Die Saiten meines Herzens - Eliza Dawson - E-Book

Die Saiten meines Herzens E-Book

Eliza Dawson

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Beschreibung

Alden Winfield ist ein begnadeter Geiger und er träumt von nichts anderem, als auf den Bühnen der Welt zu spielen. Sein ganzes Leben hat er auf dieses Ziel hin ausgerichtet – er hat keine Zeit für Freunde und erst recht nicht für Liebe. Er braucht nichts mehr als seine Musik. Nichts mehr als die Violine in seinen Händen. Doch dann macht eine Krankheit seinen Traum zunichte und die Zukunft, die Alden bis ins kleinste Detail geplant hatte, ist nur noch ein Scherbenhaufen. Was soll jetzt aus seinem Leben werden? Die Hoffnungslosigkeit droht ihn zu ersticken und um den Schmerz einen Moment zu vergessen, will er sich Trost erkaufen: Vom Straßenstrich gabelt er Luke auf, der nicht nur hübsch, sondern auch sehr scharfzüngig ist. Ihre Begegnung verläuft jedoch ganz anders als geplant und nachdem sich ihre Wege wieder trennen, geht Luke ihm nicht mehr aus dem Kopf …

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Kurzbeschreibung

Alden Winfield ist ein begnadeter Geiger und er träumt von nichts anderem, als auf den Bühnen der Welt zu spielen. Sein ganzes Leben hat er auf dieses Ziel hin ausgerichtet – er hat keine Zeit für Freunde und erst recht nicht für Liebe. Er braucht nichts mehr als seine Musik. Nichts mehr als die Violine in seinen Händen.

Doch dann macht eine Krankheit seinen Traum zunichte und die Zukunft, die Alden bis ins kleinste Detail geplant hatte, ist nur noch ein Scherbenhaufen. Was soll jetzt aus seinem Leben werden?

Die Hoffnungslosigkeit droht ihn zu ersticken und um den Schmerz einen Moment zu vergessen, will er sich Trost erkaufen: Vom Straßenstrich gabelt er Luke auf, der nicht nur hübsch, sondern auch sehr scharfzüngig ist. Ihre Begegnung verläuft jedoch ganz anders als geplant und nachdem sich ihre Wege wieder trennen, geht Luke ihm nicht mehr aus dem Kopf …

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Der Geschmack deiner Lippen

Die Saiten meines Herzens

Eliza Dawson

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Anhang

Danksagung

Weitere Bücher von Eliza Dawson

Kapitel 1

Der Tag, an dem ich meine große, meine einzige Liebe verlor, begann vollkommen unspektakulär. Gut, man musste vielleicht ein bisschen abgebrüht sein, um den Vortag eines großen Wettspielens mit aufreibenden Generalproben und allgemein flatternden Nerven unspektakulär zu finden. Aber ich spielte Violine, seit ich sechs Jahre alt war, und fast genauso lange stand ich auf der Bühne im Wettstreit mit anderen. Ich hatte keine Angst davor, vor kritischem Publikum und unter großem Druck zu spielen. Ich beherrschte meine Stücke und die Herausforderung befeuerte nur meinen Ehrgeiz. Das Einzige, was wirklich an mir nagte, war meine größte und einzige Konkurrenz als zittriges Nervenbündel zu erleben.

»Paganinis Caprice No. 24 schüchtert dich doch nicht etwa ein, Andrews?«, fragte ich Jaden mit einem süffisanten Lächeln und schob mir die Brille ein Stück die Nase hinauf. Seit er im Herbst mit mir an der Juilliard angefangen hatte, waren wir irgendwie zu Freunden geworden. Ich hatte nie beabsichtigt mich mit ihm oder irgendwem anzufreunden – dafür studierte ich nicht hier. Aber auf wundersame Weise hatte es sich in den letzten Monaten so ergeben, dass mein entspanntes Einzelgängertum ein Ende gefunden hatte. Was aber nicht bedeutete, dass ich ihm ein leichtes Spiel machen würde. Notfalls war ich bereit für einen Sieg zu psychologischen Spielchen zu greifen. Obwohl sie bei ihm ganz offensichtlich nicht notwendig waren.

