Die Scareman-Saga 1: Ein Scareman erwacht - Dirk van den Boom - E-Book

Die Scareman-Saga 1: Ein Scareman erwacht E-Book

Dirk van den Boom

0,0
1,49 €

Beschreibung

Die Menschheit in ferner Zukunft. Ständig neuen Bedrohungen durch aggressive außerirdische Zivilisationen ausgesetzt, entwirft das Imperium der Menschen das Scareman-Projekt: Ansonsten dem Tode geweihten Spezialisten wird die Möglichkeit gegeben, ihr Leben auf Jahrhunderte zu verlängern. Der Preis: Sie werden auf Wachstationen im Orbit von Welten geschickt, auf denen Zivilisationen leben, deren Entwicklung eines Tages eine Gefahr für das Imperium darstellen könnte. Mithilfe von in der Physiologie angepassten Androidenkörpern und auf Basis einer umfassenden Beobachtung der Alien-Gesellschaft soll der Fortschritt dieser Welten torpediert, aufgehalten und zurückgedreht werden, wo es nur geht – und das so geheim wie möglich. "Die Scareman-Saga" erzählt die Geschichte des tödlich erkrankten Infanteriesergeants Jonathan Savcovic, der seinen Körper im Orbit um den Planeten Akkar in ewigen Tiefschlaf bettet, um immer dann aufzuwachen, wenn sich ein Eingreifen als erforderlich erweist. Doch Savcovic erwartet nicht, dass seine jahrhundertelange Wacht Herausforderungen bereithält, mit denen niemand hat rechnen können – und die irgendwann seinen Auftrag ganz grundsätzlich infrage stellen könnten …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 154




Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Epilog

Vorschau

Chronik

Weitere Atlantis-Titel

Dirk van den Boom

Ein Scareman erwacht

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg Juli 2016 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Emmanuel Henné Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-326-2 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-374-3 Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Kapitel 1

»Sergeant, das gefällt mir nicht.«

Sergeant Jonathan Savcovic wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war höllisch heiß und der Kampfanzug klebte ihm am Körper. Die Kühlnetze hatten den Kampf gegen die brüllende Hitze fast aufgegeben, doch ohne sie, das wusste er, würde er eingehen. Er trank unablässig. Ihre Vorräte waren auf dieser schwülfeuchten Welt glücklicherweise leicht zu ersetzen. Aldus lag etwas abgelegen, außerhalb der Grenzen des Imperiums, relativ weit von der Front entfernt, aber auf ihr war ein großer Schatz zu finden.

Behauptete zumindest Dr. Helena Polsk, die ihn ansah, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Auf ihren fein geschnittenen Gesichtszügen wirkte der Schweißfilm beinahe erotisch. Sie hielt den Scanner in der Hand, mit dem sie seit ihrer Landung vor drei Tagen ununterbrochen herumfuchtelte. Was aus dem Orbit wie eine relativ einfache Sache ausgesehen hatte, entpuppte sich hier unten als Martyrium. 27 Soldaten, ein ganzer Zug, unter dem Kommando des Sergeants, und zwölf Wissenschaftler, alle auf der Suche nach einem abgestürzten Schiff der Ek-ek. In der Nähe zu landen, hätte den Selbstzerstörungsmechanismus des ohnehin stark beschädigten Raumers ausgelöst. Sie mussten sich zu Fuß anschleichen, mit so wenigen Energieemissionen wie möglich. Ein einigermaßen intaktes Ek-ek-Schiff zu erbeuten, das wäre eine große Sache. Da das Imperium sich seit Jahren redlich mühte, diese Zivilisation auszulöschen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit, so viel musste man gerechterweise anmerken –, war jede Information ein weiteres Puzzleteil, das für die militärische Forschung notwendig war.

»Dr. Polsk«, brachte Savcovic schwer atmend hervor, »es gefällt mir auch nicht, aber wir müssen über den Fluss. Er ist nicht tief, da ist eine Furt. Wir können die Schwebepacks nicht verwenden, wir sind schon zu nah an der Absturzstelle. Also bleibt nur die traditionelle Art.«

»Wir könnten ein Floß bauen«, schlug Corporal Kay vor, der seinen massigen Leib gegen einen Felsen gelehnt hatte. Wie Kay es immer wieder schaffte, seinen tonnenförmigen Körper durch das Fitnessexamen zu bekommen, war eines der zahlreichen Rätsel, die Savcovic niemals in seinem Leben lösen würde. Und Kay schien sich in der Affenhitze geradezu wohlzufühlen. Er wirkte jedenfalls um einiges entspannter als sein Vorgesetzter.

