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Lars Menz

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Beschreibung

Hohe Berge, tiefe Abgründe. Hier lauert das Böse. Es wird dich finden.  Ein nächtliches Dorf, nur die beleuchtete Skischanze ragt empor. Mit einem elektrischen Viehtreiber wird ein Mann zur Schanze getrieben. Am höchsten Punkt stößt ihn sein Peiniger hinab – ein Seil um den Hals.  Als Ellen den Toten an der Schanze hängen sieht, erstarrt sie in Panik. Sie kennt das Opfer. Erst vor kurzem ist sie in den Ort ihrer Kindheit am Rande der Alpen zurückgekehrt. Ein schreckliches Verbrechen zwang Ellen vor vielen Jahren zur Flucht. Der grausame Fund reißt die alte Wunde wieder auf. Ist es Zufall, dass der Mord ausgerechnet jetzt geschieht? Wie lange dauert es, bis jemand erkennt, dass Ellen das stärkste Motiv hat?   Ein Pageturner über das Lügennetz in einer Dorfgemeinschaft, eine unfassbare Grausamkeit und Rache. Bereit für Lars Menz?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Schanze

LARS MENZ, geboren 1972 in Bremen, hat Geografie, Stadtplanung und Politik studiert und arbeitet als Journalist. Er hat einen Roman und mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht, für die er unter anderem beim Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich ausgezeichnet wurde. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern lebt er in Hannover. Die Schanze ist sein erster Thriller.

HOHE BERGE, TIEFE ABGRÜNDE.HIER LAUERT DAS BÖSE.ES WIRD DICH FINDEN.Ein nächtliches Dorf, nur die beleuchtete Skischanze ragt empor. Mit einem elektrischen Viehtreiber wird ein Mann zur Schanze ge-trieben. Am höchsten Punkt stößt ihn sein Peiniger hinab – ein Seil um den Hals. Als Ellen den Toten an der Schanze hängen sieht, erstarrt sie in Panik. Sie kennt das Opfer. Erst vor Kurzem ist sie in den Ort ihrer Kindheit am Rande der Alpen zurückgekehrt. Ein schreckliches Verbrechen zwang Ellen vor vielen Jahren zur Flucht. Der grausame Fund reißt die alte Wunde wieder auf. Ist es Zufall, dass der Mord ausgerechnet jetzt geschieht? Wie lange dauert es, bis jemand erkennt, dass Ellen das stärkste Motiv hat?

Lars Menz

Die Schanze

Thriller

Ullstein

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Das Zitat in Kapitel 2 stammt aus Milan Kunderas: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Aus dem Tschechischen von Susanna Roth, FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main 2009, S. 9.

In Kapitel 29 wird aus dem Song Tonight, Tonight, Tonight von Genesis zitiert. Aus dem Album Invisible Touch, 1986.

 © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2025Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®, München (Bäume, Schnee, grafische Elemente); © ZeroMedia GmbH/ Midjourney (Schanze)Alle Rechte vorbehaltenDie automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.Autorenfoto: © Andrea Seifert

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

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51.

52.

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Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Prolog

Er hatte es begonnen, er brachte es zu Ende. Angst, Schuld, Zweifel, all das war belanglos geworden. Es war die Macht über Leben und Tod, die ihn berauschte. Sie lag in seinen Händen. Er zeichnete seine Lebenslinie mit dem Zeigefinger in seiner von Arbeit und Kälte geschundenen Haut nach. Eine tiefe, trockene Furche, die nun endlich auf ein Ziel zusteuerte.

Er ballte die Hände zu Fäusten.

Entschlossen drehte er sich um, senkte das Kinn leicht auf die Brust. Es war ihm zuwider, Menschen in die Augen zu blicken.

Vor vielen Jahren hatte er die Betondecke im Keller mit Styroporplatten verkleidet, um die Kälte unten und die Wärme oben im Haus zu halten. Ohne Wollsocken und Hausschuhe wurden die Füße trotzdem kalt, und dann konnte er nicht einschlafen. Meistens lief er die halbe Nacht durchs Haus, bis er so durchgefroren war, dass er duschen musste. Er mochte den Schmerz des heißen Wassers auf seiner Haut und die rötliche Farbe danach. Dann konnte er klar denken. Die besten Einfälle kamen ihm unter der Dusche.

Er sah den vor ihm auf dem Stuhl zusammengesunkenen Menschen nun doch an.

Wenn er mit dem Kopf gegen das Styropor stieß, rieselten kleine weiße Kügelchen auf den Boden. Wie verdammter Schnee. Es war überall, klebte an seiner Jacke, hing elektrisch aufgeladen an seiner Handfläche.

Es lag auf dem Gesicht des Mannes.

Wie Affenpocken. Im Fernsehen wurde darüber berichtet. Hochansteckend. Ekelhaft. Hätte er Affenpocken, er würde die Bläschen mit einer Nadel aufstechen. Mit Nadeln könnte er auch die Kügelchen im Gesicht des Mannes fixieren, wie kleine Punkte auf einer Landkarte, er könnte die Stecknadelköpfe mit Garn verbinden und so ein Netz spannen. Aber wozu?

Er war abgelenkt.

