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In seiner roten Agenda notierte der sizilianische Richter Paolo Borsellino alles, was er über die Verstrickungen zwischen »ehrenwerter Gesellschaft« und Politik herausfand. Doch seit er 1992 bei einem Attentat ums Leben kam, ist die Agenda verschollen. Diese Tatsache ist der Ausgangspunkt für Liaty Pisanis neusten Agentenroman. Spion Ogden nimmt darin die Spur der roten Agenda auf. Sie führt ihn in die eisigen Sphären jener Strategen, die in dem sonnenverwöhnten Land das Sagen haben – zu den wahren Mächtigen, deren Gesichter der Öffentlichkeit zwar wohlbekannt sind, die aber nicht zur Verantwortung gezogen werden.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2012
Liaty Pisani
Die rote Agenda
Der Spionund der Pate
Roman
Aus dem Italienischen vonUlrich Hartmann
Titel des Originals:
›La spia e il padrino‹
Die deutsche Erstausgabe erschien
2012 im Diogenes Verlag
Umschlagfoto von Peer Hanslik (Ausschnitt)
Copyright © plainpicture/Peer Hanslik
Das erzählte Geschehen ist frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen,
lebenden wie toten, ist rein zufällig.
All rights reserved
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2015
Diogenes Verlag AG Zürich
www.diogenes.ch
ISBN Buchausgabe 978 3 257 24290 4 (1. Auflage)
ISBN E-Book 978 3 257 60203 6
Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.
[5] Dieses Buch ist den Richtern Paolo Borsellino und Giovanni Falcone sowie allen Opfern der Mafia gewidmet. Aber auch Richard Lancelyn Green,
[7] Prolog
Der Mann erhielt den Anruf in seinem Zimmer des Hotels Cadogan in Knightsbridge. Nachdem er aufgelegt hatte, nahm er den Umschlag, steckte ihn in die Manteltasche und ging hinaus. An der Rezeption gab er den Schlüssel ab und instruierte den Portier, er solle Mr.Partanna, falls dieser ihn telefonisch zu erreichen versuche, seine Handynummer geben mit der Bitte, ihn anzurufen.
Dann stieg er in eines der vor dem Eingang parkenden Taxis und nannte dem Fahrer als Adresse das Auktionshaus Sommer’s in Piccadilly.
Es herrschte reger Verkehr. Zum dritten Mal, seit er ins Taxi gestiegen war, sah er auf die Uhr. Endlich läutete das Handy. »Tano, ich bin’s. Wo treffen wir uns?«, fragte eine Stimme, die ihm wohlbekannt war.
»Bei Sommer’s. In einer halben Stunde im Ausstellungsraum des Auktionshauses vor dem Porträt eines gewissen Sir Malcolm. Sie haben einige Räume eines alten Wohnhauses von Dorset rekonstruiert, dort werde ich sein, vor dem Bild. Ich trage einen grauen Burberry.«
»Glaubst du, ich würde dich nicht erkennen?«, fragte der Mann am anderen Ende. Diesmal sprach er Italienisch, mit einem starken sizilianischen Akzent.
»Natürlich nicht, Salvatore«, antwortete Tano erleichtert. [8] Er war froh, bald würde er diesen Umschlag los sein und ein hübsches Sümmchen auf einer Bank auf den Cayman-Inseln liegen haben; und da Salvatore der Mann war, dem er den Umschlag übergeben sollte, war er beruhigt: Ihm konnte er vertrauen, sie standen sich näher als Brüder.
Er kam früher als vorgesehen bei Sommer’s an. Dort ging er in den Ausstellungsraum und warf einen Blick auf die Gemälde an den Wänden, das Porzellan und die antiken Möbel, ohne sie eigentlich zu sehen. Dann betrat er den Raum, der mit Sir Malcolms Salonmöbeln aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet war, und blieb vor seinem Porträt stehen.
Als Überbringer dieses zigarrenkistengroßen Päckchens zu fungieren war bis jetzt nicht schwierig gewesen. Er hatte die Anweisungen befolgt und sich mit dem Schlüssel des Schließfachs, den man zwei Tage zuvor in seinem Apartment in Soho zusammen mit einem falschen Pass und einem geklonten Handy deponiert hatte, in eine Bank in der City begeben. Dort hatte er den Umschlag an sich genommen, das Einzige, was sich in dem Schließfach befand, sich dann im Hotel Cadogan eingemietet und auf neue Anweisungen gewartet. Diese hatte er noch am gleichen Tag mit dem zweiten Anruf erhalten. Eine unbekannte Stimme hatte ihm gesagt, er solle den Ort der Übergabe selbst bestimmen und anschließend einen weiteren Anruf auf dem geklonten Handy abwarten. Erst dann würde er mit dem Mann sprechen, dem er den Umschlag übergeben sollte.
Tano war ein junger Broker, der seit Jahren in London lebte. Einige Tage zuvor hatte er eine Freundin zu einer Ausstellung antiker Möbel bei Sommer’s begleitet, deshalb war seine Wahl auf das Auktionshaus als Übergabeort gefallen.
[9] Alles war wie geplant gelaufen, dachte Tano, während er den rüstigen englischen Adligen auf dem Gemälde betrachtete. Um diese Zeit am Vormittag waren fast keine Besucher in der Ausstellung, nur eine elegante alte Dame mit rosigem Teint blieb für einen Augenblick stehen, um ein Teeservice zu bewundern.
Er hörte Schritte hinter sich und wandte sich um, überzeugt davon, Salvatore zu sehen, doch der war es nicht. Ein korpulenter Mann, ungefähr in Tanos Alter, betrat mit einem Ausstellungskatalog in der Hand den Salon. In seinem kastanienbraunen Haar hatte er eine weiße Strähne, und er wirkte eher grobschlächtig. Mit übertriebenem Interesse betrachtete der Mann einige Drucke, und Tano rückte ein Stück zur Seite, um ihn nicht hinter sich zu haben. Sie blieben ein paar Minuten so, gaben vor, die wertvollen Stücke in diesem aus der Vergangenheit ins 21. Jahrhundert katapultierten Zimmer zu bewundern. Doch Tano war nervös. Er sah auf die Uhr – noch zehn Minuten bis zur Verabredung. Er ärgerte sich darüber, dass er so früh ins Auktionshaus gekommen war. Der Mann machte keine Anstalten zu gehen, und Tano beschloss, den Raum zu verlassen und später zurückzukommen.
Er wandte sich der Tür zu, der andere tat das Gleiche, und so trafen sie am Eingang des Salons aufeinander.
»Bitte, nach Ihnen«, sagte der Mann mit einer auffordernden Geste. Sein Englisch war unauffällig, ohne besonderen Akzent, und genau das machte Tano argwöhnisch. Mit einem entschlossenen Schritt nach vorn suchte er ins Nebenzimmer zu kommen. Doch der Mann hielt ihn am Arm gepackt.
»Nicht so eilig…«
[10] Tano spürte, wie ihm der Lauf einer Pistole in die Seite gedrückt wurde. Er entwand sich, riss sich los und verpasste dem anderen dann mit einer schnellen Bewegung einen Handkantenschlag am Hals. Der Mann war überrumpelt, doch er war ein Profi und konnte dem Schlag zum Teil ausweichen, war nur benommen, fiel aber zu Boden.
Dadurch hatte Tano einen Vorsprung von wenigen Sekunden. Bevor sein Angreifer wieder auf die Beine kam, hatte er den Raum durchquert und das Nebenzimmer erreicht, wo er einen anderen Ausgang zu finden hoffte. Es war ein kleinerer Raum mit Schaukästen aus Glas, in denen Papiere und Briefe ausgestellt waren. Hinter sich hörte er Lärm, der Mann hatte beim Aufstehen irgendetwas umgestoßen. Das war ein unerwartetes Glück, mit Sicherheit würde jemand vom Auktionshaus herbeigelaufen kommen, um sich den Schaden anzusehen, und seinen Verfolger zurückhalten.
Vor sich sah er eine weitere Tür, er öffnete sie, und als er sie wieder schloss, entdeckte er, dass der Schlüssel von innen steckte. Er drehte ihn um und fühlte sich, wenigstens für den Moment, sicher.
Erst da schaute er sich um: Er war in einen großen Raum gelangt, vielleicht ein Lager, wo alle möglichen Antiquitäten herumstanden. In der Mitte war ein Tisch, erleuchtet von einer brennenden Lampe, wo sich Akten und Hefte türmten, und auf dem Boden standen offene große und kleine Schachteln voller Papiere. Irgendjemand schien hier Inventur zu machen.
Er durchquerte das Zimmer und blieb vor dem Notausgang stehen, doch als er die Sicherheitsverriegelung öffnen wollte, hörte er Geräusche und Stimmen von draußen. Er [11] machte auf dem Absatz kehrt und verharrte in der Mitte des Raums, unentschlossen, was er tun sollte.
Tano wusste, was seine Pflicht war: um jeden Preis verhindern, dass der Umschlag in andere Hände fiel. Die Anweisungen waren klar gewesen, und es war nicht empfehlenswert, sie zu missachten, sonst würde er sein Leben aufs Spiel setzen. Er trat an den Tisch und sah den Katalog der nächsten Ausstellung, bei der die Papiere von Arthur Conan Doyle versteigert werden sollten. Einem plötzlichen Impuls folgend, versteckte er den Umschlag unter einem Stapel von Dokumenten. Er würde, wenn er den Mann erst abgehängt hätte, zurückkommen und sich den Umschlag wieder holen.
Er ging eilig zum Notausgang, löste die Verriegelung und fand sich in einem schmalen, langen Gang wieder. Er folgte ihm bis zum Ende und kam in einer engen Straße heraus. Ein Lastwagen versperrte sie fast vollständig. Zwei Männer in Overalls luden Bilder aus einem Container. Unbeirrt setzte Tano seinen Weg fort und erreichte schließlich die St.James Street, war umgeben von Menschen und Verkehr.
Er sah sich suchend nach einem Taxi um, während er mit dem Handy Salvatore Partanna anrief.
»Ich bin in diesem Moment aus dem Auktionshaus gekommen«, sagte er, als der Freund sich meldete. »Ein Typ hat mich mit der Pistole bedroht, ich musste fliehen und habe deshalb die Agenda in einem Lager gelassen, zwischen den Papieren von Conan Doyle, die in den nächsten Tagen versteigert werden…«
Während er sprach, bemerkte Tano das schwarze Auto nicht, das neben ihm am Straßenrand angehalten hatte. Die [12]
[13] 1
Richard Lowelly Grey hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Der Abend war frisch, und die Straßen von South Kensington waren noch nass vom nachmittäglichen Gewitter. Er hatte eine Verabredung zum Abendessen mit seinem Freund und früheren Partner Peter; sie wollten in der Nähe, in der Brasserie St.Quentin, eine Kleinigkeit essen. Doch vorher musste Richard das Päckchen verstecken, das er in der Tasche hatte, zumindest bis zum nächsten Morgen. Dann würde er es im Schließfach seiner Bank deponieren.
Als er die Tür der weißen Villa erreichte, in der er seit zwanzig Jahren wohnte, meinte er, hinter sich Schritte zu hören. Er wandte sich um, doch die Straße war still und leer. Nur Mr.Bellamy, der Antiquar, winkte ihm von der anderen Straßenseite zur Begrüßung zu, bevor er seinen Vorgarten betrat.
Richard steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und machte sie hinter sich schnell wieder zu. Dann schaltete er die Alarmanlage aus. Er sah sich das Display an: Niemand war während seiner Abwesenheit ins Haus eingedrungen.
Er stieß einen erleichterten Seufzer aus. Vielleicht war seine Nervosität ja übertrieben. Die am Nachmittag auf dem Anrufbeantworter hinterlassene Nachricht konnte ein schlechter Scherz sein, den ihm ein amerikanischer Kollege [14] gespielt hatte; oder jemand, der bloß den Akzent imitiert hatte. Sicherlich hatte es nichts mit dem zu tun, was er zwischen den Papieren bei Sommer’s gefunden hatte.
Doch auf alle Fälle war es besser, vorsichtig zu sein, sagte er sich und stieg die Treppe hoch, die in den zweiten Stock seines eleganten Hauses voller Bücher, wertvoller Objekte und schöner Teppiche führte. Lowelly Grey, Spross einer einflussreichen englischen Familie, war der weltweit bedeutendste Experte für Arthur Conan Doyle und dessen Geschöpf Sherlock Holmes. Die riesige Sammlung von Büchern, Dokumenten und seltenen Objekten, die er zusammengetragen hatte, seit er ein Junge war, wurde zum großen Teil im Familiensitz in Sussex verwahrt; doch viele wertvolle Stücke befanden sich auch in Kensington. Er war nun fünfzig Jahre alt und hatte einige grundlegende Essays über das Werk Arthur Conan Doyles sowie eine unübertroffene Bibliographie veröffentlicht. Schon seit einer Weile träumte er allerdings davon, eine bahnbrechende Biographie des Schriftstellers zu verfassen, ein Werk, das den Vater des berühmtesten Detektivs aller Zeiten in ein neues Licht stellen würde. Doch dies schien wegen der verfluchten Versteigerung, die bei Sommer’s stattfinden sollte, nicht mehr möglich zu sein.
Richard nahm die Agenda aus der Jackentasche. Er hatte sie am Nachmittag aus dem Auktionshaus entwendet, bei dem letzten seiner beiden Besuche, die ihm, dank seines Prestiges als Forscher, gestattet worden waren, um die Dokumente des Doyle-Archivs in Augenschein zu nehmen. Als er zwischen den Papieren einen Umschlag gefunden hatte, von dem er sicher war, ihn bei seinem letzten Besuch nicht gesehen zu haben, hatte er ihn geöffnet und die Agenda [15] in der Hand gehalten. Nachdem er sie durchgeblättert hatte, beschloss er, sie mit nach Hause zu nehmen, und beging damit den ersten Diebstahl seines Lebens.
Er öffnete den hinter einem Gemälde in seinem Arbeitszimmer verborgenen Wandsafe, warf einen kurzen Blick darauf und schloss ihn wieder. Zu offensichtlich, sagte er sich. Er musste ein besseres Versteck finden.
Er ging ans Bücherregal, nahm einen Gedichtband von Eliot heraus, machte den Umschlag ab und legte ihn um die Agenda, die das gleiche Format wie das Buch hatte. Dann stellte er den falschen und den echten Eliot nebeneinander ins Regal. Für den Augenblick mochte das als Versteck ausreichen.
Diese Agenda hatte ihm gerade noch gefehlt. Die Versteigerung war ein Stich ins Herz gewesen. Entgegen dem testamentarischen Willen Lady Jeans, der verstorbenen Tochter des Schriftstellers, würde das wertvolle Material des Doyle-Archivs in wenigen Tagen versteigert und in Privatsammlungen überall auf der Welt zerstreut werden. Alles wegen der Intrigen ferner Verwandter und einiger skrupelloser Anwälte. Doch diese Agenda würde nicht das gleiche Schicksal erleiden.
Er wunderte sich, dass er den Mut gehabt hatte, etwas so Unkorrektes zu tun. Diebstahl blieb Diebstahl, auch wenn man es für einen guten Zweck tat. Aber war es vielleicht kein Diebstahl, was die fernen Verwandten Arthur Conan Doyles gerade ins Werk setzten und dabei den Willen der einzigen wahren Erbin missachteten?
Seit er die Agenda gefunden hatte, hatte Lowelly Grey sich gefragt, wie sie in das Archiv des Schriftstellers geraten [16] war. Jemand musste sie nach seinem ersten Besuch zwischen den Papieren versteckt haben, dessen war er sich sicher. Aber wer?
Er ging zur Hausbar und schenkte sich einen Whisky ein. Er musste versuchen, sich zu beruhigen, doch das war nicht leicht bei all dem, was er gerade durchmachte. Wieder musste er an den immensen Schaden durch den Verlust der wertvollen Dokumente denken, und er fragte sich, wie er ohne sie eine seriöse Biographie Arthur Conan Doyles schreiben sollte.
In den Tagen nach der traurigen Nachricht hatte er versucht, den englischen Kulturbetrieb aufzurütteln, leider ohne Erfolg. Er hatte protestiert, wo immer er konnte, und unmissverständlich gesagt, das Archiv gehöre zum Erbe von Jean Doyle, deren Wunsch es gewesen sei, es der British Library zu vermachen. Doch niemand außer ihm schien daran interessiert, diese unschätzbar wertvolle Sammlung in England zu halten, die aus ungefähr dreitausend Briefen und zu achtzig Prozent noch unveröffentlichten Manuskripten bestand. Eine Goldgrube für einen Biographen.
Er sah auf die Uhr, er hatte noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit bis zu der Verabredung mit Peter, also beschloss er, einen weiteren Versuch zu unternehmen, seinen Freund Paolo Astoni in Turin telefonisch zu erreichen. Er hatte es schon am Nachmittag aus dem Auktionshaus versucht, um mit ihm über die Agenda zu sprechen, weil er sich sicher war, dass er ihm einen Rat geben könnte. Auch wenn es nun, wie er zugeben musste, etwas spät dafür war, Rat zu erbitten.
Er wählte die Nummer und lauschte lange, wie das Telefon ins Leere klingelte. Schließlich legte er auf. Astoni hatte [17] keinen Anrufbeantworter, und Lowelly Grey nahm sich vor, ihn später anzurufen.
Professor Paolo Astoni war Mitglied der englischen und der italienischen Sherlock-Holmes-Gesellschaft. Der angesehene, seit einigen Jahren emeritierte Professor für Philosophie an der Universität Turin war Verfasser einer ganzen Reihe von recht erfolgreichen Büchern über den Detektiv, die auch in England veröffentlicht worden waren. Richard hatte ihn vor fünf Jahren bei einem Kongress anlässlich der Jahrestagung der englischen Sherlock Holmes Society im schweizerischen Meiringen kennengelernt, und sie hatten sich gleich angefreundet. Paolo sprach ausgezeichnet Englisch, weil er als junger Mann einige Jahre in Cambridge verbracht hatte. Er und Richard telefonierten häufig miteinander und trafen sich wenigstens einmal im Jahr bei den Kongressen und Zusammenkünften der Gesellschaft. Trotz des Altersunterschieds verband sie eine wahre Freundschaft.
Häufig hatten sie sich über die furchtbaren blutigen Ereignisse in Italien unterhalten, und sie stimmten darin überein, dass das, was in diesem Land – wie übrigens auch anderswo – geschah, insgeheim nicht nur im In-, sondern auch im Ausland geplant wurde. Dass die Agenda nach so vielen Jahren in England wiederaufgetaucht war, bestätigte diese These. Nur Paolo Astoni würde ihm sagen können, wie er sich verhalten sollte, denn er war Italiener, und der Inhalt der Agenda betraf die Geschichte seines Landes.
Einen Augenblick überlegte Lowelly Grey, ob er die Verabredung mit Peter absagen sollte. Dann hatte er eine Idee: Er würde den Freund bitten, ihm einen einfachen, aber wichtigen Gefallen zu tun.
[18] 2
Paolo Astoni kam kurz nach zweiundzwanzig Uhr aus dem Restaurant zurück. Er war müde, und das Kopfweh, das ihn seit dem Nachmittag plagte, hatte auch beim Essen nicht nachgelassen. Am nächsten Morgen musste er um zehn im Palavela sein, um die Proben zur Großen Eiskunstlaufgala anzusehen, bei der auch Alberto Asnaghi, Sohn eines seiner ehemaligen Studenten, teilnehmen würde. Daher beschloss er, sofort zu Bett zu gehen.
Die Nachricht von Richards Tod traf ihn am nächsten Morgen wie ein Faustschlag in den Magen. Willington, ein Mitglied der englischen Sherlock Holmes Society, rief ihn an, als er gerade das Haus verlassen wollte, und teilte ihm mit, dass Richard tot sei. Man hatte ihn in seinem Haus in Kensington garrottiert. Astoni, der tags zuvor keine Zeitungen gelesen hatte, war wie versteinert.
»Wann ist das denn passiert?«, fragte er bestürzt.
»Vorgestern Nacht. Ein furchtbares und unerklärliches Verbrechen. Oder ein ungewöhnlicher und unerklärlicher Selbstmord. Die Zeitungen der ganzen Welt haben die Nachricht sofort verbreitet, und die Hypothesen überschlagen sich. Man vermutet, es war ein Raubüberfall, der tragisch endete. Die Wohnung ist tatsächlich auf den Kopf gestellt und das Bücherregal ausgeräumt worden, die Bücher liegen [19] kreuz und quer auf dem Boden. Wenn es sich nicht um Selbstmord handelt«, schloss der Engländer, »hat der Mörder offensichtlich etwas gesucht.«
Nachdem er noch einige Worte mit Willington gewechselt hatte, legte Astoni erschüttert auf. Er hatte noch vor ein paar Tagen mit Richard telefoniert, und dieser war ihm vollkommen normal vorgekommen, vielleicht ein bisschen nervös wegen der Versteigerung bei Sommer’s. Soweit er wusste, hatte er keinen Grund, sich umzubringen, und wenn er einen gehabt hätte, hätte er gewiss nicht eine so sonderbare und schreckliche Methode gewählt. Eine Assoziation machte ihn betroffen: Im Werk von Arthur Conan Doyle gab es einen, der mit der Garrotte umzugehen wusste: Parker, ein Verbrecher im Dienste von Colonel Moran. Er taucht kurz in Das leere Haus auf, bringt aber dort niemanden mit der Garrotte um.
Der Gedanke schien ihm pietätlos. Doch Richard hätte ihn gewiss nicht als einen Mangel an Respekt betrachtet.
Astoni sah auf die Uhr. In zehn Minuten hatte er eine Verabredung mit Verena Mathis am Palavela, er musste sich beeilen. In Turin herrschte um diese Zeit immer starker Verkehr, und er wollte nicht zu spät kommen.
In ebendiesem Moment verließ Verena ihr Hotel und stieg in ein Taxi, das sie zum Eispalast bringen sollte. Sie war am Abend zuvor aus Zürich angekommen, um an einem internationalen literarischen Kongress teilzunehmen. Vor ihrer Abreise hatte sie Paolo Astoni angerufen. Sie kannte ihn, seit sie ein Kind war. Paolo war ein Kommilitone ihrer Mutter gewesen, und als diese starb, hatte Verena lange Zeit bei ihm und seiner Frau in Italien gelebt. In den Jahren, die [20] folgten, hatte sie immer ein quasi verwandtschaftliches Verhältnis mit dem kinderlosen Paar aufrechterhalten. Aber nicht einmal ihnen hatte sie ihre Beziehung mit Ogden offenbart, ihrem geliebten Geheimen oder geheimen Geliebten, wie sie ihn gern bezeichnete, wenn sie sich wieder einmal trennen mussten.
Paolo Astoni hatte ihr am Telefon stolz von einem jungen Sportler, dem Sohn eines ehemaligen Studenten, erzählt, der an der Großen Eiskunstlaufgala, die im Palavela stattfinden sollte, teilnehmen würde. Da sie sich sowieso in Turin aufhielt, hatte Verena versprochen, mit ihm zusammen dort hinzugehen.
Vor zwei Jahren, als Paolos Frau gestorben war, hatte Verena den Schmerz empfunden, den sie beim Tod ihrer Mutter so nicht gespürt hatte, da sie damals noch ein Kind gewesen war. Sie betrachtete Paolo als respektablen Ersatz für ihren enttäuschenden Vater, eine Art Onkel, als dessen Lieblingsnichte sie sich fühlte. Nun, da Paolo allein geblieben war, kam sie, wann immer sie konnte, nach Turin, um ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen.
Als das Taxi den Parco del Valentino entlangfuhr, läutete ihr Handy. Es war Ogden.
»Wie war die Reise?«, fragte er.
»Sehr gut, danke. Ich bin unterwegs zum Eispalast, um mir die Proben für eine Eiskunstlaufgala anzusehen, an der heute Abend ein junger Mann teilnimmt, den Paolo ins Herz geschlossen hat.«
Ogden wusste von der Zuneigung, die Verena für Astoni empfand, und freute sich, dass sie ihn besuchte, denn bei ihrer Rückkehr war sie immer guter Laune.
[21] »Schön. Dann musst du mir nachher erzählen, ob der Junge wirklich so gut ist.«
Sie wechselten noch einige zärtliche Sätze und verabredeten sich für ein Telefonat am späten Abend.
Verena kam pünktlich auf die Minute am Eispalast an. Vor dem Eingang wartete Paolo schon auf sie. Sie bemerkte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte, auch wenn er sie mit einem Lächeln begrüßte.
[22] 3
Am Tag nach dem Tod von Lowelly Grey war Peter Ward stundenlang von der Londoner Polizei vernommen worden, und erst nachdem er nachgewiesen hatte, dass er zum Zeitpunkt von Richards Tod in Gesellschaft einiger Freunde gewesen war, hatte man ihn nach Hause gebracht und sich vielmals entschuldigt.
Endlich in seinem Apartment, stellte er das Telefon ab und ließ seinem Schmerz freien Lauf.
Er hatte Richard drei Jahre lang geliebt, sie hatten eine tiefe Beziehung gehabt, die ohne hässliche Szenen zu Ende gegangen war und sich in eine echte Freundschaft verwandelt hatte, wie es bei ehemaligen Geliebten bisweilen geschieht. Er verdankte es Richard, dass aus ihm, einem langweiligen und ungebildeten jungen Typ, der sich nur für Sport und Heavy Metal interessierte, ein Mann mit vielen Interessen geworden war. Durch ihn hatte er angefangen zu lesen, in Kunstgalerien zu gehen, andere Musik zu hören, und schließlich jene Dinge schätzen gelernt, die ihn, vor Richard, kaltgelassen hatten.
Dank des Freundes hatte er entdeckt, dass auch in ihm etwas Gutes steckte, das sich vorher nicht gezeigt hatte, weil es niemandem gelungen war, seinen Geist und seine Seele zu ermutigen. Stolz erinnerte er sich jenes Tages, als Richard [23] zu ihm sagte, er habe gleich gespürt, dass er, Peter, nicht der übliche jugendliche Hohlkopf sei, sondern ein junger Mann, der auf seine Chance warte. Und diese, dachte Peter mit Rührung, hatte sich auf die beste Art eingestellt: durch die Liebe, die in Gang hält Sonn und Sterne.
Bei dieser Erinnerung wurde sein Schluchzen noch verzweifelter. Zum ersten Mal hatte er einen Menschen verloren, den er liebte, und er meinte den Schmerz nicht aushalten zu können. Zudem bedrückten ihn Schuldgefühle.
Richard war gestorben, kurz nachdem Peter ihn am Abend zuvor verlassen hatte, und nun konnte er es sich nicht verzeihen, nicht länger bei ihm geblieben zu sein. Er war sicher, dass sein Freund getötet worden war, und in den letzten Stunden hatte er sich mehr als einmal gefragt, wer ihn so sehr gehasst haben konnte. Doch er hatte keine Antwort gefunden.
Während ihres letzten Treffens war ihm aufgefallen, dass Richard angespannt und besorgt war, auch wenn er es zu verbergen suchte. Peter kannte ihn zu gut, um sich täuschen zu lassen. Als sie, nachdem sie in der Brasserie St.Quentin zu Abend gegessen hatten, zu seinem Haus in South Kensington zurückgekehrt waren, hatte der Freund ihn gebeten, im Vorgarten auf ihn zu warten.
»Bleib hier, ich gehe schnell rein, um etwas zu holen, ich bin gleich zurück…«, hatte er mit verschwörerischer Miene zu ihm gesagt.
Kurz darauf war er in der Tür wiederaufgetaucht und hatte ihn mit einer Geste aufgefordert, ihm in die dunkelste Ecke des Vorgartens zu folgen.
»Hier…«, hatte er gemurmelt und ihm etwas Flaches in [24] die Manteltasche geschoben. »Schick diesen Umschlag gleich morgen los, auf die sicherste und schnellste Art; welche das ist, entscheidest du. Ich bitte dich, es ist eine Sache von höchster Wichtigkeit!«, hatte er noch einmal betont und seinen Arm gepackt, um den Worten mehr Nachdruck zu verleihen.
Peter streckte sich auf der Couch aus, zündete sich eine Zigarette an und schloss die Augen. Er hatte gleich am Morgen getan, was Richard von ihm verlangt hatte. Er war zum Postamt gegangen, hatte sich nach der sichersten und schnellsten Versandmöglichkeit erkundigt und sich schließlich für DHL entschieden. Die Sendung würde am nächsten Tag beim Empfänger ankommen. Er zog den Beleg aus der Tasche seiner Jeans, las noch einmal die Adresse und den Namen des Empfängers und legte den Zettel auf den niedrigen Couchtisch.
Peter wohnte in der Erdgeschosswohnung eines eleganten Hauses in der Kings Road. Er bemerkte nicht, dass jemand in sein Apartment eingedrungen war, bis plötzlich zwei Männer im Wohnzimmer standen. Er sprang von der Couch hoch, doch einer der beiden stieß ihn zurück, so dass er schwer in die Kissen fiel.
»Ganz brav, dann tut dir keiner was!«, ermahnte ihn der Korpulentere der beiden mit drohender Miene. Er war um die dreißig und hatte eine weiße Strähne in seinem Haar, das ihm in die Stirn fiel.
»Was wollt ihr von mir?«, schrie Peter.
»Du warst doch der kleine Freund von Lowelly Grey. Wir wissen, dass er dir etwas gegeben hat, und das wollen wir.«
[25] Peter war derart verwirrt und erschrocken, dass er überhaupt nicht an Richards Umschlag dachte.
»Aber ich habe nichts«, versicherte er.
»Hör mal, du kleine Tucke, sieh zu, dass du schnell mit der Sprache rausrückst, sonst polieren wir dir deine süße Fresse«, drohte ihm der Mann mit der Strähne, während der andere sich umsah. Dann packte er ihn am Kragen und hob ihn von der Couch hoch.
»Los, rede!«
»Aber ich habe nichts!«, wiederholte Peter, während in seinem Kopf die Erinnerung an den am Morgen verschickten Umschlag auftauchte. Erst da begriff er, dass er Richards Mörder vor sich hatte.
Dieser Gedanke hatte eine außergewöhnliche Wirkung auf ihn. Wie durch Zauberei schwand die Angst. Er starrte dem Mann, der ihn noch immer hochhielt, in die Augen, doch in seinem Blick war keinerlei Furcht mehr. Wenn Richard tatsächlich wegen dieses Umschlags gestorben war, dann würde er alles tun, um dessen Verbleib zu vertuschen.
Der Mann bemerkte die Veränderung. »Sieh mal an, das Fräulein hat ja plötzlich Mumm«, höhnte er. Dann verpasste er ihm eine Ohrfeige, die ihn zurück auf die Couch fallen ließ.
»Jetzt schlage ich dich grün und blau, und dann wollen wir mal sehen, ob du nicht redest!«
Ein weiterer Schlag traf Peter ins Gesicht, und sein Kopf knallte gegen die Rückenlehne.
»Warte, vielleicht habe ich etwas gefunden«, schaltete sich der andere Mann ein und beugte sich über den Couchtisch. [26] »Sieh mal, das ist der Beleg für eine mit DHL verschickte Sendung.«
Der Mann mit der Strähne packte Peter wieder am Kragen und sah ihm bedrohlich in die Augen. »Handelt es sich um das, was der Professor dir gegeben hat?«
Peter antwortete nicht, und der Mann schlug erneut zu. Jetzt war er wie betäubt, und der Kopf tat ihm entsetzlich weh.
»Ist es so?«, fragte sein Peiniger noch einmal. »Na los, rede, oder ich breche dir die Arme!«
In diesem Augenblick ging die Türklingel. Hinter der Tür hörte man die schrille Stimme von Peters Freundin Dorothy, die im Apartment gegenüber wohnte. »Mach auf, Peter! Ich weiß, dass du mit jemandem reden musst. Ich lasse dich doch in einem solchen Moment nicht allein, vergiss es…«
Peter war heilfroh über die liebevolle Zudringlichkeit Dorothys. Sie würde nicht so schnell aufgeben, sie war ihm gegenüber sehr beschützend und wusste auch über seine lange Beziehung mit Richard Bescheid. Tatsächlich fing sie jetzt auch noch an zu klopfen. »Peter, mach auf. Ich bleibe hier, bis ich sicher weiß, dass es dir gutgeht«, rief Dorothy.
Die beiden Einbrecher wechselten einen Blick, der Mann mit der Strähne lockerte seinen Griff und ließ Peter zurück auf die Couch fallen.
»Lass uns abhauen. Diese Verrückte hört nicht auf herumzuschreien, und auf der Straße ist zu viel los. Zum Schluss kommt noch die Polizei…«
Dann taxierte er Peter. »Du hast Glück gehabt. Kein Wort zu irgendjemandem über uns oder über den Umschlag, den [27] du nach Italien geschickt hast, schon gar nicht zur Polizei. Wenn du redest, erfahren wir es, und dann kommen wir zurück und machen dich kalt. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Peter nickte, und die Lippen des Mannes verzogen sich zu einem zufriedenen Grinsen.
[28] 4
Ogden war in Berlin, am Sitz des Dienstes im Nikolaiviertel. Erst wenige Monate zuvor hatten Stuart und er etwas erfahren, das ihr Leben für immer verändert hatte. Der Dienst, die mächtigste Söldnerspionageorganisation der Welt, nach dem Zweiten Weltkrieg von Casparius gegründet und nach dessen Tod von Stuart und ihm geleitet, war nicht vollständig unabhängig. Wie ein guter Teil der offiziellen und nicht offiziellen europäischen Institutionen war auch der Dienst von einer gewissen Geheimgesellschaft abhängig, der europäischen Elite, einer kleinen, aber ungemein mächtigen Gruppe, die die Finanzmärkte, die Politik und auch das organisierte Verbrechen auf der halben Welt beeinflusste, während ein ebenso erheblicher Teil in den Händen der amerikanischen Elite war, die in einem fortwährenden Konflikt mit den Europäern stand.
Von dieser unangenehmen Realität zu erfahren war für die beiden Chefs des Dienstes schockierend gewesen, doch sie konnten nichts anderes tun, als die Tatsache zu akzeptieren, weil der Dienst andernfalls zerschlagen und sie eliminiert worden wären.
Trotz allem war die Arbeit des Dienstes in den Monaten nach dieser Enthüllung wie immer vonstattengegangen, ohne Einmischung oder Beeinflussung. Seine üblichen [29] Auftraggeber, Regierungen, Holdinggesellschaften, Parteien, gekrönte Häupter, Oligarchen und diese ganze mehr oder weniger verborgene Welt, die den Planeten regierte, hatten Leistungen des Dienstes angefordert und erhalten, ohne dass die Elite sich einmischte. Der Dienst war, wie es seinerzeit Giorgio Alimante, der Mann an der Spitze der europäischen Elite, zu verstehen gegeben hatte, »ihre Blume im Knopfloch« geworden, ein geheimer Söldnerdienst, an den sich die Mächtigen der Erde bei ihrem unaufhörlichen blutigen Schachspiel wenden konnten, ohne ihren Regierungen ganz oder halboffiziell Rechenschaft abzulegen. Ogden und Stuart wussten jedoch, dass ihre Handlungsfreiheit jederzeit zur Diskussion gestellt werden konnte – und ebenso ihr Leben.
Ogden betrat Stuarts Büro: »Gibt es Neuigkeiten?«
»Alles in Ordnung«, antwortete Stuart und hob den Blick von den Papieren, die vor ihm lagen. »Das Einsatzteam ist auf dem Rückweg von Madrid. Alles ist wie geplant gelaufen.«
»Gut.« Ogden nahm ihm gegenüber Platz. »Ein Attentat in letzter Minute zu vereiteln befriedigt einen dann doch. Wohin haben sie die Gefangenen gebracht?«
Stuart hob die Brauen. »Da fragst du mich zu viel. Wir haben sie den Engländern übergeben.«
»Man kann ja schon davon ausgehen, dass sie schuldig sind«, lautete Ogdens Kommentar.
Stuart stand vom Schreibtisch auf, trat ans Fenster und schaute hinunter auf das Wasser der Spree. »Wie sieht es mit dem Einsatz in Frankreich aus?«
»Ich habe ein Team unter Alberts Leitung hingeschickt. Kein Problem.«
[30] »Dann läuft ja alles bestens.« Stuart klang nicht gerade so, als wäre er sehr zufrieden.
Ogden sah ihn an: »Du hast schlechte Laune.«
»Du etwa nicht?«
Ogden breitete die Arme aus. »Wir müssen uns daran gewöhnen, Stuart. Alimante könnte sich in unsere Geschäfte einmischen, aber bis jetzt hat er es nicht getan, zumindest sieht es so aus. Vor der Operation in Paris hat er mich nicht einmal kontaktiert, so als wüsste er von gar nichts, und sich darauf beschränkt, nach Abschluss der Aktion ein Glückwunschtelegramm zu schicken.«
»Ja, ich habe auch eins bekommen. Ist doch reizend«, kommentierte Stuart bissig. »Aber vergessen wir’s. Die Dinge liegen jetzt nun einmal so, und ich muss zugeben, dass unsere Einnahmen schwindelerregende Höhen erreicht haben, doch da sie auch früher schon schwindelerregend hoch waren, tröstet mich das nicht.«
Ogden lächelte kühl. »Seit den Zeiten von Casparius könnten die Gewinne des Dienstes die Staatsverschuldung einiger Länder auffangen. Wenn das so weitergeht, machen wir bald der Mafia Konkurrenz.«
Stuart entfernte sich vom Fenster und setzte sich wieder an den Schreibtisch.
»Wie geht es Verena?«
»Danke, gut. Sie ist in Turin, auf einem literarischen Kongress.«
»Schöne Stadt. Wusstest du, dass sie zusammen mit Lyon und Prag zum esoterischen Dreieck gehört?«
Ogden nickte. »Vielleicht lebt Alimantes Familie deshalb seit einigen Generationen dort.«
[31] Eines der drei Telefone auf dem Schreibtisch läutete. Stuart nahm ab, hörte still zu.
»In Ordnung, ich rufe Sie in zehn Minuten zurück«, sagte er schließlich und legte auf. Dann wandte er sich wieder Ogden zu.
»Wenn man vom Teufel spricht…«
»Alimante?«
»Allerdings. Er hat gesagt, er müsse über eine ›heikle und persönliche‹ Angelegenheit mit uns sprechen. Er erwartet uns heute Nachmittag. Und rate mal, wo.«
Ogden zuckte die Schultern. »Wo?«
»In Turin. Du wirst Verena früher als erwartet wiedersehen.«
»Wenn Alimante von ›heiklen und persönlichen‹ Angelegenheiten spricht, riecht das nach Ärger«, sagte Ogden.
»So ist es. In die ›persönliche‹ Angelegenheit sind mindestens zwei Präsidenten, vier Premierminister und vielleicht die Königin von England verwickelt. Also los, lass uns ein Team zusammenstellen, er hat gesagt, wir sollen auch Franz mitbringen.«
[32] 5
Verena sah sich zusammen mit Paolo Astoni im Palavela die Proben zur Großen Eiskunstlaufgala an, die am Abend stattfinden sollte. Leider hatten sie den Auftritt des großen Russen, Evgenij Korolenko, genannt der Zar, knapp verpasst.
Das Eisstadion war anlässlich der Olympischen Winterspiele 2006 vollständig restauriert worden. Der Bau wies einen sechseckigen Grundriss in einem Kreis mit einem Durchmesser von einhundertfünfzig Metern auf und war eine Stahlzementkonstruktion in Form eines großen Segels, die von drei aneinandergefügten Bögen getragen wurde. Die große ovale Eisbahn glänzte im Scheinwerferlicht, und die Sportler zogen bei ihren von Musik begleiteten Vorführungen Linien in die leuchtende Fläche.
Alberto Asnaghi, der Schützling von Paolo Astoni, mit zwanzig Jahren schon italienischer Meister, bereitete sich auf die Olympischen Winterspiele in Vancouver vor; in der Zwischenzeit nahm er, nachdem er sich bei den letzten Europameisterschaften in Zagreb gut platziert hatte, an verschiedenen Eiskunstlaufgalas teil, die durch die ganze Welt tourten. Doch die Hauptattraktion würde der große, unvergleichliche Korolenko sein. Der Russe, der in den letzten Jahren alles, was man gewinnen konnte, mehr als einmal [33] gewonnen und bei den Olympischen Spielen eine Gold- und eine Silbermedaille errungen hatte, dreimal Weltmeister und fünfmal Europameister geworden war, außerdem siebenmal russischer Meister, war Turin besonders verbunden, weil er im Palavela olympisches Gold erkämpft hatte.
Er wurde als größter Eiskunstläufer aller Zeiten betrachtet, ein herausragender Athlet, den man sogar mit Nijinsky und Nurejew verglich. Sein Können beschränkte sich nicht auf sportliche Perfektion, sondern er hatte geradezu göttliches künstlerisches und interpretatives Talent. Korolenko tanzte eher, als dass er Schlittschuh lief, baute immer große technische Schwierigkeiten ein und präsentierte Choreographien, die später legendär wurden. Seine Kür war stets reich an originellen Elementen und klug auf die Musik abgestimmt, wobei er durch die außergewöhnliche Schnelligkeit seiner Schritte das Publikum in Begeisterung versetzte. Tatsächlich kam kein anderer ihm gleich, und eine Silbermedaille in einem Wettkampf zu gewinnen, bei dem auch Korolenko antrat, wurde seit Jahren als gleichwertig mit Gold betrachtet. Deshalb hatte man schon eine spezielle »Korolenko-Medaille« vorgeschlagen, die in Zukunft Ausnahmeathleten zuerkannt werden sollte.
Verena und Astoni setzten sich in die erste Reihe, um die Proben für die Aufführung zu genießen. Bei der Gala am Abend würde jeder Eiskunstläufer zweimal auftreten, in einem Kurzprogramm und einer Kür. Für das Kurzprogramm hatte Alberto Asnaghi einen bekannten Song von Madonna ausgesucht, während er für die längere, freie Darbietung eine Arie aus Tosca vorgezogen hatte.
Als er Astoni sah, glitt Alberto mit kraftvoll-eleganten [34] Bewegungen zur Bande, um ihn zu begrüßen. Er war ein gutaussehender, sympathisch wirkender junger Mann, seine Beine vielleicht ein bisschen lang für den Eiskunstlauf. Sein kastanienbraunes Haar trug er zu einem Pagenkopf geschnitten, und seine strahlend blauen Augen hatten einen heiteren Ausdruck.
»Danke, dass du extra für mich gekommen bist«, sagte er mit einem Lächeln.
»Du scheinst in Hochform zu sein. Darf ich dir Verena Mathis vorstellen, meine Patentochter.«
Verena lächelte und gab ihm die Hand. »Ich gratuliere, Paolo hat mir von Ihrem Erfolg in Zagreb erzählt.«
»Danke, aber ich hätte besser sein können. Ich war zu aufgeregt und bin gestürzt, ein Anfängerfehler bei einem Toeloop. Zum Glück war der Zar nicht da, sonst wären wir alle auf der Medaillenliste einen Platz nach unten gerutscht. Ihr hättet ihn eben sehen sollen…«
»Wir sehen ihn ja heute Abend. Aber vergiss nicht, wir kommen wegen dir!«, sagte Astoni. »Und jetzt los, prob nur weiter, wir wollen nicht, dass du wegen uns Zeit verlierst. Heute Abend, nach der Gala, essen wir zusammen. Wir feiern im Cambio, passt dir das?«
»Aber sicher. Ich hoffe, dass ich es dann auch verdient habe!«, scherzte Alberto, verabschiedete sich von ihnen und lief zurück in die Mitte der Eisfläche.
Verena war ein wenig enttäuscht, die Proben von Korolenko verpasst zu haben, doch sie schob diesen Gedanken beiseite, um sich um Paolo Astoni zu kümmern. Der Freund hatte sie, als sie sich vor dem Palavela trafen, mit der gewohnten Herzlichkeit begrüßt, doch anschließend war er [35] wortkarg gewesen. Er wirkte aufgewühlt, und Verena wartete auf den richtigen Augenblick, um zu fragen, was los sei.
»Es ist fast Mittag«, sagte Astoni. »Was hältst du davon, eine Kleinigkeit essen zu gehen? Hast du Zeit?«
Verena musste erst um drei Uhr in der Universität sein, also nickte sie.
»Ja, aber du bist mein Gast, wo du uns doch für heute Abend in ein so schickes Restaurant einlädst. Wohin möchtest du gehen?«
»Keine Sorge, ich kenne da ein nettes Lokal.«
Sie nahmen ein Taxi vom Palavela ins Zentrum und gingen in ein Restaurant nicht weit von der Piazza Castello. Als sie am Tisch saßen, sah Verena Astoni in die Augen.
»Paolo, ist irgendetwas passiert?«
Er sah sie traurig an. »Ich habe einen Freund verloren. Heute Morgen habe ich es erfahren, kurz bevor wir uns getroffen haben.«
»Oh, Paolo, das tut mir leid! Aber du hättest es mir gleich sagen sollen. Wir hätten uns auch ein andermal treffen können.«
Astoni schüttelte den Kopf. »Machst du Witze? Ich sehe dich inzwischen so selten… Es ist so, dass mein Freund Richard Lowelly Grey getötet worden ist, in London. Er war ein außergewöhnlicher Mensch, ich mochte ihn sehr.«
»Getötet?«, rief Verena aus.
»Ja, garrottiert, in seinem Haus in Kensington. Eine schreckliche und unerklärliche Sache. Die Zeitungen sprechen von Selbstmord, aber ich glaube nicht daran.«
Verena streckte eine Hand über den Tisch aus. Dem [36] betagten Professor sah man in diesem Moment alle seine Jahre an, als hätte der Schmerz über diesen Verlust ihn mit einem Mal altern lassen. Er rührte sie, und sie hätte ihn gern getröstet, doch sie wusste, dass Worte nichts nutzen, wenn der Schmerz noch so frisch ist.
»Armer Paolo«, murmelte sie nur. »Kann ich irgendetwas tun?«
»Liebes«, sagte Astoni und lächelte sie an, »dass du da bist, ist das Einzige, was mich trösten kann. Dafür bin ich dir dankbar.«
Sie aßen beinahe schweigend und stimmten sich nach dem Kaffee für den Abend ab. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, nahm Verena ein Taxi zum Kongress, und Astoni machte sich zu Fuß auf den Nachhauseweg.
[37] 6
Stuart und Ogden kamen am Nachmittag auf dem Flughafen Torino-Caselle an. Ein Wagen erwartete sie an ihrem Jet, um sie in die Turiner Hügel zu bringen, zum Landgut der Familie Alimante.
Ogden hatte Verena nicht mitgeteilt, dass er nach Turin kommen würde, denn er wollte sie lieber überraschen. Am Telefon hatte sie ihm von ihrem literarischen Kongress und von der Eiskunstlaufgala erzählt, zu der sie am Abend mit Paolo Astoni gehen würde. Daher hatte er beschlossen, sie erst nach der Veranstaltung anzurufen, um ihre Pläne nicht durcheinanderzubringen.
Es war eine kurze Fahrt zum Landgut der Alimante, und nach wenig mehr als einer halben Stunde erreichten sie das von noch verschneiten Alpengipfeln umgebene Dorf. Nachdem sie die Häuser hinter sich gelassen hatten und etwa einen Kilometer gefahren waren, kamen sie vor einem imposanten schmiedeeisernen Tor an. Der Wachmann kontrollierte ihre Papiere, telefonierte mit dem Haus und ließ sie dann passieren. Am Ende der langen Allee, die durch einen regelrechten Park führte, hielten sie schließlich vor dem Eingang einer eindrucksvollen Villa aus dem 17. Jahrhundert an. Dort empfing sie ein Diener in Livree, der sie einließ.
[38] Die Eingangshalle war kreisförmig, groß wie ein Tanzsaal und dominiert von einer geschwungenen Treppe aus rosa Marmor, die zu den oberen Stockwerken führte; durch die hohen, zweibogigen Buntglasfenster drang mildes Sonnenlicht; der Raum mit einem schwarzweißen Steinfußboden im Schachbrettmuster, eingerichtet mit wenigen antiquarischen Stücken und alten Porträts an den Wänden, hatte etwas Mittelalterliches, belebt nur durch die Blumensträuße, die hier und da auf den wertvollen Möbeln standen.
»Der jahrhundertealte Reichtum der Alimante in seiner ganzen Pracht«, murmelte Stuart und zwinkerte Ogden zu.
»Folgen Sie mir bitte, meine Herren«, forderte der Diener sie auf und ging ihnen zu einer Doppeltür aus massivem Holz voraus.
»Schon gut, Egidio, ich kümmere mich um die Herren«, sagte eine Stimme von oben.
Ogden und Stuart wandten sich um und sahen Alimante die Treppe herunterkommen. Er lächelte. Die Erscheinung des Italieners schien einer der zahllosen Hochglanzzeitschriften zu entspringen, die ihm seit Jahrzehnten lange Berichte widmeten und dazu beigetragen hatten, dass er zu einer der bekanntesten und am meisten bewunderten Persönlichkeiten auf der ganzen Welt geworden war. Und tatsächlich machte er auch mit über siebzig noch eine gute Figur: Groß und schlank, diskret gebräunt und mit silbernem Haar, trug er auf seine lässige Art eine sportliche, gutgeschnittene Kombination.
»Liebste Freunde, wie schön, Sie wiederzusehen!«, rief er aus und kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu. »Danke, [39] dass Sie so rasch auf meinen Hilferuf reagiert haben. Nehmen Sie doch bitte Platz.«
Ogden und Stuart wechselten einen einverständlichen Blick. Sie fanden es immer peinlich, dieses Theater mitmachen zu müssen, das Alimante jedoch gern jedes Mal von neuem aufführte, als könnten sich die beiden Chefs des Dienstes tatsächlich seinen Befehlen entziehen. Doch trotz allem war dieses höflich-formelle Benehmen nicht zu verachten, denn es machte ihnen ihre Pflichten ihm gegenüber weniger schwer.
»Hatten Sie eine gute Reise?«
»Sehr gut, danke«, sagte Stuart, während sie ein großes Arbeitszimmer betraten, das nüchtern und modern eingerichtet war. Die Möbel waren aus Stahl und Glas, die Sitzgruppe aus schwarzem Leder. Auf einem langen Tisch an der Wand stand eine gewaltige elektronische Anlage. Nur die großen Fenster hatten noch die alten bunten Scheiben mit faszinierenden Darstellungen von Rittern in silberglänzenden Rüstungen auf rotbraunen Pferden in einer idyllischen Hügellandschaft.
Alimante ließ sie Platz nehmen und setzte sich ihnen gegenüber hin. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee, sonst etwas zu trinken?«
»Ein Kaffee wäre schön, danke«, sagte Ogden, und Stuart nickte.
Alimante griff zu einem Telefon und gab ihre Wünsche durch, dann wandte er seinen Blick erneut den beiden zu.
»Mein Kompliment für die Arbeit, die Sie in Frankreich und in Madrid geleistet haben.«
»Wir danken für das Telegramm«, sagte Ogden. »Das war sehr freundlich…«
[40] »Sie wissen ja, wie sehr ich die Professionalität des Dienstes bewundere«, sagte Alimante mit einem gewinnenden Lächeln und seinem vornehmen Akzent. »Aber nun wollen wir über den Grund sprechen, weshalb Sie hier sind, im Haus meiner Familie. Ich hätte Sie auch in meinem Büro in Turin empfangen können, doch ich wollte Ihnen den Ort in diesem wundervollen Tal zeigen, den die Alimantes seit Generationen als ihr wahres Zuhause betrachten.«
»Ein wirklich einzigartiger Ort«, bemerkte Stuart kalt, um dann schroff zu fragen: »Warum haben Sie uns hergerufen?«
Gekränkt durch diesen Mangel an Takt, sah Alimante ihn an, lächelte jedoch gleich wieder. Das war das Spiel, das sie seit Monaten spielten: Ogden tat so, als sei er der Nachgiebigere von ihnen beiden, während Stuart seinen Widerwillen hinsichtlich der abhängigen Position, in der sie sich befanden, stets offen zur Schau stellte. Es war eine Strategie, die sie nach den Ereignissen in Venedig vereinbart hatten und die darauf abzielte, Alimante glauben zu machen, dass sie über die Elite unterschiedlich dachten; und bisher schien diese Taktik erfolgreich zu sein.
Diese Entscheidung hatte sich daraus ergeben, dass Alimante ihnen gegenüber einmal etwas gesagt hatte, was für einen Mann wie ihn eher ungewöhnlich war. Der Italiener schien Stuarts Haltung als Zeichen von Ehrlichkeit und Unabhängigkeit zu betrachten, und das schätzte er, während es Ogden seinerseits gelungen war, Alimante zu überzeugen, dass er sich inzwischen mit der Situation abgefunden hatte und seine Zugehörigkeit zur Elite im Grunde zu würdigen wusste.
[41] Alimantes Hochachtung für sie war jedenfalls aufrichtig, denn eigentlich mochte er es, dass die beiden von ihm so geschätzten Agenten sich nicht untertänig verhielten, wie alle anderen es taten.
Der Diener brachte ein Tablett mit drei Tassen Kaffee, und als er wieder gegangen war, sah Alimante die beiden ernst an.
»Vor ein paar Tagen ist Richard Lowelly Grey in London auf barbarische Art ermordet worden. Er war der weltweit wichtigste Experte für Arthur Conan Doyle und dessen Figur Sherlock Holmes. Richards Vater, seinerseits ein bedeutender Professor in Oxford, hat sich während meiner College-Jahre um meine Bildung gekümmert. Er war für mich sehr wichtig, und ich habe ihn nie vergessen.«
Alimante schwieg, und die beiden Agenten wechselten einen schnellen Blick. Sollte es möglich sein, dass der eiskalte Alimante Gefühle für irgendjemanden gehegt hatte? Es schien so, denn sein Blick war tatsächlich vor Trauer verschleiert, als er sich an Lowelly Greys Vater erinnerte.
»Ja, ich habe die Nachricht in den Zeitungen gelesen. Grey hat in seinem Haus durch eine Garrotte den Tod gefunden. Mord oder Selbstmord, das ist noch nicht klar«, bemerkte Stuart.
