Die Rebellion der Maddie Freeman - Katie Kacvinsky - E-Book

Die Rebellion der Maddie Freeman E-Book

Katie Kacvinsky

4,6
7,99 €

Beschreibung

Eine Stadt in den USA, wenige Jahre in der Zukunft: Maddie, 17, lebt wie alle um sie herum ein digitales Leben. Schule und Verabredungen - das alles findet im Netz statt. Doch dann verliebt sie sich in Justin - für den nur das wahre Leben offline zählt. Gemeinsam mit seinen Freunden kämpft Justin gegen die Welt der sozialen Netzwerke, in der alles künstlich ist. Dieser Kampf richtet sich gegen die ganz oben - und damit auch gegen Maddies Vater, der das System der Digital School gesetzlich verankert hat. Maddie wird für die Bewegung zu einer Schlüsselfigur. Und sie muss sich entscheiden: Auf welcher Seite will sie stehen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 486




Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

7. Mai 2060

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

19. Mai 2060

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

14. Juni 2060

Kapitel 13

Kapitel 14

8. Juli 2060

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

11. August 2060

Kapitel 27

Über die Autorin

Katie Kacvinsky arbeitete als Modell und Lehrerin, bevor sie sich entschied, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt in Oregon, USA. Die Rebellion der Maddie Freeman ist ihr erster Roman.

KATIE KACVINSKY

Aus demamerikanischen Englischvon Ulrike Nolte

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Awaken« bei

Houghton Mifflin Harcourt, Boston und New York.

Copyright © 2011 by Katie Kacvinsky

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2011 by Boje Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Nolte

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, Geviert-Büro für Kommunikationsdesign, München

Umschlagmotiv: © Marie Killen/Getty Images, © sironpe/iStockphoto

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-1189-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für TK

7. Mai 2060

An meinem siebzehnten Geburtstag schenkte meine Mutter mir ein altes, in Leder gebundenes Tagebuch. Zuerst überraschten mich die leeren Seiten, als sei die Geschichte darin verloren gegangen oder habe sich davongestohlen. Mom erklärte mir, dass die Geschichte absichtlich fehlt, weil sie noch darauf wartet, geschrieben zu werden. Nur meine Mutter würde auf die Idee kommen, mir etwas aus der Vergangenheit zu schenken, um es in der Zukunft zu benutzen. Heute werden Bücher aus Papier nicht mehr hergestellt: Bäume zu fällen ist verboten. In manchen Ecken der Welt stehen noch welche, aber ich habe nie einen gesehen. Die meisten Großstädte haben sich stattdessen für Kunstpflanzen entschieden und den Leuten ist es auch lieber so. Einen Kunstbaum kann man sich in beliebiger Größe liefern lassen und man muss nicht erst fünfzehn Jahre warten, damit er wächst. Man sucht sich in einem Onlineshop das passende Modell aus, und ein paar Tage später hat man einen perfekten Baum im Garten stehen, der fest einzementiert und mit Stahlstreben verankert ist. Schnell, einfach, problemlos.

Kunstbäume sterben nicht, sie bekommen im Herbst auch nicht dieses kränkliche Aussehen und man muss keine nervigen Blätter- und Nadelhaufen zusammenfegen. Sie sind feuerfest. Sie verursachen keinen Heuschnupfen. Sie sind immer perfekt grün (forevergreen.com hat die beste Qualität, sagt meine Mutter). Zwar können die Blätter auf Dauer ein bisschen blass werden, wenn sie zu viel Sonne abbekommen, aber dann muss man sie nur neu lackieren. Zu Halloween sprühen viele Leute ihre Bäume gelb, orange und rot an. So haben sich früher die Blätter gefärbt, bevor sie runtergefallen sind. Meine Mutter kann sich aus ihrer Kindheit noch daran erinnern, wie Herbstlaub aussah. Sie sagt, es war die schönste Zeit des Jahres. Schwer vorstellbar, dass etwas schöner werden kann, weil es stirbt. Aber ich habe sowieso Probleme, mir das meiste vorzustellen, was laut meiner Mutter früher normal war.

Als immer mehr Bäume durch Waldbrände und Rodungen starben, waren Bücher das Erste, was verboten wurde, um die Bäume zu schützen. Heutzutage lädt man sich alles digital herunter. Man bestellt ein Buch und in Sekundenschnelle hat man es auf der Festplatte seiner Bookbag. Dann lasse ich es mit Zipfeed umwandeln, damit es mir laut vorgelesen wird. Praktischer geht es kaum. Natürlich habe ich auch gelernt, selbst zu lesen. Das gehört zum Unterrichtsstoff in der Digital School 2. Die Chatnachrichten auf meinem Handy lese ich zum Beispiel. Aber die Wissenschaft hat herausgefunden, dass Audioinformationen schneller verarbeitet und gelernt werden. Zumindest haben ein paar Professoren das bei Ratten festgestellt. Sie haben mit Nagern experimentiert und daraus abgeleitet, wie man Menschen am besten etwas beibringen kann. Weil diese Theorie so schön medienwirksam war, sind die Politiker darauf angesprungen. So kam es zu einer Gesetzesänderung, die unsere Welt verwandelte. Und das ist der Grund, warum ich meine Bücher höre, statt sie zu lesen.

Allerdings besteht meine Mutter darauf, dass ich ab und zu meine Augen anstrenge. Sie hat all ihre alten Romane aufbewahrt und hinter Glas in hölzernen Spezialmöbeln stehen, die man Bücherschränke nennt. Jedes Jahr schenkt sie mir ein paar Bücher, die sie besonders gern mag. In meinem Schlafzimmer habe ich eine wachsende Sammlung. Irgendwie gefällt mir der Anblick. Und ich muss zugeben, dass es mir auch gefällt, in den Welten zwischen ihren bunten Einbänden zu verschwinden. Beim Lesen fühlt es sich so an, als wäre ich ganz und gar bei der Sache, statt nur meine Ohren oder Augen zu benutzen. Ich finde es zwar ein bisschen übertrieben, sie hinter Glas wegzusperren, aber Mom sagt, durch Luftkontakt vergilbt das Papier. Ähnlich wie die Blätter der Bäume, die in unserer Welt nicht überleben konnten. Tja, wenn man sich nicht anpassen kann, verliert man eben. Das habe ich schon in der Digital School 3 gelernt.

Also könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen, wie überrascht ich war, als Mom mir ein leeres Buch gab. Bedrucktes Papier ist schon selten genug, aber ein Buch ohne Text … Was für eine Verschwendung. Kein Wunder, dass wir die Bäume ausgerottet haben. Und ich soll darauf schreiben. Mit der Hand. Kaum zu glauben, wie langsam das geht! Wenn ich Leute in alten Filmen mit der Hand schreiben sehen, muss ich immer lachen. So was gibt es schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. In der Schule haben wir gezeigt bekommen, wie man schreibt, aber natürlich haben wir es nur als Simulation auf unseren Flipscreens ausprobiert. Um einen Stift zu kaufen, muss man im Netz schon einen Spezialversand finden. Nur meine Mom würde auf die Idee kommen, für so ein historisches Gerät auch noch Geld auszugeben. »Es ist gut für dich, deine Gedanken niederzuschreiben, Madeleine«, meinte sie. »Sehr therapeutisch, weil man gezwungen ist, sich Zeit zu lassen und über das Leben nachzudenken.«

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich leeres Papier beschreibe. Es kommt mir vor, als würde ich mit meinen Worten etwas beflecken, das durch seine Unberührtheit wertvoller und interessanter war als alles, was ich jemals zu sagen haben könnte. Mein Leben ist alles andere als aufregend. Ganz im Gegenteil. Jede Minute ist vorherbestimmt, kontrolliert, starr festgelegt. Es gibt nur einen schmalen Pfad, auf dem ich mich bewegen darf.

Außerdem, warum sollte ich Zeit dafür opfern, meine Gedanken aufzuschreiben, wenn niemand sonst sie lesen kann? Ich bin es gewohnt, dass Millionen von Leuten an allem beteiligt sind, was ich sage und tue. Normalerweise bekomme ich Massen von Feedback und jeder meiner eingetippten Gedanken wird von Dutzenden Kommentaren begleitet. Das gibt mir das Gefühl, in meinem Leben etwas richtig zu machen. Es zeigt mir, dass es Menschen gibt, denen ich wirklich etwas bedeute. Im Netz fühle ich mich real und bekomme den ständigen Beweis, dass ich existiere. Warum sollte ich mein Ich in einem Buch verstecken? Richtig geheim halten lässt sich sowieso nichts. Früher oder später sickert die Wahrheit immer durch. Das habe ich aus eigener Erfahrung lernen müssen.

