Die Rattenbande - Rüdiger Geis - E-Book

Die Rattenbande E-Book

Rüdiger Geis

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Beschreibung

Auf einem Waldweg liegt ein Motorradhelm. In dem Helm steckt ein Kopf. Lars Höfer war der Chef einer rücksichtslosen Clique, die sich selbst Rat Pack, Rattenbande, nennt und sich nicht wenige Feinde gemacht hat. Jetzt ist Höfer tot, Opfer eines manipulierten Unfalls. Bei den Ermittlungen stößt Kommissar Lohmann auf ein Geheimnis aus der Vergangenheit – und auf eine weitere Leiche. Ein Fall, der dem erfahrenen Lohmann an die Nieren geht. Denn der Täter mordet weiter. Rüdiger Geis, Jahrgang 1962, studierte in Gießen Sportwissenschaft, Politikwissenschaft und Neuere Geschichte. Er arbeitet als Redakteur bei der Wetterauer Zeitung. Mit „Narrhalla-Mord“ und „Eine Seefahrt, die ist tödlich …“ veröffentlichte Geis bereits zwei Fälle mit Kommissar Lohmann, der auch in Geis‘ erstem Dilltal-Krimi „Dann wirf den ersten Stein“ einen kurzen Auftritt hat.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Rattenbande

Ein Dilltal-Krimi

swb media entertainment

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2022

ISBN 978-3-96438-500-0

Jede Verwertung des Werkes außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Übersetzungen, Nachdruck, Mikroverfilmung oder vergleichbare Verfahren sowie für die Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen.

© 2022 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw

Printed in EU

Umschlaggestaltung: Gerd Schweikert

Lektorat: Johanna Ziwich

Satz: Julia Karl / www.juka-satzschmie.de

Druck und Bindung: Custom Printing PL

Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.

www.suedwestbuch.de

Erster Teil

SCHUSSFAHRT

Seit dreißig Jahren

versuche ich nachzuweisen,

dass es keine Kriminellen gibt,

sondern normale Menschen,

die kriminell werden.

Georges Simenon

FRANZÖSISCHER SCHRIFTSTELLER

PROLOG

Daniel wachte auf. Die Ohnmacht hatte ihn für eine kurze Zeit von dem unerträglichen Schmerz in seinem Inneren befreit. Aber jetzt war er wieder da, dieser furchtbare Schmerz, der sich langsam aber schier unaufhaltsam in seinem Körper ausbreitete. Gegen den er sich nicht wehren konnte. Hilflos angebunden auf diesem kalten Metalltisch.

Wieder und wieder versuchte er, seinen Unterkörper anzuziehen, wie jemand, der seinen Bauch einzieht, um schlanker zu wirken. Er hoffte, auf diese Art und Weise diesem Ding in seinem Inneren entkommen zu können. Vergeblich. Die Fesselung von Armen und Beinen ließ keinen Spielraum. Seine Kraftspeicher waren fast leer. Die Muskeln nahezu schlaff. Jeder Druck, den sein Wille auf sie ausüben wollte, verpuffte sofort. Er hatte das Gefühl, sie würden brennen.

Der zunehmend vergebliche Versuch der Anspannung, die sein ganzer Körper in Abwehrhaltung gegen dieses Ding vollführte, egalisierte für kurze Zeit den innerlichen Druck, den er verspürte. Die Verzweiflung – den Tod vor Augen – presste ihm aus dem tiefsten Innern seines geschundenen Körpers einen entsetzlichen Schrei heraus, der infolge seiner Kraftlosigkeit nur als langanhaltendes Stöhnen zu hören war.

Sein Wille zu überleben war noch nicht gebrochen, aber sein Körper versagte sich langsam diesem Willen. Die stundenlange vergebliche Anstrengung forderte Tribut. Es breitete sich immer weiter in seinem Körper aus. Das Gefühl kroch höher und näherte sich seinem Herzen. Sein Atem ging kürzer. Er biss die Zähne aufeinander, aber in dem nicht mehr kontrollierbaren Zucken seiner Nerven konnte er nicht vermeiden, sich immer wieder auf die Lippen oder seine Zunge zu beißen.

Wann würde es endlich aufhören? Er presste den Atem nur noch stoßweise hervor. Warum musste er so leiden? Ja, es war eine Dummheit damals gewesen, die sie ihr angetan hatten. Aber das war doch Jahre her. Es war doch nur ein Spaß gewesen. Sie hatten alle getrunken und gekifft und waren nicht mehr Herr ihrer Sinne gewesen. Was konnte er dafür, dass sie dann aus der Bahn geraten war?

Noch immer begriff er nicht, dass diese »Dummheit« damals dazu geführt hatte, ein Menschenleben zu zerstören, auch wenn es nicht die direkte Folge ihres damaligen Verhaltens war. Sein Selbstmitleid war immer noch größer als die Erkenntnis, dass er an ihrem Tod Mitschuld hatte. Und dass er wegen dieser Schuld diese Qualen ertragen sollte.

Er hatte es am Anfang nur für ein perverses Spiel gehalten, als er aus der Betäubung erwacht war und plötzlich diesen Druck an seinem After verspürte. Er sah, dass er gefesselt war und sich nicht bewegen konnte. Ihm war kalt, er zitterte. Erst jetzt bemerkte er, dass er vollständig nackt war. Als sich seine Augen an das diffuse Licht in dem gekachelten Raum gewöhnt hatten, hörte er die Stimme des anderen hinter sich:

»Ist dir kalt? Keine Angst, das wird bald anders.«

Daniel versuchte den Kopf in die Richtung zu drehen, aus der er die Stimme gehört hatte. Doch es ging nicht. Er lag auf dem Bauch, sein Kopf ließ sich aufgrund der Fesselungen nur ein wenig zur Seite drehen. Dann verstärkte sich der Druck an seinem Hintern.