Er schlang seine Arme um mich wie ein kleines Klammeräffchen und drückte den Kopf an meine Schulter. »Ach Alden, wäre ich doch nur so gelassen wie du!«

Ich verkniff mir Kommentare über mehr als ein Jahrzehnt Routine und Erfahrung, klopfte ihm einfach auf die Schulter. »Falls du morgen durchstehst, wird das schon noch werden.«

Bellamy, der Leiter unserer Fakultät, betrat die Bühne der Paul Recital Hall und winkte Jaden zu sich. Ich lehnte mich in meinem Platz zurück, um mir sein Spiel anzuhören. Auf jede kleine Schwäche wollte ich achten, damit ich eben diese Stellen besonders gut spielen konnte.

Ich knetete meine Hände, die sich ungewohnt steif und erhitzt anfühlten. Selbst die leichten Bewegungen schmerzten in den Gelenken. In letzter Zeit waren sie häufiger ein bisschen angeschwollen, aber noch nie ganz so schlimm wie heute. Bisher dachte ich, dass es einfach an der feuchten Kälte lag. Meine Finger reagierten immer empfindlich auf den Winter. Aber doch nicht so empfindlich … Vielleicht hatte ich es die letzten Wochen doch etwas übertrieben. Und selbst ich konnte nicht leugnen, dass so ein Wettspielen ein bisschen mehr Stress bedeutete. Nach der Generalprobe würde ich mich den Rest des Tages erholen und mir eine Massage gönnen. Entspannung war ohnehin die beste Vorbereitung. Das Stück hatte ich längst verinnerlicht, da brauchte ich es nicht mehr zu üben. Wegen Jaden musste ich mir da ohnehin nicht so einen großen Stress machen. Klassik war nicht seine Stärke, sondern meine.

Jetzt stand er auf der Bühne, die Violine in der Hand, sah winzig und verloren aus. Sein Blick wanderte über die leeren Stuhlreihen des Konzertsaals. Ich ließ mich zu einem Daumen hoch hinreißen, verweigerte ihm aber zumindest ein aufmunterndes Lächeln. Schließlich hatte ich ein Image zu wahren. Jaden legte die Violine auf die Schulter, setzte den Bogen an und schloss die Augen. Würdigte die Noten keines Blickes. Das schwierigste Stück für Violine, das es gab, wollte er nach ein paar Wochen Übung aus dem Gedächtnis spielen. Wie arrogant.

Genau wie ich. Ein Lächeln zupfte mir an den Mundwinkeln, aber ich unterdrückte es.

Sein Bogen glitt geschwind, seine Finger flitzten von einer Saite zur nächsten, entlockten der Violine genau die richtigen Töne an genau den richtigen Stellen. Er war gut, verdammt gut. Am Anfang hatte ich ihn dafür gehasst, sogar versucht, ihn mit allen Mitteln aus der Juilliard zu ekeln, aber jetzt? Ich liebte die Herausforderung. Ohne ihn wäre das Wettspielen einfach nur langweilig. Wo lag der Reiz, wenn der Sieger von Anfang an feststand? Nicht, dass Jaden eine ernstzunehmende Chance gegen mich hätte.

Er setzte die Violine am Ende des Stücks ab und blickte ängstlich zwischen Bellamy und mir hin und her. Seine Wangen waren leicht gerötet, und ich war mir nicht sicher, ob das von der Aufregung kam oder er so angestrengt gespielt hatte. Bellamy nickte knapp – er war nicht der Typ, der seine Schüler mit Lob überhäufte, gleich wie gerechtfertigt es war – und schickte Jaden von der Bühne.

»Oh mein Gott, wie war ich?«, fragte er nervös, als er sich wieder zu mir setzte.

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ach, ganz okay. Ich muss mich morgen nicht blamieren, gegen dich zu gewinnen.«

Er grinste breit. »Also war ich gut.« Dann nickte er in Richtung Bühne. »Du bist an der Reihe.«

Ich streckte die Finger. Die Gelenke knackten ungewohnt laut. Ich hatte es wohl wirklich übertrieben. Ich nahm meinen Violinenkoffer und ging zur Bühne, die Schultern zurück, das Kinn leicht nach oben gereckt. Ich wusste, was die anderen über mich redeten.