Kapitel 1

Ich zog mir den Pullover über und wollte gerade aus dem Zimmer gehen, als ich das rote Licht sah, das auf meinem Bildschirm blinkte. Zwar war ich jetzt schon zu spät dran, aber das flackernde Licht konnte ich einfach nicht ignorieren. Es hielt mich in meinem Zimmer fest, als sei ich in einem Netz gefangen. Ich habe meinen Computer so eingestellt, dass er mir mit Farben anzeigt, wer mich kontaktieren will. Dieses Rot konnte nur eine Person bedeuten. Ich setzte mich wieder, tippte mit dem Finger gegen den Lichtpunkt, und ein einziger Satz leuchtete auf dem Bildschirm auf.

Kommst du heute Abend?

Ich las Justins Frage und presste die Lippen zusammen. Mein Verstand befahl mir, nein zu sagen. Diese Antwort würde mein Vater von mir erwarten. Er hatte mich darauf gedrillt, meine Gedanken zu filtern und durch ein Sieb zu pressen, sodass am Ende akzeptable, wohlerzogene Entscheidungen herauskamen. Aber in letzter Zeit fühlte ich mich dadurch ohnmächtig und bedeutungslos, als würde mein Bewusstsein gar nicht mehr mir gehören, sondern sei nur ein Programm, das man nach Wunsch manipulieren konnte. Deshalb war ich in Versuchung, mit ja zu antworten.

Ich hatte Justin vor zwei Monaten auf TutorPage getroffen – einem Chatroom für Schüler, die sich Hilfe bei ihren Hausaufgaben holen wollen. Wir hatten beide das gleiche Problem, nämlich den literaturwissenschaftlichen Aufsatz. In der Digital School 4 wird verlangt, dass man seine Hauptthese in einem einzigen Satz formulieren kann. Da der Tutor gerade von Schülern überrannt wurde, schlossen Justin und ich uns zusammen, um gemeinsam daran zu arbeiten. Ich weiß noch, dass er damals eine sehr seltsame Bemerkung machte. Er schrieb: »Zwei Köpfe denken besser als einer.« Das war deshalb merkwürdig, weil man seine Zeit in der DS-4 ohne Weiteres hinter sich bringen kann, ohne eine andere Person auch nur anzusehen, geschweige denn mit jemandem zusammenzuarbeiten. Ein Vorteil des digitalen Lebens ist, dass man sehr schnell lernt, selbstständig zu sein.

Justin und ich stimmten unsere Terminpläne ab, sodass wir uns zweimal pro Woche zum gemeinsamen Lernen im Netz verabreden konnten. Dann begann er, mir Einladungen für Unterrichtsstunden zu schicken, für die man sich live in der Innenstadt von Corvallis trifft. Er versicherte mir, die Gruppen seien sehr klein und hilfreich, aber trotzdem versetzte mich der Gedanke, ihm persönlich zu begegnen, in Panik. Ich bin die Sicherheit meiner Onlineprofile gewohnt und lebe geschützt hinter den Avataren und ClipArts, die ich entwerfe, um meine Persönlichkeit auszudrücken. In der digitalen Welt kann ich sein, wer immer ich will. Dort bin ich je nach Geschmack witzig, tiefsinnig, philosophisch, exzentrisch. Ich kann eine Version von mir erschaffen, die nur aus meinen besten Seiten besteht. Mehr noch, ich kann diese besten Seiten hemmungslos übertreiben. Ich kann immer die richtigen Entscheidungen treffen. Jeder Fehler lässt sich mit einem Tastenklick ausradieren.

Aber in der richtigen Welt kann absolut alles passieren. Als würde man sich auf Glatteis begeben … Man muss ständig auf der Hut sein, oder man rutscht aus und fällt. Alle Bewegungen werden ungelenk und unsicher, weil man plötzlich merkt, dass man hinter der ganzen Hightech und dem digitalen Panzer immer noch aus Fleisch und Blut ist.

Ich starrte noch immer auf den Bildschirm, wo seine Frage geduldig wartete, und ein seltsames Gefühl schoss durch meinen Körper. Es fühlte sich an wie ein plötzlicher und sehr heftiger Adrenalinstoß. In diesem Moment wusste ich ganz einfach, dass ich ihn heute sehen musste. Manchmal ist so ein Bauchgefühl fast das Gleiche wie Schicksal, als würden die beiden Hand in Hand arbeiten, um dein Leben über den Haufen zu werfen.

Ich sprach die Antwort laut aus und meine Stimme wurde automatisch in eine digitale Nachricht umgewandelt.

Vielleicht. Das erschien mir als die beste Reaktion, falls ich später doch noch die Nerven verlor. Ich schickte die Nachricht ab und eine Sekunde später erschien seine Antwort.

Das Leben ist zu kurz, um vielleicht zu sagen.

Mit schmalen Augen betrachtete ich den Bildschirm. Warum bedrängte er mich? Er hätte sich mit meiner vagen Antwort zufrieden geben sollen.

Wieso ist es dir so wichtig, mich zu treffen?, fragte ich.

Wieso ist es dir so wichtig, mir auszuweichen?

Ich habe Hausarrest. Für eine ganze Weile. Nur zögernd drückte ich auf ›Senden‹. Bisher hatte ich Justin keinen Einblick in mein Privatleben erlaubt. Wir hatten unseren Austausch immer gefahrlos an der Oberfläche dümpeln lassen.

Eine Weile? Meinst du ein paar Wochen?, fragte er.

Ich musste lachen, aber es klang tonlos und bitter. Versuch’s mal mit zweieinhalb Jahren, dachte ich. Doch so genau brauchte er nicht Bescheid zu wissen. Man wird geübt darin, die Wahrheit umzuschreiben, wenn man mit seinem persönlichen Zensor lebt.

So in der Art, sagte ich.

Was hast du angestellt?

Ich habe wohl eine rebellische Ader.

Das ist ein bisschen vage, sagte er.

Mit gerunzelter Stirn schaute ich auf den Bildschirm. Ich erzähle doch keinem Fremden meine Lebensgeschichte, nur weil wir uns online getroffen haben.

Dann ist es höchste Zeit, dass wir uns kennenlernen, sagte er.

Ich knabberte an meinen Nägeln herum, als ich diesen Satz auftauchen sah. Die Worte klangen so einfach. Aber wenn ich etwas für einfach hielt, lauerte immer sehr viel mehr im Hintergrund.

Ich werde da sein, sagte ich und drückte auf ›Senden‹, bevor ich meine Meinung ändern konnte.

Dann sprang ich auf, schnappte mir meine Fußballschuhe und rannte nach unten in die Küche. Dad schaute kurz hoch. Er saß am Tisch und las die Nachrichten auf unserem Wandbildschirm. Neben ihm war Mom in eine Zeitschrift vertieft. Sie besteht darauf, sich ihre Hefte aus Plastikseiten drucken zu lassen. Mom ist vermutlich die einzige Person, die von sich behauptet, dass Computerbildschirme ihren Augen wehtun.

Mein Vater musterte missbilligend die Schuhe in meiner Hand.

»Ich dachte, die Saison sei vorbei«, sagte er.

Meine Finger krampften sich unwillkürlich fester um die Schuhe, während ich ihn unbewegt ansah. Wir haben sehr ähnliche Augen, groß und durchdringend, grau wie der bewölkte Himmel mit grünen Sprenkeln um die Pupillen. Wenn mein Vater wütend wird, färben sich seine Augen dunkel wie Regenwolken kurz vor dem Gewitter. Er kann seinen Blick einsetzen, um einzuschüchtern, zu überreden oder Respekt einzufordern. Dieses Talent besitze ich nicht. Meine Augen scheinen mich nur zu verraten.

»Die Meisterschaften laufen das ganze Jahr«, stellte Mom fest.

Mein Vater lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme über der Brust.

»Hatten wir darüber gesprochen, dass du ganzjährig Fußball spielst, Maddie? Ich meine mich zu erinnern, dass nur von einer Herbst- und Wintersaison die Rede war.«

Ich wich seinem Blick nicht aus. Dazu versuchte er zu oft, mich mit seinen Disziplinarmaßnahmen einzuschüchtern. Baley, unsere schokobraune Labradorhündin, erschien schwanzwedelnd neben mir, und ich beugte mich herunter, um sie hinter den Ohren zu kraulen.

»Die Frühjahrssaison hat gerade angefangen. Ich gehe nur einmal die Woche hin. Warum ist das so eine große Sache?«

»Das Training ist ziemlich teuer«, sagte er.

Ich riss mich zusammen, um nicht die Augen zu verdrehen. Mein Vater verdient mehr Geld als zehn Familien zusammen ausgeben könnten. Immerhin ist er der Direktor der Digital School Corporation. Der Lehrplan, die Lehrmaterialien und der gesamte Inhalt dessen, was ich lerne – nicht zu vergessen, wo und wann ich meinen Unterricht bekomme –, all das wird mit der Unterschrift meines Vaters abgesegnet. Seine Macht und sein gesellschaftlicher Einfluss waren es auch, die mich vor zweieinhalb Jahren so in Schwierigkeiten gebracht hatten, dass noch immer ein Riss durch unsere Familie geht. Er misstraut mir, und die meiste Zeit kommt er mir nicht vor wie ein Vater, sondern eher wie mein persönlicher Gefängniswärter.

