Die satanischen Verse - Salman Rushdie - E-Book

Die satanischen Verse E-Book

Salman Rushdie

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Beschreibung

Bejubelt und verdammt: Das Buch, das weltweit Aufsehen erregte

Über der englischen Küste wird ein Flugzeug in die Luft gesprengt. Die einzigen Überlebenden dieses Terroranschlags sind Gibril Farishta und Saladin Chamcha, zwei indische Schauspieler, die buchstäblich vom Himmel fallen und wie durch ein Wunder unversehrt bleiben. Doch nach dem Absturz gehen seltsame Dinge mit ihnen vor: Der Muslim Gibril zeigt immer mehr Ähnlichkeit mit dem Erzengel Gabriel, während sich Saladin, der stets seine Herkunft verleugnete, zu einem Abbild des Teufels entwickelt. Doch das ist erst der Beginn einer überwältigenden Odysee zwischen Gut und Böse, zwischen Fantasie und Realität.

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Über der englischen Küste wird ein Flugzeug in die Luft gesprengt. Die einzigen Überlebenden dieses Terroranschlags sind Gibril Farishta und Saladin Chamcha, zwei indische Schauspieler, die buchstäblich vom Himmel fallen und wie durch ein Wunder unversehrt bleiben. Doch nach dem Absturz gehen seltsame Dinge mit ihnen vor: Der Muslim Gibril zeigt immer mehr Ähnlichkeit mit dem Erzengel Gabriel, während sich Saladin, der stets seine Herkunft verleugnete, zu einem Abbild des Teufels entwickelt. Doch das ist erst der Beginn einer überwältigenden Odyssee zwischen Gut und Böse, zwischen Fantasie und Realität.

SALMAN RUSHDIE, 1947 in Bombay geboren, studierte in Cambridge Geschichte. Mit seinem Roman »Mitternachtskinder« wurde er weltberühmt. Seine Bücher erhielten renommierte internationale Auszeichnungen, u.a. den Booker Prize, und sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1996 wurde ihm der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk zuerkannt. 2008 schlug ihn die Queen zum Ritter.

Gewidmet allen Menschen und Organisationen, die die Veröffentlichung dieses Buches unterstützt haben.

Satan, zu einem vagabundierenden, ratlosen,unsteten Dasein verurteilt, kennt keine feste Bleibe;denn obgleich er, infolge seiner engelhaften Natur,über ein Reich zerfließender Wüstenei und Luft herrscht,so ist es doch gewißlich Teil seiner Strafe, daß er...ohne jeden angestammten Ort oder Raum ist,der es ihm gestatten würde,seinen Fuß darauf ruben zu lassen.

DANIEL DEFOE

The History of the Devil

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorI - DER ENGEL GIBRILII - MAHOUNDIII - ELLOHENN DEEOHENNIV - AISCHAV - EINE STADT: SICHTBAR, ABER UNGESCHAUTVI - RÜCKKEHR NACH JAHILIAVII - DER ENGEL ASRAELVIII - DIE TEILUNG DES ARABISCHEN MEERSIX - EINE WUNDERBARE LAMPEANMERKUNGENBIBLIOGRAPHISCHE NOTIZCopyright

I

DER ENGEL GIBRIL

1

Um wiedergeboren zu werden«, sang Gibril Farishta, während er vom Himmel stürzte, »mußt du erst sterben. Ho ji! Ho ji! Um weich zu landen am Busen der Erde, mußt du erst zum Vogel werden. Tat-Taa! Taka-tan! Um heiter zu genießen, müssen erst Tränen fließen. Wie willst du die Liebe wagen, mein Herr, ohne zu klagen? Baba, willst du wiedergeboren werden...« An einem Wintermorgen kurz vor Tagesanbruch, so um den ersten Januar herum, fielen zwei leibhaftige, ausgewachsene, quicklebendige Männer aus einer Höhe von achttausendachthundertvierzig Metern in Richtung Ärmelkanal, und zwar ohne Hilfsmittel wie Fallschirme oder Flügel, aus heiterem Himmel.