Alden Winfield – ein reicher, überheblicher Schnösel, einziger Sohn des einflussreichsten Medienmoguls der USA, der Intrigen mit der Muttermilch aufgesaugt hatte. Aber auch der unangefochtene Virtuose an der Geige, der jede Konkurrenz in den Schatten stellte. Genau das, was sie denken sollten. Ich stand auf der Bühne, atmete die Luft ein, die hier doch irgendwie anders war, blinzelte gegen das Licht der Scheinwerfer an, blickte durch die leeren Ränge und nickte schließlich Bellamy zu. Er lächelte wohlwollend. »Ich bin gespannt, wie du dich im letzten halben Jahr entwickelt hast, Al.«

Er war der Einzige, der mich so nennen durfte. Und das nur, weil er mich zehn Jahre lang unterrichtet hatte. Ich holte meine Violine hervor, strich zärtlich über das geölte, polierte Holz. Ich wusste, dass es nur Einbildung war, aber der harzige Geruch von Fichten und Ahorn stieg mir in die Nase. Ich atmete ihn ein, spürte für einen Moment nur mich und das Instrument, das ich so sehr mein ganzes Leben geliebt hatte. Ich nahm den Bogen heraus, klemmte die Violine unter mein Kinn und setzte an zu spielen.

Die ersten Töne entlockte ich mühsam den Saiten. Meine Finger fühlten sich ungewohnt träge an. Es kostete mich große Anstrengung, mit der Linken schnell genug die Griffe zu wechseln. Verdrießlich presste ich die Lippen aufeinander. Das war nur die Generalprobe, ermahnte ich mich. Vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt, Jaden ein bisschen in Sicherheit zu wiegen. Außerdem war noch keine halbe Minute vergangen. Ich konnte es noch rumreißen. Trotzdem stieg mir der kalte Schweiß auf die Stirn.

Beim Übergang zum Pizzicato passierte es: Als ich die erste Saite anschlagen wollte, krampften meine Finger um den Bogen, der kurz ruckte und gegen die Saiten schlug, die aufjaulten wie ein verwundetes Tier. Dann rutschte mir der Bogen aus der Hand und landete mit einem dumpfen Knall auf der Bühne. Benommen blickte ich einen Moment auf meine Finger, die eine unnatürliche Haltung eingenommen hatten. Wie die Klauen eines Biests. Erst dann registrierte ich den Schmerz, der in meiner Hand pulsierte und meinen Arm hinauf jagte.

Ich stieß einen Laut aus, der erschreckend wie das Jaulen der Violine klang.

»Alles in Ordnung?«, Bellamy stand dicht vor mir, hielt mich an den Schultern fest. Meine Knie wurden weich.

Ich starrte auf meine Hand, über die ich die Kontrolle noch nicht wiedererlangt hatte, und schüttelte den Kopf.

»Rheumatoide Arthritis?« Ungläubig starrte ich den Arzt an. »Ich bin neunzehn, keine neunzig.«

»Es kann auch junge Menschen treffen, selbst Kinder.« Der Arzt hob die Schultern. »Und noch ist es nur ein Verdacht. Wenn ich mir Ihre Hände so ansehe …«

Meine Hände. Das Wertvollste, was ich besaß.

Ich hörte ihm nicht mehr zu. Alfred, mein Chauffeur, hatte mich von der Probe gleich ins Saint Jude Hospital gefahren, wo mein Vater gut mit der Leiterin befreundet war und es ein Leichtes gewesen war, sofort mit einem der Ärzte auf der Inneren zu sprechen. Aber anscheinend hatte ich einen Dilettanten erwischt. Anders konnte ich mir nicht erklären, was er da sagte. Es musste doch eine simplere Diagnose geben. Magnesiummangel oder irgendetwas anderes, was zu Muskelkrämpfen und schmerzenden Gelenken führen konnte. Ich ernährte mich zwar überaus gesund und nahm auch jeden Morgen meine Vitamine, aber … Es musste etwas Harmloses sein. Etwas, was morgen wieder weg war. Vielleicht war es doch nur die Kälte des New Yorker Winters, die mir in den Knochen steckte. »Wann wird es wieder besser sein?«, fiel ich ihm ins Wort.

