Beschreibung

England 1070: Kaum ist die Schlacht von Hastings geschlagen, muss sich der junge Ritter Tancred gegen einen übermächtigen Feind behaupten ...

England, 1070. Dem jungen Ritter Tancred wurde als Lohn für seine Dienste eine kleine Grafschaft an der Grenze zu Wales vermacht. Doch als neuer Lord erwartet ihn alles andere als ein friedliches Leben. Tief im Landesinneren von Wales brodelt der Widerstand gegen die normannischen Eroberer – denn Waliser und Engländer vereinen ihre Kräfte. Und es droht eine weitere Gefahr: Tancreds Erzfeind, der entmachtete Prinz Eadgar, hat ein Bündnis mit den Dänen geschlossen und erkämpft sich den Norden Englands zurück. Als Tancred und sein Lehnsherr in feindliche Gefangenschaft geraten, scheint alles, wofür Tancred gekämpft hat, verloren …

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Seitenzahl: 754

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James Aitcheson

Die Ritter des Nordens

Buch

England, 1070. Dem jungen Ritter Tancred wurde als Lohn für seine Dienste von seinem neuen Lehnsherrn Robert Malet eine kleine Grafschaft an der Grenze zu Wales vermacht. Doch als neuer Lord erwartet ihn alles andere als ein friedliches Leben. Tief im Landesinneren von Wales brodelt der Widerstand gegen die normannischen Eroberer, und Tancreds Land wird immer wieder von Überfällen heimgesucht. Dieser Konflikt nimmt bald größere Formen an, denn die Angelsachsen und Waliser vereinen ihre Kräfte. Und es droht eine weitere Gefahr: Tancreds Erzfeind, der entmachtete Prinz Eadgar, hat ein Bündnis mit den Dänen geschlossen und bringt den Norden Englands wieder in seine Gewalt. Als Tancred und sein Lehnsherr in feindliche Gefangenschaft geraten, scheint alles, wofür Tancred gekämpft hat, verloren …

Weitere Informationen zu James Aitcheson sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.

James Aitcheson

Die Ritter

des Nordens

Historischer Roman

Aus dem Englischen

von Bernhard Weber

Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Splintered Kingdom«

bei Preface Publishing, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2014

Copyright © der Originalausgabe 2012 by James Aitcheson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Eva Wagner

MR · Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- u. Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-11832-7

www.goldmann-verlag.de

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Für Laura

Liste der Orts- und Flussnamen

Ich habe mich entschieden, in diesem Buch durchgängig die im elften Jahrhundert auf den britischen Inseln gebräuchlichen Ortsnamen zu verwenden, wie sie in Urkunden, Chroniken und im Domesday Book (1086) festgehalten sind, dem von Wilhelm dem Eroberer (König Guillaume) in Auftrag gegebenen großen Reichsgrundbuch und Lehnsregister. Die Schreibung dieser Namen war damals nur selten einheitlich, und in vielen Fällen waren sogar mehrere Versionen gleichzeitig in Umlauf. So wurde etwa Eye in Suffolk zur damaligen Zeit je nachdem mit Haia, Hea, Heye und Eia, aber auch in der von mir bevorzugten Schreibweise Heia wiedergegeben. Bei der Schreibung britischer Ortsnamen habe ich mich vor allem an zwei Referenzwerken orientiert: A Dictionary of British Place-Names, hg. von A. D. Mills (OUP: Oxford 2003) und The Cambridge Dictionary of English Place-Names, hg. von Victor Watts (CUP: Cambridge 2004).

Alba Schottland

Amwythic Shrewsbury, Shropshire (Altwalisisch)

Bebbanburh Bamburgh, Northumberland

Beferlic Beverley, East Riding of Yorkshire

Brycgstowe Bristol

Ceastre Chester

Clastburh Glasbury, Powys

Caerswys Caerswˆs, Powys

Commines Comines, Frankreich/Belgien

Cornualia Cornwall

Defnascir Devon

Deorbi Derby

Dinant Dinan, Frankreich

Dunholm Durham

Dyflin Dublin, Republik Irland

Earnford nahe Bucknell, Shropshire (fiktiv)

Eoferwic York

Estrighoiel Chepstow, Monmouthshire

Execestre Exeter, Devon

Gand Gent, Belgien

Glowecestre Gloucester

Hæstinges Hastings, East Sussex

Hafren Severn (Altwalisisch)

Heia Eye, Suffolk

Heldernesse Holderness, East Riding of Yorkshire

Herefordscir Herefordshire

Hul Hull

Humbre Humber, auch: Humber-Ästuar

Leomynster Leominster, Herefordshire

Licedfeld Lichfield, Staffordshire

Lincolia Lincoln

Lindisse Lindsey, Lincolnshire

Lundene London

Mathrafal nahe Meifod, Powys

Montgommeri Sainte-Foy-de-Montgommery, Frankreich

Noruic Norwich, Norfolk

Rencesvals Roncesvalles, Spanien

Rudum Rouen, Frankreich

Saverna Severn (Altenglisch)

Scrobbesburh Shrewsbury, Shropshire (Altenglisch)

Snotingeham Nottingham

Stæfford Stafford

Stratune Church Stretton, Shropshire

Sudwerca Southwark, Greater London

Sumorsæte Somerset

Suthfolc Suffolk

Temes Themse

Use Ouse

Wæclinga Stræt Watling Street

Westmynstre Westminster, Greater London

Wincestre Winchester, Hampshire

Wirecestre Worcester

Yr Aire

Eins

Sie kamen im Morgengrauen, noch bevor auf dem Gutshof das Leben erwachte. Noch lag das Land im Dunkeln: das Herrenhaus oben auf dem Hügel, die Felder ringsum, der Fluss und die Wälder und der große Grenzwall, der das Land von einem Meer zum anderen durchzog. Und aus dieser Dunkelheit kamen sie nach Earnford, mit Schwertern und Messern und Äxten: ein kleiner Trupp Männer, vielleicht nur ein Dutzend, vielleicht aber auch an die dreißig. So genau wusste das hinterher niemand zu sagen. Denn als unsere Leute schließlich aufgesprungen waren und sich den Fremden bewaffnet entgegenwerfen wollten, waren sie mit den sieben Mädchen und Frauen, die sie im Dorf geraubt hatten, schon längst wieder zwischen den Bäumen verschwunden.

