift seiner Schwester wie einem Hunde.)

FRAU JOHN.

Ick komme jleich, Bruno. Wat wiste denn?

BRUNO

(scheinbar in die Falle vertieft). Ick denke, ick soll hier Fallen uffstellen.

FRAU JOHN.

Haste dem Speck denn rinjemacht? (Zur Piperkarcka.) ’tis bloß mein Bruder. Erschrecken sich nicht, Freilein.

BRUNO

(wie vorher). Ick ha heute dem Kaisa Willem jesehn, Jette. Ick war mit de Wachparade jejang.

FRAU JOHN

(zur Piperkarcka, die durch Brunos Erscheinung angstvoll gebannt ist). Et is bloß mein Bruder, bleiben Se man. (Zu Bruno.) Junge, wie siehst du bloß wieder aus? Det Freilein muss sich ja von dich Angst kriejen.

BRUNO

(wie vorher. Ohne aufzublicken). Schuberle buberle, ick bin ’n Jespenst.

FRAU JOHN.

Mach uff’n Boden und stell deine Mausefallen!

BRUNO

(wie vorher. Tritt langsam an den Tisch). Jawoll, det is ooch man wieder so’n Jeschäft zum Vahungern. Wenn ick mit Streichhölzer handeln du, denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von.

DIE PIPERKARCKA.

Atje, Frau John.

FRAU JOHN

(wütend auf den Bruder los). Wiste woll jehn und wist mir in Frieden lassen!

BRUNO

(geduckt). Hab dir man nich. Ick jeh ja schonn. (Er zieht sich folgsam wieder in das anstoßende Zimmer zurück, dessen Tür Frau John resolut hinter ihm schließt.)

DIE PIPERKARCKA.

Den mecht ick Tierjarten, Jrunewald[14]nicht bejejnen. Bei Nacht nich und nich ma bei Dage nich.

FRAU JOHN.

Jnade Jott, wo ick Brunon hetze und der ma hinter een hinter is!

DIE PIPERKARCKA.

Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder sprechen wollen, lieber Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, Frau John.

FRAU JOHN.

Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag un Nacht jroßjebracht. Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal besser. Also, Pauline, wenn et jeboren is, nehm ick det Kind, un bei meine in Jott vastorbene Eltern, wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch mich zurückhält nach Rüdersdorf jeh und Lichter uff beede Jräber ansteche: det kleene Wurm soll et madich jut hab’n, wie et besser keen jeborener Prinz und keene jeborene Prinzessin haben tut.

DIE PIPERKARCKA.

Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol – trefft, wen trefft! – un jießen dem Weibsbild, wo mit ihm jeht – trefft, wen trefft! –, mitten in Jesicht! Trefft, wen trefft! Brennt ihm janze verfluchte hübsche Visage kaputt! Mir jleich! Brennt ihm Bart kaputt! Brennt ihm Augen kaputt! wenn er mit andres Frauenzimmer jeht. Trefft, wen trefft! Hat mir betrogen! zujrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt, verlassen, belogen, betrogen, in Elend jestoßen! Trefft, wen trefft! Soll blind sein! Nase soll wegjefressen sein! Soll jar nich mehr überhaupt auf Erde sein!

FRAU JOHN.

Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von Stund an, wo det kleene Wurm erst ma uff de Welt [15]is … von den Oochenblick an! … det soll et haben, als wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren wär. Bloß jutes Zutrauen! und, det Se ja sachen! – Ick habe mir allens ausjedacht. Et jeht zu machen, Pauline, et jeht, et jeht, sach ick Ihn! Und weder’n Dokter noch Polizei noch Ihre Wirtin merkt wat von. – Und denn kriejen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig Mark, wat ick mir von det Reinmachen hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe, ausjezahlt.

DIE PIPERKARCKA.

Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich!

FRAU JOHN.

Wer redet denn von verkoofen, Pauline?

DIE PIPERKARCKA.

Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag for Himmelsangst ausjestanden. Bräutijam steeßt mir fort! Mietsfrau steeßt mir fort. Schlafbodenstelle is mir jekindigt. Wat du ick denn, dass man mir so verachtet und von die Leute verflucht un ausstoßen muss?

FRAU JOHN.

Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern Herrn Christus Heiland noch immer ieber is. (Ohne bemerkt zu werden, ist Bruno, bastelnd wie vorher, geräuschlos wiederum in die Tür getreten.)

BRUNO

(sagt in eigentümlicher Weise, scharf, aber wie nebenbei).Lampen!

DIE PIPERKARCKA.

Der Mensch erschrickt mir. Lassen mir fort!

FRAU JOHN

(geht heftig auf Bruno los). Willst du woll jehn, wo de hinjeheerst! Ick ha dir jesacht, ick wer dir rufen.

BRUNO

(wie vorher). Na Jette, ick ha doch bloß »Lampen« jesacht.

[16]FRAU JOHN.

Biste verrickt? Wat heeßt denn det: Lampen? –

BRUNO.

Na, klinkt et denn nich an de Einjangstier?

FRAU JOHN

(erschrickt, horcht, hält die Piperkarcka zurück, die im Begriff ist davonzugehen). Pst, Freilein! Halt! Warten Se man noch’n Oochenblick.

(Bruno schnitzelt weiter. Die beiden Frauen horchen.)

FRAU JOHN

(leise, angstvoll, zu Bruno). Ick heer nischt.

BRUNO.

Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da man bessare Lauscha an.

FRAU JOHN.

Det wär in det janze Vierteljahr det erste Ma, det der Direkter kommt, wenn Sonntag is.

BRUNO.

Wenn der Theatafritze kommt, kann a mir meinswejen jleich angaschieren.

FRAU JOHN

(heftig). Quatsch nich!

BRUNO

(grinsend zur Piperkarcka). Jlooben S’et, Freilein, ick ha bei Zirkus Schumann ’n dummen Aujust sein Esel dreimal rum die Manesche jebracht. Det mach ick allens! Ick wer mir woll furchten.

DIE PIPERKARCKA

(scheint die phantastische Sonderbarkeit der Umgebung erst jetzt zu bemerken, erschrocken, stark beunruhigt). Josef Maria, wo bin ick denn?

FRAU JOHN.

Wer kann denn det sind?

BRUNO.

Da Direkta nich, Jette. Det is eha ’ne Tülle, wo elejante Trittlinge hat.

FRAU JOHN.

Freilein, jehn Se man zwee Minuten, sein so jut, hier uff’n Oberboden. ’s kommt eener, kann sind, der bloß wat wissen will.

(In ihrer zunehmenden Angst tut die Piperkarcka das Verlangte. Sie klettert über die Treppe auf den Oberboden, dessen Klappe geöffnet ist. Frau John hat sich so gestellt, [17]dass im Notfalle die Piperkarcka gegen die Entreetür gedeckt ist. Die Piperkarcka verschwindet. Frau John und Bruno bleiben allein.)

BRUNO.

Wat wiste denn mit die barmherzige Schwester?

FRAU JOHN.

Det jeht dir nischt an, verstehste mich.

BRUNO.

Ick frage ja man, weil det de vor det Mächen so ängstlich ’ne Wand machen dust. Sonst is et mich doch wahaftig Pomade.

FRAU JOHN.

Det soll dir ooch immer Pomade sind.

BRUNO.

Danke Komma, denn kann ick woll abtippeln.

FRAU JOHN.

Lump, weeßt du woll, wat du mir schuldig bist?

BRUNO

(pomadig). Wat regste dir denn uff? Wo stoß ick dir denn? Wat wiste? Ick muss jetzt zu meine Braut. Mir schläfert. Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in Tierjarten plattjemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. (Er kehrt seine Hosentaschen um.) Folgedessen muss ick jehn ’n Stück Brot verdienen.

FRAU JOHN.

Hierjeblieben! – und nich von de Stelle! – oder du krist, und wenn det de jaulst wie’n kleener Hund, kriste nimmermehr, wenn’t bloß’n Pfennich is, krist de von mich! Bruno, du jehst uff schlechte Weje.

