Verlag: Books on Demand Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Die Revolution der Erde - Daniel Stosiek

Die Revolution der Erde behandelt den heutigen weltweiten Kapitalismus aus der Perspektive der lebendigen Arbeit der Natur und der Menschen. Es geht um die kausale Beziehung zwischen der Ausbeutung der Mensch-Natur-Beziehung und der Wertschöpfung. Die Überlegungen verknüpfen natur- mit sozial- und humanwissenschaftlichen Ansätzen und entwickeln neue Synthesen des Begreifens des Menschen in der Natur.

Meinungen über das E-Book Die Revolution der Erde - Daniel Stosiek

E-Book-Leseprobe Die Revolution der Erde - Daniel Stosiek

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Zum Zusammenhang zwischen sozialwissenschaftlichen und physikalischen Konzepten

Konkrete und abstrakte Arbeit der Natur

4.1. Zusammenhänge der Energie bei der abstrakten Arbeit der Natur

Die soziale Ausgrenzung der Natur

5.1. Thesen

5.2. Kohle

5.3. Produktion der Überflüssigen

5.4. Bürokratie und die Macht der Privateigentümer

5.5. Nationalismus

5.6. Kommunikation

Dialektik der Befreiung

6.1. Fragenhorizont

6.2. Drei Thesen

6.3. Kausalität der Verfügung

6.4. Kausalität der Ausbeutung

6.5. Die Kausalität der Exklusion der überflüssig Gemachten

6.6. Begriff und Totalität

6.7. Dialektik der Befreiung

Soziales zwischen Mensch und Natur

7.1. Präludium: Geistige Aufwärmübung

7.2. Argumente für die Annahme der Subjektivität der Natur

7.3. Drei Faktoren bei der Arbeit des Menschen

Affekte, Emotionen und Ökonomie

Kolonialität der Mensch-Natur-Beziehung

9.1. Warum wird der Kapitalismus zur Politik?

9.1.1. Ökonomie und Politik

9.1.2. Herrschaft des Menschen über den Menschen

9.1.3. Verkehrung der Affekte, auf Produkte reduzierter Wunsch

9.2. Die Mensch-Natur-Beziehung als zelluläre Einheit des Menschen

9.2.1. Resonanz und Heterotrophie in der Moderne

9.2.2. Sprache-Denken, Werkzeug-Körper: Wo ist die Natur in der Sprache?

9.2.3. Identität und Landbesitz

9.3. Die Kolonialität der Reproduktion

9.3.1. Zur Kolonialität der Mensch-Natur-Beziehung – Bacon und Descartes

Neue Synthese: von beginnender Autopoiesis bis zum Menschen

Fragmente

11.1. Momente aus der Vorgeschichte des Kapitals und warum das Qualitative und Lebendige verschwindet

11.2. Ästhetik der reellen Subsumtion

11.3. Ökonomischer Wert als Anteil und Baustein politischer Macht

11.3.1. Formwechsel

11.3.2. Subsumtion und Wertform

11.4. Hegemonie

11.5. Menschwerdung

11.6. Herkunft des Mehrwertes

11.7. Soziale Konstruktion der Wirklichkeit und des falschen Bewusstseins

11.8. Soziale Konstruktion des Geschlechts

11.9. Arbeit, Wert und Preis – Energiedilemma – Reproduktion

11.10. Gier

11.11. Natura naturans und naturata, kinetische und potentielle Energie, Macht und Wert – Warum oft Alternativen zum Kapitalismus zur Diktatur werden – Auswege

11.12. Jede Ware ist Arbeitskraft

11.13. Unterschiedliche Beziehung zwischen Arbeit des Menschen und Arbeit der Natur

11.14. Bewusstsein und Entfremdung

Die Revolution der Erde

1. Vorwort

Dieses Buch ist nicht nach Art eines Lehrbuches systematisch aufgebaut, in dem Sinne, dass Baustein auf Baustein gelegt würde, bis das Haus fertig ist, sondern eher zirkulär, oder besser spiralförmig, und dynamisch. Das bringt die Komplexität des Gegenstandes mit sich, der immer in Bewegung ist. Deshalb setze ich mehrfach von Neuem an, um den ganzen Zusammenhang jedesmal besser zu begreifen. Und auch wer immer diese Arbeit liest, ist eingeladen, die Dinge immer wieder neu zu durchdenken, Fehler oder Unstimmigkeiten zu entdecken und Konzepte zu verändern.

Vieles was ich hier entwickle, hängt mit dem Dialog und mit der Freundschaft mit Wolfgang Jantzen zusammen, von dessen wissenschaftlicher Arbeitsweise und Erkenntnissen ich immer mehr lerne, dem ich etliche Literaturhinweise verdanke, und der mehrere meiner Manuskripte durcharbeitete und mit Kommentaren und Kritiken versah, welche mich einige Male zum Umarbeiten veranlassten, und von denen ich einen Teil im jetzigen Text zitiere.

Denken und Erkennen erfolgen wie jede Praxis dialogisch und in irreversibler Zeit; deshalb habe ich einige Zeit- und Ortsangaben diesen Texten beigefügt, die über mehrere Jahre entstanden sind.

Das ganze Thema ist eine Weiterführung von Erkundungen, mit denen ich konkret 2013 in Brasilien begann, und die bereits zur Veröffentlichung von Natur und Befreiung1 führten. Kontakte mit indigenen Völkern in Lateinamerika (zunächst durch Menschenrechtsbeobachtung in Mexiko/Chiapas, dann Mitarbeit in Menschenrechtsorganisationen in Chile und Mexiko, später Dissertation, Postdoc) seit 2000 hatten mir den überwältigenden Eindruck immer mehr vertieft, dass menschliche Tätigkeit und aller daraus resultierende Reichtum nicht selbsbezüglich begriffen werden könnten, sondern dass bei all dem die außermenschliche Natur kausal, materiell wie subjekthaft, eine große Rolle spielt. Diesen Gedanken zu untersuchen, möglichst zu beweisen, mindestens plausibel zu machen, hatte ich mich aufgemacht, und bin immer noch dabei.

Daniel Stosiek, Berlin, Oktober 2018

1Daniel Stosiek: Natur und Befreiung. Politische Ökonomie der Mensch-Natur-Beziehung in der Schule und Schuld bei indigenen Völkern, Berlin/Münster (Lit Verlag) 2014.

2. Einleitung

Die Rede von der Revolution der Erde hat einen doppelten Sinn, so wie auch Erde mindestens zweierlei bedeutet. Zum einen ist sie der Planet als kosmischer Körper, der sich um die eigene Achse und um die Sonne dreht. Zum andern meint Erde den gesamten Bereich des organischen Lebens, der Biosphäre – einschließlich der Noosphäre [die Sphäre der Menschen2] –, der sich im Wesentlichen zwischen der obersten Schicht der Geosphäre, wo sich der Boden bildet, und den untersten Kilometern der Atmosphäre, hinzuzufügen die Ozeane, abspielt. In diesem Bereich der Erde, der bei den Mapuche Mapu und bei den Andenvölkern Pachamama heißt, sind alle Lebensprozesse wechselseitig voneinander abhängig, und somit liegt auch die Macht, das Potential zu handeln, in der Interaktion aller Akteure. Da ein Mapuche mir gegenüber die Erde, in seiner Sprache Mapu, als alles das definierte, was auf der Erde lebt, Pflanzen, Tiere, Menschen, möchte ich an dieser Stelle für die Erde als Lebenszusammenhang die Bezeichnung Erde-Mapu verwenden. In vielen Texten dieses Buches nenne ich diesen Zusammenhang etwas ungenauer Mensch-Natur-Beziehung. Wenn die Erde-Mapu in eine Krise gerät, wobei der Mensch die Hauptrolle bei der Krise spielt, dann wird eine Revolution als Umkehr aller sozialen Verhältnisse der Macht des Gesamtzusammenhangs der Erde-Mapu bedürfen.

