Die Safranfälscherin - Paula Kalhaty - E-Book

Die Safranfälscherin E-Book

Paula Kalhaty

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Beschreibung

Das kostbarste Gewürz der Welt und eine Liebe, die Fälschung in Wahrheit verwandelt Linz im Jahr 1431 – Nach dem Tod ihrer Eltern warten auf die Baderstochter Els nur Zwangsehe und bittere Armut. Verzweifelt schließt sie sich dem Safranfälscher Gerd an, um ihrem schlimmen Schicksal zu entgehen – auch wenn ihr als Fälscherin die Hinrichtung droht. In Freistadt wollen sie und Gerd mit dem gefälschten „roten Gold“ ihr Glück machen. Doch auf dem Weg dorthin lauern Henker, Räuber und hussitische Ketzer. Außerdem ist den Fälschern ein geheimnisvoller und mächtiger Feind auf den Fersen. Doch damit nicht genug: Im Angesicht von Gefahr, Abenteuern und der Hoffnung auf ein besseres Leben fällt es Els immer schwerer, in ihrer Beziehung zu Gerd zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden … Paula Kalhatys historischer Roman »Die Safranfälscherin« ist eine berauschende Reise voller Geheimnisse, Intrigen, Gefahren und Liebe.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die Safranfälscherin

 

Historischer Roman

von Paula Kalhaty

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

 

 

ISBN 978-3-943531-70-1

ISBN 978-3-943531-69-5 (Kindle E-Book)

ISBN 978-3-943531-68-8 (Print Ausgabe)

 

© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Osterdeich 241 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Tatjana Stöckler

Umschlaggestaltung | Coverillustration: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Eridanus IT-Dienstleistungen

Erstes Kapitel

 

Flattern, dumpfes Pochen wie ein rascher, erregter Herzschlag hallte durch den Khiel, jene schmale Gasse, die vom Badehaus zum Badertürchen in der Stadtmauer führte. Els’ Kopf schoss hoch. Über ihr, über der Enge zwischen den Bretterwänden, segelte eine Taube mit gespreizten Schwanzfedern davon.

Täubchen, nimm mich mit! Sehnsüchtig folgte Els’ Blick dem Vogel, bevor sie mit ihren beiden Eimern weiter durch den Morast stakste. Zertretene Federn pflasterten ihren Weg; Hühnerschnäbel hackten nach einer toten Ratte und ließen den Leib zucken, als wäre er noch lebendig. Wie alle dunklen, feuchten Flecken der Stadt war der Khiel das Reich der Hühner, Mägde, Schweine.

Beim Badertürchen angekommen bückte sich Els und zerrte am Riegel. Geronnener Taubendreck färbte das Holz weiß. Ein frischer Wind lockte von der Donau her, als Els das Türchen aufstieß – eine Wohltat nach dem scharfen Kot- und Uringestank des Khiels. Sie schob ihre Eimer unter der Stadtmauer hindurch, kroch selbst hinterdrein und trat mit einem Fuß das Türchen zu, ehe ein vorwitziges Huhn aus dem Khiel an ihr vorbeilaufen konnte.

Ein dumpfer Aufprall und Gackern drangen an ihr Ohr, während sie die dünnen Träger des weißen Kittels auf ihren Schultern zurechtzerrte und aus dem Schatten der Mauer in den blendend hellen Himmel blinzelte. Dampfige Wolken bedeckten ihn, als hätte Petrus den Mägden in seinem himmlischen Badehaus befohlen, mehr Wasser über die Kiesel zu gießen. Für ein paar lange Atemzüge hockte Els nur da und genoss das Gefühl, entronnen zu sein – dem Badehaus, dem stinkenden Khiel, vor allem aber Hanns, dem Scherer mit seinen groben Händen …

… die sie gleich wieder zu spüren bekommen würde, wenn sie trödelte! Der Scherer war freigiebig mit Ohrfeigen und auch mit der Rute. Ihr Vater hatte nie die Hand gegen sie erhoben. Kaum dachte sie an ihn, musste sie sich auf die Lippe beißen, dass es schmerzte.

Sie schulterte ihre Eimer und trottete hinab zum Fluss.

Dort auf dem Wasser und auf der Donaulände herrschte eifriges Treiben. Mehr Förgen, verwegen aussehende Fährleute, als sonst lagerten vor dem Urfahrtor oder kämpften auf der Donau gegen die Strömung an, um Marktgänger aus Freistadt, aus Leonfelden, vielleicht sogar aus Neuhaus überzusetzen. Statt wie sonst zwei bewachten gleich vier gut gewappnete Knechte das Tor. Seit die Glocken am Laurenzitag die vierwöchige Marktfreiung des Bartholomäusmarkts eingeläutet hatten, strömte alle Welt nach Linz, um hier zu feilschen, Gelder zu wechseln oder Rechnungen zu begleichen, denn eine Linzer Bartholomäusmarkt-Schuld galt als die sicherste aller Schulden.

Lebzelter kamen und Löffelkrämer, Tuchhändler aus Nürnberg und Gürtler und Beutler aus Augsburg, Käser aus Passau, Fischhändler aus Freistadt, Braunauer und Pilgramer. Und mit ihnen streunte das fahrende Volk nach Linz, zu Fuß, zu Esel, auf klapprigen Wagen und manch einer ebenso klapprigen Schindmähre oder auf Stelzen: Affenbändiger und Possenreißer und Musikanten, Seiltänzer, Feuerschlucker, Messer werfende Krüppel, Quacksalber und all ihre Gesellen. Ein bunter Vogel in hundert, vielleicht sogar einer in zehn mochte ein Mädchenräuber sein, ein Dieb oder gar ein Ketzer mit einem Dolch im Gewand. Die galt es in Gewahr zu nehmen und … nein, Els neidete den Knechten am Tor ihre Aufgabe nicht.

Auf dem Waschfloß in der Donau priesen Hafner ihre Töpferwaren an. Während sie Wasser schöpfte, lauschte Els dem rauen Gelächter.

Empörtes Gackern begrüßte sie, als sie sich mit den vollen Eimern ins Dunkel unter der Stadtmauer zwängte. Das Huhn hatte seine vereitelte Flucht weder vergessen noch verziehen.

»Glaub mir: Da draußen gibt es für dich nichts«, versicherte ihm Els.

Wie gut sie den Wunsch des Huhns verstand! Nur dass es Hühnern einerlei sein konnte, in welchem dunklen Khiel sie hausten. In der Suppe landeten sie hier wie da, und einstweilen fanden sich für sie überall Körner und Würmer; leichter jedenfalls als Pfennige und Brei und ein neuer Kittel oder was eine Bademagd sonst für ihr armseliges Leben brauchte.

Noch vor einem Jahr hätte Els nicht so gedacht. Vor einem Jahr wäre sie nirgendwo lieber gewesen als hier. Aber damals hatte man sie Els, die Tochter des Baders Gilig und seiner Hausfrau Apolonia, genannt, und nicht bloß Els, die Bademagd. Els Niemandstochter.

 

Sie kehrte zurück ins Badehaus, goss das Wasser aus ihren Eimern in Hinz’ Kessel und eilte rasch genug in den Khiel, um dem Scherer fürs Erste zu entfliehen. Das Huhn plusterte sich auf, als es sie kommen sah.

Dann wieder durchs Türchen auf die Lände, den weißen Kittel gerafft, damit er nicht noch schmutziger wurde, und auf die Knie. Beim Schöpfen riss ihr die Strömung fast den Eimer aus der Hand. Fort, fort, fort, schienen die braungrünen Wellen zu locken. Aber jeder Bader und jede Baderstochter wussten, dass dem Ruf des Wassers nicht zu trauen war.

Mit einem Seufzer wandte Els den Kopf. Von hier hatte sie einen guten Blick über die Lände: die Froschau mit ihren Markthütten der Hafner und Schwarzpulver-Meister; dahinter entlang der Stadtmauer die Fleischbänke, deren Abfall an Schlachttagen die Wellen blutrot färbte. Ein Stück stromabwärts zweigte der stinkende Ludl-Arm von der Donau ab und umschloss das Wörth, die Insel der Fischer und Gerber.

Zuletzt schweifte Els’ Blick nach vorn über das braungrüne Band des Flusses zu den Häusern des Dorfes Urfahr und den bewaldeten Hügeln dahinter, die sich bis ins Windische, bis nach Böhmen und noch weiter zogen. Dort mochten Ketzer und Räuber stecken, aber wenigstens nicht Scherer und Ohrfeigen und Badegäste.

Ihr Vater hätte über die Tagträumereien gelacht: »Nach Mordbuben sehnst du dich, Elslein, mein Söhnlein? Wohl nur, bis einer sein Messer zückt! Wir sind sicher hier hinter unseren Mauern. Uns schneidet keiner um der paar Pfennige willen die Kehle durch.«

Seine Stimme, sein Lachen, das zärtliche Kosewort »Söhnlein« vermischten sich mit dem Lockruf der Donau. Haltsuchend umklammerte Els ihren Eimer und starrte dabei ihr Spiegelbild an, das die jähen Tränen und das Schwappen des Wassers verschleierten. Morastbraune Haare waren unter dem Kopftuch hervorgerutscht und hingen wie Rattenschwänze herab. Das Gesicht wirkte eingefallen und hager, nicht rosig und rund wie noch vor einem Jahr.

Sie sah aus wie ihre Mutter, erkannte Els mit Schrecken, wie Apolonia, die »Badhexe«, als man das Leichentuch über ihrem Kopf zusammengeschlagen hatte.

Dass du mich so erblicken müsstest, Vater! War der Seufzer Dankbarkeit, weil ihm das erspart blieb, oder doch ein böser Wunsch? Zur Strafe kniff sie sich hart in den Schenkel. Sie nahm ihre Last auf und stolperte zurück zum Türchen in der Mauer.