Dies war nun der dritte Überfall der Waliser in nur einem Monat, und der erste, bei dem sie uns übertölpelt hatten. Sonst hatte die Wache uns stets rechtzeitig gewarnt, und wir hatten schon bereitgestanden, wenn sie gekommen waren. Trotz ihrer barbarischen Art waren sie nämlich im Grunde genommen feige und suchten nur dann den Kampf, wenn sie wussten, dass sie in der Überzahl waren. Bevor wir schlafen gingen, hatte ich deshalb stets eine Wache aufgestellt, doch in dieser Nacht war der Mann offenbar eingeschlafen. Denn niemand hatte uns gewarnt, bis plötzlich das Geschrei angehoben hatte.

Die Fremden hatten nicht nur drei Männer, sondern auch deren Vieh erschlagen und mehrere Häuser angezündet. Und als es nun über dem Gut von Earnford – wo ich eine neue Heimat gefunden hatte – Tag wurde, wandten sich die Dorfbewohner an mich, Tancred a Dinant. Sie wollten Gerechtigkeit, sie wollten Rache; doch vor allem wollten sie ihre Frauen wiederhaben, und zwar unverletzt. Und da ich nun einmal ihr Grundherr war, oblag es mir, ihnen Schutz zu gewähren. Deshalb rief ich meine Gefolgsleute zusammen – meine treuen Kampfgefährten – und dazu noch so viele Männer, wie sich im Dorf auftreiben ließen. Wir schnallten unsere Schwerter und Messer am Gürtel fest, legten Lederwams und Kettenpanzer an und setzten die Helme auf; wer ein Pferd hatte, sattelte es und machte es reisefertig. Als dann im Osten die Sonne über den Hügeln aufging, nahmen wir die Verfolgung der Männer auf, die uns dies angetan hatten.

Inzwischen senkten sich jedoch bereits die ersten Vorboten der Abenddämmerung über das Land, und wir wussten immer noch nicht, wo die Männer sich mit unseren Frauen aufhielten. Wir waren ihnen durch kurvenreiche Täler gefolgt, durch Wälder, deren Unterholz so dicht war, dass wir die Spur der Entführer zu verlieren drohten. Inzwischen waren wir schon tief in das Feindesland eingedrungen. Ich kannte weder die Hügel ringsum noch die Windungen des Flusses, dem wir folgten, und das galt gewiss auch für die Männer aus dem Dorf, die sich mir angeschlossen hatten, da war ich mir sicher. Wahrscheinlich waren die meisten von ihnen in ihrem ganzen Leben noch nie so weit von zu Hause fort gewesen.

»Die sind doch längst weg«, brummte Serlo, der neben mir ritt. »Bald wird es dunkel, und dann finden wir sie ohnehin nicht mehr.«

Er war der loyalste der drei jungen Ritter, die zusammen mit mir auf dem Gutshof wohnten: bärenstark, mit kräftigen Armen und einem ungestümen Temperament. Auch wenn er nicht gerade der Schnellste war – weder körperlich noch geistig –, kamen ihm an Kraft nur wenige gleich; deshalb war es stets beruhigend, ihn im Kampf neben sich zu wissen.

Ich sah ihn an, ohne die anderen zu vergessen, die unmittelbar hinter uns gingen: ein gutes Dutzend Männer und Knaben, die völlig auf uns angewiesen waren und die um die Ehre, wenn nicht gar das Leben ihrer Frauen und Schwestern fürchten mussten, wenn wir den Feind entkommen ließen.

»Keine Sorge, wir finden sie schon«, entgegnete ich. »Wir sind doch nicht den ganzen Tag hinter diesen Hurensöhnen hergeritten, um jetzt einfach aufzugeben.«

Ich versuchte meiner Stimme einen zuversichtlichen Klang zu geben, obwohl ich meine Zweifel hatte. Wir hatten den ganzen Tag – der bisher heißeste des Sommers – nicht ein einziges Mal angehalten und waren ununterbrochen geritten beziehungsweise marschiert. Trotzdem hatte ich keine Ahnung, wie weit wir noch von den Entführern entfernt waren oder ob sie uns längst abgehängt hatten.

Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war die Sonne noch sehr warm, und in der schwülen Luft schien sich ein Gewitter zusammenzubrauen. Meine Schultern schmerzten unter dem Gewicht des Kettenpanzers, der schwer wie Blei auf mir lastete. Schon am Morgen, als wir das Gut gerade erst eine Meile hinter uns gelassen hatten, hatte ich bereut, ihn überhaupt angelegt zu haben, und wollte schon umkehren. Doch das hätte nur dem Feind genützt, und so hatte ich das schwere Hemd anbehalten. Ich war schweißgebadet, das Gambeson und der Waffenrock klebten mir am Leib. Wann immer wir stehen blieben, um auf die Männer zu warten, die hinter uns hermarschierten, musste ich die Fliegen verscheuchen, die mich hartnäckig verfolgten.

Dann fiel mein Blick auf Ædda, meinen kräftig gebauten Stallmeister, der ungefähr zwanzig Schritte weiter vorne am Boden kauerte. In ganz Earnford, vielleicht sogar in den gesamten Walisischen Marken – dem Grenzgebiet zwischen England und Wales –, gab es keinen besseren Fährtenleser. Ich vertraute ihm völlig. Er lebte schon länger in der Gegend als die meisten anderen Dorfbewohner und war der Einzige, der wusste, wo genau wir uns gerade befanden. Wenigstens hoffte ich das.