BRUNO.

Ick wer woll immer jejen de janze Welt … noch wat! … wer ick der Potsdamer sind. Soll ick etwa nich jehn, wo ick scheen bei Huldan zu leben krieje? (Er zieht eine schmutzige Brieftasche.) Nich ma’n dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmullje drin. Wat wiste von mich, un denn lass mir abschrenken.

FRAU JOHN.

Von dir? Wat ick will? For wat wärst du woll nitze? Du bist zu nischt weiter nitze, als det eene [18]Schwester, wo nich richtig in Koppe is, mit so’n Lump un Tagedieb Mitleid hat.

BRUNO.

Kann sind, det de in Koppe manchmal nich richtig bist.

FRAU JOHN.

Unser Vater hat oft zu mich jesacht, wo du schonn mit fünf, sechs Jahre alt schlechte Dinge jetrieben hast, det mit dir in Leben keen Staat weiter nich zu machen is un det ick dir sollte loofen lassen. Un mein Mann, wo richtig un orntlich is … vor so’n juten Mann: du darfst dir nich blicken lassen.

BRUNO.

Jewiss doch, det weeß ick ja allens, Jette! Aber so eenfach schiebt sich det nu eemal nu eben nich. Wat wiste? Ick weeß, ick bin mit’n Ast uff’n Puckel, wenn det’n ooch det’n keener sieht, un nich in Zangzuzih uff de Welt jekomm. Ick muss sehn un mir mit mein Ast mangmang helfen. Na jut so! wat wiste? von wejen de Ratten brauchst du mir nich. Du wist bloß wat mit die Dohlevertussen.

FRAU JOHN

(die Faust drohend unter Brunos Nase). Verrat du een eenziget kleenet Sterbenswort: denn mach ick dir kalt. Denn bist du ’ne Leiche!

BRUNO.

Na weeßte, vastehste, ick mache mir dinne. (Er steigt die Treppe hinauf.) Womeeglich komm ick, mir nischt dir nischt, noch ma in Schokoladenkasten rin.

(Er verschwindet durch die Bodenklappe. Frau John löscht eilig die Lampe und tappt sich zur Bibliothekstür. Sie geht in die Bibliothek, schließt aber die Tür hinter sich nicht ganz.

Die Geräusche eines verrosteten Schlosses und Schlüssels, der darin umgedreht wurde, sind vernehmlich gewesen. Ein leichter Schritt kommt nun den Gang herauf. Vor[19]übergehend war der Berliner Straßenlärm, auch Kindergeschrei aus den Hausfluren vernehmlich geworden. Leierkastenmusik vom Hof herauf.

Mit scheuen Bewegungen erscheint Walburga Hassenreuter. Das Mädchen ist noch nicht sechzehn Jahre alt und sieht hübsch und unschuldig aus. Sonnenschirm, fußfreies helles Sommerkleidchen.)

WALBURGA

(stutzt, horcht, sagt dann ängstlich). Papa! – Ist schon jemand hier oben? – Papa! Papa! (Sie horcht lange gespannt und sagt dann.) Es riecht ja hier so nach Petroleum! (Sie findet Streichhölzer, entzündet eines davon, will die Lampe anstecken und verbrennt sich an dem noch heißen Zylinder.) Au! – Donnerwetter, wer ist denn hier? (Sie hat aufgeschrien und will fortlaufen. Frau John erscheint wieder.)

FRAU JOHN.

I, Freilein Walburga, wer wird denn jleich Lärm machen! Sein Se man friedlich! Det bin ja bloß ick.

WALBURGA.

Gott, hab ich aber einen ganz entsetzlichen Schreck bekommen, Frau John.

FRAU JOHN.

Weshalb denn, Freilein? Wat suchen Se denn heit an Sonntag hier?

WALBURGA

(Hand auf dem Herzen). Mir steht noch immer das Herz ganz still, Frau John.

FRAU JOHN.