Ehe sie hindurchschlüpfte, fiel ihr Blick auf einen fremden Kaufmann, der vor dem Urfahrtor auf und ab spazierte und immer wieder hoch zum Wehrgang sah. Welch geckenhafte Kleider er trug! Spitze Schuhe, wahre Teufelsnasen, und erst seine Strümpfe! Einer rot, einer grün; die Ärmeljacke darüber so kurz, dass unter ihr das Weiß der Bruche, des Untergewands, hervorblitzte. Er mochte gut zehn Jahre älter sein als Els.

»Na, mein Elslein«, hätte ihr seliger Vater gescherzt, wenn ihm ihre Musterung aufgefallen wäre. »Wär das ein Friedel für dich?«

»Mit seinem spitzen Fuchskinn und seinen Haaren so rötlichbraun wie staubige Straßen? Nein, danke!«, hätte Els im gleichen Ton erwidert. »Ein Fuchs ist gut genug für meinen Kragen, aber nicht gut genug für mein Bett!«

Wie sehr sie ihres Vaters Neckereien, seine Scherze und sein liebevolles »Söhnlein« vermisste! Gilig, der Bader, war weise und ehrbar gewesen, bedächtig mit seinem Rat und tatkräftig mit seinen Händen. Und Gott hatte ihn ihr wegnehmen müssen! – hatte ihn an sich gerafft, wie der Scherer am Ende jedes Badetags die Pfennige an sich raffte. Gott hatte einem Raufbold den Dolch in die Hand gedrückt und Els alles geraubt, was sie besaß. Mochten die Bademägde der Hölle für den Mörder einen Platz auf der Schwitzbank besonders nah am Ofen bereithalten!

Sie trottete zurück ins Badehaus und mit schmerzenden Armen, schmerzendem Nacken und frisch geleerten Eimern ein letztes Mal auf die Lände. Der fuchsgesichtige Kaufmann beugte sich über die Ware eines Lautenmachers. Jener Meister schien ganz aus dem Häuschen vor Freude, dass ein so feiner Herr Gefallen an seinem Handwerk zeigte. Belustigt sah Els zu, wie er wohl ein halbes Dutzend Instrumente anpries. Doch obwohl der Fuchs begehrlich über so manchen Lautenhals strich, wandte er sich zu guter Letzt kopfschüttelnd ab.

Kein reicher Kauf-, sondern gar ein armer Spielmann? Nein, wohl eher ein wählerischer Kaufmann, der abends gern seine Knechte und manch hübsche Wirtstochter mit Gesang unterhielt.

»Und dich, mein Elslein? Welches Lied möchtest du von ihm hören?«

Zuerst wusste Els darauf keine Antwort, und dann war die einzige, die ihr einfiel, das Lied des Wassers: Fort, fort, fort. Komm mit mir. Ich bringe dich fort.

 

Schweiß und Dampf erfüllten die niedrige Stube, vermischten sich mit dem Sommerduft von Heublumen und dem scharfen, säuerlichen Uringestank der Brennnesseln. Aus dem Zuber in der Mitte ragten Köpfe wie Rüben aus dem Korb einer Marktfrau. Andere Badegäste hockten als teuflisch anmutende Gestalten auf Holzbänken und drohten mit Ruten und Quasten, als gälte es, arme Sünder zu peinigen.

Els’ Magen knurrte. Die schwüle, stickige Luft war mit einem Mal so überwältigend, dass sie sich am Türrahmen abstützen musste, um nicht zu taumeln. Allzu laut und zugleich seltsam fremd hallten die Stimmen der Badegäste in ihren Ohren – als beteten tausend Mönche lateinische Psalmen.

Aus dem Stimmengewirr schälte sich ein Kichern, gefolgt von kehligem Gelächter. Els rieb sich die müden Augen, bis das Bild klarer wurde: Fleischige Finger tätschelten einen zarten Mädchenkopf; schwarze Ringellocken, aus dem Kopftuch befreit, klebten an errötenden Wangen. Die Hand strich eine Locke hinters Ohr und wurde mit erneutem Kichern belohnt.

Sophei.

Die Bademagd Sophei schlüpfte aus der nackten Umarmung und winkte Els zu sich, wies auf zwei Gäste, die auf einer Bank schwitzten. Handwerker, und, ihren breiten Schultern und wuchernden Bärten nach zu urteilen, keine hiesigen … vielleicht Schlosser oder Schmiede aus Steyr, denen der Markt noch zu wenig Pfennige für ein Wasserbad eingebracht hatte, wohl aber genug für die Schwitzbank – und um ein paar davon zu verspielen. »Hol ihnen ein Puff-Spiel!«, befahl Sophei.

Die Hand des einen streifte Els’ Hinterteil, als sie das Gewünschte brachte. Empört fuhr sie herum. Sein Grinsen wirkte gezwungen, doch nicht verlegen – eher enttäuscht, als hätte ihn die dampfige Luft hier drin glauben lassen, Els wäre fülliger. Nur mit Mühe widerstand sie dem Drang, ihm das Puff-Brett über den Schädel zu ziehen!

»Heda, Magd!« Schon verlangten die Nächsten aus dem Zuber und von den Bänken nach Brot, Wein, heißem Wasser, nach Puff- und Kartenspielen. Els hetzte hierhin und dahin, um alles zu besorgen. Erneut wurde ihr schwummerig, lockte sie die Schwärze vor den Augen, wie es die Donau getan hatte. Sie taumelte – und jaulte vor Schmerz, als ihr nackter Arm die Kiesel auf dem Ofen streifte.

Wimmernd sank sie hinter dem Ofen nieder, stieß den Arm bis zum Ellbogen in kaltes Wasser und war dankbar für die kurze Pause, für die Taubheit, die den Schmerz überstrahlte. Müdigkeit und Hunger stürmten auf sie ein. Sie schwankte in der Hocke; der Eimer schwankte mit ihr und auch das Haus, die Bänke, der Zuber – ein Schiff auf unruhiger See. Als Kind war sie im Spiel mit dem Badezuber bis nach Venedig gesegelt, um Zimt und Muskatblüte und den Safran zu kaufen, den ihre Mutter so geliebt hatte …

Voll Sehnsucht schloss Els die Augen und für einen kostbaren Herzschlag glaubte sie Apolonias Lachen zu hören, den Zimtduft zu riechen, die bittere Süße des Safrans auf der Zunge zu schmecken.

Schwere Schritte kamen! Els riss die Augen auf. Zwischen den Bänken wälzte sich der Bader auf sie zu. Ein paar wilde, verrückte Augenblicke lang drohte Els’ Herz vor Freude aus ihrer Brust zu springen. Doch es war natürlich nicht der Bader, sondern der Scherer, der das Vortüchel, den Schurz ihres toten Vaters trug. Vom Boden aus gesehen wirkte er mächtig wie ein Kaiser.

»Drückst dich vor der Arbeit, schwarze Els?« Kräftige Finger krallten sich in ihre Schulter. »Da rein, und hilf!«

Der Scherer zerrte Els hinter dem Ofen hervor und stieß sie in die Kammer daneben, wo der Badeknecht Hinz das Wasser aus seinen Kesseln mit dem kalten aus der Donau vermengte. Els taumelte gegen den Jungen; zwar fing er sie und presste ihren hauchdünn bedeckten Körper an seinen, um sie vor den glühenden Kesseln zu schützen, doch auch als sie ihr Gleichgewicht wieder fand, ließ er nicht los. Sie boxte und trat und stieß ihm den spitzen Ellbogen in die Seite.

Erst da gab er sie frei. Mit beleidigtem Blick rieb er sich die Rippen, dann das Schienbein. »Hab dich nicht so«, murrte er. »Hier, mach dich lieber mal nützlich und bring das dem alten Örtlein.« Brüsk wies er auf einen Becher Wein und ein Stück Brot. Für sie stand keines bereit.

Auf dem Weg in die Abziehstube zwackte Els das halbe Brot ab und aß es, nippte am Wein und verzog das Gesicht – saurer, verwässerter Trester war dem Scherer gerade gut genug für seine Knechte! Sie stellte Örtlein die magere Kost hin und wollte davonschleichen, ehe er sie wegen der stibitzten Bissen züchtigen konnte. Auch wenn die Finger des Gewandhüters längst zu zittrig waren, um noch Bärte zu scheren, gebrauchten sie die Rute meisterlich.

Örtleins krumme Beine vertraten Els den Rückweg ins Bad. Zornig hieb er mit einem Bündel geknickter Weidenzweige nach ihr – und staunte nicht schlecht, als sie kurzerhand die Tür zur Gasse aufriss und floh.

Els taumelte in blendende Helligkeit und das Gelächter kleiner Jungen, der Badherolde, zu denen auch die Brüder des Badeknechts Hinz gehörten.

»Verratet mich nicht!«, zischte sie und duckte sich in den Khiel. Schon hörte sie hinter sich Örtleins Knurren, den Spott der Kinder, und schlüpfte, während Örtlein die Jungen mit seiner Rute verjagte, zurück ins Haus. Ihre Holzschuhe klapperten auf der Treppe. Oben riss sie die Tür zu ihrer Kammer auf, die sie sich mit Sophei teilte. Oh, ihr waren Prügel sicher!

Aber die würde es nun mal setzen, ob sie Anlass dazu gab oder nicht. Dennoch zog Els ihr Schicksal dem der anderen Bademagd vor. Nie hatte sie dem Himmel inständiger dafür gedankt, dass sie knochig und dürr wie ein Junge war, als an dem Tag, an dem man sie in den Kittel einer Bademagd gesteckt hatte. Des Scherers Abscheu war besser als des Scherers Lust; mochte er sie dafür prügeln, wie er wollte.