»Wir wollen schnell zum Wrack. Wenn wir zu lange warten, denkt sich die Automatik der Ek-ek, dass das Leben keinen Sinn mehr ergibt, und bumms. Wir werden gehen. Wir binden uns aneinander und du, Kay, gehst vor. Dich treibt nichts weg.«

»Das ist eine diskriminierende Äußerung, die sich in abfälliger Weise über meinen Körperumfang lustig macht«, beklagte sich Kay und schüttelte missbilligend den Kopf.

»Du gehst. Jetzt. Klink dich doch bei Dr. Polsk ein. Sie hat es eilig, sie folgt dir.« Savcovic erhob die Stimme, sah sich um. »Der Rest dann in einer Reihe. Zwei Soldaten, ein Wissenschaftler, und alle brav hintereinander. Ich mache die Nachhut. Die Anzüge sind wasserdicht. Es gibt ein paar Fische, aber keiner wird das Durotex durchbeißen können. Sie dürfen erschießen, wer Ihnen zu groß erscheint, aber achten Sie auf das Display Ihrer Waffe. Denken Sie an die Lichtbrechung und ballern Sie nicht ziellos in die Gegend.«

Ihre Waffen waren mechanischer Natur, gute, bewährte kinetische Energie. Keine Blaster, kein Plasma, gar nichts. Erfahrungsgemäß reagierte eine Ek-ek-Automatik auf derlei nur, wenn ein Schuss in unmittelbarer Umgebung fiel. Doch die Absturzstelle war noch gut zwei Kilometer entfernt.

Kay seufzte, murmelte etwas von »Beschwerde« und »Sie werden schon sehen«, was auch immer er sagte, wenn ihm befohlen wurde, für sein Geld zu arbeiten. Und wie immer gehorchte er. Sollte er meckern. Hauptsache, er tat, was er zu tun hatte.

Sie standen am Ufer des gut zehn Meter breiten Flusses, der eher träge dahinfloss. Von hier aus war er gut zu überblicken und die Böschung am anderen Ufer war flach und einladend. Der Grund des Flusses war mit bloßem Auge zu erkennen, es lagen Steine dort und an dieser Stelle war das Wasser kaum tiefer als einen halben Meter. Die Strömung war auszuhalten, es gab keine Wirbel und die großen Raubtiere, von denen Aldus eine erkleckliche und erschreckende Anzahl hatte, hielten sich bedeckt.

Kein Grund für weitere Verzögerungen.

»Vorwärts!«

Corporal Kay machte sich auf den Weg, nachdem er die Leine eingeklinkt hatte. Der erste Wissenschaftler folgte ohne großes Zögern. Die meisten Eierköpfe auf dieser Mission arbeiteten schon lange für das Militär und hatten oft eine entsprechende Grundausbildung genossen. Dies war nicht ihr erster Fremdwelteinsatz und Aldus war dabei noch vergleichsweise harmlos. Dennoch behielten Savcovic und seine Leute ihre Augen auf. Sie mussten für die Sicherheit der Wissenschaftler sorgen und sie nahmen diese Aufgabe ausgesprochen ernst.

Kay überquerte den Fluss ohne große Probleme. Am anderen Ufer angekommen, sicherte der Corporal sofort die Böschung. Nach und nach stapften auch die anderen Expeditionsteilnehmer los, das Seil spannte sich und am Ende war es Savcovic, der in das kühle Nass trat. Er stellte trotz der wasserdichten Stiefel fest, dass dieses gar nicht so kühl war, sondern vielmehr eine lauwarme Brühe, in der alles Mögliche schwamm, von Pflanzenteilen über kleinen Tieren, Fischen, Wasserschlangen und auf der Oberfläche tanzenden Insekten. Es hieß, nichts auf dieser Welt könne dem menschlichen Organismus schaden, da hier eine ganz andere Biologie herrsche. Dennoch hatte Savcovic seine Breitbandimpfung auffrischen lassen. Er hatte so seine Geschichten gehört in den zehn Jahren im Militärdienst und nicht alle davon konnten Übertreibungen und Aufschneiderei sein.

