Die Schatten der Anderen - Marcelo Díaz - E-Book

Die Schatten der Anderen E-Book

Marcelo Diaz

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Beschreibung

Buenos Aires 1970 – Klassenkämpfe bedrohen die öffentliche Ordnung. Militärdiktatur und Polizei regieren mit eiserner Faust. Eine Gruppe junger Studenten unterstützt den Kampf der Fabrikarbeiter, unter ihnen der engagierte Mario. Er und der Fabrikant Juan werden erbitterte Gegner. Beide wissen nicht, dass sich die Lebenslinien ihrer Familien schon einmal kreuzten – in Deutschland, in den 1930er Jahren. Juan war kurz vor Kriegsende 1945 die Flucht nach Argentinien gelungen. Die tiefen Schatten der Vergangenheit reichen bis in die Gegenwart und beeinflussen zunehmend das Leben beider Familien. Die Geschichte umfasst die 30er bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und spielt hauptsächlich in Deutschland und Argentinien, mit Abstechern nach Italien, in die Schweiz und in andere Länder. Der Roman erzählt von einer jüdischen Familie, die von einem Mitglied der SA verfolgt wird. Ein Teil der Familie wird in ein Arbeitslager geschickt und kommt um, während die Überlebenden im Jahre 1939 Zuflucht in Argentinien finden, wie später, 1945, auch der überzeugte Nazi. Überraschend begegnen sie einander in den 1970er Jahren auf dem neuen Kontinent und es entwickelt sich eine nervenaufreibende Geschichte von Angst und Verfolgung. "Die Schatten der Anderen" ist der Debütroman des international renommierten Autoren und Theaterregisseurs Marcelo Díaz. Der gebürtige Argentinier hat einen fulminanten politischen Roman geschrieben, in dem er biografische Erfahrungen mit aktuellen Recherchen über die argentinische Militärdiktatur und deren Verbindung zu deutschen Nazi-Erben spannungsreich verknüpft. Der Polit-Krimi "Die Schatten der Anderen" ist der erste Teil einer Trilogie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Marcelo Diaz

DIe Schatten

der Anderen

Erster Teil

aus dem Spanischen

von Christiane Barckhausen Canale

Ein herzliches Dankeschön an Patricia und Daniel

für die ständige Beratung und Ermutigung.

1. Auflage, 2021

© 2021 Fahnauer Verlag, Dresden

Nachdruck, Vervielfältigung oder Verbreitung, elektronische Speicherung oder Verarbeitung, ganz oder auszugsweise, nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch den Verlag.

Gestaltung und Satz: Tobias Fahnauer, www.fahnauer.de

ISBN 978-3-941436-48-0

www.FahnauerVerlag.de

Berlin 1945

Der Nieselregen, der eine Spur von Glanz in die Dunkelheit brachte, zeigte die Gebäude nur als verschwommene Umrisse.

Die Luft war feucht und klebrig und verursachte eine eigenartige Stimmung. Als er endlich ins Freie treten konnte, fiel ihm das Atmen schwer, ihm war schwindlig und er musste sich an einem Laternenpfahl abstützen. Nur im Unterbewusstsein nahm er wahr, dass seine Schuhe vom Regen durchweicht wurden.

In der Ferne erkannte man Blitze, die den traurigen, dunklen Himmel erleuchten ließen. Wie lange war er nicht an der frischen Luft gewesen, beim letzten Mal, als er es versucht hatte, musste er sofort umkehren. Das war am Geburtstag seiner Frau Herta, der er trotz der Umstände ein Geschenk bringen wollte. Es sollte nicht sein.

Er wusste, dass die Welt, die ihn erwartete, nicht die war, die er gewählt hatte, er musste, fern der Heimat, ein neues Leben beginnen. Er musste sich an seine neue Identität gewöhnen. Er hatte eine würdige und sichere Zukunft gegen diese Gegenwart der Zerstörung und der Ungewissheit eingetauscht. Würde er sich daran gewöhnen können? Er befürchtete, in einem Meer der Sehnsucht nach dem umzukommen, was hätte sein können und doch nicht war. Nie zuvor war die Menschheit so nahe daran gewesen, eine Ordnung zu erschaffen, die der Spezies eine so große Würde verlieh. Es war, als hätte man mit den Fingerspitzen ein Stück des Himmels berührt und sei dann krachend ins Leere gefallen. Er steckte die rechte Hand in die Manteltasche und betastete seine neuen Ausweispapiere, Hans Wendel hieß er jetzt. Er selbst hatte keinerlei Einfluss auf die Wahl des Namens gehabt. Man hatte ihm einfach den Umschlag mit den Dokumenten, dem Geld und der Kontaktadresse in der Schweiz übergeben. In einem anderen Umschlag befand sich die Einladung des Vatikans mit dem Namen des Kardinals am Heiligen Stuhl, der ihm weiterhelfen würde. Im Pass hieß es, Hans sei am 2. März 1911 geboren. Das Alter stimmte, aber es würde nicht leicht sein, sich an das neue Geburtsdatum und an ein unbekanntes Sternzeichen zu gewöhnen. „Als würde ich wieder geboren“, dachte er.