Sie hockte sich aufs Bett, zog die Knie an und lauschte an der fensterlosen Bretterwand. Unten tobte Örtlein, und auf dem Platz, am Ende der Badgasse, vernahm Els schon das Treiben der Marktleute.

Johlen und Lachen und Keifen: »Zartes Rindfleisch!« für die Ratsbürger und »Hammel! Kastraun!« für die Knechte; »Stiefel, rot und schwarz, sechzig Pfennig das Paar!« All die Rufe, die zu ihr drangen, versetzten ihr Stiche ins Herz, und dennoch konnte sie nicht weghören.

»Lauf, Els Neugierdsnäschen!« Als Kind hatte sie der Vater oft mit einem Klaps und ein paar Pfennigen ausgeschickt, damit sie den Händlern auf die Finger sähe. Und gegen Ende der Marktzeit, die er seine »fetten Tage« nannte, hatte er Els zusammen mit der Mutter ausgesandt. Für Lebzelten und Schuhe, Gürtel und Taschen und windisches Tuch hatte das Geld immer gereicht. »Kauf dem Elslein ein paar Elllein«, hatte der Vater mit der Mutter zu scherzen gepflegt.

Els kniff sich in den Schenkel. Die Haut dort war längst rot und wund, aber der Vater blieb dennoch in ihren Gedanken, die Fältchen um seine Augen und das Lachen aus tiefster Kehle.

Jetzt riefen sie wieder, die Gerber und Kürschner, Metzger und Sattler, Schuhmacher und Schneider, die unter Sankt Bartlmeis wohlwollendem Blick vom Mauthaus am nördlichen Ende des Platzes bis zum Schmiedtor in seinem Süden feilschten. Alle da – nur Els fehlte.

Der Linzer Bartholomäusmarkt begann zu Laurenzi und endete zu Mariä Geburt. Dazwischen lagen das Kirchweihfest der Stadtpfarrkirche und das Fest von Sankt Bartlmei, der dem Markt seinen Namen verliehen hatte. Vorige Woche war Sophei zur Kirchweih gegangen und mit leuchtenden Augen, einem Ablasszettel und einem Bildchen der heiligen Mutter heimgekehrt. Els hatte bleiben und den Zuber schrubben müssen.

Es war nicht rechtens, dass Sophei zur Kirchweih hatte gehen dürfen und sie nicht.

Eine Weile starrte Els zur Tür. Sie dachte an Sophei und Prügel und an ihres Vaters Stimme, und dann sprang sie auf und zog sich an. Der Kittel musste als Untergewand herhalten; darüber kam ihr grüner, ärmelloser Rock. Während Els den Brustschlitz des engen Oberteils zuknöpfte, erwog sie, welche Ärmel es anzulegen galt. Sie zögerte; aber weil Markt war und sie für eine Weile wieder die Baderstochter sein wollte, nestelte sie doch ihre liebsten ans Oberteil, die lang und rot waren und bis vor einem Jahr ihrer Mutter gehört hatten.

Nun noch das ärmellose Überkleid, den Suckl. Els schlüpfte hinein und verschloss mit Hafteln den seitlichen Brustschlitz. Der Suckl war aus braunem Tuch und einst mit Perlen verziert gewesen, die Els abgeschnitten und dem Vater zum Geld für einen Arzt gegeben hatte, als ihre Mutter krank geworden war. Um die Hüften legte sie den schmucklosen Gürtel, den sie – zusammen mit drei Pfennigen – für ihren reich verzierten eingetauscht hatte.

Sie zerrte enge Strümpfe über ihre Schenkel und band sie unter dem Knie, schlüpfte in die spitzen Schuhe und warf sich den Mantel über. Auch er hatte ihrer Mutter gehört und er war grau, so grau, wie Apolonias Gesicht gegen Ende ausgesehen hatte.

Zuletzt zog sich Els das Kopftuch von den Haaren, kämmte ihre feuchten Rattenschwänze mit den Fingern und flocht sie zum Zopf und vervollständigte ihn mit einer roten Schleife.

Alsdann trat Els, die Tochter Giligs des Baders und seiner Hausfrau Apolonia, in ihren schönsten Marktkleidern vor die Tür.

 

Die Jungen vor dem Bad glotzten, als sie mit wehenden Röcken an ihnen vorbeistürmte. Sie zog den Kopf ein, aber trotzdem hatte sie das Gefühl, der Blick aus den blutunterlaufenen Augen des Scherers müsste ihr folgen.

Vor dem Haus der Stubenvollin tränkten deren Söhne die Pferde der Gäste. Aus den Fenstern duftete es nach Erbsenbrei, Karpfen und Kraut, einem Freitagsmahl, wie man es sich nicht schmackhafter wünschen konnte. Els schnüffelte neidisch, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Ach, wäre sie das Söhnlein ihres Vaters, wie er so oft gescherzt hatte! Dann hätte wohl ein Linzer einen Platz in seinem Haus für sie gefunden. Als Tochter ohne Eltern aber, als Erbin ohne Erbe galt sie nichts.

Ihre Beine trugen sie auf Ulreich Pecks Haus zu, das dort stand, wo die Badgasse in den Platz mündete. Der Inhalt eines Nachttopfs war in die Gasse gesickert, und der Gestank vermengte sich mit dem Duft frischen Brotes. Die Peckin und ihre Töchter mühten sich ab, schwere, gewaschene Bettüberzüge auf die Leine zu hängen. Beide Mädchen warfen sehnsüchtige Blicke an Els vorbei.

Außer Atem hetzte Els auf den Platz. Erst dort blieb sie stehen, spitzte die Ohren und sog das Gewirr fremder Stimmen in sich ein, den Duft nach Käse und Stockfisch und Leder und Abenteuern, nach fort fort fort …

 

Manch auswärtiger Badegast spottete, der Platz sei viel zu groß für eine Stadt wie Linz. Zu Marktzeiten aber wirkte er klein. Die beiden Holzbrunnen verloren sich im Gewühl und in der Mitte ragte die Prangerspitze gerade eben über jene Hütten hinweg, die sich bis zu den steinernen Prangerstufen drängten.

Els bahnte sich ihren Pfad zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Mägden und Knechten, Handwerkern und Kaufleuten und Krüppeln und rotznasigen Kindern. Auch Bettler boten ihre Ware feil: Sie gaben ein Vergeltsgott für einen Pfennig und beteten den Rosenkranz für drei. Schreie und Gelächter schwappten über Els hinweg. Vor ihr auf der Ostseite des Platzes reihten sich die Häuser der Ratsherrn eins ans andere. Jedes war drei Stock hoch und drei Fenster breit, und jedes beherbergte zu Marktzeiten süddeutsche Händler, denn dort in den Höfen und Gewölben, hinter eisenbeschlagenen Türen, fand der wahre Markt statt, der Markt für die Reichen. Dort hieß es nicht mehr »fünfzig Pfennig für die Elle Werder Tuch«, sondern »zwanzig Pfund für hundert Ellen, hundertachtzig Pfund für tausend«.

Els’ Mutter hatte ihr von den Nürnbergern in den Tuchlauben erzählt, die sich wie Kaiser gebärdeten, und von den Walchen, den Italienern, die meist zum Ostermarkt nach Linz kamen. Schätze des Meeres brachten sie mit – Pfeffer und Safran, schwarzes und rotes Gold. Apolonias erster Mann, Erasem Wurz, war ein Gewürzkrämer gewesen. Sie hatte Gilig, den Bader, mehr geliebt als ihn, doch ihre Augen hatten geglänzt und gefunkelt, wann immer sie Els von den Wurz’schen Reichtümern, von Pfeffer und Ingwer und Safran vorgeschwärmt hatte.

Els stolperte auf die Ostseite des Platzes und lehnte sich ans Eckhaus, um zu verschnaufen. Nun noch durch die Pfarrgasse und sie wäre bei der Kirche, wo man die Spielleute fand. Einen Jungen gab es, der auf den Händen lief und mit seinen Zehen brennende Fackeln warf und fing; Frauen, die alles wussten – das hatte Sophei hoch und heilig versprochen. Ihr hatte bei der Kirchweih eine Ungarin für zwei Pfennige geweissagt, dass sie einen Fasszieher heiraten würde, blondgelockt und ehrbar sollte er sein und bald schon in der Abziehstube vor ihr stehen.

»Els?«, riss eine vertraute Stimme sie aus den Gedanken. »Ja, du bist’s.«

Erschrocken fuhr Els hoch und versuchte zu lächeln, als sie sich ihrem Vetter Chunrat Wurz gegenüber sah. Mochten sich andere Männer in der Kürze ihrer Jacken und der Buntheit ihrer Strümpfe übertreffen, mit seinen langen, schweren, grauen und blauen Gewändern konnte man den Krämer für einen geistlichen Herrn halten – wäre da nicht sein Hut aus Biberfell nach Art der Walchen gewesen, der wohl jene beeindrucken sollte, für die der Name Wurz nicht genügte.

»Chunrat!« Ihr Lächeln erwies sich als störrisch, wollte nicht kommen. »Eine Überraschung! Ich war auf dem Weg …« Ja, wohin? Zum Bad? Zweifellos hatte er gesehen, wohin ihre Füße sie trugen. Nichts entging je Chunrats blassem Blick.

»Zum Kirchplatz?« Er lächelte mit dünnen Lippen. »Mein Mühmlein, komm doch herein.« Sie hasste es, wenn er sie »Mühmlein« nannte. So hatte er sie als kleines Mädchen genannt, und schon damals hatte darin ein besitzergreifender Unterton gelegen, ein Haben-Wollen.

