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Die Räuber – Friedrich Schillers frühes Meisterwerk jetzt als duale Ausgabe mit moderner Parallelfassung in leicht verständlicher Sprache Die Räuber ist Friedrich Schillers erstes Drama und eines der kompromisslosesten Werke der deutschen Literatur. Das Stück erzählt von Freiheit, Schuld, Gewalt und moralischer Selbsttäuschung – und zeigt, wie idealistische Ziele in zerstörerische Konsequenzen umschlagen können. Im Zentrum stehen zwei Brüder: der idealistische Karl, der an seinen Ansprüchen zerbricht und zur Gewalt greift, und der berechnende Franz, der mit List und Intrige Macht an sich reißt. Das Drama war Skandal und Durchbruch zugleich und prägt bis heute das Bild des jungen, rebellischen Schiller. Der Text ist sprachlich anspruchsvoll: dichte Satzgefüge, archaische Wendungen und affektgeladene Dialoge verlangen auch geübten Leserinnen und Lesern hohe Konzentration ab. Diese Duale Ausgabe eröffnet hier einen neuen Zugang: Der vollständige Originaltext wird durchgehend von einer klaren, modern formulierten Sprachfassung begleitet, die Handlung, Gedankengänge und Motive transparent und zuverlässig erschließt. Die moderne Klarfassung dient dem flüssigen Lesen und dem sicheren Nachvollziehen des Dramas, während der Originaltext jederzeit präsent bleibt – zur Kontrolle des Wortlauts, zum Vergleich und zur Weiterverwendung in Analyse, Unterricht oder Zitat. Inhalt, Dramaturgie und literarische Substanz bleiben vollständig erhalten. Ideal für alle, die: - Schillers Klassiker ohne unnötige sprachliche Hürden lesen möchten - dramatische Texte präzise analysieren oder unterrichten wollen - Originalsprache und moderne Klarfassung direkt vergleichen möchten - komplexe Literatur konzentriert, flüssig und mit Freude lesen wollen Diese Duale Ausgabe zeigt, dass auch sprachlich anspruchsvolle Literatur nicht vereinfacht werden muss, um gut lesbar zu sein. Klarheit, Struktur und Nähe zum Original eröffnen ein Leseerlebnis, das zugleich präzise, effizient und überraschend flüssig ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Friedrich Schiller
Friedrich Schiller - Die Räuber In klarer, leicht verständlicher Sprache ©2025 Edition Leichter Lesen by LS-Media ISBN [eBook]: 978-3-69055-028-4
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Die Räuber
»Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat«. Hippocrates
»Was Medikamente nicht heilen, heilt das Eisen.Was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer.«Hippokrates
Maximilian - regierender Graf von Moor.Karl und Franz - seine Söhne.Amalia von Edelreich.Spiegelberg, Schweizer, Grimm, Razmann, Schufterle, Roller, Kosinsky und Schwarz - Libertiner, nachher Banditen.Hermann, - Bastard von einem Edelmann.Daniel - Hausknecht des Grafen von Moor.Pastor Moser.Ein Pater.Räuberbande.Nebenpersonen.
Maximilian - regierender Graf von Moor ("Der alte Moor") .Karl und Franz - seine Söhne ("Karl" und "Franz").Amalia von Edelreich.Spiegelberg, Schweizer, Grimm, Razmann, Schufterle, Roller, Kosinsky und Schwarz - Libertiner, später Banditen.Hermann, - Bastard von einem Edelmann.Daniel - Hausknecht des Grafen von Moor.Pastor Moser.Ein Pater.Räuberbande.Nebenpersonen.
Der Ort der Geschichte ist Deutschland. Die Zeit ohngefähr 2 Jahre.
Der Ort der Geschichte ist Deutschland.Die Handlung umfasst ungefähr 2 Jahre.
Man nehme dieses Schauspiel für nichts Anderes, als eine dramatische Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geizen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung ist, binnen drei Stunden drei außerordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhängt, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet sein, daß sich drei außerordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vierundzwanzig Stunden entblößen. Hier war Fülle in einander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzu engen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Dieses Schauspiel ist eine dramatische Geschichte.Es nutzt die Vorteile der dramatischen Form, um die verborgensten Bewegungen der Seele zu zeigen.Gleichzeitig soll es sich nicht an die strengen Regeln eines klassischen Theaterstücks binden.Oder auf einen fraglichen Erfolg bei der Aufführung hoffen.Jeder wird mir zustimmen:Es ist unmöglich, innerhalb von 3 Stunden drei außergewöhnliche Menschen vollständig zu zeigen.Ihr Handeln hängt von unzähligen kleinen Ursachen ab.Ebenso kann auch der klügste Beobachter drei außergewöhnliche Menschen nicht innerhalb eines Tages vollständig durchschauen.Hier gab es eine Fülle von ineinander verwobenen Wirklichkeiten, die ich nicht in die engen Regeln von Aristoteles oder Batteux zwängen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit eingesetzt, wenn er anders eine Copie der wirklichen Welt, und keine idealischen Affectationen, keine Compendien-Menschen will geliefert haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert werden und die Tugend im Contrast mit dem Laster das lebendigste Colorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nackten Abscheulichkeit enthüllen und in seiner kolossalischen Größe vor das Auge der Menschheit stellen, – er selbst muß augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, – er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Nicht die Länge des Stückes, sondern sein Inhalt macht es eigentlich ungeeignet für die Bühne:Der Aufbau zwang mich, Figuren auftreten zu lassen, die den feinen Sinn für Moral und Anstand verletzen.Jeder, der Menschen darstellen will, muss die echte Welt zeigen.Er darf keine idealisierten Figuren oder künstlichen Phantasie-Menschen oder Standard-Menschen zeigen.In unserer Welt wird das Gute oft erst durch den Gegensatz zum Bösen sichtbar, und umgekehrt.Wer das Böse bekämpfen will, um Religion, Moral und Gesetz zu verteidigen:Der muss es in seiner ganzen Hässlichkeit zeigen:Er muss selbst in die dunklen Abgründe dieser Gefühle eintauchen.Und er muss sich in Empfindungen hineindenken, die ihm eigentlich zuwider sind.