Er hatte das Fahrzeug, das ihn nach Vlotho bringen sollte, nicht kommen sehen, die Nacht war genauso dunkel wie der Wagen, der ihn mit ausgeschalteten Scheinwerfern abholte. Um nicht aufzufallen, setzte er sich auf den Beifahrersitz. Sie fuhren los, ohne ein Wort zu wechseln. Der neue Hans hatte Angst vor dem, was er unweigerlich in Kürze sehen würde. Als sie von der Wilhelmstraße in die Straße Unter den Linden einbogen, bot sich ihm das Schauspiel, das er erahnt hatte, ohne jedoch den Mut aufzubringen, es sich bis zum Ende vorzustellen. Zerstörte Gebäude, aufgerissene Straßen, Möbelstücke auf den Bürgersteigen. Wie ein unförmiges Monster erhob sich die Stadt im Nebel und drohte sie mitleidlos zu zerquetschen. Wegen der Schlaglöcher und des mangelnden Lichtes kam der Wagen nur langsam voran. Sie mussten noch 360 Kilometer mit abgeschalteten Scheinwerfern zurücklegen. Die geringste Unvorsichtigkeit konnte fatale Folgen haben. Berlin sah nicht mehr aus wie Berlin. Er kam sich vor wie in einem Albtraum. Die Welt hatte sich gegen eine Idee erhoben, die sich als gerecht und wahrhaftig erwiesen hatte. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war ein Land aus der Asche gestiegen und hatte sich in so kurzer Zeit in die mächtigste Nation der Erde verwandelt.

An der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße erkannte er das Café „Viktoria“ oder das, was davon noch übrig geblieben war. Hier hatte er mit seinen Kameraden von der Armee die besten Billardpartien gespielt. Ihm fiel der 1. April 1933 ein. Damals hatte er seinen ersten Auftrag mit der SA ausgeführt. Auf Befehl von Goebbels hatte er in Spandau beim Boykott jüdischer Geschäfte mitgemacht. Er wusste nicht mehr, wie die Straße hieß, in der er einem Juden, der sich wehren wollte, die Brille zerbrechen musste. Später hatten sie im Café „Viktoria“ ihren Erfolg gefeiert.

Dort hatte er sich auch mit Herta getroffen, um ihr den Heiratsantrag zu machen. Er erinnerte sich daran, wie ihre Augen feucht geworden waren und wie sie seine Hand gedrückt hatte und kaum in der Lage gewesen war, Ja zu sagen. Jetzt war er es, dessen Augen feucht wurden. Man hatte seine Jugend zerstört. Berlin hatte kein Gedächtnis mehr. Die Stadt glich einem Haufen willkürlich weggeworfener Knochen.

Der Wagen holperte und setzte auf, er erhob und neigte sich und fuhr Umwege, um Hauptstraßen zu vermeiden, auf denen man nicht mehr verkehren konnte. Plötzlich erkannte er Gruppen von Männern, die schweigend die Trümmer räumten. Die meisten von ihnen waren schon älter, aber es gab auch Kinder und einige Frauen. Er sagte sich, dass die Moral des deutschen Volkes auch jetzt nicht zu brechen war.

Herta erwartete ihn in Vlotho. Dort würden sie sich zwei Tage lang ausruhen und dann nach Italien weiterreisen, bevor sie den Kontinent wechseln würden. Er würde die Landluft genießen können, die hinter den Hügeln aufgehende Sonne, den Duft von frischem Gras, den beginnenden Frühling. Aber vor allem begeisterte ihn der Gedanke daran, Herta wieder lieben zu können. Sie war vor drei Monaten abgereist, als der Fall von Berlin keine Möglichkeit mehr war, sondern zu einer Gewissheit wurde. Sie würde bis zum Abend eines bestimmten Tages auf ihn warten, und sollte er bis dahin nicht eingetroffen sein, würde sie sicherheitshalber abreisen müssen. 

Auch wenn der neue Hans keine wichtige Funktion innehatte, so machte ihn die Tatsache, dass er in der Zentralverwaltung für Spionage tätig gewesen war, zu einer begehrten Beute für die Alliierten.