Der Arzt sah mich mit einem schiefen Lächeln an. »Das erklärte ich ja gerade, auch wenn ich bereits den Verdacht hatte, dass Sie mir nicht mehr zuhörten.« Er sagte es nicht herablassend, mehr auf eine leicht augenzwinkernde Art, dennoch spannte sich mir vor Wut der Kiefer an. »Wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege, könnten es Wochen oder Monate sein, bis der Schub vollständig abklingt. Und selbst dann wären die Beschwerden nicht gänzlich verschwunden. Geduld ist das Wichtigste.«

Wochen oder Monate? Die lodernde Wut flaute ab und ließ eine Kälte zurück, die mich zittern ließ. »Und wenn Sie mit ihrem Verdacht nicht richtig liegen, Dr. …?«

Dünnlippig lächelte er. »Wie ich eben sagte, ich bin Brodie Blackbourne. Chefarzt der Abteilung für innere Medizin – meine Schwerpunkte sind Onkologie und Rheumatologie. Vielleicht bin ich dadurch in der Tat etwas voreilig, was meine Diagnose angeht, aber ich habe in meiner Laufbahn schon sehr viele Fälle von rheumatoider Arthritis gesehen und behandelt.«

»So alt sehen Sie gar nicht aus«, rutschte es mir heraus.

Er schmunzelte. »Das fasse ich als Kompliment auf. Aber jedenfalls passen die Symptome, die Sie beschrieben haben, zu meinem Verdacht, ebenso die Schwellungen und Rötungen an Ihren Gelenken, die ich bei der Untersuchung festgestellt habe. Auf den Röntgenbilder ist eine subchondrale Osteoporose an den Fingergelenken erkennbar, was meinen Verdacht weiter untermauert. Mit einer Blutuntersuchung will ich im nächsten Schritt klären, ob Sie Rheumafaktoren im Blut haben. Bis das Ergebnis vorliegt, kann ich Ihnen Schmerzmittel aufschreiben. Und, tja, falls ich falsch liege, könnte es auch einfach nur Verschleiß und Überbelastung sein, die ihren Tribut zollen. Oder …« Er zuckte mit den Achseln. »Es könnte noch tausende Erklärungen geben, die wir dann nach und nach überprüfen würden.«

Toll, wie hilfreich. »Mit den Schmerzmitteln … könnte ich damit morgen spielen? Ich habe ein Wettspielen, auf das ich mich die letzten Wochen vorbereitet habe.«

Er zögerte einen Moment und rieb sich über das Kinn. Dann stieß er ein Seufzen aus. »Es gäbe eine Möglichkeit, aber die behagt mir nicht.«

Was ihm behagte oder nicht behagte, war mir vollkommen egal. »Und die wäre? Kosten spielen keine Rolle.«

Trocken lachte er auf. »Die Kosten sind nicht das Problem.« Er schüttelte den Kopf. »Ich könnte Ihnen Steroide in die Fingergelenke spritzen. Dann würden sie recht schnell abschwellen und die Schmerzen nachlassen – einige Kollegen von mir machen das bei Musikern, die an Arthritis erkrankt sind. Aber so lange, wie ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, dass es eine rheumatoide Arthritis ist, werde ich es bei Ihnen nicht tun. Steroide spritze ich nicht leichtfertig.«

Steroide. Das klang wirklich nicht gut. Und bei der Vorstellung, wie er mir eine Nadel in die Gelenke rammte, wurde mir flau im Magen. »Und wenn ich nur die Schmerzmittel nehme?«

»Sie können es gerne versuchen, ich würde aber davon abraten. Wenn es nur Überbelastung ist, könnte es dadurch noch schlimmer werden. Ganz davon ab, dass die Schmerzmittel keine Garantie dafür sind, dass Sie tatsächlich schmerzfrei sein werden. Oder dass die geschwollenen Gelenke brav mitspielen und Sie sich nicht furchtbar auf der Bühne blamieren.«

Hitze kroch mir in die Wangen, wenn ich an die entsetzten Blicke und das Getuschel zurückdachte, das losgebrochen war, nachdem der erste Schockmoment vergangen war. Ich war mir fast sicher, dass ich jemanden lachen gehört hatte. Ihren Spott wäre ich mir sicher, wenn ich mich morgen wieder auf die Bühne wagte und genauso versagte. Diesmal nur vor großem Publikum. »Wenn Sie recht haben, kann ich dann jemals wieder spielen? Ich meine, professionell spielen.«