Aber nicht nur ich selbst, auch die Männer aus dem Dorf schienen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Ich verstand zwar kaum ein Wort ihrer Sprache, doch die müden Blicke, mit denen sie vor sich auf den Boden starrten, sagten alles. Dazu kam noch das hartnäckige Schweigen, das sie an den Tag legten, während sie sich Meile für Meile dahinschleppten.

»Mylord«, rief Ædda. Er kniete am Boden und winkte mich heran.

Ich sah ihn fragend an. Falls er die Spur verloren hatte, würde uns nichts anderes übrigbleiben, als umzukehren. Im ersten Augenblick war ich fast erleichtert, doch dann schämte ich mich geradezu, dass ich so etwas überhaupt denken konnte. Falls wir ohne die Frauen nach Hause zurückkämen, würden die Leute dort sofort jenen Respekt vor mir verlieren, den ich mir so mühsam erworben hatte. Außerdem hatte ich versprochen, sie zu finden. Das war möglicherweise nicht sehr klug gewesen, aber jetzt nicht mehr zu ändern, und an dieses Versprechen war ich gebunden.

»Was gibt es?«, fragte ich. Als ich vom Pferd stieg, versank ich mit den Stiefeln tief im weichen Boden. Um die Mittagszeit hatte es eine Weile geregnet. Deshalb war der Boden unter den Bäumen so feucht, dass die Hufe der feindlichen Pferde darin deutliche Abdrücke hinterlassen hatten.

Aber diese Spuren waren nicht der Grund, weshalb er mich gerufen hatte. Vielmehr hielt er einen hellen Gegenstand in der Hand, der ungefähr so lang war wie sein Mittelfinger: einen Hirschhornkamm, der mit roten und grünen Kreuzen und Dreiecken verziert war und in den jemand an einem Ende ein winziges »H« geritzt hatte.

Ich nahm den Kamm und drehte ihn aufmerksam zwischen den Fingern hin und her, während ich mit dem Fingernagel den Schmutz von seinen Zinken abkratzte.

»Glaubst du, der gehört einer von den Frauen?«, fragte ich leise.

»Wem denn sonst, Mylord?«, entgegnete Ædda. Er gehörte zu den wenigen Engländern in Earnford, die des Französischen mächtig waren. »Wir sind doch mindestens eine Stunde vom nächsten Dorf entfernt.«

Er sah mich mit dem einen Auge an, das ihm geblieben war; das andere hatte er vor ein paar Jahren bei einer Rauferei verloren. An seiner Stelle war eine hässliche dunkle Narbe zurückgeblieben. Tatsächlich sah der Mann ziemlich furchterregend aus: Denn ihm fehlte nicht nur das Auge, sondern auch die Wange war durch eine böse, schlecht verheilte Brandwunde entstellt. Hinzu kam, dass er nicht besonders freundlich war, sondern ziemlich reizbar und aufbrausend – ein Mann, mit dem man sich besser nicht anlegte. Doch im Gegensatz zu den Leuten in Earnford, die ihn fürchteten, konnte mich das alles nicht beeindrucken. Ich hatte im Laufe der Jahre auf dem Schlachtfeld schon ganz andere Haudegen kennengelernt.

Ich nickte ernst und steckte den Kamm dann in meinen Geldbeutel. Wenigstens waren wir auf der richtigen Spur. Ob es allerdings eher ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, dass jemand den Kamm hier fallen gelassen hatte, war schwer zu beurteilen.

»Wir ziehen weiter«, rief ich den anderen zu, als ich wieder zu meinem Pferd ging. Ich schwang mich in den Sattel und war plötzlich wieder von einem unbändigen Tatendrang erfüllt. Ich drückte dem Pferd die Fersen in die Flanken, drängte es vorwärts und rief: »Wir haben nicht mehr weit.«

Kurz darauf führte der Weg einen steilen Hang hinauf, und wir mussten absitzen und die Pferde am Zügel führen. Die Sonne stand direkt vor uns am Himmel und strahlte uns, sooft der Wind zwischen den Ästen eine Lücke öffnete, voll ins Gesicht. Ringsum herrschte ein Höllenlärm: lautes Vogelgezwitscher und dazu das Summen zahlloser Insekten. Trotzdem hatte ich ein merkwürdiges Gefühl, denn offenbar waren wir weit und breit die einzigen Menschen. Ich verspürte ein seltsames Kribbeln im Schwertarm; meine Hand krampfte sich ständig zusammen, als ob sie das Heft meines Schwertes ergreifen wollte. Ich hatte mich im Wald noch nie besonders wohlgefühlt, weil es so schwierig war, sich dort zu orientieren. Wohin man auch blickte, überall sah es gleich aus. Außerdem konnten sich im Wald überall Feinde versteckt halten, ob im Unterholz, hinter umgestürzten Bäumen oder unter tief hängenden Ästen.

»Haltet die Augen offen«, sagte ich zu Serlo und den beiden anderen jungen Rittern, die mich begleiteten: dem vor Ehrgeiz brennenden Turold und Pons, dessen Blick so durchdringend und kalt war wie die Klinge seines Schwertes. Die drei waren gewiss nicht die geschicktesten Schwertkämpfer und auch nicht die besten Reiter, die ich kannte; trotzdem bildeten sie gemeinsam einen schlagkräftigen kleinen Trupp. Obwohl ich sie erst seit knapp einem Jahr bei mir hatte, hatte ich mein Leben in ihre Hand gelegt. Sie hatten mir Treue und Gefolgschaft geschworen, und so waren wir nun auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden.

