Verlag: Emons Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Die Römer kommen! - Armin Maiwald

Leicht, locker, lehrreich – für alle von 8 bis 88 Jahren. Septimus und Quintus Agrippa erhalten vom römischen Kaiser Augustus den Auftrag, ein Legionslager am Rhein aufzubauen. Aus dem Nichts soll in tiefster Wildnis ein neuer Standort als Grenzsicherung für das Imperium Romanum entstehen. Aber das ist nicht so die einzige Herausforderung: Die Gegend ist gefährlich und von Germanen bevölkert. Amüsant und anschaulich erzählt Armin Maiwald in einer fiktiven, in historische Fakten eingebetteten Geschichte von der Stadtgründung Kölns – ubi bene ibi Colonia!

Meinungen über das E-Book Die Römer kommen! - Armin Maiwald

E-Book-Leseprobe Die Römer kommen! - Armin Maiwald

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2018 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv:istockphoto.com/tunart; shutterstock.com/alexeyart; shutterstock.com/Natykach Nataliia Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Dr.Marion Heister eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-375-2 Originalausgabe

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Firmitas, utilitas, venustas.

Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit sind die drei gleichbedeutend wichtigen Voraussetzungen der Architektur.

Vitruv (1.Jh. v.

Vorbemerkung

Heute sind viele alte Städte stolz darauf, »römische Wurzeln« zu haben. In den jeweiligen Stadtgeschichten steht dann: Die StadtX wurde im JahreY von den Römern gegründet. Dieses Gründungsdatum liest man, nimmt es als gegeben hin und kümmert sich nicht weiter drum.

Zu dem angegebenen Zeitpunkt war die Stadt aber schon gegründet, hatte wahrscheinlich sogar schon eine Stadtmauer und eine funktionierende römische Verwaltung.

Denn etwa fünfhundert Jahre lang folgten alle neuen römischen Stadtgründungen dem gleichen Muster: Sie entstanden aus dem Nichts, wurden an strategisch wichtigen Punkten zunächst als Militärlager angelegt, um die römische Herrschaft zu sichern. Erst geraume Zeit später wurden daraus »Städte«.

Aber wie war das eigentlich vor diesem »offiziellen« Gründungsdatum? War da etwa luftleerer Raum? Lebten an dieser Stelle vorher keine Menschen?

Eigentlich kaum vorstellbar. Denn anhand von archäologischen Ausgrabungen lässt sich nachweisen, dass es zum Beispiel in der Gegend um Köln schon in der Steinzeit menschliche Ansiedlungen gegeben haben muss.

Waren diese Ureinwohner damit einverstanden, dass da plötzlich wildfremde Leute auftauchten und sagten: Hier werden wir jetzt ein Lager bauen, und später soll daraus eine neue Stadt werden? Wurden die Ureinwohner einfach vertrieben, vielleicht sogar getötet? Haben sie sich gewehrt, vielleicht sogar versucht, die Fremden zu vertreiben? Hat man verhandelt? Hat man sich arrangiert?

In der Geschichtsschreibung findet man dazu wenig, und wenn überhaupt, dann in der römischen. Eine andere gibt es nicht. Und zur römischen Geschichtsschreibung muss man sagen, dass die doch sehr einseitig ist.

Alles, was sich außerhalb der Stadtmauern von Rom befand, galt für die Römer grundsätzlich als unterentwickelt und barbarisch. Rom war der Mittelpunkt der Welt und damit basta.

Andere Länder dienten nur dazu, ausgeraubt zu werden, dort wurden Steuern eingetrieben und aus widerspenstigen Bewohnern Sklaven gemacht.

Unabhängige Zeitzeugen aus unserer Gegend, die so eine Lagergründung selbst miterlebt haben und die das alles auch noch hätten aufschreiben können, gibt es nicht.

Wie muss man sich das also vorstellen?

Was könnte sich da abgespielt haben, bevor es zu der »Stadtgründung« kam?

Ich erzähle jetzt eine erfundene Geschichte, wie so etwas vonstattengegangen sein könnte.

Armin Maiwald

DIE SUCHE

Ein Tag, der nicht sehr schön zu werden verspricht. Morgennebel hängen über einem flachen Tal. Ein Fluss, den man wegen des Nebels noch nicht sehen kann, scheint da irgendwo zu fließen, man hört ihn nur. Es ist noch früh, die aufgehende Sonne versucht sich durchzusetzen. Tief hängende Wolken wehren sich dagegen.

Nicht weit vom Fluss entfernt auf einer Anhöhe, die dicht mit Büschen und Bäumen bestanden ist, teilen sich plötzlich die Zweige des Unterholzes. Eine Gestalt tritt vorsichtig heraus, schaut sich prüfend nach allen Seiten um. Es ist ein Mann. Er trägt einen wollenen Wettermantel mit Kapuze, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. An einigen Stellen hat er Löcher, und besonders sauber ist er auch nicht. Unter dem Mantel blitzt ein Brustpanzer hervor. Es ist ein römischer Soldat in Uniform, ein Legionär. In den Händen trägt er eine schussbereite manuballista, eine Art Armbrust. Wenige Augenblicke später taucht einige Schritte weiter links ein zweiter Legionär aus dem Dickicht auf. Ebenso gekleidet und ähnlich aufmerksam. Danach ein dritter, diesmal in einiger Entfernung weiter rechts. Nachdem sich die drei wortlos, nur mit Blicken, untereinander verständigt haben, dass ihnen nichts Verdächtiges aufgefallen ist, gibt der erste ein Handzeichen, dass sie weiter vorgehen sollen.

Da tauchen hinter ihnen drei weitere Personen auf, die auf den ersten Blick ähnlich gekleidet sind. Auch sie tragen wollene Wettermäntel mit Kapuzen, allerdings von deutlich besserer Qualität, darunter aber keine Rüstung, sondern eine Tunika und eine Toga. Die Füße stecken in ledernen Sandalen, die bis an die Waden mit Riemen befestigt sind. Die typische Kleidung römischer Bürger, wenn sie auf Reisen gehen. Mit dieser Kleidung passen sie nicht in diese unwirtliche Gegend. Zwei der Zivilisten sind hellhäutig, der dritte ist dunkel, vielleicht ein Nubier. Bei dem einen schauen ein dunkler Lockenkopf und ein Bart unter der Kapuze hervor, er sieht aus wie ein Grieche. Der zweite mit dem kurzen Haarschnitt und ohne Bart ist eindeutig ein Römer. Der dritte fällt schon durch seine Hautfarbe auf.

Während sie so die Anhöhe heraufkommen, schauen sie sich ebenfalls suchend und prüfend um, aber deutlich anders als die Soldaten. Die drei sprechen Griechisch miteinander, wie alle gebildeten Römer.

In einem gewissen seitlichen Abstand und dahinter werden die drei Zivilisten von weiteren Legionären begleitet: Es sind insgesamt acht Mann und ein Hauptmann. Das ist die kleinste militärische Einheit, die es beim römischen Heer gibt: ein sogenanntes contubernium, eine Zelteinheit. Dieser Begriff wird benutzt, weil eine solche Einheit immer zusammen in einem gemeinsamen großen Lederzelt schläft. Auf Gedeih und Verderb ist sie aufeinander angewiesen. Das ist fast schlimmer, als miteinander verheiratet zu sein. Hinter den Soldaten kommen noch ein paar Maultiere mit ihren Treibern durch das Dickicht. Die Tiere sind beladen mit Zelten und allerlei Gerätschaften.

Auch die Legionäre schleppen an ihren Körpern die normale Ausrüstung mit: Kornmühle, Kochgeschirr, Werkzeug zum Zeltebauen und, und, und… Die ganze Gruppe bildet einen Spähtrupp, der losgeschickt wurde, um einen geeigneten Platz für ein neues Grenzlager zu finden.

Den drei Zivilisten sind die Voraussetzungen für so einen Ort klar: Ein Fluss als Transportweg muss sich in der Nähe befinden. Andererseits soll die Stelle hochwassersicher sein. Trinkwasser und genügend Bauholz muss es geben, nach Möglichkeit auch noch Tongruben oder Steinbrüche. Gesundheitsrisiken müssen ausgeschlossen sein. Und ist im Umfeld Landwirtschaft möglich? Denn wenn später hier Grenztruppen stationiert werden sollen, müssen die ernährt werden. Noch viel wichtiger wird das alles, sollte daraus später mal eine Stadt entstehen. Eine Menge Einzelheiten sind zu beachten, nicht zuletzt: Leben in der Gegend aufmüpfige Stämme? Alle, die da durch das Gestrüpp stapfen, kennen die Berichte von Cäsars Eroberungszügen, und das Schreckgespenst der verlorenen Varus-Schlacht, bei der drei römische Legionen komplett vernichtet wurden, spukt noch in allen Köpfen. Eine schwierige Aufgabe liegt vor ihnen.

Die Hauptverantwortung liegt bei Septimus, dem Zivilisten mit dem kurzen Haarschnitt. Er ist vom Kaiser in Rom mit besonderen Vollmachten ausgerüstet, sein Titel ist »Legat«. Als Berater steht ihm Demosthenes zur Seite, ein geborener Grieche, der aber schon seit seiner Kindheit in Rom lebt und dort auch erzogen wurde. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit sind die beiden befreundet. Und so war Demosthenes selbstverständlich auch sofort bereit, seinen Freund bei dieser Aufgabe zu begleiten und zu unterstützen. Um alle Ergebnisse festzuhalten, haben sie Salman, den Nubier, mitgenommen. Ein aufgeweckter Freigelassener, der die lateinische und die griechische Sprache in Wort und Schrift beherrscht. Für die Sicherheit der ganzen Unternehmung ist Hauptmann Quintus Agrippa, also ein Zenturio, zuständig.

Alle, die für diese gefährliche Mission ausgesucht wurden, sind erfahrene Soldaten. Kaum einer von ihnen könnte auf Anhieb sagen, an wie vielen Feldzügen er in der Vergangenheit schon teilgenommen hat. Besonders der Hauptmann, Quintus Agrippa, fällt mit seinem wettergegerbten Gesicht und einer Reihe längst verheilter Narben auf. Die Blicke, mit denen die Legionäre und der Hauptmann die Gegend absuchen, sind eindeutig anders als die der drei Zivilisten. Vorsicht und Angst halten sich die Waage. Was hat man sich in den Kasernen nicht schon alles an Gräuelmärchen von diesem verdammten Germanien erzählt. Wie da aus heiterem Himmel grimmig aussehende Gestalten von den Bäumen sprangen, römische Einheiten angriffen, die allermeisten umbrachten, alles raubten, was nicht niet- und nagelfest war, und genauso unversehens wieder verschwanden.

Der Spähtrupp vermutet hinter jedem Baum, hinter jedem Gebüsch einen oder mehrere Barbaren, die sich auf die kleine Gruppe stürzen könnten. Für Römer galt jeder, der außerhalb der Stadt oder in unmittelbarer Nähe lebte, als unzivilisiert, dumm, schmutzig und grundsätzlich gefährlich.

Als Legionäre sind sie zwar besser ausgebildet und besser ausgerüstet, aber einem Überraschungsangriff eines ganzen Germanenstammes wären sie ziemlich hoffnungslos ausgeliefert. Sie befinden sich ganz offensichtlich in einer unzivilisierten und unsicheren Umgebung.

Dazu kommt, dass der Kaiser in diesem Fall ausdrücklich befohlen hat, die ganze Aktion– so weit wie eben möglich– ohne Blutvergießen durchzuführen. Das Beste wäre, sie blieben unentdeckt. Ihren Gesichtern ist anzusehen, dass sie sich bei dieser Expedition nicht besonders wohlfühlen. Aber Dienst ist Dienst, man kann es sich nicht aussuchen, wohin man abkommandiert wird.

In einiger Entfernung, an einem Waldrand, sitzt ein Halbwüchsiger hoch oben in einem Baum, ein Angehöriger irgendeines germanischen Stammes. Er trägt Beinkleider, die schon an eine Hose erinnern, und ein Wams aus Wolle. Gut getarnt durch die Blätter beobachtet er das Treiben dieser seltsamen Ankömmlinge. Sind das Römer? Die Soldaten in jedem Fall! Sie sind bewaffnet, das sieht er sofort. Aber einen Angriff scheinen sie nicht zu planen, dazu sind es zu wenige. Was wollen die hier? Das hier ist freies germanisches Gebiet, bewohnt von unterschiedlichen Stämmen. Das nächste römische Lager liegt einige Tagesreisen weiter südlich, hat er neulich von Angehörigen eines anderen Stammes gehört.

Worüber diese Fremden da reden, kann er aus der Entfernung nicht hören. Und selbst wenn er es hören könnte, würde er die Sprache nicht verstehen. Was haben die vor? Suchen die nach irgendwas? Vielleicht nach entlaufenen Sklaven? Ist hier in letzter Zeit eine römische Patrouille überfallen worden? Suchen die nach Überlebenden? Er weiß keine Antwort darauf.

Behände und völlig geräuschlos verlässt er seinen Beobachtungsposten, klettert vom Baum hinunter und rennt zurück in sein Dorf. Das liegt in einiger Entfernung, gut hinter Bäumen versteckt im Wald. Dort meldet er sich sofort beim Stammesältesten und berichtet, was er gesehen hat. Der ruft drei erfahrene Krieger zusammen. Sie sollen gemeinsam mit dem Jungen herausfinden, was da los ist. Sehen lassen sollen sie sich nicht, man will unter gar keinen Umständen die Aufmerksamkeit der Fremdlinge erregen. Aber wissen, was sie vorhaben, sollte man schon. Geführt von dem Jungen schleichen die vier jetzt in voller Deckung zurück zu dem Baum, auf dem der Junge eben noch gesessen hat. Von den Ankömmlingen keine Spur.

Wortlos, nur mit Gesten, machen die drei Erwachsenen dem Jungen klar, dass da doch gar nichts ist. Der beharrt aber darauf, dass er sich nicht geirrt hat. Nach einem Moment der Unsicherheit schleichen sie gemeinsam, diesmal unter der Führung eines der Erwachsenen, am Waldrand weiter, um zu sehen, wohin die Eindringlinge denn verschwunden sein könnten. Sie bewegen sich in Richtung Fluss. Der Nebel hat sich inzwischen ein wenig gelichtet, sodass man den Fluss andeutungsweise erkennen kann. Sich weiter geduckt vorwärtsbewegend entdecken sie die Fremden in einiger Entfernung am Ufer.

Die zwei hellhäutigen Zivilisten diskutieren etwas, deuten mit den Armen in diese und jene Richtung, ab und zu machen sie eine Bemerkung. Der Nubier notiert alles mit einem Griffel auf einem Wachstäfelchen.

Da hat einer der sichernden Legionäre etwas entdeckt und macht den Hauptmann darauf aufmerksam. Der gibt zwei anderen Soldaten mit Armbrust ein Zeichen. Vorsichtig bewegen sie sich auf ein niedriges Gebüsch am Ufer zu.

Die vier germanischen Späher ducken sich noch tiefer, denn die Römer nähern sich ihrem Versteck. Sind sie vielleicht entdeckt worden?

Der römische Spähtrupp drückt die Zweige des Gebüsches auseinander. Darunter ist ein einfaches Boot– eindeutig germanischer Bauart– versteckt. Der Hauptmann gibt den drei Zivilisten ein Zeichen: Sie sollen sich doch mal anschauen, was sie da entdeckt haben. Der Römer und der Grieche untersuchen das Fundstück, sehen, dass es in gutem Zustand und gebrauchstüchtig ist.

Der Hauptmann zieht ein Beil aus seinem Gürtel und fragt die Zivilisten, ob er es zerstören soll. Septimus gibt ihm aber zu verstehen, dass er das nicht tun solle. Wenn das, was sie hier vorhaben, gelingen soll, dürfen sie die hier Ansässigen nicht schon jetzt gegen sich aufbringen. Der Nubier schreibt wieder etwas auf sein Wachstäfelchen. Danach suchen sie die Gegend noch gründlicher nach Menschen ab, die vielleicht zu diesem Boot gehören könnten. Nichts. Die vier Germanen in ihrem Versteck am Waldrand haben sie nicht entdeckt.

Für die vier Späher ergibt das alles keinen Sinn. Da liegt kein fremdes Schiff, mit dem die Eindringlinge gekommen sein und in das sie vielleicht wieder einsteigen könnten, ganz im Gegenteil. Diese Römer drehen dem Fluss den Rücken zu, machen sich, aufmerksam die Umgebung absuchend, wieder auf den Weg zur Anhöhe, auf der sie vorher schon waren. Immer schützend umringt von ihren Legionären.

In sicherem Abstand und immer gut getarnt begleiten die Späher diese merkwürdige Truppe, sie wollen doch wissen, was die da oben weiter treiben.

Oben auf der Anhöhe angekommen stecken die Zivilisten und der Hauptmann die Köpfe zusammen, und dann, auf ein Zeichen des Hauptmanns, holt einer der Legionäre aus dem Gepäck vom Rücken eines der Maultiere einen Pfahl und einen Hammer. Mit Hilfe des Hammers treiben sie den Pfahl tief in den Boden. Obendrauf wird noch so etwas wie ein großer Nagel in den Pfahl geschlagen. Danach kommt der Hammer zurück ins Gepäck, der Nubier macht noch ein paar Notizen, und so, wie sie gekommen sind, verschwinden alle wieder die Anhöhe hinab, in die Richtung, aus der sie gekommen sind.

Das alles beobachten die vier Späher. Was es zu bedeuten hat, verstehen sie nicht.

Nach einer Weile, als sie annehmen, dass die Fremden jetzt weit genug entfernt sind, machen sie sich vorsichtig auf den Weg zur Anhöhe. Sie brauchen etliche Minuten, um die Entfernung vom Waldrand zur Anhöhe zu bewältigen. Sie wollen wissen, was die da in den Boden geschlagen haben. Schnell haben sie den Pfahl entdeckt, er ragt ja ein Stück aus dem Untergrund heraus.

Oben auf dem Holzpflock ist ein Zeichen aus Messing. Darauf ein Adler und die Buchstaben »S.P.Q.R.«. Mit diesen Zeichen können sie wenig anfangen. Merkwürdig ist das Ganze aber schon, wo das doch der Hain ist, in dem ihr Stamm immer seine Toten begräbt. Irgendwie ein unheimlicher Ort, vielleicht sogar ein heiliger. Eigentlich ein Frevel, diesen Ort zu entehren. Keiner der Stammesangehörigen würde so etwas wagen. Die vier Späher schauen einander unschlüssig an und gehen dann zurück zu ihrem Dorf.

Dort berichten sie dem Stammesältesten von den neuen Ereignissen. Der lässt sofort den Druiden rufen, einen steinalten weißhaarigen Mann, der schon einige Schwierigkeiten mit dem Gehen hat. Die Ratschläge des alten Mannes werden nach wie vor geschätzt. Auch dem erzählen die Späher, was sie gesehen haben.

Nachdem er den Bericht angehört hat, wiegt er nachdenklich sein Haupt und sagt: »Das muss ich mir ansehen.«

Kurze Zeit später sieht man vier kräftige Männer den Druiden auf einer Art Tragestuhl zur Anhöhe tragen. Oben angekommen steigt er ab, nimmt den Pfahl in Augenschein, reagiert unwirsch, geht dann zu einer alten Eiche, breitet die Arme aus, verneigt sich und murmelt etwas Unverständliches. Dann lässt er sich zurücktragen.

Wieder im Dorf sitzt er dem Stammesältesten gegenüber.

»Die Römer!«, sagt er. »Es scheint, als hätten sie da einen Platz entdeckt und markiert, wo sie einen Wachtposten oder ein Lager bauen wollen. Vielen Berichten und meiner eigenen Erfahrung nach machen sie das immer so.«

»In unserem Hain, wo alle unsere Toten liegen?«, fragt der Älteste zurück.

Der Druide nickt nur wortlos.

»Können wir irgendetwas tun?«

»Ich wüsste nicht, was«, gibt der Druide zurück, »sie haben den Platz mit einem Pfahl gekennzeichnet.«

»Und wenn wir den einfach rausreißen?«

»Das ändert überhaupt nichts. Die haben sich die Stelle mit Sicherheit genauestens aufgeschrieben. Du kennst doch die Römer. Wir können nichts weiter tun als abwarten, was sie als Nächstes machen.«

Eine Weile sitzen sie noch nachdenklich zusammen, eine Lösung fällt ihnen nicht ein.

»Jetzt, wo wir wissen, dass sich da oben etwas zusammenbraut, sollten wir nicht einen zweiten Beobachtungsposten einrichten, hier, ganz in der Nähe zu unserem Dorf?« Fragend blickt Gero, der Stammesälteste, den Druiden an.

»Mach das, sicher ist sicher«, antwortet der Druide im Aufstehen. Dann zieht er sich in sein eigenes Haus zurück.

Vier stramme Tagesreisen weiter südlich und stromaufwärts.

Der Römer, der Grieche, der Nubier und der Hauptmann betreten das praetorium, den Raum für die Amtsgeschäfte eines schon bestehenden römischen Lagers. Mit soliden Mauern und Wachttürmen umgeben, eine richtig große Kaserne.

»Ave, Prätor«, begrüßen sie den Lagerkommandanten, einen alten Haudegen, dem man ansieht, dass er in seinem Leben schon einige Schlachten hinter sich gebracht hat. Hier, auf diesem Druckpöstchen in der oberrheinischen Provinz, hat er aber schon ein wenig Fett angesetzt. Und seiner Macht als Oberbefehlshaber ist er sich voll bewusst.

»Seid gegrüßt, Septimus und Demosthenes, ich freue mich ehrlich, euch zu sehen«, erwidert er militärisch kurz, aber erleichtert. »Ihr wart ja eine Ewigkeit unterwegs, ich habe schon das Schlimmste befürchtet, morgen hätte ich euch einen Suchtrupp nachgeschickt.– Zenturio, irgendwelche Verluste?«, wendet er sich an den Hauptmann.

Der nimmt Haltung an. »Keine Verluste, Prätor!«

»Gut! Das wird den Kaiser freuen! Irgendeine Feindberührung, Überfälle, Verwundete?«, fragt er nach.

»Keine Verwundeten, keine Überfälle, keine Feindberührung«, betet der Hauptmann runter.

»Und?«, wendet der Prätor sich jetzt wieder an Septimus.

»Ich glaube, wir haben was gefunden«, beginnt der seinen Bericht, »direkt am Ufer des Rhenus, gut geeignet für Transporte, ein Landeplatz ist möglich, etwa dreihundert Fuß entfernt eine Anhöhe, grob geschätzt fünfzig Fuß über dem Wasserspiegel, sollte also hochwassersicher sein. Waldreiche Gegend, also Bauholz jede Menge.«

»Größe der Anhöhe?«, will der Prätor wissen.

»Konnten wir nicht genau vermessen, zu wenig Zeit, wir wussten ja, dass du auf unsere Rückkehr wartest. Sollte aber ausreichen.«

»Trinkwasser?«

»Mit einem Brunnen müsste man schnell an genügend Grundwasser rankommen.«

»Tongruben, Steinbrüche?«

»Nichts gesehen.«

»Schlecht, ganz schlecht!« Und nach einer kurzen Pause: »Wo?«

»Hier ist der genaue Bericht und ein Lageplan«, meldet sich Salman, der Nubier, und hält mehrere zusammengerollte Schriftrollen hoch. Der Prätor streckt die Hand aus, er rollt die Schriftrollen auseinander, vertieft sich stumm in den Inhalt.

Der Expeditionstrupp steht etwas verloren vor seinem Tisch, ebenfalls wortlos.

Nach einer Weile murmelt der Prätor: »Ihr seid entlassen, für den Moment jedenfalls. Aber haltet euch zur Verfügung. Ich lasse euch wieder rufen, wenn ich mir das hier alles genau angeschaut habe.«

Alle vier salutieren, ohne dass der Prätor davon irgendeine Notiz nimmt, und verschwinden.

An der Wand des Prätoriums ist ein Fresko mit einer großen Karte, auf der die schon bestehenden Lager und Wachtposten eingezeichnet sind. Mit einer der Schriftrollen des Nubiers in der Hand stellt sich der Prätor daneben, orientiert sich, versucht, den gefundenen Ort zu lokalisieren.

Dann nickt er mit dem Kopf, klatscht in die Hände und befiehlt: »Panos, bring mir einen stilus!«

Ein Sklave kommt mit einem Schreibstift, reicht ihn dem Prätor, und der markiert damit die gefundene Stelle auf der großen Wandkarte, geht ein paar Schritte zurück, betrachtet den neu eingezeichneten Platz und ist mit dem Ergebnis zufrieden. Dann setzt er sich wieder an seinen Tisch und vertieft sich erneut in den Bericht.

Nachdem er die einzelnen Schriftrollen beiseitegelegt hat, klatscht er wieder in die Hände und weist den Sklaven an: »Hol mir den Spähtrupp noch mal her!«

Als die vier wieder salutierend eintreten, sagt der Prätor, ohne aufzuschauen: »Schon gut, schon gut.– Also, Septimus«, wendet er sich an den Legaten, »das liest sich ja alles sehr vielversprechend. Welche Stämme siedeln denn da?«

»Ripuarier, soviel ich weiß, Uferbewohner.«

»Kriegerisch? Aufständisch? Rebellisch?«

»Friedlich– bis jetzt.«

»Verbündet mit anderen kriegerischen Stämmen?«

»Weiß man nie so genau.«

»Jemanden gesehen?«

»Nein, niemanden, nur ein verstecktes Boot.«

Nachdenklich nickt der Prätor mit dem Kopf. »Flussanbindung, Landemöglichkeit, Hochwassersicherheit, Bauholz, Trinkwasserbrunnen, so weit ausgezeichnet.– Nachteile: Tongruben unklar, Steinbrüche unklar, noch keine Straße, die müsste man erst bauen. Als Lager zur Grenzsicherung ganz sicher geeignet, und wenn man den Rest auch noch findet, später vielleicht sogar noch als Stadt denkbar.– Gute Arbeit, Septimus. Was schlägst du als Nächstes vor?«

»Das Übliche: Genau vermessen, Priester hin, Tiere auf Krankheiten untersuchen, prüfen, ob in der Umgebung Sümpfe sind, wegen Mücken und Krankheitsgefahr, du weißt schon, landwirtschaftliches Umfeld untersuchen, Korn, Gemüse, Vieh.– Vielleicht findet man ja dabei auch noch Tongruben oder sonst was Brauchbares.– Das wär’s fürs Erste.«

Der Prätor nickt, dann haut er mit der flachen Hand auf seinen Tisch. »Dann wollen wir mal!« Und schickt etwas leiser hinterher: »Mögen uns die Götter gnädig sein!«

DIE UNTERSUCHUNG

Einige Tage später zieht eine größere Kolonne die Anhöhe am Fluss, die wir schon kennen, hinauf. Es sind diesmal etwa fünfzig Mann und etliche Maultiere. Alle mit Gerätschaften und Zelten über und über beladen.

Ein Dolmetscher ist dabei, der einige germanische Dialekte versteht, man erkennt ihn sofort an seiner andersartigen Kleidung: Nach Germanensitte trägt er eine Hose und ein Wams, beides aus grobem Tuch und Fell.

Eine zweite Person fällt auf. Sie ist ganz in eine weiße Toga gehüllt, alle anderen halten einen respektvollen Abstand zu ihr. Es ist ein Staatspriester aus dem Jupitertempel in Rom, der den Ort erst auf gesundheitliche Risiken untersuchen und, wenn die Prüfung erfolgreich war, das gefundene Areal den Göttern weihen soll.

Quintus Agrippa, der Hauptmann, der auch den ersten Expeditionstrupp angeführt hat, gibt auf der Anhöhe das Zeichen zum Anhalten. Zuerst sucht er nach dem Pfahl; sowie er den gefunden hat, gibt er den Befehl, ein provisorisches Lager zu errichten. Als Erstes werden in jeder Himmelsrichtung Posten aufgestellt, die mit schussbereiter Armbrust die Umgebung beobachten und, wenn nötig, Alarm geben sollen.

Die Treiber binden die Maultiere fest, und die Legionäre beginnen umgehend damit, das Gestrüpp zu roden und kleinere Bäume zu fällen. Von den Bäumen entfernen sie die Äste und Zweige, zersägen die Stämme in etwa zehn Fuß lange Stücke, spitzen sie an einem Ende an und lagern sie auf einem Haufen.

Drei Militäringenieure vermessen mit der groma, einem mit vier Loten versehenen Visierkreuz, und Messstangen ein kleines Viereck, innerhalb dessen ein provisorisches Lager entstehen soll. Während ein Teil der Truppe noch mit dem Fällen von Bäumen beschäftigt ist, beginnt ein anderer Teil schon damit, die abgesägten Stammstücke entlang der vermessenen Linien als Palisadenzaun in die Erde zu rammen. Das geschieht in großer Geschwindigkeit und mit militärischer Präzision. Es wurde von der erfahrenen Truppe bei früheren Einsätzen schon hunderte Male geübt.

Alles wird wieder von einem der erwachsenen germanischen Späher, die das erste Auftauchen der Römer bemerkt hatten, beobachtet. Wie beim ersten Mal verlässt der Späher den Beobachtungsbaum am Waldrand und rennt zurück zu seinem Dorf, um von den Neuigkeiten zu berichten.

Der Stammesälteste ruft den Druiden und alle Männer des Dorfes zusammen und hält Kriegsrat. Sind das da oben mehr Römer als Einwohner in ihrem Dorf?– Großes Palaver.– Was tun? Die Römer scheinen da mehr vorzuhaben, als nur einen Pfahl in die geheiligte Erde zu treiben. Die erste Vermutung des Druiden könnte sich bewahrheiten.

Der Druide rät, sich erst einmal völlig ruhig zu verhalten, sich nicht blicken zu lassen, möglichst keine Feuer zu machen, damit man keinen Rauch aufsteigen sieht, und nichts zu unternehmen, was die Fremden zu einem Angriff auf das Dorf veranlassen könnte. Denn ein Angriff auf das Dorf hätte unabsehbare Folgen. Dann schickt der Stammesälteste einen anderen Späher als Ablösung auf den Baum am Waldrand. Er soll das Treiben da oben nicht aus den Augen lassen.

Währenddessen ist der provisorische Palisadenzaun schon weitgehend gediehen, fast fertig. Die Maultiere werden in die Umzäunung geschafft und die Zelte für die Nacht aufgebaut. Sechs für die normalen Legionäre, eins für den Hauptmann, eins für den Priester und eins für Septimus, Demosthenes und Salman, den Nubier.

Langsam bricht die Dämmerung herein. Die Maultiere bekommen etwas zu fressen und Wasser aus dem Fluss, einige Legionäre mahlen Korn, ein Bäcker beginnt, in einem tragbaren Ofen Brot zu backen, ein Lagerfeuer wird entzündet, Schläuche mit Wein werden aus dem Gepäck geholt.

Das provisorische Lager ist gesichert, passiert ist bis jetzt nichts, nicht einen der gefürchteten Barbaren haben sie zu Gesicht bekommen. Für die Legionäre beginnt nun der geruhsame Teil des Abends, sie essen, lassen sich die Hucke volllaufen und beginnen, mit Würfeln zu spielen. Bis auf die armen Hunde, die Wache schieben müssen.

Der germanische Späher auf dem Baum wird abgelöst, der nächste klettert hinauf. Der abgelöste berichtet dem Ältesten: Es sind viele, mindestens zehn Hände voll. Die Fremden scheinen sich da oben für längere Zeit einzurichten. Sie haben einen Zaun gebaut, es gibt Zelte, ein Feuer und Wachtposten.

Besorgt hört sich der Stammesälteste den Bericht an, danach ruft er erneut den Kriegsrat mit allen männlichen Dorfbewohnern und dem Druiden zusammen. Soll man das hier alles aufgeben, das vertraute Dorf und die Felder verlassen, weiter stromabwärts ziehen, oder soll man bleiben und abwarten, was geschieht?

Der Druide rät zu bleiben, auch wenn das, gemessen an der Zahl derer, die da oben lagern, nicht ganz ungefährlich ist. Aber auf keinen Fall einen Angriff auf die Römer wagen, die haben sich verschanzt, sind vielleicht schon jetzt zahlenmäßig überlegen und militärisch weitaus besser gerüstet. Das ganze Dorf soll sich nach Möglichkeit unsichtbar machen. Kleine Kinder im Haus halten, Vieh und alles, was einen Wert hat, verstecken. Wie bei allen wichtigen Entscheidungen wird darüber abgestimmt. Nachdem das von allen so beschlossen ist, verlassen sie bedrückt die Versammlung. Es sieht nicht gut aus.

Der nächste Morgen bricht an. Ein schöner Tag.

Beim Appell im römischen Lager verkündet Quintus Agrippa, der Hauptmann, den Tagesbefehl. Als erfahrener Befehlshaber macht er das ohne viel Federlesens, militärisch knapp und ruppig: Vier Zelteinheiten– also jeweils acht Mann– werden einen Spähtrupp bilden. Sie sollen in jeder der vier Himmelsrichtungen die Gegend genauer untersuchen. Ist in der näheren Umgebung ein Sumpf oder ein toter Flussarm? Gibt es Anzeichen für Landwirtschaft, bewirtschaftete Felder, Vieh oder Trinkwasserquellen? Und, Augen auf: Gibt es in der näheren Umgebung Lehm- oder Tongruben, gibt es Hinweise auf einen Steinbruch? Und das alles selbstverständlich, ohne selbst aufzufallen.

Danach mustert der Hauptmann seine Leute und entdeckt schnell die passenden Kandidaten. Betont überfreundlich sagt er: »Rufus und Aemilianus, vortreten!« Ein kleines hinterhältiges Grinsen kann er sich dabei nicht verkneifen.

Zwei aus dem hinteren Glied treten nach vorn.

»Ihr zwei stammt doch vom Bauernhof, für euch beide habe ich einen Spezialauftrag: Der Pontifex«, dabei zeigt er auf den Priester, »braucht einen lebendigen Hasen und einen lebendigen Fasan. Findet diese Viecher, fangt sie und bringt sie hierher. Und dass die mir in guter Verfassung sind!«

Die beiden Angesprochenen verdrehen die Augen, schon wieder so eine dämliche Sonderaufgabe. Dass es auch immer sie treffen muss. Nur weil sie vom Lande stammen, glaubt jeder, dass sie gut mit Tieren umgehen können.

Vier Legionäre sollen das Lager bewachen.

Der Rest, zu einem Teil Ingenieure und Vermessungstechniker, wird in zwei Gruppen aufgeteilt: Die erste Gruppe soll die Entfernung zum Fluss genau vermessen und wie hoch genau die Anhöhe über dem Wasserspiegel liegt. Die zweite soll die größtmögliche ebene Fläche auf dem Hügel ausmessen.

Damit ist der Morgenappell beendet. Die einzelnen Gruppen bereiten sich auf ihren Einsatz vor und machen sich abmarschbereit.

Der Spähtrupp, der nach Osten geht, also in Richtung Fluss, bekommt den Dolmetscher zugeteilt. Dort hatten sie beim ersten Mal das versteckte Boot gefunden. Deshalb könnte man da vielleicht am ehesten auf Einheimische stoßen, und dann wäre ein Übersetzer sicher von Vorteil. Noch besser wäre allerdings, überhaupt keinen der Barbaren zu Gesicht zu bekommen. Denn niemand kann voraussehen, wie die sich bei einem Zusammentreffen verhalten werden. Mit gemischten Gefühlen machen sich alle auf den Weg.

Was sich genau bei dem Appell im Lager der Römer abspielt, kann der germanische Späher auf dem Baum natürlich nicht erkennen, aber als sich der erste und zweite Trupp in Bewegung setzen und das Lager in verschiedene Richtungen verlassen, klettert er von seinem Beobachtungsposten nach unten und rennt in sein Dorf. Dort berichtet er dem Stammesältesten, dass die Römer wohl ausschwärmen, um die Gegend zu erkunden. Der entscheidet, den Beobachtungsbaum am Waldrand zunächst nicht zu besetzen. Stattdessen schickt er den Späher jetzt auf den Baum dicht beim Dorf.

Der erste römische Spähtrupp kommt ans Flussufer, findet nichts Verdächtiges und wandert suchend weiter flussabwärts, Richtung Norden. Schon bald darauf stoßen sie auf das Gebüsch, unter dem das Boot versteckt war. Es liegt noch immer dort. Sie lassen es aber wieder unbeschädigt liegen und setzen ihren Weg weiter am Ufer entlang fort. Dann sind sie im Wald und suchen ihn ab. Kurz darauf entdeckt einer der Legionäre ein paar abgeknickte Zweige an einem Busch.

Sofort kommen die anderen dazu und untersuchen den Boden. Sind da Spuren? Von was? Von Tieren oder von Menschen? Vorsichtig folgen sie der Spur. Nach geraumer Zeit erspähen sie, tief im Wald, gut versteckt zwischen Bäumen, das Dach eines niedrigen germanischen Hauses. Möglichst ohne ein Geräusch zu verursachen, schleichen sie näher und entdecken nicht nur das eine Haus, sondern mehrere, ein ganzes Dorf. Es wirkt wie ausgestorben, kein Mensch, kein Rauch, kein Feuer, es scheint verlassen zu sein.

Dicht beim Dorf und hoch über den Köpfen der Römer sitzt der germanische Späher in seinem Baum. Er rührt sich nicht, damit nur ja kein Vogel auffliegt oder ein Zweig nach unten fällt. Dann würde er bestimmt entdeckt werden. Angespannt schaut er nach unten. Werden die Römer sich dem Dorf noch weiter nähern? Soll er den Ruf eines Raben nachahmen und dem Dorf damit ein Alarmsignal geben?– Noch wartet er.

Die Römer beratschlagen leise. Sollen sie das Dorf genauer untersuchen? Es sieht ja alles ziemlich verlassen aus, aber bei diesen Barbaren weiß man nie! Sicherer ist, sich zurück ins Lager zu begeben und später mit mehr Leuten und besser bewaffnet wiederzukommen.

Vorsichtig nehmen sie den gleichen Weg zurück, immer entlang der gefundenen Spur. Schließlich landen sie bei dem Beobachtungsbaum am Waldrand. An der Rinde sehen sie Kletterspuren. Sofort steigt einer hinauf und erkennt, dass man von da oben aus gut getarnt das provisorische römische Lager beobachten kann. Nachdem sie das entdeckt haben, begeben sie sich sofort auf dem gleichen Weg, den sie gekommen sind, zurück zum Lager.

Nahe beim Dorf. Der Späher, der den römischen Spähtrupp beobachtet hat, klettert von seinem Baum herunter, rennt zum Stammesältesten und berichtet ihm, dass die Römer das Dorf entdeckt haben. Jetzt sind alle wieder weg, wahrscheinlich zurück zum Lager, um Verstärkung zu holen. Vielleicht planen sie ja einen Angriff. Wie lange werden sie brauchen, um mit der Verstärkung wieder hier zu sein? Viel Zeit bleibt nicht, und die Angst vor einem Angriff ist groß.

Daraufhin beschließt der Älteste, das Dorf sofort zu räumen und sich in einer bekannten Höhle im Wald zu verstecken. In höchster Eile verlassen alle ihre Häuser mit ihren Habseligkeiten. Den mitgeführten Tieren werden die Mäuler zugebunden, damit sie keinen Lärm machen können. Ein langer Zug von Menschen und Tieren verschwindet im Wald. Zurück bleiben nur wenige Männer mit etwas Proviant und Wasser. Die sollen sich in der Nähe oben in mehreren Bäumen verstecken und das Dorf bewachen, um zu berichten, was die Römer weiter vorhaben.

Im provisorischen römischen Lager berichtet der Anführer des Spähtrupps dem Hauptmann, dass sie ein Dorf gefunden hätten, das zwar verlassen gewirkt habe, aber er sei sich nicht sicher gewesen, ob sich da nicht doch irgendwelche Barbaren versteckt hielten. Es sei ihm zu riskant gewesen, das Dorf nur mit dem kleinen Spähtrupp genauer zu untersuchen. Außerdem hätten sie einen Baum mit Kletterspuren entdeckt, von dem aus man einen guten Blick auf ihr Lager habe. Es scheine ihm so, als hätten die Barbaren das Lager beobachtet.

»Wir müssen also davon ausgehen, dass irgendein Stamm da siedelt und dass die bemerkt haben, dass wir hier sind«, fasst Quintus Agrippa zusammen.

»Ja, sieht so aus«, stimmt der Anführer des Spähtrupps zu.

»Dann ab jetzt erhöhte Aufmerksamkeit, die Wachen verdoppeln, aber alle Arbeiten laufen wie geplant weiter. Wir warten ab, was die anderen Spähtrupps bringen«, schließt der Hauptmann die Unterredung. Dann begibt er sich zum Zelt der beiden Zivilisten.

»Septimus und Demosthenes, es gibt Neuigkeiten«, beginnt er militärisch knapp, »nicht weit entfernt ist ein Dorf, unklar, ob verlassen oder noch bewohnt, und dann ist da auch noch ein Beobachtungsposten am Waldrand, ein Baum, von dem aus man unser Lager beobachten kann. Der erste Spähtrupp ist zurück und hat gerade berichtet. Ich habe die Wachen verdoppelt. Wie machen wir weiter, was schlagt ihr vor?«

Septimus denkt einen Augenblick nach. »Vielleicht versuchen wir es erst einmal ohne großes Getöse. Können wir im Schutz der Dunkelheit mit unseren Leuten unbemerkt einen Ring um das Dorf bilden, sodass keiner fliehen kann, und dann im Morgengrauen einmarschieren? Ist es verlassen– gut, sind noch welche da, dann könnten wir versuchen, mit ihnen zu reden. Wer sie sind und was sie vorhaben, mit dem Dolmetscher müsste das doch gehen.«

»Und wenn das Ganze eine Falle ist, sich alle versteckt halten und nur darauf warten, zuzuschlagen?«, gibt der Hauptmann zu bedenken.

»Ein gewisses Risiko ist dabei, aber das Überraschungsmoment ist auf unserer Seite. Die werden vor Angst im Boden versinken, wenn wir mit den Hörnern zum Angriff blasen.«

Der Hauptmann wägt in Gedanken alle Möglichkeiten ab, dann nickt er und verlässt das Zelt.

Einige Stunden später, zum Abendappell, sind alle Spähtrupps zurück. Sie haben nichts Außergewöhnliches zu berichten. Kein weiteres Dorf. Aber die Gegend scheint fruchtbar zu sein, die Vegetation ist üppig.

Auch Rufus und Aemilianus sind wieder da, allerdings noch ohne Hasen und Fasan, doch sie haben Fallen aufgestellt.

Quintus Agrippa erläutert der Truppe den Plan: nach der zweiten Wache, also um vier Uhr morgens, in voller Kriegsausrüstung antreten. Noch im Schutz der Dunkelheit einen Ring um das gefundene Dorf bilden. Der Anführer des ersten Spähtrupps hat eine Spur gefunden und wird sie führen. Mit dem ersten Lichtstrahl das Angriffssignal, aus der Deckung heraustreten, das Dorf umstellen und abwarten. Wenn kein Gegenangriff erfolgt, jedes Haus einzeln und vorsichtig untersuchen. Zunächst niemanden töten, wenn nicht unbedingt notwendig. Sind noch Menschen da, versuchen, über den Dolmetscher Kontakt mit ihnen aufzunehmen.

Dann beginnt der normale Lagerabend: Tiere versorgen, essen, trinken, würfeln, Lagerfeuer. Aber die meisten rollen sich bald in ihren Zelten zusammen. Es soll ja wieder früh losgehen.

Mitten in der Nacht geht die Wache an den Zelten vorbei, schlägt an die Zeltstangen und weckt damit die Soldaten. Allgemeines Gemurre.

Wenig später stehen alle in Rüstung, bewaffnet mit Schild, Speer und Schwert abmarschbereit im Schein des Lagerfeuers. Auch Septimus, Demosthenes, Salman, der Dolmetscher und der Priester sind auf den Beinen. Abmarsch.

In völliger Dunkelheit folgen alle– mit Ausnahme der Lagerwache und des Priesters– im Gänsemarsch dem Anführer des ersten Spähtrupps zunächst zum Fluss, am Gebüsch mit dem Boot entlang, dann in den Wald. Er findet die Spur von gestern wieder und folgt ihr bis zu dem Punkt, wo sie das erste Dach des Dorfes entdeckt haben. Selbstverständlich bemühen sich alle, so wenig Lärm wie irgend möglich zu machen, aber bei etwa fünfzig Mann lässt es sich nicht vermeiden, dass der ein oder andere doch mit einem Fuß auf einen Ast tritt oder mit Schild oder Speer an einem Baum hängen bleibt.

Die Späher auf den Bäumen, die zurückgelassen wurden, um das Dorf zu bewachen, hören die Geräusche. Der erste ahmt den Ruf einer Eule nach. Kurz darauf antwortet eine zweite Eule aus einem anderen Teil des Waldes. Dann ist wieder Ruhe.

Auch die Römer haben die Eulen gehört, bleiben ein paar Augenblicke lang auf der Stelle stehen, aber als danach wieder alles ruhig ist, gehen sie weiter.

Von seinem Baum aus sieht einer der Späher schemenhaft sich unten am Boden etwas bewegen. Gebannt hält er den Atem an.

Das erste, noch kaum wahrnehmbare Tageslicht. Ein markerschütternder Ton aus ein paar Hörnern zerreißt die Stille. Vor Schreck fällt der Späher fast vom Baum. Er klammert sich fest und sieht, wie sich aus dem Wald jede Menge Römer auf das Dorf zubewegen. Alle bewaffnet, aber sie warten ab. Sonst geschieht erst mal nichts.

Dann gibt der Zenturio das Zeichen, die Häuser zu untersuchen. Es sind typische germanische Langhäuser. In der einen Hälfte wohnen die Menschen, in der anderen sind die Tiere untergebracht. Alles unter einem Dach.

Langsam bewegen sich einzelne Abteilungen auf jeweils ein Haus zu. Sie stoßen die Türen auf– nichts. Niemand kommt herausgestürmt, alles bleibt ruhig. Da werden sie mutiger und betreten die Häuser, nicht ohne draußen jeweils eine Wache stehen zu lassen. Erst untersuchen sie den Wohnbereich, niemand da, auch nicht versteckt unter dem Dach. Die Feuerstelle ist kalt, kein Kleidungsstück, kein Fell, keine Decke, nichts, was auf Bewohner hinweisen könnte. Sie suchen weiter in dem Teil des Hauses, wo sonst die Tiere untergebracht sind. Auch nichts.

Da rutscht Rufus auf einem Kuhfladen aus.

»Scheiße«, schreit er. »Wartet mal. Hier hat eine Kuh gestanden. Kann noch nicht allzu lange her sein. Ich bin auf ’nem Fladen ausgerutscht, der war noch nicht ausgetrocknet, höchstens einen Tag alt, damit kenne ich mich aus. Bin ja vom Bauernhof.«

Während er sich seine Sandale am Stroh sauber zu machen versucht, kommen die anderen dazu, betrachten die Situation und feixen. Dann gehen sie hinaus, und einer macht dem Hauptmann Meldung: »Alles leer, kein Mensch, aber da drinnen muss noch bis vor Kurzem eine Kuh gestanden haben. Rufus ist eben auf einem Fladen ausgerutscht und sagt, der könne höchstens einen Tag alt sein.« Dabei grinst er über das Unglück von Rufus.

Septimus und Demosthenes sind dazugetreten und haben die Meldung mit angehört.

»Die haben Angst«, sagt Septimus, »sie sind abgehauen und haben alles mitgenommen. Sie haben uns beobachtet und wissen, was wir tun, zum Beispiel, dass wir ein Lager gebaut haben. Unser Ruf als Besatzungsmacht ist ja auch wirklich nicht der beste. Aber allzu weit können sie nicht gekommen sein mit Sack und Pack und Vieh.«

Dann geht er zur Wand eines Hauses. »Ist euch was aufgefallen? Die Wände hier sind mit Lehm verschmiert. Also muss es welchen in der Gegend geben. Wir müssen sie aufstöbern und fragen, wo sie das Zeug herhaben. Dann wären wir schon mal eine große Sorge los.– Und wenn ich sage ›aufstöbern‹, dann meine ich nicht ›umbringen‹. Ein toter Germane sagt nichts mehr. Im Augenblick, denke ich, sollten wir zurück zum Lager, was meinst du, Zenturio?«

Der Zenturio überdenkt die Situation.

»Ein Angriff scheint nicht bevorzustehen, sie sind geflüchtet, machen wir erst mal weiter mit der Vermesserei.«

Sammeln und Abmarsch. Damit zieht sich der ganze Trupp zurück.

Nachdem die Römer weg sind, klettern die Späher von ihren Beobachtungsposten hinunter und beraten sich kurz. Drei bleiben zurück und klettern wieder hoch. Der vierte soll die Dorfbewohner in ihrem Versteck aufsuchen und dem Stammesältesten die Neuigkeiten überbringen.

Im römischen Lager sind zur selben Zeit alle, auch die Vermesser, zum Appell angetreten. Der Zenturio und Septimus stehen vor der Truppe. Der Zenturio beginnt.

»Für alle, die heute Nacht nicht mit waren: Wir haben ein germanisches Dorf gefunden. Im Moment ist es verlassen. Es sieht aber so aus, als wäre es noch vor kurzer Zeit bewohnt gewesen. Rufus hat einen noch nicht ausgetrockneten Kuhfladen entdeckt. Die werden Reißaus genommen haben, mit allem, was sie mitschleppen konnten. Sehr weit können sie nicht weg sein. Höchstwahrscheinlich sind sie weiter nach Norden, also flussabwärts, gezogen.– Hätte ich jedenfalls getan, wenn ich es zu entscheiden gehabt hätte.– Wir werden morgen einen größeren Suchtrupp zusammenstellen, ausschwärmen und nördlich von dem Dorf nach ihnen suchen. Und jetzt hat Septimus noch etwas.«

»Ich habe mir ihre Häuser genauer angeschaut«, sagt Septimus. »Sie sind außen mit Lehm verschmiert. Den muss es also hier irgendwo geben. Allzu weit weg kann das nicht sein, denn sie müssen das Zeug ja immer mühselig ranschleppen. Wenn wir die Dörfler gefunden haben, müssen wir aus denen rauskriegen, wo das ist. Wir haben den Dolmetscher dabei, vielleicht kann der sich mit denen verständigen. Aber nicht gleich jeden massakrieren. Ich wiederhol’s noch mal: Ein toter Germane ist ein guter, aber stummer Germane. Versuchen wir es erst einmal friedlich. Und wenn wir wissen, wo der Lehm her ist, haben wir schon eine große Sorge weniger, dann könnten wir Ziegel brennen und nach Wasser graben. Von den späteren Mauern sagen wir aber noch nichts. Alles klar?«

Allgemeines Gemurmel erhebt sich.

»Und noch etwas«, übernimmt der Zenturio wieder, »Rufus und Aemilianus gehen nicht mit dem Suchtrupp, die bleiben hier und kümmern sich weiter um den Hasen und den Fasan. Die Vermessung geht auch weiter. Das sind im Moment die beiden wichtigsten Aufgaben! Wegtreten und an die Arbeit!«

Einer der vier germanischen Späher, die auf den Bäumen zurückgeblieben sind, schleicht durch einen dichten Wald. Als Erkennungszeichen ahmt er den Ruf eines Eichelhähers nach. Dann horcht er. Von irgendwoher antwortet ein zweiter Eichelhäher. Der Späher versucht zu orten, aus welcher Richtung der Ruf kam, und geht dann in dieser Richtung weiter. Nach einer Weile stößt er wieder seinen Lockruf aus. Wieder antwortet ein zweiter Vogel. Daraufhin ändert er seine Richtung. Diesen Vorgang wiederholt er alle paar Minuten, wobei der Ruf des antwortenden Vogels immer näher kommt. Schließlich tritt ihm hinter einem Baum ein Mitglied seines Stammes entgegen und führt ihn noch eine kleine Strecke weiter zu einem scheinbar undurchdringlichen Gebüsch. An einer Seite gibt es aber doch einen kleinen Durchschlupf. Dahinter verbirgt sich der Eingang einer ziemlich großen Höhle.