Wat hat’s denn, Freilein Walburga? Wer ängstigt Se denn? Sie missen det doch von Ihren Herrn Vater wissen, det ick Sonntag und Wochentag hier oben mang die Kisten und Kasten zu tun habe, mit Staub-Abbürsten und Motten-Auskloppen. In drei, vier Wochen, wenn ick jlicklich mit die zwölf- oder achtzehnhundert Theaterlumpen eemal rum bin und fertig bin, fängt et doch immer wieder von frischen an.

[20]WALBURGA.

Ich hab mich erschrocken, weil sich der Lampenzylinder noch ganz heiß anfasste, Frau John.

FRAU JOHN.

Nu ja, de Lampe hat ebent jebrannt, un ick hab se vor eene halbe Minute ausjepustet. (Sie hebt den Zylinder ab.) Mir brennt et nich! Ick hab harte Hände! (Sie zündet das Docht auf.) Na, nu wird Licht! Nu hab ick se wieder anjestochen. Wat is nu Jefährliches los? Ick sehe nischt.

WALBURGA.

Hu, Sie sehen ja aus wie ein Geist, Frau John.

FRAU JOHN.

Wie soll ick aussehn?

WALBURGA.

Das ist, wenn man so aus der prallen Sonne ins Finstere kommt … in diese muffigen Kammern hinein, da ist man wie von Gespenstern umgeben.

FRAU JOHN.

Na, kleenet Jespenst, weshalb kommen Se denn? – Sind Se alleene, oder is noch jemand? – Kommt am Ende Papa noch nach?

WALBURGA.

Nein! Papa ist heute zu einer wichtigen Audienz nach Potsdam hinaus.

FRAU JOHN.

Und wat suchen denn also Sie nu woll hier?

WALBURGA.

Ich? Ich bin einfach spazieren gewesen.

FRAU JOHN.

Na, denn sehn Se man wieder, det Se fortkomm. In Papan seine Rumpelkammer scheint keene Pfingstsonne nich.

WALBURGA.

Sie sollten auch, so grau wie Sie aussehen, mal lieber raus an die Sonne gehn.

FRAU JOHN.

I, Sonne is bloß for feine Leite! Wenn ick man alle Dache meine paar Pfund Staub und Dreck uff de Lunge krieje – jeh man, Kindken, ick muss an de Arbeet! –, mehr brauch ick nich: ick lebe von Müllstoob und Mottenpulver. (Sie hustet.)

[21]WALBURGA

(ängstlich). Sie brauchen Papa nicht sagen, dass ich hier oben gewesen bin.

FRAU JOHN.

Ick? Ick habe woll sonst nischt Besseret zu tun.

WALBURGA

(scheinbar leichthin). Und sollte Herr Spitta nach mir fragen …

FRAU JOHN.

Wer?

WALBURGA.

Der junge Herr, der bei uns im Hause Privatstunde gibt …

FRAU JOHN.

Na, und?

WALBURGA.

Sind Sie so freundlich und sagen Sie ihm, dass ich hier gewesen, aber gleich wieder gegangen bin.

FRAU JOHN.

Also Herrn Spitta soll ick et sagen, Papan nich?

WALBURGA

(unwillkürlich). Um Gottes willen nicht, liebste Frau John.

FRAU JOHN.

Na wacht du, wacht! Jib du bloß man Obacht. Manch eene hat ausjesehn wie du und is aus die Jejend jekomm wie du, wo nachher in de Drajonerstraße in Rinnsteen oder jar in de Barnimstraße hinter schwed’sche Jardinen zujrunde jejangen is.

WALBURGA.

Sie werden doch damit nicht sagen wollen, Frau John, oder glauben wollen, dass in meiner Beziehung zu Herrn Spitta etwas Unerlaubtes oder Ungehöriges ist?

FRAU JOHN

(in höchstem Schreck). Mund zu! – Et hat jemand dem Schlüssel im Schloss jestochen.

WALBURGA.

Auslöschen! (Frau John bläst schnell die Lampe aus.) Papa!

FRAU JOHN.