„Was gibt es Neues über den Vormarsch des Feindes?“, wagte der Fahrer zu fragen.

„Die Russen stehen 200 Kilometer vor Berlin. Man nimmt an, dass sie jederzeit eintreffen werden.“ Im Wagen herrschte Grabesstille.

Der neue Hans wusste, dass sowohl die Engländer und die Amerikaner auf der einen als auch die Russen auf der anderen Seite die gleichen Möglichkeiten hatten, in Berlin einzumarschieren. Aber es war ausgehandelt worden, dass es die Russen sein sollten. Stalin träumte von den Fotos der Sowjetsoldaten, die im Herzen des Reiches die rote Fahne hissten. Eine letzte Stichwunde, die diese unerträgliche Agonie beenden würde.

Als die Stadt langsam hinter ihnen verschwand, drehte er sich um, damit er sie ein letztes Mal sehen konnte. Ein blasser Mond leuchtete zynisch über diesem mit dem Tode ringenden Ungeheuer, das nicht sterben wollte. Es hatte aufgehört zu regnen.

Bei der Weiterfahrt auf der Landstraße öffnete er das Fenster. Die Brise und das nasse Gras erinnerten ihn an seine Jugend, als er zum ersten Mal in der Uniform der Hitlerjugend auf einem grünen Rasen stand.

Am Straßenrand konnte man Bauernhäuser erahnen. Sie schienen intakt zu sein mit ihren großen Giebeldächern und den die Mauern stützenden Holzbalken, die ihnen einen pittoresken Anstrich verliehen. Er verspürte den Drang, den Fahrer zum Halten zu bewegen und an eine dieser Haustüren zu klopfen. Mit einer heißen Suppe am Herdfeuer zu sitzen und die Wärme einer Familie zu spüren. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das zum letzten Mal erlebt hatte. Er verwarf den Plan. Sie durften sich nicht aufhalten lassen.

„Und warum werden gerade die Roten in Berlin einmarschieren?“, fragte der Fahrer.

„Es wurde verhandelt. Deutschland ist zu einer Geburtstagstorte geworden.“

„Es heißt, die Russen lassen nur verbrannte Erde zurück.“

„Das stimmt. Eine Armee von Mördern und Vergewaltigern.“

„Ich war an der russischen Front, bis ich am Bein verwundet wurde.“

Sie fuhren noch etwa 50 Kilometer, bis sie ein Verkehrsschild sahen, auf dem Magdeburg ausgewiesen wurde. Der Fahrer hielt an, um auf der Karte die weitere Strecke zu studieren. Als er sich entschloss, weiterzufahren, wurden sie von einem grellen Licht geblendet und einige Autos kamen auf sie zu. Sie wussten nicht, ob es die Alliierten waren oder Deutsche. Schließlich hielten die Autos an. Mehrere Männer stiegen eilig aus und zielten mit ihren Waffen auf sie. Mit Hilfe eines Megafons befahlen sie ihnen, mit erhobenen Händen auszusteigen. Die Sprache klang wie deutsch, aber wegen des Megafons konnte man nicht erkennen, ob es Deutsche oder Ausländer waren, die da sprachen.

Buenos Aires 1970

Vor der Tür zur Fakultät hielt Mario inne. In einer Stunde musste er in Lanús sein, wenn er sich nicht beeilte, würde er zu spät kommen. Die Erinnerung an jene grünen Augen verursachte ihm Herzklopfen. Sie hatte ihn angesehen. Zweimal? Einmal ja, da war er ganz sicher. Das war, als der Professor für Politökonomie über die Wirtschaftstheorie von Keynes gesprochen hatte. Er hörte gerade etwas von der Kontrolle des Staates über die Wirtschaft, als ihn ein Paar grüne Augen von der Seite her ansah. Er war sicher, dass sie den Blick abwandte, als er sich umdrehte. Er hatte das Manöver genau durchschaut. Das Offensichtliche ist der Feind jenes Jahrtausende alten Spiels namens Verführung.

Um 19:00 Uhr musste er in einer Bar in Lanús, drei Häuserblocks vom Bahnhof entfernt, den Zettel mit seinen persönlichen Daten übergeben. Für 19:15 Uhr war die „Blitzaktion“ angesetzt, eine politische Kundgebung, die in Zeiten der Diktatur verboten war. Sie durfte nicht länger dauern als drei Minuten. Alles, was über diesen Zeitraum hinausging, würde die Sicherheit der Teilnehmer gefährden.