»Na, ist das geil?«, hörte er wieder die Stimme des anderen.

Es schob sich weiter in ihn hinein, und er schrie auf.

»Arschgeil, gell?«, feixte der andere höhnisch.

Daniel schrie sich vor Schmerz die Seele aus dem Leib, als das Etwas weiter in seinen Körper eindrang. Und der andere lachte.

»Schrei nur, hier kann dich keiner hören. Nur ich!«

Das war jetzt Stunden her. Er hatte den anderen verzweifelt angefleht, aufzuhören. Aber der hatte nur gelacht und war gegangen.

Daniel hatte längst aufgehört zu schreien. Anfangs war der Schmerz so wild, so furchtbar, dass er laut brüllte. Aber seine verzweifelten Rufe verhallten in diesem feuchten Gemäuer. Ihn verließ langsam die Kraft. Er spürte den Schmerz, aber er entlockte ihm keinen Schrei mehr. Dazu fehlte ihm jetzt die Kraft.

Ein roter Nebel verschleierte seinen Blick.

1. LARS HÖFER

Es war an der Zeit, Schluss zu machen. Er war es leid, sich immer wieder die Nörgeleien von Katy anzuhören. Seit er wieder angefangen hatte, mit seiner Crossmaschine durchs Gelände zu brettern, lag sie ihm in den Ohren, wie unsinnig und umweltschädlich das sei. Ganz zu schweigen, dass es illegal sei, so durch den Wald zu heizen. Was das für Schäden anrichtete. Und wie das die armen Tiere stören würde.

Er konnte es nicht mehr hören. Was ist denn schon dabei, einmal in der Woche, samstags nachmittags, mit den Kumpels ein bisschen Spaß zu haben. Es gab ja wohl auch andere, die die Tiere störten. Waldarbeiter mit ihren lauten Motorsägen. Und Jäger. Die störten ja nicht nur, die töteten sogar. Typen wie dieser Kotzbrocken in Grün, dieser Metzler, der sich hier immer als Polizist aufspielte. Wie viele Rehe, Füchse und Wildschweine hatte der wohl schon auf dem Gewissen? Was war dagegen so ein bisschen Motorenlärm.

Lars hatte schon immer die Fähigkeit besessen, Verhaltensweisen, die eigentlich nicht okay waren, für sich zurechtzubiegen. Auch die Sache damals, nach der Abifeier, hatte ihm nie Gewissensbisse gemacht. Konnte er doch nichts dafür, dass Sarah so einen bornierten Vater hatte. Was aus Sarah geworden war? Es hatte ihn nicht interessiert.

Lars Höfer hielt mit seiner Maschine auf einer kleinen bewaldeten Anhöhe über Gasse Schlucht, einem Naturschutzgebiet bei den Erdbacher Höhlen. Hier ging ihre Strecke abwärts, eine ausgefahrene Rinne führte in einer leicht mäandrierenden Linie ins Tal. Nicht zu steil, aber eben auch nichts für Anfänger und Angsthasen. Hier war der Adrenalinschub garantiert.

Natürlich war es illegal, was sie da machten. Aber es gab ja keine anderen Möglichkeiten, kein Gelände, um diesem Sport zu frönen. Fußballplätze, Tennisanlagen, Schwimmbäder, Boulefelder, Scaterparks, Fahrradwege: Für jede Freizeitbeschäftigung gab es Flächen, Strecken oder Hallen. Nur für sie war nichts vorhanden. Da muss man eben Eigeninitiative zeigen, rechtfertigte er ihr Tun.

Warum eine Gemeinde oder Stadt dafür sorgen sollte, dass Lars und seine Freunde durch die Wildnis brettern könnten, diese Frage stellte er sich nicht. Die anderen waren schuld. Auch daran, dass sie gezwungen waren, vor ihren PS-Ritten durchs Gelände die Nummernschilder von ihren Maschinen zu schrauben, damit sie nicht identifiziert werden konnten.

Lars startete seine Maschine und legte den Gang ein. Fürs Erste könnte er zu Hause bei seiner Mutter unterkommen. Die hätte sicher nichts dagegen, wenn er wieder für ein paar Wochen bei ihr einzog, bis er eine eigene Wohnung gefunden hatte. Die würde sich bestimmt sogar freuen, wenn er eben nicht nur mal samstags bei ihr reinschaute, um sein Motorrad aus der Garage zu holen.

Schade eigentlich, dass es sich mit Katy so entwickelt hatte. Sie hatten bis vor kurzem eigentlich immer viel Spaß miteinander gehabt. Auch im Bett. Und in letzter Zeit war Katy besonders gierig nach Sex. Merkwürdig war das schon, aber ihm gefiel es.

Trotzdem, es war Zeit, einen Schlusspunkt zu setzen. Das hatte er vor allem am letzten Samstag bei der Geburtstagsparty von Timo gemerkt, als ihn Pia dauernd so herausfordernd lächelnd anschaute, ihn fast mit Blicken auszog. Pia war fünf Jahre jünger als er und drei Jahre jünger als Katy, frisch von ihrem Freund getrennt, hatte eine Bombenfigur und nach Lars‘ Meinung die sinnlichsten Lippen diesseits des Rheins. Leider konnte er es an diesem Abend nicht ausgiebiger testen, weil Timo sie später beim Knutschen und Fummeln erwischt und Pia eine Riesenszene gemacht hatte. Dass er, Lars Höfer, der Grund war, dass sich Pia von Timo am nächsten Tag getrennt hatte, blendete er lieber aus. Diese Wunde war bei Timo noch zu frisch, weshalb er heute lieber allein auf Tour gegangen war.