Mitleidig sah er mich an. Da wusste ich schon die Antwort. »Wenn Sie gerade keinen Schub haben und die Finger es zulassen, können Sie gerne aus Spaß an der Musik spielen. Aber so, wie Sie es bisher getan haben? Stunden jeden Tag? In einem Orchester auf der Bühne?« Er schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber ich fürchte nein.«

»Aber Sie sagten doch, mit den Steroiden …«

»Das ist keine Dauerlösung. Die Musiker, die meine Kollegen behandeln, sind Profis am Ende ihrer Laufbahn, die hin und wieder ein Konzert spielen. Aber Sie sagten, Sie studieren Violine, spielen jeden Tag. Hätten noch fünfzig, sechzig Jahre Karriere vor sich.« Er schüttelte den Kopf. »Ich erkenne jetzt ja schon die fortgeschrittene Osteoporose an Ihren Gelenken, die so oder so mit der Zeit schlimmer werden wird. Die Steroide würden das noch zusätzlich beschleunigen, wenn ich sie regelmäßig spritze. Von anderen Nebenwirkungen fange ich erst gar nicht an. Und den Krankheitsverlauf können sie ohnehin nicht aufhalten. Es tut mir aufrichtig leid, aber wenn ich richtig liege, sollten Sie sich einen anderen Traum suchen.«

Benommen nickte ich. Er musste sich irren. Etwas anderes durfte nicht sein.

Ich drückte Jadens fünften Anruf weg. Ich wollte nicht mit ihm reden. Obwohl er vermutlich einer der Wenigen an der Juilliard war, der mich nicht mit Häme übergießen wollte, sondern ernstlich besorgt war. Das hatte ich daran gemerkt, wie er mich nach dem Auftritt angesehen hatte. Aber Sorge und Mitleid wollte ich gerade genauso wenig. Ich wollte einfach nur alles um mich herum vergessen.

In solchen Situationen stopfte ich mir den Bauch mit Schokoladeneiscreme voll und sah mir irgendeine alte Komödie an. Normalerweise. Aber Dr. Blackbourne hatte mir eine Infobroschüre mitgegeben, worauf man alles achten müsste, wenn man Rheuma hatte. Und ernährungstechnisch stand Schokolade auf der No-Go-Liste, genau wie irgendwie alles andere, was ich gerne zum Trost futterte. Ich blickte hinab auf meine Finger, die sich inzwischen so fremd anfühlten. Sie schmerzten immer noch, auch wenn es dank der Schmerzmittel nur noch ein dumpfes Pochen und Puckern war, wie bei einer Entzündung, die es, wenn Dr. Blackbourne recht hatte, ja auch war. Wenn er recht hatte, was er aber nicht durfte und … Bei den Gedanken fingen meine Augen an, verräterisch zu jucken.

Ach, Scheiß drauf. Ich stiefelte in die Küche, holte mir aus dem Vorratsschrank Schokolade und Chips in allen Variationen und eine Flasche Cola. Aus dem Gefrierschrank kramte ich die Familienpackung Schokoladeneiscreme hervor, die zwar schon angebrochen war, aber ich war ja auch keine ganze Familie. Wenn es Rheuma war, würde es ohnehin nicht mehr besser werden. Nicht mehr dauerhaft. Und wenn ich mich doch nur überanstrengt hatte, dann würde mir die Fressorgie auch nicht großartig schaden.

Ich schaltete den Fernseher ein, zappte durch ein paar Programme, bis ich bei einem Film hängenblieb, der von den Frisuren ausgehend irgendwann in den Achtzigern spielen musste. Lange vor meiner Geburt. Ich erkannte Goldie Hawn und Kurt Russel, entschied, erstmal dabei zu bleiben. Von der Handlung bekam ich allerdings wenig mit, da ich die meiste Zeit damit verbrachte, die Eiscreme in mich hinein zu löffeln und, nachdem die Packung leer war, knirschend Chips zu knabbern. Inzwischen waren Goldie und Kurt von Julia Roberts und Richard Gere abgelöst worden.