»Sie ist siebzehn, Kevin«, sagte Mom. »Hatten wir uns nicht geeinigt, dass sie mehr unter Leute kommen soll?«

Ich schaute zwischen ihnen hin und her und presste die Lippen zusammen. Nichts ärgert mich mehr, als wenn sie über mich sprechen, als sei ich gar nicht anwesend oder nur eine Tonfigur, die sie noch in die richtige Form kneten müssen.

»Ja, du hast wohl recht«, gab er schließlich nach.

Ich nickte kurz und bedankte mich. Dann rannte ich zur Tür heraus und den Bürgersteig entlang, um noch rechtzeitig zur Bahn zu kommen. Die Luft war warm und die Sonne hatte sich nach einem langen Winterschlaf endlich zu ihrem ersten Frühlingsauftritt entschieden. Durch die Äste über mir fielen Lichtstrahlen und malten ein Muster aus hellen und dunklen Flecken auf den Kunstrasen. Die grünen Blätter knisterten in der Brise, während ich vorüberging. Ich erreichte die Bahn gerade, als sie an der Hamersley Street hielt, sprang auf und hielt meine Hand vor den kleinen Bildschirm, der die Fingerabdrücke scannte. Piepend schlossen sich die Türen hinter mir.

Erin saß hinten im Wagen am Fenster. Sie schaute sich etwas auf ihrem Handy an und nickte im Rhythmus der Musik, die aus den Kopfhörern drang.

»Hi«, sagte ich und ließ mich auf den Platz neben ihr fallen. Ich holte mein Handy aus der Tasche, um eine Nachricht zu lesen.

»Du hättest fast die Bahn verpasst«, sagte sie, ohne aufzuschauen. »Das passiert dir sonst nie.«

Ein Werbefilm auf dem Bildschirm unseres Abteils lenkte mich ab. Darin versprach ein Mann mittleren Alters mit khakigrünen Shorts und weißem T-Shirt, ich könne meinen Rasen in nur fünf einfachen Schritten in einen bunten Blumengarten verwandeln. Ich schaute zu, wie er eine dicke Matte aus Plastikgras mit Kunstblumen ausrollte und in den Boden tackerte.

»Wieso bist du zu spät gekommen?«, fragte Erin.

»Mein Vater wollte sich ein bisschen unterhalten«, sagte ich.

Sie grinste und tippte auf ihrem Handy herum. »Worum ging es denn diesmal?«

Ich trommelte nervös mit dem Fuß auf die Gummimatte am Boden. »Oh, er wollte sich nur versichern, dass er noch die komplette Kontrolle über jedes Detail meines Lebens hat.«

Erin zog die Augenbrauen zusammen und fuhr fort zu tippen. »Er traut dir nicht zu, dass du alt genug zum Fußballspielen bist?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Niemand beaufsichtigt mich, ich bekomme einen Hauch von Freiheit zu spüren. So was hasst er nun mal«, erinnerte ich sie.

Die Bahn wurde langsamer und stoppte an unserer Haltestelle. Wir stiegen aus und überquerten den Gehweg, hinter dem die Kunstrasenfläche des Spielfelds lag. In der Ferne erklang ein Pfeifen, und wir schauten gleichzeitig hoch zum Himmel, wo ein kleiner Schwarm Vögel kreiste. Ihre winzigen, tintenschwarzen Körper bewegten sich in einer Pfeilformation durch die Wolken. Das Muster erinnerte an einen Kinderdrachen, der sich von seiner Schnur losgerissen hat und nicht mehr zurück auf die Erde geholt werden kann. In der Stadt sah man nur selten Vögel, da alle Bäume und Gärten synthetisch waren, aber ab und zu kamen sie auf ihren Wanderrouten vorbei, und ich nahm das immer als ein Zeichen, dass etwas Besonderes bevorstand.

Unauffällig warf ich einen Blick auf mein Tattoo, das die dunklen Umrisse eines Vogels zeigte. Ich hatte es auf die Innenseite meines Handgelenks tätowieren lassen, wo die Haut dünn ist und die Adern durchschimmern. Lächelnd ließ ich den Finger über die ausgebreiteten Schwingen wandern. Wenn ich mein Tattoo betrachtete, erinnerte mich das jedes Mal daran, wer ich sein wollte: ein Mensch, den man nicht festhalten konnte, dessen Geist zu frei war, um sich in einen Käfig sperren zu lassen.

Erin und ich streckten uns auf dem Gras aus. Wir tauchten als einzige von den Spielern jede Woche zu früh auf.

»Und? Triffst du heute deinen Justin?«, fragte sie mich grinsend. Ich schaute genervt, um sie zum zehnten Mal daran zu erinnern, dass es sich nicht um ein Date handelte.

»Wir gehen nur zusammen zur Nachhilfe«, erinnerte ich sie.

Ihr Handy piepte und sie begann eine Antwort zu tippen. »Weißt du, wie er aussieht?«

Ich schüttelte den Kopf, denn wir chatteten beide anonym. Mein echtes Gesicht benutzte ich online nie. Wenn ich näher darüber nachdachte, wusste kaum einer meiner Kontakte, wie ich tatsächlich aussah. Sie sprachen nur mit Cartoonbildern, Fotos oder ClipArts, die das Bild zeigten, das ich von mir vermitteln wollte.

»Wir werden nie persönlich«, erklärte ich ihr. »Ich weiß von ihm nur, dass er beim Aufsatzschreiben Probleme hat, besonders mit dem Schlussteil. Und er kennt nicht einmal meinen richtigen Namen«, fügte ich mit einem Grinsen hinzu.

Erin ließ das Handy sinken und schaute mich zum ersten Mal an diesem Tag bewusst an. »Du hast dir ein falsches Profil für einen Hausaufgaben-Chat zugelegt? Wieso machst du dir die Mühe?«

Ich zuckte mit den Schultern und streckte die Beine aus. »Weil ich meine Privatsphäre behalten will«, erklärte ich. »Mein Vater ist eine Art Promi, aber nur weil ich seine Tochter bin, sollen die Leute nicht gleich davon ausgehen, dass ich mit allem einverstanden bin, was er tut. Außerdem hatte ich nicht erwartet, dass ich Justin jemals real treffen würde. Ich dachte, wir würden eine Weile zusammen lernen und das wär’s dann.«

Amüsiert schüttelte sie den Kopf. »Weiß er wenigstens, dass du ein Mädchen bist?«, fragte sie.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Das werde ich wohl bald herausfinden.«

Kapitel 2

Als ich den Klassenraum fand, fiel ich vor Schreck fast durch die Tür, weil so viele Schüler darin saßen. Ich war tatsächlich so naiv gewesen anzunehmen, dass Justin und ich als Einzige da sein würden. Das Zimmer selbst ähnelte eher einem sterilen Labor als einem Klassenraum für Literaturstudien. Sämtliche Wände waren leer und kalkweiß, bis auf den Breitbildschirm an der Stirnseite. Weiße Tische mit beigefarbenen Sprenkeln zogen sich von einer Seite zur anderen, dahinter waren braune Polsterstühle aufgereiht. Der Fußboden bestand aus beigefarbenen Linoleumfliesen, die bei jedem Schritt unter meinen Schuhen quietschten, was ich ziemlich peinlich fand. In der Luft lag ein Aroma von Putz- und Desinfektionsmitteln. Aber vielleicht wurde der Raum auch nur so selten benutzt, dass er deshalb wie neu roch. Ich setzte mich in eine hintere Ecke, um die anderen beobachten zu können, ohne selbst aufzufallen.

Ein Mädchen mit blondem Glitzerhaar drehte sich zu mir um. Ich schaute sie an und lächelte, aber sie wandte sich gleich wieder ab, ohne etwas zu sagen. In der anderen hinteren Ecke hockte ein Junge, der abwesend etwas auf seinem Flipscreen anschaute. Ich warf ihm einen Blick zu, aber er schien entschlossen zu sein, mich zu ignorieren, also war er wahrscheinlich nicht Justin. Der Tutor, der noch sehr jung aussah, hantierte vorne mit den Stromkabeln der virtuellen Schultafel.