Nachher, nach seiner Runde, würde er das Notwendigste an Sachen aus ihrer gemeinsamen Wohnung holen und mal Kontakt mit Pia aufnehmen. Gut, dass Katy heute mit einer Kommilitonin unterwegs war und erst am späten Abend zu Hause sein wollte.

Lars ließ die Kupplung kommen und gab Gas. Katy würde sicher aus allen Wolken fallen, wenn sie feststellte, dass er sie verlassen hatte. Aber es war definitiv Zeit, Schluss zu …

Der Gedanke blieb unvollendet. Lars Höfer würde nie erfahren, dass Katy von ihm schwanger war.

2. WAIDMANNS UNHEIL

Den Wagen hatte er abseits in einer Rückegasse geparkt. Dann hatte er sich quer durch den Wald in die Nähe der Kreuzung der beiden Waldwege geschlichen und sich dort postiert. Sein Handy mit der Fotokamera hatte er griffbereit in der Hand. Nun hieß es Geduld haben und warten.

Es war eine andere Art des Ansitzens. Wenn er abends auf einem seiner Hochsitze am Rande einer Waldlichtung saß, dann ging sein Blick in das diffuse Licht der Dämmerung und Dunkelheit, in der Rehe, Füchse oder Wildschweine unterwegs waren, um Futter zu suchen. Erst gestern Abend hatte er einen kapitalen Keiler erwischt. Der wartete nun darauf, verwertet zu werden. Doch dieser seltsame Anruf hielt ihn davon ab, das Wildschwein zu zerlegen. Aber er wollte diese Mistkerle endlich erwischen.

Wolf Metzler, der Jagdpächter, hasste diese arroganten Schnösel, die mit ihren Crossmaschinen querfeldein durch den Wald fuhren. Durch seinen Wald. Sie hinterließen eine Schneise der Verwüstung. Zumindest hinterließen sie Spurrillen, die zu Erosionen führten. Ganz schlecht für den Wald. Und sie störten das Wild. Nicht gut für die Jagd.

Einmal hätte er sie beinahe erwischt. Doch sie hatten ihn einfach über den Haufen gefahren. Vier Wochen musst er den Arm in Gips tragen.

Und jetzt hatte er vielleicht endlich die Gelegenheit, dieses Pack zu stellen und einen Beweis für ihr gemeines Verhalten zu bekommen. Nur, wer mochte dieser anonyme Anrufer gewesen sein, der ihn auf die Spur gebracht hatte? Egal. Der Erfolg heiligte die Mittel.

Vom Hang weiter unten im Tal ließ sich plötzlich das Aufheulen eines Motors hören. Aha, sie kommen, dachte Metzler. Wartet, Bürschchen, jetzt seid ihr mein.

Zwei Minuten später herrschte wieder Stille. Metzler lag unter den Bäumen, in gespannter Erwartung, was kommen würde. Es war diese gefährliche Abfahrt vom Berg, die sie mittlerweile zu einer tiefen Rinne ausgefahren hatten. Dann erneut das durchdringende Geräusch beim Gas geben, das Aufheulen des Motors, das Losfahren. Dann ein Schlag, ein Poltern und Rascheln wie von einer Steinlawine, die den Hang hinunter und durch die Büsche brauste, ein Krachen und Knacken von Ästen. Dann Stille. Eine tödliche Stille.

Wolf Metzler wusste sofort: Da ist ein Unglück passiert. Und instinktiv wusste er auch: Du solltest jetzt besser nicht hier sein. Trotzdem trieb ihn seine Neugierde dazu, sich dem Ort des Unglücks zu nähern. Er schlich unter den Bäumen Richtung Fahrrinne.

Wolf Metzler hatte schon manches Wild ausgenommen, das er auf der Jagd erlegt hatte. Aber dieser Anblick ließ ihn so erschaudern, dass er einen Würgereiz kaum unterdrücken konnte.

Das Motorrad, der Körper, der Helm mit …

Er übergab sich in den nächsten Busch.

Nur weg! Weg von hier!

3. Der Tod

Er hatte sich ein gutes Plätzchen gesucht. Der Felsen oberhalb von Gasse Schlucht war nur teilweise von Bäumen verdeckt und bot so einen sehr guten Blick auf die gegenüberliegende Seite, den Hang, an dem deutlich die Spuren der Crossmaschinen zu sehen waren. Sie hatten mit ihren grobstolligen Rädern eine Rinne in den weichen Waldboden gegraben, die durch Regenfälle weiter ausgewaschen worden war, die im Frühjahr kurzzeitig zu einem Sturzbach anschwollen.

Kein Wunder, dass der Jagdpächter tobte. Heute sollte Wolf Metzler etwas erleben, was ihm unheimlich gefallen musste. Heute würde Lars Höfer endlich seine gerechte Strafe erhalten. Er kannte den arroganten Aufschneider schon aus Schulzeiten, der, wenn es nicht nach seinem Kopf ging, schon mal ziemlich rabiat werden konnte. Nicht nur verbal.

So manches Mal hatte Lars den Kopf verloren. Heute würde ihm das zum letzten Mal passieren.

Ja, er hasste Lars Höfer noch immer. Oder eigentlich schon wieder. Viele Jahre hatte er nicht mehr an ihn und die Demütigungen gedacht, die er durch ihn und seine nicht minder arroganten Freunde Timo, Lukas und Daniel erfahren hatte.