– Freilein, ruff uff’n Oberboden! (Sie und [22]Walburga verschwinden über die Treppe durch den Bodenverschlag, der verschlossen wird.)

(Zwei Herren, der Direktor Harro Hassenreuter und der Hofschauspieler Nathanael Jettel, erscheinen durch die Flurtür im Gange. Der Direktor ist mittelgroß, glattrasiert, fünfzig Jahre alt. Er pflegt große Schritte zu nehmen und bekundet ein lebhaftes Temperament. Sein Gesichtsschnitt ist edel, das Auge von kühnem Ausdruck. Sein Betragen ist laut. Sein Wesen überhaupt durchaus feurig. Er trägt einen hellen Sommerüberzieher, den Zylinder nach hinten gerückt und übrigens Frackanzug und Lackschuhe. Der leger geöffnete Paletot enthüllt eine mit Ordensternen überdeckte Brust. – Hofschauspieler Jettel trägt unter dem leichtesten Sommerüberzieher einen weißen Flanellanzug. Er hat einen Strohhut nebst elegantem Stock in der linken Hand, gelbe Schuhe an den Füßen. Er ist ebenfalls glattrasiert und über die Fünfzig alt.)

DIREKTOR HASSENREUTER

(ruft). John! – Frau John! – Ja, das sind nun hier meine Katakomben, lieber Jettel! Sic transit gloria mundi! Hier hab ich nun alles, mutatis mutandis, untergebracht, was von meiner ganzen Theaterherrlichkeit übriggeblieben ist: alte Scharteken! alte Lappen und Lumpen! – John! John! Sie ist hier gewesen, denn der Lampenzylinder ist heiß! (Er zündet mit einem Streichholz die Lampe an.)Fiat lux, pereat mundus! So! Jetzt können Sie mein Motten-, Ratten- und Flohparadies bei Lichte besehen.

NATHANAEL JETTEL.

Haben Sie also meine Karte bekommen, bester Direktor?

DIREKTOR HASSENREUTER.

Frau John! – Ich werde mal sehn, ob sie auf dem Boden ist. (Er steigt sehr gewandt [23]die Treppe hinauf und rüttelt an der Bodenklappe.) Verschlossen! Den Schlüssel hat die Kanaille natürlich am Schürzenband. (Er pocht wütend mit der Faust gegen die Klappe.) John! John!

NATHANAEL JETTEL

(etwas ungeduldig). Direktor, geht es nicht ohne die John?

DIREKTOR HASSENREUTER.

Was? Glauben Sie, dass ich Ihnen den miserablen Lappen, den Sie gerade da für Ihr Gastspiel brauchen, aus meinen dreihundert Kisten und Kasten ohne die John, im Frack und mit sämtlichen Orden, so, wie ich vom Prinzen komme, selber heraussuchen kann?

NATHANAEL JETTEL.

Erlauben Sie mal! In Lappen absolviere ich meine Gastreisen nicht.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Mensch, spielen Sie doch in Unterhosen! Meinethalben! Mich stört das nicht! Nur vergessen Sie nicht, wer vor Ihnen steht! Deshalb, wenn der Hofschauspieler Jettel – na wenn schon! – gnädigst zu pfeifen geruhen, springt der Direktor Harro Hassenreuter noch lange nicht. Sapristi! Wenn irgendein Komödiant einen schäbigen Turban oder zwei alte Transtiefel braucht, muss sich ein pater familias, ein Familienvater, den einzigen Sonntagnachmittag unter den Seinen abknapsen? Soll womöglich wie’n Tackel auf allen vieren in alle Bodenwinkel hinein? Nein, Freundchen, da müsst ihr euch andere aussuchen.

NATHANAEL JETTEL

(sehr ruhig). Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen in Gottes Namen auf die Krawatte getreten hat?

DIREKTOR HASSENREUTER.

Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde die Beine unterm Tisch eines [24]Prinzen gehabt: post hoc, ergo propter hoc! – Ich setze mich Ihretwegen in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte Gegend … wenn Sie meine Gefälligkeit nicht zu würdigen wissen: scheren Sie sich!