Jetzt kamen drei weitere Mädchen in den Raum und ich beobachtete sie fasziniert. Sie legten ihre Flipscreentaschen auf der vordersten Tischreihe ab und begrüßten den Tutor. Er schaute auf und fragte sie, wie sie mit ihren Aufsätzen vorankamen. Anscheinend waren sie öfter hier. Nervös wickelte ich eine Haarsträhne um meinen Finger, als mir bewusst wurde, wie viel mehr Mühe sich die drei mit ihrem Aussehen gegeben hatten als ich. Sie waren in kräftigen Farben geschminkt, der dunkle Lidschatten und schwarze Eyeliner waren selbst von meinem Platz aus zu erkennen. Alle hatten sich Glitzersträhnen gefärbt, was der neueste Trend bei den Stars und Promis war. Da meine Mutter das vulgär fand, musste ich darauf verzichten. Aber eigentlich kamen mir solche Frisuren selbst ein bisschen lächerlich vor. Wollte ich wirklich, dass mein Kopf aussah wie eine funkelnde Discokugel? Eines der Mädchen hatte silberne Haare mit Strähnen aus goldfarbenem Glitter. Ihren Kopf konnte man unmöglich ignorieren. Er erleuchtete den ganzen Raum wie ein Komet. Mir fielen auch die bunt gemusterten Schals der drei auf, die genau zu ihren Mänteln passten, die Pulswärmer aus Leder und die glänzenden Flipscreenhüllen. Ich schaute an mir selbst herunter. Wie üblich trug ich Jeans und dazu einen langweiligen braunen Pullover. Ich hatte mich nicht absichtlich trist zurechtgemacht, nur war ich es eben nicht gewohnt, mich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Immerhin hatte ich meine blonden langen Haare ordentlich gekämmt, sodass sie glatt über meine Schultern bis fast zu den Ellbogen fielen. Im Vergleich zu den anderen Mädchen wirkte ich unsichtbar, aber schließlich hatte ich gelernt, dass es am sichersten war, nicht aufzufallen.

Unser Tutor stellte sich als Mike Fisher vor und kündigte an, dass er in ein paar Minuten mit dem Unterricht anfangen würde. Ich holte meinen Flipscreen aus der Tasche und klappte ihn mit einem Seufzer auf. Wo steckte Justin? Das Ganze war seine Idee gewesen und jetzt ließ er mich hier einfach sitzen? Mit gerunzelter Stirn sah ich zu, wie die drei Mädchen über etwas kicherten, das sie auf den Bildschirmen ihrer Handys betrachteten. Eine schaute über die Schulter und bemerkte meinen Blick. Ihre Augen wanderten an mir herauf und herunter, bevor sie spöttisch lächelte. Ich verdrehte nur die Augen und schaute zur Seite, als ich Schritte hörte. Ein Junge kam durch die Tür … nein, eigentlich war er kein Junge mehr, sondern sah eher aus wie ein Student im Collegealter. Die Köpfe der drei Mädchen fuhren gleichzeitig hoch und ihr Getuschel verstummte augenblicklich.

Er war groß und athletisch und kam mit federnden Schritten herein, als müsse sein Körper ein Übermaß an Energie loswerden.

»Justin«, sagte die Hübscheste der drei, die auch noch die längsten Beine hatte. Beim Klang seines Namens schlug mein Magen einen Purzelbaum.

»Du kannst bei uns sitzen«, fuhr sie fort und wies auf einen leeren Stuhl neben sich. Ich beobachtete die Art, wie sie miteinander umgingen, und war beeindruckt von ihrer Direktheit. Bei meinem ersten Blick auf Justin hätte ich mich am liebsten unter dem Tisch verkrochen. Ich hatte einen Cyber-Nerd mit Schreibschwäche erwartet, keinen Sexgott mit magnetischer Ausstrahlung.

»Ich bin schon verabredet, aber danke für das Angebot«, sagte er. Einen Moment blickte sie enttäuscht drein, doch als er lächelte und seine Grübchen zur Geltung brachte, strahlte sie zurück.

Mein Magen machte einen weiteren Hüpfer und mir fiel das Atmen schwer, als würde Justins Anwesenheit die Luft aus dem Raum saugen. Ich mache mich automatisch klein, wenn jemand mich anschaut, als wollte ich mich vor fremden Blicken verstecken, aber Justin schien gar nicht zu bemerken, welche Aufmerksamkeit er erregte. Er hatte eine schwarze Baseballkappe tief in die Stirn gezogen, an deren Rand ich dunkelbraune Locken hervorquellen sah, und trug ansonsten eine abgewetzte Jeans und ein graues T-Shirt. Sein Outfit half mir, mich ein bisschen besser zu fühlen. Die anderen Mädchen mochten im Vergleich zu mir wie Paradiesvögel aussehen, aber offenbar hatte er für Mode genauso wenig Sinn wie ich.

Er schaute sich im Raum um und sein Blick strich über mich hinweg, ohne anzuhalten. Das überraschte mich kein bisschen. In meinem braunen Oberteil war ich zwischen den braunen Stuhlpolstern gut getarnt. Ich beobachtete seinen Gesichtsausdruck, während er langsam jeden von uns einzeln musterte, als sei er im falschen Klassenzimmer gelandet. Er winkte der Schülerin zu, die allein am Tisch saß, und begrüßte den Jungen in der Ecke, der anscheinend Matt hieß. Dann schaute er mich an und sah mir diesmal direkt ins Gesicht. Ich spürte, dass ich rot wurde, obwohl sein Blick kein bisschen flirtend war. Er blickte eher ungläubig drein, als könnte er nicht fassen, dass ich hier saß. Ich biss mir auf die Lippe und starrte nach unten auf meinen Flipscreen.

Dort klebte mein Blick noch immer, als ich den Stuhl neben mir schrappen hörte und Justin sich auf den leeren Platz schlängelte. Endlich schaute ich hoch und blickte direkt in ein Paar dunkelbraune Augen, die mich neugierig musterten.

»Hi«, murmelte ich. Das war eine ganz normale Form sich zu begrüßen. Warum also betrachtete er mich, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank?

»Alex?«, fragte er fassungslos.

»Eigentlich heiße ich Madeline. Alex ist nur einer meiner Online-Namen.«

Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und studierte mich von oben bis unten. Mein Blick huschte zu den drei Mädchen in der vorderen Reihe hinüber. Sie starrten uns mit offenen Mündern an.

»Madeline«, wiederholte er schließlich. Mein Magen krampfte sich erneut zusammen, aber ich ignorierte das Gefühl. Justin nahm die Baseballkappe ab und fuhr sich mit den Fingern durch das zerzauste braune Haar.

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich habe im Verkehr festgesteckt.«

Ich konnte ihn nur wortlos anschauen und wurde gleich noch einmal rot, was mich innerlich zur Weißglut trieb. Er konnte jede meiner Reaktionen sehen. Menschen persönlich zu treffen macht einen unnötig verwundbar, wie mein Vater immer predigt.

»Woran hast du mich erkannt?«, fragte ich.

Er blickte im Raum umher und sagte: »Alle anderen habe ich schon mal gesehen. Die reale Welt wird langsam ziemlich klein. Wir sind eine aussterbende Spezies, schätze ich.« Als er mich wieder ansah, lag auf seinen Lippen ein kleines Lächeln und ich konnte kaum den Blick abwenden.

Ich zuckte regelrecht zusammen, als Mike uns unterbrach, um unsere Fingerabdrücke zu scannen. Schnell tippte ich meine Fingerkuppen auf den kleinen Mobilbildschirm, der ungefähr die Größe eines Handys hatte, und Justin tat das Gleiche. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder mir zu.

»Nur so aus Neugier: Wieso hast du dich in deinem Profil Alex genannt?«

Ich zuckte mit den Schultern und antwortete, ohne meinen Blick vom Flipscreen zu heben: »Ich benutze fast nie meinen richtigen Namen. Wer ich bin, soll meine Privatsache bleiben.«

»Wieso?«, hakte er nach. Eine einfache Frage, aber ich fühlte mich angegriffen.

»Ist ein Name so wichtig?«, fragte ich zurück und hörte, wie kühl meine Stimme klang. Von den bestimmt hunderttausend Leuten, die ich online kennengelernt hatte, war ich höchstens einer Handvoll wirklich begegnet. Ich kannte Leute in der ganzen Welt, die ich treffen konnte, ohne auch nur vor die Tür gehen zu müssen. Und ein Vorteil davon war, je weiter wir unsere Persönlichkeit streuten, desto gestaltloser wurden wir dabei: Online waren alle Menschen gleich. Niemand fragte nach dem sozialen Status. Geld, Aussehen, Beruf, Kleidung … All das hatte fast vollständig seine Bedeutung verloren. Also was spielte es für eine Rolle, wie mein richtiger Name lautete? Er war schließlich nur ein Etikett, eine Art menschliches Markenlabel. Wen kümmerte es schon, wer wirklich hinter dem Bildschirm saß, wenn man sich doch nur als Funkwellen im Äther begegnete?

Justin presste die Lippen zusammen, während er über meine Frage nachdachte. »Okay, ich hatte eben einen männlichen Alex erwartet«, sagte er schließlich.

Plötzlich fiel mir auf, dass er gar keine Unterlagen dabeihatte. »Wo ist denn dein Flipscreen?«

Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. »Ist alles hier gespeichert.«

»Und wie löst du deine Schulaufgaben?«, fragte ich stirnrunzelnd.

Mit einem Handwedeln in Richtung meines Computers sagte er: »Hört sich vielleicht verrückt an, aber ich finde diese Dinger eher ablenkend als hilfreich. Versteh mich nicht falsch, sie können ganz nützlich sein. Aber wenn du deinen Bildschirm mal abschaltest, bleibt deshalb nicht gleich dein Herz stehen. Und die Welt hört auch nicht auf zu existieren.«

»Die Welt vielleicht nicht, wir aber schon«, stellte ich fest.