Für viele Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, ist die Problematik längst bekannt. Eine Grundlage der Weltwirtschaft, seitdem sie kapitalistisch funktioniert, d.h. vom Ziel der Geld- und Wertanhäufung motiviert ist, besteht in der zunehmenden Ausbeutung der Erde-Mapu, besonders derjenigen des Globalen Südens. Dazu gehören die Förderung von Ressourcen der Geosphäre und der Biosphäre wie von Metallen, Erdöl, Kohle, die Errichtung von Monokulturen wie Ölpalme, Soja, Eukalyptusbäumen und vielem mehr, so wie Megaprojekte zur Energieerzeugung, um ein paar Beispiele zu nennen. Immer mehr werden Menschen, ein großer Teil der Menschheit, die bisher in lokalen Zusammenhängen mit der sie umgebenden Natur und kleinbäuerlicher Landwirtschaft lebten, verdrängt und vertrieben.

Diese hier ganz kurz angedeutete Problematik ist nicht neu.

Was ich an Neuem liefere, ist ein Beitrag zur Theorie, nämlich zur Erklärung des kausalen Zusammenhangs zwischen der Ausbeutung der Erde-Mapu und der Wertschöpfung. Kausal wäre dabei missverstanden, wenn es mechanistisch verstanden würde unter Verkennung der Subjekthaftigkeit der Akteure. Nach Karl Marx ist die lebendige Arbeit des Menschen die Quelle des Werts, nach der hier entfalteten Theorie jedoch die gesamte Arbeit der Erde-Mapu einschließlich des Menschen. Der Einfachheit halber spreche ich von Arbeit der Natur oder derjenigen der

Mensch-Natur-Beziehung, zumal der Zusammenhang Erde-Mapu mit allen anderen Systemen energetisch verbunden ist, wie beispielsweise mit der Relation zwischen Erde und Sonne.

Die Bedeutung des Werts, der dem Geld zugrundeliegt, und der Wertschöpfung betrifft demzufolge nicht nur den Menschen und die Gesellschaft, sondern auch die Geosphäre, die Biosphäre und weitere damit verknüpfte Systeme. Was Wert ist und was Arbeit bedeutet, aber auch andere soziale Wirklichkeiten wie Macht, Rassismus oder Spiritualität, werden daher nur verständlich in einer Betrachtung, welche sowohl eine sozialwissenschaftliche Sicht, als auch einen naturwissenschaftlichen Zugang berücksichtigt, dabei besonders die thermodynamischen Zusammenhänge der Energie behandelt und Theorien der Selbstorganisation der Materie einbezieht. Ob soziologisch, geisteswissenschaftlich oder naturwissenschaftlich betrachtet handelt es sich bei Wert, Arbeit, Leben, Macht, Spiritualität jeweils um dieselbe Wirklichkeit. In dem Moment, wo die Erde-Mapu oder die Natur als Subjekt eine entscheidende Rolle in einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung spielt, wie sie hier vorliegt, und wie ich am Weiterentwickeln bin, ändern sich im Vergleich zu sozialwissenschaftlichen Ansätzen, wo es keine Natur als Subjekt gibt, so sehr alle Kategorien, wie auf einer Landkarte das gesamte Verhältnis der Koordinaten sich transformiert, wenn die Erde nicht mehr für eine flache Scheibe gehalten, sondern als Kugel erkannt wird. Nun leben wir zwar im Zeitalter der Meinungsfreiheit, aber ich möchte dringend davon abraten, die Erde weiterhin für eine Scheibe zu halten.

2Vladimir I. Vernadskij: Der Mensch in der Biosphäre. Zur Naturgeschichte der Vernunft, Frankfurt am Main 1997.

3. Zum Zusammenhang zwischen sozialwissenschaftlichen und physikalischen Konzepten

Als ich zum ersten Male Wolfgang Jantzen3 sagen hörte, dass abstrakte Arbeit, wie Karl Marx diesen Begriff verwendet, Energiedurchsatz sei, ahnte ich mehr von der Relevanz des Gedankens, als dass ich diesen verstanden hätte. Und als ich später in einem Text desselben Autors las, dass – wiederum in Marxschen Begriffen gedacht – Arbeit als kinetische Energie und der Wert der Waren, welcher Resultat dieser Arbeit ist, als potentielle Energie, der Konsum wiederum als Übergang in kinetische Energie zu begreifen sei4, meinte ich zuerst, dass zumindest die Aussage über die potentielle Energie allenfalls als Metapher zutreffen könne. Dabei argumentierte ich, dass beispielsweise ein Tisch im Vergleich zu einem unbearbeiteten Stück Holz derselben Menge und Stoffeigenschaften doch im streng physikalischen Sinne keinen Unterschied an potentieller Energie aufweisen dürfte. Das war aber zu kurz gedacht. Denn potentielle Energie ist Lageenergie, eine Energieform, die sich aus der Zusammenstellung ergibt bzw. aus der Interaktion aller relevanten Faktoren. Wenn ich einen Stein in der Hand halte und diesen mit einer kleinen Bewegung zum Fallen bringen kann, wo ist dann genau die potentielle Energie, welche in die kinetische Energie der Fallbewegung übergehen kann?

Sie befindet sich weder allein im Stein, noch in meiner Hand, noch in meinem Gehirn und der Verbindung zwischen motorischem Zentrum und den Muskeln der Hand, noch im Abstand zum Fußboden, noch in der Gravitation der Erde, sondern allein im Zusammenwirken aller dieser Faktoren.

Auch die potentielle Energie des Tisches kann nicht ohne die Gesellschaft verstanden werden, noch letztere ohne die Physik. In einer Gesellschaft, die weder Tisch noch Stuhl verwendet, hätte ein importierter Tisch keine Spur von der ihm zugedachten potentiellen Energie. Dasselbe trifft analog für Gesellschaften zu, die keine Kleidung verwenden usw.

Aber dort, wo es üblich ist, Tisch und Stuhl zu gebrauchen, hat der Tisch als ein Moment vieler Faktoren der gesellschaftlichen Praxis potentielle Energie, welche in die kinetische Energie des sozialen Lebens übergeht, wenn Menschen am Tisch sitzen und dort essen oder arbeiten u.ä.

Denn im Zusammenhang aller dieser Faktoren erspart der Tisch den Energieaufwand, sich hinunterbeugen zu müssen.

Jedoch in Bezug auf die ganze Gesellschaft gedacht ist der Tisch nur einer von vielen Teilaspekten, welche alle zusammen diejenige potentielle Energie ausmachen, welche in die kinetische Energie der Reproduktion des sozialen Lebens übergehen.