Er war lieber vorsichtig.

Misstrauisch das Wasser und seine Bewohner beäugend, marschierte Savcovic über die Furt, den Rücken des letzten Wissenschaftlers vor sich. Er schaffte es ohne Schwierigkeiten und schalt sich für seine Paranoia. Auf der anderen Uferseite hatten die Männer bereits einen Sicherheitsperimeter etabliert und Kay meldete: »Keine Probleme.«

Nach kurzer Pause setzten sie ihren Weg fort. Der Dschungel war nicht so undurchdringlich, wie er von der Luft aus gewirkt hatte. Immer wieder fanden sich Wildpfade, die von Tieren mit nicht unerheblicher Körpergröße geschlagen worden waren, Lebewesen, denen man glücklicherweise bisher noch nicht begegnet war. Savcovic hoffte, auf diese Bekanntschaft auch künftig verzichten zu können.

Dennoch mussten sie hin und wieder altmodische Macheten verwenden, um sich einen Weg zu bahnen. Etwa nach einer Stunde schweißtreibender Arbeit spürte Savcovic den Schwindel des erste Mal. Er wischte ihn fort, erinnerte sich daran zu trinken und schritt weiter voran. Eine halbe Stunde später traf es ihn erneut, stärker, und nun musste er anhalten und sich für einen Moment an einem Baumstamm festhalten.

»Probleme?«, fragte einer der Soldaten.

»Geht schon«, murmelte der Sergeant.

Es ging nicht. Wenige Minuten später lag Savcovic am Boden, tanzende Schatten vor den Augen. Als er die Wirkung eines stärkenden Medikaments spürte, das ihm verabreicht wurde, klärte sich sein Blick wieder. Er sah zur Seite und weitere Teilnehmer der Expedition neben sich liegen, die offenbar unter den gleichen Symptomen litten. Dr. Hansen, der gleichzeitig als Missionsarzt und Xenobiologe fungierte, beugte sich mit sorgenvollem Gesichtsausdruck über den Liegenden.

»Sergeant, Sie und die anderen haben kleine Bisse am Unterschenkel, knapp über den Stiefeln. Irgendwas hat sich durch das Material des Anzugs gebohrt und ich will nicht wissen, was für ein Lebewesen dazu in der Lage ist.«

»Ich habe absolut nichts gespürt!«

Hansen nickte.

»Das haben die anderen auch gesagt. Alle haben sie die gleichen Probleme: Schwindel, Kreislaufschwäche, plötzliche Kraftlosigkeit. Sie werden keinen Schritt mehr weitergehen.«

»Verdammt!«, zischte Savcovic. »Was tun wir?«

»Ich lasse Sie und die anderen Befallenen ausfliegen«, sagte Hansen. »Die Flotte schickt ein Shuttle zum Landeplatz. Fünf unserer Leute werden sie hinbringen. Mit etwas Stütze sollte es gelingen. Wir müssen nur den Fluss anders überqueren. Der Rest muss die Expedition fortsetzen. Sie ist zu wichtig.«

Savcovic nickte langsam. Das plötzliche Gefühl der Hilflosigkeit und des Versagens, das ihn überkam, gefiel ihm gar nicht. Für ihn war die Mission vorbei, ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte. Er schloss die Augen und versuchte, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden.

Das würde kein Glanzpunkt seiner Karriere werden, schoss ihm durch den Kopf, während um ihn die Vorbereitungen für den Abmarsch begannen.

Er ahnte nicht mal, wie richtig und gleichzeitig falsch er damit lag.

Kapitel 2

Dr. Tevis schaute auf ihn herab und ihrem Gesicht war genau zu entnehmen, was sie gerade dachte. Sergeant Jonathan Savcovic war am Ende, und obgleich er noch nicht so aussah, war er im Grunde bereits tot. Er kannte Tevis jetzt. Seit Wochen, seit seiner Rückkehr von Aldus, kümmerte sie sich um ihn. Es war nicht so, dass sie ihm dauernd Hoffnung gemacht hätte. Am Anfang war sie sogar von ansteckender Fröhlichkeit gewesen. Aber das hatte nachgelassen.