Vielleicht wäre es besser, die Vorlesung zu verlassen, bevor der Professor fertig war. Er erreichte die Tür und blieb stehen, noch eine Minute wollte er warten. Sollte sie in dieser Zeit nicht auftauchen, würde er zum Eingang der U-Bahn laufen. Als er sich umsah, schauten ihn zwei Smaragde an und näherten sich mit entschlossenem Schritt.

„Ist die Vorlesung zu Ende?“, fragte er.

„Ja.“

„Sie war etwas langweilig ...“

„Na ja ...“

„Ich möchte dir nur sagen, dass du wunderschön bist …“

Er stieg die Treppen zur U-Bahn hinab. Es war schwierig, in der Menge voranzukommen. Er versuchte, um Erlaubnis zu bitten, er drängelte, er schrie und nutzte jeden freien Zentimeter zwischen den Leibern der Leute, um sich Raum zu schaffen. Als sich die Türen des Waggons schlossen, gelang es ihm, hineinzukommen, indem er die Passagiere, die schon im Innern waren, weiterschob. In der zentralen Halle des Bahnhofs Constitución schaute er, ohne im Laufen innezuhalten, auf die Tafel, die die Abfahrtszeiten der nächsten Züge anzeigte. Da gab es einen, der in einer Minute abfahren würde.

Um 18:55 Uhr hielt der Zug am Bahnhof von Lanús. Aus den Ausgängen quollen Trauben von Menschen, die auf dem Heimweg waren und die Luft mit ihren Körpergerüchen tränkten. Er ging auf die Bar zu. Bereits aus dreißig Metern Entfernung sah er die Person, die für die Kontrolle zuständig war.

Der Mann saß am ersten Tisch, gleich hinter dem Eingang. Er hinterließ ihm den mehrfach gefalteten Zettel mit seinen persönlichen Daten. Ganz oben war das Wort „Mario“ zu erkennen, sein Deckname. Er hieß eigentlich Daniel, aber alle Mitglieder der Organisation sollten aus Sicherheitsgründen einen Decknamen tragen. Wenn er zwischen 20:00 und 20:30 Uhr, nach der Kundgebung, nicht in einer anderen Bar vorbeiging und dort von demselben Mann gesehen wurde, der jetzt hier, in dieser Bar, saß, dann bedeutete dies, dass er von der Polizei festgenommen worden war. Dann würde der „Kontrolleur“ seine Familie benachrichtigen und in seine Wohnung gehen, um sie von kompromittierenden Dingen zu säubern: von Büchern, Dokumenten und jeglichem Material, das seine politischen Aktivitäten verriet.

Er begab sich an die Ecke, an der man ihm den genauen Punkt für das Ausschwärmen nennen würde. Vor einem Zeitungsstand sah er den Mann mit der grünen Jacke und dem blauen Beutel, den man ihm beschrieben hatte. Er ging auf ihn zu und bat ihn um Feuer, und der Mann nannte ihm dabei die Angaben. Eine Straße, eine Nummer und zwei Zielobjekte: eine Autohandlung und eine Bank, beide nordamerikanischer Herkunft.

Er hatte noch ein paar Minuten, um zum Punkt des Ausschwärmens zu gelangen. Er ging langsam. Er war sicher, dass es hier dieses Mal nicht nur Studenten geben würde. Viele von ihnen arbeiteten jetzt in den Fabriken, im Süden. Es hieß, die sogenannten „Proletarisierten“ würden von den Arbeitern gut aufgenommen. Es waren Studenten, die ihr Studium abbrechen, in den Arbeitervierteln wohnen und sich in die Welt, die man verändern wollte, integrieren sollten.