Die Sonne stand inzwischen tief am Himmel, und die Schatten wurden immer länger. Hier und da malte das Abendlicht rötlich gelbe Flecken zwischen den Bäumen auf den Waldboden. Daheim im Dorf würden sich die Leute gewiss schon fragen, was wohl aus uns geworden war und ob wir an diesem Abend noch nach Hause kommen würden. In der Ferne war der Ruf einer Eule zu hören, die sich für die nächtliche Jagd bereitmachte. Als ich gerade überlegte, ob wir die Verfolgung für heute abbrechen sollten, blieb Turold, der direkt vor mir ging, unvermittelt stehen.

»Was ist?«, fragte ich.

Er blickte aufmerksam in die Ferne, irgendwohin zu unserer Rechten. »Ich glaube, ich habe etwas gehört.«

»Ach, das bildest du dir doch bloß ein, Welpe«, sagte Pons. »Wahrscheinlich nur der Wind.«

»Oder ein Hirsch«, schlug Serlo vor.

»Nein, das war nicht der Wind …«, fing Turold wieder an.

»Ruhe.« Ich schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Hört.«

Ich hatte mir schon immer einiges auf mein gutes Gehör eingebildet, trotzdem konnte ich es in dieser Hinsicht mit Turold nicht aufnehmen. Wenn er behauptete, etwas gehört zu haben, behielt er fast immer recht. Mit seinen gerade mal achtzehn Jahren war er zwar noch fast ein Knabe. Trotzdem war er schon ein geschickter Krieger, auch wenn er bisher nur in wenigen Schlachten gekämpft hatte. Doch was ihm noch an Erfahrung fehlte, machte er durch seinen Ehrgeiz wett.

Ich stand reglos neben meinem Pferd, dem ich die Hand an den Hals gelegt hatte, und wagte kaum zu atmen. Zunächst war ringsum alles still. Der Wind hatte sich gelegt, und sogar die Vögel waren verstummt. Ich wollte schon den Befehl zum Weitergehen geben, als ich plötzlich eine Stimme hörte, oder waren es sogar mehrere? Dann Gelächter, ganz leise zwar, aber unverkennbar. Schwer zu sagen, wie weit die Stimmen entfernt sein mochten und woher genau sie kamen. Es war schwierig, die Geräusche zwischen den Bäumen genau zu orten. Außerdem konnte ich wegen des dichten Unterholzes nichts erkennen, obwohl die Männer, deren Stimmen wir gehört hatten, höchstens einige Hundert Schritt von uns entfernt sein konnten.

»Hört Ihr das?«, fragte Turold leise.

Mein Herz fing an zu pochen. Natürlich wusste ich nicht, ob wir es hier wirklich mit den Männern zu tun hatten, hinter denen wir her waren, doch es waren die ersten menschlichen Anzeichen, die wir seit vielen Stunden wahrnahmen. Dann waren die Stimmen plötzlich wieder deutlich zu hören – aus nördlicher Richtung, oben auf dem Hügel, wie ich vermutete.

»Warte hier mit den Männern, bis ich dir ein Zeichen gebe«, sagte ich zu Ædda.

Er nickte wortlos. Ich überprüfte kurz, ob mein Schwertgurt richtig saß, bedeutete meinen drei jungen Gefolgsleuten dann, mir zu folgen, und verließ den Pfad in Richtung der Stimmen. Während ich gebückt unter den tief hängenden Ästen und durch das Unterholz schlich, spürte ich deutlich, wie meine Anspannung immer mehr zunahm. Ich wusste aber auch, dass wir keinen Lärm machen durften. Also zwang ich mich, langsam zu gehen, und achtete sorgfältig darauf, dass ich nicht auf einen Ast trat oder mit dem Fuß irgendwo hängen blieb.

So schlichen wir den Hang hinauf, und allmählich wurden die Stimmen lauter. Was sie sagten, konnte ich allerdings nicht verstehen, da sie weder Französisch noch Bretonisch oder Lateinisch sprachen. Englisch schien es nach meinem Empfinden aber auch nicht zu sein, es sei denn, sie unterhielten sich in einem Dialekt, den ich noch nicht kannte.

Dann sah ich sie plötzlich. Etwa zwanzig Schritte weiter vorne tat sich eine Lichtung auf, auf der sich eine Gruppe von Männern um ein kleines Feuer versammelt hatte. Ich versteckte mich hinter einem umgestürzten Baum und signalisierte meinen Gefolgsleuten durch ein Zeichen, dass sie herankommen sollten. Während meine linke Hand auf der rauen Borke des Baumes ruhte, hielt ich mit der rechten den Schwertgriff umklammert. Der Geruch des feuchten Waldbodens stieg mir in die Nase.

»Und jetzt?«, fragte Serlo leise.

Die Bande war größer, als ich vermutet hatte: gewiss ein Dutzend Männer, und ich hatte keinen Zweifel daran, dass es noch mehr von ihnen geben musste, die wir von unserem Standort aus nicht sehen konnten. Die meisten der Männer hatten einen mächtigen Schnurrbart, wie es auf den britischen Inseln Tradition war. Dabei war ihr Kinn glattrasiert und das Haar an den Ohren kurz geschnitten. Alle trugen die bei den Walisern so beliebten weiten Hosen. Einer, der neben dem Feuer stand, hatte eine Axt geschultert. Ihre Schilde hatten die Männer am Rand der Lichtung an die Bäume gelehnt. Keine Frage: Wir hatten es hier mit kampferprobten Kriegern zu tun. Mehr konnte ich wegen der tief stehenden Sonne aus dieser Entfernung nicht erkennen.

»Wir müssen näher an sie heran«, murmelte ich.