Für einen Herzschlag dachte Els bange an den Scherer und sehnsüchtig an den Jungen mit den Fackeln; dann hob sie wohl oder übel ihre Rocksäume und folgte dem Vetter in seinen Laden. Der überwältigende Kräuterduft, der würzige Geruch wie aus der Küche ihrer Mutter versetzte ihr einen Stich durch Magen und Herz.

Chunrat schloss hinter ihr die Tür. Er war allein; Johann, der Junge, der ihm half, lief sich gewiss auf Botengängen die Füße wund. Verstohlen glitt Els’ Blick durch den Raum. So vieles – ein Sack hier, ein gut verschnürter Ballen da, Kästchen und Schatullen – weckte ihre Neugier.

Sie liebte Chunrats Laden mit all seinen Kostbarkeiten, liebte die Bitterkeit des Alauns und den Faule-Eier-Gestank des Schwefels, das Indisch zum Blaufärben von Stoffen, die Tintenäpfel, den streng riechenden Salmiak. Sie liebte die feinen Stoffe – Doppeltaft und Zenndl, Samt und Damast; die Schwindelkörner, die man in Brot buk, die Bockshörndl vom Baum Johannes’ des Täufers und die Feigen aus Jerusalem – liebte die Geschichten, die an ihnen klebten, und den Geruch ferner Länder, der sie umhüllte, selbst nachdem sie durch Chunrats schmale, gierige Finger geglitten waren.

Vor allem aber liebte sie die Kräuter und Gewürze: Barbajovis und Thymian; Frauenhaar und Salbei; Paradeiskörner, wie ihre Mutter sie als Witwengut mit in die Ehe gebracht hatte. Wann immer Els als Kind hier gewesen war, dann mit ihrer Mutter, und die Schärfe des Pfeffers, der warme, blumige Zimtduft, der harzige Geschmack der Muskatblüte – all das war untrennbar verbunden mit Apolonias Lächeln und Apolonias Wärme und Apolonias Hand, die sanft an Els’ Zöpfen gezogen hatte, um sich davon zu überzeugen, dass sie fest saßen.

»Warte.« Chunrat durchquerte den Raum und verschwand im Lager. Els blieb allein zurück.

Auf dem Tisch stand ein Bronzemörser, verziert mit einem Fries aus Fischen und zwei Schilden, von denen einer das Glockenzeichen des Gießers, der andere das Freistädter Wappen trug. Nach einem raschen Blick zur Tür beugte sich Els über den Mörser und schnüffelte. Süßlich-bitterer Duft entströmte ihm – wie Heu und Honig. Das Prickeln in ihrem Bauch ließ keinen Zweifel daran, was es war.

Chunrat war ihr und ihrer Mutter gegenüber freigiebig gewesen; Apolonias Erröten und Els’ Staunen hatten ihnen manch einen Schatz erkauft. Safran aber – das rote Gold, vierundzwanzig Schilling das Pfund, was dem Wert eines Pferdes entsprach – hatte Els nie kosten dürfen. Ihr Wissen darüber kam einzig von der Mutter, die den Safran mehr geliebt hatte als alles andere.

Seine Farbe war die Farbe der Ringelblumen. Auch diese hatte Apolonia geliebt, die »Totenblumen« in ihrem winzigen Gärtchen. Sie hatte Blüten in Els’ Haar geflochten oder sie sich und ihr in den Mund gesteckt. Noch immer erinnerte sich Els an den schwach bitteren Geschmack, sah den Vater vor sich, der über Frau und Tochter lachte, wie sie Ringelblumen kauten.

Der Geruch des Safrans erzählte von Abenteuern, von verschlungenen Pfaden, auf denen Kaufleute, Mönche und Soldaten seine Zwiebeln geschmuggelt hatten. Sein Geschmack war süß und bitter. »Heu und Honig«, »Erde und Rauch«, so hatte ihn Apolonia beschrieben. Oder »wie der Brautkuss deines Vaters« – dies mit einem verschmitzten Lächeln.

Safran, hatte sie Els gelehrt, schmeckte nach Liebe.

Els hörte Chunrats Schritte und fuhr hoch. Ehe sie bemerkte, was sie tat, krallte sie die Hände in die Säume ihrer langen Ärmel: eine Geste des Ertapptseins, die von klein auf unfehlbar jede ihrer Sünden verraten hatte.

Chunrat musterte sie argwöhnisch, die dünnen Lippen zu einem Strich gepresst. Els’ Vater hatte sie gescholten, wann immer sie die Augen des Wurz mit denen eines toten Karpfen verglichen hatte, aber die Schelte hatte Chunrats Augen nicht lebendiger, nicht weniger blass und unheimlich gemacht.

»Komm mit«, sprach er zuletzt. »Das wird dir gefallen.« Nun, da sie wusste, wonach sie zu suchen hatte, glaubte sie zu sehen, dass Daumen und Zeigefinger seiner Rechten gelblich glänzten. Rotes Gold hatte seine Spuren hinterlassen.

Gehorsam folgte sie Chunrat ins Lager und zu einem Ballen Stoff. Er schlug eine Handbreit davon zurück. Els hielt den Atem an.

Karmesinroter Samt! Eine Elle mochte an die hundert Tageslöhne kosten. Ihre Finger kamen ihr schmutziger und rauer denn je vor, und sie wagte erst mit einer Kuppe über den Samt zu streichen, als Chunrat selbst ihre Hand zum leuchtenden rot führte.

»Wunderschön«, wisperte sie. Und weil sie Els Neugierdsnäschen war: »Wer wird ihn kaufen?«

»Wer weiß?«, erwiderte Chunrat leichthin. »Der Stadtrichter? Oder ein Ratsherr, dessen Frau sich ein Kirchgangskleid schneidern lässt. Vieleicht wird daraus auch ein … Brautkleid.« Da war es wieder, in diesem letzten Wort, das Haben-Wollen.

Mit einem Mal schien Els der schimmernde Stoff heiß genug, um ihre Hand zu verbrühen.

Chunrat tat, als bemerkte er ihr Erschrecken nicht. »Mein Mühmlein, ich bin ein reicher Mann.« Unwillkürlich spähte sie hoch zum Biberhut auf seinem krausen Haar, seinem Beweis des Reichtums. Böse Zungen munkelten, Chunrat verkaufe seine Ware an jeden, der ihm einen guten Preis bot – gleich ob nun Deutscher oder Walche, Ketzer, Mordbube, gar Henker. Doch eine Familie, so reich und ehrbar wie seine, musste Neider haben. Chunrats Oheim war Ratsherr in Freistadt, seine Base, wie es hieß, die schönste aller Frauen.

»Sankt Bartlmei sei Dank, ich habe gut geborgt und noch besser verliehen«, fuhr Chunrat fort. Er sah an ihr vorbei, während er sprach. »Gottes Gunst und mein Geschick erlauben mir, ein zweites Haus auf dem Burgfeld zu kaufen, dazu einen Krautacker und Bäume und ein Gärtchen. Wir werden alles haben, was dein Herz begehrt.«

Wir?

Wir!

Chunrat sah sie erwartungsvoll an. Ich will dich haben. Ich wollte dich schon immer. Hatte er sein Begehr laut ausgesprochen?

»V-verzeih mir, lieber Vetter«, stammelte sie, »ich bin …« … halb verhungert und halb zu Tode geschunden? Sie hatte ihren Stolz! »… ein wenig müde.«

»Ich will dich als meine Frau, Mühmlein.« Eine lange Pause. »Els.«

Sie platzte mit dem Erstbesten heraus, was ihr in den Sinn kam. »Chunrat, ich bin arm! Ich komme ohne Mitgift! Mein Vater hat mir nichts als Schulden hinterlassen.«

»Ich weiß das, und ich nehme dich trotzdem. Tausend Schock Pfennige wiegen keine tugendhafte Frau auf«, erwiderte Chunrat salbungsvoll.

Tugendhaft? Sie hätte heulen können – oder lachen. »Ich bin eine Bademagd!«

»Eine Baderstochter«, verbesserte er sie.

Ich war Els, die Baderstochter, dachte sie bitter. Jetzt bin ich Els, die Bademagd. Aber sie konnte Chunrat nicht dafür hassen, dass er sie tugendhaft nannte. So Gott sich ihrer erbarmen wollte, würde sie niemals sein wie Sophei. Sie hasste den Scherer, die Badegäste, den Schweißgestank und Dampf und selbst den Zuber, der für sie kein Schiff mehr war; sie fühlte sich gefangen im Haus ihres Vaters, das sie nicht länger ihr Heim nennen durfte.

Chunrat war bereit, ihr das Wurz’sche Reich mit all seinen Schätzen zu eröffnen: ein Paradies, das nach Schwefel und Safran roch.

»Fragst du mich aus Mitleid?«, entfuhr es ihr.

»Als Christ stünde es mir schlecht an, keins zu haben.« Sie starrte ihn an, bis er ungeduldig fortfuhr: »Ich wollte dich immer zur Frau. Deine Mutter wusste das; weshalb sonst hätte sie dich zu mir gebracht? Du hast ihren Segen.«

Meine Mutter brachte mich zum Safran, nicht zu dir! Aber schloss denn das eine das andere aus? Was hätte die Witwe eines Wurz für ihre Tochter gewollt? Den Scherer und das Badehaus – oder die Düfte Venedigs? Dazu einen Krautacker und Äpfel genug, um Els’ Magenknurren für immer zu stillen; ein Hochzeitskleid aus karmesinrotem Samt und Chunrats fettig glänzende Finger, die das Ehebett mit Safran bestreuten …

Er griff nach ihrer Hand; sie ließ es geschehen. Zu gern hätte sie an seinen Fingern geschnuppert und den bittersüßen Duft eingesogen. Safran, süß und bitter wie Liebe. Sollte ihr das ein Zeichen sein?