»I tell you, you must die, I tell you, I tell you«, und dergleichen mehr unter einem Mond von Alabaster, bis ein lauter Ruf die Nacht durchschnitt: »Zum Teufel mit deinen Liedern«, kristallklar hingen die Worte in der eisweißen Nacht, »im Film hast du nur zum Playback die Lippen bewegt, verschon mich also jetzt mit diesem infernalischen Geschrei.«

Während Gibril, der unmusikalische Solist, sein improvisiertes Ghasel sang, schlug er im Mondschein Kapriolen, schwamm in der Luft, Bruststil, Schmetterlingsstil, rollte sich zu einer Kugel zusammen, spreizte wie ein Adler Arme und Beine vor der Beinahe-Unendlichkeit der Beinahe-Dämmerung, nahm heraldische Posen ein, drohend aufgerichtet, wie ein Löwe mit erhobenem Kopf liegend, spielte seine Leichtfertigkeit gegen die Schwerkraft aus. Nun kullerte er beglückt auf die höhnische Stimme zu. »Ohé, Salad Baba, du bist es, nicht möglich. Holla, alter Cham.« Worauf der andere, ein pedantischer, kopfüber fallender Schatten in einem grauen Anzug, alle Jackettknöpfe zugeknöpft, Arme an die Seiten gepreßt, der die Unwahrscheinlichkeit der Melone auf seinem Kopf als selbstverständlich hinnahm, ein spitznamenfeindliches Gesicht zog. »He, Spoono«, schrie Gibril und löste damit ein zweites auf den Kopf gestelltes Zusammenzucken aus, »London, Bhai! Wir kommen! Diese Ärsche da unten werden keine Ahnung haben, was sie getroffen hat. Ein Meteor, ein Blitz oder die Strafe Gottes. Aus dem Nichts, Herzchen. Dharrraaammm! Wumm, na? Was für ein Auftritt, yaaar. Ich schwör’s dir – platsch.«

Aus dem Nichts: ein Urknall, gefolgt von einem Feuerwerk von Meteoren. Ein allumfassender Beginn, ein Miniaturecho der Geburt der Zeit... der Jumbo-Jet Bostan, Flug AI-420, explodierte ohne Vorwarnung hoch über der großen, verrotteten, wunderschönen, schneeweißen, hellerleuchteten Stadt, Mahagonny, Babylon, Alphaville. Aber Gibril hat ihr bereits einen Namen gegeben, ich darf mich nicht einmischen: Das Große London, Hauptstadt von Vilayet, zwinkerte, blinzelte, nickte in der Nacht. Während in Himalaja-Höhe eine kurzlebige und frühreife Sonne in die pulvrige Januarluft barst, verschwand ein Echoimpuls von den Radarschirmen, und das Nichts war voller Körper, die vom Mount Everest der Katastrophe auf die milchige Blässe des Meeres niedersanken.

Wer bin ich?

Wer ist sonst noch da?

Das Flugzeug brach mitten entzwei, eine Schote, die ihre Samen, ein Ei, das sein Geheimnis preisgibt. Zwei Schauspieler, der tänzelnde Gibril und der zugeknöpfte, steife Mr. Saladin Chamcha, fielen wie Tabakkrümel aus einer zerbrochenen alten Zigarre. Über, hinter, unter ihnen im leeren Raum hingen zurückgeklappte Sitze, Kopfhörer, Getränkewagen, Tüten für Flugkranke, Einwanderungsformulare, zollfreie Videospiele, bortenbesetzte Käppchen, Papierbecher, Decken, Sauerstoffmasken. Zudem – denn es waren nicht wenige Einwanderer an Bord gewesen, ja eine ziemlich große Anzahl von Ehefrauen, die von einsichtigen, pflichtbewußten Beamten wegen der Länge und der charakteristischen Leberflecke der Genitalien ihrer Ehemänner in die Mangel genommen worden waren, genügend Kinder, deren Ehelichkeit die britische Regierung in begründeten Zweifel zog – mischte sich unter die Überreste des Flugzeugs, ebenso bruchstückhaft, ebenso absurd, der ganze Seelenschutt, schwebten Erinnerungssplitter, abgestreifte Identitäten, herausgeschnittene Muttersprachen, verletzte Intimsphären, unübersetzbare Witze, zunichte gemachte Zukunftshoffnungen, verlorene Lieben, die vergessene Bedeutung hohler, dröhnender Worte, Land, Zugehörigkeit, Heimat. Ein wenig benommen von der Explosion stürzten Gibril und Saladin hinab – wie von einem Storch, der sorglos den Schnabel geöffnet hat, fallen gelassene Bündel –, und weil Chamcha mit dem Kopf voraus fiel, in der für den Eintritt von Babys in den Geburtskanal empfohlenen Lage, begann er, eine leichte Verärgerung zu empfinden über die Weigerung des anderen, auf die übliche Weise hinunterzufallen. Saladin fiel im Sturzflug, wogegen Farishta die Luft umarmte, sie mit Armen und Beinen liebkoste, ein wild fuchtelnder, outrierter Schauspieler, der die Technik künstlerischer Zurückhaltung nicht beherrschte. Unter ihnen, wolkenbedeckt, in Erwartung ihres Auftritts, die trägen, eiskalten Strömungen des Ärmelkanals, die für ihre wäßrige Wiedergeburt bestimmte Zone.