Pünktlich erreichte er die vorgegebene Stelle. Als die Ampel auf Rot schaltete, ließ jemand lauthals Che Guevara hochleben. Dann begannen die Gesänge. Er warf die Flugblätter in die Luft und achtete darauf, dass sie nicht alle an derselben Stelle zu Boden fielen. Er sah, wie vor den an der Ampel wartenden Autos Feuer aufflackerten. Einige Genossen setzten Müllcontainer in Brand, andere begannen, mit Eisenstangen auf die Schaufenster des Autosalons und der Bank einzuschlagen. Die Scheiben splitterten, gaben jedoch nicht nach. Er sah, wie sich neben ihm so etwas wie Bogenschützen postierten, die bereit waren, ihre Brandbomben zu werfen, sobald die Scheiben bersten würden. Kaum fielen die ersten Scherben, begannen die Molotowcocktails zu fliegen. Das Feuer breitete sich auf dem Fußboden aus, bis es ein Auto erreichte. Eine ältere Frau schrie, eine Mutter hatte die Tochter verloren und rief laut nach ihr. Er konnte ihr in diesem Moment nicht helfen. In einer Minute musste man den Rückzug antreten. In der Ferne waren die Sirenen der Polizei zu hören. Zwei Häuserblocks weiter hatte man Öl vergossen, damit die Einsatzwagen rutschten, die „Miguelitos“, die Bretter mit den auf ihnen befestigten Nägeln, brachten die Reifen zum Platzen. Dann ertönte der Ruf „Auseinander!“ Bevor er sich zurückzog, schleuderte Mario noch drei Molotowcocktails in Richtung Autosalon. Ein letztes Mal betrachtete er die Auswirkungen der Aktion. Der Autosalon war ziemlich verwüstet, die Bank hingegen weniger. Es gab Hunderte von Flugblättern und Losungen an den Wänden. Er hatte den Eindruck, dass sie etwa fünfzig Demonstranten gewesen waren. Aber es waren alles Studenten. Er war ein wenig enttäuscht, weil er keine Arbeiter gesehen hatte.

Er überlegte, dass es am besten war, so zu verschwinden, wie er gekommen war, mit einem Zug, der ins Stadtzentrum fuhr. Beim Ausatmen spürte er diesen besonderen Geruch, der in der Luft lag: Benzin, Feuer und Spray. Der Geruch der Revolution.

Im Argentinien des Jahres 1970 war der Aufschwung der Arbeiter- und Studentenbewegung nicht aufzuhalten. Im vierten Jahr der Diktatur war das, was die Putschisten die „Argentinische Revolution“ nannten, am Tiefpunkt angelangt.

Der Zug, der in die Hauptstadt fuhr, war relativ leer. Er stieg an der Haltestelle Avellaneda aus und ging zum Ausgang. Wieder erinnerte er sich an diese magischen grünen Augen, die er morgen in der Soziologievorlesung wiedersehen würde. Er stieg die Treppe hinab, die die Bahnsteige miteinander verband. Als er durch die zur Straße führende Halle ging, sah er die Reihe der Polizisten zu beiden Seiten nicht und auch nicht die vier Polizisten in Zivil, die jeden aus der Menge herausholten, der ihnen verdächtig schien. Er versuchte, Ruhe zu bewahren. Dann sah er, wie ein Polizist in Zivil auf ihn zeigte. Für einen Augenblick dachte er daran, wegzurennen. Noch ehe er sich entschließen konnte, wurde er gefesselt und zu einem Wagen gebracht, in dem schon zwei weitere Festgenommene saßen. Der Wagen fuhr mit Höchstgeschwindigkeit los.

Buenos Aires 1970

Juan erhob sich vom Schreibtisch und ging ans Fenster. Der Dezember war schon spürbar. Er löste den Knoten seiner Krawatte. In ein paar Minuten würden die Vertreter der Gewerkschaft kommen. Er versuchte, etwas von der spürbar leichten Brise einzuatmen. Vom Fenster aus sah man das Lager; davor parkten zwei Lastwagen mit der Aufschrift der Firma. Sollte die Versammlung früh zu Ende gehen, könnte er noch einen Sprung ins heimische Schwimmbecken machen. Bei der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit änderte sich seine Stimmung. Vor zwei Jahren hatten sie die Büros verlegt und sie etwas mehr von der Fabrik entfernt. Grund war die drückende Hitze, die von den Öfen ausging, in denen Muttern, Schrauben und Nägel hergestellt wurden. Diese Öfen erreichten Temperaturen von 800 Grad und verwandelten die Umgebung in eine Hölle. Er öffnete den kleinen Kühlschrank des Büros und nahm sich eine Flasche Mineralwasser. Vor einem Monat hatte man ihm die Auslandsverträge bestätigt. Das verursachte ihm eine gewisse Euphorie, obwohl er im Betrieb eine abgekühlte Atmosphäre bemerkte. Er nahm einen Schluck. Einen Tag nach der erfolgten Bestätigung der Exporte hatte er das Personal versammelt und angekündigt, dass die Firma den Verkauf im Ausland erheblich steigern und er deshalb neue Maschinen kaufen werde. Diese Maschinen würden das Produktionsvolumen steigern und daher müssten die Arbeiter sich weiterbilden, da es sich um eine moderne Technologie handelte. Diese wiederum erlaubte eine Verringerung des Personals, erforderte aber eine Erhöhung der Zahl der Stunden, in denen die Fabrik funktionierte. Man würde eine Nachtschicht einführen und dadurch die Zahl der Entlassungen auf ein Minimum beschränken.