Daraufhin schaute er mich so durchdringend an, dass mein Puls einen Schlag aussetzte.»Denkst du das wirklich?«, fragte er.

»Ich behaupte ja nicht, dass ich damit einverstanden bin«, sagte ich. »Aber so ist unser Leben nun einmal.«

Er holte ein kleines Notizbuch und einen Stift aus der Hosentasche, zog die Stiftkappe mit den Zähnen ab und kritzelte etwas auf das dünne Kunststoffpapier. Ich starrte fasziniert auf seine Hand. Bisher hatte ich geglaubt, dass nur meine extrem altmodische Mutter diese Angewohnheit hatte.

Justin warf mir einen Blick zu. »Schon gut. Ich bekomme genug Sticheleien zu hören, okay?«

»Ich dachte nur, dass niemand mehr mit der Hand schreibt«, sagte ich, »außer natürlich meine Mom, von der ich schwören könnte, dass sie regelmäßig mit ihrer Zeitmaschine ins Jahr 2010 reist, um sich neue Inspirationen für ihren Lebensstil zu holen.«

Er hob die Augenbrauen und starrte mich für einen Moment an, der mir wesentlich zu lang erschien. »Das kann ja spaßig werden«, sagte er nur.

Ich runzelte über diesen Kommentar die Stirn, aber bevor ich fragen konnte, wie er das meinte, begann Mike mit der Unterrichtsstunde. Eigentlich waren meine Gehirnzellen durch Justin vollständig ausgelastet. Ich war jedoch entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen, also hob ich die Hand und stellte eine der Fragen, die ich mir im Computer notiert hatte.

Statt sie zu beantworten, lächelte Mike in meine Richtung und fragte, wie ich hieß. Ich ließ langsam die Hand sinken und schaute mich verunsichert im Klassenzimmer um. Noch nie hatte ein Fremder mich einfach so nach meinem Namen gefragt. Hatte er keinen Respekt vor Privatsphäre? Er brauchte meinen Namen nicht zu wissen, schließlich war das hier nur eine Nachhilfestunde. Ich knabberte an einem Fingernagel herum, während ich zu entscheiden versuchte, wie ich reagieren sollte. Dabei spürte ich die Blicke der anderen auf mir, ganz besonders Justins.

»Wieso wollen Sie das wissen?«, fragte ich schließlich abwehrend.

Mike musste lächeln, was mich noch mehr irritierte. Machte es ihm etwa Spaß, mich hier vor allen bloßzustellen?

»Es ist leichter, dich in der Klasse aufzurufen, wenn ich deinen Namen kenne«, erklärte er. »Das ist weniger unpersönlich als ein ›Hey du‹.«

»Oh«, sagte ich. Bei näherem Nachdenken wirkte das einleuchtend. Nur fand ich es eben normaler, unpersönlich miteinander umzugehen.

»Sorry«, sagte ich. »Mein Name ist Madeline.« Wie seltsam es war, das laut auszusprechen. Meine Stimme schien von den Wänden widerzuhallen, als hätte ich ein Mikrofon benutzt. Ich erwartete einen strafenden Blick, aber Mike nickte nur aufmunternd.

»Gut, Madeline«, sagte er und wandte sich wieder der virtuellen Schultafel zu, um meine Frage für die ganze Klasse zu beantworten. Während er sprach, krampfte sich alles in mir zusammen vor Scham, weil ich so unhöflich gewesen war. Verlegenheit war für mich normalerweise ein privates Gefühl, das ich nie außerhalb meiner eigenen vier Wände zu empfinden brauchte. Am liebsten hätte ich mich vor den anderen gerechtfertigt, immerhin war ich zum ersten Mal live in einer Unterrichtsstunde und nicht daran gewöhnt, mich unter Menschen zu bewegen. Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich von Justin beobachtet wurde.

»Was?«

»Bist du wirklich noch nie in einer Lerngruppe gewesen?«, fragte er mit gesenkter Stimme.

»Doch, schon oft«, sagte ich.

»Okay, aber in einer echten? Offline?«

Ich nickte und sein Blick wurde ungläubig. Als ob er mich schon gut genug kennen würde, um mir eine Lüge an der Nase anzusehen.

»Meine Eltern kontrollieren, wohin ich im Netz gehe«, erklärte ich schnell. »Sie haben eine Menge Seiten geblockt, damit ich solche Gruppen gar nicht finde.«

»Ach so, stimmt ja«, sagte er mit einem Nicken. »Du hast Hausarrest.«

»Genau, ich habe Hausarrest«, wiederholte ich und hätte am liebsten mit den Zähnen geknirscht. »Nachdem nun der ganze Raum gehört hat, dass ich ein rebellischer Teenager bin, können wir vielleicht das Thema wechseln?«

Ich wandte mich ab, fühlte aber immer noch seinen Blick, als wäre die Luft zwischen uns elektrisch aufgeladen.

»Da haben wir ja noch eine Menge Arbeit vor uns«, sagte er.

Ich schaute ihn verwirrt an. Wen meinte er mit wir? Doch der Tutor begann seinen nächsten Vortrag, bevor ich nachfragen konnte.

Den Rest der Unterrichtsstunde hindurch beobachtete ich Justin aus dem Augenwinkel. Mir fielen ein paar Details auf, die ihn ungewöhnlich machten. Erstens konnte er nicht stillsitzen. Mal trommelte er mit dem Fuß auf den Boden, dann mit den Fingern auf die Tischplatte, knabberte abwechselnd an seinem Stift und an seinen Nägeln. Wenn er gerade nicht herumzappelte, malte er in seinem Notizbuch herum, als sei der Unterrichtsstoff unter seinem Niveau. Ein einziges Mal meldete er sich, und zwar um bei einer Frage zu helfen, mit der sogar der Tutor Schwierigkeiten hatte. Wenn er so ein Genie war, was machte er dann hier?

»Das stimmt so nicht«, bemerkte er einmal und zeigte auf eine Textstelle in meinem Computer. Instinktiv rückte ich ein Stück von ihm ab. Erstens hatte er sich beim Sprechen viel zu nah an mich gelehnt, sodass ich seinen Atem in meinen Haaren spürte. Und zweitens fragte ich mich, wieso er mir überhaupt über die Schulter schaute. War er hier vielleicht der Lehrer?

»Du kaust also auch an den Nägeln«, sagte er ein anderes Mal.

Ich setzte mich auf meine Hände und fragte mit schmalen Lippen: »Na und?«

»Kein Grund, gleich so bissig zu werden. Ist ja kein Verbrechen.«

»Wenn es nach meiner Mom ginge, dann schon«, sagte ich und zog die Hände wieder hervor. Kritisch betrachtete ich die angeknabberte Haut meines Nagelbetts. »Sie versucht mich mit Kaugummi zwangszufüttern, wenn sie mich erwischt, aber ich komme mit dem Zeug nicht klar.«

»Wieso denn das?«, fragte er.

»Ich schlucke es immer gleich runter. Ziemlich merkwürdig. Einmal habe ich an einem einzigen Nachmittag vier Stück verschluckt. Ich dachte schon, ich bin die erste Person in der Geschichte der Menschheit, die an einem Magen stirbt, der mit Kaugummi verstopft ist.« Hastig klappte ich den Mund zu, bevor ein weiteres Wort herausdringen konnte, und wünschte mir, ich wäre online. Dann hätte ich den letzten Teil löschen können.

Justin betrachtete mich mit einer hochgezogenen Augenbraue. Ich spürte, wie ich rot anlief, und starrte wieder auf meinen Flipscreen, um seinem Blick auszuweichen.

»Das war vermutlich die abwegigste Story, die ich je gehört habe«, sagte er schließlich und seine Mundwinkel zuckten. Sein Grinsen wirkte ansteckend, sodass ich ebenfalls lächeln musste … mein erstes echtes Lächeln seit Monaten. Das war der Moment, in dem sich etwas in mir löste, als hätte sich ein gefrorener Hohlraum in meiner Brust geöffnet, um eine Flut von Wärme hereinzulassen. Ich betrachtete die drei Mädchen in der vorderen Reihe und dachte: Vielleicht fliegen die Jungs in diesem Jahr eher auf Abwegiges als auf Glitter.

Während Mike im Raum die Runde machte und einzelne Fragen beantwortete, beschloss ich, Justin mit seinem eigenen, auch nicht gerade normalen Verhalten zu konfrontieren. Immerhin saß er in einer Nachhilfestunde und hatte sich noch keine Sekunde angestrengt. Ich lehnte mich vor und fühlte in diesem Moment ein ganz neues Selbstvertrauen.