Das Laster wird hier mit sammt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es löst in Franzen alle die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstractionen auf, skeletisiert die richtende Empfindung und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden), seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr – dem ist die Menschen, die Gottheit nichts – beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes, lebendiges Conterfei hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander zu gliedern – und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr's gelungen hat. – Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
In diesem Stück wird das Böse in seiner ganzen Mechanik gezeigt:Franz verwandelt alle inneren Ängste und Zweifel in bedeutungslose Abstraktionen.Er hat keine Gefühle mehr für Recht oder Religion.Wer seinen Verstand so weit über sein Herz stellt, verliert jedes Gefühl für das Heilige.Für ihn bedeuten Menschen und Gott nichts mehr.Ich habe versucht, einen Menschen dieses Typs möglichst genau darzustellen.Ich wollte sein System des Bösen bis ins Detail erklären und an der Wahrheit messen.Im Verlauf dieser Geschichte kann jeder selbst beurteilen, ob mir das gelungen ist.Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem steht ein Anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äußerste Laster nur reizet um der Größe willen, die ihm anhänget; um der Kraft willen, die es erheischet; um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger, wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. Unglückliche Conjuncturen entscheiden für das Zweite, und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem Ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so ward der seltsame Don Quixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dürfen, daß ich dieses Gemälde so wenig nur allein Räubern vorbehalte, als die Satire des Spaniers nur allein Ritter geißelt.
Daneben gibt es noch eine andere Figur, die manche Leser verwirren könnte.Es ist ein Mensch, den das Böse nur deshalb fasziniert, weil es Größe, Kraft und Gefahr in sich trägt.Dieser Mann ist mit so viel Energie ausgestattet, dass er entweder ein Brutus oder ein Catilina hätte werden können.Unglückliche Umstände ließen ihn zuerst zum Schurken werden.Aber am Ende findet er dann doch den besseren Weg.Seine übermäßige Kraft und sein falsches Bild von Einfluss und Handeln konnten in der bürgerlichen Welt nur scheitern.Zu seinem Traum von Größe kam auch eine bittere Enttäuschung über die Welt.So entstand der seltsame Don Quijote, den wir hier in Karl Moor gleichzeitig bewundern und verachten.Ich brauche nicht extra zu sagen, dass ich mit diesem Bild nicht speziell oder ausschließlich Räuber beschreiben möchte.Genauso wenig wollte Cervantes mit seinem Roman ja nur die Ritter angreifen.
Auch jetzt ist der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernsthaft, daß, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? – Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.
Auch heute noch machen viele Menschen Witze auf Kosten der Religion.Man gilt kaum noch als Genie, wenn man sich nicht über die heiligsten Wahrheiten lustig macht.Die einfache Wahrheit der Heiligen Schrift wird oft in Gesellschaften verspottet und lächerlich gemacht.Denn was ist so ernst oder heilig, dass es nicht durch Verzerrung zur Witzvorlage wird?Ich hoffe, dass ich wahre Religion und wahre Moral hier nicht bloßgestellt habe!Ich habe diese Spötter in meinen schlimmsten Räubern gezeigt, um sie der Verachtung der Welt preiszugeben.
Aber noch mehr. Diese unmoralischen Charaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaftesten, ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbildes aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheuerer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.
Diese unmoralischen Figuren mussten aber auch ihre guten Seiten zeigen.Oft besitzen sie an Verstand, was ihnen an Menschlichkeit mangelt.Ich habe hier nur das gezeigt, was in der Natur ohnehin existiert:Selbst der schlechteste Mensch trägt noch Spuren des göttlichen Bildes.Vielleicht ist der große Bösewicht dem rechtschaffenen Menschen näher als der kleine Sünder.Denn die Moral wächst mit der inneren Stärke.Je größer die Fähigkeiten, desto größer auch die Abweichung vom Guten und desto schwerer wiegt der Fehler.
Klopstocks Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Abscheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei allen ihren Gräueln noch ein so großes, staunenswürdiges Weib, und Shakespeares Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu thun ist, ganze Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tiger gewarnt haben will, so darf ich seine schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen, damit man nicht den Tiger beim Tiger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst und äußert eine zurückstoßende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekritzel eines Messers auf Glas.
Klopstocks Figur Adramelech löst gleichzeitig Bewunderung und Abscheu aus.Wir folgen Miltons Satan fasziniert durch das chaotische Nichts.Selbst Medea bleibt trotz aller Verbrechen eine beeindruckende Gestalt.Und auch Shakespeares Richard III. findet Bewunderer - obwohl man ihn hassen würde, wenn man ihm begegnete.Auch ich wollte vollständige Menschen zeigen.Deshalb muss ich auch ihre positiven Eigenschaften zeigen, die selbst dem schlimmsten Verbrecher nie ganz fehlen.Wer vor dem Tiger warnen will, darf nicht die Schönheit seines Fells verschweigen.Sonst erkennt man den Tiger nicht als Tiger.Ein Mensch, der nur böse ist, taugt nicht als Kunstfigur.Er stößt nur ab, ohne Interesse zu wecken.Der Leser würde weiterblättern, sobald er spricht.Eine edle Seele erträgt moralische Dissonanz so wenig wie ein Ohr das Kratzen eines Messers auf Glas.
Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu: bei jenem, daß er das Laster nicht ziere, bei diesem, daß er sich nicht von einer schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen. Meinerseits entscheide ein Dritter – aber von meinen Lesern bin ich es nicht ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt (unter uns gesagt) weit um und gibt zum Unglück – den Ton an. Zu kurzsichtig, mein Ganzes auszureichen, zu kleingeistisch, mein Großes zu begreifen, zu boshaft, mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht' ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu finden meinen und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich Alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Theaterstück wirklich auf die Bühne bringen soll.Ich habe Angst, dass viele Menschen es falsch verstehen könnten.Ein Stück wie dieses verlangt viel Nachdenken – vom Autor und vom Publikum.Ich als Autor muss aufpassen, dass ich das Böse nicht schön mache.Und der Zuschauer muss erkennen, dass manche Figuren zwar stark und beeindruckend wirken – aber innerlich schlecht sind.Man darf sich nicht täuschen lassen, nur weil etwas groß oder glanzvoll erscheint.Auch das Hässliche muss man erkennen und bewerten können.Ich weiß, dass es Menschen gibt, die das verstehen werden.Ich hoffe, dass diese Menschen mein Stück richtig beurteilen können.Aber bei vielen anderen Menschen bin ich mir nicht sicher.Und ich meine damit nicht nur einfache Leute auf der Straße.Sondern ich meine alle, die engstirnig, bösartig oder geistig faul sind – ganz egal, ob reich oder arm.Solche Menschen schauen nur auf einzelne Szenen und verstehen nicht, was ich im Ganzen sagen will.Sie sind zu klein im Denken, um die großen Gedanken zu begreifen.Sie sind zu boshaft, um mein Gutes sehen zu wollen.Ich fürchte, diese Leute werden die Bedeutung meines Stücks völlig falsch verstehen.Vielleicht denken sie sogar, ich würde das Böse verteidigen, das ich in Wahrheit angreife.Und dann werden sie mich verurteilen – nicht, weil ich schlecht geschrieben habe, sondern weil sie es nicht verstanden haben.So ist es leider oft: Man wirft dem Dichter alles Mögliche vor – nur keine Gerechtigkeit.
Es ist das ewige »Da capo« mit Abdera und Demokrit, und unsere guten Hippokrate müßten ganze Plantagen Nieswurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Decoct abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt' ich, den Schwachherzigen zu frommen, der Natur minder getreu sein sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle – Feuer – und Wasser confisciert werden?
So war es schon immer – wie bei Abdera und Demokrit.Unsere guten Ärzte müssten tonnenweise Nieswurz verbrauchen, um gegen den Wahnsinn anzukommen.Und so sehr sich Freunde der Wahrheit auf Kanzeln und Bühnen auch abmühen:Der Pöbel bleibt Pöbel.Selbst wenn sich Sonne und Mond verändern, selbst wenn Himmel und Erde vergehen:Das wird sich nie ändern.Vielleicht hätte ich für schwächere Leser einfacher schreiben sollen.Vielleicht hätte ich meiner Darstellung Grenzen setzen müssen.Aber nur weil Mistkäfer sogar in Perlen wühlen; weil Feuer verbrennt und Wasser ertränkt:Soll man deshalb gleich die Perlen, das Feuer oder das Wasser verbieten?
Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe, mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er – nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.
Ich glaube deshalb:Gerade wegen seines ungewöhnlichen Endes gehört mein Stück zu den moralischen Werken.Das Böse wird bestraft – genau so, wie es verdient.Der, der das Gesetz verletzt hat, kehrt zurück zur Ordnung.Und am Ende siegt die Gerechtigkeit.Wer bereit ist, mein Werk ganz zu lesen und wirklich zu verstehen, den bitte ich nicht darum, mich als Dichter zu loben.Aber ich wünsche mir, dass er den ehrlichen Menschen in mir achtet.
Geschrieben in der Ostermesse 1781.
Geschrieben zur Ostermesse im Jahr 1781.
Der Herausgeber.
Der Herausgeber.
Franken.Saal im Moorischen Schloß. Franz. Der alte Moor.
Franken.Saal im Schloss der Familie Moor. Franz und der alte Moor.
Franz. Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
Franz.Geht es Ihnen gut, Vater?Sie sehen so blass aus.
D. a. Moor. Ganz wohl, mein Sohn, – was hattest du mir zu sagen?
Der alte Moor.Mir geht es gut, mein Sohn.Was wolltest du mir sagen?
Franz. Die Post ist angekommen – ein Brief von unserm Correspondenten in Leipzig –
Franz.Die Post ist gekommen.Es gibt einen Brief von unserem Geschäfts-Partner in Leipzig.
D. a. Moor.(begierig) Nachrichten von meinem Sohne Karl?
Der alte Moor.(neugierig)Gibt es Nachrichten von meinem Sohn Karl?
Franz. Hm! Hm! – So ist es. Aber ich fürchte – ich weiß nicht – ob ich – Eurer Gesundheit? – Ist Euch wirklich ganz wohl, mein Vater?
Franz.Hm! Hm! Ja, es ist so.Aber ich fürchte mich.Ich weiß nicht, ob ich es sagen soll.Geht es Ihnen wirklich gut, mein Vater?
D. a. Moor. Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? – Wie kommst du zu dieser Besorgniß? Du hast mich zweimal gefragt.
Der alte Moor.Mir geht es sehr gut, wie einem Fisch im Wasser.Der Brief handelt von meinem Sohn?Warum bist du so besorgt?Du hast mich schon zweimal gefragt.