Da sich die Gewerkschafter verspäteten, beschloss er, seine Frau anzurufen und ihr mitzuteilen, dass er sich verspäten würde.

„Hallo. Ich warte auf die Gewerkschaftsvertreter der Fabrik. Ich glaube, es dauert nicht mehr lange.“

„Mach dir keine Sorgen. In diesem Land lautet die Devise: Ich protestiere, also bin ich.“ 

Als er vor einem Monat das Telegramm erhielt, in dem der Ankauf seiner Produkte durch mehrere Länder bestätigt wurde, rief Juan die Bank an, um die ausgehandelten Kredite zu aktivieren. Es werde keine Probleme geben, wurde ihm gesagt. Noch am selben Tag hatte er das neue Auto bestellt. Im Haus wurde mit einigen Umbauten begonnen. Sie bauten einen Keller, vergrößerten die Schlafzimmer, bauten einen Wintergarten und installierten in der Mansarde eine Sauna.

Es klopfte, und als er die Tür öffnete, sah er nur seine Sekretärin Mabel vor sich.

„Die Abgesandten haben mir mitgeteilt, dass die Versammlung noch andauert und dass sie noch eine Weile brauchen.“

„Ich habe es nicht gern, wenn man mich warten lässt. Ich gehe.“

Eilig zog sich Juan die Jacke über. Er steckte einige Papiere in seine Aktentasche, warf die Wasserflasche in den Papierkorb und ging zur Tür. Im Türrahmen stieß er mit zwei Gestalten zusammen. Es waren die Gewerkschafter.

Der Erste, Fernando Acosta, war ein alter Bekannter. Er arbeitete bereits seit zehn Jahren in der Fabrik. Er war eher untersetzt, korpulent und schwarzhaarig, ein guter Dreher, vertrauenswürdig. Zumindest in den ersten Jahren. Vor zwei Jahren wurde er zum Gewerkschaftsvertreter ernannt.

Der Andere, Mauricio Leverone, war vor einem Jahr aus Cordoba gekommen. Juan hatte sich für ihn entschieden, weil er Erfahrungen als Metallarbeiter hatte. Er hatte bei „Ika“ und später bei „Materfer“ gearbeitet. Er hatte ihm gesagt, er wolle nach Buenos Aires umsiedeln, weil hier die kranke Mutter seiner Frau lebte. Mauricio schien ein entschlossener Mensch zu sein. Er war groß, hatte braune Haare und strahlte eine gewisse Sympathie aus, die durch seinen Cordoba-Akzent noch verstärkt wurde. So war es zumindest beim Einstellungsgespräch gewesen. Aber zweifellos hatte sich das Klima in der Fabrik verändert, seit Mauricio Leverone hier arbeitete. Und jetzt war er noch dazu zum Gewerkschaftsvertreter ernannt worden.

„Wir waren vor einer Dreiviertelstunde verabredet“, sagte Juan.

„Werden Sie uns empfangen?“, fragte Leverone herausfordernd.

„Na gut, aber ich habe nicht viel Zeit. Kommen Sie herein.“

Er bot ihnen zwei Stühle auf der anderen Seite des Schreibtisches an und setzte sich in seinen Drehsessel aus Leder. Er merkte, dass der Mann aus Cordoba einen Blick auf sein Familienfoto warf, die seine Frau und die beiden Kinder im Garten, neben dem Schwimmbecken zeigte.

„Sie haben unser Wort.“

Die beiden Arbeiter sahen sich verschwörerisch an. Schließlich sagte Acosta: „Im Betrieb macht man sich Sorgen wegen der Entlassungen. Wir möchten darüber verhandeln ...“

„Da gibt es nichts zu verhandeln. Die Entscheidung ist bereits gefallen“, antwortete Juan eindeutig.

„Unterbrechen Sie ihn nicht“, ersuchte ihn Leverone.

Juan spürte, wie Hitze in ihm aufstieg und seinen Kopf erfasste. Er versuchte, sich zu beherrschen, spürte jedoch, dass ihn die wenige gute Laune, die er noch gehabt hatte, jetzt verließ

„Wie heißen Sie?“

„Leverone.“

„Sehen Sie, Leverone, ich habe ihn unterbrochen, weil ich zu verstehen glaube, worum es geht. Ich habe eine Dreiviertelstunde auf Sie gewartet, und daher ist es besser, wenn wir zur Sache kommen.“

„Sprich weiter“, ermunterte der Mann aus Cordoba Acosta.

„Wir als Vertreter der Betriebsversammlung fordern, dass die eventuellen Entlassungen aufgehoben werden und haben da noch ein paar Punkte, die wir Ihnen hiermit schriftlich übergeben.“

Acosta reichte ihm das Blatt Papier, das er, ohne es anzusehen, auf den Schreibtisch legte.