Er blies dem Mann das Styropor vom Gesicht, und sofort riss er den Kopf zur Seite, zerrte an den Fesseln, biss heftig auf den Gummiball in seinem Mund. Der Stuhl wackelte. Das Atmen fiel ihm schwer, seine Augen waren rot. Rot wie der Himmel draußen über dem schmalen Dachfenster. Es war das letzte Aufbäumen der hellen Stunden. Er mochte es, wenn der Tag der Nacht wich, und die Schatten um die Berge krochen. Schnee lag auf den Bergrücken und seit gestern auch im Tal. Darin würde er unweigerlich Spuren hinterlassen, aber das war nicht schlimm. Es waren nur Spuren. Spuren gab es viele. Es war gut, überhaupt etwas zu hinterlassen.

»Es ist Zeit«, sagte er zu seinem Gefangenen.

Seit gestern war er hier. Er hätte den Mann gleich an seinen Bestimmungsort bringen können, aber erst hatte er ihn wiegen, vermessen und auch schwächen müssen. Den Fahrradanhänger verstärken, das Seil auf die richtige Länge bringen. Das alles hatte Zeit gekostet.

Er ging nach oben, holte die Winterjacke, Mütze, Handschuhe. Trotz der Kälte wählte er die Hallensportschuhe ohne Profil. Zu viel Spuren mussten auch nicht sein.

Die Zimmer im Haus waren dunkel, die Tapeten alt und grau, die Oberflächen in der Küche fettig. Nur das Licht des Fernsehers flackerte auch von außen gut sichtbar an den Wänden. Er würde ihn anlassen, und vielleicht würde er bis zum Spätfilm zurück sein.

Ihm war, als hörte er Vater mit dem Fuß auftreten. Immerzu hörte er ihn, den Toten, selbst wenn er schlief. Er hatte ihn gepflegt, ihm die Tassen mit lauwarmem Wasser gereicht, seine schuppige Stirn und ihm die Scheiße aus der Ritze gewischt. Er hatte es so sattgehabt. Als die Wohnung der alten Braun gegenüber frei geworden war, hatte er die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, Vater aus dem Haus gezerrt, ihn dort einquartiert, eine ganze Straßenbreite Abstand zwischen sie gebracht. Drüben hatte er ihn wie eine Blume langsam verdorren lassen.

Die Leute vom Heim hatten die Braun mit dem Taxi abgeholt. Nur einen Koffer durfte sie mitnehmen. Das hatte ihm leidgetan. Von Zeit zu Zeit besuchte er ihr Grab. Dann brachte er ihr etwas mit. Einen Splitter vom Zaun, einen Kieselstein aus dem Garten, einige Fasern des Teppichs unter ihrem Bett, der dortgeblieben war.

Er ging zum Hinterausgang, rollte das Fahrrad aus dem Schuppen und zog die Plane vom Anhänger. Dann fegte er den Schnee von der Treppe, damit sie nicht ausrutschten.

Im Fenster spiegelten sich seine Konturen. Ob man ihm Vaters Ledergürtel noch ansah? Die Striemen? Die Schmerzen hatten sich wie eine Inschrift in seinen Körper gegraben. Der Gürtel hing noch immer im Flur. So wie das Porzellan und der Nippes seiner Mutter in der Schrankwand standen. Sie hatte ihm nie geholfen. Er hatte sich immer vorgestellt, alles würde besser werden, wenn beide nicht mehr da wären, aber der Winter endete hier nicht.

Zurück im Keller schwitzte er.

Hier unten war es kalt und feucht. Und es roch. Nein, es stank. Der Geruch von Kot und Urin war penetrant. Eine Folie auf dem Boden fing die durch die Hose triefenden Exkremente des Mannes auf. Er musste die Folie anschließend loswerden und das Fenster über Nacht auflassen.

Der Strick lag noch in der Kiste.

Der Gefangene registrierte die Winterjacke und richtete sich auf. Seine Zeit auf dem Stuhl ging zu Ende, aber er wusste nicht, was das für ihn bedeutete. Er erwartete wohl das Schlimmste, denn er zerrte wieder an seinen Fesseln. Die Fesseln waren mit Schlössern gesichert, von denen er nun zwei öffnete. Er zog den Mann vom Stuhl und stellte ihn hin wie eine Spielfigur. Nach dem langen Sitzen zitterten seine Knie, sein Atem ging schnell, sein Gleichgewicht aber kam zurück. Obwohl er etwa eins achtzig und erwachsen war, wirkte er wie ein kleiner Junge. Seine Angst war größer als er selbst.

Die Ketten um seine Fußgelenke ließen ihm nur wenig Spiel, und er brauchte fast vier Minuten für die Treppe. Der Kellerabgang war aber nicht einsehbar, eine Hainbuchenhecke und die verwitterte, hochkant gestellte Tischtennisplatte versperrten die Sicht. Mehrmals hatte er die Winkel kontrolliert.

Der Wind flüsterte durch den Hinterhof, schneebedeckte Äste wogten hin und her. Sein Atem stieg wie Nebel in die Nacht.

»Setz dich!«, befahl er.

Der Mann verstand nicht.

Mit dem Viehtreiber versetzte er ihm einen Stromstoß am Arm. Das kleine Gerät bestand aus einem Plastikgriff, an dessen Ende zwei Metallstifte wie bei einem handelsüblichen Stecker herausragten. Es war leicht und lag gut in der Hand. Der Mann biss vor Schmerz auf den Gummiball und stöhnte, ließ sich nun widerstandslos rücklings auf den Fahrradanhänger setzen und kippte nach einem weiteren Stromstoß zurück. Er legte den Nacken des Mannes in die für seinen Hals halbmondartige Aussparung, stülpte die mit Schaumstoff ausgekleidete Kiste über sein Gesicht und schloss die Scharniere. Der Mann warf sich hin und her, schnitt sich die Haut an den Fesseln. Doch seine Schreie drangen nicht nach draußen. Es gab nur kleine Luftlöcher. Schon nach kurzer Zeit hörten seine Bewegungen auf, als er begann, nach Luft zu schnappen, was mit dem Ball im Mund ohnehin furchtbar anstrengend war.