»Noch näher?«, fragte Pons ziemlich laut und sah mich sofort schuldbewusst und etwas dümmlich an, weil er wohl begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Ich warf ihm einen bösen Blick zu und legte einen Finger auf den Mund. Dann stand ich wortlos auf und nahm die Lichtung zunächst aus sicherem Abstand in Augenschein, bevor ich mich vorsichtig dem Waldrand näherte. Auf der anderen Seite der Lichtung hatten die Waliser ihre Zelte im Rund aufgebaut. Nicht weit davon entfernt grasten friedlich ihre Pferde. In der Mitte zwischen den Zelten saßen sieben Frauen am Boden, denen die Entführer die Hände auf dem Rücken gefesselt hatten; sie hielten die Köpfe gesenkt.

Endlich hatten wir sie gefunden. Auch wenn die Suche fast den ganzen Tag in Anspruch genommen hatte, auch wenn es mir zwischendurch vorgekommen war, als ob wir bereits die halbe Insel durchquert hätten – wir hatten es geschafft.

Doch zum Feiern war es natürlich noch zu früh, schließlich stand uns der gefährlichste Teil des ganzen Unternehmens noch bevor. Als ich die Lichtung noch einmal genau inspizierte, zählte ich nicht weniger als sechzehn Waliser, und mein Mut sank. Zu viele, um sie offen anzugreifen, zumal nur einige unserer Leute sich überhaupt auf den Umgang mit einer Waffe verstanden. Es gab daher nur eine Möglichkeit, die Fremden zu überwältigen: Wir mussten sie überraschen.

Als ich mich umdrehte, bemerkte ich, dass ich die Männer aus Earnford nicht mehr sehen konnte. Ich sah Turold an und befahl ihm: »Geh zu Ædda und sag ihm, dass er die Männer herbringen soll.«

Er nickte, ging vorsichtig den Hang hinunter und war kurz darauf im Unterholz verschwunden.

»Jetzt können wir nur warten«, sagte ich leise und kauerte mich hinter einen Busch. Wie es schien, hatten die Waliser keine Wachen aufgestellt. Trotzdem vermied ich jedes Geräusch. Einige von den Kerlen hielten Lederflaschen in der Hand, aus denen sie gelegentlich einen Schluck nahmen, andere reinigten sich mit Hilfe zarter Haselnusszweige die Zähne oder rieben sie sich mit Wolle sauber. Mir war nicht entgangen, dass die Waliser viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legten und vor allem ihre Zähne sorgfältig pflegten. Hier und da blickte einer von ihnen über die Schulter zu den Frauen hinüber, oder es stand einer vom Feuer auf, um nach den Pferden zu sehen. Die meisten hatten die Schwerter abgeschnallt und die Speere einfach auf den Boden gelegt – ein Verhalten, das ich meinen Männern niemals gestattet hätte, das uns jedoch einen entscheidenden Vorteil verschaffen konnte. Offenbar fühlten sie sich völlig sicher und schienen zu glauben, dass wir die Verfolgung längst aufgegeben hätten. Was für ein grandioser Fehler.

Ich hielt nach ihrem Anführer Ausschau, der nicht leicht zu erkennen war, da sie alle ähnlich gekleidet waren. Keiner von ihnen trug einen Kettenpanzer, und auch einen Helm schienen nur die wenigsten zu haben. Doch dann drehte sich der Mann mit der Axt plötzlich um, und ich sah, dass er eine schwere Silberkette umgehängt hatte und an der Schildhand einen protzigen goldenen Ring trug. Aus seinem Schnauzbart fielen ein paar Tropfen zu Boden – Ale, vermutete ich. Den Kerl würde ich mir als Ersten vornehmen.

»Da kommen sie«, raunte Serlo.

Als ich mich umblickte, sah ich Turold, der gerade den Hang heraufkam. Hinter ihm ging Ædda, dem die übrigen Männer im Gänsemarsch folgten. Ich biss die Zähne zusammen und hoffte inständig, dass sie keinen Lärm machen würden. Doch die Waliser lachten ohnehin so laut, dass sie nichts mitbekamen. Die Männer aus dem Dorf standen jetzt direkt hinter mir: vierzehn Speere, die unsere vier Schwerter verstärkten. Ob das reichen würde?

Turold hockte sich neben mich. »Und – was nun?«

»Am besten, wir greifen sie von zwei Seiten an«, sagte Serlo.

Ich schüttelte den Kopf. Dazu waren wir viel zu wenige; außerdem hätte das alles viel zu viel Zeit in Anspruch genommen. Je länger wir brauchten, um uns zu formieren, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns verrieten.

»Wir greifen gemeinsam an«, sagte ich so laut, dass alle mich verstehen konnten. »Wir vier gehen vorweg und versuchen gleich im ersten Ansturm möglichst viele von ihnen zu töten. Wenn wir Glück haben, ist die Hälfte von ihnen schon tot, bevor sie überhaupt begreifen, was los ist.«

Kein besonders raffinierter Plan, doch etwas Besseres fiel mir nicht ein. Und das galt anscheinend auch für die anderen, denn keiner von ihnen erhob einen Einwand.

Dann erklärte ich Ædda den Plan, der ihn den Männern aus dem Dorf übersetzte. Mein Schild hing an einem langen Riemen auf meinem Rücken. Jetzt zog ich ihn über die Schulter nach vorne und ergriff mit der linken Hand den lederüberzogenen Griff. Gleichzeitig schob ich meinen Helm so lange zurecht, bis der Nasenschutz bequem saß.