Gerade, als es zur großen, unvermeidlichen Liebeserklärung kommen sollte, klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer. Vielleicht das Krankenhaus? Aber hatte ich diese Nummer dort angegeben? Und konnte Dr. Blackbourne die Ergebnisse jetzt überhaupt schon haben? Es waren zwar schon ein paar Stunden vergangen, seit mir eine Krankenschwester Blut abgezapft hatte, aber Laborarbeit dauerte ja auch seine Zeit.

Zögernd nahm ich ab. »Hallo?«

»Alden, Liebster, ist alles in Ordnung?«

Orville. Ich biss die Zähne aufeinander. Woher hatte der Arsch meine Nummer? »Was rufst du an?«, blaffte ich ihn an.

»Ich hab gesehen, was passiert ist.«

Natürlich hatte er sich die Generalprobe angesehen. Er hatte gerade erst zum Frühjahrssemester auf die Juilliard gewechselt, um hier seinen Master im Klavierspiel zu machen. Und mit dem erklärten Ziel, mein Herz zu erobern. Bei einer Verabredung vor einem Monat war er grandios gescheitert. Und zu der hatte ich mich auch nur hinreißen lassen, weil mich die vorweihnachtliche Romantik angesteckt hatte. Noch eine Chance würde er nicht bekommen. Jetzt erst recht nicht. »Und?«

»Ich wollte hören, wie es dir geht.«

»Fick dich.«

»Also nicht gut.«

»Wer hat dir meine Nummer gegeben?«

»Niemand.« In seiner Stimme schwang seine Belustigung mit. Bevor er bei unserer Verabredung alles in den Sand gesetzt hatte, hatte ich diesen Schalk charmant gefunden. Jetzt fand ich ihn einfach nur ätzend. »Dein blondes Freundchen hat sich geweigert, aber als er von Bellamy kurz abgelenkt war, hab ich mir sein Handy aus seiner Jackentasche stibitzt und mir deine Nummer rausgesucht. Aber, Junge, Junge, der hat da auch ein paar Fotos drauf, da könnte man ihn glatt mit erpressen, wenn er denn …«

»Wag es nicht«, zischte ich ihn an. Mein Schädel fing an zu Pochen und ich massierte mir die Schläfen.

»Keine Sorge. Das war nur ein Scherz. Und er hat sein Handy auch schon längst wieder zurück. Wahrscheinlich hat er gar nicht gemerkt, dass ich es mir ausgeborgt hatte.«

»Das hoffe ich für dich.« Wohl oder übel müsste ich gleich Jaden anrufen, um sicher zu sein, dass Orville mich nicht angelogen hatte. Ihm traute ich alles zu. Alles, was ich auch mir zutraute und ich wusste ja, dass ich kein Chorknabe war, wenn es um Intrigen ging.

Ich legte ohne Verabschiedung auf, speicherte die Nummer unter »Arschloch« – kaum hatte ich das getan, rief Arschloch auch schon wieder an. Ich nahm ab. »Nur, damit du Bescheid weißt, ich werde deine Nummer jetzt blockieren. Bye bye!«

»Warte! Es tut mir leid. Alles. Wie oft muss ich dir das sagen?«

Ich zögerte. Ich sollte ihm keinen Knochen hinwerfen, aber er wirkte für einen Moment aufrichtig. »Eine Million Mal ist nicht genug, wenn du immer wieder Dinge tust, mit denen du unter Beweis stellst, dass du genau das Arschloch bist, was ich in dir sehe.«

Er seufzte. »Tut mir leid. Ich hätte deinem Freund nicht sein Handy klauen sollen, aber ich hab mir Sorgen um dich gemacht und keinen anderen Ausweg gesehen. Ich … Du weißt, was du mir bedeutest.«

»Und du weißt, was du mir bedeutest. Einen feuchten Dreck.« Einen Moment schwebte mein Daumen über dem roten Hörer. Ich sollte einfach auflegen. Aber ich konnte es nicht. »Mein Arzt sagt, ich werde vielleicht nie wieder spielen können. Was bedeute ich dir jetzt noch?«

Er erwiderte nichts.

Ich legte auf und tat das, was ich den ganzen Nachmittag schon tun wollte: Ich weinte.

Kapitel 2

»Du musst heute nicht hier sein.« Jaden sah mich an, mahlte mit dem Kiefer. Seine Hände zuckten. Ich glaubte, er wollte mich an die Hand nehmen, traute es sich aber nicht.