NATHANAEL JETTEL.

Sie haben mich auf vier Uhr hierherbestellt. Sie haben mich eine volle geschlagene Stunde in dieser entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem lieblichen Korridore unter dem Kinderpöbel warten lassen … Ich habe gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf gemacht! und jetzt sind Sie geschmackvoll genug, mich als eine Art Spucknapf zu betrachten.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Mein Junge …

NATHANAEL JETTEL.

In’s Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache ich Sie zu meinem Hanswurst und lasse Sie für sechs Groschen Purzelbaum schießen! (Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht.)

DIREKTOR HASSENREUTER

(stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit hinter Jettel her). Machen Sie sich nicht lächerlich! – Und übrigens bin ich kein Maskenverleiher. (Man hört die Flurtür ins Schloss knallen. Direktor Hassenreuter zieht die Uhr.) – Rindvieh verdammtes! – Schafskopf verfluchter! – Ein Segen, dass das Rindvieh, verdammte, gegangen ist!

(Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und lauscht. Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen, blickt in den Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel enthält, und kämmt sich sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch und öffnet einige von den Briefschaften, die dort gehäuft liegen. Dazu singt er trällernd.)

O Straßburg, o Straßburg,

du wunderschöne Stadt.

[25](Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle über seinem Kopf.)

Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es drauf ankommt, pünktlich sind!

(Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend. Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald von glöckchenartigem Lachen einer weiblichen akkompagniert. Sehr bald erscheint der Direktor wieder, von einer eleganten jungen Dame begleitet, Alice Rütterbusch.)

Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine Alice! Komm mal ans Licht! Ich muss doch sehen, ob du noch dieselbe kleine, schockcharmante, tolle Alice aus den besten Tagen meiner reichsländischen Direktionsperiode bist!? Mädel, ich hab dich ja gehen gelehrt! ich hab deine ersten Schritte gegängelt … das Sprechen! Du sagtest ja immer Cheef statt Chef! Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen.

ALICE RÜTTERBUSCH.

Schaun S’, Direktor, Sie glauben doch net, dass i undankbar bin?

DIREKTOR HASSENREUTER

(nimmt ihr den Schleier ab). Mädel, du bist ja noch jünger geworden!

ALICE RÜTTERBUSCH

(hochrot, beglückt). Da müsst einer auch gehörig daherlügen, wenn einer behaupten wollt, dass du dich zum Nachteil verändert hast. Aber weißt, arg finster hast’s bei dir oben und a bissel – Harro, wenn’s d’ mechst a Fenster aufmachen! – so a bissel a schwere Luft.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Pillicock saß auf Pillicocks Berg!

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Doch Mäus und Ratten und solch Getier

aß Thoms sieben Jahr lang für und für.

[26]Im Ernst, ich hab finstere und schwere Zeiten durchgemacht! Du wirst ja schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts geschrieben habe, liebe Alice, davon unterrichtet sein.

ALICE RÜTTERBUSCH.

Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich, dass d’ mir auf alle die sauberen und langen Brief’ kein Wörtel geantwort hast.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, wenn man genug mit sich selber zu tun hat und in keiner Beziehung was nützen kann? Sessa!E nihilo nihil fit! Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts werden! Motten und Staub! Staub und Motten! ha ha ha! Das ist alles, was ich von meiner deutschen Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe.

ALICE RÜTTERBUSCH.

Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz abgetreten?

DIREKTOR HASSENREUTER.

»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.« Nein, meine Kleine, ich habe den Fundus nicht in Straßburg gelassen! Dieser ehemalige Kellner, Kneipwirt und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der mein Nachfolger wurde – dieser Kretin, diese bête imbécile –, wollte den Fundus nicht! – Sessa, den Fundus hab ich nicht dort gelassen: dafür aber vierzigtausend Mark sauer verdientes Geld, von Gastspielreisen aus meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark zugebrachtes Vermögen meiner braven Frau. Sessa! – Übrigens, dass ich den Fundus behielt, war ein Glück für mich. – Da! – Ha ha ha! Diese Kerle hier, – (er berührt einige der Geharnischten) – du kennst sie doch?