Er war immer ein zurückhaltender Typ gewesen, hatte viel gelernt, wollte unbedingt ein gutes Abitur schreiben. Solche Streber, wie ihn die anderen genannt hatten, waren natürlich für Typen wie Lars Höfer ein gefundenes Fressen. Immer wieder hatten er und seine Kumpels ihn lächerlich gemacht, den anderen als Lachnummer vorgeführt, seinen Glauben verspottet. Nur Sarah hatte nicht gelacht. Sie hatte ihn angelächelt. Er hatte sie geliebt. Und die anderen hatten sie ihm genommen. Noch mehr: Sie waren schuld an ihrem Tod. Sie und der Alte und dieser Pornofritze. Und dafür würden sie büßen. Einer nach dem anderen. Sarahs Tod sollte nicht ungesühnt bleiben.

Sarah! Diese Begegnung in Frankfurt, auf dem Hauptbahnhof. Plötzlich war alles wieder da, was er jahrelang vergessen oder verdrängt hatte. Er hatte studiert und war erfolgreich in seinem Beruf. Aber die Begegnung mit Sarah an diesem kalten Spätherbsttag hatte sein Leben verändert, die traurige Beerdigung auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Da kam alles wieder hoch, was jahrelang bei ihm verschüttet gewesen war. Sie war seine einzige Liebe gewesen. Und Lars und seine Freunde hatten damals das zarte Band, das er in ihrem Lächeln zu erkennen glaubte, brutal zerstört.

Jetzt würden sie dafür bezahlen. Und Lars war der Erste. Er war der Kopf der Clique, die sich selbst Rat Pack nannte. Und dieser Kopf würde heute rollen.

Er hatte sie über mehrere Monate genau beobachtet. Geduldig beobachtet, obwohl die Wut und die Rachsucht innerlich ungeduldig an ihm zerrten. Aber dieser Feldzug brauchte eine akribische Vorbereitung. Nach einigen Wochen hatte er heraus, welche Strecken sie im Wald bevorzugten. Sie fuhren nicht immer die gleiche Tour, aber diese Abfahrt auf der anderen Seite des Tales, die Lars Höfer gerne »die Todesstrecke« nannte, war immer dabei. Das würde auch heute so sein. Und Lars Höfer war immer der Erste.

Es machte ihm nichts aus, dass er einen Mord begehen würde. Er hatte »geübt« und gemerkt, dass es sein Gewissen nicht belastete, einen Menschen, den er hasste, zu töten. Der Pornofritze war der Erste. Er hatte die Bremsleitung an dessen Oldtimer-Porsche manipuliert. Eine exakte Berechnung. Die Wirkung oder besser Nichtwirkung trat erst nach etlichen Kilometern ein. Im Taunus, auf einer Serpentinenstrecke. Der Pornofritze liebte es, risikoreich zu fahren. Und nicht angeschnallt. Pech, dass er ausgerechnet in einer abschüssigen Kurve ins Leere trat und der Wagen über die Fahrbahn in einen Abgrund schoss. Das teure Cabrio war anschließend nur noch Schrott. Der Pornofritze wurde fünf Tage später beerdigt.

Unfalltod. Niemand kam auf die Idee, das Fahrzeug auf eine mögliche Manipulation zu untersuchen. Damals, vor einem knappen halben Jahr, hatte er festgestellt, dass es ihm keine Gewissensbisse machte. Es war eine gerechte Strafe. Der Pornofritze war die Ouvertüre seines Rachefeldzugs. Und heute würde es Lars Höfer treffen.

Das müsste doch sicher auch dem Jagdpächter Wolf Metzler gefallen. Dem hatte die Rattenmeute ja auch erheblich zugesetzt. Dumm nur, dass Metzler selbst in der Nähe des Tatorts sein würde. Auch das hatte er schlau eingefädelt. Telefonisch. Wolf Metzler war doch ein idealer Täter für die Polizei.

Er hörte das Aufheulen des Motors einer Crossmaschine.

Jetzt ist es soweit, dachte er und richtete seinen Feldstecher auf den gegenüberliegenden Hang mit der ausgefahrenen Rinne. Da kam er endlich angefahren. Dann flog der Helm durch die Luft, die Maschine schoss weiter, während der Körper von Lars Höfer kopflos in die Büsche katapultiert wurde.

»Auge um Auge«, flüsterte der Beobachter grinsend sich selbst zu. Er war sich nicht sicher gewesen, ob seine Berechnungen tatsächlich zum Erfolg führen würden. Größe, Körperhaltung und vermutliche Geschwindigkeit des Fahrers konnten ja variieren. Der Draht durfte nicht zu dick sein, damit er nicht vorzeitig entdeckt wurde. Gleichzeitig musste er stark genug sein, um den heftigen Ruck auszuhalten, wenn sich die Schlinge zuzog. Ja, eine Schlinge musste es sein. Ein gespanntes Drahtseil allein würde den Fahrer zwar auch zu Fall bringen und furchtbare Verletzungen hervorrufen, vielleicht sogar den Tod. Aber ein einfacher Genickbruch lag nicht in seinen Vorstellungen von Rache und Strafe.

Jetzt konnte er triumphieren. Es hatte alles so geklappt, wie er es berechnet hatte. Die Schlinge war klein genug, um nicht aufzufallen, aber exakt platziert und groß genug, um an den Armen hängenzubleiben, an ihnen aufwärts zu gleiten, sich um den Hals von Lars Höfer zu legen und zuzuziehen. Der Rest war einfache Physik. Newton’sches Gesetz. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung in Verbindung mit der Erdanziehungskraft.

Er richtete den Blick noch eine Weile auf die Stelle, wo soeben ein Mann sein Leben verloren hatte.