Stark nachgelassen.

Und jetzt war nichts mehr davon da.

Savcovic erwiderte den Blick.

»Sie müssen schon etwas sagen, Doc«, forderte er sie mit rauer Stimme auf. Er lag in seinem Bett im Militärhospital, einem Ort, den er mittlerweile schon seit drei Monaten bewohnte, und mit jeder neuen Woche hatte sich sein Aktionsradius mehr eingeschränkt. An den ersten Tagen hatte er noch selbst zur Kantine humpeln können, dann aber hatte die Lähmung schrittweise von ihm Besitz ergriffen. Nach den ersten beiden Wochen hatte er seinen Unterleib nicht mehr gespürt. Seit drei Tagen konnte er seine Arme nicht mehr bewegen. Noch war er in der Lage zu sprechen. Und zu atmen. Er wusste nicht, ob er wirklich dankbar dafür sein sollte.

Sie hatten in den letzten Tagen viele weitere Tests durchgeführt. Savcovic war sich einigermaßen sicher, dass es nur eine Wiederholung alter Tests gewesen war. Um sich ganz sicher zu sein. Man übergab keinem Kranken sein Todesurteil, ohne sich ganz sicher zu sein.

Tevis versuchte ein Lächeln. Es gelang ihr so lala.

»Ich will Sie nicht anlügen, Sergeant. Wir haben alles versucht und das wissen Sie auch. Aber die Infektion, die Sie sich auf Aldus geholt haben, widersetzt sich jeder Behandlung. Wir haben einige Symptome lindern können. Aber die Lähmung greift um sich. Sie betrifft nicht alle Organe – Ihr Herz ist nicht betroffen, auch nicht Nieren, Leber und Lunge, aber alle Muskeln. Noch können Sie selbständig atmen, aber in Kürze werden wir Sie an die Maschine anschließen müssen. In zwei Wochen werden Sie verstummen. In vier Wochen können Sie nicht einmal mehr die Augen bewegen. Sie werden leben. Wir können Sie bis ins hohe Alter am Leben erhalten. Nach allem, was wir sehen können, wird die Erkrankung Sie nicht umbringen, zumindest nicht, wenn wir entsprechende Unterstützung anbieten.«

Savcovic stellte sich selbst vor, reglos, mit Schläuchen überall, gefangen in seinem Körper, auf Jahrzehnte hin. Ihm fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, so stark, dass er für einen Augenblick fast meinte, seinen Unterleib wieder bewegen zu können.

Eine Illusion natürlich.

»Aber eine Heilung gibt es nicht.«

»Wir arbeiten daran.«

»Was heißt das?«

Dr. Tevis, eine schlanke Brünette in fortgeschrittenen Jahren, zuckte mit den Achseln.

»Das weiß ich nicht. Monate? Jahre? Seit dem neuen Krieg sind unsere Ressourcen gebunden. Die Ek-ek sind hartnäckig. Ihnen muss ich das ja nicht sagen. Wir haben einen endlosen Strom von Verletzten zu versorgen. Die Gegner rücken uns an allen Fronten zu Leibe.«

»Wir werden siegen.«

Savcovic war davon überzeugt. Er hatte Ek-ek getötet. Es war gar nicht so schwer.

Dr. Tevis lächelte angesichts der Festigkeit und Zuversicht in der Stimme des Kranken.

»Das werden wir in der Tat. Das Imperium ist größer und hat mehr Schiffe und mehr Soldaten als sie. Aber selbst die optimistische Schätzung sagt: mindestens noch drei Jahre. Die Expedition nach Aldus Prime, einer unbewohnten Welt, umfasste … wie viele?«

»27 Soldaten, zwölf Wissenschaftler«, ratterte Savcovic herunter. Es war ja nicht so, als würde ihn nicht jede verdammte Sekunde an diese Mission erinnern. Das Schönste aber war: Der ganze Aufwand war völlig sinnlos gewesen. Als die Männer der Absturzstelle näher kamen, hatte die Ek-ek-Automatik bereits eine Schmelzbombe gezündet. Das Wrack war nicht mehr als ein Haufen verbrannter Schlacke und von der Sorte hatten sie ganze Lagerhallen voll.

