Die Ritter von Crongton - Alex Wheatle - E-Book

Die Ritter von Crongton E-Book

Alex Wheatle

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Beschreibung

Ein gestohlenes Handy. Ein Gangster, der auf Rache sinnt. Eine Expedition in gefährliche Gefilde, um die Ehre eines Mädchens zu retten. Eine Nacht voller Abenteuer und Gefahren, in der die wahre Kraft von Freundschaft und Familie zu Tage tritt … In South Crongton zu wohnen ist nicht einfach – und der Tod seiner Mutter macht es McKay nicht grade leichter. Sein Vater arbeitet die ganze Zeit, um die Gerichtsvollzieher von ihrer Tür fernzuhalten. Sein Bruder treibt sich ständig nachts herum und zieht Probleme magisch an. Als McKay sich aufmacht, um einem Mädchen zu helfen, sieht er sich plötzlich konfrontiert mit einem verrückten Ex-Freund, einer Gruppe Kinder im Machtrausch und einem berühmt-berüchtigten Gangster, der einen Rachefeldzug plant. McKay sucht wirklich keinen Ärger, aber in dieser verrückten Nacht voller Abenteuer und Gefahren findet er heraus, wer seine wahren Freunde sind und was es heißt, zu seiner Familie zu halten.

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Seitenzahl: 351

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Ein gestohlenes Handy. Ein Gangster, der auf Rache sinnt. Eine Expedition in gefährliche Gefilde, um die Ehre eines Mädchens zu retten. Eine Nacht voller Abenteuer und Gefahren, in der sich zeigt, was Freundschaft und Familie bedeuten?…

In South Crongton zu wohnen ist nicht einfach – und der Tod seiner Mutter macht es McKay nicht gerade leichter. Sein Vater arbeitet Tag und Nacht, um die Gerichtsvollzieher von ihrer Tür fernzuhalten. Sein Bruder treibt sich ständig nachts herum und zieht Probleme magisch an. Als McKay sich aufmacht, um einem Mädchen zu helfen, sieht er sich plötzlich konfrontiert mit einem verrückten Ex-Freund, einer Gruppe Kinder im Machtrausch und einem berühmt-berüchtigten Gangster, der einen Rachefeldzug plant. McKay sucht wirklich keinen Ärger, aber in dieser verrückten Nacht voller Abenteuer und Gefahren findet er heraus, wer seine wahren Freunde sind und was es heißt, zu seiner Familie zu halten.

Über den Autor

Alex Wheatle wurde 1963 in Brixton geboren und wuchs größtenteils in einem Kinderheim auf. Mit 16 gründete er ein Reggae Soundsystem und trat unter dem Namen Yardman Irie auf. Während der Brixton Riots wurde er verhaftet und verbrachte einige Zeit im Gefängnis, wo er seine Liebe zur Literatur entdeckte. Er hat mehrere von der Kritik gefeierte Romane veröffentlicht, bevor er sich der Jugendliteratur zuwandte. Er lebt mit seiner Familie in London.

ALEX WHEATLE

DIE RITTER VON CRONGTON

ROMAN

Aus dem Englischen von Conny Lösch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

Heather Thomas gewidmet, ein schöner Geist und zu gut,um in Vergessenheit zu geraten

 

 

MEINE MUM HAT MIR ERZÄHLT, dass ich nach ihrem schottischen Großvater benannt wurde, Danny McKay. Anscheinend hatte er einmal im Jahr den besten Golfern der Welt in einem erstklassigen Hotel am Meer Essen serviert. Ich steh nicht auf Golf, aber Mum war super stolz auf ihren Opa. Sie wollte seinen Nachnamen bewahren, und deshalb bekam ich McKay Medgar Tambo verpasst. Nicht der coolste Name, aber wenigstens nicht so beleidigend wie Tortenfresser, Schwabbelsack und Kloßhintern, was ich mir in der Grundschule hab anhören müssen.

Ms Riddlesworth, meine Mathelehrerin, behauptet, ich sei vierzehn und fünfzehn Sechzehntel Jahre alt. Keine Ahnung, wie sie das ausgerechnet hat. Ich wohne im Dickens House, im South Crongton Estate, zusammen mit Nesta, meinem siebzehnjährigen Bruder, und meinem Dad. Mum ist seit ein paar Jahren tot. Pops arbeitet Nachtschicht in der Keksfabrik. Er fährt einen Gabelstapler im Lager. So wie er über seinen Chef schimpft, hasst er ihn wohl.

Meine Kumpels sind Lemar »Liccle Bit« Jackson und Jonah »Rapid« Hani. Die beiden kenn ich noch aus der Zeit bevor jemand auf die Idee kam, mir Spitznamen zu geben.

Vor sechs Monaten hatte Bit ernsthaft Ärger mit Manjaro, dem OG, dem absoluten Obergangsta hier aus unserer Siedlung. So richtig konnte er ihm nicht aus dem Weg gehen, weil der Verbrecherfürst auch noch der Daddy vom Baby von Elaine ist, Bits Schwester – eine abgefahrene Situation. Bit hat die ganze Sache noch schlimmer gemacht, als er sich von Manjaro überreden ließ, eine Pistole zu verstecken. Zu der Zeit ging voll der Beef ab zwischen North und South Crong, was in der Ermordung von mindestens drei Brüdern gipfelte.

Bit bekam von Manjaro den Befehl, die Pistole zurückzugeben. Aber mein Kumpel kam endlich zur Vernunft und weigerte sich. Seine Gran und er bekamen ganz schön was ab, aber seit jenem Tag ist Manjaro auf der Flucht. Die Bullen haben ihn an allen Ecken und Enden gesucht. Konnten ihn aber nicht finden. In South Crong stand an Hauswände gesprüht: »Manjaro war hier« und »Manjaro war da«. Die Bullen und das Sozialamt boten Bits Familie eine Wohnung in Ashburton an – aber sie lehnten sie ab. Sie lag im elften Stock und Bit meinte, in der Minibehausung hätte man keinen Schnuller schwingen können.