»Aus Japan sind meine schönen Schuh’«, sang Gibril und übersetzte dabei das alte Lied in halbbewußter Hochachtung vor dem entgegenstürmenden Gastland, »die Hosen sind englisch, was meinst du dazu? Auf dem Kopf ein russischer Hut, aber indisch ist mein Blut.« Die Wolken ballten sich ihnen entgegen, und vielleicht war es wegen der mystischen Formationen von Kumulus und Kumulonimbus, der mächtig dahinziehenden Gewitterwolken, die wie Hämmer in der Morgendämmerung aufragten, oder vielleicht war es das Singen (wobei der eine die Vorstellung gab und der andere sie ausbuhte), oder ihr Detonationsdelirium, das ihnen die volle vorherige Kenntnis des ihnen unmittelbar Bevorstehenden ersparte... doch aus welchem Grund auch immer, die beiden Männer, Gibrilsaladin Farishtachamcha, zu diesem endlosen und doch endenden engelgleichen, teuflischen Fall verdammt, merkten nicht, in welchem Augenblick der Prozeß ihrer Transmutation begann.

Mutation?

Jawohl, aber keine zufallsbestimmte. Dort oben im Luftraum, jenem weichen, nicht wahrnehmbaren Bereich, den das Jahrhundert ermöglicht hatte und der daraufhin das Jahrhundert ermöglichte, der zu einer seiner bestimmenden Sphären geworden war, zum Ort des Strebens und des Krieges, zu einem Ort, der den Planeten schrumpfen ließ, einem Mächtevakuum, der unsichersten und unbeständigsten aller Sphären, trügerisch, ständig in Auflösung und Wandlung begriffen – denn wenn man alles in die Luft wirft, wird alles möglich –, hochdortoben jedenfalls fanden Veränderungen in delirierenden Schauspielern statt, die das Herz des alten Herrn Lamarck hätten höher schlagen lassen: unter extremem Außendruck werden charakteristische Merkmale erworben.

Was für Merkmale, welche? Langsam, langsam; Sie glauben wohl, die Schöpfung vollzieht sich im Nu? Aber nein, ebensowenig wie die Offenbarung... sehen Sie sich die beiden an. Fällt Ihnen etwas Ungewöhnliches auf? Nur zwei schnell fallende braune Männer, das ist doch nichts besonders Neues, werden Sie vielleicht denken; stiegen zu weit hinauf, wollten zu hoch hinaus, flogen zu nah an der Sonne, ist es das?

Das ist es nicht. Hören Sie zu:

Mr. Saladin Chamcha, entsetzt über die dem Munde Gibril Farishtas entströmenden Laute, schlug mit eigenen Versen zurück. Was Farishta über den unwahrscheinlichen Nachthimmel wehen hörte, war ebenfalls ein altes Lied, Text von Mr. James Thomson, siebzehnhundert bis siebzehnhundertachtundvierzig. »... durch himmlisches Gebot«, jubilierte Chamcha durch Lippen, die sich aufgrund der Kälte patriotisch rot-weiß-blau verfärbt hatten, »so kaaam, es aus der blauen Seeee.« Farishta, zu Tode erschrocken, sang immer lauter von japanischen Schuhen, russischen Hüten, jungfräulich subkontinentalem Geblüt, konnte jedoch Saladins ungestümen Vortrag nicht zum Verstummen bringen: »Schutzengel sangen in der Höööh.«

Seien wir uns darüber im klaren: Es war unmöglich, daß die beiden einander hören, geschweige denn sich miteinander unterhalten und einen solchen Sängerwettstreit austragen konnten. Wie waren sie dazu fähig gewesen, wo sie sich doch mit immer größerer Geschwindigkeit dem Planeten näherten und die Atmosphäre um sie herum toste? Aber seien wir uns auch darüber im klaren: sie waren es.

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