»Also, warum bist du wirklich hier?«, flüsterte ich. »Du beachtest den Unterricht nicht einmal.«

Er zögerte kurz, dann lehnte er sich in meine Richtung und schaute mir direkt in die Augen. Ich roch die Baumwolle seines T-Shirts oder vielleicht auch seine Haut, jedenfalls war der Duft verlockend und ließ mich tief einatmen. Ich hatte ganz vergessen, dass jeder Mensch seinen eigenen Geruch hat, eine besondere Art von Energie, die online nicht übertragbar ist.

»Ich bin mit den Aufgaben schon fertig«, sagte er. »Und du hast Recht, ich komme nicht her, weil ich Hilfe brauche. Wenn ich wollte, könnte ich den Unterricht selbst leiten.«

»Warum bist du dann hier?«, flüsterte ich zurück.

Justin schaute mich an, als sei die Antwort sonnenklar. »Um mit Leuten zusammenzukommen. Viele andere Möglichkeiten habe ich ja nicht.«

Ich zog die Brauen hoch und musste mich anstrengen, um weiter im Flüsterton zu sprechen. »Was? Du bist ziemlich durchgeknallt, oder?«

Er lehnte sich zu mir. »Ich finde es viel verrückter, wenn sich Leute den ganzen Tag in ihren Häusern einschließen. Alle kapseln sich voneinander ab, jeden Tag wird es ein bisschen schlimmer.«

Meine Arme überlief eine prickelnde Gänsehaut. »Und du glaubst, wenn du zu Lerngruppen gehst und in deinem Notizbuch herummalst, änderst du etwas?«

Justin lächelte mich an, ein verschwörerisches Lächeln voller Andeutungen.

»Ich habe einen Plan«, sagte er.

Kapitel 3

Mike kam allmählich zum Ende der Unterrichtsstunde. Ich schaltete meinen Flipscreen aus und verstaute ihn in der Tasche. Justin steckte das Notizbuch ein und wartete darauf, dass die anderen Schüler den Raum verließen. Die drei Mädchen aus der vorderen Reihe gingen auf die Tür zu. Die hübscheste von ihnen warf Justin über die Schulter einen Blick zu und winkte flirtend. Ihre Freundinnen starrten mich nur feindselig an.

Tja, eine Ehrenmitgliedschaft im Glitterteam konnte ich mir wohl abschminken. Verflixt.

Justin nickte ihnen zu, machte aber immer noch keine Anstalten, den Raum zu verlassen. Als die beiden letzten Schüler hinausgeschlendert waren, stand ich auf und hängte mir die Computertasche über die Schulter.

»Interessante Stunde«, sagte ich. Justin schob seinen Stuhl zurück und erhob sich ebenfalls. Er überragte mich ein gutes Stück, sodass ich mir ganz liliputanerhaft vorkam.

»Also keine totale Zeitverschwendung?«, fragte er.

Ich nestelte am Schulterriemen meiner Tasche und entgegnete: »Na ja, ich habe meinen Aufsatz fertig bekommen.« Ich versuchte, ihn nicht zu peinlich anzuschwärmen, aber vermutlich stand mir das, was ich eigentlich dachte, allzu deutlich ins Gesicht geschrieben.

Stumm verließen wir das Gebäude. Nach der sterilen, stickigen Atmosphäre im Klassenzimmer war die frische Abendluft eine echte Erleichterung. Ich war nicht sicher, wie man sich in solch einer ›Nett dich getroffen zu haben, melde dich mal wieder‹-Situation verhielt. Gaben wir uns die Hände? Knufften wir kumpelhaft die Fäuste zusammen? Verabschiedeten wir uns mit einer verkrampften Beinah-Umarmung? Anstatt mich also auf eine dieser Arten lächerlich zu machen, wollte ich gerade auf dem Absatz kehrtmachen, um zur Bahnhaltestelle zu gehen. Ein Zupfen an meinem Ärmel hielt mich auf.

»Ich kann dich nach Hause fahren«, sagte Justin.

Er deutete über die Schulter auf einen schwarzen Sportwagen und ich blinzelte, als hätte ich Halluzinationen.

Schicksalsergeben starrte ich nach oben in den Nachthimmel. »Kann dieser Tag noch bizarrer werden?«

»Sag bloß, du hast noch nie in einem Auto gesessen?«

»Du tust gerade so, als sei ich hier der Freak. Dabei sind die Dinger praktisch illegal.«

Heutzutage braucht niemand mehr ein Auto, schließlich gibt es genug Züge, ZipShuttles, Trams und U-Bahnen. Auf einigen Fernstraßen und in manchen Stadtgebieten sind sie noch erlaubt, aber manchmal vergehen Tage, bevor ich mal wieder eines vorbeifahren sehe. Sogar mein Vater ist der Meinung, dass ein Auto eine überflüssige Anschaffung wäre. Natürlich würde er auf unserem Grundstück sowieso nichts erlauben, was ein Gefühl von Freiheit verkörpert. Nur Krankenwagen oder Polizeiautos haben eine Daseinsberechtigung.

Justin zog sich die Baseballkappe tief in die Stirn und betrachtete mich unter dem Schirm hervor. Seine Augen lagen im Schatten. »Ich schätze, das ist ein Haufen neuer Erfahrungen an einem einzigen Tag. Ich will dich nicht überfordern«, sagte er, doch seine Stimme klang herausfordernd.

Ich ging einmal um das Auto herum. Wie es dort stand, wirkte es wie ein zahmes Tier, das ungeduldig darauf lauert, dass man es von der Leine löst. Von der Seite betrachtete ich die elegante Form, das glänzende Chrom an den Felgen, die schnittigen Glasfenster. Die Versuchung war groß. Ich strich mit meiner Hand über das glatte Metall des Daches.

»Wieso hast du ein Auto?«, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. »Lange Geschichte.«

Ich verschränkte die Arme über der Brust. »Ich habe Zeit.«

Er schaute mich an und ich erwiderte seinen Blick. Dann öffnete er die Beifahrertür.

»Deine Eltern warten zu Hause bestimmt schon auf dich«, stellte er fest. Bevor ich widersprechen konnte, wurden wir von Mike unterbrochen. Er rief etwas und winkte uns vom Ende der Schultreppe aus zu. Dann kam er über die Straße gespurtet.

»Wow, du hast einen Ford Mustang?«, fragte er, als er uns erreicht hatte. Fasziniert strich er mit der Hand über das schnittige Dach, genau wie ich es eben getan hatte. Dann begannen Justin und er über Automarken, Typen und Baujahre zu fachsimpeln. Spätestens bei der Erwähnung von ›Achtzylinder-V-Motoren‹ kam ich nicht mehr mit. Nach einer eingehenden Diskussion über Turbolader wandte sich Mike mir zu und überreichte mir eine Visitenkarte.

»Die wollte ich dir noch geben«, sagte er. »Du kannst mich jederzeit anchatten, wenn du Fragen hast.« Ich bedankte mich und steckte die Karte in meine Hosentasche. Dann ging er davon und Justin forderte mich mit einer Handbewegung auf, einzusteigen.

Als ich in den Wagen schlüpfte, fiel mir als Erstes der Geruch auf: Eine Mischung aus Leder, Kunststoff und Metall hing in der Luft, als sei der Wagen gerade erst zusammengebaut worden. Ich fuhr mit der Hand über das braune Sitzleder. Justin ließ den Wagen an, indem er einen Knopf neben dem Lenkrad drückte, und ich sprang fast an die Decke, als plötzlich Rapmusik aus den Lautsprechern dröhnte.

»Sorry«, sagte er und stellte die Anlage leiser. »Schnall dich an, okay?« Er zeigte über meine Schulter auf den Gurt. Ich versteifte mich, als seine Augen, seine Lippen, sein Gesicht mir so nah kamen.

Während er ausparkte, betrachtete ich seine Hand am Lenkrad und die zweite, mit der er gleichzeitig die Gangschaltung bediente. Neidvoll dachte ich, welche Freiheit er jederzeit in Reichweite hatte. Ich kannte nur Fahrzeuge, die sich in festen Gleisen bewegten, reguliert und voraussehbar. ZipShuttles wurden von Elektrowellen angetrieben und blieben immer auf den ihnen zugeordneten Fahrbahnen. Sie fuhren im Abstand von ungefähr fünf Minuten und man konnte sich jederzeit ein eigenes kommen lassen. Für Geschäftsverkehr wie Lieferungen vom Supermarkt oder die Post wurden sie inzwischen ausschließlich benutzt. Das System war so praktisch, dass ich mir etwas anderes kaum vorstellen konnte.

Ich sagte Justin meine Adresse, er legte einen neuen Gang ein und schaute konzentriert auf die Straße.

»Okay, wieso hast du mich wirklich zu der Lerngruppe eingeladen?«, fragte ich ihn.

»Ich wollte dich persönlich kennenlernen«, antwortete er und unsere Blicke trafen sich in der Dunkelheit des Wagens. Dann wandte er sich wieder der Straße zu und ich nutzte die Gelegenheit, sein Gesicht zu studieren. Aufmerksam betrachtete ich die kleine Delle an seiner Nasenwurzel, die Rundung seines Kinns und ein Paar Lippen, bei dem mir jedes Mal ganz heiß wurde, wenn ich es länger anschaute. Ich wandte mich ab, um wieder klar denken zu können.