Wir lebten alle in ständiger Alarmbereitschaft. Die Bullen fuhren Streife um die Wohntürme und in den leer gefegten Straßen. Einmal pro Woche kontrollierten die Lehrer unsere Spinde. In den Telefonläden wurde man auf Schritt und Tritt von Security-Typen verfolgt. Und bei Footcave ließen sie nicht mehr als zwei Jugendliche gleichzeitig in den Laden. Die Bezirksverwaltung wollte einen neuen Jugendklub im Crongton Broadway aufmachen, aber über 500 Anwohner unterschrieben eine Petition dagegen. Wir zuckten schon zusammen, wenn irgendwo Kaugummiblasen platzten. Die meisten Eltern verboten ihren Kindern Missionen nach Einbruch der Dunkelheit. Einige nervenzerreißende Monate später aber verschwand das Graffiti. Wir schauten uns nicht mehr ständig über die Schulter. Eigentlich lief alles wieder normal. Die Brüder und Schwestern entspannten sich allmählich, im Park wurde wieder Fußball gespielt, aus den Gettoblastern dröhnten Sommer-Hits. Erstklassige Mädchen zogen in sexy Jeansshorts, langen Stiefeln und karierten Hemden vorbei – Möchtegern-Machos überspielten grinsend die Abfuhren, die sie sich bei ihnen holten. Gangsta saßen in parkenden Autos, rauchten Joints, spielten Basketball auf den Plätzen draußen und zählten die Scheine, die sie mit dem Verkauf von Dragon Hip kassierten. Aber erst vor wenigen Wochen war ein North Crong im Parkhaus von Crongton Movieworld erstochen worden. Er hieß General Madoo. War sechzehn Jahre alt. Seine Familie vergoß Tränen in den Sechs-Uhr-Nachrichten. Mein Dad und Bits Mum waren bei der »Knives Take Young Lives«-Demo vor der Crongton Town Hall. Der Bürgermeister hielt die langweiligste Rede der Welt. Und wieder wurde Manjaros Name geflüstert. In North Crong trommelte Major Worries, der OG dort, seine Crew zusammen. Wir wurden noch vorsichtiger. Mann! In Crongton wohnen war nie einfach gewesen. Aber ich ahnte nicht, dass alles noch um Welten gefährlicher werden würde …

1

UNGEBETENE GÄSTE

»GEH NICHT AN DIE TÜR!«, bellte Dad aus der Küche, Schaumflocken vom Abspülen hingen an seinem schmutzigen weißen Unterhemd.

»Mr Tambo!«, brüllte eine Stimme von draußen. Eine tiefe. Ich stellte mir den Besitzer dieses Organs vor, wie er mit einem Nashorn an der Leine durch den Park marschierte. »Wir wissen, dass Sie da sind! Wir wollen uns wie Erwachsene benehmen, Mr Tambo. Setzen Sie sich mit uns zusammen, wir unterhalten uns über Ihre Rückzahlungen. Von alleine wird sich das Problem nicht lösen.«

Ich atmete eine Dosis reine Angst. Wieso haben wir Schulden? Dad arbeitet doch. Wieso sagt er mir nicht, was los ist? Dad trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab, dann warf er es sich über die Schulter. Er schaute Nesta an, meinen großen Bruder, der im Flur nur wenige Meter von unserer Zugbrücke entfernt stand. Dad machte ihm Zeichen, er solle den Rückzug antreten. Nesta schüttelte den Kopf. Ich legte meine Gabel auf meinen Teller. Plötzlich schmeckte mir meine Bolognese nicht mehr, obwohl ich sie extra mit geriebenem Käse aufgepimpt hatte. Wieder klapperte der Briefschlitz. Mein Herz polterte. »Mr Tambo!«

Dad verließ die Küche und schaltete das Licht im Wohnzimmer vorne aus. Wieder machte er Nesta Zeichen, der aber noch einen Schritt weiter Richtung Tür ging. Ich schloss die Augen und versuchte, die Männer draußen vermittels reiner Willenskraft zum Verschwinden zu bringen. Außerdem betete ich, dass Nesta nicht explodierte.

»Wieso hast du Angst vor den Pussys?«, fauchte Nesta und funkelte Dad böse an, als wollte er’s mit den Gläubigerbrüdern draußen aufnehmen. Dad hob beschwichtigend die Hände, versuchte Nesta zu beruhigen. Ich konnte kaum hinsehen.

Ich spitzte die Ohren und hörte gedämpft einen Wortwechsel. Nesta machte noch einen Schritt vorwärts. Wir sahen uns alle drei gegenseitig an. Ich trank meinen schwarzen Johannisbeersaft halb aus. Als ich das Glas hinstellte, hätte ich’s fast umgeschmissen, weil meine Hände so zitterten. Kratz mich am Kettenhemd! Hört das nie auf?

»Die hauen ab«, sagte Nesta. »Ich hör sie auf der Treppe.«

Mein Herz stieg auf die Bremse. Dad schloss die Augen und stieß einen schweren Seufzer aus.

»Wieso erlaubst du denen, mit dir zu reden, wie mit einer Pussy?«, wetterte Nesta. Er kam auf Dad zugestürmt, zog die Hände aus den Taschen. Ich stand auf und trat zwischen die beiden. Wollte nicht, dass sie sich schon wieder an den Kragen gingen.

»Lass dir das nicht gefallen!«, tobte Nesta. »Geh raus vor die Tür und sag, sie sollen ihre dreckigen, geldgierigen Ärsche aus dem Haus schieben.«

»Nesta«, rief ich. »Jetzt sind sie weg. Beruhig dich, Bro.«

Dad nahm das Geschirrtuch, drehte sich um und ging in die Küche. Ich setzte mich wieder und schob den halb aufgegessenen Teller von mir weg.

»So einfach ist das nicht«, sagte Dad und trocknete weiter Geschirr ab. »Ich schulde denen einen Haufen Geld und kann es mir nicht leisten, in Auseinandersetzungen zu geraten, durch die alles nur noch schlimmer wird. Ich hab Verpflichtungen.«

»Wieso schuldest du denen denn so viel Geld?«, fragte ich.

Nesta und Dad sahen einander wütend an. Eine Antwort bekam ich nicht.

»Wieso erzählt ihr mir nie was, verdammt!« Ich hob die Stimme.

Dad starrte zu Boden.

Nesta schenkte mir einen warnenden Blick. Jetzt brodelte er. »Die dürfen dich nicht einfach durch den Briefschlitz anbrüllen, als wärst du eine Maus! Oder ein Kind, oder so. Ich schwör’s dir, wenn die noch mal bei uns an die Tür hämmern, kümmer ich mich selbst drum.«

»Tust du nicht«, erwiderte Dad. »Du bist erst siebzehn… das ist mein Problem.«

»Dann kümmer dich um dein Problem, anstatt den scheiß Schwanz einzuziehen!«

Ich wünschte, ich könnte sie zum Aufhören bringen. Immer wieder war das so. Früher hatte ich mich in mein Gelass verzogen, die Tür hinter mir zugeknallt, aber das hatte auch nichts geändert. Ich hatte die Nase voll von den Streitereien der beiden und war sauer, denn anscheinend gab es irgendeinen bescheuerten Pakt, der besagte, dass man mir nicht erzählen durfte, was zum Henker eigentlich los war.

»Ich regel das auf meine Art«, sagte Dad. »Ich mach jetzt viel mehr Überstunden und …«

»Das bringt einen Scheiß!«, widersprach Nesta. »Du musst denen sagen, dass du die Zinsen nicht zahlst, die sie dir auf die Rechnung draufgeschlagen haben! Sag denen, die sollen sich ihre Zinsen hinschieben, wo die Sonne niemals scheint!«

Dad holte erneut tief Luft. Er schaute zur Zimmerdecke, als wollte er Gott um weise Worte bitten. »Ich tu mein Bestes«, sagte er.