Ich wusste auch nicht, ob ich wollte, dass er meine Finger berührte. Gestern hatte ich noch mit ihm telefoniert, ihm schluchzend und halb erstickt von der vorläufigen Diagnose erzählt, von der Angst, dass es sich bewahrheiten würde. Ein Gefühlsausbruch, den er von mir nicht gewohnt war, und auf den er nur ein paar stotternde Worte erwidert hatte. Meine plötzliche Offenheit hatte ihn vollkommen überrumpelt.

Bisher hatte ich mich kühl gegeben, unnahbar, ihn auf Distanz gehalten und behandelt, als wäre seine Freundschaft nicht mehr als ein notwendiges Übel. Ein Wunder, dass ich sie dadurch nicht verloren hatte. Aber vielleicht hatte er einfach von Anfang an hinter meine Maske geblickt und längst erkannt, was ich wirklich brauchte, bevor ich es tat: Jemand, der mich stützte, wenn die Welt um mich herum zusammenbrach. Etwas, von dem ich mir eingeredet hatte, es könnte nicht passieren. Durch die Macht und das Geld meiner Eltern hatte ich mich in Sicherheit gewägt und vergessen, dass es Dinge gab, die man mit Geld nicht regeln konnte. Dinge, die ich nur mit der Unterstützung anderer durchstehen konnte.

Doch jetzt fiel es mir schwer, Jaden überhaupt anzusehen. Nicht nur, weil ich mich verwundbar gezeigt hatte. Auch, weil er all das hatte, was ich fürchtete, zu verlieren.

Seit ich mich erinnern konnte, war Musik das gewesen, was mir am meisten bedeutet hatte. Mein einziger Motor, das, was ich über alles liebte. Das einzige, wodurch ich mich wirklich ausdrücken konnte, wenn mir die Worte versagten. Für meine Violine hatte ich so viele Opfer auf mich genommen. Ich hatte so viel Zeit darin investiert, perfekt spielen zu lernen, dass ich etliche Dinge versäumt hatte, die für andere Kinder und Jugendliche normal gewesen waren. Freunde zu finden, zum Beispiel, war eines davon.

Was würde aus mir werden, wenn ich meine Violine verlor? Wenn ich nichts mehr wäre, als das verwöhnte Balg eines reichen Medienmoguls, der irgendwann sein Erbe antreten und verprassen würde? Ich wollte mehr als das sein, viel mehr – vielleicht war das ein Grund für meine Verbissenheit gewesen. Ich war mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden, aber Talent konnte man nicht kaufen. Meine Fähigkeiten hatte ich mir hart erarbeitet. Unter Schweiß und Tränen. Ich war nicht nur ein dummes Kind der High Society in dritter Generation. Mein Vater war in den Reichtum und die Berühmtheit hineingeboren worden und hatte sich nie darum geschert, mehr als das zu werden, was die Menschen in ihm sehen wollten. Und ich wusste nur zu gut, was man über ihn erzählte. Dafür musste ich nur einen Blick auf Twitter und Facebook werfen. Das meiste waren keine schmeichelhaften Kommentare. So etwas wollte ich nicht über mich lesen. Genauso wenig wollte ich der gescheiterte Wunderknabe sein, gebrandmarkt als ewiger Versager. Da musste es doch mehr geben. So viel mehr, zu dem ich bestimmt war. Das hier konnte doch nicht schon alles gewesen sein. Einen Moment verschwamm mein Blick hinter Tränen, die ich nur mühsam fortblinzeln konnte.

Zögernd legte Jaden seine Hand an meine Schulter. »Du musst dir das Wettspielen nicht ansehen.«

»Aber ich will es sehen. Wenn ich dir schon den Sieg überlasse, will ich zumindest sicherstellen, dass du dem auch würdig warst.« Ich zwang mich zu einem schiefen Grinsen. »Wo ist Miles?« Miles war zwei Jahre über uns, aber Jadens bester Freund und dadurch aus Mangel an echten Alternativen auch irgendwie mein bester Freund.

»Erste Reihe, auf einem der reservierten Plätzen.«

»Dachte ich mir.« Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle und ich schluckte. »Viel Erfolg.«