Franz. Wenn Ihr krank seid – nur die leiseste Ahnung habt, es zu werden, so laßt mich – ich will zu gelegenerer Zeit zu Euch reden. (Halb zu sich.) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen Körper.
Franz.Wenn Sie krank sind oder auch nur vermuten, es zu werden:Dann lassen Sie mich lieber später mit Ihnen sprechen.(leise zu sich selbst)Diese Nachricht ist zu hart für einen schwachen Körper.
D. a. Moor. Gott! Gott! was werd' ich hören?
Der alte Moor.Gott! Gott!Was werde ich hören?
Franz. Laßt mich vorerst auf die Seite gehn und eine Thräne des Mitleids vergießen um meinen verlornen Bruder – ich sollte schweigen auf ewig – denn er ist Euer Sohn; ich sollte seine Schande verhüllen auf ewig – denn er ist mein Bruder. – Aber Euch gehorchen, ist meine erste, traurige Pflicht – darum vergebt mir.
Franz.Lassen Sie mich erst kurz zur Seite gehen.Ich muss eine Träne des Mitleids für meinen verlorenen Bruder vergießen.Ich sollte für immer schweigen, weil er Ihr Sohn ist.Ich sollte seine Schande für immer verbergen, weil er mein Bruder ist.Aber es ist meine erste traurige Pflicht, Ihnen zu gehorchen.Darum verzeihen Sie mir.
D. a. Moor. O Karl! Karl! wüßtest du, wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehn Jahre zusetzen würde – mich zum Jüngling machen würde – da mich nun jede, ach! – einen Schritt näher ans Grab rückt!
Der alte Moor.O Karl! Karl!Wüsstest du, wie dein Verhalten das Herz deines Vaters quält!Eine einzige gute Nachricht von dir würde mir zehn Jahre Leben schenken.Ich würde mich wieder wie ein junger Mann fühlen.Doch jetzt bringt mich jede Nachricht von dir einen Schritt näher zum Grab.
Franz. Ist es Das, alter Mann, so lebt wohl – wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über Eurem Sarge.
Franz.Wenn es so ist, geh ich besser.Sonst würden wir uns schon heute über Ihrem Sarg die Haare raufen.
D. a. Moor. Bleib! – Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu thun – laß ihm seinen Willen! (Indem er sich niedersetzt.) Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied – laß ihn's vollenden.
Der alte Moor.Bleib!Ich will den letzten kleinen Schritt noch gehen.Lass ihn tun, was er will.(Er setzt sich.)Die Sünden der Väter fallen auch auf die Kinder bis in die 3. und 4. Generation.Lass ihn sein Werk vollenden.
Franz.(nimmt den Brief aus der Tasche). Ihr kennt unsern Correspondenten! Seht! den Finger meiner rechten Hand wollt' ich drum geben, dürft' ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer, giftiger Lügner – – Faßt Euch! Ihr vergebt mir, wenn ich Euch den Brief nicht selbst lesen lasse – Noch dürft Ihr nicht Alles hören.
Franz.(nimmt den Brief aus der Tasche)Sie kennen unseren Geschäftspartner.Sehen Sie, ich würde meinen rechten Zeigefinger geben, wenn ich sagen dürfte, er ist ein Lügner.Ein böser, giftiger Lügner.Fassen Sie sich!Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen den Brief nicht selbst zum Lesen gebe.Sie dürfen jetzt noch nicht alles hören.
D. a. Moor. Alles, Alles – mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
Der alte Moor.Ich will alles hören, mein Sohn!Du ersparst mir das Aufstehen.
Franz.(liest). »Leipzig, vom 1sten Mai. – Verbände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage, dir auch nicht das Geringste zu verhehlen, was ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen kann, liebster Freund, nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyrannin geworden sein. Ich kann aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten dieser Art dein brüderliches Herz durchbohren müssen; mir ist's, als säh' ich dich schon um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen« – – (Der alte Moor verbirgt sein Gesicht.) Seht, Vater! ich lese Euch nur das Glimpflichste – »den Abscheulichen in tausend Thränen ergossen;« – Ach, sie flossen – stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange – »mir ist's, als säh' ich schon deinen alten, frommen Vater todtenbleich« – Jesus Maria! Ihr seid's, eh' ihr noch das Mindeste wisset?
Franz.(liest vor)»Leipzig, 1. Mai.Lieber Freund:Nur wegen meines Versprechens, dir nichts zu verheimlichen, sende ich dir diese Nachricht.Sonst hätte ich dir dies niemals geschrieben.Ich weiß aus vielen deiner Briefe, wie sehr dich solche Nachrichten treffen müssen.Ich stelle mir vor, wie du schon jetzt in Tränen um den Verlorenen weinst.«(Der alte Moor bedeckt sein Gesicht.)Sehen Sie, Vater!Ich lese Ihnen nur das Mildeste vor!»...um den Abscheulichen tausend Tränen geweint...«Ach, auch ich habe Tränen vergossen!»Ich stelle mir vor, wie dein frommer, alter Vater bleich zusammenbricht.«Jesus Maria!Sie sehen schon so aus, obwohl Sie noch gar nicht wissen, was kommt.
D. a. Moor. Weiter! Weiter!
Der alte Moor.Weiter! Weiter!
Franz. – »todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln und dem Tage fluchen, an dem ihm zum erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht Alles entdecken mögen, und von dem Wenigen, das ich weiß, erfährst du nur Weniges. Dein Bruder scheint nun das Maß seiner Schande erfüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem, was er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß, nach vierzigtausend Ducaten Schulden« – ein hübsches Taschengeld, Vater – »nachdem er zuvor die Tochter eines reichen Bankiers allhier entjungfert und ihren Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell auf den Tod verwundet, mit sieben Andern, die er mit in sein Luderleben gezogen, dem Arm der Justiz zu entlaufen.« – Vater! Um Gotteswillen! Vater, wie wird Euch?