Dann schlich er sich langsam und vorsichtig hinüber, um die Drahtschlinge zu entfernen. Immer wieder sah er sich nach allen Seiten um. Deshalb entdeckte er auch den grüngekleideten Mann, der aus der Richtung der Unfallstelle kam und wie in Panik das Weite suchte. Der Grüngekleidete bemerkte ihn nicht. Er hatte sich rechtzeitig hinter einer dicken Buche versteckt. Als der andere verschwunden war, verließ er schmunzelnd sein Versteck. Prima, dachte er, auch das hat funktioniert. Zur Leiche gleich einen Mordverdächtigen liefern. Das muss mir erstmal jemand nachmachen. Er schlich den gegenüberliegenden Hang hinauf zu einer dicken Eiche, die einen starken Ast über den von den Motorradfahrern ausgefahrenen Pfad streckte. Mit einem Seitenschneider trennte er den Draht mit der blutigen Schlinge vom Ast, rollte ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche seiner Jacke. Die Einweghandschuhe und die gesamte Kleidung würde er später unterwegs und weit genug weg vom Tatort irgendwo entsorgen. Ein Müllcontainer würde sich schon finden lassen.

»So, das wäre erledigt. Auf zu neuen Taten«, sagte er zu sich selbst, stand auf und machte sich zu Fuß auf den Weg zu seinem Wagen, den er zwei Kilometer entfernt am Waldrand bei Breitscheid versteckt hatte. Er summte fröhlich eine Melodie vor sich hin, die ihm gerade in den Sinn kam. Er war zufrieden und lächelte. Aber es war jetzt Zeit, den zweiten Akt seines Rachefeldzugs vorzubereiten. Timo Dressler, Daniel Brenner oder Lukas Sommer? Oder den Alten? Nein, den wollte er sich für den Schluss aufbewahren.

4. Walter Lohmann

»Moin, Walter, wie war dein Urlaub?«

Walter Lohmann verdrehte die Augen. Hiller war schon der fünfte, der ihn mit seiner Dienstfahrt nach Kroatien aufzog. Zuerst an der Pforte der Dillenburger Polizeistation der diensthabende Kollege Steinfurth. Dann auf der Treppe zum ersten Stock Willi Grabowski von der Tatortgruppe. Danach, im ersten Stock, Kirsten Scheffler aus dem Einbruchsdezernat. Auf dem Gang vor seinem Büro die Sekretärin Gabi. Und jetzt auch noch Markus.

»Moin, du Meckes. Blöde Frage. Du weißt ganz genau, dass ich wegen der Gerichtsverhandlung dahin musste.«

Lohmann hatte seinen Sommerurlaub ausnahmsweise nicht in den Alpen verbracht*. Seine Frau Anne hatte darauf bestanden, ihren 25. Hochzeitstag in Kroatien zu feiern, wo sie ihren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht hatten. Dort war er in einen Kriminalfall involviert worden, der mit betrügerischer Insolvenz und Unterschlagung in Millionenhöhe in Deutschland begonnen hatte und mit Mord und Totschlag endete. Wobei Lohmann selbst in tödliche Gefahr geriet und nur durch das Eingreifen seines kroatischen Kollegen vor dem Ertrinken in der Adria gerettet wurde. Zu einer notwendigen Zeugenaussage war er nun zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit in Kroatien gewesen und hatte sich mit seiner Frau noch ein paar Tage Urlaub gegönnt.

»Aber so ungern bist du doch auch nicht gefahren? Oder ihr!«

Lohmann legte seine Tasche ab, zog die Jacke aus, die er an einen Kleiderbügel hängte, und setzte sich an seinen Schreibtisch, während er seine Aktentasche daraufstellte. Er schaute Hiller an und wollte etwas sagen, doch der kam ihm zuvor.

»Habt ihr denn wenigstens ein bisschen Freizeit gehabt, du und Anne?«

Lohmann schmunzelte. Dann wurde sein Blick wieder ernst.

»Ja, auch!«

»Wie war die Verhandlung in Rijeka?«

»Du hast es ja sicherlich schon mitbekommen: Danica Dizdarević wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Beihilfe zu Betrug in großem Stil und natürlich die Tötung von Lars Dreekmann. Da hat das Gericht auf Totschlag entschieden, weil das aus der Situation heraus entstanden ist und nicht geplant war. Im Falle von Dreekmanns Mord an Ilona Berger entschied das Gericht auf Beihilfe. Sie wusste, was Dreekmann tun würde.«

»Wie siehst du es?«

Lohmann wiegte den Kopf.

»Ich denke, es ist gerecht. Aber mir geht einfach nicht aus dem Kopf, dass Danica als junge Frau durch den Krieg systematisch moralisch aus der Bahn geraten ist.«

Lohmann verschränkte die Hände vor seinem Kopf und knabberte an einem Daumennagel.

»Was hätte aus dieser intelligenten Frau unter positiveren Umständen werden können!«

Hiller nickte und lenkte Lohmann mit einer anderen Frage ab.

»Und Anne?«

»Die war bei allen drei Verhandlungstagen dabei.«

Markus schmunzelte.

»Und an den anderen vier Tagen?«

Lohmann grinste.

»Das war richtig schön. Marian hat sich für uns freigenommen und uns mal das Hinterland von Istrien gezeigt. Weißt du, wie schön das ist im Herbst? Diese kleinen, mittelalterlichen Städtchen oben auf den Hügeln. Wenn sich frühmorgens der Nebel in den Tälern ballt, und darüber thronen dann diese alten Festungsmauern wie Inseln in einem Meer. Motovun, Buzet, Pazin oder das Künstlerstädtchen Grožnjan. Da ging Anne natürlich völlig auf.«

Lohmann war ins Schwärmen gekommen und blickte verklärt zur Zimmerdecke ihres Büros, die keine Ähnlichkeit mit dem klaren Himmel über dem Karst hatte.