Dort ist das ganze Dorf versammelt, Menschen und Tiere. In der Mitte brennt ein kleines Feuer, das die Höhle notdürftig wärmt und beleuchtet. Der Rauch entweicht nach oben durch einen winzigen Spalt, draußen im Wald kaum wahrzunehmen. Der Späher begibt sich zum Ältesten und berichtet, dass die Römer das Dorf untersucht, aber nicht zerstört hätten.

Das beruhigt den Ältesten zunächst, dann berät er sich mit dem Druiden.

»Ich nehme an, die werden nach uns suchen«, überlegt der Druide. »Wenn sie das Dorf nicht zerstört haben, könnte man hoffen, dass sie uns nicht alle umbringen wollen. Aber bei den Römern weiß man nie, was in deren Köpfen vorgeht. Vielleicht warten sie auch nur darauf, dass wir zurückkommen. Dann säßen wir in der Falle, dann hätten sie uns alle auf einen Schlag.– Denkt an unsere Brüder und Schwestern auf der anderen Seite des Flusses. Da ist niemand mehr übrig geblieben.– Hier finden sie uns nicht so leicht, hier sind wir fürs Erste sicher. Hier bleiben wir für sie unsichtbar.«

Dann wendet der Älteste sich an den Späher. »Nimm ein paar Vorräte mit, auch für deine Brüder, geh zurück zum Dorf. Bewacht es wie bisher und gebt uns Nachricht, wenn sich etwas Neues tut.«

Am nächsten Morgen sind Rufus und Aemilianus wieder im Wald unterwegs und untersuchen ihre aufgestellten Fallen. Ohne Erfolg. Kein Hase, kein Fasan.

Zur selben Zeit sieht man in der Nähe des Dorfes den großen römischen Suchtrupp. Die Legionäre gehen in einer breiten Reihe nebeneinander, jeder in Sichtweite zum Nachbarn. Sie drehen sozusagen jeden Stein um, schauen in jedes Gebüsch, hinter jeden Baum. Von den Bewohnern des Dorfes keine Spur.

In einer seiner Fallen entdeckt Rufus schließlich einen Hasen. Mit Hilfe von Aemilianus befreit er das verängstigte Tier, packt es in einen Sack und trägt es zurück zum Lager. Er zeigt es dem Priester.

»Der sieht doch ganz prächtig aus«, sagt der Priester, während er den Hasen an den Löffeln in die Luft hält und ihn von allen Seiten begutachtet, »aber warten wir noch, bis ihr auch einen Fasan habt. Baut für die Zwischenzeit einen kleinen Käfig, gebt ihm was zu fressen und Wasser, damit es ihm bis dahin gut geht.«

Der große Suchtrupp bewegt sich mittlerweile auf die Stelle im Wald zu, wo die Dorfbewohner sich verborgen haben.

Hoch oben in einem Baum versteckt sitzt einer der Dorfbewohner und hält Wache. Er entdeckt die herannahenden Legionäre und ahmt den Ruf eines Raben nach, das Signal, dass sich eine Gefahr nähert.

Auch die Römer haben den Ruf des Raben gehört und schauen nach oben, ob sie irgendwas entdecken können. Denn sie sind erfahrene Soldaten, und es entgeht ihnen natürlich nicht, dass immer, wenn sie auftauchen, im Wald irgendwelche Vögel anfangen zu zetern. Werden sie etwa schon wieder beobachtet? Den gut getarnten Wächter sehen sie nicht.

In der Höhle, in der die Dorfbewohner Zuflucht gefunden haben, wird sofort nach dem Alarmruf die Feuerstelle auseinandergerissen, sodass kein Rauch mehr nach oben durch den dünnen Spalt entweichen kann. Nur ein winziges Stückchen Glut bewahren sie auf, um damit später, wenn die Gefahr vorbei ist, ein neues Feuer entzünden zu können.

Der römische Suchtrupp streift weiter in breiter Formation durch den Wald. Plötzlich bleibt einer der Legionäre stehen.

»Halt!«, ruft er. »Hier riecht’s doch irgendwie verbrannt, nach Rauch oder Feuer!«

Ein paar Legionäre kommen näher und schnüffeln herum. Tatsächlich, hier riecht es nach Rauch. Der Hauptmann wird hergeholt. Der riecht es auch. Hektisch schauen sich alle um. Brennt hier der Wald? Obwohl sie nichts dergleichen sehen können, bleibt der Geruch.

Der Hauptmann befiehlt, sich ruhig zu verhalten und keinen Lärm zu machen. Dann versuchen sie, die Ursache für den Geruch zu finden. Sie untersuchen den Boden und entdecken angekokeltes Moos, darunter einen Spalt, der in die Tiefe führt. Dort riecht es am stärksten, außerdem sind die Wände des Spaltes etwas wärmer als die Umgebung. Der Hauptmann macht ein Zeichen, dass sich darunter irgendetwas befinden muss. Nun ist ihr Jagdfieber geweckt. Sie markieren einige Bäume im Umkreis, um die Stelle leichter wiederzufinden. Dann suchen sie intensiv das Umfeld ab, um den Eingang zu dem Versteck zu finden.

Die Dorfbewohner sitzen verängstigt in ihrer Höhle. Der Stammesälteste winkt einen der erfahrenen Männer heran.

»Schau mal vorsichtig nach draußen, ob sich da irgendetwas tut. Wir haben lange keinen Ruf mehr vom Wächter gehört. Versuch mal, Kontakt mit ihm aufzunehmen.«

Der Angesprochene macht sich auf den Weg zum Eingang der Höhle. Immer noch gut versteckt hinter dem Gebüsch sucht er die Umgebung ab. Legionäre sieht er keine.

Vorsichtig versucht er es mit dem Ruf eines Eichelhähers. Sofort antwortet ihm ein aufgeregter Rabe. Daraufhin zieht er sich blitzartig in das schützende Gebüsch zurück.

Durch die Vogelrufe sind auch die Römer aufmerksam geworden. Einer zeigt in die Richtung, aus der die Rufe kamen. Im letzten Moment sieht er, wie sich ein paar Zweige in einiger Entfernung bewegen. Sofort rennt er in die Richtung. Etliche andere folgen ihm. Mit vereinten Kräften schlagen sie mit ihren Schwertern das Gebüsch kurz und klein. Schließlich entdecken sie dahinter den Eingang zu einer Höhle. Er ist wirklich nicht sehr breit. Zwei Leute passen nicht nebeneinander. Haben die Germanen sich da drin versteckt?

Der Hauptmann schaut sich den Eingang an. Ihm ist sofort klar, dass so ein schmaler Durchschlupf von innen leicht zu verteidigen ist. Der Rest der Truppe hat sich versammelt und steht in einem Halbkreis um den Eingang herum. Alle haben ihre Visiere heruntergeklappt, die Schilde hochgenommen und Speere oder Manuballistas kampfbereit in den Händen.

Der Hauptmann ruft Septimus, Demosthenes und den Dolmetscher zu sich. Sie beratschlagen, was zu tun ist.

»Hier reinzugehen ist das reinste Selbstmordkommando«, beginnt der Hauptmann, »da können nicht mal zwei Mann nebeneinanderstehen, geschweige denn kämpfen. Wenn die da drinnen sind, brauchen die bloß zu warten und können dann einen nach dem anderen erledigen. Wir können nur zweierlei tun: entweder den Eingang belagern oder sie ausräuchern, was schlagt ihr vor?«