Franz.»… dein Vater bleich in seinen Stuhl zusammenbricht.Ich sehe ihn zurückfallen und den Tag verfluchen, an dem er zum ersten Mal ›Vater‹ genannt wurde.Man wollte mir gar nicht alles sagen.Und von dem Wenigen erfährst du jetzt nur einen kleinen Teil:Dein Bruder hat seine Schande jetzt auf den Höhepunkt gebracht.Ich jedenfalls kann mir nichts Schlimmeres mnehr vorstellen.Allerdings kanne es sein, dass sein Talent auch darin größer ist als meins.Gestern um Mitternacht ist er vor der Polizei geflohen.Er hatte 40.000 Dukaten Schulden gemacht.Ausserdem hatte er die Tochter eines reichen Bankiers verführt.Und ihren Verlobten hat er in einem Duell tödlich verletzt.Gemeinsam mit sieben anderen Halunken, die er auch auf die schiefe Bahn gebracht hat, sind sie geflohen.«Vater, um Gottes Willen!Wie geht es Ihnen?
D. a. Moor. Es ist genug. Laß ab, mein Sohn!
Der alte Moor.Es reicht, mein Sohn.Sprich nicht weiter.
Franz. Ich schone Eurer – »Man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigten schreien laut um Genugthuung, ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt – der Name Moor« – Nein! meine armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! (Zerreißt den Brief.) Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Silbe!
Franz.Ich verschone Sie von weiteren Details.Jedenfalls:»Man hat Steckbriefe ausgestellt.Die Opfer fordern Gerechtigkeit.Ein Kopfgeld wurde auf ihn ausgesetzt.«Der Name Moor… «Nein! Meine Lippen sollen meinen Vater nicht noch mehr verletzen.(zerreißt den Brief)Glauben Sie das alles nicht, Vater!Glauben Sie ihm kein Wort!
D. a. Moor.(weint bitterlich) Mein Name! Mein ehrlicher Name!
Der alte Moor.(weint bitterlich)Mein Name! Mein ehrlicher Name!
Franz.(fällt ihm um den Hals.) Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahnete mir's nicht, da er, noch ein Knabe, den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Wegen sich herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das Gefängniß, floh und die Pfennige, die er Euch abquälte, dem ersten dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? – Ahnete mir's nicht, da er die Abenteuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer stockfinsterer Heiden lieber las, als die Geschichte des bußfertigen Tobias? – Hundertmal hab' ich's Euch geweissagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht – der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! – O, daß er Moors Namen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterstuhl anklagen.
Franz.(hält ihn fest)Verfluchter Karl!Habe ich es nicht geahnt, als er noch ein Junge war?Schon damals lief er den Mädchen hinterher.Er streifte mit Landstreichern und schlechtem Gesindel herum.Er floh die Kirche wie ein Dieb das Gefängnis.Das Geld, das er Ihnen abgerungen hatte, verschenkte er an Bettler.Wir saßen zu Hause und beteten, während er sich draußen herumtrieb.Habe ich es nicht geahnt, als er lieber von Cäsar, Alexander und anderen stockfinsteren Heiden las als fromme Bibel-Geschichten?Hundertmal habe ich Sie gewarnt!Ich sagte: dieser Junge wird uns alle ins Unglück stürzen.Wenn er nur nicht den Namen Moor tragen würde!Trotzdem habe ich ihn geliebt, wie man seinen Bruder liebt.Wenn mein Herz nur nicht so an ihm hängen würde!Diese Liebe, die ich nicht ablegen kann, wird mich vor Gott belasten.
D. a. Moor. Oh – meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
Der alte Moor.Meine Hoffnungen!Meine goldenen Träume!
Franz. Das weiß ich wohl. Das ist es ja, was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet Ihr immer, der ihn für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht, – diese Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, – diese Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, – dieser männliche Muth, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet und über Gräben und Palissaden und reißende Flüsse jagt, – dieser kindliche Ehrgeiz, dieser unüberwindliche Starrsinn und alle diese schönen glänzenden Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem trefflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem großen, großen Manne machen. – Seht Ihr's nun, Vater! – der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat! sehet diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so empfindsam für die Reize einer Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Öl seines Lebens in sechs Jährchen so rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute und sind so unverschämt und sagen: »c'est l'amour qui a fait ça!« Ah! seht doch diesen kühnen, unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldenthaten eines Cartouches und Howards verschwinden! – Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen – was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? – Vielleicht, Vater, erlebt Ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residieret und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert – vielleicht könnt Ihr noch, eh Ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet – vielleicht, o Vater, Vater, Vater – seht Euch nach einem andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf Euch, die Euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait gesehen haben.