Wir waren noch rund zwanzig Schritte von den Feinden entfernt, eine Distanz, die wir binnen weniger Sekunden überwinden mussten. Trotzdem zweifelte ich nicht daran, dass wir die Waliser überrumpeln konnten, da sie erst aufspringen und ihre Waffen aufheben mussten, bevor sie sich gegen uns zur Wehr setzen konnten. Also brauchten wir bloß auf einen Augenblick zu warten, in dem sie abgelenkt waren …

»Hild«, sagte Lyfing plötzlich, der direkt hinter mir stand. Er war der Sohn des Müllers und ungefähr fünfzehn Jahre alt. Er hatte strohblondes Haar und machte häufig einen bedrückten Eindruck. Er hatte sich bereits voll aufgerichtet, da er wohl jeden Augenblick mit dem Befehl zum Angriff rechnete. Ich zog ihn mit einer Hand wieder in Deckung, während ich ihm mit der anderen den Mund zuhielt.

»Ruhig«, zischte ich. »Jetzt noch nicht.«

Anfangs widersetzte er sich, doch dann gab er seinen Widerstand auf, da ich ohnehin stärker war als er. Ædda flüsterte dem Jungen etwas ins Ohr – erklärte ihm offenbar, was ich gesagt hatte. Währenddessen beobachtete ich wieder die Männer drüben auf der Lichtung, hoffte, dass sie uns nicht gehört hatten. Jetzt erst begriff ich, was den Jungen so beunruhigt hatte. Einer der Waliser, ein rothaariger Kerl, war vom Feuer aufgestanden und zu den Frauen gegangen, die im Kreis am Boden saßen. Sein Hauptinteresse galt einer jungen Frau, die er nötigte, sich vom Boden zu erheben. Das also war Hild. Jetzt erkannte ich sie ebenfalls, weil ich sie daheim in Earnford schon häufiger in Lyfings Begleitung gesehen hatte. Ihr Haar war offen, und sie schrie und trat immer wieder mit einem Fuß nach dem Kerl. Was den jedoch bloß zu amüsieren schien, denn er hatte das Gesicht zu einem breiten Grinsen verzogen. Dann stürzte das Mädchen vor ihm auf die Knie, und er verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Wieder musste ich den wutschnaubenden Jungen mit aller Macht zurückhalten.

Eine der älteren Frauen wollte Hild zur Hilfe eilen und stürzte sich auf den rothaarigen Kerl, obwohl sie gefesselt war. Sie versuchte ihn offenbar zu beißen, doch er stieß sie bloß achtlos beiseite, und sie fiel mit dem Gesicht voraus zu Boden, was die anderen Männer, die aufgestanden und herangekommen waren, mit lautem Gelächter quittierten. Plötzlich brüllten und schrien alle durcheinander und verspotteten die arme Frau, als ginge es um ein Wettspiel. Hild lag wild strampelnd auf dem Rücken und versuchte sich wegzurollen. Doch der rothaarige Kerl versetzte ihr einen Tritt in die Seite, und sie krümmte sich zusammen.

»Hild«, platzte es plötzlich wieder aus Lyfing heraus, und er riss sich von mir los und stürmte einfach los. »Hild!«

»Lyfing …«, rief ich, doch es war schon zu spät. Ich sprang fluchend auf und zog laut klirrend das Schwert aus der Scheide. »Vorwärts!«, brüllte ich.

So brachen wir wie ein Mann aus dem Dickicht hervor: Engländer und Franzosen, die hier ausnahmsweise einmal gemeinsam kämpften: mit Speeren, Messern und Klingen, die in der Abendsonne aufblitzten.

»Tötet sie«, brüllte ich. »Tötet sie!«

Die Entführer starrten uns mit weit aufgerissenen Augen entgegen, und ich empfand plötzlich eine unbändige Freude, wusste ich doch, dass wir hier kurzen Prozess machen würden. Dann stand ich plötzlich vor ihrem Anführer: dem Mann mit der Axt, der völlig vergaß, sich zu bewegen oder nach der Waffe zu greifen, so verblüfft war er. Ich rammte ihm das Schwert in den Leib, und bevor er recht begriffen hatte, wie ihm geschah, war er schon tot. Vorne in seiner Brust klaffte eine tiefe Wunde, und sofort verfärbte sich das Gras ringsum leuchtend rot. Noch während ich ihm das Schwert aus dem Leib zog, wirbelte ich herum und verpasste einem anderen Kerl, der sich gerade auf mich stürzen wollte, einen Hieb gegen die Schläfe. Der Mann stürzte mit einem Schrei zu Boden.

Mittlerweile waren die übrigen Waliser aufgesprungen und versuchten ihre Waffen aufzuheben, doch es war zu spät. Ich war plötzlich die Ruhe selbst. Jeder Schlag, jeder Stoß, alles, was ich in unzähligen Stunden eingeübt hatte, geschah wie von selbst. Gerade wollte sich wieder ein Kerl mit dem Mut der Verzweiflung auf mich stürzen, doch ich wich ihm aus und verpasste ihm eine Rückhand, die ihn mit voller Wucht an Schultern und Nacken erwischte. Ringsum ein wildes Gemetzel. Schwerter und Speere blitzten auf. Eisen traf klirrend auf Eisen, in der Luft der Gestank zerstückelter Gedärme. Fünf Feinde lagen schon tot oder verletzt am Boden, während wir allem Anschein nach erst einen Verletzten hatten.

»Für St-Ouen und für König Guillaume«, brüllte ich. »Für die Normandie, für Earnford und für England!«

Dann sah ich, wie rechts von mir eine Speerspitze funkelte. Als ich mich umdrehte, erblickte ich einen der Feinde, der sich gerade auf mich stürzen wollte. Ich hob den Schild und fing den Stoß ab, der vorne am Buckel abprallte und meinen ganzen Arm erbeben ließ. Bevor der Mann ein zweites Mal zustoßen konnte, war ich schon bei ihm und rannte ihn einfach über den Haufen. Er ging krachend zu Boden und ließ die Waffe fallen. Im nächsten Augenblick stand ich über ihm und bemerkte sein rotes Haar. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke. Doch er fand nicht einmal mehr genügend Zeit, um einen Schrei auszustoßen, bevor ich ihm das Schwert durch die Rippen direkt ins Herz bohrte.