»Dein Bestes?«, wiederholte Nesta. »Dich im Dunkeln verstecken wie verfluchtes Ungeziefer hältst du für dein Bestes? Verhalte dich wie ein Mann! Wann nimmst du endlich wieder Haltung an?«

»Nesta …«

»Ich bin weg, verdammte Scheiße!«

Er raste in sein Gelass, holte seine ausgewaschene Jeansjacke. Dann zog er den Vorhang im Wohnzimmer zurück, machte die Balkontür auf, nahm sein Fahrrad und schob es zur Zugbrücke. Dad folgte ihm mit Blicken, gab aber keinen Mucks von sich. Bevor Nesta abdüste, drehte er sich noch mal zu mir um. »McKay, geh nicht so spät ins Bett – du hast morgen früh Schule.«

»Mach ich«, sagte ich.

»Wenn ich Gott weiß wann spät zurückkomme und du noch Spiele spielst, kriegst du was von mir hinter die Ohren… ich bin weg.«

»Nesta!«, rief Dad plötzlich. »Seitdem der Junge ermordet wurde, hält die Polizei Jugendliche in der Siedlung an und durchsucht sie. Mach nicht …«

»Meinst du, ich hab Angst vor den Bullen?«, fiel Nesta ihm ins Wort. »Für mich ist viel schlimmer, dass mein Dad keinen Mumm hat.«

Dad mochte seine Fehler haben, aber so eine Ansage hatte er nicht verdient.

Nesta knallte die Tür zu. Dad klatschte sich die rechte Handfläche vor die Stirn. Genauso gut hätte er auch gleich mit den Füßen auf meinen Nerven herumtrampeln können. Nesta war weg. Schon wieder. Und wer weiß wohin, abends alleine – hier in der Gegend war’s noch nie sicher gewesen, aber seit dem letzten Mord war’s echt abgefahren.

Ich nahm meinen Teller und ging in die Küche.

»Kannst du bitte den schmutzigen Teller von deinem Bruder aus seinem Zimmer holen?«, fragte Dad.

»Keine Sorge, Dad. Ich spül den Rest nachher ab. Ruh dich aus, bevor du zur Arbeit musst.«

»Nein, du hast doch gekocht.«

»Ich mach das schon«, beharrte ich. »Und bitte, Dad. Sag mir einfach, was los ist.«

»Ich will nicht, dass du dir auch noch Sorgen machst«, erwiderte er. »Konzentrier dich lieber auf die Schule.«

»Aber ich bin fast fünfzehn!«

»McKay! Ich kann das jetzt nicht gebrauchen.«

Wut durchfuhr mich. Ich musste weg.

Nestas Zimmer befand sich neben dem Bad. Ein oberkörperfreier Tupac Shakur, die Oldschool-Hip-Hop-Legende, schaute auf sein Bett runter. Mein Bruder hatte ihm die Tätowierung auf die Brust geschrieben, die Tupac eigentlich auf dem Rücken hatte.

Only God Can Judge Me.

Nestas schmutziger Teller stand auf dem Nachttisch neben seinem Gettoblaster – leise lief eine Sendung, bei der die Leute im Studio anriefen. Ich schaltete sie aus. Die Kleiderschranktüren standen offen. Jedes Mal, wenn ich Mums Klamotten da drin hängen sah, lief mir was Eiskaltes durch die Adern. Als sie gestorben war, hatte Dad Mums Klamotten an die Wohlfahrt geben wollen, aber Nesta war megamäßig ausgeklinkt. Es hatte einen Wahnsinnsstreit gegeben. Bevor die beiden endlich wieder aufhörten, sich schlimme Sachen an die Köpfe zu werfen, war in Dads Zimmer eine Fensterscheibe zu Bruch gegangen und sein Radiowecker hatte den Asphalt unten auf der Straße geküsst. Aber Nesta hatte seinen Willen bekommen und hier waren sie, Mums schöne Blusen und Röcke neben Nestas eigenen Sachen.

Auf der Kommode stand ein gerahmtes Foto von Mum, sodass es das Erste war, was Nesta morgens nach dem Aufwachen sah. Einmal hatte er mich gefragt, ob ich auch eins haben wollte, wollte ich aber nicht – war schon schwer genug, damit klarzukommen, dass Mum nicht mehr da war. Ich konnte es nicht auch noch gebrauchen, dass sie jede meiner Bewegungen von neben dem Bett aus beobachtete.

Ich ging zurück in die Küche, Dad starrte in die Spüle, als würde der Sinn des Lebens im Seifenschaum schwimmen. »Ich mach den Rest, Dad«, bot ich erneut an. »Mach dich fertig für die Arbeit.«

Dad trat beiseite, um mir Platz zu machen. Dann drehte er sich um und zwang sich zu lächeln, so ein verrutschtes Lächeln, mit dem Eltern verbergen, was wirklich in ihren Köpfen vor sich geht. Egal, was es war, ich wusste, es war was Schlimmes. Die Kacke musste kurz davor sein, über die Kloschüssel zu schwappen.

»Ich kauf dir trotzdem was zum Geburtstag«, beharrte Dad. »Das verspreche ich, so wahr ich hier stehe.«

Ich fing an, Nestas Teller zu spülen, lenkte meinen Frust in den Kratzschwamm. »Du musst nicht…«

»Doch, ich muss!« Dad hob die Stimme. »Irgendwo treib ich ein bisschen was auf und besorge dir ein Geschenk.«

»Dad, bitte.«

Seine Miene veränderte sich. Er verengte die Augen und seine Augenbrauen bildeten ein V. »Was willst du sagen? Dass ich nicht in der Lage bin, meinem jüngsten Sohn was zu seinem fünfzehnten Geburtstag zu schenken? Hältst du mich für so unbrauchbar? Hm? Ist das so?«

»Nein … so hab ich’s nicht gemeint, Dad.«

»Will ich hoffen.«

Dad bedachte mich mit einem strengen Blick und schaute dann erneut zur Decke hinauf. »Ich hoffe, Nesta passiert nichts da draußen«, sagte er nach einer Weile. »Heutzutage passiert in der Siedlung viel zu viel Schlimmes. Weißt du, die Polizei hat Manjaro immer noch nicht gefunden. Der Bruder wird nicht wegen einem, sondern wegen zwei Morden gesucht und keiner sagt was. Irgendwer muss doch wissen, wo er steckt …«

Ein paar Wochen bevor Manjaro abgetaucht war, hatte ich gesehen, wie er Nesta im Park mit Gettofaust begrüßt hatte. Als ich Nesta danach gefragt hatte, hatte er gesagt, ich solle die Klappe halten. Ich konzentrierte mich auf das Seifenwasser.

»Wann ist dein Bruder gestern Nacht nach Hause gekommen?«

»Ich … ich weiß nicht.«

»Gefällt mir nicht, dass er zu allen möglichen Uhrzeiten rausgeht, aber wenn ich ein Machtwort spreche, wird es nur schlimmer. Er hört nicht mehr auf mich, McKay. Du weißt ja, wie er ist.«

Dad hatte nicht unrecht. Ich wusste, wie Nesta war.

Ich stellte den Teller auf das Abtropfgestell. Dad sah mich erneut an. Dieses Mal war da so eine komische Traurigkeit in seinem Blick, als wüsste er nicht mehr, was er machen sollte. »Ich geh duschen und leg mich noch mal eine Stunde hin, bevor ich los muss«, sagte er. »Bleib nicht so lange auf.«

»Okay, Dad.«

»Hast du noch Guthaben auf deinem Handy?«

»Ja.«

»Denk dran, wenn irgendwas ist, auch wenn’s nur eine Kleinigkeit ist, ruf mich an, okay? Oder schick eine SMS. Verplemper nicht dein Guthaben mit Anrufen bei deinen Schulfreunden.«

»Ja, Dad, ich weiß Bescheid.«

Eine Stunde später war Dad weg. Ich ging nicht ins Bett. Pflanzte mich eine Weile an den Küchentisch und dachte an Mum. Wenn sie da gewesen wäre, hätte sie Dad und Nesta gepackt und so lange mit den Köpfen aneinandergestoßen, bis sie sich geküsst und wieder vertragen hätten – aber sie war nicht da und mir stand eine weitere Nacht alleine in der Wohnung bevor, weil Dad arbeiten war und Nesta stinksauer durch die Siedlung radelte.

Ich gab’s nicht gerne vor anderen zu, aber nachts in unserer Burg alleine hatte ich eine verdammte Angst, besonders wo so viele in unserer Gegend ermordet wurden. Ich überlegte, ob ich Liccle Bit oder Jonah anrufen sollte, nur um eine Stimme zu hören, aber dann sparte ich doch lieber mein Guthaben und spielte Fifa 14 auf meiner PS 4.

Irgendwann musste mich die Müdigkeit erwischt haben, denn morgens um halb vier wurde ich von irgendwas geweckt. Mein Spiel stand auf Pause, aber der Fernseher brummte. Es war dunkel. Ich hörte Schritte.

»McKay! Spinnst du?«

Nesta! Er war zu Hause und schaute mich durch die Dunkelheit an.

»Kannst du nie machen, was ich dir sage?« Er klang echt sauer. Musste wohl eine echt harte Nacht gehabt haben. Seine Stimme war böse – jedenfalls machte sie mich hellwach.

»Wo ist dein Fahrrad?«, fragte ich und setzte mich auf.

»Wieso bist du nicht im Bett? Was hab ich dir gesagt, bevor ich weg bin? Du legst es drauf an, dass ich dir die Ohren lang ziehe. Schieb deinen breiten Arsch ins Bett, sonst…«

»Wo ist dein Fahrrad?«, fiel ich ihm erneut ins Wort.

Ich sprang auf und machte Licht im Wohnzimmer. Nesta zuckte zusammen und blinzelte. Seine Unterlippe war auf die Größe eines Luftkissenbootes angeschwollen, Blut tropfte ihm von der Stirn und sein linkes Auge war übel zugerichtet.

»Was ist dir denn passiert?«, fragte ich.

»Mit deinem Gehör ist aber alles in Ordnung, oder wie?«, fragte Nesta.

»Äh, ja klar«, erwiderte ich.

»Dann hast du ja gehört, was ich gesagt hab. Schieb deinen Hintern ins Bett. Sofort!«

Die Playstation packte ich nicht weg. Verzog mich einfach in mein Gelass und machte die Tür hinter mir zu. Vollständig bekleidet lag ich auf dem Bett, still und reglos, und hörte Nesta im Badezimmer klappern. Ich drehte mich zu meinem Poster von Usain Bolt um, das ich mir über das Kopfende gepinnt hatte. »Wieder mal ein verrückter Tag in Tambo Castle, Usain«, sagte ich zu ihm. »Weiß nicht, wie viele ich noch aushalte.«

Keine Ahnung, wann ich endlich eingeschlafen bin, aber ich bin es wohl, denn ich wachte davon auf, dass mich jemand an der Schulter rüttelte. Ich wollte die Augen öffnen, aber der Schlaf legte erbittert Widerstand ein. Erneut wurde ich von schwerer Hand geschüttelt. Ich zwang meine Augen, sich ein kleines Stückchen weiter zu öffnen, sodass ich Nesta erkannte. Er hatte sich ein Pflaster auf die Stirn geklebt, sein linkes Auge war jetzt so groß wie ein Tischtennisball und mit seiner Unterlippe hätte er Flüchtlinge auf hoher See retten können.

»McKay! Wach auf, Bruder!«

Ich setzte mich, rieb mir die Augen und checkte mein Handy auf dem Nachttisch. Viertel vor sechs.

»Was ist los, Nesta?«

»Schalt auf stumm und hör zu«, befahl er.

Er sah aus, als würde er’s echt ernst meinen, also hielt ich die Klappe.

»Ich muss abtauchen«, sagte er.

»Wieso?«

»Bin heute Nacht in eine Fehde geraten und ich will nicht, dass Pops mich so sieht. Ich hab unzählige Eiswürfel in ein Handtuch gepackt, aber die scheiß Schwellung wird nicht weniger. Dad fängt bloß mit der großen Fragenrunde an, wieso ich mir die Fresse so hab ramponieren lassen.«

»Wo willst du hin?«

»Musst du nicht wissen. Aber ich halt den Ball eine Weile flach, hab mich mit einer Crew von Major Worries angelegt.«

»Major Worries!« Jetzt saß ich kerzengerade. Die Haare an meinen Armen stellten sich auf. Mein Herz hämmerte. Ich schaute auf Nestas rechte Hand und sah, dass seine Fingerknöchel blutig und aufgekratzt waren. »Pack schon aus!«

»Du musst nicht alles wissen«, sagte Nesta. »Hauptsache, du bleibst mit deinem Hintern hier bei uns in der Gegend und sagst Dad null Komma gar nichts. Ich mein’s ernst. Hast du verstanden?«

»Kein Mensch erzählt mir hier, was los ist!«

»McKay! Ich kann jetzt nicht auch noch Stress wegen dir gebrauchen! Wie gesagt, kein Wort zu Dad. Ich brauch deine Hilfe.«

Ich starrte ihn böse an, nickte aber schließlich. »Und was sag ich ihm?«

»Sag ihm …« Nesta hielt inne. »Sag ihm, ich bin bei einem Mädchen.«

»Was für einem Mädchen?«, wollte ich wissen.

»Egal was für ein Mädchen!«

»Schon gut! Krieg dich wieder ein.«

»Bin weg«, sagte Nesta und drehte sich um. »Und ich weiß nicht, wann wir uns das nächste Mal sehen.«

»Schickst du mir eine Nachricht oder rufst du an, damit ich weiß, was mit dir los ist?«

Nesta warf mir einen stinkigen Blick zu. »Wofür hältst du mich? Einen wandelnden Nachrichtensender? Du hörst von mir, wenn die Zeit reif ist.«

Aber bei Nesta war die Zeit nie reif.

Er schloss leise die Tür hinter sich, als würde Dad auf seine Schritte lauschen. Ich legte mich hin. Alleine zu Hause. Schon wieder.

2

VENETIA HAT EIN PROBLEM

UM SIEBEN KATAPULTIERTE ICH MICH aus dem Bett, befreite mich bei einem ausführlichen Duschbad von meinem Körpergeruch und schob anschließend, mit auf Vordermann gebrachten Achseln, eine verbogene Bratpfanne auf den Herd. Ich briet mir Speck, Rühreier und Zwiebeln mit einer Prise Pfeffer und aß alles ganz schnell – stellte noch was für Dad in den Ofen, wenn er nach Hause kam. Bevor ich die Burg verließ, versuchte ich mir den Afro so hoch zu kämmen, wie er sich nur ziehen ließ – wenn Liccle Bit es drauf angelegt hatte, den krassesten zu haben, dann stand ihm eine bittere Enttäuschung bevor.

Als ich nach draußen trat, war ich nervös wegen der Gläubigerbrüder. Gesegnet sei meine Rüstung! Was sollte ich sagen, wenn ich denen plötzlich auf der Treppe begegnete? Zum Glück trieben sie sich nirgends rum. Mann. In die Schule gehen war eine Erleichterung – ein bisschen so was wie Normalität.

Ich joggte quer über den Rasen zu Liccle Bits und Jonahs Block, überlegte, wie ich ungestraft damit durchkam, dass ich meine Hausaufgaben in Geschichte nicht gemacht hatte. Auf keinen Fall wollte ich Mr Lockton was von meinem Stress mit den Gläubigerbrüdern oder Nestas nächtlichem Ausflug erzählen und das als Entschuldigung anführen. Ich überlegte, Bit und Jonah zu fragen, ob ich bei ihnen abschreiben durfte, aber ich wettete, dass die beiden sie auch nicht gemacht hatten. Ich würde einfach sagen, dass ich sie vergessen hatte. Wenn ich nachsitzen musste, dann Hey-ho.

Ich stieg die Treppe hoch in das Stockwerk, in dem Liccle Bit wohnte, und klapperte bei ihm am Briefschlitz. Bit öffnete die Tür und sofort fielen mir zwei Dinge auf: erstens, er grinste nicht (eigenartig);und zweitens, sein Afro war nicht halb so aufgebürstet wie meiner (gut!).

»Spinnst du, Bruder?«, fragte er. »Wie oft warst du in den letzten vier Monaten bei mir?«

»Hab’s nicht gezählt«, erwiderte ich.

»Über einhundert Mal«, meckerte Liccle Bit. »Und du findest immer noch nicht die scheiß Türklingel? Drück verdammt noch mal drauf! Wenn du so an die Tür hämmerst, denken wir alle, es sind die Bullen oder noch schlimmer, dass Manjaro gekommen ist und Voldemort bei uns spielen will! Meine Familie macht mir sowieso schon genug Ärger deshalb.«

»Lass Hollywood stecken, Bro«, sagte ich. »Wird’s nicht langsam Zeit, dass du dich abregst wegen Manjaro? Sechs Monate lang wurde sein kahler Schädel nicht mehr gesichtet. Jetzt setz dein kurzes Gestell in Bewegung und lass uns in die Schule gehen.«

Mann! Seitdem Bit liebesmäßig bei Venetia punkten wollte, war er bei jeder Kleinigkeit furchtbar empfindlich. Frust nagte an seinem traurigen Hintern.

Bit sagte seiner Familie Tschüs, wir rasten drei Treppen runter und riefen nach Jonah. Jonah kam angerannt, aber Bit und ich hörten Geschrei aus seiner Bude. Seine Eltern brüllten sich an. Irgendwas wegen Geld.

Bit und ich tauschten Blicke. Jonah sagte nichts, also zogen wir los.

»Hast du Venetia schon mal angehaun wegen der Neuen?«, fragte Jonah Bit.

»Welcher Neuen?«, wollte ich wissen.

»Einer sexy Neuen«, grinste Jonah. »Ich glaub, die ist Inderin oder so.«

»Ihre Mum ist Türkin«, sagte Bit. »Ich glaube, die ist überhaupt erst seit drei oder vier Jahren hier im Land.«

Wir gingen bergab auf einem Weg zwischen zwei Blocks. In der Ferne hörten wir eine Sirene. Dann entdeckten wir am Shaka House ein neues Graffiti. In großen orangefarbenen Buchstaben stand dort:

BULLENSCHIKANE IN SOUTH CRONGTRIFFT IMMER NUR DIE, DIE SCHWARZ SIND UND JUNG

Ich dachte an Nesta, der unzählige Male von den Bullen angehalten worden war. Wo ist er?

»Hast du sie noch nicht gesehen, McKay?«, fragte Jonah aufgeregt. »Die ist hübscher als alle Mädchen in Bollywood. Ihr Front-Display ist liebreizend und ihre Beine verlangen nach meinen Zärtlichkeiten. Glaub’s mir! Wenn Bit das für mich arrangiert, bin ich in null Komma gar nichts an ihr dran!«

»Das Einzige, womit du dran bist«, sagte ich, »ist Nachsitzen wegen Stalking. Stürz dich nicht gleich wie ein Jagdhund drauf, wenn du sie siehst.«

»Sie heißt Saira«, sagte Bit. »Saira Aslan. Sie hat mit ihrer Familie in Ashburton gewohnt und vorher in einem Flüchtlingsheim. Venetia sagt, sie hatte es echt schwer im Leben. Und Jonah, du bist mein Bruder und ich steh zu dir, aber ich werde sie dir nicht vorstellen, Bro. Du bist immer viel zu gierig, wenn sexy Mädchen auftauchen.«

»Da hast du nicht unrecht«, pflichtete ich ihm bei. »Jonah, du darfst nicht immer alles vollsabbern, wenn du eine siehst, Bro. Oder stopf dir wenigstens Klopapier in den Mund, damit er trockener wird.«

»Ich sabber überhaupt nicht, wenn ich sexy Mädchen sehe!«, widersprach Jonah.

»Doch, tust du wohl!«, beharrte ich. »Wie war das, als Syreeta Davis im Kino neben dir gesessen hat? Deine Zunge war wie die von einer Eidechse. Niagarafälle kamen aus deinem Mund. Voll peinlich, Bro. Sperr deine Zunge lieber in einen Käfig, bevor dich die Bullen noch wegen Perversitäten verhaften.«

Als wir auf die Straße kamen, die aus der Siedlung rausführte, fiel mir auf, dass Jonah auf einmal ganz schön finster guckte. Ich dachte, ich sollte lieber ein bisschen lockerlassen – er konnte länger schmollen als ein roter Teppich voller Diven.

»Nach dem ganzen Scheiß, den ich für dich getan habe«, sagte er zu Bit. »Ich leihe dir Spiele, und ständig futterst du die Cupcakes von meiner Mum. Mein letztes Handy hab ich dir zu einem sensationellen Sonderpreis verkauft, Bro. Und du kannst nicht mal Saira für mich klarmachen? Du bist zur dunklen Seite übergelaufen! Vielleicht, weil du bei Venetia kein Stück vorankommst. Ich wette, du hast noch nicht gefummelt!«

»Venetia hat jemanden«, erwiderte Bit. »Wir sind nur Freunde.«

»Aber du willst doch mehr«, sagte ich. »Du willst doch zur Endzone vorstoßen, einen Touchdown hinlegen und eine Ehrenrunde anschließen.«

»Immerhin bin ich überhaupt mit einem Mädchen befreundet!« Plötzlich wurde Bit sauer. »Mit welcher telefonierst du denn? Mit keiner! Sogar die Zweitklassigen gucken dich nicht mit dem Arsch an.«

»Mit einer Zweitklassigen will ich gar nicht befreundet sein«, sagte ich. »Ich steh nicht auf diesen ganzen Freunde-Mist auf der ersten Base. Telefonieren und treffen würde ich mich nur, wenn ich dann auch zur vierten Base komme und fummeln darf. Und wenn’s so weit ist, wird’s eine aus der Spitzenklasse sein. Glaub mir!«

Jonah und Bit lachten beide. »Mit deinem fetten Arsch?«, meinte Jonah.

»Die werden viel zu viel Schiss vor dir haben. Die denken, du willst sie zum Abendbrot verdrücken!«, setzte Bit noch dazu.

Ich beschleunigte meine Schritte und lief ihnen davon. Ich ärgerte mich immer, wenn Jonah und Bit sich über mein Gewicht lustig machten, und außerdem hatte ich ganz andere Sorgen als Mädchen. Erst mal ging mir das mit Nesta durch den Kopf; der war heute jedenfalls bei keiner Frau …

Sie holten mich ein, gerade als ich durchs Schultor ging.

»Versau das lieber nicht, Jonah«, betonte Bit. »In der Pause rede ich mit Venetia und lege ein gutes Wort für dich ein. Aber du musst mir versprechen, dass du dein verfluchtes Handy stecken läßt. Keine Fotos!«

»Deshalb halten dich die Mädchen für notgeil, Bro«, warf ich ein.

»Ich werd nicht sabbern und auch keine Fotos machen«, sagte Jonah. »Leg einfach nur ein gutes Wort für mich ein, den Rest mach ich dann schon. Saira und ich werden ineinander verwickelt sein wie Stacheldraht, glaub mir.«

»Okay«, stimmte Bit zu. »Aber mach mir keine Vorwürfe, wenn du eine große Dosis Enttäuschung bekommst.«

»Ich werde keine Dosis von irgendwas außer Liebreiz bekommen«, erwiderte Jonah.

»Und noch was«, sagte Bit. »Wenn du mit Saira telefonierst, bitte behalt das mit Manjaro für dich. Die erzählt das in null Komma gar nichts Venetia weiter.«

Bit ließ uns beide schwören, dass wir niemandem erzählen würden, was mit ihm und Manjaro passiert war. Er wollte nicht, dass Venetia es rausbekam – damit wäre die Beziehung zwischen den beiden für immer im Eimer gewesen.

»Wofür hältst du mich?«, fragte Jonah. »Als ob ich so was weitererzählen würde! Das würde ich dir niemals antun. Bin ich nicht dein Bruder? Hör auf, dir Sorgen zu machen! Wieso fängst du überhaupt schon wieder damit an? Ich will nur eine Base bei Saira ansteuern und …«

»Versprich es!«, beharrte Bit.

Jonah nickte. »Na schön! Ich versprech’s. Aber das ist jetzt Monate her, Bro, und du machst dir immer noch Sorgen. Manjaro ist lange weg. Wahrscheinlich hat ihn einer abgeknallt oder abgestochen.«

»Nein, glaub bloß nicht die Gerüchte. Der ist irgendwo da draußen und hält den Ball flach. Ich spür das«, sagte Bit.

»Bist du jetzt Jedi geworden?«, warf ich ein.

Niemand lachte.

Schließlich kamen wir in die Schule und Jonah grinste, als hätte er irgendwas Lustiges geraucht. »Hat jemand die Hausaufgaben in Geschichte gemacht?«, fragte ich.

»Ja«, erwiderte Bit. »Ich. Meine Schwester hat mir Arrest verpasst, bis ich fertig war.«

»Zeig mal, was du gemacht hast.«

Bit verdrehte die Augen, aber mich durchflutete Erleichterung – meine letzte Warnung von Mr Lockton hatte ich längst bekommen.

Ich lieh mir Bits Hefte und machte Geschichte heimlich in Physik. Ich hatte nichts übrig für Physik, Chemie oder das Aufschlitzen von Fröschen, aber mir gefiel die Vorstellung, dass Könige auf Pferden ritten und um ihr Land, ihre Burgen und Frauen kämpften.

Bit hatte in den ersten beiden Stunden heute Theater – das Fach hatte er nur gewählt, weil Venetia auch dabei war –, also gingen Jonah und ich in der Pause zu ihm in den Theatersaal.

Als wir dort ankamen, standen Bit und Venetia in einer Ecke und redeten unter vier Augen. Venetia guckte ganz schön fertig. Sie fuhr sich immer wieder über die Augen. Auch Ms Crawford, die Theaterlehrerin, war nicht gerade am Singen vor lauter Glück. Sie hockte auf einem Stuhl mitten im Saal, futterte einen Apfel und starrte ins Leere. Sie verbreitete immer so eine trostlose Atmosphäre um sich herum.

»Draußen ist ein herrlicher Tag«, sagte sie plötzlich aus dem Nichts, schaute uns und noch ein paar andere an. »Warum geht ihr nicht raus und genießt die Sonne?«

Wir ignorierten sie. Ich schaute rüber zu Venetia, die jetzt ganz eindeutig Tränen auf Bits Schulter heulte.

»O Mann! Du wirkst echt unglaublich auf Frauen!«, ärgerte ich Jonah. »Bit hat ihr gesagt, dass du dich mit Saira treffen willst, aber sie bringt es nicht über sich, ihrer Freundin die Botschaft zu vermitteln. Bro, sie ist untröstlich!«

Jonah gab mir einen Klaps auf den Hinterkopf und marschierte auf die beiden zu. »Wo willst du hin?«, zischte ich. »Hör auf, so notgeil zu sein! Siehst du nicht, dass sich da was ganz Tiefes abspielt?«

»Aber ich will wissen, ob Bit angedockt hat«, sagte Jonah.