Es war alles furchtbar für den Arsch gewesen.

»Wie viele wurden infiziert?«, fragte Tevis.

»Fünf«, sagte Savcovic bitter. Und er war der einzige Soldat.

»Wie viele Ressourcen wird das Imperium investieren, um nach der Heilung für eine Krankheit zu suchen, die man sich nur auf Aldus Prime holen kann, einer unbewohnten Welt am Rande des Randes der Galaxis, die niemanden wirklich interessiert?«

Savcovic unterdrückte einen Fluch. Die Ärztin hatte natürlich absolut recht. Das war dermaßen irrelevant … es war kaum in Worten auszudrücken.

Und er, Savcovic, war ja nicht wichtiger. Die vier Wissenschaftler gleichfalls nicht. Sie hatten ja nicht mal kriegsentscheidende Informationen nach Hause gebracht. Nur Dreck an den Schuhen, verbrannte Schlacke und eine mysteriöse, schleichend tödliche Infektion. Da durfte niemand übertriebene Dankbarkeit erwarten.

Er spürte die Hand der Frau auf seiner Schulter. Noch war diese breit und muskulös. Es würde nicht mehr lange dauern und sein Körper würde verfallen, zum Schatten seiner selbst werden. Dann blieb nicht mehr viel von ihm übrig und er würde Zeuge dieses Prozesses werden, eines Zerfalls, den offenbar niemand aufhalten konnte. Das wollte er nicht.

Das konnte er nicht.

Er würgte die Verzweiflung herunter, kontrollierte seine Stimme, als er fragte: »Was ist mit Transplantationen? Nanomaschinen?«

Tevis schüttelte den Kopf.

»Wir können nicht jeden Muskel ersetzen. Einzelne vielleicht. Mit etwas Glück können wir Ihnen einen Arm geben. Aber es ist wahnsinnig teuer und … es gibt da viele Verletzte, die wieder zurück in den Kampf müssen. Wenn der Krieg vorbei ist, ja, vielleicht.«

»In drei Jahren.«

»Optimistisch gedacht, ja.«

Savcovic sah Tevis an, überlegte sich, ob er noch etwas wissen wollte, und kam zu dem Schluss, dass er schon viel zu viele Informationen hatte. Er rang sich ein Lächeln ab.

»Lassen Sie mich bitte allein.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja. Ich muss nachdenken. Geben Sie mir Zeit.«

Die Ärztin nickte und tat ihm den Gefallen; sie verließ das kleine Patientenzimmer. Savcovic starrte an die Decke, versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bekommen. Es blieben ihm einige Alternativen, immerhin. Sein Ausbilder, damals, vor zehn Jahren, hatte immer gesagt: Wenn du noch Alternativen hast, bist du noch am Leben. Was aber war, wenn alle in den sicheren Tod führten – nur auf unterschiedlichen Wegen?

Erstens: Er konnte hier liegen und darauf warten, dass ein glücklicher Zufall eine Heilung ermöglichte. Vielleicht war in einigen Jahren eine Rekonstruktion seines Körpers möglich, wenn seine Nerven bis dahin nicht völlig abgestorben waren.

Zweitens: Er konnte am Euthanasieprogramm der Flotte teilnehmen und war sich einigermaßen sicher, dass seine Vorgesetzten angesichts seines Zustandes einwilligen würden. Savcovic hatte keine lebenden Verwandten, von denen er wusste. Aufgewachsen als Straßenkind in der Megapolis von Neu-Budapest, war seine einzige Familie die Flotte gewesen, für zehn Jahre mittlerweile. Diese Familie würde sich um ihn kümmern, aber ihre Mittel waren offenbar begrenzt. Er durfte sterben, wenn er es wollte. Man würde irgendwo eine Plakette anbringen, in einem Unteroffiziersheim.

Es war nicht so, dass das Imperium undankbar war.

Es war nur furchtbar mit anderen Dingen beschäftigt.