»Dann waren wir einen Tag im Učka-Gebirge wandern. Das ist im Osten der Halbinsel, in der Nähe von Rijeka. Du kannst dir nicht vorstellen, was man für eine fantastische Aussicht von da oben auf die Adria und die vorgelagerten Inseln hat.«

»Und sonst?«

»Sonst? Wir waren auch auf einem Weingut, wo wir diesen köstlichen Malvazija probiert haben. Gut, dass wir so wenig Gepäck mithatten. Anne hat gleich den halben Kofferraum vollgeladen.«

»Der Weißbierfreund Lohmann und Weißwein? Das glaube ich nicht«, grinste Hiller.

Lohmann setzte zu einer Antwort an, da klingelte das Telefon. Hiller meldete sich.

»Hiller, ja … ach … und wo? Zeugen … ja, gut … ist Willi schon … okay, wir machen uns auf den Weg.«

Lohmann verfolgte das Gespräch mit großem Interesse, denn ihm war sofort klar, dass ein neuer Fall auf sie wartete.

»Was gibt’s«, fragte er Hiller.

»Ungeklärter Todesfall. Eine Joggerin hat bei Breitscheid den Helm eines Motorradfahrers gefunden.«

»Und?«

»In dem Helm steckt der Kopf des Motorradfahrers!«

* Eine Seefahrt, die ist tödlich …

5. Willi Grabowski

Dicker Dunst lag wie ein Schleier in dem Tal und hatte sich zwischen den Bäumen und an den Hängen festgekrallt. Die Oktobersonne brach sich nur mit viel Mühe Bahn durch die Nebelballen. Die junge Frau in den Sportklamotten saß im Rettungswagen, als Lohmann und Hiller den Ort des Geschehens im Wald erreichten. Sie zitterte leicht, obwohl man ihr eine Rettungsdecke übergehängt hatte. Es war ein nasskalter Morgen, und sie hatte beim Laufen sicher geschwitzt. Aber vielleicht war ihr Frösteln auch eine Nachwirkung des schrecklichen Fundes, den sie gemacht hatte.

Ein paar Meter entfernt stand Wolf Metzler, der Jagdpächter. Er schien eher ungeduldig. Den Helm sah Lohmann nicht. Ebenso wenig Willi mit seinen Spurensicherern. Ein uniformierter Polizist trat zu den beiden Kommissaren heran.

»Morgen, Polizeiobermeister Brehme. Der Kollege Temme und ich waren von dem Herrn dort drüben alarmiert worden.«

Dabei deutete er auf Metzler.

»Moin, Kollege«, grüßte Lohmann, »Was ist bekannt?«

»Also, die junge Frau dort drüben im RTW …«

Er schaute auf seinen Notizblock.

»… Frau Laura Seelmann, 24 Jahre, wohnhaft in Breitscheid, war hier beim Joggen. Das macht sie fast jeden Tag. Laut ihrer Aussage lag dann plötzlich der Motorradhelm auf dem Weg vor ihr. Sie wollte ihn an den Wegrand legen und stellte dabei fest, dass der Kopf eines Mannes noch darin steckte. Sie bekam einen Schreikrampf. Und kurze Zeit später kam der Herr dort drüben dazu.«

Wieder schaute Brehme auf seine Notizen.

»Das ist …«

»Wolf Metzler«, unterbrach ihn der missgelaunte Mann und trat heran. Metzler trug einen grünen Parka mit aufgesetzten Taschen, feste grüne Hosen und grüne Gummistiefel. Seinen Kopf bedeckte ein Tirolerhut mit einem seitlich aufgesteckten Gamsbart, was Lohmann ein bisschen an seine geliebten Alpen erinnerte, ihm den Mann mit dem runden roten Gesicht und den grauen Bartstoppeln aber keineswegs sympathischer machte.

»Vielleicht kann sich ja mal jemand mit mir beschäftigen? Ich habe heute auch noch anderes vor«, raunzte Metzler missgelaunt.

Ein Herzchen, dachte Lohmann, blieb aber freundlich.

»Sie sind …«

»Der Jagdpächter«, grätschte Metzler erneut dazwischen.

Wenn Lohmann etwas nicht leiden konnte, dann waren es Leute, die andere ständig unterbrachen und nicht zu Ende reden ließen.

»Gut, Herr Metzler, wir werden uns gleich mit Ihnen befassen …«

»Ich hab aber keine Zeit, hier dämlich …«

»Dann werden Sie sich eben die Zeit nehmen. Wir haben hier einen ungeklärten Todesfall. Aber wenn es Ihnen gerade nicht passend ist, können Sie auch in einer Stunde auf der Polizeistation in Dillenburg vorsprechen. Ich kann Ihnen allerdings nicht garantieren, dass Sie dort nicht auch warten müssen.«

»Schon gut«, winkte Metzler ab und zog sich grummelnd wieder zurück.

»Wo ist eigentlich Willi Grabowski mit seiner Spusi-Truppe? Sind die noch nicht da?«

Polizeiobermeister Brehme wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, wurde aber durch einen Ruf unterbrochen:

»Walter!«

Das war eindeutig Willis Stimme. Lohmann und Hiller sahen sich um.

»Walter!«

»Willi, wo bist du denn?«

»Hier!«

»Wo?«, fragte Lohmann, der den Ruf noch immer nicht lokalisieren konnte.

»Hier oben!«

Jetzt wusste Lohmann Bescheid. Die Stimme kam von dem bewaldeten Hang neben dem Waldweg.

»Was ist?«, rief Lohmann hinauf.