„Eines nach dem anderen“, sagte Juan. „Mit den neuen Maschinen könnten wir die Hälfte der Arbeiter entlassen. Wenn es uns allerdings gelingt, die Produktion zu steigern, müssen wir lediglich 10 % der Belegschaft entlassen …“

„Aber das bedeutet, dass mindestens fünfzehn Kollegen arbeitslos werden“, unterbrach ihn Acosta.

„Sehen Sie, nichts währt ewig. Alles ändert sich. Man kann nicht erwarten, ein Leben lang denselben Arbeitsplatz zu behalten. Die Maschinen werden jeden Tag weiterentwickelt.“

„So sehen Sie das. Wir sehen fünfzehn verzweifelte Familien“, fuhr ihn Leverone an.

„Na gut, es gibt noch eine andere Möglichkeit“, lenkte Juan ein. „Wir behalten die klapprigen Dinger, mit denen wir jetzt produzieren und entlassen niemanden. Nach zwei Jahren machen wir dann zu, weil wir nicht wettbewerbsfähig sind. Ist Ihnen das lieber? Eine Firma, die einhundert Gehälter zu zahlen hat, bringt billigere Produkte auf den Markt als eine, die zweihundert zahlt.“

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, warf Leverone ein.

„Ach ja? Und das wäre?“

„Die Unternehmer reduzieren ihren Gewinn.“

Juan trommelte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Er warf einen Blick durch das Fenster und sah, dass es langsam dunkel wurde. Er atmete tief durch.

„Ich bin bereit, mit Ihnen über Ihr Gehalt zu diskutieren, aber nicht darüber, wie viel ich verdiene.“

„Das Schicksal von fünfzehn Kollegen steht auf dem Spiel“, erwiderte Leverone.

„Und die soll ich, wie Sie vorschlagen, mit meinem Einkommen durchbringen. Hören Sie, dies hier ist ein Betrieb und nicht das Wohlfahrtsministerium.“ 

„Sie stecken jeden Monat das ein, was uns Arbeitern zusteht, denn schließlich sind wir es, die produzieren. Sie rauben uns unseren Reichtum.“

„Und Sie rauben mir die Geduld“, sagte Juan. „Kommen wir zu Ihren Forderungen.“

Zum ersten Mal nahm Juan das Blatt Papier zur Hand.

„Punkt 1: Seife für die Bäder. Einverstanden. Punkt 2: eine zweite Garnitur Arbeitskleidung. Das finde ich übertrieben.“

„Nicht, wenn man an großen Öfen arbeitet“, erklärte Acosta. „Bei der Feuchtigkeit wird die Kleidung, die jeden Tag gewaschen wird, manchmal nicht trocken und dann muss man sie feucht anziehen.“

„Punkt 3: mehr Duschen in den Bädern. Wir haben mindestens zwanzig Duschen. Das ist nicht wenig.“

„Bei Schichtende müssen manche Kollegen mehr als eine halbe Stunde warten, bis sie duschen können, und das sind unbezahlte Überstunden“, bemerkte Acosta.

„Dies hier ist kein Club, Acosta. Ich kann nicht jedem Arbeiter ein eigenes Bad geben. Punkt 4: Neue Kühlsysteme und Air Condition, um die Hitze zu vermindern. Das haben wir vor zwei Jahren gemacht. Ich zahle noch immer den Kredit ab. Punkt 5: keinerlei Entlassung. Punkt 6: fünf Prozent Lohnerhöhung. Unmöglich. Punkt 7: Beteiligung der Arbeiter am Gewinn und ihre Einbeziehung in die strategischen Entscheidungen des Betriebes.“ 

Juan warf das Blatt Papier auf den Schreibtisch. Nach langem Schweigen sagte er:

„Ich glaube, Sie wollen die Fabrik übernehmen … sehr gut … ich werde das überdenken. Aber ich sage Ihnen schon jetzt, dass Sie Unmögliches verlangen.“

„Könnten Sie die Kopie unterzeichnen?“, fragte Leverone. „Wir erwarten morgen Ihre Antwort.“

„Und wenn nicht?“

„Dann wird gestreikt.“

Juan hatte das Gefühl, als bohre sich ihm ein Messer in die Brust. Er erinnerte sich an ein Spiel, das er mit seinen Kindern gespielt hatte und bei dem man gegen Ende ein Feld berühren konnte, von dem aus man zum Ausgangspunkt zurückkehren musste. Sollten diese Leute den Streik ausrufen, würde das gesamte Projekt mit einem Federstrich zunichte gemacht. Die Streiks vermehrten sich im ganzen Land. Vor einem Jahr hatten Arbeiter und Studenten einige Tage lang die Stadt Cordoba besetzt und man hatte den Ausnahmezustand ausrufen müssen. Streiks, die einen Tag dauerten, waren nicht mehr die Norm, so etwas war ein Relikt aus der Vergangenheit. Jetzt bedeuteten Streiks, dass die Fabriken auf unbestimmte Zeit besetzt wurden.

