Die Rebellion - Simon R. Green - E-Book
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Die Rebellion E-Book

Simon R. Green

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Beschreibung

Owen Todtsteltzer muss sich seinem Schicksal stellen - denn die Tyrannin Löwenstein XIV will seinen Kopf. Doch der Erbe der berühmten Todtsteltzer-Kriegerdynastie hat eine höchst seltsame Streitmacht um sich versammelt: den legendären Helden Jakob Ohnesorg, die schöne Piratin Hazel, den ursprünglichen Todtsteltzer, den man schon lange nicht mehr unter den Lebenden glaubte, und die nicht-menschlichen Hadenmänner, die niemand zu durchschauen vermag. Alle Unterdrückten setzen ihre Hoffnung in Owen. Die Galaxie wartet auf ihre Befreiung vom Joch der Tyrannei ...

"Abenteuer, Raumschlachten, Heldentum und exotische Schauplätze - Green mischt alle Zutaten zu einer außergewöhnlichen Space Opera." (Booklist)

Simon R. Greens große SF-Serie um Owen Todtsteltzer, die ihm den Durchbruch brachte - jetzt endlich wieder erhältlich, erstmals als eBook!

Die Legende von Owen Todtsteltzer: 1. Der Eiserne Thron, 2. Die Rebellion, 3. Todtsteltzers Krieg, 4. Todtsteltzers Ehre, 5. Todtsteltzers Schicksal, 6. Todtsteltzers Erbe, 7. Todtsteltzers Rückkehr, 8. Todststeltzers Ende

Sowie die Romane aus dem Todtsteltzer-Universum (ab Herbst 2020):

Nebelwelt, Geisterwelt, Höllenwelt

eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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Inhalt

Cover

Weitere Titel des Autors

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

PROLOG

KAPITEL 1: GOLGATHA; ERÖFFNUNGSZUG

KAPITEL 2: HINAUF NACH GEHENNA UND HINAB NACH GOLGATHA

KAPITEL 3: ERTRINKENDE

KAPITEL 4: ERHOBENE STIMMEN UND ABWECHSLUNG

KAPITEL 5: EIN TREFFEN VON GESPENSTERN

KAPITEL 6: STIMMEN IM DUNKEL

KAPITEL 7: DIE KREISE DER HÖLLE

EPILOG: VORSPIEL ZUM KRIEG

Weitere Titel des Autors

Die Legende von Owen Todtsteltzer:

Der Eiserne Thron

Die Rebellion

Todtsteltzers Krieg

Todtsteltzers Ehre

Todtsteltzers Schicksal

Über dieses Buch

Owen Todtsteltzer muss sich seinem Schicksal stellen – denn die Tyrannin Löwenstein XIV will seinen Kopf. Doch der Erbe der berühmten Todtsteltzer-Kriegerdynastie hat eine höchst seltsame Streitmacht um sich versammelt: den legendären Helden Jakob Ohnesorg, die schöne Piratin Hazel, den ursprünglichen Todtsteltzer, den man schon lange nicht mehr unter den Lebenden glaubte, und die nicht-menschlichen Hadenmänner, die niemand zu durchschauen vermag. Alle Unterdrückten setzen ihre Hoffnung in Owen. Die Galaxie wartet auf ihre Befreiung vom Joch der Tyrannei …

Über den Autor

Simon R. Green (*1955) kommt aus Bradford-on-Avon, England. Während seines Literatur- und Geschichtsstudiums an der Leicester University begann er mit dem Schreiben und veröffentlichte einige Kurzgeschichten. Doch erst 1988, nach jahrelanger Arbeitslosigkeit, verkaufte er seine ersten Romane. Seinen Durchbruch erlangte er Mitte der Neunziger mit der SF-Weltraumoper-Saga um Owen Todtstelzer: Eine Serie, die – wie er selbst sagt – irgendwie außer Kontrolle geraten ist, da er eigentlich nur drei Bücher schreiben wollte … Mittlerweile umfasst Simon R. Greens Werk weit über 40 Romane, das neben Science Fiction auch verschiedene Subgenres der Fantasy von Dark bis Funny, von High bis Urban abdeckt.

Simon R. Green

Die Rebellion

Deathstalker – Buch 2

Aus dem Englischen von Axel Merz

Science Fiction

beBEYOND

Digitale Erstausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 1995 by Simon R. Green

Titel der englischen Originalausgabe: »Deathstalker Rebellion«

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titel der deutschsprachigen Erstausgabe: »Die Rebellion. Über das abentheuerliche Leben des Owen Todtsteltzer. Der Legende zweiter Theil.«

Textredaktion: Rainer Schumacher / Stefan Bauer

Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Vorlage von © Arndt Drechsler, Leipzig

eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 978-3-7325-7522-0

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Todtsteltzer – mehr als ein Name.Es ist ein Vermächtnis.

PROLOG

Am Anfang war das Imperium, und alles war gut. Es war die Zeit des großen Abenteuers der Menschheit, die von ihrer Heimatwelt aufgebrochen war und auf der Suche nach neuen Planeten und Wundern in die unendliche Dunkelheit drängte. Es war die Zeit der großen Helden und Taten, in der die Menschheit eine Welt nach der anderen besiedelte und die Grenze unablässig nach außen verschob. Tausende von Welten mit Tausenden von Zivilisationen, die hell vor der Schwärze des Alls leuchteten. Das Imperium.

Es dauerte vierhundert Jahre, bis der Verfall einsetzte.

Das Parlament wurde korrupt, die Macht der Versammlung der Lords nahm unaufhörlich zu, man bereicherte sich am Elend der Welten, und der Imperator regierte mit stählerner Faust von seinem Eisernen Thron aus. Die Technologie ermöglichte menschliche Klone und Esper, Wesen ohne jegliche Rechte, die nichts waren als das Eigentum ihrer Besitzer: eine institutionalisierte Sklaverei. Trotzdem war es noch immer ein großartiges Imperium, aber nur für die Reichen und Adligen oder diejenigen, die Verbindungen zu den Reichen und Adligen besaßen. Alle anderen arbeiteten hart, hielten die Köpfe gesenkt und gaben sich Mühe, unbemerkt zu bleiben.

So ging es weiter. Neunhundert Jahre lang.

Als Owen Todtsteltzer die galaktische Bühne betrat, war das Imperium reif für die Rebellion. Owen hatte nie ein Held sein wollen. Trotz der martialischen Tradition seiner Familie hatte er sich stets mehr als Gelehrten denn als Krieger betrachtet. Aber als die Imperatorin Löwenstein XIV ihn für vogelfrei erklärte und einen so hohen Preis auf seinen Kopf aussetzte, dass seine eigenen Leute der Versuchung nicht widerstehen konnten und ihn zu ermorden versuchten, da blieb Owen keine andere Wahl, als zu fliehen und sich – wenn auch zögerlich – seiner Bestimmung zu stellen. Er verbündete sich mit Hazel D’Ark, Piratin, Klonpascherin und Lebefrau, und gemeinsam flohen die beiden zum Planeten Nebelwelt. Dort trafen sie auf Jakob Ohnesorg, den legendären Berufsrebellen, auf Ruby Reise, die berüchtigte Kopfgeldjägerin, und auf Tobias Luna, einen aufgerüsteten Mann von der verlorenen Welt Haden. Gemeinsam brachen sie auf zu der Welt Shandrakor mit ihren kochenden Dschungeln voller endlosem Blutvergießen, und in der Festung des Todtsteltzer-Clans entdeckten sie Owens Urahn, der seit neunhundert Jahren geschlafen hatte: Giles Todtsteltzer, Oberster Krieger des Imperiums und Schöpfer des legendären Dunkelwüsten-Projektors. Der Erste Todtsteltzer führte die Abenteurer zur Wolflingswelt, wo sie den letzten Wolfling trafen, den einzigen Überlebenden einer durch genetische Manipulation geschaffenen Rasse. Sie durchquerten das Labyrinth des Wahnsinns und wurden von ihm verwandelt, wurden zu weit mehr, als sie vorher gewesen waren.

Sie würden die größte Rebellion entfachen und führen, die das Imperium jemals erlebt hatte.

Zur gleichen Zeit regierte in ihrem Palast, mitten in einem massiven Stahlbunker tief unter der Oberfläche Golgathas, die schöne und verehrte Imperatorin Löwenstein XIV, deren Wort Gesetz war und auf deren bloßen Wink hin Blut floss und Menschen schreckliche Tode starben. An ihrer Seite der Hohe Lord Dram, Prinzgemahl und Oberster Krieger, von einigen auch Witwenmacher genannt, doch niemals in seinem Beisein. An Bord des Raumschiffes Unerschrocken ihre loyalen Untertanen, Kapitän Schwejksam und Investigator Frost. Zu Löwensteins Füßen die Familien des Adels, intrigenspinnend, um die Gunst der Imperatorin buhlend und gnadenlos all ihre Feinde jagend. Löwenstein selbst besaß ihre eigenen Trümpfe und Überraschungen, und sie war gewiss nicht leicht von ihrem Thron zu verjagen.

An den Seitenlinien: die Beobachter, abwartend, wohin der Wind sich drehte. Viele von ihnen würden in die eine oder andere Richtung davongespült werden. Valentin, der Führer des Wolf-Clans, beliebt und mächtig, ein Stutzer und Drogenkonsument legendären Ausmaßes. Kit Sommer-Eiland, von manchen Kid Death genannt, der lächelnde Killer. Und Kardinal James Kassar, der fanatische aufgehende Stern der Kirche von Christus dem Krieger.