»Komm mal rauf, ich hab was für dich!«

»Kannst du mir das nicht auch hier unten erklären?«

»Nein, ich muss dir was zeigen.«

»Wie weit ist es denn?«

»Nur ein paar Schritte.«

»Also gut«, grummelte Lohmann und suchte sich einen Durchgang zwischen den Büschen, die den Waldweg säumten. Dann drehte er sich aber noch einmal um und sah zu Hiller.

»Na, Markus, was ist?«

»Aber er hat doch nach dir gerufen.«

»Und auch dich gemeint. Also los!«

Mürrisch folgte Hiller Lohmann, der allerdings beim Anblick des mit Fichten bewachsenen Steilhangs zunächst einmal tief einatmete und dann die Luft hörbar ausblies. Denn oben zwischen den Bäumen war Grabowskis in weiße Overalls gekleidete Tatortgruppe zu sehen. »Nur ein paar Schritte« war jedoch klar untertrieben. Bis da oben waren es mindestens fünfzig Meter steil bergauf. Das war selbst für den versierten Alpenwanderer Lohmann so früh am Morgen keine attraktive Aussicht.

Als die beiden oben bei Grabowski ankamen, mussten sie erst einmal Atem schöpfen. Hier hatte es die Sonne schon geschafft, einzelne Schneisen in den Nebel zu schlagen. Die Strahlen zauberten im Gegenlicht zwischen den Bäumen ein mysteriöses und gleichzeitig verklärendes Licht, das Hiller an Szenen von Försterromantik und Bergwaldidylle der deutschen Heimatfilme der Fünfzigerjahre erinnerte. Für die konnte er sich als kindlicher Fernsehzuschauer so begeistern. Doch was sie hier erwartete, hatte mit Romantik und Idylle so viel zu tun wie die »Bild«-Zeitung mit seriösem Journalismus.

»Ach, Markus, du bist auch mitgekommen. Wär aber nicht nötig gewesen. Walter hätte gereicht«, grinste Grabowski.

Hiller schoss einen wütenden Blick auf Lohmann.

»Woher … wusstest du … eigentlich, dass wir … schon da sind?«, fragte der Kommissar immer noch schnaufend.

»Du solltest den Auspuff deines Wagens mal langsam in Ordnung bringen. Wenn du in eine Verkehrskontrolle kommst …«

»Jaja, schon gut. Also, was gibt’s?«

»Wir haben den Körper zu dem Kopf gefunden. Und auch die Maschine.«

Lohmann und Hiller sahen sich um, konnten aber nichts dergleichen entdecken.

»Und wo bitte?«, wollte Hiller wissen.

»Das Motorrad, eine Crossmaschine, liegt drüben links am Hang. Unten im Gebüsch am Waldweg, also etwa dreißig Meter vom Fundort des Helms mit dem Kopf. Konnte man aber vom Weg aus nicht sehen. Der Körper liegt etwas höher, hinter dem Wacholder da unten.«

»Und was schleppst du uns dann hier herauf?«

»Naja, geschleppt hab ihr euch ja selbst. Aber fällt dir gar nichts auf?«

Lohmann und Hiller schauten sich erneut um.

»Doch«, meinte Hiller, »Der Waldboden hier ist ziemlich zerfahren. Wahrscheinlich waren hier öfter Crosser illegal unterwegs.«

»Stimmt«, grinste Grabowski, »Und jetzt schaut euch mal die Eiche hier an! Na? Nix auffällig?«

Lohmann und Hiller sahen sich an und schüttelten ratlos den Kopf.

»Dann schaut mal da oben auf den starken Ast, der quer herüberragt.«

Die beiden Kommissare sahen nach oben. Erst jetzt begriffen sie, was Grabowski meinte: An dem Ast zeigten sich in etwa vier Metern Höhe dünne Abriebspuren, eine wenige Millimeter breite Furche, die sich in die Rinde eingegraben hatte.

»Kann es sein, dass da ein Seil gespannt war?«, fragte Hiller.

»Genau, und zwar ein Drahtseil mit einer Schlinge. Direkt über den ausgefahrenen Pfad der Crosser. Die Schlinge exakt in der Höhe des Oberkörpers platziert. Das siehst du selbst bei geringem Tempo nicht oder höchstens mit viel Glück. Beim Abwärtsfahren berührte der Fahrer die Schlinge mit seinem Oberkörper, sie blieb am Hals hängen, zog sich zu und hat bei der relativ hohen Geschwindigkeit des Motorrads den Fahrer förmlich geköpft.«

»Krass!«, war das einzige, was Hiller angesichts dieser ungewöhnlichen Mordmethode herausbrachte, während eine Hand seinen Hals massierte.

»Dann war das also kein Unfall, sondern eine gezielte Tötung«, warf Lohmann ein.

»Genau. Der Täter muss diese illegale Cross-Strecke gekannt haben und wer sie nutzt. Ich schätze, wir haben es mit einem hochintelligenten Täter zu tun.«

»Woraus schließt du das?«

»Die Drahtschlinge war so genau auf Höhe gespannt, dass der Fahrer unweigerlich hineinfahren musste. Das ist kein Zufall. Der Mann dürfte sein Opfer gekannt haben und hat die Höhe exakt berechnet.«

»Mathematiker, Physiker, Architekt?«

»Kann sein. Das herauszufinden ist ja wohl deine Sache«, raunzte Willi.