Wär der Fischäugige ein Friedel für dich?

Els schnappte nach Luft. Als wäre sie taub gewesen, stürmte von draußen der Marktlärm auf sie ein, Pfeifen und Trommeln und Gelächter, das schrille Plärren eines Kindes und das Zanken alter Weiber.

Marktpatron, Patron der Venediger Kaufleute, steh mir bei!

»Gib mir drei Tage!«, bat sie. »Bis zu Sankt Bartlmei. Unser Verlöbnis soll unter seinem Schutz stehen.« Wenn ich denn ja sage.

Chunrat musterte sie lange. »Nun gut. Ich verspreche, dich nicht vor Sankt Bartlmeis Tag zu fragen.« Sie merkte ihm die Enttäuschung an, den Unwillen über die Frist, die sie ihm setzte, und sie fühlte sich kindisch, lächerlich, frei – fast wie eine Schwachsinnige. Wer war sie denn, die Bademagd, und was maßte sie sich an, den Wurz zu verschmähen?

»Du sollst eins noch wissen …« Chunrat verstummte jäh und lächelte ein Lächeln, das diesmal fast seine Augen erreichte.

»Halt dich heut Abend bereit«, befahl er. »Nach Sonnenuntergang, wenn du frei hast. Ich gehe mit dir auf den Markt und kaufe dir Bänder, Zuckerwerk – alles, was du willst.«

Els hatte nie frei, war mehr Sklavin als Magd, aber zu stolz, um es zu sagen. Sie nickte. Vielleicht, dachte sie, wenn erst der Scherer hörte, dass ihr reicher Vetter … Aber wenn sie Chunrat nicht heiraten wollte, wie konnte sie ihm dann schulden?

Wie ihm mein Vater geschuldet hat, antwortete sie bitter auf ihre eigene Frage. Wie er der halben Stadt geschuldet hat, und ich wusste von nichts.

»Heute Abend«, versprach sie, und damit ließ Chunrat sie gehen.

Zweites Kapitel

 

Der Tag draußen brannte grell. Els fühlte sich, als träte sie aus einem Traum. Benommen setzte sie einen Fuß vor den anderen. Aller Wagemut und alle Vorfreude waren verflogen; jeder Schritt brachte sie dem Badehaus näher.

Auf halbem Weg durch die Pfarrgasse hörte sie Gejohle. Eine Horde Jungen rannte ihr entgegen, alle schmutzig wie die Ferkel und mit mancherlei Instrumenten versehen – mit Hölzern, die sie aufeinander schlugen, und mit geschnitzten Pfeifchen.

»Kommt – ins – Badehaus!«, brüllten sie. »Zieht – euch – nackig aus!«

Marktgänger blieben stehen, schimpften, lachten. Els spähte nach Hinz’ Brüdern, doch sie sah keinen. »Sauberes Wasser!«, johlten alle durcheinander, »kommt zum Bader Christann! Kommt, kommt zur Badestube an der Froschau!«

Die ersten waren an Els vorbei und die übrigen nahmen sie in ihre Mitte. Wie ein Stück Treibholz riss die schmutzige, lärmende Welle sie mit. Schelte und Keifen und schrille Kinderstimmen hallten in ihren Ohren, doch all das klang fern, als hätte sie den Kopf unter Wasser.

Was hatte ihr Chunrat zuletzt sagen wollen? Das Rätsel nagte an ihr. Sie musste an Chunrats glänzende Finger denken, an den Duft aus dem Mörser, süß und bitter wie Liebe.

Nur ein paar der Jungen wiesen den Badewilligen den Weg zur zweiten Linzer Badestube an der Froschau, der Rest war frech genug, sich bis in die Obere Badgasse zu wagen. Ihr Johlen lockte Örtlein vors Haus. Mit seiner Rute jagte er sie davon, hetzte ihnen auf krummen Beinen nach, fluchte, drohte – und Els sah die Tür zum Bad offen und unbewacht stehen. Welch Gunst der Stunde! Die kleinen Herolde hatte gewiss ihr seliger Vater geschickt! Flugs war sie drinnen und sprang die Treppe hoch.

Oben in der Kammer streifte sie in Windeseile ihre Schuhe ab, löste den Gürtel, riss an widerspenstigen Knöpfen und Hafteln und warf alles, Mantel, Suckl, Rock, aufs Bett. Sie lachte vor Erleichterung, als sie im Kittel stand. Niemand würde je von ihrem Wagnis erfahren. Frohen Mutes schlich sie zur Kammertür.

Die Tür flog auf. Nur ein rascher Seitwärtssprung rettete Els vor einem gebrochenen Kiefer. Der Scherer wankte herein. Hinter ihm auf der Treppe lauerte Örtlein mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß.

Der Scherer sah Els, sah die Kleider auf dem Bett, sah alles.

»Hältst mich wohl für dumm?«, bellte er und packte grob ihren Arm. Els roch den Wein auf seiner Zunge, nicht sauren Trester, sondern den guten Malvasier, der für die Badegäste bestimmt war. Diensteifrig wackelte Örtlein herbei und reichte ihm die Rute.

Der Scherer schleifte Els zum Bett, stieß sie bäuchlings nieder und riss ihren Kittel hoch.

»Das – und das – und das – lass dir gesagt sein!« Einen Streich für jedes »das«. Weiter hieb der Scherer auf ihre Blöße ein, bis sich Els, um nicht zu schreien, die Lippen blutig gebissen hatte. Sie vergrub das Gesicht im kratzigen Strohsack und kniff ihre Augen gegen die Tränen zusammen.

Wieder und wieder sauste die Rute herab. Els hasste den Scherer.

Sie hasste ihn! Ein Streich.

Sie hasste ihn! Noch einer.

Als der Scherer endlich von ihr abließ und den Kittel auf ihr wundes Hinterteil klatschte, brannten ihre Hinterbacken und Schenkel wie Feuer. Vergeblich bemühte sie sich aufzustehen. Ihre Füße gehorchten nicht. Ihre Wangen fühlten sich zerkratzt und geschwollen an, ihr Mund schien mit Spreu und Stroh gefüllt zu sein.

Hustend und unbeholfen kam sie zuletzt doch auf die Beine. Sie wollte dem Scherer ins Gesicht spucken, aber dazu fehlte ihr der Mut und sie spie bloß auf den Boden.

Des Scherers Fratze verzog sich zu einem bösen Grinsen. »Hast du genug?«

Schweiß rann ihm über den kahlen Schädel. »Hast du genug? Oder hat es der schwarzen Els die Sprache verschlagen?«

Sie schwieg.

Drohend tat er einen Schritt auf sie zu, ballte die schwielige Linke zur Faust und wedelte mit der Rute in seiner Rechten. »Hast du genug, schwarze Els?«

Els fühlte ihre Knie weich werden. Sie nickte stumm. Seid stark oder zum Teufel mit euch!, verfluchte sie ihre Beine. Vater und Mutter, gebt mir Kraft!

»Dann runter mit dir! Los!« Ein weiteres böses Grinsen, als sie nicht sogleich gehorchte. »Oder hast du doch noch nicht genug?«

Sie stolperte an ihm vorbei und schaffte es bis zur Tür, ehe sie taumelte. Örtlein trat ihr in den Weg und stützte sie. In seinem Blick unter den buschigen Brauen lag etwas, das sie nur schwerlich deuten konnte: rechtschaffene Befriedigung gepaart mit Mitleid?

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich der Scherer über das Bett beugte und die schönen roten Ärmel von ihrem Rock riss. Sie stieß Örtlein weg und eilte hinzu – doch wieder gaben ihre Knie nach und sie landete auf allen Vieren. Der Scherer blickte auf sie herab, dann auf die zerknüllten Ärmel in seiner Hand. Er hieb damit nach ihr wie mit der Rute und warf ihr das Leinen ins Gesicht.

»Runter!«, befahl er. »Hilf Sophei in der Stube.« Schon polterte er aus der Kammer und die Treppe hinab.

Gott, mach, dass er fällt und sich den Hals bricht! Els raffte die Ärmel an sich und konnte nicht verhindern, dass Tränen auf das rote Leinen tropften.

Peinlich berührt kratzte sich Örtlein den struppigen Bart. »Das sei dir eine Lehre«, knurrte er und ging. Er schloss die Tür hinter sich.

Mühevoll erhob sich Els auf die Knie. Der Schmerz jedoch, als der Kittel an ihrer wunden Haut rieb, war unerträglich; winselnd sank sie zurück auf alle Viere – krallte die Hände ins rote Leinen und wünschte sich, es wäre die Gurgel des Scherers.

Das erste Mal hatte sie die Ärmel ihrer Mutter bei deren Totenwache getragen, hatte sie dann ein halbes Jahr später erneut an den Rock genestelt, als sie den Priester für den Vater hatte rufen lassen. Im feinsten Putz war Els am Siechbett gesessen, während draußen die Pfarrglocke gedonnert hatte und der Vikar, umringt von singenden Schülern und allen Bettlern der Stadt, zum Bad geeilt war. Der »schöne Jäklein«, eine Missgestalt mit einer von Geschwülsten entstellten Fratze, hatte dem Vikar das Licht vorangetragen.

Und auch zu ihres Vaters Totenmahl hatte Els die roten Ärmel angenestelt, ihren Eltern zur Ehre.

Keiner der beiden hätte gewollt, dass sie wie ein geprügelter Hund in dem Badehaus hockte, das doch ihr Erbe und ihr Eigen sein sollte. Steif wie eine uralte Frau erhob sich Els. Sie humpelte zum Bett und nahm den Rock auf, glättete ihn und strich über die Nestelbänder, an denen rote Leinenfetzen hingen.