»Und was hast du mit der Bemerkung gemeint: ›Da haben wir ja noch eine Menge Arbeit vor uns‹?«

Er schaltete wieder und der Wagen beschleunigte. Justin schaute starr geradeaus. Entweder hatte ich ihn verwirrt, oder er zögerte mit der Antwort. Also entschied ich mich, deutlicher zu werden, bevor er den Ahnungslosen spielen konnte.

»Am Anfang der Stunde, als ich meinen Namen nicht sagen wollte, hast du gemurmelt: ›Da haben wir ja noch eine Menge Arbeit vor uns.‹ Wer ist wir?«

»Interessanter Einstieg. Du magst es gerne kompliziert, oder?«

»Was hast du denn erwartet? Dass ich nach deiner Lieblingsfarbe frage?«

»Pink«, sagte er mit einem kleinen Grinsen. Er warf mir einen Blick zu und ich verdrehte die Augen. »Okay«, meinte er dann, »mit wir habe ich mich und meinen Freundeskreis gemeint.« Er zögerte kurz, als würde er die Worte sorgfältig wählen, um nichts ungewollt auszuplaudern. »Wie soll ich es ausdrücken? Uns gefällt nicht, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt, und wir versuchen auch andere Leute zum Nachdenken zu bringen, um eine Veränderung in Gang zu bringen.«

»Und was genau wollt ihr verändern?«

Er machte eine Pause, bevor er antwortete, und behielt weiter die Straße im Blick. »Unsere Lebensweise, um es ganz allgemein zu sagen. Unsere Kultur, unsere Regierungsform, das Umweltbewusstsein, die Schulerziehung. Die Tatsache, dass alle den ganzen Tag zu Hause vor einem Bildschirm hocken und sich einbilden, sie würden etwas erleben und ein echtes Leben führen. Glaubst du, die Onlinepersonen mit denen du dich triffst, sind wirklich deine Freunde?«

Ich schaute aus dem Fenster und unterdrückte ein Lächeln. Am liebsten hätte ich ihm zugestimmt, denn in meinem tiefsten Inneren hatte ich schon lange das Gefühl gehabt, dass die DS-Erziehung über das Ziel hinausschoss und den Menschen nur beibrachte, sich selbst zu isolieren. Aber Justin konnte es sich leisten, seine Meinung zu sagen, ohne ein Nachspiel fürchten zu müssen, während meine vergangenen Fehltritte mir beigebracht hatten, mich anzupassen.

»Willst du behaupten, ich hätte kein Leben?«, fragte ich. »Das ist ein ganz schön hartes Urteil.«

»Nein, ist es nicht«, konterte er und trat auf die Kupplung. »Wie oft hast du diese Woche das Haus verlassen?«

»Was spielt das für eine Rolle? Bloß weil ich drinnen bleibe, heißt das noch lange nicht, dass ich nichts erlebe. So funktioniert das heute nun einmal.«

»Und deshalb ist es automatisch richtig?«, argumentierte er. »Wir lassen uns kontrollieren und mit dem bisschen Wissen und Erfahrung abfüttern, das andere für uns vorgesiebt haben? Die Computertechnik hat unser Leben in eine digitale Scheinwelt verwandelt, und weil alles so schön bequem ist, merken die Leute nicht einmal, dass sie inzwischen genauso verdrahtet sind wie ihre Maschinen.«

Eine Gruppe ZipShuttles schnurrte an uns vorbei und der Windzug rüttelte an unserem Auto. »Vielleicht sind mehr Leute deiner Meinung als du denkst«, sagte ich.

»Der gleichen Meinung sein, ist nicht schwer, aber um etwas zu verändern, muss man seine Gedanken auch in die Tat umsetzen.« Sein dunkler Blick bohrte sich in meinen. »Oder was meinst du?«

»Okay, nächste Frage. Wie alt bist du?«

Seine Mundwinkel zuckten amüsiert.

»Du siehst nicht aus wie ein Teenager«, fügte ich hinzu.

»Wie kommst du darauf?«

»Ausstrahlung. Bist du tatsächlich noch in der DS 4?«

Er lachte und ich musterte ihn genau. Man sah ihm an, dass er angestrengt über die Antwort nachdachte. Er warf einen Blick in den Rückspiegel und schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin nicht in der DS 4.«

»Sondern im College? Dafür braucht man noch mal zwei bis drei Jahre an der DS, manchmal auch länger …«

»Ich war nie in der Digital School.«

Verwirrt runzelte ich die Brauen. Das war absurd. Erstens bestand Schulpflicht und zweitens war der Online-Unterricht kostenlos – ich hatte noch nie jemanden getroffen, der freiwillig darauf verzichtet hätte. Justin warf alle normalen Konventionen über den Haufen, was ihn allerdings, wie ich zugeben musste, nur interessanter für mich machte.

»Wieso bist du nicht in der Schule gewesen?«

»Sagen wir mal, weil es recht fraglich ist, wie viel man übers Leben lernen kann, indem man Tasten drückt und auf einen Bildschirm starrt.« Er bog scharf um die Ecke und ich fühlte, wie der Wagen beschleunigte.

»Das war keine Antwort auf meine Frage.«

»Okay, aber erst mal habe ich eine Frage an dich.« Er sah konzentriert in den Rückspiegel. »Vielleicht bin ich ja paranoid, aber kann es sein, dass wir verfolgt werden?«

Ich drehte mich um und sah ein Paar Scheinwerfer in der Ferne.

»Das Auto hängt schon an uns dran, seit wir aus dem Stadtzentrum raus sind«, sagte er.

»Kaum zu fassen«, murmelte ich und seufzte laut. »Er hat nicht zum ersten Mal jemanden auf mich angesetzt.« Justin hob bei meinem beiläufigen Tonfall die Augenbrauen.

»Wer?«

»Mein Vater«, sagte ich genervt. »Anscheinend hat er mich mit einem Peilsender versehen, bevor ich aus dem Haus gegangen bin.«

»Das ist für dich normal?« Er legte einen neuen Gang ein und ich hörte den Motor bei der Beschleunigung aufheulen.

Im Rückspiegel beobachtete ich den anderen Wagen. »Er zeigt gerne, dass er die Kontrolle hat. Das ist so eine Art Katz- und Mausspiel.«

»Du meinst, der Wagen wird uns die ganze Strecke bis zu eurem Haus folgen?«, fragte Justin. Er klang irritiert.

»Außer du glaubst, dass du ihn abschütteln kannst«, scherzte ich. Er schaute mich an. Dann blitzten seine Augen auf und ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

Abrupt bog er scharf um eine Ecke und die grellen Scheinwerfer einer Bahn kamen direkt auf uns zu. Justin wechselte die Fahrspur und kurvte im Zickzack um eine Gruppe ZipShuttles herum. Er trat das Gaspedal durch und ich wurde von der Beschleunigung in den Sitz gedrückt. Mit einem Blick über die Schulter überzeugte ich mich, dass der andere Wagen noch immer hinter uns war. Als ich wieder nach vorne schaute, kamen die nächsten Bahnscheinwerfer auf uns zu, und eine Warnhupe dröhnte so laut, dass das ganze Auto vibrierte. Ich presste die Augen fest zu und wurde zur Seite geschleudert, als Justin in letzter Sekunde auf eine andere Fahrbahn auswich. Mühsam versuchte ich wieder zu Atem zu kommen. »Wir fahren auf einer Hauptstrecke des Nahverkehrs«, stellte ich fest.

»Vertrau mir, ich weiß, was ich tue«, sagte er mit unbekümmerter Stimme. »Allerdings dürfte es schwer werden, den Typen abzuschütteln, wenn du tatsächlich einen Sender dabeihast.«

Ich nickte und zog den Flipscreen aus der Tragetasche, als hätte Justin mir ein Kommando gegeben. Zwar bekam ich den Computer angeschaltet, aber das Tippen war schwierig, weil das Auto so hin und her kurvte, dass ich kaum die Tasten traf.

»Was machst du da?«, rief Justin über den Lärm eines vorbeisausenden ZipShuttles hinweg.

Mit einer Handbewegung zum Bildschirm, als sei die Antwort offensichtlich, gab ich zurück: »Ich versuche, den Sender zu finden.«

Justin schwenkte auf die Fahrbahn für Rettungsfahrzeuge und am Straßenrand sprang ein blau-rotes Warnlicht an. Sirenengeheul warnte Fußgänger, den Weg freizugeben. Beim Anblick der rotierenden, blinkenden Lichter wurde mir ganz schwindelig, und mein Herz hämmerte wie wild, während wir an Gruppen von Passanten vorbeirasten. Die meisten standen da wie angewurzelt und starrten unserem Auto nach, das den Rettungsstreifen einfach als private Schnellstraße benutzte.

»Wieso lässt dein Vater dich verfolgen?«, wollte Justin über das Geheul der Sirenen hinweg wissen.