Das ist nur ein kleines Beispiel, um anzudeuten, dass die gesamte soziale Welt sich nicht außerhalb derjenigen Wirklichkeit befinden kann, welche mit naturwissenschaftlichen Konzepten beschreibbar ist.

Umgekehrt sind physikalisches und sozial- wie humanwissenschaftliches Denken nur dann miteinander verknüpfbar, wenn nicht nur letzteres aufhört, in cartesianischer Trennung von Geist und Materie idealistisch vorzugehen, d.h. die humane Wirklichkeit implizit als res cogitans (Denken, Geist) ohne res extensa (Materie, Natur) zu betrachten, sondern auch die Naturwissenschaft mit ihrer positivistischen Denkgewohnheit bricht, die materielle Welt als Ausdehnung (res extensa) ohne Denken/Geist/Affekte (res cogitans) zu betrachten. Hans Jonas lenkte bereits 1979 angesichts der historisch neuen Gefährdung der gesamten Biosphäre durch den Menschen die Aufmerksamkeit auf ein Umdenken, das “über die Lehre vom Handeln, das heißt die Ethik, hinaus in die Lehre vom Sein, das heißt die Metaphysik, voranzutreiben [wäre], in der alle Ethik letztlich gegründet sein muß.”5 In diesem Zusammenhang kritisierte er hart die Naturwissenschaften und sagte, “die herrschende wissenschaftliche Ansicht der Natur [...] versagt uns gerade mit Entschiedenheit jedes theoretische Recht, über die Natur noch als etwas zu Achtendes zu denken – hat sie diese doch zu der Indifferenz von Notwendigkeit und Zufall reduziert und aller Würde von Zwecken entkleidet.” (ebd. 29) Dennoch gibt es inzwischen Ansätze, naturwissenschaftlich vom Positivismus abzuweichen und Natur und Subjekt, Ausdehnung und Denken zusammenzudenken und damit im Sinne der Metaphysik, die Jonas vorschwebte, tiefgreifend umzudenken. Dazu gehören, um nur einige zu nennen, Selbstorganisationstheorien seit Erwin Schrödinger (What is Life?), unter der Bezeichnung Autopoiesis durch Varela und Maturana (Der Baum der Erkenntnis), die Physik der Autoren Ilya Prigogine und Lee Smolin, die Ausführungen von Joachim Bauer (Prinzip Menschlichkeit) und die synthetische Humanwissenschaft von Wolfgang Jantzen, der die Dialektik des Menschen mit einer Dialektik der Natur verknüpft.

Dies sind zunächst nur Hinweise im Sinne einer Aufgabenstellung, die ich im Folgenden einzulösen versuche, wo ich u.a. auch Argumente für das Subjektsein der Natur diskutiere.

3Vorlesung zur Politischen Philosophie der Behinderung 2008/09 an der Universität Bremen. Text verfügbar: W.Jantzen: Zur politischen Philosophie der Behinderung, Psychosozial-Verlag 2008.

4Wolfgang Jantzen: Marxismus als Denkmethode und Sicht auf die Welt – eine ständige Herausforderung auch im 21. Jahrhundert?, in: Willehad Lanwer, Wolfgang Jantzen: Jahrbuch der Luria-Gesellschaft 2012, Berlin 2013, 17.

5Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1984, S. 30.

4. Konkrete und abstrakte Arbeit der Natur

2014, Bremen

Karl Marx6 bestimmte die Gebrauchswerte der Waren als “Verbindungen von zwei Elementen, Naturstoff und Arbeit” und fuhr fort: “Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d.h. nur die Formen der Stoffe ändern.” Wolfgang Jantzen hob hervor7, dass Marx vor der Verfassung des Kapitals an der Physik seiner Zeit arbeitete und u.a. an einem Buch von Grove orientiert war, der zeigte, dass mechanische Bewegung, Licht, Wärme, Elektrizität usw. ineinander umgewandelt werden können und alle auf dieselbe Kraft zurückgehen. So verwende Marx erst im Kapital den Begriff der Arbeitskraft, während er zuvor von Arbeitsvermögen gesprochen habe. Später habe Friedrich Engels den quantitativen Aspekt der Arbeit als Formwechsel der Bewegung definiert. Wenn man die weitere Entwicklung der Physik bedenkt, dann muss das, was Marx und Engels als Kraft bzw. als Bewegung thematisieren, als Energie bezeichnet werden.

“Arbeitskraft” ist als potentielle Energie zu begreifen. Marx nannte neben den Prozessen der Natur die konkrete, nützliche Arbeit des Menschen, welche den Gebrauchswert produziert. Aber was macht den Wert aus, also jenen Aspekt, der alle Waren (und hinzuzufügen sind Dienstleistungen) in quantitativer Hinsicht miteinander vergleichbar und tauschbar macht? Es muss eine Qualität geben, die ausnahmslos allen Waren zukommt. Und das ist nach Marx die Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt, abstrakt menschliche Arbeit, d.h. die Arbeit betrachtet unter Abstraktion von allem Konkreten. In diesem Sinne lassen sich alle menschlichen Arbeiten quantitativ miteinander vergleichen, indem man sie hypothetisch und vereinfacht in Arbeitszeit, etwa in Stunden, misst. Jede Ware (und Dienstleistung) ist dann – vom Wert her betrachtet – die geronnene, vergegenständlichte Form einer bestimmten Menge an Arbeit. Genau diese Arbeitsmenge drückt sich im Geld aus, das zum Tausch aller Waren und Dienstleistungen miteinander verwendet wird.

Zur Erläuterung stellt sich Marx vor, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die jeweils Produkte ihrer eigenen Arbeit verkaufen. Z.B. ein Bäcker verkauft Brote, damit er sich für das Geld Schuhe kaufen kann, der Schuster verkauft Schuhe, damit er sich für das Geld Brot kaufen kann, usw.

Jeder verwertet Produkte, tauscht sie in Geld um, reduziert sie auf die geronnene Form abstrakter Arbeit, damit er das Geld in andere Waren und damit in anderen Gebrauchswert umtauschen kann. Dieser Prozess beginnt und endet bei der Ware (W-G-W), dient ausschließlich dem Gebrauchswert, und vom Standpunkt der ganzen Gruppe dient dieser Prozess dem guten Zusammenleben bei rationaler Arbeitsteilung.

Im Kapitalismus gibt es aber Subjekte, bei denen die ökonomische Aktivität beim Geld beginnt und beim Geld endet. Jemand tauscht Geld in Waren um, nur um diese Waren danach wieder zu verkaufen und abermals Geld zu haben. Was motiviert einen Menschen zu solcher Praxis? Es ist die Motivation, nach dem Tausch mehr Geld zu besitzen als davor. Nach dem Äquivalenzprinzip, nach dem Geld genau der Arbeitsmenge, also dem Wert einer Ware entspricht, müsste er nach dem Tausch aber genau dieselbe Menge Geld besitzen wie zuvor. Dieser Widerspruch lässt sich Marx zufolge dann lösen, wenn es eine Ware gibt, deren Gebrauchswert darin besteht, Wert zu produzieren.