Dann erst lüpfte sie ihren Kittel und zwang sich, die knallroten Striemen zu betasten. Der Splitter eines Rutenzweigs hatte sich tief in den Schenkel gebohrt. Sie riss ihn heraus und sah Blut quellen, presste mit den Fingernägeln einen Tropfen hervor und verschmierte ihn auf der Haut. Er schimmerte tiefrot wie …

Karmesinroter Samt. Die Erinnerung kam ungebeten. Und dann der Gedanke, was Chunrat sagen würde, wenn er sähe, wie … Sie ließ ihren Saum fallen und stand so aufrecht wie möglich, damit das grobe Leinen nicht an ihren wunden Schenkeln kratzte.

Sie würde Chunrat heiraten. Das hier musste ein Ende haben und ihre Eltern würden es so wollen.

Mutter, Vater, steht mir bei!

Sie biss die Zähne zusammen und humpelte zur Tür. Sophei brauchte Hilfe in der Stube.

 

Die andere Magd fragte nicht nach Els’ roten, verheulten Augen und zerkratzten Wangen. Ihr Blick huschte hinab zu Els’ Beinen und Schenkeln und sie tat, als bemerkte oder verstünde sie Els’ Kopfschütteln nicht. Sie schickte Els Rücken und Haare schrubben, verschwitzte Leiber mit Aschenlauge übergießen und auf Händen und Knien die Puff-Steine einsammeln, die ein Hitzkopf nach einem anderen geworfen hatte.

Zwischendurch teilte sie mit ihr ein hartes Stück Brot, einen Becher sauren Trester und den neuesten Tratsch: Nahe der windischen Grenze hatten zwei Räuber im Wald gelegen und einem Pilgramer Kaufmann alles Gewand – selbst die Bruche! – geraubt. Sophei kicherte schadenfroh, als sie für Els beschrieb, wie der fette Pilgramer barfuß und zerschunden aus dem Wald gestolpert war – mit kaum einer Elle seines billigsten Tuchs, die ihm die Räuber gelassen hatten, um seine Blöße zu bedecken.

Els’ Schenkel schmerzten vor tief empfundenem Mitleid mit dem armen Kaufmann. Und wer stahl eine Wagenladung Tuche? Wozu? Um sie selbst zum Linzer Markt zu fahren?

Sophei wusste die Antwort: »Für die Ketzer. Für Priestergewänder und damit sich ihre Frauen daraus Strümpfe und Jacken machen können, so als wären sie Männer.« Sie spie auf ihre harte Brotkruste, tunkte sie dann in den Becher und zerdrückte sie am Becherboden, damit sie weich würde.

»Ich wünscht ja, ein Räuber käme zu uns«, vertraute sie Els an. »Der von Doudleby oder dieser Teufl, vor dem alle so erzittern. Wenn der hier reinstolzierte und sich von mir abreiben ließe – ich frag mich, wie der so wäre.«

»Stinkend und verlaust vom Im-Wald-Liegen«, gab Els zurück, doch das tat Sopheis Schwärmerei keinen Abbruch.

»Na und? Dann braucht er umso mehr ein Bad.«

Ein klein wenig fühlte sich Els besser, als sie zurück an die Arbeit ging, und das war traurig, wenn schon ein Bissen altes Brot und ein Schluck saurer Wein reichten, um sie froh zu stimmen. Der Strom der Gäste wollte nicht versiegen. Die Linzer kamen halb nackig mit Badesäcken über der Schulter, die Fremden teils noch im Reisegewand. In der Abziehstube händigte ihnen Örtlein Ruten und Waschkübel, Hüte zum Schutz des Gehirns vor dem Dampf und auf Wunsch auch Badehemden aus. Er flitzte auf seinen krummen Beinen so hurtig hin und her, dass er Els’ verachtungsvolle Blicke nicht bemerkte.

Den Gästen zum Auftakt des feucht-fröhlichen Vergnügens den ärgsten Schmutz von Rücken und Armen zu reiben, war nicht allzu schlimm. Um aber die Beine zu erreichen, musste Els knien, und das entlockte ihrem Hinterteil sowie ihren Schenkeln den schmerzlichsten Protest. Sophei hatte Mitleid und raunte ihr, um sie abzulenken, Scherze zu: »Der da« – ein Kaufmann, rosiger als ein Ferkel – »schwitzt nicht nur wie ein Schwein, er quiekt auch wie eines!«

»Beim Baden?«, tat Els ahnungslos.

Ein langer, prüfender Blick: Konnte sie wirklich so unschuldig sein? »Beim Abreiben«, erwiderte Sophei zu guter Letzt.

Unschuldig mochte Els sein – aber gewiss nicht blind. Die Männer warfen für Sophei Pfennige in den Zuber, damit, wenn sie sich danach bückte, ihr Kittel hochrutschte und ihr pralles Hinterteil entblößte. Wann immer sie einem den Weg in den Ruheraum wies, humpelte sie krummbeinig wie ein altes Weib zurück. Genau deshalb hatte der Vater einst geschworen, dass Els nie eine Bademagd sein würde.

Hier in der Abziehstube, wo Els nun kniete, war der Dolch eines Raufbolds in seine Brust gefahren. Worum es bei dem Streit gegangen war, wusste niemand. Ums Kartenspielen, hatte Els gehört, um ein paar Pfennige, um Sophei. Nackt, mit seinen Kleidern im Arm, war der Mörder durchs Badertürchen entwischt, und im Dunkeln wollte keiner gesehen haben, ob ihn seine Flucht stromaufwärts nach Wilhering oder doch stromabwärts geführt – ob ihn gar sein böses Gewissen in die Donau getrieben hatte, wie Els von einer frommen Witwe versichert worden war.

Sopheis Rippenstoß riss sie aus trüben Erinnerungen. »Eins, zwei, drei«, wisperte die andere Magd und schon ging das Wetteifern los, wessen Gast als Erster bereit für die Schwitzbank wäre. Das Spiel half Els für ein paar Augenblicke, den Vater und den Schmerz in ihren Schenkeln zu vergessen.

Noch ein Rücken, mit Dreck fast wie mit Aussatz verkrustet; noch ein staubiges Bein und ein schwarzer Fuß, der nach verdorbenem Käse stank. Ein Gast benötigte Hilfe beim Ausziehen seiner zu engen Strümpfe und seiner Schuhe, deren spitze Schnäbel er mit Kettchen hochgebunden hatte. Gehorsam kniete Els vor ihm nieder.

»Knecht, bewach das gut! Die Jacke ist neu. In ganz Wien gleicht ihr keine. Wehe, wenn ich sie an einer Linzer Brust erspähe!«

Ihre Finger hörten auf, am Kettchen zu zupfen. Verstohlen lugte sie an ihrem Badegast vorbei. Der Sprecher stand Örtlein zugewandt; Els sah nur rotblondes Haar und eine Bruche, aus der oben ein hagerer Rücken und unten lange, dürre Beine entwuchsen.

Der fuchsgesichtige Kaufmann von der Lände griff nach dem Badesack, um seine teure Ärmeljacke eigenhändig hineinzustopfen. Örtlein, in seiner Ehre als Gewandhüter gekränkt, wandte sich entrüstet ab. Els aber schien es, als verberge der Fuchs beim Hineinstopfen etwas in den Falten der Jacke. Wenn er viel Geld dabei hatte, warum zählte er es dann nicht vor und ließ es sich bezeugen?

Ein stämmiger Badegast lachte. »Hast du Angst, dass einer deine Läuse klaut?«

»Der Scherz war übel, Ulreich«, tadelte ihn der Fuchs.

»Verzeih mir«, spottete Ulreich. »Ich meinte natürlich Wiener Läuse mit ganz besonders seidigen Beinchen – die erlauchteste Gesellschaft für deine Wiener Wanzen, die nur Wiener Ärsche beißen!«

Achtlos warf er Örtlein seine Bruche zu und trat nackt vor die kniende Sophei. Der schnabelbeschuhte Gast versetzte Els einen Tritt, auf dass sie sich seiner entsänne.

»Ich krieg das Hübschchen, du das Knochengerippe.« Ulreich ließ ohne jede Scham sein Gemächt vor Sophei baumeln. Er wandte sich halb zu Els um.

»Da staunst du, was? Einen Prachtkerl wie mich hast du noch nicht oft gesehen!«

Sie senkte hastig den Kopf. Dennoch spürte sie, wie sein Blick über ihre flache Brust und ihre knochigen Hüften glitt.

»Ja, gibt’s denn das?« Diesmal klang er belustigt. »Ist das Mägdchen gar so fromm wie die heilige Mutter? Du hast Glück, mein Freund«, vertraute er seinem Gefährten an, als dieser vor Els trat. »Nicht jeder kann sich brüsten, den Jungfernkranz einer Bademagd geraubt zu haben!«

Heiße Schamesröte stieg Els in die Wangen und der Fuchs starrte geflissentlich über sie hinweg, während sie ihn mit kaltem Wasser übergoss und erst seine Brust, dann seine Beine abrieb. Staub und Dreck rannen aus seinen Haaren, doch die rotblonde Farbe blieb. Auch die Härchen auf seiner Brust und seinen Schenkeln waren rot.

Ulreich lehnte sich zu seinem Gefährten. »Sie starrt dich an«, raunte er dem Fuchs ins Ohr. »Los, erzähl ihr, auf wie vielen Weibern du schon gelegen hast! Das wird ihr die Angst rauben. Keine Jungfer wünscht sich einen Lippel, der nicht weiß, in welches Loch er stoßen muss.«

Els entriss dem allzu erfahrenen Herrn seinen krempenlosen Badehut, drückte ihn fester als nötig aufs fuchsblonde Haupt und presste dem Träger seinen Quast in eine, den Waschkübel in die andere Hand.