Er hatte es verstanden.

Auf die Idee mit der Kiste war er bei seiner letzten MRT-Untersuchung gekommen. Er hatte fast genauso dagelegen, nur ohne die Fesseln und in der Gewissheit, jederzeit entkommen zu können. Keine Anomalien, keine Entzündungsherde. Sie hatten nichts von dem gefunden, was in seinem Kopf vorging. Das war beruhigend, es bestätigte, dass er nicht krank war.

Die Beine des Mannes klemmte er hinter ein vorbereitetes Brett, fixierte die Füße mit Klebeband, zog dann die Plane über den Anhänger und sicherte auch sie. Niemand würde einen frierenden Mann darunter vermuten. Nicht mal einen toten Hund.

Das Anfahren war durch das Gewicht des Anhängers beschwerlich, das Treten selbst aber keine große Anstrengung. Er bewegte mit dem Rad oft schwere Ware und hatte den Anhänger bereits vor Langem für den Transport der Skier verlängert. Es steckte auch jetzt ein Paar an der Seite, sie ragten unter der Plane hervor und zeigten allen, wer er war. Ein Sportler. Einer, der Bewegung und Natur schätzte, seinen Körper forderte und spät heimkam.

Die Straßen waren leer. Doch durch die beschlagenen Scheiben der Restaurants und Gasthäuser sah er Menschen und bog in die Seitenstraßen ab.

War er aufgeregt oder nervös? Lief er Gefahr, Fehler zu machen? Nein, er war ruhig, beinahe gelassen. Sein Puls schlug regelmäßig, und er genoss die kalte Luft in seinem Gesicht. Später würde er duschen, seine Haut würde rot sein.

In der Ferne ragte sein Ziel auf.

Die Wolken hingen unterhalb der Baumgrenze in den Tannenspitzen. Optimal, so hatte er keine Blicke verspätet zurückkehrender Wanderer zu befürchten. Ein Blick auf seine Armbanduhr. Ein Geschenk seines Großvaters zum Abitur. Pilot im Zweiten Weltkrieg und danach Skiläufer. Auf einer schwarzen Piste hatte er sich beide Beine gebrochen. Da war ihm bis zum Tod nur das Trinken geblieben. Sein Vater hatte es ihm nachgemacht, aber er selbst war stolz auf seinen klaren Kopf.

Majestätisch wurde die Skischanze von mehreren Scheinwerfern angestrahlt, um den Touristen ein Schauspiel zu bieten. Der Beton hob sich grau glänzend vor der Bergkulisse ab. Der Anblick erfüllte ihn stets mit Ehrfurcht. Die Höhe und Mächtigkeit des Bauwerks und die bevorstehende Tat jagten ihm einen wohligen Schauer über die Haut, den er einen Moment lang genoss.

Er stellte das Rad im Schatten der Schanze ab. Das Licht der Straßenleuchten erreichte ihn hier oben nicht. Aus seiner Jackentasche zog er einen professionellen Türöffner, dünne Nadeln, mit denen er leicht die in den Turm führende Tür öffnen konnte. Er hatte Glück, es lag ein Backstein bereit, der verhinderte, dass die Tür wieder zufiel.

Als er die Plane am Anhänger löste und den Kopf befreite, war das Gesicht des Mannes von der Anstrengung des Atmens knallrot. Es hatte ihn seine ganze Kraft gekostet, sich im Dunkel der Gefangenschaft darauf zu konzentrieren, nicht durchzudrehen. Er war erschöpft und schwitzte.

»Du tust, was ich sage.«

Er gab ihm einen Stromstoß. Mit dem Viehtreiber entstanden schnell Verbrennungen. Es roch wie damals, als er als Kind im Hof mit einem Freund gezündelt und der sich am Arm verbrannt hatte. Erinnerungen hingen an Gerüchen, seine Gedanken waren manchmal noch bei diesem einen Freund. Das Gerät würde er später auseinandernehmen und die Einzelteile an unterschiedlichen und weit auseinanderliegenden Stellen entsorgen.

Er löste das Klebeband an den Füßen. Der Mann hielt still in seinem Schmerz. Während er ihn mit dem Viehtreiber in Schach hielt, zog er mit der freien Hand die Plane über den Anhänger. Dann warf er die vorbereitete Schlinge um den Hals des Mannes und zog sie zu. Sofort ging sein Brustkorb schneller auf und ab, voller Angst wollte er wissen, ob er noch eine Chance hatte. Aber es waren nur undeutliche und unbedeutende Laute, die sich ihren Weg an der Seite des Gummiballs ins Freie bahnten.

»Los jetzt«, sagte er.

Als sie im Turm waren, stieß er den Stein mit dem Fuß beiseite, und die Tür fiel von selbst zu.

Der Aufzug war laut.

Zum ersten Mal spürte er Nervosität. Ob es einen Hausmeister oder einen Sicherheitsdienst gab? Es gab niemanden. Das wusste er. Als sie die oberste Plattform erreicht hatten, verflog beim Blick in die Nacht seine Anspannung. Fast hätte er vergessen, wie schön die Dunkelheit hier oben war.