Sofort hielt ich Ausschau nach dem nächsten Gegner, doch die Feinde waren inzwischen vor meinen Leuten zurückgewichen. Deshalb konnte ich in meiner unmittelbaren Nähe weder Freund noch Feind entdecken – mit Ausnahme des Mädchens Hild, die neben einem Gefallenen im Gras kniete und mich mit tränenerfüllten Augen ansah. Ihre Wange und ihr Kleid waren mit Blut befleckt. Im ersten Augenblick war ich verwirrt, bis ich begriff, dass der Tote, neben dem sie kniete, Lyfing war. Er hatte die Augen geschlossen, und sein Kittel war vorne auf der Brust rot verfärbt. Ein tiefes Loch klaffte in seiner Brust. Das konnte nur der rothaarige Kerl gewesen sein, den ich gerade ins Jenseits befördert hatte.

»Es tut mir leid«, murmelte ich, obwohl Hild mich gar nicht verstehen konnte. Hätte ich doch nur besser auf Lyfing aufgepasst, dachte ich, ihn vor allem vor sich selbst geschützt. Eigentlich hätte mir ja klar sein müssen, dass er zuerst versuchen würde, sein Mädchen zu befreien. Ich selbst hätte an seiner Stelle gewiss genauso gehandelt.

Doch ich konnte mich nicht länger bei Hild und dem toten Lyfing aufhalten, da meine Leute noch im Kampf standen. Auf der anderen Seite des Lagerfeuers waren die Pferde an den Bäumen festgemacht. Die Tiere bäumten sich immer wieder verängstigt auf und versuchten sich loszureißen. Aber auch die überlebenden Waliser selbst gerieten zusehends in Panik. Schließlich hatten sie mit eigenen Augen gesehen, wie ihr Anführer und mehrere ihrer Kameraden in den Staub gesunken waren; und sie verspürten offenbar kein Verlangen, es ihnen gleichzutun. Ein paar von ihnen wollten fliehen. Serlo und einige unserer Männer nahmen sofort die Verfolgung auf. Andere setzten sich verzweifelt zur Wehr, wollten lieber heroisch sterben als Reißaus nehmen. Gegen so versierte Schwertkämpfer wie Pons und Turold hatten sie natürlich keine Chance; und so lagen sie kurz darauf bereits im Gras. Blieben noch sechs von ihnen, die Rücken an Rücken standen und einen Kreis bildeten. Sie hielten ihre Speere waagerecht vor sich ausgestreckt. Allerdings waren sie jetzt nur noch wenige und uns zahlenmäßig weit unterlegen. Und so blieb ihnen die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage nicht verborgen. Sie sahen sich an und ließen dann die Waffen zu Boden fallen.

Ich befahl ihnen, hintereinander Aufstellung zu nehmen und sich dann hinzuknien. Unterdessen eilten die Männer aus Eearnford zu ihren Frauen, lösten ihnen die Fesseln und nahmen sie in die Arme. Nicht einmal eine Stunde zuvor hatten sie noch befürchtet, ihre Lieben vielleicht nie wiederzusehen, und nun waren sie wieder mit ihnen vereint. Ich konnte ihre Erleichtung mehr als nachempfinden.

Pons wies mit dem Kopf auf die Männer, die sich ergeben hatten. »Und was machen wir mit denen da?«

Ich begutachtete die Männer der Reihe nach, jeden einzelnen. Dass sie Angst hatten, war unschwer zu erkennen. Trotzdem: Die Halunken hatten gerade erst mehrere von meinen Männern ins Jenseits befördert. Warum sollte ich ihnen gegenüber Gnade walten lassen?

»Die überlasst ihr am besten mir«, sagte ich. Ich nahm vor den Walisern Aufstellung und fragte: »Spricht einer von euch Französisch?«

Zunächst gab keiner von ihnen Antwort. Als ich es schon mit meinen bescheidenen Englischkenntnissen versuchen wollte, fing einer von ihnen stockend an zu sprechen. Ein Junge fast noch, ungefähr so alt wie Lyfing, ein schmaler Bursche mit strähnigem Haar. Wahrscheinlich hatte er zum ersten Mal an einem derartigen Unternehmen teilgenommen.

»Ja – also, ich …«, sagte er mit zitternder Stimme.

Ich stellte mich mit meinem klirrenden Kettenhemd direkt vor ihn. »Und wem dienst du?«

Er blickte zu Boden. »Rhiwallon ap Cynfyn, Herr.«

»Rhiwallon?«, fragte ich. Den Namen hatte ich schon einmal gehört. Der Mann war einer der wichtigsten der walisischen Fürsten, die in den Gebieten jenseits des Grenzwalls herrschten. Angeblich nannte er sich sogar »König«, obwohl es hier in der Gegend weit und breit nichts gab, worüber ein König hätte gebieten können. Bislang hatte ich noch nie mit einem Menschen gesprochen, der Rhiwallon persönlich kannte. »Und er hat euch geschickt?«

Der Junge nickte unsicher, weil er offenbar nicht recht wusste, wie er reagieren sollte.

»Ihr habt uns etwas weggenommen, was euch nicht gehört«, sagte ich so langsam, dass er mich verstehen konnte. »Deswegen sind deine Kameraden dort drüben jetzt tot. Das ist der Preis, den ihr dafür entrichtet habt.«

Er nickte, sagte aber nichts. Für einen jungen Mann seines Alters legte er eine beeindruckende Haltung an den Tag. Andere, die doppelt so alt waren, hätten längst die Fassung verloren.