»Da, fertig, und vergnügt euch!« Bloß nicht mit mir!

 

Wenig später schickte Sophei sie zurück in die Badestube, um dort nach dem Rechten zu sehen. Ein dürres Männlein, das mit drei anderen im Zuber saß, winkte Els sogleich herbei. »Baden macht durstig. Welchen Wein kannst du uns kredenzen? Malvasier? Reinfal?«

Sauren Trester, dachte Els, aber sie holte gehorsam vier Becher Malvasier für das Männlein und die drei jüngeren Kaufleute im Zuber, bei denen es sich um seine Neffen oder Schwiegersöhne handeln mochte, Tuchhändler, wenn man nach ihren Vollmondgesichtern und wohlgenährten Wänsten ging.

Der Blick des jüngsten Schwiegersohns blieb an Els’ Kittel hängen – an den Knospen, die sich in der dampfigen Luft prall darunter abzeichneten. Sie errötete vor Zorn und Scham und wünschte sich weit fort, wünschte sich, dass …

Ja, was? Dass Gilig der Bader aus seinem Grab steigt?

Er saß in Petrus’ himmlischem Badezuber, das hatte er ihr mit seinem letzten Atemzug versprochen. Das Wasser war dort niemals zu kalt oder zu heiß, und ihre liebe, tote Mutter versüßte ihm das Bad mit duftenden Spezereien. Zimtstangen und Muskatblüten warf sie in den Zuber und die Fäden vom Safran färbten das Wasser eidottergelb.

Ich wünschte mir, bei ihnen im Himmel zu sein.

Der jüngste Schwiegersohn packte statt des Bechers, den sie ihm reichte, ihr Handgelenk und zog sie zu sich herab. »Fünf Pfennige«, flüsterte er, »nur für dich, wenn du mir den Weg in den Ruheraum weist.«

Sie riss sich los. Der Malvasier schwappte im Becher. In hilflosem Zorn goss sie ihn dem Freier übers Haar. Dafür wird mich der Scherer totschlagen, war ihr erster Gedanke, als sie zu Sinnen kam und in das tiefrote Wasser starrte, auf dem ein Puff-Brett trieb – die Steine nun so blutüberströmt wie damals des Vaters Wunde.

»Verzeiht«, stammelte sie, »verzeiht mein Ungeschick …«

»Du wagst es? Du … gemeine Hure!« Des Freiers Stirn färbte sich dunkler als das Wasser, als karmesinroter Samt.

»Verzeiht, mein Herr …«

»Mich zu beleidigen!«

»Es war Ungeschick«, kam ihr von den nahen Schwitzbänken einer zu Hilfe. »Schaut nur, wie ihre Hände zittern.« Alle – auch Els – starrten ihre Finger an, die sich um den leeren Becher krampften.

»Ein schreckhaftes Mägdchen«, pflichtete Ulreich seinem Gefährten bei. »So bietet der Linzer Markt tausend Wunder: Gaukler, die mit den Zehen Fackeln werfen, tanzende Affen und sogar eine jungfräuliche Bademagd!«

Der Fuchs und die Umsitzenden lachten schallend, ja selbst das Schnaufen des ältesten Schwiegersohns konnte ein Kichern sein.

»Du Glücklicher«, der mittlere Schwiegersohn hieb dem jüngsten auf die Schulter, »freu dich: Du bist in Wein gebadet – unsereins nur in Wasser!«

Els eilte davon, um den Becher neu zu füllen. Bei jedem Schritt mahnte sie ihr Hinterteil an das Wunder, für diesmal der Rute entkommen zu sein.

Bis sie zurückkehrte, waren der Fuchs und die drei Schwiegersöhne gute Freunde. Er stellte sich ihnen als Gebhart Knäussel vor, Sohn des Niclas Knäussel und Wiener Bürger – zum Markt gereist mit seinem treu ergebenen Knecht Ulreich, der, als er sich so bezeichnet hörte, eine Fratze schnitt. Els musste an die Wiener Ärsche und Wiener Wanzen denken: Sprach denn so ein Knecht zu seinem Herrn? Aber Ulreich war älter als Gebhart und mochte seinen jungen Dienstgeber wohl von der Wiege auf kennen.

»Die Wiener reisen nicht zum Markt«, belehrte das Männlein im Zuber einen jeden, der es hören wollte. »Sie warten lieber, bis man die Ware vor ihrer Tür stapelt, damit sie es bequem haben! Was, frage ich mich, treibt einen Wiener nach Linz?«

Gebhart zögerte mit der Antwort und spähte besorgt in den Dunst, als wisse er nicht, wem hier zu trauen sei. Er senkte die Stimme. »Vielleicht will er sich einen Namen machen, indem er …« Die Tuchhändler im Zuber spitzten die Ohren – Els ebenso.

Der treu ergebene Knecht Ulreich aber hieb seinem Herrn auf die Schulter, dass es klatschte.

»Sei still, du Lippel!«, knurrte er. »Einmal schneiden sie dir noch die lose Zunge raus, und wenn’s keiner tut, tu ich’s! Geschäfte wie unsere macht man nicht im Badehaus!«

Erwartungsvoll blickten die Schwiegersöhne von einem zum anderen.

»Sag uns, was du zum Markt bringst«, bedrängten sie Gebhart, und der mittlere Schwiegersohn spähte gar hoffnungsfroh zur Schwitzbank, als glaubte er, Gebhart hätte seine Weinfässer und seine Ballen Damast gleich mit ins Badehaus geschleppt.

»Sagen wir so«, begann Gebhart, der die Aufmerksamkeit sichtlich genoss und Ulreichs finsterer Miene keinen Blick schenkte. »Wenn es in dieser Stadt einen Gewürzkrämer gibt, der sein Geschäft versteht, dann muss ihm gewiss die Spucke im Mund zusammenlaufen.«

»Obstgelee aus Genua?«, riet das dürre Männlein und schmatzte genießerisch.

»Kandierten Ingwer!«, frohlockte der älteste Schwiegersohn.

»Safran«, dachte Els, »Safran aus Venedig!«

Erschrocken presste sie eine Hand auf die Lippen, doch zu spät – die Worte waren entschlüpft und Gebharts Blick ruhte auf ihr. Seine Augen waren blau, nicht blass wie Chunrats, sondern strahlend wie die Donau an schönen Sommertagen.

Wer bist du?, glaubte Els in ihnen zu lesen.

Sopheis Auftauchen rettete sie. Die andere Magd schob sich vor Els und schenkte den Männern im Zuber ein schelmisches Lächeln. Ihr Kopftuch hing lose und bedeckte kaum noch den kohlschwarzen Scheitel. Keck beugte sie sich über den Zuber und tat, als musterte sie die durchweichten Heublumen darin. »Wie kann ich den Herrschaften zu Diensten sein?«

Els wandte sich halb ab und spähte zur Schwitzbank, versuchte einen Blick auf Gebharts Finger zu erhaschen. Glänzten sie fettig und gelb?

»Geh raus und hilf Örtlein!«, raunte Sophei neben ihr und versetzte ihr, als Els nicht sofort gehorchte, mit der Hüfte einen Schubs. »Los, geh!«

Els ging. Bei der Tür spähte sie noch einmal zurück und strengte sich an, um durch den Dampf die Segel des Zuberschiffs zu erkennen. Es gelang ihr nicht.

 

Damals, bevor der Vikar an des Vaters Siechbett gekommen war, hatte Els jedes Versteck im Haus durchwühlt und zwei Perlen gefunden – den Rest ihrer Perlen, die sie dem Vater doch im Jahr zuvor für die Rettung der Mutter aufgedrängt hatte.

Der Vikar hatte ihr die Perlen und ihrem Vater die Beichte abgenommen, ihn mit Öl gesalbt und mit dem wundertätigen Waschwasser eines Nachbarn, der von einem Geschwür genesen war.

Dem Vater hatte das Waschwasser nicht geholfen.

Ein Klaps mit der Rute riss Els aus den Gedanken. Sie starrte Örtlein an und fühlte sich für einen Herzschlag wie ein wildes, gefangenes Tier.

»Faules Stück«, knurrte er halbherzig, kratzte sich dabei den Bart. »Halt hier mal Ordnung, während ich …« Sein Griff zur Bruche ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. »Und dass kein Pfennig wegkommt, sonst …!« Der Blick zur Rute ersetzte das Ungesagte.

Els nickte. Der Alte humpelte hinaus, um sich zu erleichtern, doch ihre wunden Schenkel ließen nicht zu, dass sie auf dem Hocker des Gewandhüters Platz genommen hätte. So lehnte sie sich ans Regal mit den Badesäcken und malte sich aus, welche Schätze diese wohl verbargen. Mancher Fremde brachte goldene Ringe ins Bad. Oder einen prall gefüllten Beutel, neue Strümpfe …

Ihre Hüfte berührte den Badesack, in dem die Jacke des Safranhändlers steckte.

Heilige Mutter Maria, steh mir bei!

Apolonia, die Badhexe, war auf ihre ureigenste Art fromm gewesen. Sie hatte Jesu Strahlen im Zimtduft und Mariens Lächeln in der bitteren Süße des Safrans gefunden. So wie der Vater zu Petrus aufgefahren war, saß sie nun ganz gewiss zu Füßen der heiligen Mutter. Und wenn sie Els ein Zeichen geben wollte, wie könnte sie es besser tun als durch Safran?