Der Sergeant schloss die Augen. Der Wille zu leben war stark in ihm. Es bäumte sich alles in ihm gegen die Idee des Todes auf. Er hatte viele brenzlige Situationen überstanden. Als Rekrut im ersten Krieg war er beinahe gestorben. Später, als Unteroffizier, hatte er Soldaten in Landeoperationen geführt, die vielen das Leben gekostet hatten. Er hatte Ek-ek gegenübergestanden und das war alles andere als ein erfreulicher oder gar beruhigender Anblick.

Savcovic hatte sich mit der Idee des Todes vertraut gemacht.

Das hieß aber nicht, dass er dieser Idee sonderlich viel abgewinnen konnte.

Er musste nachdenken und sich fragen, ob Hoffnung ein Luxus war, den er sich noch zu leisten vermochte. Er gab sich etwas Zeit. Solange er noch blinzeln, schlucken, atmen konnte. Sprechen. Das war wichtig. Er musste sich entscheiden und das Ergebnis seiner Überlegungen noch kommunizieren können.

Es vergingen zwei Tage, in denen er zu keiner Entscheidung kam. Phasen der völligen Mutlosigkeit wechselten sich mit jenen eines wiedererweckten Kampfgeistes ab. Er rang mit sich selbst und es war ein stummer Kampf, den er niemandem offenbarte. Auch nicht der Ärztin, die regelmäßig nach ihm sah und bei ihren Besuchen keine bessere Kunde bringen konnte als vorher.

Am dritten Tag öffnete sich die Tür zur gewohnten Zeit, doch anstatt von Dr. Tevis kam ein Fremder.

Er war ein hochgewachsener Mann mit blasser Gesichtshaut, sorgfältiger Maniküre und einem ordentlich sitzenden Anzug. Er zeigte dem Patienten eine Marke und in Savcovics Kopf pingte die Authentifizierung. Verteidigungsministerium. Das war nett, dass sie jemanden schickten. Sie hatten sich bisher noch nicht gemeldet. Es war aber zu erwarten gewesen. Er war ein Kandidat für die Euthanasie, wenn er einwilligte, und der Mann war vielleicht sein Sterbeberater. Eigentlich war Savcovic für so ein Gespräch noch nicht bereit. Und eigentlich sah der Mann mit seinen kühlen Augen und sparsamen Bewegungen eher wie der Bestatter aus, nicht wie ein mitfühlender Berater.

Etwas stimmte nicht.

Savcovic hörte auf seinen Instinkt, der ihn plötzlich anzuschreien begann.

»Sergeant, ich bedaure, was mit Ihnen geschehen ist. Mein Name ist Smith.«

Der Sergeant runzelte die Stirn. Die Stimme des Mannes war so blass wie seine Haut. Und er hieß ganz gewiss nicht Smith. Niemand mit schönen Fingernägeln und schwarzem Anzug hieß Smith, Sterbeberater schon gar nicht.

»Danke für die Anteilnahme. Was kann ich für Sie tun?«

Smith lächelte. Es war eine rein mechanische Bewegung, die Haut über seinen Knochen spannte, ohne jedes Gefühl. Nein. Hier ging es nicht um das vorzeitige und freiwillige Ableben von Sergeant Savcovic. Seltsamerweise war es diese Erkenntnis, die den Sergeanten mit neuer Energie erfüllte. Alternativen. Er witterte Alternativen.

»Einiges, auch wenn Sie das möglicherweise nicht glauben werden.«

Savcovic tat ihm den Gefallen und nickte.

»Das bezweifle ich in der Tat. In wenigen Wochen kann ich nicht einmal mehr mit Ihnen sprechen.«

Das Lächeln verschwand von Smiths Gesicht. Er wirkte nun genauso künstlich bekümmert, wie er vorhin künstlich erfreut ausgesehen hatte.

»Ich bin über die Details Ihres Zustandes informiert. So bedauerlich dieser auch ist: Wir suchen Leute wie Sie.«

Savcovic runzelte die Stirn. Dass er »gesucht« wurde, damit hatte er eher nicht gerechnet.

»Wie bitte?«

Smith setzte sich an den Bettrand, ohne um Erlaubnis zu fragen. Er faltete seine schönen Hände übereinander. Sie verströmten den angenehmen Geruch nach parfümierter Creme.