ALICE RÜTTERBUSCH.

I kenn doch meine Pappenheimer.

[27]DIREKTOR HASSENREUTER.

Nun also: diese Pappenheim’schen Kerle hier, und was drum und dran baumelt, haben den alten Lumpensammler und Maskenverleiher Harro Eberhard Hassenreuter nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser gehalten! – Aber reden wir lieber von heiteren Dingen: ich habe mit Vergnügen aus der Zeitung ersehen, dass du von Exzellenz für Berlin engagiert werden wirst.

ALICE RÜTTERBUSCH.

I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen, und das musst mir versprechen, wann’s du wieder eine Direktion übernehmen tust … das versprichst mir, dass i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! (Der Direktor bricht in Lachen aus.) I hab mi drei Jahre lang gnua auf die Provinzschmieren rumgeärgert. Berlin mag i net! und a Hoftheater schon lang net. Jessas die Leit! das Komödiespielen! – Weißt, i g’hör zum Fundus, i hab immer bloß daher g’hört! (Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung.)

DIREKTOR HASSENREUTER.

Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer. (Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen einander mit einigen lange anhaltenden Küssen.)

ALICE RÜTTERBUSCH.

Geh, Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau?

DIREKTOR HASSENREUTER.

Therese geht’s gut, außer dass sie trotz Kummer und Sorgen von Tag zu Tag dicker wird. – Mädel, Mädel, wie du duftest! (Er drückt sie an sich.) Weißt du auch, dass du teufelsmäßig gefährlich bist?

ALICE RÜTTERBUSCH.

Meinst, dass i blöd bin? Freili bin i gefährlich.

[28]DIREKTOR HASSENREUTER.

Sakra!

ALICE RÜTTERBUSCH.

Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen hoch, unter an muffigen Dach, mit dir a Rendezvous geben, wann ich net wisst’, dass das für uns zwei, ans wie’s andere, gefährlich is? Übrigens hab i ja, Gott sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muss, wann i schon amal auf Schleichwegen geh, auf der Treppen den Nathanael Jettel troffen, bin dem Herrn Hofschauspieler bei eim Haar direkt in die Arme g’rannt. Wird schon sorgen, dass das nicht unter uns bleibt, dass i di b’sucht hab.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Ich muss das Datum verschrieben haben: der Mensch behauptet, ha ha ha, ich hätte ihn ganz ausdrücklich für heut Nachmittag herbestellt.

ALICE RÜTTERBUSCH.

Das war aber net etwa die einzige Bassermann’sche Gestalt, der i auf die sechs Treppenabsätz begegnet bin, und was mir die lieben kleinen Kinderln, die auf die Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is dermaßen unparlamentarisch, das is von solche Kröten, noch net drei Käs hoch sind s’, schon die allergrößte Gemeinheit, die mir noch vorkommen is.

DIREKTOR HASSENREUTER

(lacht, wird dann ernst). Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich; was so hier in diesem alten Kasten mit schmutzigen Unterröcken die Treppe fegt und überhaupt schleicht, kriecht, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt, hämmert, hobelt, stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle Gewerbe treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet, Zither klimpert, Harmonika spielt – was hier an Not, [29]Hunger, Elend existiert und an lasterhaftem Lebenswandel geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu schreiben. Und dein alter Direktor, last not least, rennt, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha, wie der Berliner sagt, immer mittenmang mit. Ha ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig gegangen.

ALICE RÜTTERBUSCH.

Weißt übrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof Zoologischer Garten zusteuer, troffen hab? Den alten guten Fürst Statthalter hab i troffen. Und sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten lang neben ihm herg’schwenkt und hab ihn in an langen Diskurs verwickelt, und auf Ehre, Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich g’schegn. Auf’n Reitweg is plötzlich Majestät mit großer Suite vorüberg’ritten. I denk, i versink! Und hat übers ganze Gesicht gelacht und Durchlaucht so mit dem Finger gedroht. Aber g’freit hab i mi, das kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d’ Hauptsach. Jetzt pass auf. – Ob i mi freun tät, hat mi Durchlaucht plötzli g’fragt, und ob i wieder nach Straßburg mecht, wann der Direktor Hassenreuter das Theater tät wieder übernehmen. Na weißt: beinah hab i an Sprung getan!