Der Mann wehrte sich jetzt stärker. Er war nicht dumm, er ahnte, was bevorstand. Trotzdem nahm er ihm nun die Fußfessel ab, steckte seinen Zeige- und Mittelfinger zwischen Schlinge und Hals des Mannes und führte ihn fast wie ein Pony eng neben sich. Seine Mutter hatte ihn oft zum Ponyreiten mitgenommen. Er hatte die Pferde gehasst, ihren Eigensinn, ihre Kraft und ihre Zähne. Aber diese Nachmittage mit seiner Mutter waren ihm in guter Erinnerung geblieben. Sie hatte ihn auf das Pferd gehoben, und die Wärme, die er damals gespürt hatte, spürte er manchmal noch heute, wenn er heiß duschte.

Der Wind war scharf. Er zog die Mütze tiefer und trieb den Mann mit einem Stromstoß die Stufen hinauf, die parallel zum Anlauf der Schanze führten. Dort oben saßen die Springer auf ihrem Startbalken und blickten einsam in die Tiefe. Es hatte etwas Religiöses, und er bewunderte diese Athleten. Er wünschte sich, selbst so mutig zu sein.

Der Mann bekam kaum Luft und konnte keine Gedanken an einen möglichen Angriff verschwenden. Ob er dennoch die Schönheit der Landschaft sah? Ein letztes Mal? Ein Blick über die Brüstung. Die Berge schwarz, der Ort ein tiefes Meer aus sich spiegelnden Lichtern und darüber eine dichte Wolkendecke.

Sein Herz schlug schneller. Jetzt, kurz vor dem Ziel, kaute er auf dem äußeren Rand seiner Zunge und schob das Kinn mahlend vor. Diese alte Angewohnheit.

»Mach das nicht«, schrie sein Vater ihn an. »Du siehst aus wie ein Idiot.«

Er bestrafte seinen Vater für seine Worte, schlug ihn mit seinem eigenen Gürtel. Vater wehrte sich irgendwann gegen nichts mehr.

Er war erregt.

»Da sind wir«, sagte er.

Sie standen an der Spitze. Der Turm allein war vierzig Meter hoch, der Berg mit der gesamten Anlage erhob sich noch einmal hundert Meter über das Tal. Hier oben hörte sie niemand. Selbst wenn er – und das würde er – die Gummikugel entfernen und der Mann um Hilfe schreien würde, wäre es sinnlos. Der Wind zerstreute alle Klagen, es blieben nur leise Geräusche, die von verirrten Vögeln stammen konnten.

Ein weiterer Stromstoß trieb den Mann bis ans Geländer. Er versuchte zu reden, sich mit Worten zu retten, jetzt, wo es fast vorbei war.

Es war verständlich.

Es war sinnlos.

»Hör zu«, sagte er dicht neben seinem Ohr. Fast spürte er, wie sich das Zittern seines Opfers durch die Luft auf ihn übertrug. »Ich werde dich nicht umbringen.«

Der Mann reckte den Kopf zur Seite, bis das Seil in seinen Hals schnitt. Hoffnung schimmerte in seinen blutunterlaufenen Augen auf wie eine Münze in einem Brunnen. Die Zuversicht löste ein wenig seine Verkrampfung.

»Steig über das Geländer.« Der Mann wollte nicht, aber es gab keine Alternative. »Du steigst da rüber, und ich lasse dich auf der Außenseite auf Hilfe warten«, erklärte er. »Es wird vielleicht bis morgen dauern, bis dich jemand hier oben entdeckt, aber du wirst fest angebunden sein und wirst nicht fallen. Genieß einfach den Blick und die Weite des Tals.«

Der Mann verstand noch immer nicht.

»Ich werde dich sogar von dem Knebel befreien.«

So positive Worte, und doch fauchte und knurrte der Mann, geriet in Wut, brüllte, so laut es mit dem Gummiball ging, und bedrängte ihn. Er bremste ihn mit einem Stromschlag. Die Stärke betrug siebzig Milliampere. Gestern hatte er im Keller bereits ausprobiert, wie weit er damit gehen konnte. Der Stoß traf ihn in den Bauch. Aufgrund der Kleidung wurde der Strom nicht optimal weitergeleitet, hielt ihn aber auf. Zusätzlich stieß er ihm das Gerät gegen den Hals. Trotz des kalten Windes lag genügend Schweiß auf der Haut, und der Strom drang ungehindert ein. Der Körper sackte zusammen, die Muskeln kontrahierten. Ein Vorhofflimmern oder eine sich verkrampfende Lunge waren jetzt nicht ausgeschlossen. Eine Brandwunde am Hals flackerte auf.

Verdammt.

Er fühlte den Puls. Schwach, aber vorhanden.

Ihn einfach zurücklassen, weggehen, weg von diesem Ort, weg von diesem Leben, alles zurücklassen, das bisschen Geld nehmen, es irgendwo ausgeben und sich dann erschießen. Daran dachte er.

Aber jetzt musste er erst diese Sache erledigen.

Schnell löste er die Fesseln an den Händen und das Lederband am Hinterkopf. Er musste mit zwei Fingern in den Mundraum greifen, um den speichelgetränkten Ball zu entfernen. Dann drehte er den Mann auf den Bauch, stellte sich breitbeinig über ihn, packte ihn unter den Armen, wuchtete ihn hoch, lehnte ihn mit der Brust gegen das Geländer und warf seine Arme über den Handlauf. Zur Sicherheit zog er das Seil noch einmal fest. Es musste jetzt schnell gehen, der Mann kam wieder zu sich.