Und es gibt eine solche Ware, das ist die Ware Arbeitskraft (Ware Ak). Diese Ware wird wie jede andere Ware nach ihrem Wert bezahlt, d.h. nach ihren Herstellungskosten. In diesem Falle handelt es sich um die Wiederherstellungs- oder Reproduktionskosten, also die Lebensmittel wie Nahrung, Wohnung, ein Minimum an Kultur u.a., was die

Ware Ak braucht, um von einem zum nächsten Tage unvermindert zu funktionieren. Nach dem Kauf ist die Ware Ak für die jeweils vereinbarte Zeit Privateigentum des Kapitalisten, dieser stellt sie in seine Fabrik hinter verschlossenen Türen und macht von ihrem Gebrauchswert Gebrauch, indem er sie arbeiten lässt. Dieser Gebrauchswert besteht darin, dass sie einen größeren Wert produziert, als ihre Reproduktionskosten betrugen. Die Differenz macht den Mehrwert aus.

Nach dem zitierten Text von W.Jantzen müssen Kategorien der Physik – in Weiterführung der Marxschen Denkprozesse – auf die Ökonomie übertragbar sein. Die Arbeitskraft ist potentielle Energie; diese geht in die kinetische Energie der lebendigen Arbeit über; letztere wandelt sich um in die potentielle Energie des Produktes; und die schließlich transformiert sich bei der Konsumtion in die kinetische Energie des Lebensprozesses des Konsumenten einschließlich in dessen Arbeitsprozess.

Wenn aber die potentielle Energie der Arbeitskraft in die kinetische Energie des Arbeitsprozesses übergeht, dann kann diese nicht wiederum in eine Quantität potentieller Energie übergehen, welche diejenige der anfänglichen Arbeitskraft übertrifft. Nach einer solchen Vorstellung wäre der Arbeiter ein perpetuum mobile erster Art.

Daher muss zur Erklärung des Mehrwerts wie überhaupt jeglichen Werts die Arbeit der Natur hinzugefügt werden, welche sich über die Ernährung der Arbeiter und die in den Arbeitsprozess einfließenden Rohstoffe und Energien als wesentliche Mitproduzentin erweist. Es wird sichtbar, dass die abstrakte Arbeit, welche den Wert der Waren und Dienstleistungen schafft, sich aus der Arbeit der Natur und der Arbeit der Menschen zusammensetzt. Nur aus der Gesamtarbeit von Menschen und Natur kann Mehrwert gewonnen werden, weil die Erde ein offenes System im thermodynamischen Ungleichgewicht ist, das sich in einem Fließgleichgewicht befindet, das permanent Energie der Sonne aufnimmt und Energie im Zustand erhöhter Entropie als Wärmeenergie an das umgebende Universum abgibt.

4.1. Zusammenhänge der Energie bei der abstrakten Arbeit der Natur

Ein sich bewegendes Pendel zeigt den abwechselnden Übergang zwischen potentieller und kinetischer Energie. Wenn das Pendel den äußersten Punkt erreicht, dann bleibt es scheinbar8 für einen Moment stehen; in diesem Augenblick ist die potentielle Energie am höchsten und die kinetische Energie gleich Null; wenn sich das Pendel dagegen in der höchsten Geschwindigkeit befindet, dann ist die kinetische Energie maximal und die potentielle minimal.

Diese Energieformen gehen wechselseitig ineinander über. Es passiert aber noch etwas. Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt in geschossenen Systemen die Entropie im Laufe der Zeit zu. Die Entropie ist eine Art Maß für die Unordnung bzw. für die gleichmäßige Verteilung von Energie und Materie im Raum. Das Zunehmen der Entropie bedeutet, dass innerhalb geschlossener System, d.h. bei Absehung von Energieflüssen zwischen System und Umwelt, alle Strukturen von Geordnetheit oder Komplexität die Tendenz haben, zu verschwinden. Wenn Energie und Materie gleichmäßig verteilt sind, ist das thermodynamische Gleichgewicht erreicht. Das sich bewegende Pendel ist eine raumzeitliche Struktur der Komplexität, einer Geordnetheit.

Im Laufe der Zeit wandeln sich die potentielle und die kinetische Energie in Wärmeenergie um, welche sich im Raum verteilt, bis das Pendel stehen bleibt.

Etwas qualitativ anderes geschieht hingegen, wenn ich einem System von außen ein thermodynamisches Ungleichgewicht zufüge und beispielsweise einen Topf mit Wasser auf einen heißen Herd stelle, so dass von unten eine Hitzequelle und von oben eine Abkühlungsquelle vorliegt.

Dann bilden sich im Wasser spontan Bewegungen: Konvektionszyklen, bei denen sich das Wasser geordnet in Säulen bewegt9. Das sind komplexe raumzeitliche Strukturen, die sich spontan einstellen. Dabei tendieren die Wasserbewegungen zum einen dazu, die Entropie zu erhöhen, indem sie zum Temperaturausgleich streben, aber zum anderen schaffen sie zugleich komplexe Strukturen, die dazu neigen, sich nicht sofort aufzulösen, sondern eine Zeit lang im Sein zu verharren, dabei nach innen die Entropie niedrig zu halten. Solche spontanen komplexen Bewegungen in Flüssigkeiten und Gasen sind dissipative Systeme. Ein dissipatives System arbeitet, d.h. es setzt Energie um. Die Arbeitskraft, also die potentielle Energie, welche in die lebendige Arbeit übergeht, befindet sich in der Beziehung zwischen System und Umwelt, genauer gesagt zwischen System und einer thermodynamischen Ungleichgewichtsstruktur der Umwelt. Das Produkt der Arbeit ist das System selbst, es lässt sich also noch nicht zwischen Prozess und Resultat unterscheiden.

Ilya Prigogine, Hans-Peter Dürr10 und Lee Smolin beschreiben dissipative Systeme, bei denen unter Bedingungen des thermodynamischen Ungleichgewichts raumzeitliche Komplexität spontan entsteht und dazu neigt, im Verlauf der Zeit im Sein zu verharren. Wenn die Zeit real ist, wie letzterer in Bezug auf den ganzen Kosmos postuliert, dann kann solche Komplexität (einschließlich der Innovation und des Präzedenzprinzips im Kosmos) nicht durch mechanische Kausalität erklärt werden.

In Bezug auf das Universum bringt Lee Smolin11 Gegenargumente gegen die Hypothese, dass die zunehmende Entropie zum Wärmetod führen werde. Es gebe eine Reihe von Prozessen, die thermodynamische Ungleichgewichte hervorrufen, wie die Gravitation.

Auf jeden Fall ist unsere Erde ein System im thermodynamischen Ungleichgewicht. Die Sonne bestrahlt sie, und die Wärme kann auf der Nachtseite ins kalte Weltall abstrahlen. In dieser Situation entstehen auf der Erde dissipative Systeme, geordnete raumzeitliche Systeme, wie z.B. ein Wirbelsturm, oder auch Meeresströmungen wie der Golfstrom.

Und es entsteht das Leben. Leben ist immer Arbeit, Energieumsatz. Die Arbeitskraft, also die potentielle Energie, ist für die Pflanze die Beziehung zwischen ihr selber und der Sonnenenergie in Bezug auf die Erde, welche wiederum wegen des Abstrahlens auf der Nachtseite eine relativ gleichmäßige Temperatur erhält. Mit Hilfe des Chlorophylls wandelt die Pflanze diese Ungleichgewichtsenergie um in die lebendige Arbeit ihres Lebensprozesses, also in Wachstum, Bildung räumlicher und raumzeitlicher Strukturen. Dabei verwandelt sie auch Wasser und Kohlendioxyd in Kohlenhydrate und frei werdenden Sauerstoff. Die lebendige Arbeit der Pflanze verwirklicht sich zum einen selber als prozessuale raumzeitliche Struktur, zum andern sind die Pflanze und der Sauerstoff nach außen hin eine Struktur mit potentieller Energie. Ein Tier, das die Pflanze und später auch andere Tiere frisst und zugleich atmet, eignet sich gezielt die Struktur der Energie im thermodynamischen Ungleichgewicht an und transformiert sie in die lebendige Arbeit seines eigenen Lebensprozesses.