»Komm her!«, warnte ich ihn. »Genau das meine ich. Hast du schon mal was von Geduld gehört? Merk dir, wie man’s schreibt, dann kannst du’s googeln.«

Jonah zog verächtlich die Oberlippe hoch und verschränkte die Arme. Er würde mindestens den Rest des Tages beleidigt sein.

Wir mussten fünf Minuten warten, bis die beiden ihre Unterhaltung beendet hatten, und als Venetia abschob – o Mann, und wie das Mädchen schieben konnte –, kam Bit zu uns rüber.

»Na, wer hat Venetia in den Parfümzerstäuber gepisst?«, fragte ich.

»Das ist nicht witzig, McKay«, erwiderte Bit. »Sie ist echt deprimiert. Richtig fertig.«

»Hast du ein gutes Wort bei ihr für mich eingelegt?«, fragte Jonah. »Wo ist Saira?«

»Spinnst du, Jonah?«, schimpfte ich. »Siehst du nicht, dass sie voll traumatisiert ist?«

»Aber gerade eben hat sie gelächelt und mir zugewunken«, sagte Jonah.

»Sie tut nur so«, sagte Bit. »Vor dem Unterricht hat sie Sturzbäche geheult.«

»Sag schon, wer hat ihr auf den Schminkspiegel gekotzt?«, fragte ich erneut.

»Ihr Freund«, erwiderte Bit. »Oder sollte ich sagen, ihr Ex-Freund?«

»Ex-Freund?«, wiederholte ich. »Aber das ist doch gut, oder? Solltest du dich nicht bei Amor bedanken, ihn lobpreisen und dein Schlafzimmer beflaggen? Ist das nicht die beste Neuigkeit, seit deine Mum dir erlaubt hat, freitags bis zehn rauszugehen?«

»Ich muss zu gar keiner bestimmten Zeit zu Hause sein!«, behauptete Bit.

»Musst du wohl!«, schaltete Jonah sich ein.

»Na gut, na gut!«, sagte ich. »Also, Sergio hat seine Kündigung erhalten und steckt im Müllsack der Geschichte. Bit, deine Zeit ist gekommen, Bro. Wie lange wartest du jetzt schon auf das Mädchen? Sechs Monate und drei Achtel? Vielleicht sogar noch länger? Niemand sonst ist auf der Rennstrecke vor dir, also fahr deinen Charme hoch, befrei deine Achseln vom Kohlgestank und erobere sie!«

»Das … das ist nicht so einfach«, sagte Bit. Ich kam nicht dahinter, wieso er so gestresst guckte.

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Wenn ich du wäre, würde ich da einfach reinplatzen«, lachte Jonah.

Bit holte tief Luft. Da wusste ich, dass er echte Scheiße zu berichten hatte.

»Als sie sich gestritten haben«, erklärte er, »hat Sergio sich ihr iPhone gekrallt. Venetia will, dass ich mit ihr hingehe und es hole. Hab überlegt, ob ihr beiden vielleicht mitkommen könnt?«

3

AUF IN FERNE GEFILDE

JONAH UND ICH TAUSCHTEN besorgte Blicke. »Wie alt ist dieser Sergio?«, wollte ich wissen.

»Achtzehn«, erwiderte Bit.

»Achtzehn!«, wiederholte Jonah. »Venetia war mit einem Achtzehnjährigen zusammen! Ich hab ihn einmal gesehen, als er sie von der Schule abgeholt hat. Ist irgendwie schmierig, oder? Seine Arme sind dicker als meine Beine! Ich will bei der Mission nicht mein gutes Aussehen riskieren. Ist ja nicht so, dass Venetia mir gegenüber große Zuneigung zeigen würde. Und Bit, du hast sie noch nicht mal geküsst, Bro, also warum diskutieren wir das? Die wird sich mit ihrer Wenigkeit alleine um das Handynapping kümmern müssen.«

»Warte mal!«, sagte ich. »Wieso bittet Venetia nicht ihren Dad um Hilfe … wie heißt der Ex noch mal?«

»Sergio«, half mir Bit.

»Ich hab Venetias Dad gesehen, neben dem würdest du in einem rammelvollen Fahrstuhl auf keinen Fall furzen. Der Typ trägt Dampfkessel unter dem Arm spazieren! Glaub mir!«

Kurz blitzte Vs Dad vor meinem geistigen Auge auf. Mr King hatte stets die Ärmel hochgekrempelt, um seine Superheldenfäuste zur Geltung zu bringen.

»Der ist massiver als dein Dad, McKay«, Bit nickte. »Aber sie kann’s ihm nicht sagen.«

»Warum nicht?«, fragte Jonah.

»Weil er gar nicht weiß, dass Venetia was mit einem Achtzehnjährigen hatte«, erklärte Bit. »Wenn er’s erfährt, lässt er die Krake los.«

»Welche Krake?«, wollte Jonah wissen.

»Hast du Kampf der Titanen gesehen?«, fragte ich. »Die Krake ist ein riesiges Meeresungeheuer. Wenn die in Fahrt kommt, frisst sie Menschen wie Knabbergebäck.«

»Klingt ein bisschen nach dir«, scherzte Bit.

»Ach, jetzt hab ich’s kapiert«, Jonah nickte. »Venetias Dad würde auf Psycho umschalten, sollte er rausbekommen, dass ein achtzehnjähriger Bruder es seiner Tochter besorgt hat.«

»Schön zu wissen, dass deine Festplatte funktioniert«, sagte ich.

Wir sahen uns an. Die Sache war ernst. Bit brauchte unsere Hilfe, aber Nesta hatte mir gesagt, dass ich mit meinem Arsch in der Siedlung bleiben soll. Wenn er mich auf Mission draußen entdeckte, um einem Mädchen sein Handy wiederzubesorgen, würde er mich schlimmer vermöbeln als jede Krake. Ich wollte Bit wirklich helfen, aber ich hatte eigene Probleme. Und Venetia wollte ich auch unterstützen – wenn sie mit mir redete, machte sie mir immer Mut, mit dem Backen weiterzumachen und das Kochen ernst zu nehmen. »Lern was Positives, dann schaffst du’s irgendwann hier raus«, sagte sie immer. Ich hatte eine Menge Respekt für sie.