»Warum?«, keuchte er und hielt sich an der Brüstung fest. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor. Sein Blick ging vierzig Meter in die Tiefe.

»Rüber da!«

Der Mann begann, um sich zu treten. Er brauchte einen Moment, um den nächsten Stromstoß zu setzen, und in dieser einen Sekunde schlug er mit der Ferse gegen den Gummiball. Er hüpfte wie ein Kinderspielzeug zur Seite und verschwand durch die Streben des Geländers in der Dunkelheit. Verdammt, dachte er, er musste ihn später finden.

Zwei weitere Stromstöße waren nötig, um die Gegenwehr zu brechen. Vorsichtig schob der Mann sein rechtes Bein über die Brüstung, saß kurz auf dem Geländer wie ein Reiter auf seinem Sattel, bevor er sich weiterdrehte und auch das linke Bein nachzog. Mit den Fußspitzen stand er auf einem schmalen Absatz, hinter ihm der Abgrund.

Sie sahen sich in die Augen, ganz nah, Nase an Nase. Der Mann draußen, er drinnen. Sie waren so nah beieinander und doch so unterschiedlich. Er spürte den festen Beton unter seinen Füßen, und er sah den Abgrund hinter dem Rücken des Mannes. Mit ganzer Kraft hielt der Mann sich fest. Er selbst hielt ihn weiter am Seil.

»Du hast gesagt, du bindest mich fest.«

Er klammerte sich an die gesprochenen Worte wie an das Geländer. Worte aber waren noch nie etwas wert gewesen. Wie naiv, auf sie zu vertrauen.

»Das werde ich«, sagte er.

Er knotete das Ende des Seils um eine der Streben des Geländers. Die Seillänge war abhängig von der Größe und dem Gewicht der daran hängenden Person. Wenn alles stimmte, brach der lange Fall das Genick, enthauptete das Opfer aber nicht. Das war ihm wichtig. Er wollte sich keinen Fehler erlauben und hatte deshalb seine Berechnungen mehrmals überprüft. Er war schwach in Mathematik und hoffte, dass er sich nicht verrechnet hatte.

»Bitte«, flehte der Mann. »Ich habe nichts getan.«

Oh doch.

Jetzt, dachte er. Jetzt tust du es.

Leise sagte er die Worte, die er seit Jahren geübt hatte, die er sich zum Einschlafen vorsagte und von denen er sich so viel versprach. Es war nur ein Satz, aber der Mann verstand sofort seine Bedeutung. Im Augenblick der Erkenntnis riss er ein letztes Mal erschrocken die Augen auf.

Er schlug ihm auf die Brust. Aber der Mann fiel nicht, er hielt sich weiterhin mit aller Kraft fest. Also zog er erneut den Viehtreiber aus der Jackentasche, presste ihn auf den rechten Handrücken und drückte ab. Der Mann schrie auf, ließ aber nicht los.

So hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Er hätte ihn bereits im Keller töten sollen. Das Ganze erschien ihm jetzt unausgereift, ohne Eleganz. Das endgültige Bild hatte er vor Augen gehabt, aber die Mühsal und die Risiken unterschätzt.

Er ging eine Schrittlänge zurück, hob das Bein und trat mit seinem Stiefel fest gegen die Finger des Mannes. Erst rechts, dann links.

Es waren seltsame Geräusche, keine Worte, keine Schreie, nur gurrende Laute, als sich seine Finger lösten, er langsam in Rückenlage geriet, mit den Armen ruderte, das Gleichgewicht verlor und abstürzte. Sein Gewicht riss ihn in die Tiefe, bis das Seil den Sturz abrupt abfing und ihm das Genick brach.

Ein kurzer Augenblick, nur ein Herzschlag, aber die Tragödie des Mannes machte ihm die Größe seiner Tat bewusst.

Stille.

Nur der Wind.

Nur die Kälte.

Die Baumwipfel, die sich leicht nach links und rechts bewegten wie zum Tanz.

Lange stand er am Geländer. Seine Berechnungen waren richtig gewesen, aber für das nächste Mal musste er sich etwas Einfacheres ausdenken. Was hätte nicht alles schiefgehen können.

Schließlich sammelte er die auf dem Boden liegenden Gegenstände ein und verließ den Turm. Alles war ganz einfach. Nur den Gummiball musste er noch finden. Er strich unterhalb der Schanze durchs Gelände, aber er hatte keine Taschenlampe und gab bald auf. Dann würde die Polizei das Ding eben finden. Fingerabdrücke auf Leder nachzuweisen war beinahe unmöglich, und das Gummi war über und über mit dem Speichel seines Opfers überzogen. Er musste sich keine Sorgen machen.

Das Rad stand an seinem Platz.

Als er den Weg erreichte, blieb er noch einmal stehen, legte den Kopf in den Nacken.

Da hing er.

Ein Mahnmal am Himmel. Vor den Bergen fast nur ein Strich, aber spätestens am Morgen würde er in der Sonne glänzen.

Jetzt war er doch zufrieden. Es kam seiner Vorstellung nah. Das Ergebnis war akzeptabel.

Nein!

Es war wunderschön.

1.