Es reduziert in seiner Wahrnehmung die lebendige Arbeit der Pflanze – oder des anderen Tieres – auf konkrete, nützliche Arbeit, d.h. auf die Produktion von Gebrauchswert, Nahrung. In der Verknüpfung des eigenen Körpers mit dieser Nahrung in Verbindung mit dem Sauerstoff liegt die Arbeitskraft für das Tier.

Das biologische Prinzip, welches später der Generierung von Mehrwert zugrundeliegt, ist das energetische Dilemma.12 Um Pflanzen zu finden oder um andere Tiere zu erbeuten, muss ein Tier zunächst Energie verbrauchen, Arbeit verausgaben, also genauer gesagt Energie im Zustand des thermodynamischen Ungleichgewichts in weniger brauchbare Energie umwandeln. Dieser Aufwand lohnt sich nur dann, wenn es mehr Ungleichgewichtsenergie gewinnt als verliert. Es muss bereits rechnen. Um dies zu können, beginnt es, die lebendige Arbeit der Pflanzen bzw. der potentiellen Beutetiere auf abstrakte Arbeit zu reduzieren, d.h. auf den quantitativen Aspekt, der mit der eigenen aufgewendeten Arbeit vergleichbar wird. Wenn der Löwe ein Zebra jagt, dann muss es einen “Preis” zahlen, d.h. körperliche Energie und Geschick aufwenden. Der “Wert”, den es mit der Beute gewinnt, ist das Ergebnis fremder Arbeit, nämlich des Zebras und der übrigen Natur, die es hervorgebracht hat. Die fremde Arbeit als lebendige interessiert den Löwen nicht, sondern nur deren Ergebnis, die Menge an potentieller Energie, die ihm als Nutzen erscheint. Der objektive Nutzen ist der Wert aus der Perspektive des Verbrauchers oder Konsumenten, nämlich die potentielle Energie unter dem Gesichtspunkt, sie in die kinetische Energie des eigenen Lebensprozesses umwandeln zu können. Die Differenz zwischen Preis und Wert nimmt bereits hier den Begriff des Mehrwerts vorweg. Bei der Heterotrophie erscheint die abstrakte Arbeit an der Differenz beim energetischen Dilemma, bei Kooperation und Resonanz dagegen an der Äquivalenz.

6Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Berlin 1998 (unveränderter Nachdruck von 1962) (Marx/Engels: Werke, Band 23), S. 57f.

7Wolfgang Jantzen: Marxismus als Denkmethode und Sicht auf die Welt – eine ständige Herausforderung auch im 21. Jahrhundert?, in: Willehad Lanwer, Wolfgang Jantzen: Jahrbuch der Luria-Gesellschaft 2012, Berlin 2013.

8Dies ist Schein, denn es gibt keine Materie ohne Bewegung.

9Lee Smolin: Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (Orig.: Time Reborn..., New York 2013), S. 295.

10Hans-Peter Dürr: Warum es ums Ganze geht. Neues Denken für eine Welt im Umbruch, München 2009.

11Lee Smolin: Im Universum der Zeit.

12Zum Energiedilemma: Werner Nachtigall: Biologisches Design, in: Form + Zweck 17, Berlin(?) 2000.

Werner Nachtigall: Biologisches Design. Systematischer Katalog für bionisches Gestalten. Unter Mitarbeit von Alfred Wisser, Berlin/Heidelberg 2005 (Springer), S. 194.

5. Die soziale Ausgrenzung der Natur

2015, Embu Guaçu, bei São Paulo (Brasilien)

Enrique Dussel verwendet die Konzepte Totalität und Exteriorität, Totalität als koloniale Subjektivität, welche nicht die Anderen anerkennt, diese gar nicht wahrnimmt, und Exteriorität als die Wirklichkeit der Anderen, derjenigen außerhalb des Systems, bzw. derjenigen Subjekte, die ökonomisch integriert, aber sozial ausgeschlossen sind.13 Und in einer interkulturellen Diskussion14 bezieht sich Dussel auf die Kommunikationsgemeinschaft, welche bei Apel und Habermas – in einer idealisierten Sicht, die aber beansprucht, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit sich ihr annähere – Ausgangspunkt für die Wahrheitsfindung ist.

Dabei geht es E. Dussel um die Ausgeschlossenen, eine Wirklichkeit des globalen Südens, die in der Idealisierung bei Apel und Habermas überhaupt nicht vorgesehen ist. Walter Mignolo15 thematisiert ausgehend von Aníbal Quijano die Kolonialität der Macht und des Wissens. Die Kolonialität ist eine Eigenschaft derjenigen Macht Europas oder des Nordens, welche sich Anderen überordnet, als ob sie das Absolute sei. Die Kolonialität des Wissens hat zur Folge, dass andere als europäische oder okzidentale Wissensformen, Autoren, Quellen usw. unsichtbar werden.

Der Zustand gesellschaftlicher Ungleichheit werde bei gewissen europäischen Autoren des 18. Jahrhunderts naturalisiert, d.h. als ursprünglicher Naturzustand hingestellt, dann komme der Staat, um dies wohltätig abzumildern. Bei dieser Vorstellung blende man schamlos aus, wie Walter Mignolo in den Schriften des ehemaligen Sklaven Ottobah Cugoano aus dem 18. Jahrhundert entdeckt, dass die Ungleichheit durch soziale Beziehungen erzeugt wird, dass jemand jemanden ausgrenzt, dass es sich um Ungerechtigkeit handelt.16 Die Ausgegrenzten werden auf Natur reduziert.

Dennoch hat das alles mit der Natur zu tun. Ausgehend von zwei Thesen erläutere ich zuerst die Verfügung über die Arbeit der Natur als den Hebel, der Geld zu Kapital macht, und danach die soziale Ausgrenzung der Natur als Basis jeglichen Rassismus.

5.1. Thesen

Wenn sich im Geld der Wert ausdrückt, dann ist in ihm nicht nur die Arbeit des Menschen sondern auch die der Natur repräsentiert. Dies ist Vorbedingung dafür, dass es zu Kapital werden kann. Denn aus einer naturwissenschaftlich orientierten Analyse der Weltgeschichte (Jared Diamond

17

) lässt sich ableiten, dass die ungleiche Verfügung über die Arbeit der Natur bei relativ gleich bleibender Arbeitsfähigkeit der Menschen der eigentliche Faktor bei der Generierung der Ungleichheit zwischen verschiedenen menschlichen Gesellschaften hinsichtlich des Reichtum und der Armut ist. Die Arbeit der Natur spielt die Hauptrolle bei der Bildung des Kapitals. Und nach dem Funktionsprinzip des Kapitals, Geld einzusetzen, um mehr Geld zurückzuerhalten, ist die Zerstörung der Natur, ihre fortschreitende Reduktion auf Produktion von Wert, der am Nutzen gemessen wird, ihre Verdinglichung, von Anfang an im Begriff des Kapitals angelegt. Zu J. Diamond ist hinzuzufügen, dass die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen an die Verfügung über die Natur (Land, Geo- und Biosphäre) geknüpft ist.