»Aber es ist doch auch nicht auszuschließen, dass das Drahtseil einfach so gespannt wurde, nur um den Mann zu Fall zu bringen.«

»Nee, ausgeschlossen ist das nicht. Das gibt es ja immer wieder einmal, dass irgendeiner Seile auf solchen illegalen Strecken spannt, um Motocrosser oder Mountainbikefahrer zu bestrafen. Im Krieg soll es vorgekommen sein, dass mit Drahtseilen Kradmelder zu Fall gebracht werden sollten. Aber die waren dann quer zwischen Bäumen gespannt. Das hier mutet eher wie eine Hinrichtung an.«

»Also Mord?«

»Wie gesagt, deine oder vielmehr eure Sache das rauszufinden.«

»Habt ihr einen Draht gefunden oder Reste davon?«

»Nee, aber wir sind auch noch nicht ganz fertig.«

»Dann schaut bitte ganz genau nach. Das wäre schon wichtig.«

»Ach ja?«, knurrte Grabowski, »gut, dass du mich dran erinnerst. Wir hätten das kaum von alleine gewusst.«

Lohmann wollte etwas Entschuldigendes entgegnen, als sich von unten aus dem Tal ein wütendes Gekläff und darauf folgend ein nicht minder wütendes Schreien hören ließ.

6. Eule

»Schon wieder dieser scheiß Köter!«

Es war Wolf Metzler. Dann ließ sich eine weichere Stimme hören, offenkundig die einer älteren Frau:

»Eule! Eule, wo bist du? Komm her zu Frauchen!«

Lohmann und Hiller beschleunigten ihre Schritte abwärts, so gut das eben auf dem weichen Waldboden ging. Steine, Geröllbrocken, herumliegende Äste und Baumstümpfe nötigten immer wieder zum Ausweichen, was den Abgang aber keineswegs verlangsamte, sondern im Gegenteil zunehmend beschleunigte. Kurz vor der Talsohle angekommen hatten beide eine so hohe Geschwindigkeit, dass sie förmlich auf den Waldweg schossen und Metzler dabei fast über den Haufen rannten.

Während Hiller quasi von dem Kollegen Temme aufgefangen wurde, bremste Lohmann nach einem kleinen Rempler gegen die Schulter des Jagdpächters an einer auf der anderen Seite stehenden Buche ab, wobei er Metzler, vor dem nach wie vor der kläffende Hund stand, wütend ansprach:

»Was ist denn hier los?«

»Das sehen Sie doch«, polterte der zurück, »dieser blöde Köter streunt hier herum, weil die Alte dort drüben ihn mal wieder nicht an die Leine genommen hat.«

Lohmann wandte seine Aufmerksamkeit zu dem rotweißen Plastikband mit der Aufschrift »Polizeiabsperrung«. Dort war gerade eine ältere Dame angekommen, die rüber zu der Gruppe mit Lohmann, Hiller, Metzler, den beiden Polizeibeamten und dem kläffenden Hund blickte.

»Das ist meine Eule, die macht nichts.«

»Ja, klar, die will nur spielen«, blaffte Metzler ihr entgegen. »Ich habe Ihnen schon zigmal gesagt, dass Sie Ihre Töle anzuleinen haben. Wenn die hier frei herumläuft, ist das Wilderei. Und dann hab ich das Recht, sie abzuknallen.«

»Sie wollen mich erschießen? Sind Sie noch recht bei Trost?«

»Nein, nicht Sie, Ihren Köter.«

»Das ist kein Köter, Herr Metzler, das ist ein kleiner Hund, ein Zwergpudel, der niemandem etwas zuleide tut. Und mit Sicherheit nicht Ihren Rehen und Wildschweinen.«

Lohmann konnte in dem kläffenden Zwerg nun auch keine ernsthafte Bedrohung sehen, doch bevor er Metzler zurechtweisen konnte, schrie der zu der Frau rüber:

»Das ist mir egal. Und wenn er nur eine Maus in meinem Revier erschreckt, ist das Wilderei. Wenn Sie Ihre Zierratte behalten wollen, dann leinen Sie sie in Zukunft an. Sonst lernt Ihre Eule fliegen. Ist das klar?«

»Nun ist es aber genug, Herr Metzler«, schnauzte nun Lohmann den wütenden Jagdpächter an. »Jetzt fahren Sie mal ein bisschen runter, sonst setzen wir unsere Unterhaltung tatsächlich auf der Polizeistation fort.«

»Kann ich meine Eule holen?« rief die Frau herüber.

»Nein, das geht nicht«, rief Hiller zurück, »Sie sehen doch die Absperrung. Hier findet eine Polizeiuntersuchung statt.«

»Mein Gott, was ist denn passiert?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Aber meine Eule?«

»Zum Kuckuck mit dem Drecksvieh«, knurrte Metzler, der sich zusammenriss, um nicht wieder mit Lohmann aneinanderzugeraten. Vor ihm saß noch immer der kleine Hund, schaute zu ihm auf und kläffte ihn wütend an.

»Moment«, meldete sich Brehme, »ich kümmere mich drum.«

Er näherte sich unter gutem Zureden dem Zwergpudel und machte ihn mit allerlei Lauten des Lippen- und Gaumenraumes auf sich aufmerksam, wobei er immer wieder seinen Namen rief. Tatsächlich drehte Eule den Kopf zu ihm herum und schaute ihn neugierig an. Brehme griff in seine Jackentasche und nestelte darin herum.

»Schau mal, was ich hier habe!«

Eule ließ sich bestechen. Die Hoffnung auf ein Leckerli war denn doch verlockender, als die Schimpftirade gegen den ungeliebten Jagdpächter fortzuführen.

»Da schau mal«, schmeichelte Brehme und hielt dem Hund irgendetwas vor die Nase, was er in seiner Tasche gefunden hatte. Schokolade, Drops, Salzbrezel, was immer es auch war, Eule ließ sich packen, auf den Arm nehmen und zu seinem Frauchen transportieren, während er das Irgendetwas zwischen seinen kleinen spitzen Zähnen zerknirschte.