Und in den Schatten: die Untergrundbewegungen der Klone und Esper. Auf verlorenen Posten kämpften sie ihre aussichtslosen Schlachten und wagten trotzdem, von Freiheit zu träumen. Sie besaßen Verbündete in den Kyberratten, Lektronenhackern und Unpersonen aus eigener Wahl und in zahlreichen jüngeren Söhnen der Adelsfamilien, die niemals Macht oder Geld erben würden. Hin und wieder stieß sogar ein richtiger Held zu ihnen, ein Mann wie Finlay Feldglöck zum Beispiel, einst als Maskierter Gladiator unbesiegter Champion der Arena, oder auch Mater Mundi, die Weltenmutter, Überesper und unergründlich geheimnisvoll und mit gewaltigen Fähigkeiten ausgestattet.

Die Figuren waren aufgestellt. Die Bühne war bereit. Jetzt fehlte nur noch einer – der, der den ersten Stein hob. Owen Todtsteltzer, der Held wider Willen, war zusammen mit Hazel D’Ark unterwegs nach Golgatha. Die beiden reisten an Bord eines seltsamen goldenen Schiffs, gesteuert von Hadenmännern, den einstigen Feinden der Menschheit – und obwohl die Nachwelt keine Aufzeichnungen über seine Gedanken besitzt, lauteten sie wahrscheinlich: »Warum ausgerechnet ich?«

KAPITEL 1

GOLGATHA; ERÖFFNUNGSZUG

Warum ausgerechnet ich?, dachte Owen Todtsteltzer, als er sich einmal mehr auf den Weg zur Toilette machte. Er wusste zwar, dass er dort nichts zu erledigen hatte, aber seine Blase war vernünftigen Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen. Nicht zum ersten Mal machte sie ihre eigenen Vorstellungen geltend. So war es immer, wenn Druck auf Owen lastete und er zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Am Vorabend seiner ersten größeren Rede vor der Imperialen Historischen Gesellschaft hatte er so viel Zeit auf der Toilette verbracht, dass sie sogar jemanden geschickt hatten, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.

Owen schniefte. Dann betrat er die einzige Toilette des Raumschiffs und zog die Tür hinter sich zu. Der Raum war winzig, und es gab nicht viel mehr als die stählerne Klosettschüssel. Owen öffnete den Reißverschluss und zielte sorgfältig. Er wollte nicht, dass die anderen seine Nervosität bemerkten. Doch das Warten machte ihm zu schaffen. Während eines Kampfes spürte er niemals Nervosität. In der Regel war er viel zu sehr damit beschäftigt, sich vor dem Umgebrachtwerden in Acht zu nehmen, als dass er Zeit zum Nachdenken fand. Aber bevor es so weit war, bestand seine Einbildungskraft mit beharrlicher Regelmäßigkeit darauf, ihm all die Wege auszumalen, wie die Dinge ganz entsetzlich schnell ganz entsetzlich schieflaufen konnten. Und seine gegenwärtige Mission, die Reise nach Golgatha, dem bestbewachten Planeten des gesamten Imperiums, in einem goldenen Schiff jener Wesen, die einst offiziell als »Feinde der Menschheit« bezeichnet worden waren, hatte ihm von Anfang an nicht sonderlich behagt.

Selbst wenn man berücksichtigte, dass es seine eigene Idee gewesen war.

Allerdings musste gesagt werden, dass ein Schiff der Hadenmänner die beste Wahl für die beginnende Rebellion war. Owens eigenes Schiff, die wunderbare Sonnenschreiter, war eines der schnellsten Schiffe des Imperiums gewesen, aber er hatte es an der Absturzstelle zurücklassen müssen: tief in der tödlichen Dschungelhölle von Shandrakor. Und die Todtsteltzer-Festung, das steinerne Schiff seines Vorfahren, war von Anfang an nicht in Frage gekommen. Eine gewaltige Festung mit einem Raumschiffantrieb war alles andere als unauffällig. Die schlanken, goldenen Schiffe der Hadenmänner jedoch waren genau das, was die Rebellen benötigten – und noch ein Stück mehr. Unglaublich schnell, hervorragend bewaffnet und so ausgezeichnet abgeschirmt, dass es im gesamten Imperium keinen Sensor gab, der empfindlich genug war, um sie zu orten. In der Theorie jedenfalls. Schließlich hatten die Hadenmänner eine ganze Weile in ihrer Gruft geschlafen.

Es gab nur eine Sache, die dem Raumschiff fehlte. Eine Toilette. Anscheinend benötigten aufgerüstete Männer so etwas nicht. Owen hatte darauf verzichtet, weitergehende Fragen zu diesem Thema zu stellen. Er war auch nicht besonders scharf auf eine Antwort gewesen. Als ihm aufgegangen war, dass man ihn und Hazel dazu bestimmt hatte, als freiwillige Repräsentanten der Rebellion die Mission zu leiten, da hatte er lang und lautstark gegen die Entscheidung zu argumentieren versucht – vergeblich. Als er den Disput verloren hatte – was ihm von Anfang an klar gewesen war, noch bevor er überhaupt den Mund geöffnet hatte –, bestand er darauf, dass die Hadenmänner wenigstens eine Toilette an Bord des Schiffes installierten, bevor er auch nur einen Fuß an Bord setzen würde. Das Schiff mochte ja vielleicht unglaublich schnell und stark sein, aber der Trip nach Golgatha würde trotzdem verdammt lang werden, und Owen wusste genau, was für ein Theater seine Nerven und seine Blase während dieser Zeit veranstalten würden.

Also hatte man diese kleine, beengte Kammer eingebaut – speziell für den jungen Todtsteltzer und seine Nerven. Es gab weder ein Waschbecken noch einen Vorleger, von einer Klobrille ganz zu schweigen. Es gab auch kein Toilettenpapier, doch Owen war fest entschlossen, über diese Eventualität nicht weiter nachzudenken. Er musterte sein Spiegelbild im Stahl der Wand vor sich; ein Mann Mitte zwanzig, groß und langgliedrig, mit dunklem Haar und noch dunkleren Augen. Nicht wirklich weich, aber auch nicht die Sorte Mann, der man lieber nicht in einer dunklen Seitengasse über den Weg laufen mochte. Owen seufzte tief, beendete sein Geschäft, zog den Reißverschluss hoch und verließ die Toilette mit so viel Würde, wie er nur zusammenbrachte.

Obwohl die Toilette nur den minimalsten Komfort bot, so zog Owen ihren Anblick dennoch entschieden den Innenräumen an Bord des Hadenmann-Schiffes vor. Es war nicht gebaut worden, damit Menschen sich an Bord behaglich fühlten, und ein Teil der Geräte an Bord wirkte zutiefst beunruhigend. Owen konzentrierte sich auf den Rückweg zu Hazel, die mit übereinandergeschlagenen Beinen zwischen zwei rätselhaften Produkten hadenmännischer Ingenieurskunst auf dem Boden saß. Hazel beschäftigte sich damit, ihre neue Projektilwaffe zu zerlegen und zu reinigen. Sie beachtete Owen kaum, als er herbeikam. Hazel D’Ark plagten nie nervöse Probleme. Wenn jemand ihr ein zerstörerisches Spielzeug in die Hände drückte, dann war sie zufrieden wie ein Schwein in der Suhle. Owen ließ sich neben ihr nieder und achtete sorgfältig darauf, nichts zu berühren.

Nirgendwo an Bord fand man so etwas wie Sitze oder Liegen. Stattdessen füllte unvertraute, nichtmenschliche Technologie das Innere vom Bug bis zum Heck, und Hadenmänner waren dort eingestöpselt, wo sie benötigt wurden. Die aufgerüsteten Männer waren Teil des Schiffs, oder das Schiff war ein Teil von ihnen. Sie steuerten es allein mit ihren Gedanken. Owen und Hazel fügten sich ein, so gut es ging, und versuchten im Übrigen, nicht allzu neugierig auf die unverständliche Maschinerie zu starren. Der Anblick schmerzte in ihren Augen. Lichter gingen an und erloschen, Lichter voll blendender Helligkeit und unvertrauter Farben, und die Umrisse der größeren Schatten waren in der Tat beunruhigend – beinahe, als wollten sie das menschliche Auge an einen Ort führen, wohin es nicht folgen konnte. Owen kauerte sich, so bequem er konnte, auf das kalte Stahldeck und zog die Knie an die Brust. Das Schiff machte ihm Angst, und es war ihm egal, ob das jemand bemerkte. Er musterte Hazel. Sie schien vollkommen in ihrer Tätigkeit aufzugehen.

Hazel D’Ark, eine schlanke, muskulöse Frau Anfang zwanzig, sah stets so aus, als könnte sie im nächsten Augenblick explodieren. Grüne Augen blickten herausfordernd unter einem roten Lockenschopf hervor, und ihr gelegentliches Lächeln kam und ging so rasch, dass es von vielen nie bemerkt wurde.

Wie üblich hatte sie sich wieder einmal mit Waffen vollgeladen. Der Disruptor hing an seinem Platz in dem abgetragenen Hüfthalfter. Die Standardenergiewaffe. Kräftig genug, um jede Stahlplatte zu durchschlagen, vorausgesetzt, die Energiekristalle waren geladen. Und vorausgesetzt, man hatte die zwei Minuten Zeit, die es dauerte, bis der Kristall nach einem Schuss wieder aufgeladen war.

In der zerschrammten Metallscheide quer über dem Boden steckte Hazels Schwert. Das Standardschwert. Schwer genug, um wirklichen Schaden anzurichten, doch mit einer Klinge, die kurz genug war, um die Waffe nicht unhandlich werden zu lassen.

Und vor ihr, über das Deck verteilt, die Einzelteile ihrer Projektilwaffe. Es schienen so viele Teile zu sein, dass man daraus gleich mehrere Projektilwaffen zusammensetzen konnte. Owen hatte nicht gewusst, dass die verdammten Dinger so kompliziert waren.

Seine Gefühle gegenüber den antiquierten Waffen, die Giles aus seinem Arsenal in der Todtsteltzer-Festung zur Verfügung gestellt hatte, waren sowieso eher zwiespältig. Projektilwaffen waren nicht annähernd so durchschlagskräftig oder zielgenau wie Disruptoren, aber sie mussten es auch nicht sein. Schließlich konnten sie mehrere hundert Schuss pro Minute aus dem Lauf pumpen. Es gab auch keine zweiminütige Zwangspause zwischen den Schüssen, und das war ein weiterer Vorteil. Hazel hatte sich sofort in den neuen (oder genauer gesagt: antiken) Waffentyp verliebt und nutzte jede Gelegenheit, seine Vorzüge zu preisen. Sie schleppte gleich mehrere dieser Kanonen mit sich herum, und die Munition dafür beulte jede einzelne Tasche ihrer Kleidung aus. Owen beeindruckte das wenig. Er selbst trug ebenfalls eine Projektilwaffe, aber bevor er sich ein Urteil bildete, wollte er doch lieber abwarten, wie gut die Waffe in einem kontinuierlichen Feuergefecht abschnitt. Insgeheim war er davon überzeugt, dass Hazel die neuen Pistolen nur deswegen liebte, weil sie so viele Teile besaßen, mit denen sie spielen konnte.

Und wenn es hart auf hart kam, dann war – nach Owens Meinung – noch immer kalter Stahl die einzig angemessene Antwort auf die meisten Probleme. Ein Schwert besaß keine Einzelteile, die verklemmen konnten, ihm ging nie die Munition aus, und es musste keine zwei Minuten nachladen, bevor man erneut damit zuschlagen konnte.

»Wenn du deine Blase weiterhin so ausquetschst, fällt sie noch irgendwann zusammen«, sagte Hazel leichthin. »Ich habe noch nie jemanden so häufig zur Toilette rennen sehen. Kontrolliere lieber noch einmal deine Waffen. Es ist ungemein beruhigend.«

»Nein, ist es nicht«, widersprach Owen. »An Bord dieses unnatürlichen Schiffs gibt es überhaupt nichts, das irgendwie beruhigend ist. Und das schließt Euch definitiv mit ein, Hazel D’Ark.«

»Du bringst mich immer wieder zum Staunen, Aristo. Ich habe gesehen, wie du dich der größten Übermacht gestellt und in Situationen begeben hast, in denen ich mich nicht für alles Geld von Golgatha hätte befinden wollen. Du stammst aus einer der berühmtesten Kriegerfamilien des gesamten Imperiums – aber jedes Mal, wenn wir ein wenig warten müssen, wirst du nervöser als eine Nonne in einem Eheanbahnungsinstitut.«

»Ich bin kein Kämpfer«, entgegnete Owen entschieden, ohne Hazel anzusehen. »Ich bin ein Historiker, der vorübergehend und unter starkem Druck gezwungen wurde, als Soldat für die Rebellion zu kämpfen. Ich persönlich kann das Ende der Rebellion gar nicht abwarten, damit ich endlich wieder ein kleiner Gelehrter sein kann, für niemanden wichtig außer für mich selbst, und auf dem bis auf ein gelegentliches Symposium keinerlei Druck lastet. Ich verstehe immer noch nicht, warum man mich für diese Mission ausgewählt hat.«

»Weil es deine Idee gewesen ist«, sagte Hazel. »Geschieht dir recht, du Klugscheißer. Wenn jemand nicht hier sein sollte, dann bin ich das. Ich glaube nämlich nicht, dass dein schöner Plan funktionieren wird.«

»Und was macht Ihr dann hier?«

»Irgendjemand muss schließlich auf deinen Arsch aufpassen, Todtsteltzer. Außerdem begann ich mich zu langweilen. Wir saßen nur herum, keinerlei menschlicher Komfort, viel zu viel Gerede und keine Taten. Ich muss etwas tun, sonst werde ich griesgrämig.«

»Das habe ich schon bemerkt«, antwortete Owen trocken. »Vertraut mir, Hazel; der Plan wird funktionieren. Wir haben jeden nur möglichen Ablauf untersucht und analysiert. Selbst den Hadenmännern gefiel der Plan. Diese Mission ist genau das, was wir benötigen, um unsere Rebellion mit einem lauten Knall zu beginnen. Das gesamte Imperium wird aufschrecken und Notiz von uns nehmen.«

»Oh, sicher. Alle schalten ihre Holos ein und sehen zu, wie wir in Echtfarben in den Hintern getreten werden. Wahrscheinlich kommt dann zur besten Sendezeit noch eine Wiederholung in Superzeitlupe, damit niemand den schmutzigen Teil verpasst.«

»Ich dachte, ich wäre derjenige, der nervös ist?«

»Bist du auch. Ich denke einfach nur praktisch.«

»Genau wie ich, Hazel. Und deswegen ist mein Plan auch der beste Weg, um die Rebellion anzukündigen. Wir können nicht darauf hoffen, aus einer direkten Konfrontation als Sieger hervorzugehen. Das Imperium hat viel mehr Männer, Schiffe und Waffen als wir. Also werden wir stattdessen einen blitzschnellen Angriff durchführen und sie dort treffen, wo es wirklich weh tut. In ihrem Geldbeutel. Mit Hilfe der Hadenmänner werden wir unbemerkt an den Verteidigungseinrichtungen Golgathas vorbeikommen, uns in das Hauptquartier der Steuerbehörde schleichen, unseren kleinen ökonomischen Sabotageakt durchführen und wieder verschwunden sein, bevor irgendjemand überhaupt bemerkt, dass wir dort gewesen sind. Wenn Ihr genauer darüber nachdenkt, werdet Ihr sicher zugeben, dass der Plan äußerst elegant ist. Wir transferieren einen schönen Batzen Kredits auf unsere vorbereiteten Rebellenkonten, und anschließend löschen und verstümmeln wir alle Aufzeichnungen.

Auf diese Weise treffen wir das Imperium und die Kirche nicht nur dort, wo es ganz besonders weh tut, sondern verschaffen uns auch eine Menge Freunde, sobald die Leute merken, dass das Imperium ihnen erst dann wieder Steuern abnehmen kann, wenn alle Aufzeichnungen gesichtet und wiederhergestellt worden sind. Und das kann Jahre dauern. Hazel, Ihr könntet zumindest versuchen, so zu tun, als würde Euch interessieren, was ich zu sagen habe. Ihr habt es fertiggebracht, die meisten strategischen Besprechungen zu versäumen, aber Ihr müsst einfach verstehen, was wir auf Golgatha zu tun beabsichtigen.«

»Nein, muss ich nicht. Zeig mir einfach die Richtung, und lass mich von der Leine, Todtsteltzer. Wenn es auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Imperialen Wache hat, dann mache ich totes Fleisch daraus. Ich war schon ziemlich gut, bevor wir durch das Labyrinth gegangen sind, aber jetzt bin ich gut wie die Hölle. Ich besitze jede Menge neuer Fähigkeiten, und ich kann es gar nicht abwarten, sie endlich auszuprobieren.«

Owen seufzte innerlich. »Wir sind keine Kämpfer mehr, Hazel. Ob es Euch gefällt oder nicht – wir sind zu wichtigen Figuren für die Rebellion geworden. Wenn wir diese Sache durchziehen, dann werden wir zu Helden – oder sogar zu Legenden, Hazel. Die Leute werden zu uns aufblicken und nach Inspiration suchen, wie sie das Imperium schlagen können, und sie werden sich uns in rauen Scharen anschließen. Der Untergrund von Golgatha stellt uns eine Menge seiner Leute und Ressourcen zur Verfügung, um uns bei dieser Sache zu helfen ... und das nur, weil er an uns glaubt. Wir haben alles überlebt, was das Imperium hinter uns hergeschickt hat, und jetzt sind wir die letzte Hoffnung für jeden Einzelnen, der jemals von Freiheit geträumt hat.«

»Wenn wir ihre einzige Hoffnung sind, dann stecken sie in ziemlichen Schwierigkeiten.«

»Vielleicht«, erwiderte Owen. »Aber Schwierigkeiten oder nicht, Hazel, wir tragen jetzt eine Verantwortung. Wir tun das nicht für uns allein. Wenn unser Plan gelingt, dann wird das den Menschen zeigen, dass unsere Rebellion eine wirkliche Chance auf Erfolg besitzt. Die Leute mögen an uns glauben, Hazel, aber es ist nun einmal eine kalte Tatsache, dass Rebellionen extrem kostspielige Unternehmungen sind. Raumschiffe und Rebellenbasen sind nicht gerade billig. Erinnert Euch, wie Jakob Ohnesorg verhandeln, Kompromisse eingehen und fragwürdige Versprechungen machen musste, um seine Schlachten zu finanzieren. Und er war ein berühmter Berufsrebell. Jakob musste Kompromisse eingehen; wir müssen es nicht, wenn unser Plan gelingt.«

»Schön und gut«, entgegnete Hazel. »Angenommen – wirklich nur angenommen! –, dass wir die Kredits abziehen können, ohne dabei einen schrecklichen Tod zu sterben – was dann? Wollen wir zu Piraten werden und Imperiale Schiffe kapern? Nach allem, was ich gehört habe, werden Piraten auf eine wirklich ziemlich ekelhafte Weise hingerichtet, wenn das Imperium sie einfängt.«

»Was Euch nicht von Eurer Piratenlaufbahn abgehalten hat.«

»Ich bin nicht gerade berühmt für geschickte Berufswahl. Also, wie lautet der Plan, Todtsteltzer? Ich sehe, wie du darauf brennst, mir alles zu erklären.«

»Nur, weil es ein so hervorragender Plan ist, Hazel. Wie Ihr im Übrigen wissen würdet, wenn Ihr regelmäßig den Strategiebesprechungen beigewohnt hättet. Was man eigentlich von Euch erwarten durfte.«

»Bla, bla, bla. Nun schieß endlich los.«

»Wir fangen klein an. Suchen uns unsere Gegner vorsichtig aus und bauen Erfolg auf Erfolg, bis wir eine überlebensfähige Macht innerhalb des Imperiums darstellen. Dann rufen wir die Bevölkerung zum Widerstand gegen Löwenstein auf. Die Leute hatten in der Vergangenheit niemals den Mut dazu. Ganz zu Recht befürchten sie Repressalien. Außerdem schätzen sie ihren Komfort zu sehr. Sie glauben, sie hätten zu viel zu verlieren. Sie denken nicht gerne darüber nach, woher ihr Komfort stammt und wer dafür leidet; man muss sie schon mit der Nase draufstoßen. Unsere Aufgabe ist es, die Art und Weise zu ändern, wie die Menschen denken und wie sie das Imperium sehen. Zuerst klären wir sie auf und erziehen sie, dann ermutigen wir sie, sich zu erheben, und schließlich helfen wir ihnen bei ihrer Befreiung. Eine klassische Strategie. Es scheint, als hätte das Imperium die Lektionen nicht verstanden, die uns die Geschichte zu lehren vermag.«

»Du stehst wirklich voll dahinter, was, Todtsteltzer? Du bist ganz schön weit gekommen, wenn man bedenkt, dass du nicht mehr warst als ein Amateurgelehrter, der einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte.«

Owen grinste kurz. »Die Welt bestand darauf, gehört zu werden. Ich kann nicht einfach zurückgehen und wieder sein, was ich war ... ganz egal, wie sehr ich mir das wünsche. Ich habe zu viel gesehen, zu viel getan. Mag schon sein, dass ich auf der Seite der Rebellion mitspielen muss, aber das bin nicht wirklich ich. Ich werde kämpfen, wenn es sein muss, und das ist auch schon alles. Wenn es vorüber ist, dann werde ich nichts lieber tun, als wieder in meinen Elfenbeinturm zurückzuklettern und hinter mir die Leiter wegzutreten. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens mit dem Versuch verbracht, der Gelehrte zu werden, der ich immer sein wollte, und nicht der Krieger, den meine Familie erwartete. Die Umstände mögen mich vielleicht zwingen, den Helden zu spielen, aber die Umstände ändern sich. Und im gleichen Augenblick, wo ich nicht mehr gebraucht werde, bin ich wieder ein Historiker, und das so schnell, dass Euch beim Zusehen schwindlig wird, Hazel.«

Hazel schniefte, während sie mit ruhigen, geübten Griffen ihre Waffe wieder zusammensetzte. »Es sind Kämpfer, Todtsteltzer, und nicht Träumer, die die Dinge in Bewegung setzen.«

»Ich weiß, was Ihr wollt, Hazel«, erwiderte Owen ein wenig gereizt. »Ihr seid der Meinung, dass wir alle, die wir durch das Labyrinth des Wahnsinns gegangen sind, unsere neuen Fähigkeiten dazu nutzen sollten, um uns einen blutigen Weg direkt in das Herz des Imperiums und nach Golgatha zu bahnen, damit Ihr die Imperatorin Löwenstein in ihrem Palast stellen könnt. Nun, das könnt Ihr getrost vergessen. In dem Augenblick, in dem wir uns zeigen, wird Löwenstein auf uns losgehen ... selbst wenn sie dazu ihre halbe Flotte braucht. Wir sind weder Götter noch Supermenschen, Hazel. Wir besitzen ein paar neue Fähigkeiten, das ist alles. Sehr nützliche Fähigkeiten, wie ich zugebe, aber nur, wenn wir sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen.«

»Du verstehst überhaupt keinen Spaß«, beschwerte sich Hazel. »Was denken die anderen? Ich schätze, sie waren wie du dafür, ängstlich herumzuschleichen?«

Owen runzelte die Stirn. »Giles wollte die nächsten paar Jahre damit verbringen, die Geschehnisse aus sicherer Entfernung zu beobachten und im gesamten Imperium versteckte Basen zu errichten, bevor wir das Risiko eingehen, Löwensteins Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Hätten wir auf Giles gehört, würden wir in zwanzig Jahren noch immer auf unseren Hintern sitzen und darüber nachdenken, ob der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Er ist nicht mehr der Alte, seit er Dram getötet hat. Er ist übervorsichtig und unverbindlich geworden. Jakob Ohnesorg wollte eine Armee aufstellen, allein mit Hilfe seines berühmten Namens, und dem Imperium Welt für Welt entreißen, wie in alten Zeiten. Wir mussten ihn ziemlich nachdrücklich daran erinnern, dass es schon damals nicht funktioniert hat und heute erst recht nicht funktionieren würde. Ruby Reise wollte einfach nur jemanden umbringen, so schnell wie möglich und egal, wen. Und der Wolfling ... Er wollte in Ruhe gelassen werden. Also traf ich schlussendlich die meisten Entscheidungen selbst, weil alle anderen viel zu sehr mit Schmollen beschäftigt waren.«

»Vielleicht hätte ich mich wirklich mehr darum kümmern sollen«, sinnierte Hazel.

»Wir haben Euch immer und immer wieder darum gebeten, Hazel. Aber Ihr wart stets irgendwo unterwegs und mit Euren eigenen Angelegenheiten beschäftigt ... Was auch immer das gewesen sein mag. Schießübungen mit Euren neuen Spielzeugen vielleicht oder auch das Verführen eines Hadenmanns.«

»Ich habe die neuen Fähigkeiten ausprobiert, die mir das Labyrinth des Wahnsinns verlieh«, rechtfertigte sich Hazel. »Du magst vielleicht Angst haben vor dem, was es aus uns gemacht hat – ich jedenfalls nicht. Wir alle sind stärker, schneller und ausdauernder als zuvor, doch dahinter steckt noch eine Menge mehr. Zwischen uns existiert jetzt eine Verbindung, ein mentales Band auf irgendeiner tiefen, fundamentalen Ebene. Es ist nicht wie ESP. Ich kann weder deine Gedanken lesen noch die von irgendjemand anderem. Aber wir sind ... auf eine einzigartige Weise miteinander verbunden. Bewusstsein mit Bewusstsein, Seele mit Seele, Körper mit Körper. Ich kann alles, was du kannst, und umgekehrt. Zum Beispiel habe ich jetzt den Zorn. Genau wie du!«

Owen blickte sie scharf an. Der Zorn war sowohl Gabe als auch Fluch der Todtsteltzer. Owen konnte sich für kurze Zeit in einen richtigen Supermann verwandeln, übermenschlich schnell, stark und unschlagbar mit der Waffe in der Hand. Der Zorn war eine Kombination aus mentalem Training, genetisch manipulierten Drüsen und geheimen chemischen Depots tief in seinem Körper, und er war ein sorgfältig gehütetes Geheimnis des Todtsteltzer-Clans. Der Zorn war außerdem verführerischer als eine Droge und machte stärker abhängig, als Drogen es je vermocht hätten. Owen hatte lernen müssen, seinen Zorn nur gezielt und selten einzusetzen. Eine Kerze, die doppelt so hell leuchtet, brennt schließlich auch nur halb so lange. Zuviel Zorn würde ihn im wahrsten Sinne des Wortes ausbrennen lassen. Hazel wusste bereits einiges darüber, aber gewiss nicht alles und mit Sicherheit nicht halb so viel, wie sie zu wissen vermeinte. Owen achtete sorgfältig darauf, seine Stimme ruhig zu halten, als er zu einer Antwort ansetzte.

»Ihr müsst Euch irren, Hazel. Der Zorn ist kein ESP-Phänomen. Er ist das Ergebnis vererbter Anlagen, physischer Veränderungen im Körper und eines wahrhaft höllischen Trainings.«

»Und ich habe ihn.« Hazel grinste triumphierend. »Ich habe mit dem Zorn geübt. Du hast mir nie gesagt, wie gut es sich anfühlt, Todtsteltzer. Ich hatte nicht an die physischen Veränderungen gedacht, die damit verbunden sind, aber du hast wahrscheinlich recht. Na und? Es bedeutet lediglich, dass mein Körper sich von alleine angepasst hat. Interessant. Ich frage mich allmählich, welche anderen Veränderungen noch in mir vorgegangen sind. Allein der Gedanke daran ...«

Owen beugte sich vor und blickte Hazel direkt in die Augen. »Ihr begebt Euch in gefährliches Wasser, Hazel D’Ark. Wir wissen nicht genug über das, was mit uns geschehen ist, um einfach drauflos zu experimentieren. Ihr springt in den Abgrund, ohne dass Ihr eine Vorstellung davon habt, wie tief es hinuntergeht. Wir sollten vorsichtig sein. Immer schön einen Schritt nach dem anderen, unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen.«

»Du hast nur Angst vor deiner eigenen Courage!«

»Verdammt richtig, das habe ich! Und das solltet Ihr besser auch! Das Labyrinth war ein fremdrassiger Artefakt, oder habt Ihr das bereits vergessen? Von fremden Mächten zu einem fremden Zweck geschaffen. Die letzten Menschen, die vor uns hindurchgegangen sind, haben am Ende die Hadenmänner geschaffen. Ihr riskiert jedes Mal Eure Menschlichkeit, wenn Ihr einfach blind drauflos experimentiert, Hazel! Es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass wir die Sache langsam und vorsichtig angehen.«

»Dazu haben wir aber nicht die Zeit! Die Rebellion braucht uns, und zwar jetzt! Du bist doch derjenige, der von unserer Verantwortung gesprochen hat und der immer wieder betont, wie wichtig diese Mission ist. Wenn wir diese Sache überleben wollen und das, was noch kommt, dann werden wir jeden Vorteil ausnutzen müssen, der sich uns bietet. Wenn du nicht vorbereitet bist, um uns anzuführen, dann tritt beiseite und lass es einen anderen machen. Aber keine Angst, Aristo: Wenn ich erst all meine Fähigkeiten entdeckt habe und der Supermensch geworden bin, der zu sein du dich fürchtest, dann werde ich die Rebellion anführen, und du kannst dich wieder hinter deinen Büchern verkriechen. Du bist zu weich, um ein wirklicher Krieger zu sein, Todtsteltzer. Du warst immer schon zu weich. Du träumst noch immer von dem Kind, das du auf Nebelwelt verkrüppelt hast. Hör endlich auf damit. Sie hätte dich umgebracht, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.«

»Das spielt keine Rolle«, erwiderte Owen. Er sah Hazel weiterhin in die Augen. »Sie war noch ein Kind, und ich habe sie niedergestochen, ohne mich daran zu stören. Einfach so, weil mich der Rausch des Kampfes gepackt hatte. Ich werde so etwas nie wieder tun. Wenn ich schon ein Kämpfer sein muss, dann auf die Art und Weise, die ich mir aussuche, und nicht so, wie meine Familie es vielleicht gerne sehen würde. Und ich werde auf gar keinen Fall meine Menschlichkeit aus reiner Zweckmäßigkeit aufgeben, Hazel.

Ich treffe die Entscheidungen bei unserer Rebellion, weil ich der Einzige bin, der die Kriege und Erhebungen der Vergangenheit studiert hat und weiß, wie sie gewonnen oder verloren wurden. Wir werden das Imperium durch Sabotage und Täuschung bekämpfen und indem wir die Herzen der Menschen gewinnen. Kein einziger Unschuldiger darf durch unsere Hand sterben. Und wenn Ihr meint, die Leute würden sich darum drängen, einem fremdartigen, übermenschlichen Superhelden zu folgen, dann irrt Ihr Euch, Hazel. Ihr irrt Euch sogar gewaltig. Sie würden das Imperium um Hilfe anflehen, Euch zu jagen und zu erledigen, damit sie keine Angst mehr vor Euch haben müssten. Wir werden das Hauptquartier der Steuerbehörde angreifen, genau wie geplant, und damit basta. Es wird ein Zeichen für eine neue Art von Rebellion sein, für eine neue Art von Krieg ... ein Krieg, in dem niemand sterben muss, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.«

»Siehst du? Wie ich gesagt habe: Du bist zu weich. Und du neigst dazu, andere zu bevormunden. Ich hatte gehofft, das Labyrinth hätte dich davon kuriert, aber anscheinend habe ich mich geirrt.«

»Warum seid Ihr dann überhaupt hier, Hazel?«

»Ich will verdammt sein, wenn ich das wüsste, Todtsteltzer. Ich dachte wahrscheinlich, dass es ein wenig Abwechslung und Nervenkitzel gäbe, doch anscheinend habe ich mich auch darin getäuscht. Aber das spielt keine Rolle. Das hier ist der Beginn der Rebellion, und ich will ihn nicht versäumen. Und wenn etwas mit deinem sorgfältig ausgearbeiteten Plan schiefgeht, kann ich mit meinen unmenschlichen Kräften immer noch deinen Arsch retten. Bist du jetzt zufrieden?«

»Ihr wollt einfach nicht verstehen, Hazel! Ich fürchte mich nicht vor unseren neuen Fähigkeiten, sondern nur vor dem Preis, den wir vielleicht später dafür werden zahlen müssen.«

Hazel musterte Owen mit ausdruckslosem Blick. »Du bist ein falscher Fuffziger, Owen Todtsteltzer. Diese Metallhand von den Hadenmännern hast du ziemlich schnell angenommen. Sie können alle möglichen hässlichen Überraschungen darin versteckt haben, und du wirst es erst in dem Augenblick erfahren, wo sie sie aktivieren.«

Owen betrachtete die glänzend goldene Prothese. Er hatte seine richtige Hand beim Kampf gegen den fremdrassigen Killer verloren, den das Imperium zur Wolflingswelt gebracht hatte. Die Prothese war bis ins kleinste Detail perfekt und verhielt sich genau wie eine richtige Hand ..., obwohl sie sich meist ein wenig kühl anfühlte. Er blickte wieder zu Hazel und zuckte unbehaglich die Schultern.

»Es ist ja nicht so, dass ich eine großartige Wahl gehabt hätte. Ich brauchte eine neue Hand, und ich darf Regenerationsmaschinen nicht mehr vertrauen, jedenfalls nicht mehr, seit meine verräterische KI Kontrollworte in mich und Euch einprogrammiert hat, die das Imperium gegen uns einsetzen könnte.«

»Ozymandius ist nicht mehr, Owen. Du hast ihn vernichtet.«

»Was macht das für einen Unterschied? Wer weiß denn schon, welche weiteren Überraschungen auf uns in irgendwelchen anderen Maschinen des Imperiums warten, denen wir unsere Körper anvertrauen? Ich vertraue den Hadenmännern nicht blind, schließlich bin ich kein Dummkopf – aber im Augenblick sind sie das kleinere Übel. Sie können nur auf meine Hand Einfluss nehmen, nicht auf meinen Verstand. Außerdem haben sie wirklich gute Arbeit mit dieser Hand geleistet. Sie ist viel kräftiger als das Original, und ich habe genau den gleichen Tastsinn wie früher ..., und ich muss mir die Fingernägel nicht mehr schneiden.«

»Trotzdem. Sie stammt aus den Werkstätten der Hadenmänner«, entgegnete Hazel. »Und ich traue ihnen nicht weiter über den Weg, als ich gegen einen Orkan spucken kann. Das letzte Mal, als die Hadenmänner gegen das Imperium auszogen, waren sie die Götter der Genetischen Kirche, und sie brachten den Menschen Tod oder Umwandlung zu einem der Ihren. Werde ein Hadenmann oder stirb. Hast du das etwa vergessen? Du hast es doch bestimmt in einem deiner wertvollen Bücher gelesen. Und jetzt sind sie wieder da, wie neu geboren und so freundlich und hilfsbereit und vernünftig, dass einem angst und bange werden kann. Ich könnte vor Schreck jedes Mal aus der Haut fahren, wenn sich einer von ihnen nähert. Ich warte ständig darauf, dass ihr anderes Gesicht wieder zum Vorschein kommt.«

Owen nickte. Er wusste, was Hazel sagen wollte. Sie musterten verstohlen die aufgerüsteten Männer, die das Schiff steuerten. Es waren ihrer zwanzig, und alle waren mit Hilfe dicker Kabel, die aus ihren Körpern ragten, mit der Schiffsmaschinerie verbunden oder durch glänzende Apparate, in denen sie versanken wie ein Mann, der halb in Wasser eintauchte. Ihr nichtmenschlicher Verstand kommunizierte auf direktem Weg mit der unergründlichen Technologie, auf einer Ebene, die kein Mensch zu verstehen oder einzuschätzen imstande war. Jeder der Hadenmänner besaß eine ganz bestimmte Funktion an Bord des Schiffs, und er erfüllte sie perfekt. Hadenmänner kannten keine Gefühle wie Langeweile oder Müdigkeit, sie besaßen keine Stimmungen oder Gedanken, die sie von ihrer Konzentration ablenkten. Jedenfalls nicht, solange sie arbeiteten. Vielleicht waren sie in ihrer Freizeit ja Partylöwen, aber Owen hatte da so seine Zweifel. Soweit er es aus der ganzen Zeit beurteilen konnte, da er die Hadenmänner beim Wiederaufbau ihrer fremdartigen und beunruhigenden Stadt tief unter der Oberfläche der Wolflingswelt beobachtet hatte, besaßen die aufgerüsteten Menschen keinerlei Eigenschaften, die nicht streng an Logik und Funktionalität ausgerichtet waren.

Der einzige Hadenmann, den Owen und Hazel gut gekannt hatten, war Tobias Mond gewesen, der eine Zeitlang zu ihrer Gruppe gehört hatte. Doch Mond hatte so viel Zeit unter Menschen verbracht, dass er zumindest oberflächlich ein wenig menschlich geworden zu sein schien oder zumindest menschliche Verhaltensweisen sehr gut zu kopieren gelernt hatte. Im Lauf der Jahre hatte Mond die meisten seiner Energiekristalle geleert und auf diese Weise viele seiner ursprünglichen Fähigkeiten verloren. Er hatte bereitwillig zugegeben, dass er nur ein blasses Abbild eines wirklichen Hadenmanns war. Trotzdem war Mond selbst in jenen Tagen ein verdammt beunruhigender Hurensohn gewesen. Die goldenen Augen und seine Summstimme hatten den Eindruck nicht mildern können. Doch das wirklich Fremdartige an Mond war sein Verstand gewesen. Tobias Mond hatte anders gedacht als Menschen, selbst wenn er versucht hatte, es nicht zu tun.

Und erst die aufgerüsteten Männer, die aus der Gruft von Haden hervorgekommen waren, nachdem sie durch Owen aus ihrem langen, tiefen Erholungsschlaf geweckt worden waren, hatten ausgesehen wie leibhaftige Götter. Ihre Augen hatten geleuchtet wie die Sonne, und ihre Bewegungen waren von vollkommener Eleganz gewesen. Sie waren den anderen nicht so sehr als unmenschlich, sondern viel eher als übermenschlich erschienen. Owen hatte noch immer eine Scheißangst vor ihnen, selbst jetzt noch, nachdem er sich einige Monate an sie hatte gewöhnen können. Seine Hand schwebte in der Nähe seiner Pistole, wann immer sich ein Hadenmann näherte. Sie nannten ihn ihren Erlöser und behandelten ihn stets freundlich und zuvorkommend; aber Owen wusste es besser und blieb wachsam. Er hatte die alten Aufzeichnungen ihrer Angriffe auf die Menschheit studiert und die schlanken goldenen Schiffe gesehen, wie sie die schwerfälligen, plumperen Schiffe des Imperiums umkreist und mit unfehlbaren Schüssen vernichtet hatten. Er hatte die großen schimmernden Gestalten gesehen, die durch die brennenden Städte der Menschen gestapft waren und alles getötet hatten, was sich bewegte. Er hatte gesehen, was mit den Menschen geschehen war, den lebenden und den toten, an denen sie herumexperimentiert hatten, und alles im Namen ihres Kodex’ der Genetischen Kirche. Wenn man nicht länger menschliche Emotionen oder Schranken kannte, konnte man tun, wozu man Lust hatte, und die Hadenmänner hatten es getan. Sie hatten Abscheulichkeiten geschaffen, immer auf der Suche nach unmenschlich perfekter Harmonie zwischen Mensch und Maschine, nach einem Ganzen, das mehr war als die Summe seiner Teile.

Die Hadenmänner hätten den Krieg gegen die Menschheit gewonnen, wenn es mehr von ihnen und weniger Menschen gegeben hätte, doch am Ende waren sie zurückgeschlagen worden. Ihre goldenen Schiffe wurden aufgerieben und in Stücke geschossen, und die wenigen Überlebenden waren in die Sicherheit ihrer Gruft geflüchtet, tief im Innern der Wolflingswelt, inmitten der endlosen Nacht der Dunkelwüste, hinter den Grenzen des Imperiums. Aber sie waren ihrem Ziel gefährlich nahe gekommen, die gesamte Menschheit auszulöschen und sie durch etwas Entsetzliches zu ersetzen. Owen erinnerte sich an das, was er in den alten Aufzeichnungen gesehen hatte, und alle Freundlichkeit und alles Zuvorkommen der Welt würde ihn nicht vergessen lassen, was sie getan hatten und sehr wohl wieder zu tun imstande wären.

Im Augenblick jedoch spielte nichts davon eine verdammte Rolle. Owen brauchte die Hadenmänner. Die Rebellion brauchte sie. Und wenn er sich gegen das Imperium erhob, dann würden auch Zeiten kommen, in denen er eine Armee von ausgebildeten Kämpfern in seinem Rücken brauchte, wollte er gegen Löwensteins Macht bestehen. Und an diesem Punkt kamen die Hadenmänner sehr gelegen. Immer vorausgesetzt, man konnte sie kontrollieren oder sonst wie dazu bringen, Befehlen zu gehorchen. Owen machte sich keine Illusionen wegen der Gefahren, die er für die Menschheit und das Imperium heraufbeschworen hatte. Genügend Zeit vorausgesetzt, konnten die Hadenmänner zu einer Gefahr heranwachsen, die durchaus schlimmer sein würde als alles, was Löwenstein je zu bieten hätte. Owen verdrängte den Gedanken – jedenfalls für den Augenblick –, wobei ihm der Umstand half, dass es eine ganze Reihe weiterer ernster Probleme gab, mit denen er sich herumschlagen musste.

»Lasst uns über angenehmere Dinge reden«, sagte er entschlossen zu Hazel. »Angenommen, wir entwischen den Verteidigungseinrichtungen Golgathas so leicht, wie es die Hadenmänner versprochen haben ..., dann wird das hier unsere erste richtige Chance sein, mit dem Untergrund in Kontakt zu treten. Der Untergrund ist praktisch der einzige noch existierende organisierte Widerstand gegen das Imperium. Soweit ich weiß, handelt es sich größtenteils um Esper und Klone, aber sie besitzen auch eine ganze Reihe von zum Teil einflussreichen Verbündeten. Wir brauchen sie auf unserer Seite. Ich hoffe nur, wir hinterlassen durch unsere Aktion einen guten ersten Eindruck, und es gelingt uns, sie davon zu überzeugen, dass wir eine Macht sind, mit der sie rechnen können. Jakob Ohnesorgs Name sollte ein paar Türen öffnen, und er hat mir ein paar Leute genannt, auf die er schwören würde ..., doch die sind möglicherweise schon seit Jahren nicht mehr aktiv. Vielleicht sind sie inzwischen sogar tot. Jakob hat eine Menge Leute verraten, als die Imperialen Hirntechs ihn in der Mangel hatten. In einigen Gegenden wird er sicher nicht mehr so beliebt sein, und sein Name könnte uns ebenso gut schaden wie nutzen. Das Gleiche gilt für meinen werten Vorfahren Giles, den ursprünglichen Todtsteltzer. Es mag vielleicht nützlich sein, eine lebende Legende an seiner Seite zu wissen, wenn man Leute rekrutieren muss, aber es besteht immer eine gewisse Chance, dass diese Leute anschließend von der Wirklichkeit enttäuscht sind.«

»Vorausgesetzt, er ist wirklich der ursprüngliche Todtsteltzer«, gab Hazel zu bedenken.

»Das ist ein Punkt, ja«, stimmte Owen unglücklich zu. »Er scheint verdammt viel über das zu wissen, was sich in letzter Zeit im Imperium abgespielt hat. Zu viel jedenfalls für einen Mann, der angeblich neunhundert Jahre in Stasis gelegen hat.«

»Und wenn er nicht ist, was er zu sein vorgibt: Wer oder was ist er dann? Ein Imperialer Agent? Ein Klon? Irgendein Verrückter mit Größenwahn?«

»Das sind sicherlich einige der Möglichkeiten«, sagte Owen. »Aber ich dachte eigentlich an etwas viel Beunruhigenderes. Er könnte schließlich eine Furie sein.«

Hazel blickte Owen einige Sekunden lang wie betäubt an. Der Gedanke hatte sie sprachlos gemacht. Furien waren Waffen, die die abtrünnigen KIs von Shub geschaffen hatten, um als ihre Agenten in der Welt der Menschen aufzutreten. Geschöpfe aus lebendem Metall in einer Hülle aus geklontem Fleisch, identisch mit Menschen, soweit das nackte Auge es beurteilen konnte, doch imstande, entsetzliche Verwüstungen anzurichten, wenn man sie entdeckte. Furien waren unüberwindliche Killer und gnadenlose Gegner. Zum Glück hatte das Imperium im Lauf der Jahre nicht allzu viele von ihnen getroffen. Sie waren leicht durch Esper zu identifizieren, und ein Disruptor kümmerte sich einen Dreck darum, wie stark eine Furie war. Doch es bestand immer die Möglichkeit – wenn auch nur eine geringe –, dass sich noch ein paar von ihnen unentdeckt unter den Menschen aufhielten, ihre falschen menschlichen Leben lebten und den KIs regelmäßig Bericht erstatteten, während sie auf den Befehl warteten, die Menschheit von innen heraus zu zerstören.

»Gibt es einen bestimmten Grund, warum du glaubst, Giles könnte eine Furie sein?«, fragte Hazel, als sie die Sprache wiedergefunden hatte.

»Nichts Konkretes. Ich fand es nur ein wenig seltsam, dass Shub die einzige Partei ist, von der wir noch nichts gehört haben. Alle anderen scheinen sich an unserer Rebellion beteiligen zu wollen. Nicht, dass ich darüber traurig wäre, im Gegenteil – aber wenn ich von Shub wäre, würde ich zusehen, dass ich einen oder zwei meiner Agenten sowohl am Imperialen Hof als auch im Untergrund einschleuse. Shub hat ein elementares Interesse daran zu erfahren, wann das Imperium schwach ist.«

»Du hast recht«, sagte Hazel. »Das ist ein beunruhigender Gedanke. Wenn du noch mehr davon hast, behalte sie bitte für dich. Ich habe genug mit meiner eigenen Paranoia zu tun. Warum hast du eigentlich nicht schon vorher darüber gesprochen, wenn du dir solche Sorgen machst?«

»Ich habe keinerlei Beweise. Außerdem wusste ich ja nicht, wer mir alles zuhörte. Oder wem ich trauen durfte. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Giles genau der ist, der er zu sein vorgibt.«

»Wieso?«

»Weil man irgendjemandem vertrauen muss.«

»Ja«, erwiderte Hazel gedehnt. »Genau das ist es, was mich beunruhigt.«

Owen seufzte. »Das Leben war noch nie so kompliziert wie heute. Es hat eine Zeit gegeben, da lautete die schwerwiegendste Frage des Tages, welchen Wein ich zum Abendessen trinken würde.«

Hazel grinste plötzlich. »Und du willst wirklich all die Abenteuer hinter dir lassen, um zu diesem Leben und deinen staubigen Büchern zurückzukehren?«

»Verdammt richtig, das will ich. Ich will mein altes Leben zurückhaben. Ich war vollkommen glücklich als unbedeutender Historiker, der für niemanden wichtig war außer für sich selbst. Die besten Weine, das beste Essen, jeder Laune nachgeben und jede Minute des Tages und der Nacht genießen. Keine Sorgen, keine Verantwortung, die ich nicht ruhigen Gewissens an jemand anderen delegieren konnte, und absolut keine Möglichkeit, ganz plötzlich und auf denkbar unangenehme Weise ermordet zu werden. Ich würde auf der Stelle zurückkehren, wenn ich könnte.«

»Und all deine Freunde im Stich, lassen? Was wird aus mir?« Hazel warf ihm einen koketten Blick zu.

Owen zuckte zusammen. »Lasst das bitte, Hazel D’Ark. Es sieht richtig gekünstelt aus, wenn Ihr das tut. Außerdem müsst Ihr Euch keine Gedanken machen, dass ich Euch oder die anderen verlassen könnte. Ich habe bereits gesagt, dass ich mir meiner Verantwortung als einer der Anführer dieser Rebellion bewusst bin. Ich habe gesehen, auf wie viel Leid und Ungerechtigkeit das Imperium gebaut ist, und ich kann die Augen nicht wieder abwenden und so tun, als wäre ich blind. Millionen von Menschen müssen bluten und sterben oder werden versklavt, nur damit ich und ein paar andere ein Leben in Saus und Braus führen können. Ich habe bei meiner Ehre und bei meinem Blut geschworen, dass ich dem ein Ende bereiten werde. Und das werde ich auch ... oder bei dem Versuch sterben. Ich mache mir keine Illusionen über mich selbst oder die Art und Weise, wie es dazu gekommen ist, doch ich bin kein Held, Hazel. Ich bin nur ein weiteres armes Schwein, das in die Enge getrieben wurde. Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich gerne das Thema wechseln. Gab es irgendwelche Neuigkeiten von Nebelwelt, bevor wir aufbrachen?«

»Nichts, das uns weiterhelfen würde. Ruby und ich kennen ein paar wichtige Leute in Nebelhafen, und Jakob Ohnesorg nannte noch ein paar zusätzliche Namen, aber alle sind sehr misstrauisch uns gegenüber. Wir haben uns während unseres letzten Besuchs keine Freunde gemacht, und sie haben in all den Jahren auf die harte Tour gelernt, niemandem zu trauen außer sich selbst. Sie warten darauf, dass wir zuerst beweisen, auf wessen Seite wir stehen; sie wollen ein Zeichen, etwas Stolzes und Wagemutiges und vor allem etwas Erfolgreiches.«

»Das klingt vernünftig«, entgegnete Owen. »Dieser erste Schlag gegen Golgatha sollte sie beeindrucken. Vorausgesetzt, nichts läuft schief und wir versauen die Sache nicht selbst. Wir haben nur diese eine Chance, und wir hatten keine Zeit zum Üben. Ich gebe mir die größte Mühe, nicht darüber nachzugrübeln, was alles danebengehen könnte – ich kriege nur Kopfschmerzen davon, und meine Blase spielt verrückt. Ich bin einfach nicht zum Krieger geboren, ganz egal, wie mein Vater darüber dachte.«

Hazel sah Owen in die Augen. »Todtsteltzer, du denkst zu häufig an deinen Vater. Du hast mir erzählt, wie er versucht hat, dich während deines ganzen Lebens zu manipulieren, mit all seinen Intrigen und Verschwörungen und geheimen Plänen, aber jetzt ist er tot. All das ist vorbei. Hör auf, darüber nachzudenken. Du bist inzwischen dein eigener Herr.«

»Bin ich das? Er zieht noch immer die Fäden, selbst im Grab! Das ist genau die Sorte von wunderbar heroischer Geste, an die er immer glaubte. Ich stehe im Begriff, genau der Mann zu werden, den er aus mir machen wollte; die Sorte Mann, die ich nie werden wollte – ein Schläger mit einem Schwert.«

Hazel seufzte innerlich. Sie fragte sich allmählich, wie oft sie noch das Thema würden wechseln müssen, bis sie endlich etwas gefunden hätten, über das sie entspannt reden könnten. Irgendetwas musste es doch verdammt noch mal geben! »Dieser Stevie Blue, den wir auf Golgatha treffen sollen – was weißt du über ihn?«

»Ihr habt den gleichen Bericht gelesen wie ich, Hazel. Offensichtlich ist er ein Esper-Klon in relativ hoher Position innerhalb der Untergrundbewegung von Golgatha. Wenn es uns gelingt, ihn zu treffen, dann wird er bei uns bleiben und bei der weiteren Planung die Stimme des Untergrunds repräsentieren. Wenn ich jedoch zwischen den Zeilen lese, dann habe ich das Gefühl, er ist ein Anarchist – aber man braucht jeden, den man bekommen kann, wenn man eine Rebellion plant.«

»Was soll deiner Meinung nach eigentlich geschehen, wenn wir erst gewonnen haben und alles vorbei ist?«, fragte Hazel plötzlich. »Wir haben noch nie darüber gesprochen, keiner von uns. Wir haben jede Menge darüber geredet, wie wir die Löwenstein zu Fall bringen wollen, aber kein Wort davon, durch was wir sie ersetzen wollen.«

»Das ist im Augenblick auch noch ziemlich offen«, antwortete Owen. »Die Chancen für unser Überleben sind nicht besonders hoch, ganz zu schweigen davon, dass wir gewinnen. Aber wenn es uns gelingt, sie zu stürzen ... Nun, ich schätze, das Parlament und die Versammlung der Lords werden passende Kandidaten präsentieren, und wir werden gemeinsam einen davon als neuen Imperator bestimmen, der dann Reformen in Gang setzt. Beseitige die Korruption, arbeite hier und dort ein wenig mehr Demokratie ein und natürlich eine Generalamnesie für alle Rebellen der Vergangenheit und der Gegenwart, und dann können wir alle nach Hause gehen und wieder ein normales Leben führen.«

»Zur Hölle damit!«, schimpfte Hazel aufgebracht. »Wir machen das hier doch nicht alles durch, um uns dann wieder mit dem gleichen alten Kram abzugeben, nur ein wenig hübscher verpackt! Das gesamte System ist von Kopf bis Fuß korrupt, und unsere einzige Chance auf wirkliche Gerechtigkeit besteht darin, es einzureißen und ganz von vorn zu beginnen. Kein Imperator mehr, keine Lords, Freiheit für alle Klone und Esper, volle Demokratie und gleiches Recht für alle!«

»Für alle?«, fragte Owen entsetzt. »Ihr meint, für Klone, Esper, Fremdrassige ... wirklich alle?«

»Verdammt richtig, Todtsteltzer. Es muss für alle sein. Das ist es, was Freiheit bedeutet.«

»Klingt in meinen Ohren eher nach Anarchie. Wenn niemand weiß, wo er hingehört, wie soll man dann irgend etwas erreichen?«

»Ich wusste nie, wo ich hingehörte, und ich habe eine ganze Menge erreicht, Todtsteltzer. Du wärst überrascht, wozu die Menschen fähig sind, wenn man sie nur lässt.«

Owen musterte sie nachdenklich. »Hazel D’Ark. Die D’Arks gehörten einmal zum Adel, und das ist noch gar nicht lange her. Entdecke ich da vielleicht eine etwas zu heftige Reaktion? Von jemandem, der sich seiner aristokratischen Abstammung schämt? Sicherlich besitzt auch Ihr einen Rest Loyalität gegenüber dem Eisernen Thron. Gebt es nur zu, Hazel.«

»Da irrst du dich gewaltig, Todtsteltzer. In Bezug auf das verdammte adlige Pack kenne ich nur eine weiche Stelle, und das ist ein Treibsandtrichter, der groß genug ist, um sie alle auf einmal zu verschlingen. Ich war niemals eine Aristo. Ich bin keine geborene D’Ark. Ich stahl den Namen, während ich auf der Flucht war und dringend falsche Papiere benötigte. Ich behielt ihn hauptsächlich deswegen, weil mir der Klang gefiel, und ich wollte nicht riskieren, dass meine Familie mich wiederfinden oder ich zu ihr zurückgeschickt werden würde, falls man mich irgendwann geschnappt hätte.«

»Ihr sprecht nie über Eure Familie, Hazel«, sagte Owen. »Vermisst Ihr sie nicht?«

»Nein, das tue ich verdammt noch mal ganz bestimmt nicht!«, entgegnete Hazel wütend. »Und wenn ich nie wieder etwas von ihnen höre, dann ist mir das genau recht!«

Owen forschte vorsichtig weiter. »Haben sie ... hat man Euch missbraucht? Auf irgendeine Weise?«

»Oh nein! Nichts in der Art. Sie waren nur so verdammt langweilig und nett. Ich hab’ es einfach nicht mehr ausgehalten. Sie dachten, ein wenig Wein und Käse ergäben bereits eine wilde Party. Ich musste das Universum kennenlernen, das Leben schmecken, bevor ich alt und grau wurde. Bevor ich so wurde wie sie. Du weißt, was ich meine.«

»Ja«, erwiderte Owen. »Ich vermute, das weiß ich. Aber ich hatte nie eine Chance, meine Familie zu verlassen. Zu viele Pflichten, zu viel Verantwortung. Am Ende hat meine Familie mich verlassen, einer nach dem anderen. Sie starben, während ich hilflos daneben stand und zusehen musste. Es gab nichts, das ich dagegen hätte tun können, aber das Gefühl, dass ich etwas hätte tun müssen, quält mich heute noch.

Eine Menge von ihnen starb am Zorn, als sie noch Kinder waren. Nur wenige aus jeder Generation überleben den ersten Anfall. Das ist der Preis für unser genetisches Geschenk. Deswegen bin ich der einzige Abkömmling aus der Blutlinie meines Vaters. Und jetzt bin ich so ziemlich alles, was von unserem Clan überhaupt noch übrig ist. Es scheint, als hätte die Imperatorin einen entfernten Vetter aufgetrieben, der die Lordschaft an meiner Statt übernommen hat, aber ich bin der letzte aus der direkten Linie. Wenn ich sterbe, stirbt meine Linie mit mir. Ich bin nicht sicher, ob das gut ist oder nicht. Mir scheint, die Todtsteltzer haben im Lauf der Jahre genauso viel Böses wie Gutes vollbracht ... Andererseits trifft das wohl für die meisten Familien zu. Und über allem mein Vater, der mich und jeden anderen seinen endlosen Ränken und Intrigen geopfert hat ... Ich hatte nie ein eigenes Leben, selbst als kleines Kind nicht. Diese Mission hier ... Das ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, mein eigener Herr zu sein und nicht das zu tun, was mein Vater für mich geplant hat. Ich fühle mich so ... so seltsam befreit.«

Plötzlich musste er grinsen. »Ihr habt recht, Hazel D’Ark. Ich scheine wirklich den Hang zu haben, den Leuten Vorträge zu halten, oder? Ich fürchte, das gehört zu den Lastern eines Gelehrten. Worüber sprachen wir gerade? Ach ja, allgemeines Wahlrecht, selbst für Unpersonen. Ich glaube nicht, dass Ihr Euch die Sache richtig überlegt habt, Hazel. Wenn all die Klone und Esper befreit und zu gleichberechtigten Bürgern erklärt werden würden, dann würde das gesamte Imperium zusammenbrechen. Unsere gesamte Wirtschaft beruht auf der Ausbeutung von Klonen und Espern. Sie drehen die Räder, die die Dinge in Bewegung halten. Ohne sie würde alles einfach auseinanderfallen. Die Nahrungsmittelverteilung und die Energieversorgung würden unterbrochen, die Wirtschaft versänke im Chaos ... Die Zivilisation selbst wäre bedroht. Milliarden von Unschuldigen würden darunter leiden.«

»Niemand ist wirklich unschuldig, Todtsteltzer, wenn sein behagliches Leben auf dem Leid anderer beruht. Wenn wir die Zivilisation einreißen müssen, um sie in einer gerechteren Form anschließend wieder neu zu errichten, dann werden wir genau das tun. Erinnerst du dich noch, wie entsetzt du warst, als du die Lebensbedingungen der Einwohner von Nebelwelt gesehen hast? Die entsetzlichen Zustände und die kurzen, brutalen Lebensspannen? Überleg mal, wie schlimm das Leben für Klone und Esper erst im Imperium sein muss, wenn sie ihr Leben riskieren, um nach Nebelwelt zu fliehen! Sie sind keine Bürger zweiter Klasse, sie sind noch nicht einmal Sklaven! Sie sind nur Eigentum. Sie arbeiten, bis man sie fallenlässt, weil es immer genügend Nachschub gibt. Ich habe es vollkommen ernst gemeint, als ich sagte, wir reißen alles ein! Alles wäre besser als das, was wir jetzt haben.«

»Das will ich nicht bestreiten«, entgegnete Owen. »Ich habe die meiste Zeit meines Lebens all das ignoriert, was ich nicht sehen wollte. Doch das ist jetzt vorbei. Trotzdem bleibt das Problem mit den Fremden. Es gibt mindestens zwei fremde Rassen dort draußen, ganz zu schweigen von denen, die das Labyrinth des Wahnsinns erbaut haben, und sie sind uns technologisch alle zumindest ebenbürtig. Wenn wir das Imperium zu sehr schwächen, marschieren sie vielleicht einfach ein und löschen uns aus.«

Hazel zuckte die Schultern. »Wir können uns nicht leisten, alle Möglichkeiten zu bedenken, sonst werden wir noch verrückt. Es gibt immer einen oder zwei gute Gründe, aus denen wir nichts unternehmen sollten. Aber Löwenstein muss fallen, wenn die Menschen frei sein sollen und wenn du und ich in Sicherheit leben wollen. Wir können nur eine Sache nach der anderen erledigen, und wir werden uns über die Fremden Gedanken machen, wenn sie zum ersten Mal auftauchen. Sie müssen nicht unbedingt unsere Feinde sein, weißt du? Und außerdem bist du genau der Richtige, um mich vor den Fremden zu warnen – schließlich warst du es, der eine ganze Armee von Kyborgs aus ihrem Schlaf geweckt hat. Es gibt nur einen einzigen Grund, aus dem die Hadenmänner nicht immer noch offiziell Feind Nummer Eins der Menschheit sind, und zwar den, dass die KIs von Shub schlimmer sind. Aber wie ich dich kenne, schlägst du als Nächstes vor, dass wir uns auch noch mit denen verbünden.«

»Ich würde mir eher den Kopf mit einer rostigen Säge abschneiden«, erwiderte Owen fest. »Die Hadenmänner sind ein kalkuliertes Risiko. Doch Shub wird sich mit nichts Geringerem zufriedengeben als der Auslöschung der gesamten menschlichen Spezies. Ich mag vielleicht tollkühn sein, aber ich bin nicht dumm.«

Ihre Köpfe ruckten herum, als sich einer der aufgerüsteten Männer näherte. Verstohlen richtete Hazel den Lauf ihrer wieder zusammengesetzten Projektilwaffe auf den Kyborg, während Owens Hand wie zufällig über dem Griff seines Disruptors schwebte. Der Hadenmann bewegte sich mit übermenschlicher Eleganz, und seine Augen leuchteten so intensiv, dass weder Owen noch Hazel seinem Blick standhalten konnten. In seinem Gesicht war nichts zu erkennen, das eine menschliche Emotion hätte sein können, und als er zu sprechen ansetzte, kam aus seiner Kehle ein groteskes Summen.

»Wir haben den Hyperraum verlassen und befinden uns gegenwärtig in einem Orbit um Golgatha. Die Schiffslektronen haben Kontakt mit den Sicherheitssatelliten aufgenommen und sie davon überzeugt, dass unsere Anwesenheit hier vollkommen normal und nicht bedrohlich ist. Unsere Tarnschirme werden uns vor anderen Schiffen und planetengestützten Ortungseinrichtungen verbergen, während wir zur Oberfläche hinabsinken. Es wird keinerlei Schwierigkeiten geben. Ihr könnt Euch für den Absprung bereitmachen.«

»Danke sehr«, sagte Owen höflich, doch der Hadenmann hatte sich bereits wieder umgedreht und ging davon. Hadenmänner taugten einfach nicht für kleine Plaudereien. Hazel zog in seinem Rücken eine Grimasse, dann wandte sie den Kopf zu Owen. »Na, Todtsteltzer? Bist du bereit, oder musst du erst noch mal auf die Toilette?«

»Ich glaube nicht, dass noch irgendjemand einen Tropfen aus mir herauspressen könnte. Lasst uns zum Frachthangar gehen, Hazel. Es wird Zeit, dass die Dinge ins Rollen kommen.«

»Verdammt recht hast du«, stimmte Hazel zu.

Sie bahnten sich einen Weg ins Heck, vorbei an den fremdartigen Maschinen und über sie, wo kein Weg um sie herum zu erkennen war. Das glänzende Metall fühlte sich unbehaglich kühl an, und manche Apparate schimmerten undeutlich, als wären sie nicht die ganze Zeit über da. Owen und Hazel hielten sich so weit wie möglich von den Maschinen fern, während sie Ebene um Ebene zum Frachthangar hinabstiegen. Die Wände der weiten stählernen Höhle hingen voller dicker Kabel, die sich in verwirrenden Mustern ineinander verschlangen. Die einzigen Ausrüstungsgegenstände in dem ansonsten leeren Hangar waren zwei Antigravschlitten und eine kleine Box mit sorgfältig präparierten Kode-Disketten, die in die Lektronen der Steuerbehörde eingeschleust werden sollten. Owen und Hazel überprüften die Schlitten sorgfältig, nur für den Fall; dann setzten sie sich und warteten. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern.

Die Schlitten, Imperiale Standardmodelle, hatten eine beunruhigende Ähnlichkeit mit einem Sargdeckel. Eine flache Schale mit integriertem Antigravmotor, einer Steuereinheit, zwei eingebauten Disruptorkanonen und einem Schutzschild, um die Insassen vor dem Fahrtwind zu schützen. Ziemlich einfach, aber das war alles, was sie brauchten – wenn nichts schiefging.

Owen wog die Lektronenkodes in der Hand. So ein kleines Päckchen, und es war imstande, so viel Schaden anzurichten. Ganz wie Hazel, wenn man es genau bedachte. Der Vergleich ließ Owen grinsen, und er blickte zu Hazel hinüber. Sie hatte das Schwert gezückt und polierte die Klinge mit einem schmutzigen Lappen. Owen war sich nie ganz sicher in Bezug auf seine Gefühle gegenüber Hazel. Sicher, er respektierte sie, er bewunderte ihre Geschicklichkeit im Umgang mit Waffen ... Sie war eine der besten Kämpferinnen, die je an seiner Seite gestanden hatten. Und er achtete ganz bestimmt das leidenschaftliche Feuer in ihrer Stimme, wenn sie von Freiheit und Gerechtigkeit sprach, auch wenn er nicht unbedingt mit ihren Ideen einverstanden war. Sie war in sein Leben geplatzt wie ein durchgehendes Pferd, hatte ihn vor dem sicheren Tod bewahrt und sich anschließend darangemacht, alles in Frage zu stellen, an das er jemals geglaubt hatte. Und irgendwann während dieser Zeit, ganz gegen seinen Willen, hatte er sich in Hazel verliebt.

Owen hatte ihr natürlich nichts davon gesagt, und er fragte sich allmählich, ob er es je tun würde. Schließlich war er all das, was sie zu verachten behauptete: ein naiver Aristo mit mehr Vorfahren als Verstand. Er glaubte zwar, dass sie ihn wenigstens als Kämpfer achtete, aber darüber hinaus hatte er nicht die leiseste Ahnung, was sie von ihm hielt. Außerdem war er ein Todtsteltzer. Er hatte die Pflicht, jemanden aus seinen eigenen gesellschaftlichen Kreisen zu heiraten. Aber ... er war nicht mehr länger Aristokrat. Löwenstein hatte Owen öffentlich für vogelfrei erklärt und ihm seinen Rang und seine Privilegien aberkannt. Was bedeutete, dass er tun und lassen konnte, was er wollte. Und Hazel war tapfer und treu, mit einem breiten Lächeln und Augen, für die er gestorben wäre. Eine Schande, die roten Haare ... Sie war schlau und geschickt, und sie war entschlossen, sich von niemandem etwas vormachen zu lassen, am allerwenigsten von ihm, Owen.