Franz.Das weiß ich gut.Genau das ist es ja eben:Sie haben immer gesagt, in diesem Jungen brennt ein Feuer.Sein Feuer macht ihn so empfänglich für alles Große und Schöne:Diese Offenheit, mit der seine Seele in seinen Augen sichtbar wurde.Diese Empfindsamkeit, die ihn bei jedem Leid zum Mitfühlen brachte.Dieser Mut, der ihn auf die höchsten Eichen klettern ließ.Dieser Mut, der ihn über Gräben, Palisaden und reißende Flüsse springen ließ.Dieser kindliche Ehrgeiz.Dieser unbeugsame Wille.All diese glänzenden Eigenschaften haben in Ihrem Sohn geschlummert.Sie sollten ihn einmal zu einem treuen Freund machen; zu einem guten Bürger; zu einem Helden; zu einem großen, großen Mann.Und sehen Sie jetzt, Vater?Der ›feurige Geist‹ hat sich entwickelt und ausgebreitet.Er hat seine Früchte getragen.Sehen Sie, wie sich seine Offenheit in Übermut verwandelt hat.Sehen Sie, wie seine Empfindsamkeit jetzt nur noch den Reizen eitler Frauen gilt.Sehen Sie dieses Talent, das sein Lebensfeuer in wenigen Jahren fast ganz verbrannt hat.Er geht schon als lebender Schatten umher.Und dann gibt es Leute, die frech behaupten: ›c’est l’amour qui a fait ça‹ - ›es war die Liebe, die das verursacht hat‹!Schauen Sie sich diesen kühnen, tatkräftigen Kopf an!Er schmiedet und verwirklicht Pläne, neben denen die Taten eines Cartouche oder Howard klein wirken.Und wenn diese Anlagen einmal voll zur Reife kommen:Was kann man schon von einem so jungen Menschen erwarten?Vielleicht, Vater, erleben Sie noch, dass er einst an der Spitze eines Heeres steht.Vielleicht sehen Sie ihn in den stillen Wäldern lagern, wo er den Wanderern ihre Last halb abnimmt.Vielleicht pilgern Sie noch, bevor Sie sterben, zu dem Denkmal, das er sich zwischen Himmel und Erde errichtet hat.Vielleicht, oh Vater, Vater, Vater – denken Sie lieber über einen anderen Namen nach!Sonst zeigen die Leute in Leipzig mit dem Finger auf Sie!Weil sie das Bild Ihres Sohns auf dem Marktplatz auf einem Steckbrief gesehen haben.
D. a. Moor. Und auch du, mein Franz, auch du? O meine Kinder! wie sie nach meinem Herzen zielen!
Der alte Moor.Auch du, Franz?Auch du verletzt mich?Oh, meine Kinder!Wie sehr treffen sie mein Herz!
Franz. Ihr seht, ich kann auch witzig sein, aber mein Witz ist Skorpionstich. – Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelchen alle heißen mögen, die Euch der Contrast zwischen ihm und mir mocht' eingegeben haben, wenn er Euch auf dem Schooße saß, oder in die Backen zwickte – der wird einmal zwischen seinen Grenzsteinen sterben und modern und vergessen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt – Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir, o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz – daß er nicht ist, wie dieser!
Franz.Sie sehen, ich kann auch sarkastisch sein.Aber mein Spott tut weh, wie ein Skorpionstich.Ich war immer der ruhige, nüchterne Franz, wie Sie mich nannten.Sie liebten Karl mehr, wenn er als Kind auf Ihrem Schoß saß oder Sie ihn neckten.Vielleicht werde ich eines Tages still und vergessen sterben.Dann wird der Ruhm dieses außergewöhnlichen Bruders von einem Ende der Welt zum anderen ziehen.Aber ich danke dem Himmel, dass ich nicht so geworden bin wie er!
D. a. Moor. Vergib mir, mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott, der mir durch Karln Thränen zusendet, wird sie durch dich, mein Franz, aus meinen Augen wischen.
Der alte Moor.Vergib mir, mein Kind.Sei nicht böse auf deinen Vater, der sich in seinen Hoffnungen getäuscht fühlt.Gott, der mir durch Karl Tränen schickt, wird mir durch dich, Franz, die Tränen abwischen.
Franz. Ja, Vater, aus Euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird sein Leben dran setzen, das Eurige zu verlängern. Euer Leben ist das Orakel, das ich vor Allem zu Rathe ziehe über Dem, was ich thun will; der Spiegel, durch den ich Alles betrachte – keine Pflicht ist mir so heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn's um Euer kostbares Leben zu thun ist. – Ihr glaubt mir das?
Franz.Ja, Vater, ich werde alles tun, damit Sie wieder froh werden.Ich würde mein Leben geben, um Ihres zu schützen.Ihr Leben ist für mich das wichtigste Vorbild für mein Handeln.Ich beurteile alles nach Ihnen.Keine Pflicht ist mir wichtiger als Ihr Leben.Glauben Sie mir?
D. a. Moor. Du hast noch große Pflichten auf dir, mein Sohn – Gott segne dich für Das, was du mir warst und sein wirst!
Der alte Moor.Du hast große Aufgaben vor dir, mein Sohn.Gott segne dich für das, was du für mich warst und noch sein wirst.
Franz. Nun sagt mir einmal – wenn Ihr diesen Sohn nicht den Euren nennen müßtet, Ihr wär't ein glücklicher Mann?
Franz.Sagen Sie mir ehrlich:Wären Sie glücklicher, wenn Sie diesen Sohn nicht hätten?
D. a. Moor. Stille! o stille! da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
Der alte Moor.Sei still!Als mir die Hebamme ihn brachte, hielt ich ihn in die Höhe und rief:Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
Franz. Das sagtet ihr. Nun, habt Ihr's gefunden? Ihr beneidet den schlechtesten Eurer Bauern, daß er nicht Vater ist zu diesem – Ihr habt Kummer, so lang Ihr diesen Sohn habt. Dieser Kummer wird wachsen mit Karln. Dieser Kummer wird Euer Leben untergraben.
Franz.Das sagten Sie damals.Aber haben Sie sich nicht oft anders gefühlt?Würden Sie nicht lieber einer Ihrer einfachsten Bauern sein, nur um nicht Vater dieses Sohnes zu sein?Dieser Sohn bringt Ihnen nur Kummer.Der Kummer wird wachsen, solange Karl lebt.Er wird Ihr Leben zerstören.