Die – damit verbundene, von den ersten Anfängen des Kapitalismus an vollzogene – soziale Ausgrenzung der Natur ist Ausgangspunkt und Grundlage, die kleinste fraktale Einheit, allen Rassismus. Dies wird denkbar, wenn jemand aus einem indigenen Volk hinter einer Holzkonstruktion den lebendigen Baum bedenkt. Die Natur enthält den Widerspruch zwischen Resonanz und Heterotrophie. Die Natur sozial auszugrenzen bedeutet, sie auf den Aspekt des Nutzens, der abstrakten Arbeit und der Heterotrophie zu reduzieren. Der Mensch, der sich so von der Natur absondert und sein Menschsein darauf gründet, reduziert sich durch dieses Handeln selber zu dem, worauf er die Natur reduziert. Und in allen Formen des Rassismus reduziert er den Anderen auf das, worauf er die Natur reduziert. Rassismus entsteht in dem Maße, wie man in der (bürgerlichen) Gesellschaft unter der Bedingung sozial anerkannt wird, dass man die Natur sozial ausgrenzt, was zur Folge hat, dass man diejenigen Menschen, die “zu sehr” (mehr als üblich) an die Natur erinnern, auf das reduziert, worauf man die Natur reduziert, nämlich auf ein Nicht-Soziales, auf etwas, dem man jede Sinnhaftigkeit schon abgesprochen hat.

Zu A): Geld, Arbeit der Natur, Kapital

Wenn Menschen innerhalb einer sozialen Beziehung tauschen, dann ist der Aspekt der Heterotrophie, des jeweils gewonnenen Nutzens, welcher dem Wert, der vergegenständlichten (abstrakten) Arbeit, entspricht, eingebettet in den Zusammenhang der Resonanz, des sozialen Sinnes. Man strebt nicht danach, so viel wie möglich zu bekommen und so wenig wie möglich zu geben, sondern Geben und Nehmen tendieren zu einem reziproken Verhältnis. Bei den vielen Beispielen nichteuropäischer Kulturen, die Marcel Mauss18 beschreibt, steht bei Gabe und Tausch die Äquivalenz des Werts bei Gabe und Gegengabe im Vordergrund.

Womöglich begann, wie weiter unten thematisiert wird, die Tendenz des Menschen zu fetischisieren, d.h. eine Struktur potentieller Energie, ein “Ding”, Arbeitsprodukt der Natur und bald von Natur und Mensch zusammen, übermäßig zu begehren, bereits mit der Erfindung der Fernschusswaffen im Zuge der Entwicklung der Jagd großer Tiere und des Kriegs. Die Jagd und der Krieg sind vom Ziel geleitet, jeweils mehr an potentieller Energie zu gewinnen, zu “kriegen”, als die betreffenden Subjekte verausgaben (Energiedilemma).

Die erste Quelle des Mehrwertes ist die Natur. Solange die Menschen noch nicht die Arbeit der Natur systematisch kontrollierten, sondern ihr nur bereits produzierte Reichtümer entnahmen, kam es nicht zu größeren Differenzen an Reichtum zwischen verschiedenen Gruppen.

Außerdem entwickelten die Menschen verschiedenster Weltgegenden als Gegengewicht gegen den Krieg Bräuche der Gabe und des Tausches, die im Gegensatz zum Krieg an der Äquivalenz (des Wertes bei Gabe und Gegengabe) orientiert und mit der Exogamie verknüpft wurden, so dass über die Grenzen der je eigenen Gemeinschaft hinweg freundliche soziale Beziehungen entstanden.

Die enorme Ungleichheit zwischen verschiedenen menschlichen Gesellschaften hinsichtlich des Reichtums und sozialer Organisationsformen begann erst mit der systematischen Kontrolle der Arbeit der Natur durch die Landwirtschaft in großem Stil. Jared Diamond hat in einer naturwissenschaftlich orientierten universalgeschichtlichen Studie herausgearbeitet19, dass bei vorausgesetzter gleicher Natur aller Menschen der Welt, was v.a. die Intelligenz und die Arbeitsfähigkeit betrifft, die riesigen Ungleichheiten zwischen Reichtum und Armut zunächst natürwüchsig entstanden sind, nämlich beginnend mit unterschiedlicher Entwicklung der Landwirtschaft. An unterschiedlichen Orten der Erde waren die Bedingungen für die Domestizierung von Pflanzen und Tieren, was beispielsweise das Vorkommen entsprechender Spezies anbelangt, sowie für die Ausbreitung einmal kultivierter Arten extrem verschieden.

Eine erfolgreiche Landwirtschaft hatte jedesmal zur Folge, dass die Bevölkerung pro Fläche wuchs, Städte, Technologien, Schrift usw. entstanden. Dies legt nahe anzunehmen, dass die materielle Ungleichheit in großem Maßstab zwischen menschlichen Gruppen bei gleicher Arbeitsfähigkeit primär durch unterschiedliche Verfügung über die Arbeit der Natur, von einer verschiedenen Beschaffenheit der Mensch-Natur-Beziehung, herrührt. Die Ausbeutung der Arbeit der Menschen kann nur auf Basis der Ausbeutung der Arbeit der Natur erfolgen, denn wer über die Arbeitskraft der Natur verfügt, verfügt über die Lebensmittel und damit über die Arbeitskraft der Menschen20 und gewinnt eine unermessliche Gewalt über diese. Zusammen mit der Herrschaft über die Natur wächst die Unterdrückung der Menschen.

Der Austausch von Gegenständen unter Vermittlung von Geld, W-G-W (Ware-Geld-Ware) wäre innerhalb einer sozialen Beziehung denkbar. Ein Tausch dagegen, der bei Verkehrung des bisher angenommenen Verhältnisses von Sinn und Bedeutung von der Intention geleitet ist, möglichst wenig zu geben und möglichst viel dafür zu erhalten, der also den Boden der Resonanz verlässt und nur dem Prinzip der Heterotrophie, der Aneignung eines möglichst großen Nutzens folgt, welcher in der Abstraktion zum Streben nach bloßer Vermehrung des Wertes wird (G-W-G’), ist bei Äquivalenz des Tausches mit Geld in großem Maßstab nur dann möglich, wenn die einen Subjekte über viel mehr an Arbeit der Natur verfügen als die anderen.

Marx beantwortete im Kapital die Frage, welche Ware den Gebrauchswert hat, Wert zu produzieren (und damit G-W-G’ zu ermöglichen) mit der “Ware Arbeitskraft”, mit dem zur Ware degradierten Menschen, dem Arbeiter, dessen Lohn den Lebensmitteln, also der (Wieder)herstellung dieser “Ware”, entspricht, und dessen Arbeitsleistung den Lohn übertrifft. Da aber die Lebensmittel der Arbeiter und die Lebensmittel der Arbeit (Rohstoffe, Rohprodukte) aus der Bio- und der Geosphäre stammen und es außerdem kein perpetuum mobile gibt, ist zu schlussfolgern, dass der Mehrwert aus der Arbeit der Natur stammt. Der Mechanismus der Ausbeutung der Natur und derjenige der Ausbeutung der Menschen, der auf ersterer Ausbeutung beruht, sind nicht nach dem Schema der Differenz von geleisteter Arbeit und Lohn zu denken, sondern mit der Idee des Energiedilemmas: wie bei der Heterotrophie die aufgenommene potentielle Energie die verausgabte übertreffen muss, so verhält es sich auch bei jeder anderen Ausbeutung fremder Arbeit.