Ein letztes Mal blickte Ellen aus dem Küchenfenster in den Hof. Die Birke stand schmal und schief in der Mitte, umgeben von den Rückseiten der alten Gebäude. Ein paar mit Steinen eingefasste Beete, ein Kiesweg, der vom Kellerabgang zum Baum und einmal um ihn herumführte. Gemeinsame Sommerabende, Grillen, der Geruch von ins Feuer tropfendem Fett. Sie aß die bunten Salate, stieß wieder ihre kühle Flasche gegen eine andere. Lisa trug Monologe aus ihrem Laientheater vor, und als die Kinder im Bett waren, drehte Rüdiger Joints. Christoph legte ihr den Arm um die Schulter, zeigte auf die Fledermaus, die sich in den Hof verirrt hatte. Sie versuchte, die Melodie dieser Nächte zu bewahren. Spät gingen sie in ihre Wohnungen, und es war schön, sie alle um sich zu haben. Es ging ihr gut in diesen Sommern.

Jetzt war Winter.

Eine dünne weiße Decke hatte sich über die nackten Pflanzen, die beiden Holzbänke und ihre Erinnerungen gelegt.

Ihre Wohnung war bereits ausgeräumt.

Nur sieben Kartons standen im Flur, die ihr nachgeliefert würden. Auch ihr Sessel und ihre Gitarre. Sie strich über die Saiten. Der Unterricht hatte sie damals abgelenkt. Sie konnte nicht gut spielen, aber es beruhigte sie, ein Folkstück zu zupfen, sich auf Melodie und Rhythmus zu konzentrieren, ihren inneren Stimmen einen Ton entgegenzusetzen.

Die meisten Möbel hatte Christoph behalten, schließlich gehörten sie ihm. Die Filmabende, das Essen mit Freunden, die Nächte bei offenem Fenster, auch das alles hatte er mitgenommen. Nun ging auch sie, mit dem wenigen, das sie besaß. Sie versuchte sich an die guten Zeiten zu erinnern und das Ende als das zu nehmen, was es war: Ein neuer Anfang.

Wieder einmal.

Das Taxi würde jeden Moment da sein.

Sie ging zur Toilette, ihre Schritte hallten durch das leere Badezimmer. Als sie in den Spiegel sah, lief ihr eine Träne über die Wange. Nur eine einzige. Oft hatten sie zusammen in der Badewanne gelegen. Kerzen, Musik, sein Faible für Frank Sinatra, seine Umarmungen. Nach einem langen Arbeitstag in der Klinik hatten sie sich im Wasser entspannt, auch noch, als sie längst gefroren hatten.

Jetzt war er weg, und ihre Schultern schmerzten.

Es klingelte an der Tür, schrill und laut.

Sie sammelte Klänge, kleine Alltagsgeräusche, wie sie überall zu hören waren, und doch erschienen sie ihr so individuell, nur zu ihrem Leben gehörend. Sie bewahrte sie in ihrem Gedächtnis auf, sortiert nach Ereignis und Gefahrengrad. Hier lagerten Töne für das grollende Husten ihres Vaters, für das fast lautlose Eindringen eines Skalpells in die Haut, für das Knacken von Christophs Knöcheln, für das Schlagen der Luft, wenn Vögel starteten.

Es klingelte wieder.

Sie drückte die Spülung, tapste in den Flur, betätigte die Gegensprechanlage und schloss den Hosenknopf.

Ein letzter Blick in die Wohnung. Die Dielen waren schon beim Einzug abgewetzt gewesen. Einige wenige Spuren aber waren hinzugekommen, und bei dem Gedanken daran lächelte sie.

Sie schulterte ihre Handtasche, griff nach dem Rollkoffer und schloss ihren Mantel, ein Geschenk von Christoph. Sie hatte überlegt, ihn wegzugeben, aber sie mochte die Wolle und das Fil-à-Fil-Muster. Sie behielt das teure Stück, auch wenn die Erinnerungen an ihn in den tiefen Taschen steckten.

Die Tür fiel ins Schloss.

Im ersten Stock wartete Lisa auf dem Treppenabsatz, die kleine Carla dicht hinter ihr. Sie mussten die Klingel gehört haben. Der Abschiedsschmerz stand beiden im Gesicht.

Ellen stellte den Koffer ab, und Lisa umarmte sie fest.

»Jetzt ist es also so weit«, sagte ihre Nachbarin. Sie trug wie ihre Tochter nur Strumpfhosen und darüber einen dicken Pullover. Ihre Fingernägel waren kurz, genau wie ihre Haare. Wie wir uns ähneln, dachte Ellen. Sie erinnerte sich an viele gemeinsame Gespräche, bessere vielleicht, als sie mit Christoph je geführt hatte. Ihr eigenes Haar hatte sie nach Christophs Auszug abgeschnitten, jetzt aber reichte es ihr bereits wieder bis zu den Schultern. Es war braun, noch ohne Grau. Warum ging sie, wenn sie doch hier zu Hause war? Hier, in der Umarmung ihrer Freundin. Weil Lisa und sie starke Frauen waren, Ärztinnen, die die Dinge klärten, die gut allein zurechtkamen.

Sie küsste Lisa auf die Wange. »Ciao, Süße.«

»Beim kleinsten Zwicken rufe ich dich an.«

»Du bist kerngesund. Komm mich einfach besuchen. Bald, hörst du?«

»Ganz bald.«

Sie kniete sich hin und drückte Carla an sich.

»Pass auf deine Mama auf, wenn ich weg bin, okay?«

Carla nickte. Ihre Augen waren groß, sie verstand, dass sie sich lange nicht wiedersehen würden. Carla war ein kluges Mädchen. »Wohin gehst du?«

»Dahin, wo ich gelebt habe, als ich so alt war wie du.«

Sie wuschelte der Kleinen durch ihre lange Mähne und umarmte Lisa noch einmal. Dann riss sie sich los. Auf keinen Fall würde sie sich noch einmal umsehen.

