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Andriy Lyubka, einer der bekanntesten ukrainischen Autoren der jüngeren Generation, ist seit Beginn des russischen Überfalls als Freiwilliger an und hinter der Front unterwegs, um über Spenden geländegängige Autos für die Armee zu erwerben, sie aufarbeiten zu lassen und zu den kämpfenden Truppen zu bringen. In seinen literarischen Reportagen porträtiert er Soldatinnen und Soldaten, Freunde, die freiwillig an die Front gehen, Frauen, die ihre Männer oder Söhne verlieren, Menschen verschiedenster Her-kunft und Religion, Roma, Juden, Muslime, Baptisten, die die Frei-willigen unterstützen – berührend, aufregend und manchmal mit einer Prise schwarzen Humors. Für dieses Buch erhielt er 2024 den hochangesehenen Joseph Conrad-Preis. Mit zahlreichen Fotos von Serhiy Horbatenko
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ukraine, 2015 (Karte: ©mr-kartographie)
This book has been published with the support of the Translate Ukraine Translation Support Programm.
Dieses Buch wurde mit Unterstützung des Übersetzungs-förderprogramms »Translate Ukraine« veröffentlicht.
Die Arbeit der Übersetzer am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
© 2025 TRANSIT Buchverlag
Postfach 12 03 07 | 10593 Berlin
www.transit-verlag.de
Karte der Ukraine © mr-kartographie
Bilder mit Andriy Lyubka © Andriy Lyubka
Umschlagabbildung @ PxHere
Umschlaggestaltung, Layout © Gudrun Fröba
E-PUB-ISBN 978-3-88747-458-4
Andriy Lyubka
Literarische Reportagen
Aus dem Ukrainischen übersetzt vonAlexander Kratochvil und Johannes QueckMit Fotos von Serhiy Horbatenko
Deutsche SchuleVorwort
Roasted Uganda
Autos
Um die Wurst
Roma
Traum auf einer Wiener Flughafentoilette
Tetschyk
Ein Schlauch
Chrestyschtsche
Baptisten
Alarm in Bachmut
On the Road
Eine Erzählung, die ich nie schreiben werde
Lambertsnuss
Heilender Humor
Das Grinsen der Bestie
Alien
Evakuierung
Schwarze Listen
Am Grab des Achill
Orientalismus
Seltsame Verrücktheiten
Investitionen
Odesa
Königin des Krieges
Hauptsache bis September durchhalten
Kulturelle Front
Degeneration
Im Krieg gibt es nicht nur Helden
Zugwind
Land der jungen Witwen
Astamur Gumba (Abchase)
Jugend
Batja
Ikonenmaler
Die größte Einzelspende während meiner Freiwilligentätigkeit erhielt ich im Juni 2025. Ein mir unbekanntes Berliner Paar, Ralf und Holger, überwies 9186 Dollar. Sie hatten von meiner Tätigkeit durch eine mir ebenfalls nicht bekannte Ukrainerin in Berlin erfahren. Dank ihres Interesses, Vertrauens und ihrer Hilfsbereitschaft erhielt ich auf wundersame Weise eine Summe, die zum Kauf dreier Geländewagen für die ukrainische Armee reichte.
Vor dem Hintergrund meines ersten Auftritts im Ausland nach der russischen Vollinvasion, der in Berlin im Juli 2022 stattfand und von wo ich damals bestürzt und sogar wütend zurückgekehrt war, stellte jetzt diese Spende ein deutliches Signal einer Veränderung dar, die innerhalb dreier Jahre in der deutschen Gesellschaft stattgefunden hatte.
Stellen Sie sich einen Menschen vor, der sich nach Beginn des russischen Angriffs zum ersten Mal wieder im Ausland aufhält. Ich war völlig erschüttert! In der nächstgelegenen slowakischen Stadt jenseits der Grenze wunderte ich mich über die vielen fröhlichen und sorglosen Gesichter. Am Flughafen wollte ich zu den jungen Backpackern gehen, sie an den Schultern fassen und schütteln, »Hey, Leute wacht auf! Vor eurer Tür tobt ein furchtbarer Krieg!«
In diesen Tagen hingen in vielen Ländern ukrainische Fahnen, und es gab für die Geflüchteten zahlreiche Informationen auf Ukrainisch. Ich beruhigte mich allmählich, da ich begriff, dass diese sorglosen Menschen die Ukraine unterstützten, obwohl sie anscheinend meinten, sie selbst seien nicht in Gefahr. Der Krieg war ein mediales Ereignis aus dem schwer durchschaubaren Osten, ein »Regionalkonflikt«, eigentlich kein europäischer, denn für Europa hielt man eigentlich nur die EU-Länder.
Die Veranstaltung in Berlin wurde anlässlich der feierlichen Übergabe einer großen Menge ukrainischer Bücher, auch Kinderbücher, an die Stadtbibliothek organisiert. Die Geflüchteten einschließlich der Kinder sollten etwas zu lesen und ein wenig Ablenkung haben, und auch die Verbindung zur Muttersprache und zur eigenen Kultur sollte nicht verloren gehen. Sponsoren und NGOs hatten die Bücher erworben, und das war eine sehr schöne Geste der kulturellen Unterstützung, die ich besonders schätze.
Mein Auftritt hatte freilich einen deutlich kritischen Unterton und überraschte die Veranstalter. Natürlich habe ich mich für die Bücher und die Unterstützung der ukrainischen Flüchtlinge bedankt, doch andererseits machte ich deutlich, dass wir jetzt nicht so sehr Bücher bräuchten wie Waffen. Denn ohne Waffen würde es noch mehr Flüchtlinge in Deutschland geben, da wir Gebiete verlieren und die Menschen vor der Okkupation fliehen würden.
Die Veranstalter waren offensichtlich pazifistisch eingestellt, und der Hinweis auf Waffen passte ihnen offenbar nicht. Ein Schriftsteller solle doch bitte an Bücher denken und gerade ihnen den höchsten Wert beimessen. Doch ich fuhr fort, dass die Deutschen sich nicht so einfach wegducken könnten, denn gerade Deutschland habe die letzten zwei Jahrzehnte mit Geld und grenzenloser Nachsicht das Monster gefüttert, das nun schreckliche Kriegsverbrechen begeht. Dieses Monster greife zudem nicht nur die Ukraine an, sondern ganz Europa.
Damals hat man zwar zugehört, mich aber nicht verstanden. Ich wurde kühl verabschiedet. Ein höflicher Offizieller meinte, ich sei sehr emotional, doch die Welt reagiere anders, nämlich rational, er sagte etwas von Realpolitik. Auch solle ich mir nichts vormachen, dieser Krieg sei nur gegen die Ukraine gerichtet, und die Kriegsverbrechen, naja, wir Ukrainer sollten darum nicht so viel Aufhebens machen, im Krieg wäre das eben so.
Das war vor drei Jahren, und heute versteht Deutschland – die Gesellschaft und die Regierung –, dass dieser Krieg gegen ganz Europa gerichtet ist. Das äußert sich nicht nur in der finanziellen und militärischen Unterstützung der Ukraine, sondern auch in den geplanten kolossalen Investitionen in die eigene Verteidigungsfähigkeit über die nächsten Jahre. Mit anderen Worten, man will für den Krieg gerüstet sein, sollte die Ukraine fallen.
Was hat sich in den letzten drei Jahren getan? Die Ukraine hat für Europa Zeit gewonnen, damit es sich besinnen und die wirklichen Ziele Russlands erkennen kann. Die Ukraine gewinnt heute für Europa weiterhin die nötige Zeit, aufzurüsten und sich auf einen möglichen großen Angriff vorzubereiten.
Der Preis für jede Minute dieses Nachdenkens ist fürchterlich und bemisst sich in ausgelöschten Leben ukrainischer Soldaten und Zivilisten, zerstörten Städten und besetzten Gebieten. Das sind keine bloßen Zahlen in einer Statistik, das sind konkrete Namen und Menschen, Tag für Tag Beerdigungen und Tränen, brennende Tränenströme, wenn es keine Beerdigung gibt, da die sterblichen Überreste auf dem Schlachtfeld oder in den besetzten Gebieten liegen.
Als Schriftsteller habe ich mich all die Jahre damit abgemüht, Zahlen und Statistiken in Geschichten von Menschen zu übersetzen. Zu erklären, manchmal zu provozieren, aber vor allem Mitgefühl zu wecken.
Als ich über meinen Freund, den ungarischen Künstler, Buddhisten und Pazifisten Maksym Plescha schrieb, der als Freiwilliger an die Front ging und im September 2023 umkam, stellte ich mir auch einen Berliner Künstler vor, der in einem besetzten Haus lebt und sich nicht allzu sehr für Politik interessiert – bis diese Politik im schlimmsten Sinn des Wortes in sein Leben tritt und ihn umbringt.
Ich wünschte, dass sich meine Leser in verschiedenen Ländern Europas bewusst werden, dass der Krieg nicht nur Berufssoldaten betrifft, sondern auch Künstler, Geschäftsleute, Taxifahrer und Friseure zu Soldaten macht. Und sie physisch und psychisch zermalmt. Unser ukrainisches Beispiel sollte Mahnung und Weckruf sein.
Unsere Anstrengungen haben Früchte getragen, ich sehe das am Beispiel Deutschlands, der deutschen Gesellschaft. Ich sehe es am Beispiel von Ralf und Holger, und dieses Beispiel hat hohe Symbolkraft, denn die europäischen Gesellschaften haben endlich das Wesentliche begriffen: Der Krieg in der Ukraine ist kein lokaler Konflikt um ein paar Quadratkilometer Territorium, sondern es geht um die Vernichtung unserer Freiheit, Werte und Demokratie, unserer wunderbaren Vielfalt. Indem man die Ukraine unterstützt, rettet man nicht nur die Ukraine, sondern sich selbst.
Als vor elf Jahren der Krieg im Donbas begann, begann für Deutschland eine besondere Schulzeit, in der es zuerst nachlässig und mit Fehlern, dann aber anhand von Fakten lernte, dass die Ukraine als eigenständiger Staat mit einem eigenen Volk und einer eigenen ukrainischen Sprache existiert, und dass sie die Geschichte eines kolonisierten Landes hat, die durch das russische Imperium verfälscht wurde.
Nachdem die deutsche Gesellschaft die typischen Phasen – Widerspruch, Verhandlung, Frustration – durchlaufen hat, geht sie schließlich zur Aktion über. Das heißt, sie ist sich bewusst, dass es sich um einen hybriden Krieg handelt, der auch in der eigenen Gesellschaft feindliche, rechtsextremistische, populistische und isolationistische Positionen befeuert. Mit dem Angriff auf die Ukraine begann gleichzeitig ein politischer und kultureller Angriff auf Deutschland und Europa. Um diese Erkenntnis geht es mir in diesem Buch.
Uschhorod, im August 2025
Von allen Dingen, die ich den ukrainischen Soldaten an die Front geliefert habe, war das wichtigste ein Päckchen Kaffee. Eine 1-Kilogramm-Packung frisch gerösteten Kaffees aus einer Hipster-Café-Rösterei im Zentrum von Uschhorod. Eine rechteckige, glänzende Verpackung mit einem stylischen Aufkleber: »Roasted Uganda«. Ein Produkt, das eher für Instagram taugt als für die Front.
Allerdings hatte es durchaus eine Schutzfunktion, nicht für den Körper, aber es rettete sogar etwas Wichtigeres als den Körper: Das Menschliche im Menschen. Früher, als ich noch Gedichte schrieb, hätte ich dieses wundersame Wesen »Seele« oder »Geist« genannt, heute aber verwende ich eine prosaische, jedoch genaue Formulierung. Dieser Kaffee half der Psyche, weil er einem das Gefühl gab, nicht nur ein Stück Fleisch zu sein, ein Ziel für Scharfschützen und Bomben, sondern ein menschliches Wesen. Ein Mensch mit Geschmack, Vorlieben und Gewohnheiten.
Ich erinnere mich gut an jenen Morgen. Es war Anfang Mai. Die Nächte sind noch kalt, aber vormittags wird die Luft schnell warm und duftet. Das Dorf liegt irgendwo bei Slowjansk im Donbas, wo die Bewohner immer weniger und die Soldaten immer mehr werden. Die meisten Leute sind weggezogen, weil die Gegend fast jeden Tag beschossen wird und man nachts wegen des Lärms der Explosionen nicht schlafen kann. Nachts sind sie übrigens noch deutlicher zu hören, sie dehnen sich aus, in der dunklen Stille klingen sie bedrohlich, wie der Herzschlag eines fremden Menschen.
Dieses Mal kam unser Freiwilligenteam zu spät am Standort der Militäreinheit an. Wir waren lange an Straßensperren aufgehalten worden, der Weg war beschwerlich gewesen, und weil das Navi keine Verbindung aufbauen konnte, hatten wir uns auf den unbekannten Straßen verfahren, so dass wir erst ankamen, als es zwar noch nicht dunkel, aber doch schon so dämmrig war, dass man das Licht einschalten wollte. Also mussten wir die Nacht bei den Soldaten verbringen: Nachts hier wegzukommen war unmöglich wegen der Verdunkelung. Die Online-Karten funktionierten nicht, wir kannten die Gegend nicht, und die Scheinwerfer durften wir nicht einschalten. In so einer Situation kam man leicht versehentlich vor russischen Stellungen landen.
Und als wir nach einem kurzen, unruhigen, vom Lärm näher kommender Explosionen unterbrochenen Schlaf aufwachten, mussten wir uns schnell zur nächsten Einheit aufmachen. Doch mein Freund, der nach dem 24. Februar die Militäruniform angezogen hatte, hielt uns fest: Er sagte: »Wartet mal, ich mach uns noch Kaffee.« Strom gab es nicht, also warf er den Dieselgenerator an, schloss eine kleine Kaffeemaschine an, goss Wasser ein und nahm dann das Päckchen »Roasted Uganda« aus dem Karton. Er kippte etwas Kaffee in die Maschine und bereits eine Minute später breitete sich in der morgendlichen Mai-Luft ein Duft von Arabica-Bohnen aus.
Ich glaube, ungefähr so sind biblische Geschichten entstanden. Als Jesus begann, die Fische und das Brot unter den Menschen zu verteilen, waren sie wahrscheinlich nicht weniger erstaunt als wir an jenem Morgen. Es war ein Wunder, an einem der schlimmsten Orte der Welt, in der Nähe von Slowjansk im Donbas, mitten im Krieg, einen Metallbecher mit perfekt gebrühtem Espresso in der Hand zu halten. Aber es war wahrscheinlich der köstlichste Kaffee meines Lebens. Ja, das klingt abgedroschen, aber so war es.
Mein Freund, der unsere Blicke bemerkte, hielt einen theatralischen Moment inne und beantwortete dann die Frage, die niemand laut zu stellen gewagt hätte: »Na und? Was soll sein? Vielleicht sterbe ich heute. Warum soll es also ein Tag sein, an dem ich nicht meinen traditionellen, normalen Morgenkaffee trinke? Die können mich mal, ich werde nicht auf meinen Kaffee verzichten. So ein LiliPutin ändert daran nichts. Ich bin gewohnt, morgens einen guten Espresso zu trinken – und basta!«
Ich fuhr noch fünfzehn weitere Male zu verschiedenen Militäreinheiten: im Norden, nahe der russischen Grenze im Rajon Charkiw; im Süden, bei Cherson, in den befreiten Gebieten der ukrainischen Schwarzmeerregion; ganz zu schweigen vom Donbas, den ich inzwischen fast besser als die heimatlichen Karpaten kenne – kurzum, ich habe in diesen Monaten viel erlebt, gesehen und gehört, aber dieser Satz blieb in meinem Gedächtnis haften.
Werbeschild in einem Café in Kramatorsk, Sommer 2025
Denn er sagt wesentlich mehr, als Nachrichten über Geopolitik oder das Tamtam militärische Ereignisse und Nachrichtenfeeds ausdrücken können. Er sagt etwas über das grundlegende Menschenrecht, Individualität, sich selbst, sein Gesicht unter Hunderttausenden anderer Menschen zu wahren. Das Recht, nicht mit den Millionen anderen ukrainischen Soldaten zu verschmelzen, die ihr Land verteidigen, nicht einer von zu sein, sondern einer. Einzigartig.
Stellen Sie sich einen Menschen vor, der vor dem 24. Februar ein gewöhnlicher Zivilist war, vielleicht sogar ein latenter Pazifist, und der sich nach dem Beginn der Vollinvasion Russlands an der Front wiederfand. Alles in seinem Leben hat sich verändert: Plötzlich ist er abgeschnitten von der Familie und dem Zuhause, seiner Arbeit und seinem sozialen Umfeld, seinem Alltag und der Möglichkeit, Zukunftspläne zu schmieden. Er steckt in einer Tarnuniform, die ihm hilft, nicht nur mit einer Million anderer Soldaten, sondern auch mit der ihn umgebenden Natur zu verschmelzen. Ein solcher Mensch findet sich – selbst wenn er mit der dicksten Rüstung gepanzert ist – plötzlich bis auf die Knochen entblößt. Denn er hat nichts mehr, was ihn ausmacht, weder Haut noch Haare, alles steht im Dienst eines gemeinsamen, den Einzelnen in den Schatten stellenden Ziels.
Dann beginnt ein weiterer Krieg: Um das Recht, man selbst zu sein, seinen eigenen Geschmack zu haben und eigene Gewohnheiten, koste es, was es wolle. Denn morgens seinen geliebten Kaffee zu trinken, ist wie nach Hause zu kommen, wie Zeit mit der Familie zu verbringen. Man selbst zu sein. Wenigstens drei Minuten am Tag, die nicht übergeordneten Zielen, nicht dem Staat gehören, in der man keine statistische Größe ist, drei Minuten nur für sich selbst.
Ja, es ist tatsächlich ein weiterer Krieg – ein unsichtbarer Krieg um die eigene, individuelle Zeit. Ich habe von Dutzenden Soldaten gehört, dass sie während der Kampfeinsätze in Schützengräben und Unterständen intensiv lesen. Sie lesen vor allem jene Bücher, die sie an der Universität ausgelassen haben, aber auch Bestseller über Marketing oder die Geschichte von Wirtschaftsimperien. Sie lesen, weil es ihnen das Gefühl gibt, dass diese Tage nicht umsonst sind, dass sie sie für ihre eigene Entwicklung nutzen. Denn der Krieg raubt uns alles, vor allem aber unsere Zeit, unsere produktiven Jahre, jene Jahre, die mit der Phrase »Blüte des Lebens« bezeichnet werden. Der Krieg raubt sie unwiederbringlich – was können die Zivilisten, die das Schicksal in die Schützengräben geworfen hat, also anderes versuchen, als diese Zeit am Schwanz zu packen und ihr ein Stück Lebenszeit zu entreißen? Deshalb lernen sie an der Front mit einer Smartphone-App Deutsch, lesen die Geschichte des IKEA-Konzerns und nehmen Fahrstunden direkt neben dem Schlachtfeld: Damit die Zeit des Krieges nicht einfach verloren ist. Ja, ich weiß, das ist Selbstbetrug, aber es hilft durchzuhalten.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich zu unseren Soldaten an der Front fahre. Alles begann im April, als ein Freund – gestern noch Zivilist und heute Soldat – mich anrief und erwähnte, dass seine Einheit vor allem ein Fahrzeug mit Allradantrieb benötige. Nach Kriegsbeginn wuchs die ukrainische Armee um das Siebenfache, Soldaten wurden rekrutiert, mit Uniformen und Sturmgewehren ausgestattet, aber die neu geschaffenen Einheiten hatten kaum Fahrzeuge: Es gab einige große Lastwagen oder alte Busse, aber nicht genug geländegängige Fahrzeuge.
Ich gebe mal als Beispiel eine Einheit aus meiner Heimatstadt Uschhorod. Das neu aufgestellte Bataillon wurde zu Beginn des Krieges in den Donbas geschickt. Da die Einheit de facto »per Federstrich« neu geschaffen wurde, verfügte sie über keinerlei Transportmittel. Die Soldaten bekamen deshalb einen ausrangierten Schulbus für die Fahrt. Von Uschhorod aus kommt man schneller nach Venedig als in den Donbas, und so ist es nicht verwunderlich, dass der klapprige gelbe Bus unterwegs eine Panne hatte. In eisiger Kälte warteten die Soldaten fast einen Tag lang auf einen Ersatzbus, doch da in den ersten Märztagen chaotische Zustände herrschten, wurde ihnen keine Hilfe geschickt. Letztlich legten die Soldaten, die etwa zwei Wochen zuvor noch Zivilisten gewesen waren, Geld zusammen und fuhren die letzten zweihundert Kilometer mit dem Taxi in den Donbas. Ein ukrainischer Soldat, der mit dem Taxi an die Front fährt, das ist auch eines der Symbole dieses Krieges.
Als ich also im Frühjahr 2022 von einem Freund hörte, dass seine Einheit dringend einen Geländewagen benötige, keimte in mir der Wunsch auf, ihm zu helfen. Ich überlegte, Freunde oder NGOs zu kontaktieren, die dieses Problem schnell lösen könnten, aber NGOs konnten nicht so schnell helfen, ich musste selbst aktiv werden. An diesem Abend postete ich auf Facebook, dass ich Geld für einen Jeep für eine Militäreinheit im Donbas sammele, und gab meine Kontonummer an. Als ich am nächsten Morgen aufstand, hatte ich Geld für zwei Jeeps auf dem Konto.
Auf diese Weise wurde ich Teil des Krieges. Seit April 2022 bin ich kein Schriftsteller mehr. Stattdessen sammle ich Geld und kaufe Jeeps für die ukrainische Armee. Zusammen mit einem Team anderer Freiwilliger reparieren wir sie, lackieren sie in Tarnfarben und bringen sie direkt an die Front. Stand jetzt, Sommer 2025, habe ich über 400 Fahrzeuge für die ukrainischen Streitkräfte gekauft. Weitere werden folgen.
All das wurde möglich dank meiner Leser, die früher meine Bücher kauften und zu Lesungen kamen und heute meine Aktivitäten mit ihrem Geld unterstützen. Es ist eine besondere Freude und Anerkennung für einen Schriftsteller, wenn er sieht, dass seine Leser ihm auch im wirklichen Leben vertrauen, dass die einst geschriebenen Bücher eine unsichtbare, aber stabile Gemeinschaft geschaffen haben. Ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist vielleicht auch eines der Symbole dieses Krieges. Manchmal scherze ich, dass die Leser mir nur deshalb so eifrig Spenden überweisen, damit ich mich nur noch mit Autos beschäftige und nicht mehr schreibe.
Obwohl es ausreichend Stoff gäbe. Wenn wir mit einem Konvoi in Richtung Osten unterwegs sind, habe ich viel Zeit zum Nachdenken und Träumen – schließlich dauert eine Fahrt dorthin eineinhalb Tage. In solchen Stunden stelle ich mir mein erstes Nachkriegsbuch vor. Es wird von allem Möglichen handeln, nur nicht von Autos. Nach dem Krieg werde ich mir ein Fahrrad kaufen und Autos keines Blickes mehr würdigen, so sehr habe ich sie satt. Und ich werde viel schreiben, um die durch den Krieg erzwungene Pause auszugleichen.
Ich werde über Menschen schreiben, über das Menschliche, über Situationen und Stimmen. Über den Krieg als private Erfahrung, nicht als geopolitische Katastrophe. Ich werde darüber schreiben, wie beängstigend es war, das friedliche Uschhorod zum ersten Mal zu verlassen und an die Front in den Donbas zu fahren. Aber als ich dort ankam, stellte sich heraus, dass es dort, so nah am Kriegsgeschehen, keine Angst gab, denn Angst ist in erster Linie ein innerer Zustand, nicht geografisch bedingt.
Ich werde über einen der Fahrer unseres Teams schreiben, der bei einem Zwischenstopp in Slowjansk Sandwiches für uns zubereitete und sich beim Öffnen einer Fleischkonserve in die Hand schnitt. Wenn ihn fünfzig Jahre später seine Enkelkinder fragen: »Opa, was hast du während des Krieges gemacht?«, kann er ihnen die Wahrheit sagen: »Viel kann ich euch nicht erzählen, ich kann nur sagen, dass ich in Slowjansk mein Blut vergossen habe.«
Ich werde nicht über das Gespräch schreiben, als ein Soldat, der auf Kurzurlaub zu Hause war, zu viel Wein trank und mir anvertraute: »Weißt du, ich will nur eines. Das ist ein Krieg der großen Geschosse, die meiste Zeit sitzen wir im Schützengraben und beten, dass wir nicht von Bomben getroffen werden. Ich bin jetzt seit neun Monaten im Krieg und habe noch keinen einzigen Russen im Visier gehabt. Deshalb habe ich Angst, dass eine Bombe auf mich fällt und ich sterben werde. Ich bin bereit zu sterben, ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst, durch eine Bombe zu sterben, im Schlaf, beim Mittagessen, am Tisch oder – grässliche Vorstellung – auf der Latrine. Die Bombe sucht sich den Ort nicht aus. Ich bin in den Krieg gezogen und akzeptiere, dass ich möglicherweise sterben werde, aber um eines bitte ich: Dass mich ein Mensch tötet, nicht eine Bombe, dass ich den Feind mit eigenen Augen sehe. Möge Gott mir diese letzte menschliche Berührung gewähren – durch die Hand eines Menschen zu sterben. Ist das zu viel verlangt?«
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal mit Autos beschäftigen würde. Wenig originell ausgedrückt: Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, dass große Autos mit Allradantrieb mein Spezialgebiet werden würden, hätte ich mir nur an die Stirn getippt – du bist wohl verrückt geworden!?
Nun ist die Welt aber tatsächlich verrückt geworden, und so hörte der Schriftsteller auf, Romane zu schreiben, und begann Geld zu sammeln, auf der ganzen Welt nach Jeeps zu suchen und Hunderte von ihnen für die ukrainische Armee zu kaufen. Dabei möchte ich betonen, dass all dies durch Zufall geschah, quasi von selbst.
Das Paradoxe liegt darin, dass ich mich gar nicht für Autos interessiere. Zwar hatte ich vor dem Krieg zwei davon: einen Kleinwagen für die Stadt und einen Jeep zum Angeln und für Reisen mit der Familie. Ich hatte zehn Jahre Fahrerfahrung und zirka zweihunderttausend Kilometer auf dem Tacho. Aber Autos interessierten mich als bequemes Fortbewegungsmittel mit flexibler Routenplanung, nicht als technischer Mechanismus.
Ich liebe es also, hinter dem Lenkrad zu sitzen, ich liebe die Romantik der Straße und die Leichtigkeit des Reisens, die ein Auto ermöglicht. Es ist mir jedoch absolut egal, was sich unter der Motorhaube befindet: welcher Motor dort steckt, was es mit irgendwelchen Defekten auf sich haben könnte, wieviele PS das Auto hat oder ob es in Unibody-Bauweise konstruiert ist. Meiner Überzeugung nach ist der Mechaniker dafür zuständig, unter die Motorhaube zu schauen, und im Allgemeinen ist ein Auto wünschenswert, bei dem man das so wenig wie möglich tun muss.
Das Schicksal allerdings wollte es so, dass ich mich mit den Unterschieden im Aufbau von Diesel- und Benzinmotoren beschäftigte, dass ich lernte, die Funktionsfähigkeit von Einspritzdüsen und Allradantrieben zu prüfen. Mehr noch: Nachdem ich mehr als vierhundert Autos für unsere Streitkräfte gekauft habe, kenne ich mittlerweile bereits die typischen, quasi inhärenten Mängel einzelner Modelle. Ein Mercedes rostet mit den Jahren durch, beim Mitsubishi L200 kocht irgendwann der Kühler und ein Nissan Navara hat eine schwache Kardanwelle. Ich weiß, dass 1,9 Liter Hubraum für die Front zu wenig sind und man besser gleich 2,4 oder 2,5 nimmt. Ich habe gelernt, dass ein manuelles Schaltgetriebe im Gelände viel funktionaler und langlebiger ist als ein automatisches, und außerdem billiger zu reparieren. Ich habe herausgefunden, dass Keilriemen im Auto pfeifen können, wenn sie noch »kalt« sind, und dass dieses Pfeifen nach ein paar Minuten verschwindet. Ich kann potenzielle Schäden am Fahrzeug anhand der Farbschattierungen des Rauchs unterscheiden, der aus dem Auspuff kommt. All dieses Wissen habe ich mir angeeignet, ohne es je zu beabsichtigen, lieber hätte ich die Evolution der gleichstufig temperierten Stimmung in den Symphonien des Barock studiert.
Die Tatsache, dass Autos alles andere als meine Leidenschaft sind, bedeutet allerdings nicht, dass mir diese freiwillige Arbeit keine Freude macht. Ganz im Gegenteil: Seitdem ich Einheiten an der vordersten Frontlinie mit Fahrzeugen versorge, empfinde ich Befriedigung, weil ich mich dabei nützlich fühle.