Ein banger Blick zur gassenseitigen Tür, noch einer zur Badestube, ehe Els den Sack unter einem Paar spitzer Teufelsnasen hervorzog. Die Schuhe wirkten abgetragen. An mehr als einer Stelle lösten sich ihre Schäfte von den Sohlen. Els zog die Jacke aus dem Badesack und schüttelte sie aus, befühlte sie.

Aus einer verborgenen Falte fiel ein Döschen, handtellergroß und federleicht, mit einem Ring, um es an den Gürtel zu hängen. Els hielt es ans Ohr und erzitterte vor Aufregung, kaum dass sie ein Rascheln hörte. Das mulmige Gefühl in ihrem Magen wandelte sich in ein ehrfürchtiges Kribbeln. Erneut spähte sie in alle Richtungen und hob den Deckel.

Rotes Gold! Röter als ihre wund gescheuerten Hände, röter als die Striemen von des Scherers Rute, röter als karmesinroter Samt. Da lagen sie, die Fädchen, genau wie Apolonia sie beschrieben hatte – so feurig und strahlend, dass Els das Herz vom bloßen Hinschauen wehtat. »Erde und Rauch, Heu und Honig, der Brautkuss deines Vaters«, glaubte sie die Mutter raunen zu hören. Oh, wie sie sich danach sehnte, das alles zu kosten!

Aber Els war keine Diebin. Und wäre sie eine gewesen, Safran zu stehlen schien ihr in diesem Augenblick wie Frevel, wie Gotteslästerung. Der Weg zum Safran führte durch Chunrats Ehebett. Es stand ihr frei, ihn zu wählen.

Els starrte in das tiefe, feurige Rot und wusste, dass sie ihn wählen würde.

Mit einem Seufzer, der von Herzen kam, wollte sie das Döschen schließen. Ihre Finger aber weigerten sich, und so geisterte sie mit den Kuppen über den Safran wie vorhin über Chunrats karmesinroten Samt. Diesmal gab es niemanden, der ihr die Hand geführt hätte, und ohne Erlaubnis wagte sie das rote Gold nicht zu berühren.

Ein Faden – einer nur – verhakte sich an ihrem gesplitterten Daumennagel.

Els erstarrte. Sie war sicher, nichts angefasst zu haben. Aber da saß das feurige Fädchen, so unschuldig wie ein Marienkäfer inmitten ihrer Schwielen und eingerissenen Nägel. Hatte die Mutter ihre Hand geführt, sie wie ein schüchternes Kind vorwärts geschubst?

Erinnerungsfetzen huschten durch ihren Kopf: Apolonia, die zum Kirchweihfest statt Brot eine Stange Zuckerwerk für Els kaufte; die den dürren Schinken vom Kastraun in einer goldgelben Brühe aus Ringelblumen auftischte und damit dem Vater selbst in bittersten Zeiten ein Lächeln abrang. Gewürze waren ihr Geheimnis gewesen, ihr Geschenk und ihre Liebe. Sie hätte gewusst, dass Els dem Safran nicht widerstehen konnte.

Els schloss das Döschen. Sie verbarg es in der Jacke, stopfte sie zurück in den Badesack und diesen ins Regal. Und dann … legte sie den Safranfaden auf ihre Zunge.

Zuerst schmeckte sie nichts – glaubte gar, ihn versehentlich geschluckt zu haben. Tränen des Zorns stiegen ihr in die Augen. Schon aber fand sie das Fädchen wieder und kaute es, spülte den Speichel im Mund hin und her …

Maßlose Enttäuschung machte sich in ihr breit. Der Geschmack war leicht bitter wie Apolonias goldgelbe Brühe. Was jedoch fehlte, war die Süße – waren Erde und Rauch, Heu und Honig, war der Brautkuss Giligs des Baders.

Der Safran schmeckte nur nach Ringelblumen.

Drittes Kapitel

 

Ungläubig sog Els die Spucke ein. Der Geschmack blieb, was er war: die leichte Bitterkeit von Ringelblumen – und dann plötzlich ein jäher, süßlicher, fast ekelhafter Nachklang. Wenn das Safran, wenn das Liebe sein sollte, hatte Apolonia sie und den Vater all die Jahre betrogen!

Warum schnitt der Knäussel Ringelblumen in solch feine Fädchen und bestäubte sie mit – war das Mennige? Zinnober?

»Eins merk dir, Elslein, mein Söhnlein«, hatte sie der Vater gewarnt. »Was auf der Welt von Wert ist, sei’s Gold oder Ehre, wird nur allzu oft gefälscht.«

Kein Safranhändler – ein Safranfälscher! Möge ihn die Pest dahinraffen, war ihr erster Gedanke, dafür, dass er mich so an der Nase herumgeführt hat!

Gleich aber schüttelte sie über sich den Kopf. »Dem Brotdieb steht’s schlecht an, den Bäcker zu schelten«, hätte ihr Vater gesagt. »Der sei dankbar, und mögen die Schwindelkörner in seinem Brot auch noch krabbeln!« Sie war eine Bademagd; gefälschter Safran der, den sie verdiente.

Aber wenn ihr Apolonia nicht das Glück des Safrans gewünscht hatte: Welches Glück wünschte sie ihr dann?

 

Das einzige Fenster der Badestube ließ kaum mehr als Dämmerlicht herein, und Sophei musste die Kiesel auf dem Ofen frisch übergossen haben, denn der Dunst war dick wie Sonntagssuppe. Els erahnte Gebharts Fuchsgesicht auf der Bank neben Ulreich, dem der Schweiß vom Schädel rann.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und schlüpfte zur Bank. »Komm doch mit!«, lockte sie Gebhart, wie sie es bei Sophei oft genug gehört hatte. »Ein wenig im Ruheraum zu liegen täte dir gut. Und an Gesellschaft soll’s dir, wenn du sie wünschst, nicht mangeln.«

Gebhart schien mehr verdutzt und argwöhnisch als lüstern; Ulreich aber hieb seinem Herrn freudig auf den nackten Schenkel.

»Geh schon! Worauf wartest du? Die Lager in den Linzer Bädern sind gut gepolstert, wie ich höre … oder ’s mag sein, nicht alle«, schränkte Ulreich mit einem Blick auf Els’ knochige Hüften ein.

»Ich …« Gebharts Gesicht erglühte röter als seine Haare. »Ich kann dir keinen Pfennig geben.« Er wollte wohl auf seinen leeren Beutel klopfen – vergaß aber, dass er nackig war, und schlug sich stattdessen auf die Hüfte.

»Sie will keinen Pfennig, sie will nur ihrem edlen Retter danken. Los, geh mit!«, befahl Ulreich grinsend.

Sein raues Lachen folgte Els, als sie Gebharts Hand ergriff, ihn von der Bank und aus der Stube zerrte – vorbei an dem verdutzten Hinz bei seinen Kesseln und in die fensterlose Kammer, in der ein Bett wartete: sonst nichts.

Sie knallte die Tür zu. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie allein mit einem nackten Mann hier stand, ja ihn noch dazu hergebeten hatte! Ihre Knie fingen an zu zittern. Heilige Mutter Maria, heilige Dorothea, heilige Elspeth, steht mir bei!

Gebhart riss sich den Badehut vom Kopf und warf ihn aufs Bett. War das ihr Zeichen, um aus dem Kittel zu schlüpfen? Wenn sich der Unhold auf sie stürzte … Sie könnte sich heiser schreien und keiner käme ihr zu Hilfe. Alle würden es als jungfräuliche Wehleidigkeit abtun.

Er las ihr die Angst wohl vom Gesicht ab, denn er seufzte. »Hör zu: Ich fühle mich geschmeichelt, jedoch bin ich ein Ehrenmann und es stünde mir schlecht an, dir deine Jungfräulichkeit zu …«

»Vergiss meine Jungfräulichkeit!« Die Erleichterung lockerte ihre Zunge. »Deshalb habe ich dich nicht hergeholt. Es geht um deinen Safran.«

»Der Safran ist nicht für deine Augen …«

»Dann verbirg ihn besser!« Oh ja, Gebhart wusste, wovon sie sprach. Sie holte tief Luft. »Das Döschen ist aus deiner Jacke gefallen.«

»‚Gefallen?‘«, wiederholte er ungläubig. »Sollte meinem Safran etwas geschehen sein …«

»Eins ist geschehen«, erstaunlicherweise klang ihre Stimme fest. Die Worte strömten so unbeirrbar über ihre Lippen wie die Donau. »Ein Wunder nämlich: Dein Safran hat sich in Ringelblumen verwandelt, so wie das Brot im Korb der heiligen Elspeth in Rosen.«

Erbleichte er? »Wenn du mich bestohlen hast …«

»Bestohlen? Ich kann dir helfen!«

»Auf solche Hilfe verzichte ich mit Freuden! Gib mir mein Eigentum zurück oder ich schwöre beim Namen meines Vaters, dass …«

Sie vergaß jede Vorsicht. »… dass du ein Lügner und ein Fälscher bist?«

Gebharts Stirn lief vor Empörung dunkelrot an, doch er schwieg. Und ein merkwürdiges Gefühl ergriff von Els Besitz, sie wähnte sich sicher und frei – nicht kindisch und leichtfertig wie vorhin, als sie Chunrat die Frist gesetzt hatte, sondern stark wie ein gewappneter Mann. Der Fuchs war nackt bis auf den Balg, und sie, die Jägerin, trug einen Kittel. Es mochten Apolonias Hände sein, die sie vorwärtsschubsten.

Schließlich sagte Gebhart: »Du willst mir helfen? Na gut. Weis mir den Weg zu einem Krämer, der für Safran mit klingender Münze zahlt, und ich mag bereit sein, mich dankbar zu zeigen.«

»Ich kenne einen Krämer, der so reich ist, dass er den Safran pfund-, ja zentnerweise kauft.«

»Wer …«