»Geh zu deinem Herrn zurück und berichte ihm, dass euer Vorhaben gescheitert ist. Berichte ihm ferner, was du hier gesehen hast. Und dann sag ihm, dass Tancred a Dinant dir das Leben geschenkt hat. Wenn du Glück hast, wird er dich ebenfalls verschonen. Hast du verstanden?«

»Ja, Herr«, murmelte der Junge, schluckte schwer und verharrte weiterhin in seiner knienden Haltung.

»Dann geh jetzt«, sagte ich. »Sonst überlege ich es mir am Ende noch anders.«

Er rappelte sich auf, blieb einige Sekunden unschlüssig stehen und sah seine Landsleute fragend an. Die Schwerter meiner Männer wiesen auf die Rücken der Waliser, die mit gesenkten Köpfen schweigend im Gras knieten. Offenbar spürte der Junge, dass ihm das gleiche Schicksal drohte wie den anderen Männern, wenn er noch lange zögerte, also rannte er über die Lichtung davon – der untergehenden Sonne entgegen – und verschwand hinten im Wald. Ich gab Serlo und Ædda durch ein Zeichen zu verstehen, dass sie ihn laufen lassen sollten, ging dann zwischen den Gefallenen auf der Lichtung umher und schaute nach, ob sie Wertsachen bei sich hatten.

»Und was machen wir mit den anderen?«, wollte Pons von mir wissen. »Nehmen wir die etwa mit nach Hause?«

Ich sah Hild an, die immer noch Lyfings erschlafften Körper in den Armen hielt und heftig weinte. Ich dachte an die redlichen Männer daheim in Earford, die am frühen Morgen dieses Tages vor der Zeit hatten sterben müssen, und an ihre trauernden Angehörigen. Keiner der Toten hatte sich etwas zuschulden kommen lassen.

Ich wusste deshalb genau, was zu tun war.

»Tötet sie«, sagte ich, ohne mich auch nur umzudrehen. »Tötet sie alle.«

Genau wie wir selbst waren auch unsere Gefangenen erfahrene Krieger, und so blickten sie ihrem Schicksal würdevoll entgegen. Doch als schließlich ihr Ende nahte, fingen sie genauso jämmerlich an zu wimmern, wie es jeder andere Mensch an ihrer Stelle auch getan hätte. Ich hoffte, dass der Junge, der jetzt durch den Wald nach Hause rannte, ihre Schreie hörte und begriff, welches Glück er gehabt hatte.

Zwei

Wir hielten uns nicht lange auf der Lichtung auf, denn ich befürchtete, dass noch andere Waliser in der hügeligen Gegend unterwegs waren – Freunde und Angehörige der Männer, die wir soeben getötet hatten. Und wenn der Junge seinem Herrn und diesen Leuten erzählte, was hier passiert war, würden sie sich gewiss augenblicklich an unsere Fersen heften. Obwohl wir alle völlig erschöpft waren und es schon spät war, durften wir uns also noch nicht ausruhen.

Bevor wir abzogen, trieben wir die Pferde der Entführer zusammen und durchsuchten das Lager nach Wertsachen. Schließlich hatten meine Männer einen Anspruch auf den Besitz jener Feinde, die sie persönlich getötet hatten. Silber und andere Kostbarkeiten mussten sie allerdings mir überlassen. Alles in allem fanden wir neununddreißig Penny, die ich später unter meinen drei jungen Rittern aufzuteilen gedachte. Da ich den Anführer der Waliser erschlagen hatte, beanspruchte ich seine Silberkette und seinen Goldring für mich persönlich, während die Männer aus Earnford die Helme und Messer, Schilde und Waffen, Broschen, Kittel und sogar die Schuhe der Waliser unter sich aufteilten. Ædda gelangte auf diese Weise in den Besitz eines schönen – innen wohl mit Otterfell gefütterten – grünen Umhangs. Ein anderer Mann mühte sich vergeblich damit ab, sich einen Brustpanzer umzuschnallen, der ihm zu klein war.

Die wenigen Lebensmittel, die wir fanden, verteilte ich gleichmäßig unter den Männern: etwa ein Dutzend faustgroße Brotlaibe, einige in Tücher eingeschlagene Käsestücke, außerdem Beeren und Nüsse. Nicht gerade viel für zwei Dutzend leere Mägen. Da wir jedoch den ganzen Tag über so gut wie nichts gegessen hatten, waren wir trotzdem dankbar für das bisschen Proviant.

Es wurde nun rasch dunkel. Deshalb verließen wir den Ort des Gemetzels und zogen wieder nach Osten in Richtung Heimat. Es fiel mir nicht ganz leicht, in der Dunkelheit die Orientierung zu behalten. Denn es war gerade Neumond, und als dann auch noch Wolken aufzogen, konnten wir nicht einmal mehr die Sterne am Himmel erkennen. So zog sich unser kleiner Trupp immer mehr in die Länge, und da meine Männer und ich an der Spitze des Zuges ritten, mussten wir immer wieder anhalten, um auf die Nachzügler zu warten.

»Die Leute sind mit ihren Kräften völlig am Ende«, sagte Ædda, als wir eine Pause machten, um etwas zu trinken. »Die Frauen haben viel durchgemacht. Sie brauchen unbedingt eine Rast.«

Ich drehte mich um, um mir einen Eindruck von unserem kleinen Trupp zu verschaffen, konnte in der Dunkelheit aber nur ein paar schemenhafte Gestalten erkennen. Am Ende des Zuges ritten Serlo und Turold, die sich redlich Mühe gaben, die Leute in Bewegung zu halten. Ich erkannte sie an ihren schimmernden Kettenpanzern. Auf den Pferden, die wir erbeutet hatten, saßen die Frauen, während die Männer mühsam vorwärtsstolperten und die Tiere um die Felsbrocken und die umgestürzten Bäume herumführten, die auf unserem Weg lagen. In der Mitte ritt Hild. Sie hielt den Kopf gesenkt, um ihre Tränen vor den anderen zu verbergen.

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