DIREKTOR HASSENREUTER

(wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da). Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, dass die kleine Durchlaucht vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa! Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir haben ein exquisites kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, dass sich vielleicht eine Wendung zum Guten im miserablen Geschicke deines Freundes vorbereitet.

[30]ALICE RÜTTERBUSCH.

Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter siehst du ja aus.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster Orden noch nicht!? Klärchen und Egmont! Hier magst du dich satt trinken! (Neue Umarmung.)Carpe diem! genieße den Tag! Sekt, kleine Naive, steht allerdings auf dem jetzigen Repertoire deines alten Direktors, Erweckers und Freundes nicht! (Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche Wein.) Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von Pappe! (Er zieht den Korken. Die Türschelle geht.) Was? – Pst! – Wer hat denn die ungeheure Dreistigkeit, am Sonntagnachmittag hier anzuklingeln? (Es klingelt stärker.) Kleine, zieh dich doch mal in die Bibliothek zurück. (Alice eilt in die Bibliothek ab. Es klingelt wieder.) Donnerwetter noch mal, der Kerl ist ja irrsinnig. (Er eilt nach der Tür.) Gedulden Sie sich, oder scheren Sie sich! (Man hört ihn die Tür öffnen.) Wer? Wie? »Ich bin’s, Fräulein Walburga«? Was? Fräulein Walburga bin ich nicht. Ich bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater! Ach, Sie sind’s, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der Vater! Ich bin der Vater! Was wünschen Sie denn? (Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von Erich Spitta, einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen, der Brille und Zwicker trägt und übrigens scharfe und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta gilt als Kandidat der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er hält sich nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die Studierstube und mangelhafte Ernährung anzumerken.) Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem Speicher Privatstunde geben?

SPITTA.

Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte [31]wirklich, ich hätte Fräulein Walburga unten durch das Portal ins Haus eilen sehen.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine Tochter Walburga ist augenblicklich mit ihrer Mutter in der englischen Kirche, ich glaube, zu einem liturgischen Gottesdienst.

SPITTA.

Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe. Ich nahm mir die Freiheit, heraufzukommen, weil ich mir sagte: eine Begleitung in dieser Gegend, vielleicht auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein Walburga am Ende nicht unangenehm.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta. Ich bedauere sehr. Ich selber bin nur zufällig hier: der Post wegen! und ich habe auch leider andere dringende Sachen vor. – Wünschen Sie sonst was, mein guter Spitta?

(Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit.)

SPITTA.

Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade: ich habe leider die Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig in der Westentasche auf die Straße zu gehn. Ich muss Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich wieder in meiner Wohnung bin.

SPITTA.

Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes Wild, guter Spitta …

SPITTA.

Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen wirklich als eine Art höherer Fügung ansehen muss, um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten. Dürfte ich, kurz, eine Frage tun?

[32]DIREKTOR HASSENREUTER

(mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat). Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester Spitta.

SPITTA.

Frage und Antwort wird, denk ich, kaum von so langer Dauer sein.

DIREKTOR HASSENREUTER.

Also los!

SPITTA.

Habe ich wohl Talent zum Schauspieler?

DIREKTOR HASSENREUTER.

Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig? – Verzeihen Sie, bester Herr Kandidat, wenn ich in einem solchen Fall bis zur Unhöflichkeit außer dem Häuschen bin. Es heißt zwar: natura non facit saltus, aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht. Da muss ich mal erst zu Atem kommen. Und nun Schluss davon! Denn glauben Sie mir, wenn wir beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen, so würden wir in drei bis vier Wochen, sagen wir Jahren, darüber noch nicht zum Schluss gekommen sein. – Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen aus einem Pastorhaus: wie kommen Sie denn auf solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen