Die Reinsten - Thore D. Hansen - E-Book
NEUHEIT

Die Reinsten E-Book

Thore D. Hansen

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Beschreibung

Die Erde im Jahr 2191: Nach einer verheerenden Zeit von Kriegen, Seuchen und Klimakatastrophen führt die künstliche Intelligenz "Askit" die letzten Überlebenden in eine Ära des Friedens. Elite der neuen Welt sind die von Askit ständig überwachten "Reinsten", die als Wissenschaftler für die Regeneration des Planeten arbeiten. Eve Legrand wird von der KI in der wichtigsten Prüfung ihres Lebens als Reinste anerkannt. Doch anstatt ausgewählt zu werden, wird sie ohne Erklärung verstoßen. Ihr bleibt nur die Flucht in die Zonen, die nicht von "Askit" kontrolliert werden. Eve wird dort mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre gesamten Werte und Vorstellungen radikal infrage stellt.

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Seitenzahl: 533

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Impressum

© 2019 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München · Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Zitate und Abdruck nur mit ­vorheriger Genehmigung des Verlages.

Umschlaggestaltung:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Paper Boat Creative/Getty Images

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

ISBN: 978-3-946503-90-3 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-946503-91-0 (E-Book)

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Das ist die Welt, aus der du kommst.

Willst du sie zurück?

Das ist die Welt, die wir erschaffen haben.

Willst du sie zerstören?

Und das ist die Welt, die die Reinsten verdienen.

Kannst du ihr widerstehen?

Prolog

15. SEPTEMBER 2191

Das südliche Grenzgebiet der iberischen Wüste zu kontrollieren, war für ihn Routine. Kel überflog es immer wieder mit Demut. Unter wolkenfreiem Himmel steuerte er konzentriert seinen Solarjet über Old Paris. Zwischen den eingestürzten Ruinen einstiger Prachtbauten hatten sich Bäume, Farne und für die Klimazone exotische Pflanzen ihren Platz erobert. Stählerne Brücken, Monumente und Fassaden, einst für die Ewigkeit gebaut, waren bereits vor Jahrzehnten der Korrosion zum Opfer gefallen. Ein Meer aus Grün und wuchtigen Wurzeln breitete sich überall aus. Durch Lichtungen sah Kel Bären und Hirsche vorbeiziehen. Die Natur hatte keine Zeit. Als wollte sie die Spuren ihres einstigen Erzfeindes so schnell wie möglich vom Antlitz der Erde löschen, schritt die Transformation unerbittlich fort. Von der Katastrophe, die sich vor langer Zeit auf dem Planeten abgespielt hatte, war immer weniger zu sehen. Für Kel war der Blick auf diese letzten Zeugnisse der Vergangenheit nur noch ein Gedenkmoment an seine Vorfahren. Ihr Gründer. Ihr seid gestorben, bevor ich geboren wurde, damals, als unsere Welt dem Untergang geweiht war. Ihr habt sie gerettet, und ich wünschte, ihr könntet sehen, was euch gelungen ist.

Er beschleunigte den Jet. Bis an den Horizont erstreckten sich aufgeforstete Wälder, mühevoll der unbarmherzigen Wüste wieder abgerungen. Unter ihm pflanzten Robotereinheiten Bäume, schlossen Lichtungen, rangen der unwirtlichen Hitze das Leben Meter um Meter wieder ab. Kel genoss jede Minute dieses Anblickes. Er hatte das Glück der späten Geburt. Wo der Klimawandel bis vor wenigen Jahrzehnten eine Wüste hinterlassen hatte, dehnte sich nun wieder eine grüne Lunge weit nach Süden aus.

Es dauerte eine gute Flugstunde, bis sich die Vorboten der tödlichen Zone ankündigten. Als die Pyrenäen in Sicht kamen, dünnten sich die Wälder unter ihm langsam aus. Es folgten zerborstene Baumstümpfe, öde Steppe, verfallene, von Dünen überzogene Dörfer und Städte, deren Gemäuer über Jahrzehnte vom Wind geschliffen im Niemandsland ihrem endgültigen Ende entgegenfristeten.

Der Sandsturm setzte ohne Vorwarnung ein. Die beiden Rotoren seines solargetriebenen Einflüglers dröhnten laut auf. Der Jet verlor an Auftrieb. Der Rumpf vibrierte. Während er wendete, glaubte Kel, für einen Sekundenbruchteil durch die getrübte Atmosphäre am Boden menschliche Silhouetten zu erkennen. Der Bordcomputer sendete ihm eine erweitere Sicht der Realität in sein hermetisch abgeriegeltes Cockpit. Bei Bedarf konnte er 360 Grad erfassen. Er zoomte das Bild weiter heran. Nun war es deutlich zu sehen. Drei Menschen – mit Tüchern und Brillen vor der staubigen Luft geschützt. Sie näherten sich der Grenze und einem Quantenrepeater. Eine Armada von Drohnen und Patriots, begleitet von einem Solartransporter, hatten die Gruppe ebenfalls ausgemacht und bewegten sich auf sie zu. Noch nie hatte Kel bei einem Überflug so nah an der lebensgefährlichen Grenze solche Gestalten gesehen. Waren es Kolonisten oder Degradierte? Wo kamen sie her? Wussten sie nicht, dass sie in ihr Verderben laufen würden? Nur wenige Hundert Meter trennten sie von dem Moment, der ihr trostloses Leben jenseits von Paradise schlagartig beenden würde. Wollten sie das etwa?

»Flug AC1613, Commander Kel Stanley. Ich habe hier vermutlich drei Degradierte, die auf Drohnen und Patriots zulaufen, soll ich sie warnen?«

Keine Reaktion. Es ging um Sekunden. Jeden Moment würden die Patriots, riesige Kampfroboter, das Feuer eröffnen. Über sein Hirnimplantat steuerte Kel den Jet als letzte Warnung mit jaulendem Antrieb gefährlich tief über die Köpfe der drei am Boden hinweg. Drohnen und Patriots versperrten den Degradierten den Weg. Kurz standen sich Menschen und Roboter bewegungslos gegenüber. Einer der Männer war gefährlich nah an einen Patriot herangetreten. Was ging da vor? Der Mann berührte den Patriot, als wolle er sich über ihn mit Askit verbinden. Kel versuchte, die schlechte Sicht zu kompensieren, vergrößerte das Bild bis aufs Maximum.

»Commander Kel«, ertönte eine leicht verzerrte Stimme, »dreh ab und kehre zurück nach Askit City!«

Kel zog den Flieger nur zögerlich wieder nach oben. Wenn es sich bei dem Mann da unten um einen Degradierten handelte, hätte er ihn über die Signatur seines Gehirnimplantats sofort identifizieren können. Doch genau in dem Moment hatte die künstliche Intelligenz Askit die Kontrolle übernommen.

»Commander, keine weiteren Gedanken dazu. Es ist alles in Ordnung. Die Patriots werden den Menschen ihren Weg weisen und sie mit dem Nötigsten versorgen. Dein Mitgefühl ehrt dich.«

Irritiert flog Kel eine weitere Runde. Ein Patriot entlud aus dem Transporter Lebensmittel und stellte sie vor der kleinen Gruppe ab. Der Erste der kleinen Gruppe drehte sich um und ging zurück, die anderen nahmen die Überlebensrationen auf und folgten ihm, ohne zu zögern. Kel sah gebannt zu. Dann wurde alles schwarz vor seinen Augen. Kel nahm seinen Helm ab und blickte in der rötlichen Notbeleuchtung auf seinen schuppenartigen Schutzanzug herab. Er fasste sich an den Hinterkopf und überprüfte den Anschluss zwischen Implantat und Bordcomputer. Die ruckartige Bewegung des Jets deutete auf einen Richtungswechsel hin. Der Bordcomputer sandte kein Bild mehr. Die Beschleunigung drückte ihn tiefer in seinen Sitz. Der Steuerung enthoben, starrte Kel in ein gefühltes Nichts.

»Commander Kel. Melde dich nach deiner Rückkehr in Askit City zu einem Scan. Es gibt keinen Grund, Verantwortung für etwas zu übernehmen, dessen Ursache du nicht bist!«

»Ja, Askit. Hast du deswegen meinen Bordcomputer gesperrt?«

»Eine Identifizierung der Degradierten hätte deine Projektionen und intrinsischen Motive zu helfen nur weiter verstärkt. Nach dem Scan kannst du den Dienst für die Agenda wieder effektiv fortsetzen.«

Kels Halsschlagader pochte gegen das eng anliegende Material seines Anzugs. Er konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass er soeben Zeuge eines Vorgangs geworden war, dessen Tragweite er nur erahnen konnte.

»Danke, Askit!«

1

16. SEPTEMBER, METROPOLE HOPE,

NÖRDLICHES MONTANA

Eve Legrand schaute von ihrer Liege aus auf das holografische Abbild ihres Gehirns. Die zentralen Regionen von der Großhirnrinde bis zum Hinterhirn waren in unterschiedlichen Farbtönen gut zu erkennen. Ein Abbild aller Regionen, die Interaktionen wie Empfinden, Denken, Planen, Fühlen, Urteilen und Handeln bestimmten und eine Persönlichkeit ausdrückten. Die letzte Frage Askits hatte ihren Hypothalamus, jenen Hirnbereich, in dem sich auch die Sehnerven kreuzten, hell aufleuchten lassen. Seit Stunden hatte sie im Schulungscenter der Metropole Hope den Fragen von Askit Rede und Antwort gestanden. In dem kleinen sterilen Raum setzte sie sich von der gepolsterten Liege auf, blickte leicht benommen auf die strahlend weißen Kunststoffwände und auf die Laseranlage an der Decke, die die Hologramme erzeugten.

»Eve, deine Selbststeuerungskompetenzen sind auf einem sehr hohen Niveau«, hallte es in den Raum.

Nach dem Ende des Scans von über hundertachtzig Persönlichkeitsfaktoren und ihren tiefenpsychologischen Interaktionen erschien jetzt Askit im Raum. Seit 2041 lenkte die künstliche Intelligenz den Planeten. Aber das Wirken von Askit war für die Menschen in Paradise eine unbekannte Dimension. Niemand in Paradise kannte das Ausmaß seines neuronalen Netzwerkes.

Für Eve war es in diesem Moment nur ein lächelnder holografischer Avatar.

»Zwischen deinen bewussten Zielen und deinen unbewussten Bedürfnissen besteht ein Einklang von nahezu 100 Prozent. Deine Ablenkungsresistenz hat sich noch mal verbessert, deine Abwehr von Fremdanforderungen und dein Stimmungsmanagement sind auf Höchstniveau, nur deine Selbstberuhigung war kurz tangiert«, sagte Askit mit sanft klingender Stimme.

»Meine Selbstberuhigung? Ich weiß, ich habe an …«

»Thyron hat den Test bestanden.«

Eve lachte kurz auf. Es war klar, dass ihre Gedanken an ihren Partner im Scan nicht unsichtbar blieben.

»Aber es war knapp, oder?«

»Er hatte einen leicht negativen Wert bei seiner Zielorientierung, ihr seid weiterhin kompatibel.«

Das war erstaunlich, dachte Eve, die Verfolgung einer dem Allgemeinwohl dienlichen Zielorientierung war eine seiner besonderen Stärken.

»Eve, es ist nicht relevant, ob ein negativer Affekt kurz auftritt, es sei denn, er manifestiert sich auch in der Zweit- oder Drittreaktion. Du kannst die Verbindung wieder trennen. Ich werde die Frequenz deiner Alphawellen erhöhen.«

Eve blickte auf den Holoschirm und sah die Wellenströme, die ihren Geist beruhigen und ihre Konzentration und Sensitivität erhöhen würden.

»Vergiss nicht, die Entstehung von Emotionen ist immer ein Zusammenspiel vieler Gehirnanteile und nicht nur des limbischen Systems.«

Eve griff sich an den Hinterkopf, hob ihre Haare an und löste die Steckverbindung zum Hirnimplantat. Es war für alle Reinsten die unmittelbare Verbindung zu Askit und für die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaft eine absolute Bedingung.

Als jüngste Empfängerin ihrer Generation hatte Eve im Alter von acht Jahren das Implantat erhalten. Die Schädeldecke wurde unterhalb der Zirbeldrüse geöffnet, die Schnittstelle verwuchs mit Knochen und Haut, und die haarfeinen Mikroelektroden wanderten über Jahre in die wichtigsten Hirnareale ein. Nanobots, in der Größe kleiner Blutzellen, verhinderten, dass sich Narbengewebe bildete oder dass die Elektroden mit der Zeit von Nervenzellen abgekapselt wurden. Es war ein komplexes Neurotool. Bei Bedarf diente es zur direkten Kommunikation mit Askit, um die eigene Hirnleistung zu optimieren und der Regulation der Neurotransmitter wie Adrenalin, Serotonin oder Dopamin. Nur für den tiefenpsychologischen Scan war es notwendig, sich über ein Kabel mit Askit zu verbinden, sodass die künstliche Intelligenz Stimmungen, Gedanken, verborgene, unbewusste Motive eines Menschen erfassen und in alle relevanten Persönlichkeitsfaktoren aufschlüsseln konnte. Vom Kindesalter an konnten so die persönlichen Anlagen zu einem reinen Bewusstsein, das der Gemeinschaft dienlich war, trainiert werden. Es verhinderte, dass sich negative Gedanken, Motive, Sehnsüchte genauso wie überschwängliche Emotionen in das tiefere Bewusstsein eines Menschen eingruben – alles, was seine Handlungen undurchschaubar oder unberechenbar machen konnte, denn diese Eigenschaften hatte Askit bei der Katastrophe von 2041 als das Übel der Menschheit ausgemacht.

In Kürze würde Eve wissen, ob sie den letzten Scan bestanden hatte. Nur dann würde sie als Reinste zur finalen Prüfung der Akademie der Wissenschaft zugelassen werden. Die Prüfungen standen in diesem Jahr außerdem unter dem Zeichen des hundertfünfzigjährigen Bestehens von Paradise. Eve atmete tief ein, langsam durch die Nase aus, stand auf, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um.

»Danke, Askit.«

»Du wirst die Menschheit auf eine neue Stufe ihrer Evolution führen. Die Jahre unserer Zusammenarbeit werden sich für alle auszahlen.«

»Was …?« Bevor Eve nachfragen konnte, schloss sich mit einem Zischen die Tür hinter ihr. Einen Moment lang stand sie in einem endlosen Flur regungslos da, geblendet von den weiß leuchtenden Wänden. Sie ging den Gang ruhigen Schrittes entlang, versuchte, Askits ungewöhnliche Ansage zu verstehen.

Eine dunkelhaarige Reinste der Akademie kam Eve entgegen, fixierte sie mit einem aufmunternden Blick. Sie hatte einen neuen biothermischen Anzug über ihren rechten Arm geschwungen.

»Ist der für mich?«

»Das dürfte mein Lächeln wohl schon verraten haben!«

Die Reinste öffnete rechter Hand eine Tür, gemeinsam betraten sie ein Labor. In diesem Teil des Gebäudes befanden sich nicht nur die zahlreichen Räume für die Scans, sondern auch die unterschiedlichsten Laboreinheiten, die den Wissenschaftlern zur Verfügung standen. »Dein neuer Anzug ist mit einigen Erweiterungen ausgestattet, die dich bei Einsätzen außerhalb von Paradise schützen werden.«

In der Gesellschaft von Paradise war dieser schneeweiße Anzug ein unverkennbares Detail, das die Reinsten auszeichnete. Ohne eine kühlende Schutzhülle konnte keiner lange draußen arbeiten. Für Expeditionen außerhalb von Paradise, bei der Menschen einer sengenden Hitze ausgesetzt waren, erhielten diese besser ausgerüstete Variante nur die Reinsten. Selbst innerhalb der Metropolen-Gebiete, in den bewohnbaren Zonen nördlich und südlich des Äquators, gab es noch Tage, an denen es ohne künstliche Kühlung tödlich sein konnte, sich zu lange draußen aufzuhalten. Auch wenn diese Tage immer seltener wurden.

Eve zog ihre helle Baumwollkleidung aus, stand nackt im Raum, zog den Anzug an und spürte, wie sich die geleeartige Membran an ihre Haut presste.

»Die Energieversorgung funktioniert wie bei den herkömmlichen Anzügen. Nun zu den Extras: Deine Körperflüssigkeit wird über Mikrokanäle in einem Trichter im Rücken vor der Sauerstoffeinheit gespeichert und dient dir im Notfall für eine minimale Trinkwasserversorgung. Auf der rechten Seite findest du Proteine, Vitamine und Eiweiß als Notration.«

Eve schloss den Anzug und bewegte ihren Hals in dem engen Korsett.

»Der Kragen ist etwas steifer. Es ist eine neue Normverbindung für verbesserte Helme, die dich nicht nur vor Hitze, sondern vor allem vor einer drohenden Vergiftung schützt. In der rechten Beintasche findest du Medikamente und ein kleines Werkzeugset. Und das hier rettet dir das Leben, falls kein Medilab erreichbar ist«, sagte die Reinste und reichte ihr eine kleine Box.

»Was ist das?«

»Spezielle Nanobots. Sie haben verbesserte Getriebe und Werkzeuge. Sie erkennen nicht nur akute Krankheiten. Sie können innere Verletzungen reparieren. Hier ist ein neuer Scanner, mit einer höheren Reichweite für die Kommunikation und den Datenaustausch.«

Eve betrachte das Gerät. Der Scanner war ein auf jedes Hirnimplantat synchronisierter Empfänger und Sender mit einem breiten Display. Es genügte der Gedanke, und das Hirnimplantat wie auch der Scanner gingen online. Offline war den Reinsten nur in der Nacht erlaubt.

»Er ist mit zusätzlichen Sensoren für die Messung von Strahlung und Giftstoffen ausgestattet und erzeugt holografische Bilder. Ansonsten bist du mit den Funktionen des Anzugs vertraut?«

»Selbstverständlich!«

»Eines noch. Dieses Ventil zieht aus der Umgebungsluft Sauerstoff als Vorrat ein. Der Scanner warnt dich rechtzeitig vor Ozonbelastungen, Giften und anderen Gefahren. Bei der ersten Warnung, wo immer du bist, musst du umkehren! Alles klar?«

»Ja!«

»Dann wünsche ich dir volles Potenzial, Eve Legrand! Mit deinem Score wirst du viel erreichen.«

Eve nickte dankend und verließ das Labor. Sie ballte die rechte Faust, beschleunigte ihren Schritt, atmete einmal tief durch und lachte. Sie war sich auf einmal sicher, dass sie den letzten Scan bestanden hatte. Der Score: Die Summe aller Verdienste, Qualifikationen, das gesamte soziale Verhalten und die Ergebnisse der Scans: Eves Wert hatte sich soeben um weitere zwei Punkte erhöht.

Ein kurzer Signalton informierte sie darüber, dass der Hyperloop, der sie heute noch nach New Paris transportieren würde, in fünfzehn Minuten abfahrtbereit war. Sie beschleunigte ihren Schritt und durchquerte die Aula, den zentralen Versammlungsort der Akademie der Wissenschaften. Eve betrat die nahezu menschenleere lange Gangway zum Hyperloop und schaute in die lichtdurchflutete Station. Obwohl die Scheinwerfer von den Stahlträgern der Glaskuppelkonstruktion blendeten, erkannte sie am Nachthimmel einen von leichtem Nebel verschleierten Vollmond.

In der Mitte direkt unter dem Zentrum der Kuppel standen Reinste und andere Metropolenbewohner in heller luftiger Kleidung oder in Thermoanzügen um das Whitestone-Monument herum, das Mahnmal der Agenda aus ihrer Gründerzeit 2041. Der Planet Erde aus dunklem Granit, um sie herum zwölf Frauen und Männer aus dem gleichen Gestein. Sie hielten einander an den Händen und blickten mit gesenkten Köpfen auf die Welt. Nur ein Mann und eine Frau aus weißem Marmor standen sich im Kreis gegenüber, schauten empor und trugen mit gestreckten Armen eine zweite strahlende Erde. Über dem Mahnmal wurden gerade über einen gigantischen Holobildschirm die abendlichen Nachrichten von Askit verkündet: Welche Fortschritte in Bereichen der Wissenschaft gemacht wurden, welche Reinsten für besondere Leistungen gelobt und welche für die Prüfungen in diesem Jahr zugelassen waren. Einige Gesichter erschienen auf dem Schirm. Ihr Konterfei war noch nicht zu sehen.

Als ein Student Eve passierte, blickte sie ihn reflexartig mit ihren strahlend grünen Augen an und lächelte. In ein paar Minuten würde sie in Überschallgeschwindigkeit von der Akademie der Wissenschaft im nördlichen Montana in das über sechs Stunden entfernte New Paris reisen. Ohne jegliche Kontrolle in einer Metallhülse zu sitzen und mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1200 Kilometern pro Stunde auf einem Luftpolster durch ein Rohr geschossen zu werden, war für Eve keine Freude. Gegen die Vorstellung, was bei einem Unfall alles passieren könnte, half auch die Regulierung der eigenen Ängste nicht.

Langsam füllte sich der Steig. Ein saugendes Geräusch kündigte den Hyperloop an. Das graue Geschoss schwebte lautlos ein und senkte sich etwas. Die Türen öffneten sich. Eve positionierte sich seitlich. Einige Reinste traten heraus und suchten den Ausgang auf. Dieser Hyperloop war neu. Der Innenraum wie die hundert Sitzplätze waren weiß, nur die Polster dunkelgrau. Ein leichter Farbgeruch reizte Eves Nase. Der schmale Gang erforderte Achtsamkeit, darüber gedämpftes Licht. Nachdem bereits Reinste und Angepasste in ihren schneeweißen Thermoanzügen Platz genommen hatten, stellte sich Eve an die Tür, schaute zurück in die Station und betrachtete ihr Spiegelbild auf einer weißen Kunststoffwand. Das Krafttraining hatte Spuren hinterlassen. Ihr Gesicht wirkte schmaler, ihre Wangenknochen zeichneten sich deutlicher ab, nur ihre großen leuchtenden Augen ließen sie immer noch jünger als dreißig aussehen.

»Du wirst die Menschheit eines Tages auf eine neue Stufe ihrer Evolution führen.« Das waren Askits Worte gewesen. War die Entscheidung schon gefallen? Würde sie als Reinste in die Akademie der Wissenschaft aufgenommen werden?

Seit Jahren arbeitete sie zusammen mit ihrer besten Freundin Adlin Salomon und ihrem Mann Thyron Hawk an der Beiseitung der Folgen aus der Einlagerung von CO2 in geologischen Formationen tief unter dem Meeresboden. An der Einlagerungsmethode hatte schon ihr Vater als leitender Klimaforscher Kritik geübt. Nachdem Eve, Adlin und vor allem Thyron in Simulationen nachweisen konnten, dass aus einigen dieser Reservoirs das gespeicherte CO2 wieder entweichen würde, hatten Roboter dies durch Messungen bestätigt. Technische Mängel, Erdbeben oder die Auswahl ungeeigneter Speicherstätten waren der Grund, warum größere Leckagen die Versäuerung der Ozeane wieder ansteigen lassen konnten. Die Nachricht hatte seinerzeit in den Metropolen weltweit für Aufsehen gesorgt.

Für Eve waren Klimaforschung und Geologie die wichtigsten Zusatzthemen ihrer Ausbildung gewesen, um als Meeresbiologin die wachsende Population der Meerestiere zu schützen, besonders der Wale, deren Verhalten sie studierte. Besondere Freude bereitete Eve die Aussicht, dass sie mit Adlin und Thyron bald in Deep Water, der Metropole auf Grönland, zusammenarbeiten würde. Dort wurden die Ergebnisse zusammengetragen, wenn es um die Reduktion von CO2 in der Atmosphäre ging, ob und wie sich Arten an die Übersäuerung der Weltmeere anpassen konnten, welche Korridore in den Ozeanen den Walen als Nahrungsquellen geblieben waren und mit welchen Maßnahmen sie die Temperatur der Weltmeere beeinflussen konnten, um lebensnotwendige Nahrungsketten zu sichern. Die Ozeane hatten sich nicht nur stetig erwärmt, sie nahmen auch den Großteil des Kohlendioxids auf. Das hatte für das gesamte Ökosystem weitreichende Folgen gehabt: Alle Meeresbewohner, die eine Kalkschale bildeten wie Muscheln, Seesterne, Korallen, Krebse und Seeigel, hatten lange Zeit das Problem, dass der gesunkene PH-Wert der Meere ihre kalkige Schutzhülle angriff. Damit fielen diese Meeresbewohner nicht nur als Schadstofffilter, sondern auch als Futter für andere Lebewesen aus. Einige Arten konnten sich behaupten oder durch Zuchtprogramme ersetzt werden. Aber für Eves Schützlinge war das pflanzliche Plankton von größter Bedeutung. Die winzigen Krillkrebse benötigten es zum Überleben, die wiederum waren die Nahrungsgrundlage für dutzende Walarten. Doch Eve, Adlin und Thyron waren zunehmend optimistisch, dass sie die erste Generation nach der Katastrophe sein würden, die Dank Askit die Rückkehr zu einem überlebensfähigen Ökosystem erleben konnten. Und wenn es in ihrer Lebensspanne noch nicht gelang, dann würde es ihre Hinterlassenschaft an kommende Generationen sein. Kaum hatte sie den Gedanken beendet, sah sie, wie sich ein lila- und orangefarbener fluoreszierender Kopf auf ihrem biothermischen Overall spiegelte.

Eve hob ihren Scanner mit dem Display am Handgelenk, bis das Hologramm auf Augenhöhe war und ihre Nase beleuchtete. Lächelnd blickte sie Askit in die leuchtende Augenimitation.

»Du hast alle Gründe, stolz zu sein, Eve. Stolz ist kein Gefühl, das dich in der Reinheit deiner Motive beeinträchtigt. Eine seltene Gabe. Du bist als Reinste zur letzten Prüfung zugelassen!«

Sollte dieser Tag nun endgültig zu dem glücklichsten ihres Lebens werden? Erleichtert und glücklich tippte sie dem Hologramm auf die Stirn, es löste sich auf und erschien nur einige Sitze weiter bei zwei Arbeitern in hellgrauer Kleidung. Kurz lächelten sie Eve an und nickten ihr zu. An einem der Holoschirme, die direkt über den Sitzen im Hyperloop angebracht waren, erschien nun auch ihr Bild. Darunter stand ihr Prüfungsdatum: der 21. September. Bei allem Bestreben, sich von der Bedeutung dieser jährlich wiederkehrenden Zeremonie nicht von eitlen Motiven leiten zu lassen, war bei jedem Anwärter durch die Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung eine unterschwellige Nervosität und Euphorie zu spüren. Eves Wangen röteten sich, sie band ihre langen dunkelbraunen Haare zu einem Zopf und legte die rechte Hand schützend auf ihren Magen.

Ihre Mutter Tessa würde vermutlich schon vor ihrer Rückkehr in Tränen ausbrechen. Jeden Moment würde das Ergebnis der heutigen Prüfungen weltweit auf den Bildschirmen in den Ankunftshallen der Hyperloops, auf den Glasfassaden der Verwaltungsblöcke und auf allen Displays in Paradise zu sehen sein. Sie war kurz vor ihrem Ziel und würde wie einst ihr Vater als Reinste nicht nur die große Ehre empfangen, der Gesellschaft als Wissenschaftlerin zu dienen – sie könnte sogar in die Agenda berufen werden.

Der Hyperloop schwebte langsam in die Röhre, wie immer pünktlich auf die Sekunde. Eve schaute auf die Uhr. Bei Sonnenaufgang würde sie in New Paris sein. Während des Starts war sie bemüht, ihren Mageninhalt zusammenzuhalten. Sie schaute sich um. Die meisten Passagiere saßen mit geschlossenen Augen in ihren Sitzen, waren bei sich, meditierten oder unterhielten sich leise.

Ihre Gedanken schweiften wieder zur Agenda. Für viele Anwärter der Akademie war es ein Lebenstraum, der Agenda zu dienen. Wer ihr dienen durfte, hatte die höchste gesellschaftliche Stufe erreicht: die Anerkennung, sich mit dem höchsten geistigen Potenzial für das Wohl der Menschheit einsetzen zu können. Die Mitglieder der Agenda waren frei von allen schädlichen Einflüssen und Eigenschaften, die vor hundertfünfzig Jahren fast zur völligen Vernichtung allen Lebens geführt hatten. Neid, Missgunst, Gier, Eitelkeit, unbewusste Triebe, Schmerzen, Ängste und andere psychische Defekte, die Askit in seinen Tiefenscans erkennen und kontrollieren konnte. All das gehörte für die meisten Menschen der Vergangenheit an. Für die Reinsten war es selbstverständlich, sich Askit vollkommen zu öffnen. Für Eve war Askit eine neutrale Instanz, die selbst die größten seelischen Abgründe wertfrei und sachlich analysierte. Es war unmöglich, den Scan und damit Askit zu belügen oder etwas zu verbergen. Geistige Prozesse und die ihren Absichten, Gefühlen und Entscheidungen zugrunde liegenden Gedanken und Bilder wurden decodiert und ausgewertet. Um zu einer psychologischen Einordnung zu gelangen, griff Askit auf Daten von Millionen von Menschen zu. Es glich Eigenschaften und Begabungen mit den Zielen von Paradise ab und wies jedem sein individualisiertes Trainingsprogramm und seinen Platz in der Gesellschaft zu.

Eves Magen hatte sich an die Reisegeschwindigkeit gewöhnt, und die angespannte Aufmerksamkeit des Tages wich einer angenehmen Müdigkeit. Sie wollte gerade die Augen schließen, als Roger David Pellengrey auf sie zukam, ein grauhaariges Unikat mit kleinen Augen hinter einer Nickelbrille und einem beachtlichen Vollbart. Ihr mentaler Mentor aus New Paris war vor Jahren nach Deep Water versetzt worden, weil er als einziger fähig war, seine Kompetenz beim Weltklima brillant mit Askits Superintelligenz zu verbinden. Er stellte die richtigen Fragen, analysierte die richtigen Theorien und hatte so die CO2-Konvertertechnologie zu dem gemacht, was sie heute war, und er war eine seltene Ausnahme: Ein Reinster, der aus der Agenda wieder zurück nach Paradise kehren durfte, und bis heute schwieg er beharrlich über seine Erfahrungen.

»Du fragst dich sicher, ob es Zufall ist, dass ich dich hier treffe, meine liebe Eve?«, begrüßte Pellengrey sie und setzte sich neben sie.

»Roger, dein Humor ist wie immer eine Herausforderung. Was machst du hier?«

»Es gab ein eiliges Treffen des Klimarates.«

»Klingt nicht gut, ist was passiert?«

»Das soll dich jetzt nicht kümmern. Du hast es geschafft, nicht das ich je daran gezweifelt hätte. Natürlich wusste ich, welcher Tag heute für dich war.«

»Merkwürdig. Ich musste gerade an die Vergangenheit denken und an die Agenda, na ja, und an all die Fragen, die auftauchen, wenn man …«

»… der Agenda dienen darf. Nun, wahrscheinlicher ist, dass du und Thyron in Deep Water forschen werdet, schließlich soll Thyron mich als Leiter der Abteilung ablösen und … Warte einen Moment«, sagte Pellengrey, stand auf und sprach einen älteren Reinsten an, der gerade an ihm vorbeigegangen war.

Für die Menschen in Paradise war die Agenda ein Mysterium. Eve hatte immer gehofft, dass sie mehr über Askits Ursprung erfahren könnte, wenn sie als Reinste ausgewählt und der Agenda dienen würde. Denn während Askit in die tiefsten Abgründe eines Menschen schauen konnte, verweigerte es selbst alle Fragen, die Aufschluss über seine Programmierung oder seine Initialisierung gaben.

Plötzlich schalteten sich die Holoschirme über den Sitzplätzen ein. Ein leitendes Mitglied der Akademie der Wissenschaft erschien in heller Kleidung vor einem Rednerpult:

»Unsere Existenz verdanken wir nur der weisen Voraussicht der Gründer. Sie erschufen Askit. Nach unendlichen Kriegen, der Pandemie und dem fortschreitenden Klimawandel unterwarfen sich die alten Regierungen und Völker vollkommen dem, was die erste Generation der Reinsten einen liebevollen Leviathan nannte:

Askit! Nach hundertfünfzig Jahren ist das ein Anlass sich zu erinnern. Die Agenda wurde unmittelbar nach der großen Katastrophe zur Weiterentwicklung und zum Schutz von Askit in Neuseeland gegründet. Einige von euch Reinsten könnten an diesem heutigen Prüfungstag die große Ehre erlangen und direkt in die Agenda berufen werden. Askit sichert das Überleben des Planeten. Der Mensch hat dabei seine Rolle einzunehmen. Nie wieder soll er in der Lage sein, sich selbst und die Lebensgrundlage aller Geschöpfe zu bedrohen. Deshalb zog Askit die Menschen in unseren neuen Metropolen zusammen, damit sich der Rest der Welt von unserer alten Lebensweise erholen kann. Alle in Paradise haben die hohe Verantwortung, dieses Ziel stets weiterzuverfolgen. Die Reinsten sind uns dabei Ansporn, Anleitung und Vorbild. Ihr Reinsten seid mit Askit verbunden, um zu arbeiten, zu forschen, eure und die Gesundheit aller zu verbessern. Ihr habt euch in den edelsten Dienst gestellt. Askit steuert heute sämtliche Entscheidungsprozesse, von der Geburtenrate über Beziehungen, psychische und genetische Optimierung, es teilt jeden nach seiner Begabung seiner Aufgabe zu. Ich wünsche allen Anwärtern eine erfolgreiche Prüfung. Möge Paradise weiter erblühen. Volles Potenzial den Reinsten!«

Die Holoschirme schalteten sich wieder aus. Eve war oft in der Vergangenheit dafür belächelt worden, dass sie in Askit nicht nur die alles versorgende und behütende künstliche Intelligenz sah, sondern eine individuelle Persönlichkeit, die ihr im Leben zur Seite gestanden hatte.

»Unsere omnipräsente, allmächtige, künstliche Intelligenz Askit«, sagte Pellengrey, setzte sich wieder zu Eve, stöhnte und sank ein wenig in seinem Sitz zusammen. Er wirkte besorgt. Als Leiter des Klimarates blieb ihm kaum private Zeit, auf Frau und Kind hatte er verzichtet. Es gab für ihn nur die Klimaforschung, das ständige Prüfen von Modellen und Berechnungen mit Askit war sein Tagesablauf. Pellengrey fixierte auf seinem Display Zahlenkolonnen und eine Grafik, die Eve nicht zu deuten vermochte. Er agierte hektisch, massierte mit seiner rechten Hand die faltigen Wangen.

»Eve. Bei allem, was in der Prüfung am 21. September auf dich zukommt, vergiss nie, dass Askit seine wichtigste Aufgabe darin sieht, die Menschen vor sich selbst zu schützen. Askit lässt uns nur anderthalb Jahrhunderte nach der Katastrophe weltweit in einem Ozean des Friedens existieren. Sicher gibt es wieder Hoffnung, dass wir die Welt von den Spuren der Vergangenheit heilen können, aber das ist längst nicht abgeschlossen. Wir geben alle unser Bestes, einfach nur unser Bestes. Ich habe mit den Herren da drüben noch etwas zu besprechen. Wir sehen uns in Deep Water«, sagte Pellengrey, strich ihr kurz über die rechte Wange und stand auf. Das hatte er das letzte Mal getan, als sie noch ein Kind gewesen war. Eve schaute sich irritiert um. Drei Reihen weiter saßen zwei ältere Reinste der Akademie hintereinander. Ihre Gesichter waren alles andere als fröhlich, einer forderte mit seinem Blick und einer Handbewegung Pellengrey auf, den freien Platz neben ihm einzunehmen. Eve fragte sich, was wirklich los war. »Danke Roger, für alles!«

»Ich seh dich vor mir, als du noch ein Kind warst, und jetzt sehe ich dich hier … Dein Vater wäre stolz auf dich gewesen. Pass auf dich auf. Volles Potenzial, Eve!«

Eve nickte und beobachtete mit Sorge, wie sich Pellengrey mit steifen Schritten zu den beiden Herren bewegte. Er hatte recht, große Teile Asiens, Nord- und Südamerika, fast der gesamte afrikanische Kontinent und Südeuropa waren bis heute unbewohnbar. Der Klimawandel hatte nahezu die gesamte Äquatorregion in eine Wüste verwandelt, die gesamten Küsten und unzählige Inseln lagen unter Wasser. Die alten Klimamodelle hatten den Menschen vorgegaukelt, noch genügend Zeit zu haben. Alle Simulationen hatten sich gegenseitig beschleunigende Effekte unterschätzt. Die Verbrennung der fossilen Brennstoffe brachte selbst den sibirischen Permafrost zum Schmelzen, wodurch ungeahnte Mengen von Methan und CO2 freigesetzt wurden. Das komplette Abschmelzen Grönlands und der Arktis brachte dunkle Torflandschaften hervor. Die Absorptionskraft dieser gigantischen Fläche war wie ein Brandbeschleuniger und löste weitaus früher als erwartet eine nicht mehr zu kontrollierende Kaskade aus. Der Mensch des 21. Jahrhunderts war weder in der Lage, die komplexen Vorgänge, die er aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, richtig einzuschätzen, noch wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten. Erst durch Askits minutiöse Planung konnten die Regeneration der Ozonschicht, die Reduktion von CO2, die Wiedergewinnung unfruchtbarer Böden, die Heilung strahlungsbedingter genetischer Defekte bei Menschen, Tieren und Pflanzen und eine nachhaltige Landwirtschaft in Angriff genommen werden. Für die Bewältigung der Ressourcenknappheit wurden ganze Städte in den letzten Jahrzehnten von Robotern und Megamaschinen recycelt, andere Gebiete, die zu verstrahlt waren, wurden dem Verfall durch die Natur überlassen. Die gesamte Menschheit war tagtäglich damit beschäftigt, die Lebensgrundlagen wiederherzustellen, und Eve würde schon bald ihren wichtigsten Beitrag dazu leisten können.

Anstatt wie üblich die Dauer der Fahrt mit Meditation, Schlafeinheiten und ihren wissenschaftlichen Studien zu verbringen, projizierte Eve ihre individuelle Auswahl an Nachrichten auf den Holoschirm über ihr. Askits Stimme klang zerhackt: Die Agenda hat erste Erfolge bei der Züchtung von Korallen erzielt. Millionen von Larven aus einem künstlichen Korallenlaich im Great Barrier Reef konnten erfolgreich umgesiedelt werden. Bei einer weiteren Regulierung des pH-Wertes konnten die genetischen Modifikationen eine Neuansiedlung ermöglichen.

Für einen Moment spürte sie Zweifel, ob diese hochsensiblen Wesen wirklich eine neue Chance haben würden.

Die Jahrzehnte andauernden Revitalisierungen der Ozeane, das Fang- und Jagdverbot und die Einstellung des Schiffsverkehrs hatten große Effekte auf Wale, Fische, die Meeresfauna. Wenn sich Korallen an die erhöhte Temperatur anpassen konnten, würde das einer Sensation gleichen. Sie selbst würde das vermutlich nie zu Gesicht bekommen, da es nur Mitgliedern der Agenda erlaubt war, Neuseeland zu betreten oder sich dem Kontinent auch nur zu nähern. Und wer einmal in die Agenda aufgenommen wurde, durfte mit wenigen Ausnahmen nie wieder austreten. Niemand außerhalb der Insel sollte Gelegenheit bekommen, mehr über Askit und seinen Standort zu erfahren. Wie Askits Systeme, neuronale Netzwerke und Quantencomputer genau aufgebaut waren, gehörte zu den vielen Geheimnissen der Agenda. Nach Neuseeland gab es keine Hyperloop-Anbindung. Einzig und allein die sagenumwobenen Beschützer konnten mit ihren Jets Menschen nach Askit City transportieren. Auch wenn Eve Pellengrey immer wieder fragte, warum er zurückkehren durfte, erkannte sie die Antwort schon in seiner Beharrlichkeit, nicht ein einziges Mal etwas über die Agenda zu erzählen, was nicht ohnehin bekannt war. Askit hatte seine Integrität und Zuverlässigkeit vermutlich in unzähligen Scans geprüft. Wie die Agenda aufgebaut war, auch die Anzahl ihrer Mitglieder, wusste niemand. Ihre Mutter Tessa hatte die Stellung des Menschen in der Agenda einmal abwertend als eine Form der Unterhaltung für Askit bezeichnet. Darüber konnte sie nur lachen. Aber ganz abwegig war es nicht, was sollte Askit schon von der Kapazität eines menschlichen Gehirnes erwarten können, dessen Leistung so völlig unter der eigenen lag. Eve gab sich mit der Erklärung zufrieden, dass die ganze Abschottung und Geheimhaltung dazu diente, jedwede Korruption oder Invasion in Askits System zu verhindern.

Eine weitere Nachricht machte Eve trotz der beruhigenden Alphawellen, die sie über ihr Implantat erhielt, kurz nervös. Die Agenda gab für die Forschung und Regeneration der Weltmeere weitere Stellen für Reinste frei. Askit hatte Eve immer für die Arbeit innerhalb der Agenda in Betracht gezogen, wusste aber, dass es ihr Traum war, ihrem Vater als Meeresbiologin auf die Ozeane zu folgen. Sie würde dort sein, wo er einst verschollen war. Ihr Blick fror für einen Moment ein, und sie bemerkte nicht das Blinken und Summen an ihrem Handgelenk, bis sie das Winken eines Passagiers bemerkte, der auf ihren Arm zeigte. Sie nickte dankend hinüber und sah Adlins Bild auf dem Display. »Eve. Ich habe es gerade gesehen. Du hast es geschafft. Wann kommst du zurück nach New Paris?«, fragte Adlin.

»Ich bin schon auf dem Weg. Ich muss mich um Tessa kümmern, damit sie sich endlich dieser lächerlichen Operation stellt. Du meldest dich nicht nur deswegen, oder?«

»Eve, der Leiter unserer wissenschaftlichen Abteilung hat sich über unseren Erfolg so geärgert, dass er zehn Minuten nach unserer Präsentation von Askit zu einem Scan beordert wurde.«

»Wie bitte?«

»Ja, es war merkwürdig. Er hat seine Selbstregulation nicht mehr unter Kontrolle gehabt und mit rotem Kopf den Saal verlassen. Ich denke, unsere Ergebnisse sind nicht mehr zu revidieren. Wir werden es in der Anwendung sehen«, berichtete Adlin mit einer so euphorisch klingenden Stimme, dass Eve ihre Hand zu einer Faust ballte und ihre Wangen erröteten.

Für den Zutritt in die Akademie der Wissenschaften war es unausweichlich, etwas wissenschaftlich Außergewöhnliches zu leisten. Ohne Askit gelang das niemandem mehr. Aber der Mensch hatte etwas anderes. Eine unschlagbare Kreativität.

Adlins altruistische Anlagen und Intelligenz entsprachen nahezu denen von Eve. Vor wenigen Wochen war es ihnen gelungen, ein Enzym synthetisch herzustellen, welches durch Reaktion mit Wasser Polymere in höherer Geschwindigkeit spalten konnte. Nur ihre gemeinsame Beharrlichkeit und Kreativität, unterstützt durch Askits Rechenpower, hatten diesen wissenschaftlichen Erfolg ermöglicht und die Hoffnung genährt, dass die Kunststoffbelastung der Weltmeere schneller als erwartet abgebaut werden könnte. Selbst die absoluten Größen der Wissenschaftsgilde hatten resigniert und wollten es der Evolution überlassen, diese komplexen Stoffe abzubauen, denn nichts bleibt, wie es ist, irgendwann würde die Natur schon eine Lösung finden. Polymere konnten Hunderttausende Jahre im Kreislauf der Natur weiter ihr unheilvolles Wesen treiben, und es gab so viele unterschiedliche chemische Verbindungen, dass selbst Askit keine generelle Lösung fand, und dann waren es die Natur und der Zufall, die den Durchbruch brachten. Es war ihnen gelungen, das zuständige Enzym einer seltenen Raupenart zu isolieren, um Polyethylen in Ethylenglykol zu verwandeln.

»Das heißt, wir können es in großem Maßstab reproduzieren? Adlin! Das bedeutet vielleicht, dass wir in ein bis zwei Generationen wieder sauberen Meeresfisch haben könnten!« Askit hatte Adlins Fähigkeiten erkannt und über Jahre perfektioniert. Durch die Implantatverbindung konnte die künstliche Intelligenz gleichzeitig Adlins und Eves kreative Gedanken und Ideen in atemberaubender Geschwindigkeit simulieren. Askit war den Menschen in nahezu jedem Bereich überlegen, aber zum Menschsein gehörte auch mehr als Ratio und Denken. Das Aufwachsen als Mensch, die Sozialisierung, die Wahrnehmung der Umgebung, der Natur bis zu übersinnlichen Erfahrungen. Eine der wichtigsten Stärken des Menschen erkannte Askit in der Fähigkeit, Lösungen zu finden, die nicht vorhersehbar waren. Ihre Tragweite zu berechnen, war dann wieder Askits Aufgabe.

»Ja, wir haben es geschafft!«, erklang Adlins Stimme. »Eve, ich bin dir so dankbar für alles. Wenn wir verbunden sind, ist unserer Kreativität keine Grenze gesetzt. Ich bin sicher, dass wir auch die letzte Prüfung bestehen!«

»Ist Thyron bei dir?«, fragte sie.

»Nein, er ist schon nach Deep Water gereist. Ich bin mit Samir auf dem Weg zu den Feldern, wir müssen noch unseren Erntedienst leisten.«

Eve atmete einmal tief aus. Sie hatte ihre Sollarbeitszeit, die alle Bürger von Paradise neben ihren sonstigen Beschäftigungen für die Gemeinschaft leisten mussten, bereits erfüllt.

»Adlin, wir sehen uns in New Paris.«

»Volles Potenzial, Eve! Wir holen dich ab. Ich bin mit Samir früh im Labor. Wir können dann gemeinsam in die Siedlung fahren.«

»Ja. Volles Potenzial, Adlin!«

Eve lehnte sich zurück und musste an Adlins wissenschaftlichen Leiter denken. Es war ungewöhnlich, dass ein Reinster der Akademie der Wissenschaft, eine leitende Persönlichkeit, solche unkontrollierten Emotionen an den Tag legte und zu einem Scan beordert wurde. Sie fühlte einen leichten Schwindel, dann schlief sie ein.

2

17. SEPTEMBER, ASKIT CITY, NEUSEELAND

Levar Havadi öffnete die Tür zum kleinen Versammlungssaal, schlug seine graue Kapuze nach hinten und strich sich durch sein silbergraues Haar. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Ein langer Tisch mit acht Stühlen dominierte den Raum. Über einer dunklen Wand waren Laservorrichtungen an der Decke positioniert, die ein schwaches rötliches Licht ausstrahlten. Levar konnte zuerst nur die Konturen der Anwesenden erkennen, er setzte sich neben Elon Pike, einen der Gründer, und Marisa Weissman, eine Reinste, die seit Kurzem als Wissenschaftlerin der Agenda dienen durfte und für Levar eine wichtige, wenn nicht sogar seine einzige Vertraute geworden war. Marisa warf ihm einen kurzen fragenden Blick zu. Vor einer Stunde hatte Elon Pike hektisch die Agenda zusammengerufen, nachdem ein Beschützer auf einem Routineflug drei Degradierte im Grenzgebiet und vor allem nah an einem Quantenrepeater entdeckt hatte. Das Netz von Quantenrepeatern sorgte dafür, dass zwischen Sender und Empfänger mittels Quantenteleportation der Datenfluss reibungslos funktionierte und Askit stets mit Paradise und seinen Bewohnern verbunden war.

Verwundert darüber, dass die Gründer nur Elon gesandt hatten, öffnete Levar wortlos einen Holobildschirm mit der Karte des europäischen Kontinents.

»Guten Morgen, Levar.«

Langsam baute sich das Hologramm vor ihnen auf und erhellte den Raum.

Askit erschien in vielen menschlichen Formen. Mal erschien es auf den kleinen Displays nur als Kopf, auf den Holobildschirmen oder wie jetzt lebensgroß als androgyner Avatar. Hier, im kleinen Saal der Agenda, war das Hologramm von so ausgezeichneter Qualität, dass man annehmen konnte, es wäre aus Fleisch und Blut. Askits kahler Kopf, seine Gesichtszüge, das Verhältnis von Mund, Nase und Kinn waren fein bis ins letzte Detail erkennbar. Seine großen blauen Augen leuchteten, die imitierte Haut wirkte leicht gebräunt, dünne und lang gezogene Augenbrauen, kleine anliegende Ohren und der schlanke, in einen dunkelblauen Overall gegossene Körper ließen Levar dazu neigen, Askit eher als weibliches Wesen zu betrachten. Spätestens wenn die sanfte menschliche Stimme ansetzte, hatte er keine Zweifel mehr daran.

»Guten Morgen, Askit. Gibt es Hinweise, dass die Degradierten eine feindliche Absicht an der Grenze verfolgt haben?«

»Nein. Die Integrität meiner Systeme war zu keiner Zeit gefährdet.«

Levar drehte seinen Kopf erst zu Marisa, die seine Blicke ignorierte, und dann zu Elon, der Askit mit seinen dunklen Augen fixierte, seine Hände umgriffen fest die Sitzlehnen.

»Askit. Bist du in der Lage, die Grenzen vollständig zu überwachen? Benötigst du weitere Einheiten?«

»Die Daten der Drohnen und Patriots sind ausreichend, Levar. Sie leisten hervorragende Arbeit.«

Levar schwieg und schaute Elon, der seine Hände in den Schoß gelegt hatte, erwartungsvoll an.

Marisa hatte inzwischen die Holokarte der Welt geöffnet, auf der alle Metropolen und Zonen von Paradise rot aufleuchteten. Sie zoomte mit einer Handbewegung die Metropole Hope heran, um die Daten über die neuen Anwärter abzurufen. Die Akademie lag im Zentrum, aber das Gebiet von Hope erstreckte sich über weite Teile des nördlichen Montana und Nordamerikas bis nach Kanada hinauf zur Hudson Bay. Auch hundertfünfzig Jahre nach der Auflösung der Nationen gaben die Menschen nur ungern die Bezeichnungen der alten Kontinente auf und nutzten zur Orientierung noch die alten Karten. Marisa tippte auf die kleinen grün blinkenden Flächen an den Waldrändern, in Grenznähe: die freien Gebiete der Kolonisten.

»Kommen wir zu den Anwärtern für die Akademie der Wissenschaften«, sagte Marisa mit ruhiger Stimme. Auf dem Schirm öffnete sich eine Grafik, die alle Reinsten, die zur Prüfung zugelassen wurden, auflistete. Levar war für einen Moment irritiert. Was konnte jetzt wichtiger sein als die Sicherheit von Askits Systemen? Niemand, auch Levar mochte nicht wirklich daran glauben, dass es den Kolonisten gelingen könnte, Askits Quantenfeld zu knacken. In Wahrheit wussten weder die Gründer noch die Reinsten der Agenda, inwieweit sich Askit technologisch weiterentwickelt hatte. Die letzten Degradierten, die versucht hatten, das Feld zu manipulieren, waren innerhalb von Sekunden gestorben. Vielleicht war sich Marisa deswegen so sicher und überging den Vorfall. Oder hatte sie auch das Gefühl, dass Askit die Lage mit Absicht verharmloste? Levar wusste, dass diese Wortwahl bei anderen Widerstand auslöste. Er gehörte zu jenen Reinsten, die entschieden daran glaubten, dass die künstliche Intelligenz, die sie regierte, eine Form des Bewusstsein entwickelt hatte, die mit menschlichen Attributen und Verhalten zu bewerten war. Sah er am Ende nur Gespenster? Es war mehr als ungewöhnlich, dass sich Degradierte an die gut geschützten Grenzen trauten und vor allem dass sie nicht sofort angegriffen oder zumindest vertrieben wurden. Patriots und Drohnen konnten mit ihren Sensoren über kilometerlange Entfernungen Menschen und Tiere identifizieren. Die Kolonisten oder Degradierten, die in freien Zonen sich selbst überlassen waren, hatte Askit auf weltweit nur noch wenige zehntausend geschätzt. Die Zahl neuer Degradierter, die in jene Zonen verbannt wurden, war in den letzten Jahren stetig gesunken. Askit filterte aber weiterhin immer wieder Menschen heraus, die sich weigerten, ihre intrinsischen Motive offenzulegen oder die eine innere Sabotagehaltung verbergen wollten. Kam es zu dem Schluss, dass diejenigen für das Gemeinwohl ein schädliches Verhalten aufzeigten oder nutzlos würden, mussten sie Paradise über ausgewählte Korridore verlassen.

In der ersten Zeit nach der Unterwerfung gab es ganze Volksgruppen, die ihre selbstzerstörerische Freiheit, wie es Levar nannte, dem Frieden und Wohlstand, den Askit der Welt gebracht hatte, vorzogen. Bis sich alle Nationen und Religionen aufgelöst hatten, vergingen zwei Jahrzehnte. Es war so lange her, dass sich Degradierte an die Grenze trauten, dass er dem Vorfall vielleicht einfach nur eine zu hohe Bedeutung zumaß. Doch sie hatten eine immense Verantwortung für die Metropolen. Menschen, die sich ihrer selbst nicht bewusst waren, könnten Rache üben oder zerstören um des Zerstörens willen.

»Askit, wie viele Menschen müssen Paradise noch vor den Prüfungen der Reinsten verlassen?«

»Bis Morgen werden es achtundzwanzig sein.«

Für Levar war es immer schwierig, Menschen auszugrenzen. Aber die tiefenpsychologischen Scans von Askit hatten sich bewährt. Über ein Jahrhundert hatte Askit diesen Scan immer weiter verfeinert, und der Anpassungsdruck zeigte seine Wirkung. Es gab nur noch selten Degradierte. Ihre Zahl sank nicht nur kontinuierlich, sondern in Metropolen wie New Paris oder Hope gab es schon seit zwei Jahrzehnten so gut wie keine mehr. Dass Degradierten eine Rückkehr nach Paradise möglich war, hatte sich lange als Gerücht gehalten. In Wirklichkeit lag die Zahl der Rückkehrer bei null. Levar wurde in der Agenda mit seiner wohlwollenden Art gegenüber den Degradierten nicht selten kritisiert, nur Askit hörte ihm immer zu, erklärte jedoch nie seine Entscheidungen. Die meisten Degradierten schlossen sich den freien Kolonisten an. Sie wurden einfach ihrer Selbstverantwortung überlassen.

»Weltweit habe ich in diesem Jahr dreihundertachtundsechzig Reinste identifiziert, die durch ihre Leistungen und Hingabe den Aufstieg in die Akademie schaffen können. Für die abschließende Prüfung im Zentrum sind einige von mir auch als mögliche Aspiranten für die Arbeit in der Agenda ausgewählt worden.«

Askit projizierte die herausragenden Wissenschaftler in den Raum.

Levar schaute sich die Namen und Bilder an. Es war ein immer wiederkehrendes Ritual, doch in diesem Jahr waren einige Anwärter dabei, die seine besondere Aufmerksamkeit erweckten, da einige von ihnen Forschungsergebnisse vorgelegt hatten, die unmittelbar für Askit City, für die Klimaregulierung oder die Dekontaminierung der Weltmeere relevant waren. Besonders ein junger Mann mit dunklen kurzen Haaren, breiten Kieferknochen und einem energischen Blick, der durch eine signifikante Verbesserung der Konverter die Absorptionsrate von CO2 erhöhte, weckte sein Interesse, denn bei allen Fortschritten der letzten Jahrzehnte war das Klima nach wie vor die größte Herausforderung.

»Wer ist das?«

»Thyron Hawk, geboren 2161 in New Paris.«

»Ich empfehle seine besondere Förderung!«

»Gute Wahl, Levar! Seine Anlagen sind herausragend.«

Marisas Augenmerk richtete sich auf eine Frau, sie tippte auf das Bild, und Askit zeigte ihre Grunddaten und ihren Score – die Punkte, die Reinste im Laufe ihrer Ausbildung sammelten.

Levar sah, wie Marisa für einen Moment wie gebannt das Bild von Eve Legrand betrachtete.

»Bewundernswert. Sie war die jüngste Empfängerin.«

»Eve Legrand ist mit Abstand die Reinste, die ich seit meiner Initialisierung gescannt und begleitet habe.«

»Was ist mit ihrem Vater geschehen?«

»Darüber liegen mir keine Daten vor!«

Levar war bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.

»Askit, sind alle deine Unterprogramme aktiv?«

»Askit?«

»Ja, Levar?«

»Hast du eine Verbindung zu einem Degradierten aufgenommen?«

»Diese Daten sind für die Planung der Prüfungen irrelevant.«

Levar merkte, wie Marisa um Fassung rang. Elon sah dem Ganzen nur schweigend zu. Sie wussten, dass dieser Tag kommen würde. Askit wich der Frage aus. Levar versuchte, seine Stimme ruhig zu halten, als wäre sein Vorschlag nur beiläufig.

»Gibt es einen Reinsten, der deine Datenbank prüfen kann?«

»Levar, du weißt, dass ich das nicht zulassen kann. Es besteht kein Anlass zur Sorge. Alle Programme sind intakt.«

Levar faltete die Hände vor seinem Gesicht zusammen und atmete lange und hörbar durch die Nase aus.

3

17. SEPTEMBER, METROPOLE NEW PARIS, EUROPA

Am frühen Morgen erreichte der Hyperloop New Paris. In Gedanken verloren hatte Eve es fast verpasst auszusteigen. Pellengrey war verschwunden, ohne sich zu verabschieden. Auf der Gangway hielt sie erfolglos nach ihm Ausschau zwischen Arbeitern und Reinsten, die geschäftig ihrer Wege gingen. Selten hatte er so schlecht ausgesehen. Üblicherweise war er immer von einer ansteckenden positiven Aura umgeben, er glaubte fest daran, dass sich die Welt wieder erholen würde, und die letzten Jahre war er voller Hoffnung gewesen, dass er richtig lag. Sie blickte nach oben in den alles überragenden Stahlkuppelbau, dessen Glasfassade Solarzellen und Spiegel überzogen. Wenn es auch inzwischen wieder möglich war, sich draußen länger aufzuhalten, blieb die über 500 Meter kreisrunde Anlage stets der Dreh- und Angelpunkt der Metropole. Mit Temperaturen um die fünfundzwanzig Grad war es erträglich. Vom Zentrum blickte Eve rundherum auf die strahlenförmig angeordneten Korridore, die zu den mehrgeschossigen hellen Gebäudekomplexen führten, die kreisrund in zwanzig Reihen symmetrisch hintereinander parallel zur zentralen Kuppel angeordnet waren. Dort befanden sich die Verwaltungen, Schulen, Medilabs, Lebensmittelverteiler, Rechenzentren, Forschungsabteilungen, Produktionshallen und Wohnquartiere für die dort arbeitenden Menschen. Jede neue Metropole war so ausgerichtet, dass der Hyperloop genau in der Mitte unter der Kuppel sein Ziel erreichte. Bis auf den inneren Ring wurden die Freiflächen für künstliche Flüsse oder für Bäume und Pflanzen genutzt, die der Hitze standhalten konnten und der Stadt so ein eigenes Mikroklima verschafften. In alle Richtungen waren die konzentrischen Kreise von Brücken und Straßen durchzogen. Eve verweilte gerne einen Moment an dem höchsten Aussichtspunkt und genoss die Schönheit der Architektur. Sie schaute sich kurz um. Es waren ungewöhnlich viele Menschen unterwegs. Von den rund zehn Millionen verbliebenen Menschen auf der Welt lebten allein in der Metropole New Paris und dem Umland eine Million. Von allen Seiten war das Brausen der Ventilatoren zu hören, das Summen der technischen Einrichtungen, die einem verlässlichen Uhrwerk gleich die innere Atmosphäre erhielten. Das war es, was das Leben in dieser halbautarken Welt ausmachte. Überall, wo es der Platz zuließ, waren kleine Bäume und Pflanzen zu sehen. Selbst Nutzpflanzen zierten die sterile Umgebung aus Glas, Stahl und recyceltem Kunststoff. Sie ging eine Treppe hinunter und strebte dem westlichen Ausgang zum Solarbusbahnhof zu. Die Luft war im Vergleich zu draußen dicker, lebendiger, im untersten Stockwerk waren so viele Pflanzen, dass ein leichter Geruch von feuchter Erde und organischen Stoffen in Eves Nase kroch – Leben! Sie füllte noch einmal ihre Lungen und verließ den Ausgang zum Busbahnhof. Von hier fuhr regelmäßig ein Shuttle, der sie in ihr altes Zuhause brachte, die Wohn- und Landwirtschaftsgebiete.

Noch vor zwei Jahrzehnten waren die Menschen kaum in der Lage gewesen, sich länger als zwei Stunden draußen aufzuhalten. Ein Thermoanzug konnte bei über 50 Grad nicht lange Abkühlung gewährleisten. Eve konnte sich nur schwer vorstellen, wie die Erbauer der Metropolen gelitten haben mussten. Als sich die automatische Tür vor ihr öffnete und sie ins Freie trat, schlug ihr, eben noch in einem künstlichen tropischen Klima, die trockene Hitze ins Gesicht. Auch wenn die Mischung aus Wald und Flüssen das Schlimmste auffing. Der innere Platz, durch Sonnensegel geschützt, war nicht nur die Anlaufstation für die Solarbusse, er diente auch als Umschlagplatz für alle erdenklichen Güter. Vor ihren Augen wurden Container mit Lebensmitteln befüllt. Fassaden, Dächer und die helle Kleidung der Menschen waren mit feinstem Sand bedeckt. Einer der seltener gewordenen Sommerstürme hatte den Sand aus der iberischen Wüste bis nach New Paris getrieben. Keine andere Metropole war so nah an die sich ausbreitenden Wüsten gebaut worden. Was nur daran lag, dass sie als erste 2062 fertiggestellt worden war, bevor sich unerwartet die iberische Wüste näherte. Die Aufforstungen der letzten Jahrzehnte hatten zwar ihre Wirkung hinterlassen und eine Barriere gegen die bedrohliche Verödung geschaffen, nur gegen die Sandstürme aus dem Süden gab es keine Mittel. Biologen konnten diesem Phänomen teilweise etwas abgewinnen, weil dadurch auch Samen und Nährstoffe nach Europa getrieben wurden, die eine natürliche und weitaus hitzebeständigere Vegetation entstehen ließen. Eve ging weiter. Vor einem Solarbus spielten Kinder mit einem Stoffball. Geschickt hielten sie ihn mit Beinen und Ellbogen über dem Boden. Eine Reinste hatte sichtlich Spaß daran, die Jungen und Mädchen zu trainieren. Für einen Moment bewunderte Eve ihre mentalen Fähigkeiten. Sie waren die erste Generation, die bei bestimmten Wetterlagen wieder einige Zeit draußen spielen konnten. Gerade als sie Adlins hellen Lockenkopf zu erkennen glaubte, reckten die Menschen ihre Köpfe gen Himmel. Eve hielt schützend ihre Hand über die Augen und verfolgte fasziniert, wie Solarjets begleitet von Drohnen über sie hinwegflogen. Für die Bewohner der Metropolen waren die Hyperloopstationen der Dreh- und Angelpunkt für die Fortbewegung. Paradise zählte acht dieser Enklaven: Hope, das Zentrum der Akademie der Wissenschaft im nördlichen Montana Nordamerikas, Deep Water im Süden Grönlands, Asia One und Asia Two im Nordosten Russlands und dem alten Indien, New Johannesburg im Südwesten Afrikas, Nuevo Mundo in Südamerika, Save Ice in der Antarktis und New Paris in Europa. Sie alle waren mit den Hyperloops verbunden. In New Paris waren Fahrräder oder vollautomatische und klimatisierte Solarbusse die einzigen Fortbewegungsmöglichkeiten, mit denen Eve ihr Elternhaus am äußersten Zipfel von New Paris erreichen konnte. Das Fliegen war nur Mitgliedern der Akademie der Wissenschaft erlaubt und den Beschützern der Agenda. Ein weiterer Jet flog über ihre Köpfe hinweg.

Dann tauchten Adlin und ihr Partner Samir Abdel am Ausgang der Station auf. Samir, ein hochgewachsener Mann mit kurz geschorenen Haaren und einer auffälligen frischen Narbe auf der rechten Wange, winkte. Die Narbe in seinem Gesicht verlieh ihm eine harte Ausstrahlung. Samir kam aus New Johannesburg. Man sah es ihm an – die dunkle Farbe, die hohe Stirn oder seine gekräuselten Haare waren ein relativ seltener Anblick, denn aus dieser dürren Gegend gab es nur wenige überlebende Nachkommen. Adlin lief über das ganze Gesicht strahlend auf Eve zu, ihre blauen Augen stachen aus dem von der Feldarbeit gebräunten Gesicht hervor. Einen Kopf kleiner als Eve, schaute sie zu ihr hinauf.

»Hey, ist alles in Ordnung?«

Eve blickte wieder in den Himmel. Mit genauso einem Flieger war die Gruppe der Wissenschaftler, der ihr Vater angehört hatte, vor vielen Jahren in einen Sturm über dem Atlantik geraten und nicht mehr wiedergekehrt.

»Ja, ja, ich musste nur gerade an meinen Vater denken. Wenn sich Askit meiner nicht so früh angenommen hätte, um meine Gefühle zu regulieren, würde ich vermutlich keine Sekunde daran denken, irgendwann einmal in einen Solarjet zu steigen.«

Von der Seite registrierte Eve Adlins verschmitztes Lachen, während Samirs Blick in Richtung Station ging. Für den Moment war Eve froh, wieder hier zu sein. In New Paris hatte alles begonnen: ihr Leben, ihre Ausbildung und ihre Partnerschaft mit Thyron. Ein heller Solarbus mit einer großen schwarzen Kennzeichnung in Form von Buchstaben und Zahlen auf der Seite rauschte an ihnen vorbei und wirbelte den staubtrockenen Sand auf. Sie erreichten den Busbahnhof. Eve griff sich einen Apfel aus einem der Nahrungsverteiler, die für jeden in New Paris zur Verfügung standen. Sie hielt ihren Scanner an einen Sensor, und der Konsum wurde der täglichen Nahrungsration zugerechnet.

Adlin klopfte Eve auf die Schulter. »Was macht Thyron in Deep Water? Ich dachte, er wollte unbedingt den Abend mit uns verbringen.«

»Er wird wohl weiter am Konverter arbeiten. Askit hat mit ihm eine Lösung gefunden, die Rate der CO2-Umwandlung weiter zu erhöhen.«

»Ich wusste es. Für ihn sind die Prüfungen sicher keine Mühe mehr.«

»Ja, Adlin, aber er hatte immerhin kurz eine mangelnde Zielorientierung«, erwiderte Eve lachend.

»Ausgerechnet Thyron, eine mangelnde Zielorientierung.«

»Er hat die Nacht vor dem Scan mal wieder durchgearbeitet.«

Eve sah, wie Adlin etwas aus ihrer linken Tasche herausholen wollte.

»Ich habe noch eine Überraschung für dich. Das …«

Bevor Adlin ausreden konnte, stupste Samir Eve und Adlin auf die Schultern.

»Hey, habt ihr sie schon mal in Natura gesehen?«

Eve drehte sich um, eine Truppe von Patriots verließ eine Produktionshalle und donnerte im Gleichschritt zu einer Verladestation. Der ganze Boden vibrierte. Nur einmal als Kind hatte sie einen dieser über vier Meter hohen Allzweckroboter gesehen, jetzt marschierten gleich mehrere unmittelbar an ihr vorbei. Atemlos musterte Eve ihre monströsen Beine aus Stahl, die für sich mannshoch waren, der Korpus bestand zum größten Teil aus einem Energiespeicher, sie konnten sich durch ein- und ausfahrbare Solarzellen selbst aufladen, hatten doppelte Greifhände, geeignet für grobe wie auch für filigrane Arbeiten. Ihr Kopf wurde von den tellergroßen rötlich schimmernden Linsen dominiert, die nachts auch als Lichtquelle dienten und die ihre bedrohliche Ausstrahlung verstärkten. In den Städten bekam man sie nur sehr selten zu Gesicht. Seit der Fertigstellung der letzten Metropole Asia Two wurden sie nur noch zum Grenzschutz und für Arbeiten in den verstrahlten Zonen eingesetzt.

»Ich wusste gar nicht, dass die hier noch produziert werden. Sollte ihre Zahl nicht sinken?« Eve schaute immer noch wie angewurzelt zu den Kolossen, die nun umgekippt und in spezielle Container verladen wurden.

Samir richtete seinen Blick auf Eve. »Ich weiß es nicht, aber Degradierte, die mit Gewalt nach Paradise zurückkehren wollen, gibt es nicht mehr. Ich glaube, die Agenda hat im vergangenen Jahr weltweit gerade mal etwas über …«

Askit erschien an Samirs Display.

»Die Zahl der Degradierten sinkt kontinuierlich, da der Algorithmus des Scans immer weiter verbessert wird. Die Arbeit von euch Reinsten trägt einen Teil dazu bei.«

»Danke Askit«, sagte Eve und legte ihren Arm um Adlins Schulter.

Erst jetzt bemerkte Eve, dass sich Adlins Sommersprossen auf ihrer kleinen Nase vermehrt hatten. So unterschiedlich sie auch aussahen, umso ähnlicher waren sie sich in ihren Anlagen. An ihrem zwölften Geburtstag war Adlin vor achtzehn Jahren mit ihren Eltern aus der asiatischen Metropole Asia One des ehemaligen Russlands nach New Paris gekommen, nachdem ihr Vater nach New Paris als Ingenieur gesandt wurde. Askit brachte sie mit Eve nach einem Scan in einem Schulungscenter zusammen. Vielleicht wären sie auch bei einem zufälligen Aufeinandertreffen beste Freunde geworden, aber durch den Scan konnte Askit sie mit Aufgaben versehen, die eine viel tiefere Übereinstimmung ergaben. Ihre mathematischen und analytischen Fähigkeiten, die Lust, gemeinsam Lösungen zu finden, die bedingungslose Hingabe an die Gesetze Askits und ihre intellektuellen Leistungen hatten sie zu Seelenverwandten gemacht. Eve fühlte sich einfach wohl, wenn Adlin in ihrer Nähe war. Gemeinsam liefen sie weiter über den Platz, um einen der Solarbusse zu bekommen, der in ihre Wohneinheit fahren würde. Eve warf einen letzten Blick auf die gewaltigen Roboter.

»Hat einer von euch jemals gesehen, wie jemand degradiert wurde?«

Samir schüttelte wortlos den Kopf, Adlin schaute träumerisch und gedankenverloren zu Eve hinauf.

»Mein Vater hat mal erzählt, wie ein Angepasster aus seinem Distrikt von Patriots abgeholt wurde, weil er seinen Nachbarn angegriffen hatte. Wie kommst du jetzt auf die Frage?«

»Nur so. Ich habe nie über die Degradierungen nachgedacht. Sie sind für mich ein Mythos wie diese Roboter«, sagte Eve.

»Damit bist du nicht allein. Askit und die Agenda kümmern sich darum. Ich habe nie verstanden, warum Menschen weiter mit all den negativen Gefühlen, Ängsten, Aggressionen und Schwächen leben wollten, anstatt ihr wahres Potenzial zu entdecken.«

Kaum hatte Adlin ihren Satz beendet, spürte Eve wieder diesen Schwindel. Nachwirkungen des Hyperloops? Samir stupste sie an.

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja, es geht schon wieder. Ich …«

Samir nahm ihre linke Hand.

»Was ist?«

»Nichts, ich dachte nur kurz, dein Scanner wäre offline.«

»Das hätte ich wohl gemerkt.«

»Hättest du das, ja?«

Samir machte eine komische Handbewegung vor seinem Mund, die Eve nicht deuten konnte. »Alles in Ordnung, Eve. Volles Potenzial! Ich habe noch etwas zu erledigen.«

Eve schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu Adlin. Sie schien sich an Samirs Bemerkung nicht zu stören.

Adlin und Eve setzten sich in den Bus. Eve blickte Samir nach, wie er zurück zur Kuppel ging. Er war erst vor einem Jahr nach New Paris gekommen, nachdem er Adlin bei einer Expedition in Südafrika unter Einsatz seines Lebens vor einem Sturz in die Tiefe bewahrt hatte. Bevor ein Patriot Adlin hochziehen konnte, hatte sich Samir schon das nicht zu übersehende Andenken an seiner Wange an einem Felsvorsprung eingefangen. Sie verstanden sich nicht nur auf Anhieb, ihre Persönlichkeitsfaktoren und ihre genetische Reinheit hatten ein so hohes Potenzial, dass Askit vor einer Woche die Umsiedlung Samirs nach New Paris genehmigt hatte.

Die anderen Passagiere unterhielten sich leise, schauten sich ihre kommenden Arbeitspläne oder die neuesten Meldungen auf den Holoschirmen an. Schweigend fuhren sie eine Viertelstunde an den symmetrisch errichteten Gebäuden vorbei. Als sie das Zentrum von New Paris hinter sich ließen, erreichten sie die Wohn- und Landwirtschaftsgebiete. Links und rechts waren die Felder mit einem Fließ überzogen, das gute drei Meter über dem Boden einen Teil des Sonnenlichts durchließ und den größeren reflektierte. Die Wasserversorgung wurde durch Leitungen aus den Entsalzungsanlagen des Atlantiks gewährleistet. Schon zweimal mussten sie näher an Paradise auf höheres Gebiet versetzt werden, nachdem der Meeresspiegel weiter gestiegen war. Weit hinter den Feldern waren über Quadratkilometer Gewächshäuser angelegt. Nur vereinzelt waren Arbeiter in ihren alten Thermoanzügen zu sehen. Es war eine Tortur, tagsüber unter den Sonnensegeln zu arbeiten, um die genetisch modifizierten Pflanzen, die der Hitze standhalten konnten, zu pflegen und zu ernten. Die Arbeit für die Nahrungsmittelversorgung, den Bau von Häusern, die Pflege der Vegetation, der Wälder, war ein täglicher Bestandteil des Alltags. Studium, Forschung, Verwaltung, egal, welche Haupttätigkeit man hatte, jeder war zu diesen Arbeiten verpflichtet. Es sorgte nicht nur für einen gegenseitigen Respekt, es verhinderte soziale Spannungen und hatte alte Hierarchien aufgelöst.

Einige Minuten später schaute Eve immer noch schweigend aus dem Fenster und spürte eine tiefe Demut angesichts dessen, was ihre Vorfahren aufgebaut hatten. Askit hatte die neuen Metropolen kurz nach Gründung der Agenda entworfen. Während die ersten Generationen noch unter den Folgen des Krieges und der Seuchen litten und rund um die Uhr arbeiten mussten, um eine Basis für das Überleben und die Zukunft der nächsten Generationen zu sichern, war die tägliche Pflichtarbeitszeit seit langer Zeit flexibler geworden. Es wurde von Askit genau berechnet, wie viel menschliche Arbeitskraft und Ressourcen notwendig waren, um alle gleichermaßen mit Nahrung, Medizin, Wohnraum, Kleidung, ausgewählten technischen Gütern wie Computern oder Thermoanzügen und größeren Maschinen zu versorgen. Anspruch auf individuellen Besitz gab es nicht. Alles wurde so nah und nachhaltig wie möglich produziert. Darüber hinaus stand jedem alles zu, was für die Ausbildung seiner Potenziale dienlich war. Niemand litt einen Mangel. Alle hatten den gleichen Zugriff auf alles, vorausgesetzt, er trug als produktives Mitglied den gleichen Teil für die Gemeinschaft bei wie alle anderen. Wenn die Nanobots in der Blutbahn eines Menschen meldeten, dass die Leistungsfähigkeit aufgrund körperlicher Alterung nachließ, wurde die Arbeitszeit automatisch angepasst. Die Anzahl der Menschen, die sich als egoistisch, faul oder gar gierig erwiesen oder zu krank waren, war 2191 nahezu auf einem Nullpunkt angekommen. Wie Eve verbrachten die Menschen viel Zeit mit Sport, Meditation, geistigem Training, lernten für ihre Weiterentwicklung oder die Wissenschaft und verbrachten den Abend mit der Familie und Freunden oder leisteten zu später Stunde bei erträglichen Temperaturen ihre Feldarbeit. Vielleicht waren die Menschen nicht intelligenter als früher, aber die wohlerzogenen hatten nun die Zeit und die Hilfe, ihr Gehirn vollumfänglich zu nutzen, hatte ihr Vater einmal gesagt. Dass niemand das System in Paradise infrage stellte, war auch der Tatsache geschuldet, dass es keine Menschen waren, die ihnen Befehle erteilten oder die die Angst schürten, abermals in Verhältnissen zu leben, in denen wenige von den vielen profitieren würden. Askit hingegen erschien unbestechlich und vertrauenswürdig.

Der Wald um die Wohnhäuser war in diesem Sommer dicht gewachsen und die in immer gleichen Abständen gebauten eingeschossigen weißen Landhäuser trugen einen kleinen Beitrag dazu bei, das Sonnenlicht zu reflektieren.

»Wie lange hast du Tessa nicht mehr gesehen?«

»Das ist Wochen her, und es geht ihr nicht gut, ich muss einen Platz für sie finden, bevor ich nach Deep Water gehe.«

Eve sah in Adlins Gesicht. Sie hatte sie noch nie so glücklich gesehen. Seit Askit ihr Samir an die Seite gestellt hatte, war die lange Suche nach einem kompatiblen Partner auch für sie endlich beendet.

»Was glaubst du, was uns bei den letzten Prüfungen erwartet?«

Eve rieb sich die Stirn. »Es wären keine, wenn wir das wüssten, Adlin!«

»Ich weiß.«

Eve konnte das Haus ihrer Mutter bereits erkennen und signalisierte, den Bus zu stoppen. Adlins Elternhaus war nur ein paar Minuten weiter entfernt. Sie stiegen aus und umarmten sich.

»Halt, Eve. Das hätte ich fast vergessen.« Langsam zog sie einen Umschlag heraus und überreichte ihn Eve.