In den ersten Tagen und Wochen des Krieges erhielt ich Dutzende Anfragen für Texte und Interviews von Medien auf der ganzen Welt. Jede Redaktion wollte, dass ein Autor etwas über seine Erlebnisse im Krieg aufschrieb und Erklärungen zu dessen Ursachen lieferte, jeder wollte den Essay eines ukrainischen Schriftstellers, aus dem Dickicht des Geschehens sozusagen. Aber genau zu dieser Zeit konnte ich praktisch nichts schreiben. Unmittelbar ursächlich dafür war die Anspannung, die meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen ließ und die Konzentration auf logische Gedankenketten verhinderte.
Es gab allerdings noch einen weit schwerwiegenderen Grund: Ich war von den Worten enttäuscht. Für mich war der Beginn der Vollinvasion so etwas wie eine persönliche Niederlage, ein privates Fiasko als Schriftsteller und Kolumnist. Als Vertreter einer Spezies von Menschen, die schreiben und versuchen, mit Worten Sinn zu stiften. Als die ersten Raketen in friedlich schlafende Städte einschlugen, zeigte sich, dass Worte machtlos und leer waren, dass nun die Zeit der Geschütze begann. Deshalb verspürte ich in den ersten Monaten des Krieges nicht nur Apathie, sondern eine echte Abscheu vor dem Schreiben: Es erschien mir egoistisch und sinnlos.
Es war eine Zeit, in der man konkret und real helfen wollte, und nicht mit Worten und leerem Gerede in ausländischen Medien. Deshalb konzentrierte ich mich auf ersteres: Zu Beginn half ich bei der Unterbringung von Geflüchteten aus ukrainischen Städten, die unter Beschuss standen oder besetzt worden waren. Dann fand ich eine Aufgabe, die mich noch mehr erfüllte – ich wurde Ladearbeiter. In meiner Heimat, der Grenzregion Transkarpatien, kamen Hunderte LKW mit Hilfsgütern für die Ukraine an, also half ich dabei, sie zu entladen und die Waren in den Osten weiterzuschicken. Später bildeten wir eine Art Brücke zwischen dem westukrainischen Uschhorod und dem ostukrainischen Charkiw: Ich erhielt lebensnotwendige Güter vom Komitee für medizinische Hilfe des ukrainischen Parlaments, lud die Kisten und Säcke in den Zug und schickte sie an das Team von Serhij Zhadan in Charkiw. Es klingt paradox, aber die schwere körperliche Arbeit schenkte mir ein Gefühl von Leichtigkeit. Weil ich die Hilfe anfassen konnte, weil sie ein Gewicht und eine reale Gestalt hatte, die irgendjemanden ernährte, gesundmachte, zudeckte, wärmte. Außerdem schenkte einem die körperliche Erschöpfung den festen und ruhigen Schlaf eines Menschen, der seinen Tag nicht sinnlos verschwendet. Und beschäftigte Hände können nicht jede Minute zum Handy greifen, um beängstigende Nachrichten zu verfolgen.
Dann kam die Sache mit den Autos, alles drehte sich um hundertachtzig Grad, mein Leben wurde auf ein neues Gleis gesetzt. Und ich verspürte eine noch größere Erleichterung, weil die Autos groß und wuchtig waren und an der Front dringend gebraucht wurden. Man konnte sie nicht nur anpacken, sondern sogar mit ihnen fahren! Diese Fahrzeuge holten Verwundete aus dem Gefecht, brachten Munition zu den Stellungen und waren bei Vorstößen eine wichtige Hilfe. Meiner Meinung nach ist ein solches Engagement in diesen kritischen Kriegszeiten weitaus nützlicher als ein patriotisches Gedicht oder eine Hymne, die den Kampfgeist stärkt; oder ein Artikel über die Wirklichkeit des Krieges, den ein paar Hunderttausend Dänen in ihrer Zeitung lesen; oder ein Bericht über den Schrecken der russischen Verbrechen auf irgendeiner Veranstaltung in Deutschland, wo das zufriedene Publikum im Anschluss entspannt ein Gläschen Wein trinkt.
In diesen schrecklichen Zeiten sind Schreiben und künstlerisches Schaffen für mich in den Hintergrund getreten. Das Wichtigste sind nun Autos. Und als Schriftsteller, Philologe und leidenschaftlicher Leser glaube ich, dass diese Priorität absolut richtig ist.
Andriy Lyubka mit seinem Team vor Fahrzeugen für die Armee auf dem Weg in die umkämpften Gebiete im Osten der Ukraine