»Halt!«, rief Lisa. Sie sprang auf ihren bunten Wollsocken die Treppe hinab. »Das ist doch noch für dich.« Sie reichte ihr ein kleines Geschenk. »Mach es erst dort unten auf, ja?«

»Danke. Für alles.«

Ellen spürte den Druck in ihrer Brust. Sie steckte das Geschenk tief in die Manteltasche, und es gesellte sich zu den anderen Erinnerungsstücken. Eigentlich war die Tasche viel zu klein.

Carla steckte Nase und Mund zwischen die Streben des Treppengeländers. »Wer passt jetzt auf dich auf?«

Ellen zögerte. »Ich selbst«, rief sie mit brüchiger Stimme nach oben. »Ich passe ganz allein auf mich auf.«

2.

Draußen pfiff ein kalter Wind. Schneeflocken stoben durch die Luft, eine Zeitung flog ihr ans Bein. Am Taxi flackerten alle vier Blinker. Sie zwängte sich durch die parkenden Autos und öffnete die Autotür. Der Taxifahrer drehte sich zu ihr um, trommelte aber weiter mit dem Daumen auf den Knauf der Automatikschaltung. Ein untersetzter Mann, die Brille baumelte an einem Band vor seiner Brust, der Bauch drückte gegen das Lenkrad, eine Schiebermütze hing ihm tief im Gesicht.

»Unglaublich, wo die all die Milliarden wieder hernehmen. Von uns, vermute ich mal«, sagte er und meinte wohl die Radionachrichten. »Wollen Sie Sitzheizung?«

Sie stieg hinten ein.

Das Haus blieb zurück, die Straßen wurden breiter, die Stadt flackerte vor ihrem Fenster wie ein unscharfes Monitorbild. An der Kreuzung teilte sich der Verkehr.

Eine diffuse Sehnsucht nach der alten Heimat trieb sie fort. Was sie zurückließ, war zerstört. Christoph, die gemeinsame Wohnung, die Zukunft, die sie sich vorgestellt hatte. Sie hatte keine Angst mehr vor dem Ort, an den sie zurückkehrte. Viel Zeit war vergangen, sie war erwachsen, eine Frau, die mitten im Leben stand und nun, da sie hier nichts mehr zu verlieren hatte, eine Chance ergriff, die sich ihr bot. Und wenn es sie nur dort gab, dann war es so. Sie ging freiwillig zurück. Sie würde mit der Vergangenheit fertigwerden. Es war an der Zeit. Wann, wenn nicht jetzt?

Ihr Blick war fest nach vorn gerichtet.

Geradeaus.

So würde sie sich orientieren. Das wäre gar nicht so schwer.

»Das ist doch alles eine Farce. Ich meine, die sind doch verrückt in Berlin, oder?« Der Fahrer drehte sich halb zu ihr um. »Alles geht den Bach runter, sage ich. Wem kann man denn noch trauen? Den Medien etwa?« Ein schwarzer Volvo schnitt dem Taxi den Weg ab. »Noch so ein Verrückter, Allah!«

Sie legte die Fingerspitzen an die Scheibe, um ein letztes Mal die Stadt zu spüren.

Am Bahnhof umflossen die Menschen sie wie einen Stein. Sie stand mitten in der Halle, die Geschäfte waren überfüllt, die Polizei führte einen Drogenabhängigen ab, ein Hund bellte, eine Frau kaufte Blumen, es roch nach Kaffee. Sie würde das Chaos nicht vermissen. Zu Hause waren die Wiesen grün. Der Frühling würde kommen. Sie kaufte kurzentschlossen Streuselkuchen.

Auf dem Bahnsteig überwältigte sie dann doch das Gefühl, einen Fehler zu machen. Als der Zug einfuhr, sie einstieg, ihren Platz suchte, den Koffer in die Ablage wuchtete und in den Sitz sank, fühlte sie sich, als hätte man ihr ohne Betäubung einen Zahn gezogen. Sie konnte nicht beißen, nicht schmecken, nur mit der Zunge die Lücke im Kiefer ertasten.

Aber sie saß im Zug. Sie würde fahren.

Auf dem Süßigkeitenautomaten am Bahnsteig saß ein kleiner Vogel. Sein Gefieder war bunt und etwas zerzaust. Er erhob sich in die Luft, und sie verfolgte seinen Flug. Einen Moment war es, als beobachtete er sie, wie sie auf dem Linoleum lag, im Geräteraum, gleich neben dem Mattenwagen. Sie hörte seinen Flügelschlag, tap, tap, tap. Er wies ihr den Weg zum Ausgang. Dann verlor sie ihn aus den Augen.

»Entschuldigung?«

Sie schreckte hoch.

»Wie bitte?«

Ihr Herz schlug hart gegen ihren Brustkorb, Schweiß trat auf ihre Stirn.

Nichts schien überwunden.

»Ist der Platz noch frei?«

Ein junger Mann stand neben ihr. Anfang zwanzig vielleicht. Gut aussehend. Mit seiner runden Brille erinnerte er sie an John Lennon. Auch wenn sie die Beatles nicht hörte, jeder kannte John Lennon und wusste, dass er zu den Guten gehörte. Gehört hatte. Dieser Gedanke gab ihr Sicherheit.