D. a. Moor. Oh! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
Der alte Moor.Er hat mich alt gemacht.Ich fühle mich wie ein 80-jähriger Mann.
Franz. Nun also – wenn Ihr dieses Sohnes Euch entäußertet?
Franz.Was wäre, wenn Sie sich von diesem Sohn lossagen würden?
D. a. Moor.(auffahrend) Franz! Franz! was sagst du?
Der alte Moor.(erschrocken)Franz!Was sagst du?
Franz. Ist es nicht diese Liebe zu ihm, die Euch all den Gram macht? Ohne diese Liebe ist er für Euch nicht da. Ohne diese strafbare, diese verdammliche Liebe ist er Euch gestorben – ist er Euch nie geboren. Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt Ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch Euer Sohn nicht mehr, und wär' er aus Eurem Fleische geschnitten. Er ist Euer Augapfel gewesen bisher; nun aber, ärgert dich dein Auge, sagt die Schrift, so reiß es aus. Es ist besser, einäugig gen Himmel, als mit zwei Augen in die Hölle. Es ist besser, kinderlos gen Himmel, als wenn Beide, Vater und Sohn, in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit.
Franz.Ist es nicht Ihre Liebe zu ihm, die Ihnen so viel Leid bringt?Ohne diese Liebe existiert er für Sie nicht mehr.Ohne diese gefährliche Liebe wäre er für Sie gestorben, oder nie geboren worden.Nicht das Blut macht Vater und Sohn; sondern das Herz.Wenn Sie ihn nicht mehr lieben:Dann ist er nicht länger Ihr Sohn; auch wenn er Ihr Fleisch und Blut ist.Bisher war er Ihr ganzer Stolz.»Aber wenn Dein Auge Dich zum Bösen verführt, so sagt die Bibel:Reiß es aus!Es ist besser, mit einem Auge in den Himmel zu kommen, als mit beiden in die Hölle zu fahren.«So ist es auch besser, ohne Kind in den Himmel zu kommen, als zusammen mit dem Sohn in die Hölle.So spricht Gott.
D. a. Moor. Du willst, ich soll meinen Sohn verfluchen?
Der alte Moor.Du willst, dass ich meinen Sohn verfluche?
Franz. Nicht doch! nicht doch! – Euren Sohn sollt Ihr nicht verfluchen. Was heißt Ihr Euren Sohn? – dem Ihr das Leben gegeben habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe gibt, das Eurige zu verkürzen?
Franz.Nein, Vater, das will ich nicht.Sie sollen ihn nicht verfluchen.Aber nennen Sie ihn wirklich noch Ihren Sohn?Er hat sein Leben von Ihnen.Doch er tut alles, um Ihr Leben zu verkürzen.
D. a. Moor. Oh, das ist allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der Herr hat's ihm geheißen.
Der alte Moor.Das ist leider wahr.Es ist wie ein Urteil gegen mich.Gott hat es so bestimmt.
Franz. Seht Ihr's, wie kindlich Euer Busenkind an Euch handelt. Durch Eure väterliche Theilnehmung erwürgt er Euch, mordet Euch durch Eure Liebe, hat Euer Vaterherz selbst bestochen, Euch den Garaus zu machen. Seid Ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr Eurer Güter, König seiner Triebe. Der Damm ist weg; und der Strom seiner Lüste kann jetzt freier dahin brausen. Denkt Euch einmal an seine Stelle! Wie oft muß er den Vater unter die Erde wünschen – wie oft den Bruder – die ihm im Lauf seiner Excesse so unbarmherzig im Weg stehen? Ist das aber Liebe gegen Liebe? ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche Milde, wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre Eures Lebens aufopfert? wenn er den Ruhm seiner Väter, der sich schon sieben Jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt? Heißt Ihr das Euren Sohn? Antwortet! heißt Ihr das einen Sohn?
Franz.Sehen Sie, wie Ihr Lieblingssohn mit Ihnen umgeht.Durch Ihre Liebe zerstört er Sie.Er nutzt Ihr Vertrauen aus, um Sie zu ruinieren.Wenn Sie nicht mehr da sind:Dann wird er Herr über Ihr Vermögen und kann tun, was er will.Dann hält ihn nichts mehr zurück.Stellen Sie sich vor, wie oft er sich schon gewünscht hat, dass Vater und Bruder verschwinden.Beide stehen ihm im Weg bei seinem ausschweifenden Leben.Ist das Liebe für Liebe?Ist das Dankbarkeit für Ihre Güte?Er opfert 10 Jahre Ihres Lebens für einen kurzen Genuss.Er setzt den guten Namen Ihrer Familie aufs Spiel, den Ihre Vorfahren über 700 Jahre bewahrt haben.Nennen Sie so jemanden wirklich noch Ihren Sohn?Antworten Sie, Vater!
D. a. Moor. Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
Der alte Moor.Er ist ein grausames Kind.Aber trotzdem bleibt er mein Kind.
Franz. Ein allerliebstes, köstliches Kind, dessen ewiges Studium ist, keinen Vater zu haben – O daß Ihr's begreifen lerntet! daß Euch die Schuppen fielen vom Auge! Aber Eure Nachsicht muß ihn in seinen Liederlichkeiten befestigen, Euer Vorschub ihnen Rechtmäßigkeit geben. Ihr werdet freilich den Fluch von seinem Haupte laden; auf Euch, Vater, auf Euch wird der Fluch der Verdammniß fallen.