Die Verwendung von Geld als Kapital setzt die wachsende Kontrolle der Arbeit der Natur durch den Menschen, d.h. eine Herrschaftsbeziehung über die Natur (bzw. über das Land, die Erde, die Bio- und Geosphäre) sowie die Ungleichheit der Eigentumsverhältnisse bzgl. der Natur voraus, d.h. das Beanspruchen eines gegebenen Stückes Land durch einige Menschen bei Ausschluss der übrigen Personen, welche dann potentielle Arbeitskräfte sind.

Erst dies ermöglicht es in großem Umfang, mit Geld nach dem Prinzip der Äquivalenz zu tauschen und damit zugleich eine stetig wachsende Ungleichheit zu erzeugen. Das scheint sich historisch zu bestätigen, selbst ohne zu wissen, ob zuerst die Henne oder das Ei da war. Die Ungleichheit des Tausches wird durch die ungleiche Verfügung über die Mensch-Natur-Beziehung gewährleistet. Diese ungleiche Verfügung reicht von unterschiedlichen Naturvoraussetzungen wie Klima, biologische Arten, die verschieden domestizierbar sind, bis zu gesellschaftlichen Einrichtungen wie Privatbesitz an Land, Kolonien, Sklaven, Lohnarbeiter usw.

Es ist also möglicherweise müßig, darüber zu streiten, welche der beiden Entwicklungen der anderen vorausging, der unterschiedliche Naturzugang oder die Verkehrung des Verhältnisses von Geben und Nehmen in der sozialen Beziehung der Arbeit. Das Neue, das in der Kritik der Achsenzeit (alttestamentliche Propheten, vergleichbare Äußerungen in Indien) als Gier und Geiz benannt wird21, besteht darin, dass – seit den frühesten Anfängen des Kapitalismus vor 3000 Jahren mit Großgrundbesitz, Zinssystem und Schuldenabhängigkeit – ein Wirtschaftssubjekt möglichst wenig geben und möglichst viel nehmen will. Es hat den sozialen Sinn der Arbeit verloren, spezialisiert sich auf das Anhäufen von potentieller Energie (Vergegenständlichung von Leben und Arbeit) zu Ungunsten kinetischer Energie (fließendes Leben, lebendige Arbeit). Erst die Arbeit der Natur, welche quantitativ den größten Teil des Wertes ausmacht, der durch das Geld repräsentiert ist, ermöglicht extreme Ungleichheit und Wachstum. Genau an dieser Stelle, wo ein Wirtschaftssubjekt nicht nur bestrebt ist, im Tausch möglichst viel zu nehmen und möglichst wenig zu geben, sondern dies auch in großem Ausmaß kann, weil die enorm gewachsene Herrschaft des Menschen über die Arbeit der Natur sich als Vorstellung von Eigentum über die Natur bzw. das Land konstituiert und dieses Eigentum wiederum in der Gesellschaft ungleich verteilt ist, wird das Geld zum Kapital.

In einer sinnhaften sozialen Beziehung wird die Arbeit der Menschen und die der Natur nicht völlig verdinglicht, sondern behält – trotz Nutzaspekten – eine soziale Dimension. Erst in der Kapitalfunktion, sich möglichst viel Wert aneignen zu wollen (Gier, Geiz), verdinglicht man die Arbeit beider völlig. Man will möglichst viel Arbeit der Natur in vergegenständlichten Wert umwandeln. Gold ist das klassische Symbol für den Wert, der aus der Arbeit der Natur stammt, aus der Geosphäre und kosmischen Prozessen. Dieses Material begünstigt aufgrund seiner Beständigkeit die irrige Vorstellung, dass Wert wie ein festes Ding aufbewahrbar sei, wo doch in Wirklichkeit die relative Stabilität des Wertes (der potentiellen Energie) allein aus der beständigen Reproduktion des Mensch-Natur-Zusammenhanges (kinetische Energie) herrührt. Die Zerstörung der Natur, deren fortschreitende, wachsende Reduktion auf Produktion von Dingen mit Wert, in denen lebendige Arbeit geronnen ist, steckt also von Anfang an im Begriff des Kapitals.

Zu B): Rassismus

Die Mensch-Natur-Beziehung (MNB) als zelluläre Einheit allen humanen Lebens und der Wirtschaft ist ein widerspruchsvoller Zusammenhang aus lebendiger und abstrakter Arbeit22. Sie ist vom Widerspruch zwischen Resonanz und Heterotrophie, sozialem Sinn und Nutzung für den Energieumsatz gekennzeichnet. Unterschiedliche Gesellschaften und Epochen gehen verschieden mit diesem Widerspruch um. Die Gesellschaft des Kapitalismus und der Aufklärung löst den Widerspruch, indem sie den sozialen Sinnanteil der MNB zunehmend als nichtexistent konstruiert, ihn sozial ausgrenzt.

Die lebendige Arbeit sind alle Lebensprozesse der Natur und der Menschen, denn alle Arbeit ist Leben – subjekthaft und sozial gesehen – und zugleich kann sie als abstrakte Arbeit betrachtet werden, denn alles Leben ist Arbeit physikalisch gesehen, Energiedurchsatz.

Die MNB ist die Quelle der potentiellen Energie, welche die Arbeitskraft ist. Sie ist deshalb Grundlage jeder Wirtschaft. Im Kapitalismus, besonders seit dem 16. Jahrhundert, verschwindet zunehmend der Sinn-Aspekt; die Natur wird bloße Ware. Die Reduzierung der Lebensprozesse der Natur und der Menschen auf bloße abstrakte Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft bedeutet, dass sie sozial ausgeschlossen, verdinglicht werden.

Die MNB, die zur äußeren und die zur inneren Natur, muss von Beginn der Entwicklung des Kapitals an einseitig auf Unterwerfung und Nutzung der Natur, auf den Aspekt der Heterotrophie unter Ausblendung und Unsichtbarmachung der sozialen Beziehung und der Resonanz zwischen Mensch und Natur ausgerichtet gewesen sein. Zugleich wird der Mensch zum Arbeiter (vgl. die Formulierung: “bevor aus einem Menschen ein Schneider ward”23), auch er selber auf Heterotrophie, d.h. Ökonomie, Nutzen, Verwertung, reduziert. Ottobah Cugoano bezeugt: “wir wurden als ohne Wert (value) erachtet”24. Der Wert verschwindet virtuell aus dem Lebendigen und geht in die Ware über, die einzig noch “Wert” hat. Der Grad an Verfügung über die MNB entscheidet über den Anteil an materiellem Reichtum der Gesellschaft.