»Es war Mord«, sagte Alimante, ohne zu zögern. »Den irgendjemand als wahnsinnigen Selbstmord hinstellen will. Tatsächlich hat derselbe schwachsinnige Journalist geschrieben, Richard hätte wegen einer Versteigerung, bei der ein Doyle-Archiv unter den Hammer kommen würde, den Kopf verloren. Doch nicht genug damit, er unterstellt weiter, Lowelly Grey habe wie in einer berühmten Erzählung von [42] Arthur Conan Doyle seinen Selbstmord als Mord inszenieren wollen, um seinen Tod einem mysteriösen Amerikaner anzulasten, der ihn nach verschiedenen Zeugenaussagen in der letzten Zeit verfolgt haben soll. Natürlich wusste ich, dass Richard sich wegen der Versteigerung Sorgen machte, das hat mir seine Schwester, mit der ich telefoniert habe, bestätigt; doch das waren die Sorgen eines Wissenschaftlers, der sich von gierigen Privatleuten eines Archivs beraubt sieht, das an die British Library hätte gehen sollen. Richard hatte vom Auktionshaus Sommer’s die Erlaubnis erhalten, das Archiv vor der Versteigerung zu sichten, und das hatte ihn ein wenig aufgeheitert. Seine Schwester hat mir gesagt, dass er am Nachmittag ebendes Tages, an dem er getötet wurde, zu Sommer’s gegangen sei, um die Dokumente zum zweiten und letzten Mal in Augenschein zu nehmen.«
Es folgte ein kurzes Schweigen. Wenn Alimante seiner Behauptungen so sicher war, musste er einen Grund dafür haben.
»Ich habe Sie herbestellt«, fuhr der Italiener fort, »weil ich wissen will, wer ihn getötet hat und aus welchem Grund. Die Mörder haben irgendetwas gesucht, einer unserer Leute bei Scotland Yard hat mir berichtet, dass in Lowelly Greys Haus das Unterste zuoberst gekehrt worden ist. Außerdem waren sie mindestens zu zweit, bei der Tötungsmethode. Wie ich Ihnen am Telefon schon gesagt habe: Es ist eine persönliche Angelegenheit. Ich kannte Richard nicht, doch sein Vater hat viel für mich getan, und ich will den Tod seines Sohnes aufklären. Jetzt gebe ich Ihnen die Informationen, die Sie brauchen, um mit den Nachforschungen zu beginnen.«
[43] 7
Nachdem Paolo Astoni sich von Verena verabschiedet hatte, machte er sich auf den Heimweg, überquerte die Piazza Castello und ging unter den Arkaden in Richtung Via Alfieri, wo er wohnte.
Als er das Haus betrat, kam die Portiersfrau aus ihrer Loge und übergab ihm einen Umschlag.
»Professore, das ist vor kurzem angekommen, per DHL.«
Astoni nahm den Umschlag, bedankte sich und stieg in den alten schmiedeeisernen Aufzug. Nachdem er die Taste für den dritten Stock gedrückt hatte, besah er sich den Umschlag – und das Herz schlug ihm bis zum Hals, denn er erkannte Richards Handschrift und sah seinen Absender.
Auf seinem Stockwerk angekommen, steckte er mit zitternden Händen den Schlüssel ins Schloss, trat ein, legte den Mantel über einen Stuhl und eilte ins Arbeitszimmer. Dort riss er den Umschlag auf und zog eine Agenda aus rotem Leder und eine Karte heraus.
Lieber Paolo,
wenige Zeilen in Eile, denn ich bin dabei, diesen Umschlag mit einer Agenda und einer DVD meinem Freund Peter zu übergeben, der ihn Dir morgen schicken wird. Ich habe die Agenda zwischen den Papieren des Doyle-[44] Archivs bei Sommer’s gefunden. Genaueres werde ich Dir mündlich erzählen, jedenfalls glaube ich, dass irgendjemandsie erst vor einigen Tagen dort versteckt hat. Ich habe versucht, Dich anzurufen, Dich aber nicht erreicht. Jetzt ist es schon spät, und ich will Dich nicht stören, doch morgen versuche ich es wieder. Ich bin sicher, Du wirst den besten Gebrauch von dieser Agenda machen, da es darin ja um die Geschichte Deines Landes geht.
Herzlich, Richard
Die Agenda aus dem Jahre 1992 war voller Notizen, Namen und Daten, doch ab Mitte Juli waren die Seiten leer. Astoni hatte noch nicht angefangen zu lesen, als eine runde Plastikhülle aus dem Einband rutschte und zu Boden fiel. Er beugte sich hinunter, um sie aufzuheben: Sie enthielt die DVD, die Richard erwähnt hatte. Er legte sie auf den Schreibtisch und studierte weiter aufmerksam die Agenda. Als ihm klarwurde, worum es sich handelte, meinte er, das Herz müsse ihm zerspringen, und sein Blick trübte sich für einen Augenblick. Das konnte nicht sein, sagte er sich aufgewühlt. Diese »rote Agenda« war gleich nach dem Attentat, bei dem man den sizilianischen Untersuchungsrichter getötet hatte, verschwunden und jahrelang vergebens gesucht worden. Und nun tauchte sie in einem Auktionshaus in London zwischen den Papieren Arthur Conan Doyles auf, und Richard, der sie gefunden hatte, war ermordet worden. Der ewige italienische Alptraum kehrte zurück.
Er stand auf, um sich etwas zu trinken einzugießen, während sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen. Die Agenda war ein Todesurteil für jeden, der sie las, er musste [45] sie so schnell wie möglich loswerden, vielleicht indem er sie an eine Zeitung schickte, der er vertraute. Aber an welche? Auf jeden Fall würde er eine Fotokopie machen und sie bei einem Notar hinterlegen, als eine Art Versicherung. Oder würde nicht einmal das genügen? Die Agenda war zu brisant; unmöglich, jemandem zu vertrauen.
Astoni gelang es nicht, das Durcheinander von Gedanken zu ordnen, er war zu aufgeregt. Richard musste durch eine Verkettung von Zufällen gestorben sein: Irgendjemand hatte unerklärlicherweise die Agenda bei Sommer’s versteckt, und die Mörder waren wegen Richards Anwesenheit im Auktionshaus auf ihn gekommen.
Astoni fuhr sich mit den Händen durchs Haar, starrte eine Weile zu Boden. Dann nahm er die Agenda und begann sie erneut durchzublättern.
Nach kurzer Zeit hob er den Kopf und stieß einen tiefen Seufzer aus, der fast wie eine Klage war. Die Bilder des Attentats in jener Straße von Palermo standen ihm wieder vor Augen, die zertrümmerten Autos, die erschütterten Menschen, die ohrenbetäubenden Sirenen. Das war Jahre her. Innerhalb zweier Monate waren zwei Richter und ihre Eskorten getötet worden; sie waren die letzten Opfer einer langen Serie von Mafiamorden, die über Jahrzehnte das Land mit Blut getränkt und seiner besten Männer beraubt hatten. Von diesen Verbrechen hatte Italien sich nie erholt.
Er spürte, wie die Wut in ihm aufstieg, die gleiche Wut, die er damals empfunden hatte und die sich jedes Mal wieder von neuem einstellte, wenn er daran dachte, wie sehr sich sein Land zum Schlechten hin verändert hatte. In den Jahren, die auf die Massaker folgten, war sein Ekel gegenüber [46] einer kriminellen Realität, die beinahe alles durchdrang, immer stärker geworden – gegenüber der sogenannten Zweiten Republik, »deren Pfeiler im Blut standen«, wie ein Richter aus dem Antimafia-Pool einmal geschrieben hatte. Inzwischen glaubten viele, dass ein Schattenstaat mit einer enormen politischen und finanziellen Macht existierte, der mit der Mafia zusammenarbeitete.
Durch eine seltsame Fügung des Schicksals war die Agenda, von der sich der Richter niemals trennte, die berühmte »rote Agenda«, die alle seit Jahren suchten, in seine Hände gekommen, dabei war er nur ein alter, ängstlicher Professor. Eins war jedenfalls klar: Von diesem Augenblick an würde er niemandem mehr vertrauen können, weder in Italien noch sonst wo.
Tiefe Niedergeschlagenheit erfasste ihn. In den vergangenen Jahren hatte er alles, woran er immer geglaubt hatte, vor seinen Augen zerbröckeln sehen: Moral, Anstand, bürgerliches Engagement, Respekt vor dem Einzelnen und dem Gemeinwesen. Werte waren auf abgestandene Propaganda reduziert worden, auf Worte, die die Politiker in jedem Wahlkampf in alle vier Himmelsrichtungen ausposaunten, doch an die sie selbst nicht glaubten.