Sie nickte freundlich. »Ja, natürlich.«

Er setzte sich ihr gegenüber. Der Tisch trennte sie. Sie legte den Streuselkuchen darauf und bot ihm ein Stück an.

Er begann ein Gespräch, und sie freute sich, mit ihm reden zu können, ihre eigene Stimme zu hören, sich ihrer selbst zu vergewissern.

Ja, sie verließ ihre Stadt.

Sie ging nach Hause zurück.

Es war ihre Entscheidung.

»Ich übernehme eine Hausarztpraxis im Süden«, hörte sie sich sagen. Es klang selbstbewusst. Es klang richtig.

»Ich fahre nur bis Würzburg«, sagte er und krümelte in sein Buch. »Da werde ich Sie wohl eher nicht konsultieren können.« Er blickte ihr in die Augen. »Schade.«

Sie biss in den Kuchen und dachte über sein altmodisches Wort nach. Konsultieren. Sie mochte es.

Als der Zug langsam anfuhr, sah sie hinaus, bis der Bahnsteig und die Häuser verschwanden und die Wiesen übernahmen.

Sie ließ viel zurück. Ihre Stelle im Krankenhaus, ihre Freundin Lisa, ihre Joggingstrecke an der Alster. Auch wenn Christoph weg war, die anderen Dinge waren noch da. Sie spürte die mit den Orten verbundene Einsamkeit, die durch Christophs Auszug entstanden war. Im Krankenhaus wäre sie ihm immer wieder über den Weg gelaufen. Seine Station lag gleich neben ihrer. Das konnte sie nicht.

Erst jetzt öffnete sie ihren Mantel.

Der junge Mann las in einem zerfledderten Roman, hatte die langen Beine mühsam unter dem Tisch übereinandergeschlagen.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Kundera hatte sie als Studentin gelesen. Christoph las ständig. Im Auto, wenn sie fuhr, auf der Toilette, wenn sie Zähne putzte, nach dem Sex, wenn sie dicht neben ihm lag. Anfangs hatte sie seine Leidenschaft bewundert, später war sie genervt gewesen, jetzt hielt sie es für einen liebenswerten Spleen, den sie vermisste.

Christoph hatte sie manchmal Windbö genannt, weil sie dünn, aber stark war. Er war ihr Kolumbus gewesen, weil er sie mitten in Hamburg zwischen all den anderen entdeckt hatte. In der Mensa, wo sie ihr Studium mit der Ausgabe von Koteletts und Kartoffelpüree finanziert hatte, hatte sich der ganze Verkehr gestaut. Nach dem längsten Nachmittagsspaziergang ihres Lebens war sie verliebt gewesen. Wie lange war es her, dass sie miteinander geschlafen hatten? Seit seinen Verdächtigungen hatten sie es nicht mehr getan. Er war überzeugt gewesen, dass sie ihn betrog und einen anderen vögelte, wie er es nannte.

Was sie nicht getan hatte.

Alles war so schnell kaputtgegangen.

»Auf Misstrauen wächst keine Zukunft«, hatte sie zu ihm gesagt, und er hatte die Tür hinter sich zugeknallt.

Der Zug war nur gut zur Hälfte gefüllt, und in Hannover und Göttingen stiegen jeweils nur so viele Leute zu wie aus. Hart lag das Land vor ihrem Fenster in der Kälte. Sie sah kaum Menschen, nur Schatten. Mit den Fingern an der Scheibe spürte sie, wie schon im Taxi, das Poltern der Welt.

Später stand der junge Mann auf. »Ich habe es durch.« Er legte ihr den Roman auf den Tisch. »Dann haben Sie für den Rest der Fahrt etwas zu tun.«

Auf dem Bahnsteig in Würzburg küsste er eine Frau. Als der Zug weiterfuhr, sah er ihr einen Augenblick über die Schulter seiner Freundin hinweg nach.

Es tat ihr gut, das zu glauben.

Sie war nicht unsichtbar.

Sie lehnte sich zurück und begann zu lesen.

Die ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke … alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat …

Sie schlug den Buchdeckel erschrocken zu.

Sie machte einen Fehler!

In drei Stunden war sie da, und alles würde von vorn beginnen.

3.

Als Merab von der Toilette an seinen Schreibtisch zurückkehrte, war eine neue E-Mail eingetroffen. Nicht auf seiner Redaktionsadresse, sondern in seinem privaten Account. Auf diese E-Mail wartete er seit Tagen.

Sein Gesicht spiegelte sich schemenhaft auf dem Computerbildschirm. Die Stirn frei, das Haar gewellt. Er griff sich in den Bart, der schon weiß zu werden begann. Noch war es nur ein schmutziges Weiß, als hätte sich jemand die Sohlen im Schnee abgetreten. Er zog die Hemdsärmel ein Stück aus der Jacke und streckte den Rücken.

Er sah sich um.

Pauls Schreibtisch war verlassen, er führte außerhalb ein Interview mit dem neuen Vorsitzenden des Modellflugsportvereins. Maren spülte in der Küche die Kaffeetassen, und Caro tippte ihren Artikel über den gestrigen Ortstermin des Gemeinderats am Kreisverkehr, wo es in letzter Zeit vermehrt zu Unfällen mit Radfahrern gekommen war. Ein neunjähriges Mädchen war überfahren worden und lag seither im Koma. Dieser Teil wiederum war Marens Story. Sie liebte die emotionalen Geschichten, während Caro den Job seit dreißig Jahren kannte und ihr im Gemeinderat niemand mehr etwas vormachte.