»Mag kalt klingen, Bit«, sagte ich. »Aber kann sie sich nicht einfach ein neues iPhone besorgen? Oder vielleicht ein gebrauchtes?«

»Wieso macht sie das nicht?«, pflichtete Jonah mir bei. »Kiran Cassidy verkauft welche. Keine Ahnung, wo er die herhat.«

Ich wusste wo, aber ich würde es Jonah nicht erzählen – man konnte sich nicht drauf verlassen, dass er den Schnabel hielt. Pinchers beschaffte die Handys. Jetzt wo Manjaro verschwunden war, dealte er alles Mögliche in South Crongton. Pinchers’ kleiner Bruder war vor ein paar Monaten von einem aus Major Worries’ Crew abgestochen worden, und seitdem war in Crongton Syrien angesagt.

In meinen Augen war das bescheuert, dass Brüder sich gegenseitig die Lichter ausknipsten, nur weil die einen ein South und die anderen ein North in der Adresse hatten. Die Bullen waren völlig para, sobald sie jemanden entdeckten, der nach Gettoratte aussah. Und Brüder wie Nesta, die zu keiner Crew gehörten, waren genervt, weil sie an jeder Straßenecke von den Bullen gefilzt wurden. Ein irrer, niemals endender Kreislauf.

Bit holte erneut tief Luft. Er schwenkte den Blick von Jonah zu mir.

»Da ist noch was«, sagte er. »Aber wenn ich die Info absetze, haltet ihr Brüder sie besser unter Verschluss.«

»Spuck’s aus, Bro«, drängelte ich.

»Ich mach keine Witze«, sagte Bit. »Nicht mal euren Kissen erzählt ihr das, schon gar nicht euren Verwandten. Hast du mich verstanden, Jonah, ein Baby mit Dünnschiss hält dichter als du.«

»In Ordnung«, Jonah nickte. »Hab’s gehört. Meinem Mund entweicht nichts. Was ist es?«

Genau in dem Moment stand Ms Crawford auf, sah uns an und sagte mit einer Stimme kaum lauter als ein Flüstern: »Würdet ihr bitte den Theatersaal verlassen? Ihr dürft in der Pause gar nicht hier sein, das wisst ihr, Jungs.«

Draußen auf dem Gang versammelten wir uns wieder.

»Lass mich raten – Venetia ist schwanger?«, sagte Jonah.

»Sie ist nicht schwanger«, erwiderte Bit schnell.

»Was denn?«, fragte ich, wurde ungeduldig. »Lass die Bombe platzen, sonst säbeln wir dir den Afro vom Kopf.«

Bit checkte den Gang, ob sich jemand in Hörweite befand. »Auf dem Handy sind Bilder.«

»Bilder?«, wiederholte Jonah.

Bit schaute zu Boden. Der Nebel in meinem Kopf lichtete sich, aber Jonah war dem Tempo nicht gewachsen. »Was für scheiß Bilder?«, fragte er und hob die Stimme.

»Welche, auf denen sie nackt ist«, sagte Bit. »Sergio hat sie mit seinem Handy aufgenommen, als sie … als die beiden … egal, er hat ihr die Bilder geschickt.«

»Mann! Das … das … das ist krank«, sagte ich. »Total falsch!«

Jonah riss die Augen auf.

Nacktbilder von Mädchen auf Handys waren an unserer Schule immer eine nukleare Großkatastrophe. Letztes Jahr musste Sharon Goddard von der Schule abgehen, weil sie so traumatisiert war wegen der peinlichen Bilder, die von ihr im Netz aufgetaucht sind. Ich hab nie verstanden, wieso die sich überhaupt so fotografieren lassen. Venetia hatte das nicht verdient.

Garantiert wollte Jonah die Nacktansichten von Venetia auschecken. Ich musste zugeben, ich auch – immerhin war sie heißer als Miley Cyrus beim Twerken am Lagerfeuer. Bit aber… Bit sah aus, als wäre die Welt in ihre Einzelteile zerbombt worden. Er liebte Venetia abgöttisch.

Wir mussten uns einen Plan einfallen lassen, und zwar schnell.

»Wartet mal kurz«, sagte ich. »Wenn Sergio die Bilder an Venetia geschickt hat, müssen wir uns sein Handy auch unter den Nagel reißen.«

Jonah stand eine Dosis Panik ins Gesicht geschrieben. »Ich bin bei der Mission definitiv nicht dabei«, sagte er. »Wir können uns das Handy von dem Typen nicht unter den Nagel reißen. Der macht uns kalt.«

»Bro, wie würde es dir an Venetias Stelle gehen? Du weißt doch, dass in ihrer Familie alle bei Gott in der Mannschaft spielen, richtig? Die darf nicht mal einen Freund haben, schon gar keinen achtzehnjährigen Perverso! Angenommen, Sergio schickt die Bilder rum oder lädt sie ins Netz hoch. Wenn ihre Familie das rausfindet, gibt’s einen Riesenknall.«

»Leute, die bei Gott in der Mannschaft spielen, setzen ihre Kinder nicht auf die Straße«, sagte Jonah. »Ich glaube, du übertreibst.«

»Wie geht’s ihr?«, fragte ich.

Blöde Frage. Ganz offensichtlich war Venetia maximal gestresst. Bit schenkte mir einen schiefen Blick und schüttelte den Kopf.

»Wo wohnt dieser Sergio?«, fragte Jonah.

»Notre Dame Estate«, erwiderte Bit. »In einer Einzimmerwohnung.«

»Notre Dame!«, wiederholte ich. »Das ist auf der anderen Seite von North Crong. South-Crong-Brüder gehen da nicht hin. Da gehen nicht mal bewaffnete Spezialeinheiten mit Nachtsichtgeräten hin. Das ist das Reich von Major Worries.«

»Und dieser South-Crong-Bruder geht ganz bestimmt nicht da hin«, beharrte auch Jonah. »Das ist zu gefährlich. Die schnappen uns, schneiden uns in Scheiben und machen Hackfleisch aus uns.«

»Dann muss ich mit V alleine hin – nur wir beide«, sagte Bit. Er zuckte mit den Schultern, drehte sich um und zog ab.

Jonah und ich sahen ihm durch den Gang hinterher.

»Ist der verrückt geworden?«, sagte Jonah zu mir, als es zum Unterricht klingelte.

»Manjaro, der irre Arsch, ist da draußen, in der Siedlung wimmelt es nur so vor Bullen, und Bit will auf Mission nach Notre Dame?«

»Der ist verrückt geworden«, erwiderte ich. »Verrückt vor Liebe zu Venetia.«

In Geschichte ging es um die Deutschen und den Ersten Weltkrieg, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Auf meiner Festplatte war zu viel los. Wer hatte sich Nestas Fahrrad gekrallt und ihn verdroschen? Wo versteckt er sich? Kommen die Gläubigerbrüder heute Abend wieder? Und sollte ich mich der Mission anschließen, Bit helfen, Venetias Handy zurückzuholen und Sergios zu klauen? An neuen Erkenntnissen gewonnen hatte ich bis zur Mittagspause nur die, dass die deutschen Soldaten echt abgefahrene Helme getragen hatten und ich in einem Riesenhaufen Scheiße steckte.