Franz.Ein wunderbares Kind, dessen einziger Wunsch ist, keinen Vater mehr zu haben.Wenn Sie das doch endlich erkennen würden!Ihre Nachsicht gibt ihm nur noch mehr Freiheit für sein schlechtes Verhalten.Ihr gutes Herz schützt ihn immer wieder.Doch Sie werden am Ende den Fluch tragen müssen.Der Fluch wird nicht auf ihn, sondern auf Sie fallen, Vater.
D. a. Moor. Gerecht! sehr gerecht! – Mein, mein ist alle Schuld!
Der alte Moor.Das ist wahr.Sehr wahr.Ich allein bin schuld.
Franz. Wie viele Tausende, die voll sich gesoffen haben vom Becher der Wollust, sind durch Leiden gebessert worden! Und ist nicht der körperliche Schmerz, der jedes Übermaß begleitet, ein Fingerzeig des göttlichen Willens? Sollte ihn der Mensch durch seine grausame Zärtlichkeit verkehren? Soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf ewig zu Grunde richten? – Bedenkt, Vater, wenn Ihr ihn seinem Elend auf einige Zeit preisgeben werdet, wird er nicht entweder umkehren müssen und sich bessern? oder er wird auch in der großen Schule des Elends ein Schurke bleiben, und dann – wehe dem Vater, der die Rathschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! – Nun, Vater?
Franz.Viele Menschen, die im Genuss zu weit gegangen sind, wurden durch Leid wieder besser.Ist der körperliche Schmerz, der immer auf Übermaß folgt, nicht ein Hinweis auf den Willen Gottes?Soll ein Vater mit falscher Liebe gegen diesen Willen handeln?Soll er das Kind, das ihm anvertraut wurde, für immer ins Unglück stürzen?Denken Sie daran, Vater!Wenn Sie ihn eine Zeit lang seinem Schicksal überlassen, wird er entweder umkehren und sich bessern oder ein schlechter Mensch bleiben.Und dann, Vater, wird derjenige schuld sein, der ihn mit zu viel Nachsicht daran gehindert hat, seine Fehler zu erkennen.Also, Vater?
D. a. Moor. Ich will ihm schreiben, daß ich meine Hand von ihm wende.
Der alte Moor.Ich werde ihm schreiben, dass ich mich von ihm abwende.
Franz. Da thut Ihr recht und klug daran.
Franz.Das ist eine gute und kluge Entscheidung.
D. a. Moor. Daß er nimmer vor meine Augen komme.
Der alte Moor.Er soll mir nie wieder unter die Augen treten.
Franz. Das wird eine heilsame Wirkung thun.
Franz.Das wird ihm helfen, sich zu ändern.
D. a. Moor.(zärtlich) Bis er anders worden!
Der alte Moor.(sanft)Aber nur, bis er sich geändert hat.
Franz. Schon recht! schon recht – Aber, wenn er nun kommt mit der Larve des Heuchlers, Euer Mitleid erweint, Eure Vergebung sich erschmeichelt und morgen hingeht und Eurer Schwachheit spottet im Arm seiner Huren? – Nein, Vater! Er wird freiwillig wiederkehren, wenn ihn sein Gewissen rein gesprochen hat.
Franz.Schon gut, Vater.Aber was, wenn er dann zurückkommt, nur um Sie zu täuschen?Was, wenn er Ihre Schwäche ausnutzt, sich Ihr Mitleid erschleicht und dann wieder in sein altes Leben zurückkehrt?Nein, Vater!Er soll erst dann wiederkommen, wenn ihn sein Gewissen freispricht.
D. a. Moor. So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.
Der alte Moor.Dann will ich ihm sofort schreiben.
Franz. Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich, möchte Euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz zerspalten würden – und dann – glaubt Ihr nicht, daß er das schon für Verzeihung nehmen werde, wenn Ihr ihn noch eines eigenhändigen Schreibens werth haltet? Darum wird's besser sein, Ihr überlaßt das Schreiben mir.
Franz.Warten Sie noch, Vater!Ich fürchte, Sie könnten aus Wut zu harte Worte wählen.Das würde ihn vielleicht völlig verzweifeln lassen.Glauben Sie nicht auch, dass er einen Brief von Ihnen schon als Versöhnung sehen könnte?Es wäre besser, wenn ich den Brief schreibe.
D. a. Moor. Thu das, mein Sohn. – Ach, es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib ihm – –
Der alte Moor.Tu das, mein Sohn.Ich glaube, mir hätte es das Herz gebrochen.Schreib ihm …
Franz.(schnell) Dabei bleibt's also?
Franz.(schnell)Also bleibt es dabei?
D. a. Moor. Schreib ihm, daß ich tausend blutige Thränen, tausend schlaflose Nächte – aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
Der alte Moor.Schreib ihm, dass ich tausend blutige Tränen geweint und viele schlaflose Nächte gehabt habe.Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
Franz. Wollt Ihr Euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff Euch hart an.
Franz.Wollen Sie sich nicht hinlegen, Vater?Das Ganze hat Sie sehr mitgenommen.
D. a. Moor. Schreib ihm, daß die väterliche Brust – Ich sage dir, bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung! (Geht traurig ab.)
Der alte Moor.Schreib ihm, dass das Herz seines Vaters noch an ihm hängt.Ich sage dir: bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!(geht traurig ab)
Franz.(mit Lachen ihm nachsehend) Tröste dich, Alter! du wirst ihn nimmer an diese Brust drücken; der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle – Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wußtest, daß du es wollen könntest – Da müßt' ich ein erbärmlicher Stümper sein, wenn ich's nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters loszulösen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert wäre – Ich hab' einen magischen Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll – Glück zu, Franz! weg ist das Schooßkind – der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends aufheben, wie leicht könnte Jemand meine Handschrift kennen? (Er liest die zerrissenen Briefstücke zusammen.)