»Kleine Vertrauenskrise«, schrie ich zurück, als wäre es normal für eine Vater-Tochter-Beziehung, zu Beschattung und Peilsendern zu greifen. Endlich fand ich die Seite, nach der ich gesucht hatte, und fahndete damit nach dem Funksignal. Mein Computer scannte das Wageninnere und ein paar Sekunden später hatte er den Peilsender lokalisiert. Mit gerunzelter Stirn starrte ich auf den Bildschirm. Das Signal kam aus meinen Haaren?

Ich kämmte mit den Fingern durch die langen, glatten Strähnen, fand aber nichts. Dann wurde mir plötzlich klar, warum Mike uns am Ende des Unterrichts nachgelaufen war und mit der Hand über das Autodach gestrichen hatte.

»Oookay«, murmelte ich, fuhr das Fenster runter und tastete mit ausgestrecktem Arm über mir herum, bis ich auf der kalten Metalloberfläche den Sender fand. Justin schaute zu, wie ich die Hand wieder einzog und einen flachen Magnetchip von der Größe einer Münze vorzeigte.

»Am besten sollten wir das Ding auf eine Reise geradewegs nach Kanada schicken«, sagte ich und sah das puterrote Gesicht meines Vaters vor mir, wenn er feststellte, dass ich soeben außer Landes floh. Justin erriet meinen Gedanken und lächelte ein bisschen boshaft.

»Das dürfte allerdings keine Lösung für eure Vertrauenskrise sein«, stellte er fest und raste weiter die Straße entlang. Das Auto hoppelte wild von einem Straßenbahngleis zum anderen und ich hielt mich krampfhaft am Armaturenbrett fest. Ich schaute zurück und stellte fest, dass wir unseren Verfolger immer noch nicht abgeschüttelt hatten. Justin zeigte auf einen Griff, der über dem Fenster befestigt war.

»Jetzt halt dich fest«, sagte er. Ich klammerte mich an den Griff und bereitete mich auf das Schlimmste vor. Justin schwenkte zwei Fahrstreifen nach rechts, wobei er fast ein ZipShuttle streifte, aber das andere Auto folgte und blieb dicht hinter uns. Da riss Justin das Steuer herum, sodass wir mit quietschenden Reifen in einer Wolke aus Staub von der Straße schleuderten, gerade als eine Bahn vorbeirauschte und unserem Verfolger den Weg abschnitt. Plötzlich trat Justin hart auf die Bremse und der Wagen kam direkt beim Gleis zum Halten. Er hatte einen Arm ausgestreckt, um mich abzufangen, falls ich nach vorne geschleudert wurde. Als er den Arm wieder einzog, wollte ich schon erleichtert aufatmen, aber da kam das nächste ZipShuttle auf uns zugerast. Ich kniff die Augen zusammen und fluchte still vor mich hin. Justin trat aufs Gas, sodass wir über den Bürgersteig schossen und auf der Kunstrasenfläche landeten, bevor das Fahrzeug uns erwischte. Der Sportwagen hoppelte über den unebenen Boden und wir wichen ein paar Plastikbäumen und -büschen aus.

»Das ist der romantische Teil unserer Tour«, sagte Justin.

Ich öffnete die Augen und musste laut lachen. »Wie charmant von dir.«

Wir fuhren über die Rasenfläche bis zur nächsten Kreuzung und bogen in einen Tunnel ein, der zur Innenstadt und dem Fernbahnhof führte. Ich schaute über die Schulter, aber hinter uns waren keine Scheinwerfer mehr zu entdecken. Innen war der Tunnel rundherum mit Digitalbildschirmen versehen, auf denen sich bunte Werbebilder abwechselten. Es fühlte sich an, als würden wir fliegen und wären in einen Kokon aus farbigem Licht eingewoben.

»Ich bin zwanzig«, sagte Justin.

»Was?«, rief ich über den Verkehrslärm hinweg. Ich zuckte zusammen, als nur ein paar Zentimeter neben uns ein Eisenbahnzug vorbeiraste. Dann waren wir am Ende des Tunnels angelangt, und vor uns öffnete sich ein Tal, in dem Tausende von Großstadtlichtern flackerten. Wir bogen ab und sausten an der Fernbahnstrecke entlang den Hügel hinab.

»Du wolltest wissen, wie alt ich bin«, wiederholte er. »Ich bin zwanzig.«

Ich grinste und stellte mir vor, wie mein Vater reagieren würde, wenn er wüsste, dass ich mit einem zwanzigjährigen Schulverweigerer in einem Sportwagen saß.

Neben uns bremste auf der kurvigen Strecke ein Zug ab, an dessen Passagierwagen in gelber Leuchtschrift British Columbia stand. Ich warf den Chip aus dem Fenster und der Magnet heftete sich an die Metallwand.

Dann verließen wir die Zugstrecke und fuhren zurück in Richtung der Wohnviertel. Während wir uns meinem Haus näherten, starrte ich aus dem Fenster und fragte mich, was ich zum Abschied zu Justin sagen sollte. Wie dankt man jemandem fürs Nachhausebringen und entschuldigt sich gleichzeitig für die lästige, lebensgefährliche Verfolgungsjagd, die dafür nötig war? Ich warf ihm aus dem Augenwinkel einen Blick zu, aber er war ganz auf die Straße konzentriert, hatte den Mund zusammengekniffen und schien nachzudenken. Wir bogen in meine Straße ein, und ich bat ihn, mich aussteigen zu lassen.

»Hier passt es prima«, sagte ich.

»Welches Haus gehört euch?«

»Das dahinten, ist nicht mehr weit.« Ich wies auf das Gebäude, das man trotz der Entfernung schlecht übersehen konnte, da es fast den ganzen Block einnahm. »Ich kann wirklich hier aussteigen.«

Justin parkte am Straßenrand, und als der Motor verstummt war, drehte er sich zu mir um und schaute mich schweigend an. Plötzlich war alles so still, und der Platz im Wagen schien zu schrumpfen. Ich fühlte mich auf meinem Sitz gefangen, als würde die spürbare Energie zwischen uns mich festhalten. Noch immer hämmerte mir das Herz gegen die Rippen. Justin ließ die Hände vom Lenkrad sinken. Er sah überraschend ruhig aus, wenn man die letzten zwanzig Minuten bedachte.

»Wo hast du gelernt, so zu fahren?«, fragte ich.

»Wo hast du gelernt, so schnell einen Sender aufzuspüren?«, fragte er zurück.

Ich zuckte mit den Schultern. »Allzu schwer ist das nicht.«

»Ach ja?« Er wartete noch immer auf eine Erklärung.

Ich wedelte mit den Händen in der Luft herum, als sei das wirklich keine große Sache.

»Ein Peilsender benutzt elektromagnetische Wellen auf einer Funkfrequenz. Also habe ich nach einem Programm gesucht, mit dem man Hoch- und Mittelfrequenzen aufspüren kann, und es einen Umkreis von zwei Metern abtasten lassen. Der Computer hat das Signal gefunden und das war’s.«

Seine Augenbrauen rutschten bis zur Stirn hoch. »So etwas zu wissen ist für dich normal?«

Ich musste grinsen, als die Frage bei mir ankam. »Wow«, sagte ich, schlug mir theatralisch die Hand vor die Stirn und lehnte mich im Sitz zurück. »Ich bin so ein Nerd.«

Er gab keine Antwort. Er lächelte nicht einmal. Stattdessen starrte er mich weiter mit großen, erstaunten Augen an, und mir wurde endlich klar, was er über mich denken musste. Welches normale Mädchen wird mit einem Peilsender überwacht, nur weil es zu einer Lerngruppe will? Welcher Teenager weiß, wie man so ein Gerät aufspürt? Er musste mich entweder für verrückt oder für eine gefährliche Kriminelle halten. Ich hob meine Tasche auf und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass dieser Moment der peinlichste meines Lebens war.

»Sorry«, murmelte ich.

»Wofür entschuldigst du dich?«

Ich ließ den Kopf hängen. »Okay, inzwischen dürftest du bemerkt haben, dass mein Privatleben ein bisschen bizarr ist. Also warte ich am besten nicht darauf, dass du dich meldest«, sagte ich und stieg aus, ohne ihn anzusehen. »Danke fürs Nachhausebringen.« Ich warf die Tür zu, bevor er reagieren konnte. Einen Moment später hörte ich den Wagen an mir vorbeifahren, weigerte mich aber, ihm hinterherzuschauen. Ich marschierte über den Kunstrasen auf unsere Eingangstür zu und wünschte mir nur, mich wieder in der Sicherheit meiner digitalen Welt zu verkriechen, wo ich meine perfekte Fassade aufrechterhalten konnte.

Als ich die Haustür hinter mir schloss, kam unser Hund Baley in den Flur geschossen, um mich zu begrüßen. Ich hockte mich hin und er legte mir die Pfoten auf die Schultern, um meinen Hals zu lecken. Wenigstens einer, der mich bedingungslos liebte.