Der Zusammenhang von lebendiger und abstrakter Arbeit realisiert sich in der MNB, welche vom Privateigentum des Landes (Geo-, Biosphäre) bis zu allen darauf aufbauenden Formen des Kapitals reicht. In dieser Form ist sie die Grundlage von jeglichem Rassismus, die vom frühesten Anfang des Kapitalismus an gegeben ist. Denn in der von diesem hegemonial dominierten Gesellschaft hat sich eine Kommunikationsgemeinschaft herausgebildet, in welcher die soziale Anerkennung an die soziale Ausgrenzung der Natur (wie auch der rudimentäreren menschlichen Arbeit) gebunden ist. Es kommt zu einer Art Werteskala, einer Linie, auf der man die jeweils rudimentärere Lebens- und Entwicklungsform abwertet. Auf die soziale Ausgrenzung der Natur folgt die Reduzierung auf “bloße Natur”. Während die Gesellschaft die soziale Beziehung zwischen Mensch und Natur ausgrenzt, entscheidet das Ausmaß, die Fertigkeit und die Zuschreibung der Herrschaft über die innere und die äußere Natur über die soziale Anerkennung in Distinktion.

Wer immer in diesem Regime nicht oder weniger partizipiert, wer von solchem Umgang mit der Natur abweicht, seien es indigene Völker, welche die Natur sozial anerkennen, oder behinderte oder anderswie marginalisierte Menschen, welche unausgesprochen und implizit der Rassismus trifft, weil sie die eigene Natur nicht in der üblichen Weise verdinglichen, oder Menschen des Südens oder anderer nichtwestlicher Kulturen, die “zu sehr” an die Natur erinnern, zum einen weil sie rudimentärere Arbeiten leisten müssen, und zum andern weil sie die bürgerliche Art, die innere Natur zu disziplinieren nicht völlig verinnerlicht haben, werden auf die – bereits von vornherein abgewertete und sozial ausgegrenzte – “Natur” (Körper, Objekte, Ressourcen) reduziert. Sie sind doppelt ausgegrenzt, erstens als Menschen und zweitens als Lebendige. Diese zweite Ausgrenzung tun sich die Ausgrenzenden auch selber an. Die Exklusion erfolgt auf der Ebene der Wirtschaft, des Zugangs zu den materiellen Lebensgrundlagen und zugleich auf der Ebene der sozialen Anerkennung. Wenn man Glück hat, teilt der Staat, der – komplementär mit den Privatbesitzern – mit allen Mitteln seine Herrschaft über die MNB inner- und außerhalb des nationalen Territoriums wahrt, denjenigen Menschen, denen die volle Teilhabe und -nahme als Recht verweigert worden ist, die notwendigen Lebensmittel als Almosen zu und erscheint daher als Wohltäter.

Nach dem Prinzip, dass die soziale Exklusion der Natur die Bedingung für die soziale Anerkennung in der bürgerlichen Gesellschaft ist, lässt sich der Rassismus zwischen Mann und Frau erklären. Im traditionellen Macho-Verhalten behandelt der Mann die Frau genauso wie das Land als Natur und benutzt sie. Im Zuge der Emanzipation der Frau verhalten sich Mann und Frau zunehmend als Gleiche zueinander bei Drosselung der naturhaften, sinnlichen Dimension der Beziehung. Diese wird verengt und verdünnt auf eine eingehegte Sexualität begrenzt. Der Rassismus ist scheinbar überwunden, aber die lebendige Natur bleibt sozial ausgegrenzt. Daher empfinden manchmal Menschen aus Nordeuropa Äußerungen in südlichen Kontinenten als machohaft, obwohl sie das nicht immer sind. Dass eine sinnliche, affekthafte Nähe Ausdruck humaner Beziehung sein könnte, bleibt dann unverstanden.

Ähnliches geschieht auch mit den physischen Unterschieden zwischen Menschen verschiedener Kontinente. Wenn jemand aus Afrika nach Europa kommt und im Vergleich zu den meisten anderen Menschen dort eine dunklere Hautfarbe hat, schwarz oder dunkelbraun aussieht und sich auch sonst physisch unterscheidet im Gesicht, in den Bewegungen, im Temperament, oder wenn jemand auch nur eine dickere Nase als die anderen hat, dann verändert sich häufig die sinnliche, naturhafte Begegnung zwischen den Menschen. Der überwältigende sinnhafte Eindruck kann Anlass sein, den anderen Menschen abzuwerten und ihn oder sie “auf Natur zu reduzieren”, eben als “Neger”, und nicht mehr als Menschen, als meinesgleichen zu sehen. Im Norden ist es deswegen oft üblich, den Naturaspekt des Erlebens und Erfahrens zu leugnen und zu tabuisieren. Unter dem Deckmantel des Antirassismus wird man zum Rassisten gegenüber der Natur. Der eigenen und der des anderen Menschen. Ein Ausweg wäre es, die Natur nicht mehr sozial auszugrenzen und die Resonanz der Natur zuzulassen.

5.2. Kohle

Die Macht über Interpretationen und die politische Macht sind an die ökonomische Macht geknüpft. Diese ist maximal, wo jemand maximal über die Arbeit der Natur verfügt. Privatbesitz, der potent ist, Kapital zu produzieren, muss sich daher vor allem auf die Arbeit der Natur beziehen.

Wert, der als die Summe der vergegenständlichten Arbeiten der Natur und der Menschen entsteht, ist potentielle Energie, die von der kinetischen Energie der Arbeit produziert wird. Alle potentielle Energie, Ungleichgewichtsenergie, Energie im Zustand hoher Komplexität, der Geo- und der Biosphäre der Erde ist kapitalisierbar.

Der moderne Kapitalismus begann mit der Ausbeutung der “Natur des Südens” der Kolonien besonders seit dem 16. Jahrhundert. Ein wichtiger Faktor der industriellen Revolution in England war die Steinkohle, die zusammen mit Sauerstoff eine während Jahrmillionen durch Arbeit der Biosphäre erzeugte Struktur potentieller Energie ist. Der Volksmund übertrifft Marx an Klugheit, wenn er Geld “Kohle” heißt.

5.3. Produktion der Überflüssigen

In alten Gesellschaften hat viel Geld, wer viel Land besitzt. Bezüglich des modernen Kapitals beschrieb Marx die Tendenz des Kapitals, eine wachsende Bevölkerung zu produzieren und gleichzeitig einen immer größeren Anteil der Menschen für die Arbeit überflüssig zu machen. (MEW, Bd. 23, 640ff.) Wie stellt das Kapital das an? Der erste Aspekt rührt daher, dass es kein Wachstum des Kapitals, des abstrakten Werts, ohne Wachstum der Gebrauchswerte, also der Lebensmittel plus deren Nachfrage gibt. Der zweite Aspekt kommt daher, dass mit Hilfe verbesserter Technologien und der damit einhergehenden Subsumtion immer größerer Bereiche der Bio- und Geosphäre unter das Kapital der Anteil der Arbeit der Natur (bei Marx: konstantes Kapital) im Verhältnis zur Arbeit der Menschen (bei Marx: variables Kapital) zunimmt. Es ist also zu einem großen Teil die Natur des Südens unter Bedingungen der reellen Subsumtion der Arbeit der Natur unter das Kapital (Monokulturen usw.), welche zunächst immer mehr Arbeiter im Norden “produziert”, von denen viele im 19. Jahrundert in die Kolonien auswanderten, und später, bis heute, die Bevölkerungsexplosion des Südens schafft.

5.4. Bürokratie und die Macht der Privateigentümer

Was ist Bürokratie? Im Sinne von Hannah Arendt25