Acosta und Leverone blieben sitzen wie hinter einem Vorhang, verschwommen und weit entfernt. Sie erwarteten eine Antwort. Juan hatte das Gefühl, als taumele er durch ein Labyrinth, in dem die Zeit sich dehnte.

Plötzlich öffnete sich die Tür des Büros. Im Türrahmen sah er eine Frau, die weit entfernt zu sein schien und murmelte:

„Wenn nichts mehr anliegt, gehe ich.“

„Machen Sie drei Kaffee und bleiben Sie noch einen Moment“, antwortete Juan.

Nach ein paar Minuten, die nicht enden wollten, kam die Sekretärin mit drei Tassen wieder. Juan wandte sich an die Gewerkschafter:

„In Ihrem und meinem Interesse bleibt uns nichts anderes übrig als zu verhandeln. Eines nach dem anderen. Die Seife, einverstanden. Die zweite Garnitur Arbeitskleidung, einverstanden. Mehr Duschen in den Bädern, das werden wir verschieben müssen. Ich kann zwei neue Duschen im oberen Stockwerk anbieten. Neue Kühlsysteme, das muss verschoben werden. Die wurden vor zwei Jahren eingebaut und die Temperatur ist beträchtlich gesunken. Fünf Prozent Lohnerhöhung, unmöglich. Ich biete Ihnen zum Jahresende einen Bonus in Höhe von fünfzig Prozent des Monatslohns. Beteiligung an den Gewinnen und Einbeziehung der Arbeiter in die strategischen Entscheidungen der Firma. Wenn ich dann Verluste schreibe, zahle ich also keine Gehälter? Das werden wir beiseitelassen müssen. Das ist mein Angebot.“

Nach einer Weile sagte Leverone:

„Nennen wir die Dinge bei ihrem Namen. In dieser Fabrik werden die Löhne seit vier Jahren nicht erhöht. In dieser Zeit betrug die Inflation mindestens sechs Prozent. Das reicht uns nicht mehr.“

Juan begriff, dass er einen anderen Weg gehen musste. Er rief nach seiner Sekretärin.

„Mabel, können Sie mir bitte den Brief bringen, der an Herrn Leverone adressiert ist?“

Die Sekretärin brachte ihm den Umschlag.

„Ich bleibe bei meinem Angebot. Außerdem bin ich bereit, diesen Brief zu zerreißen.“ Er zeigte ihnen den Adressaten: Mauricio Leverone. „Das ist Ihre Kündigung. Im Nebenzimmer habe ich noch vierzehn weitere.“

Acosta sah Leverone an und suchte nach einer gemeinsamen Antwort. Sein Kollege sagte:

„Die Entscheidung wird von der Vollversammlung der Belegschaft getroffen. Und ich akzeptiere übrigens keine Erpressung.“

Als sie gegangen waren, dachte Juan nach. Mabel klopfte an die Tür und kam herein.

„Kann ich noch etwas tun?“

„Nein, danke. Nehmen Sie den Brief mit. Morgen früh müssen alle verteilt werden.“

Juan sah zum Fenster. Die Dunkelheit hatte die Fabrikanlage unsichtbar gemacht. Er bemerkte, dass sein Hemd feucht war und dass ihm ein paar Schweißtropfen von der Schläfe liefen.

Was sollte er nur machen? Plötzlich hatte er eine Idee und ging ins Büro seiner Sekretärin, zur Personalkartei. Unter dem Buchstaben L fand er die Karteikarte von Mauricio Leverone. In sein Büro zurückgekehrt, ließ er sich telefonisch mit Kommissar Santos verbinden. Sofort erkannte er die Stimme seines Freundes und Tennispartners.

„Störe ich dich? Ja, morgen um zwanzig Uhr, ja, das Spielfeld ist reserviert. Ich rufe aus einem anderen Grund an. Kannst du für mich herausfinden, wer Mauricio Leverone ist? Er hat früher in Cordoba bei „Ika“ und bei „Materfer“ gearbeitet. Ausweisnummer 5.469.896. Adresse: Esmeralda 59, Haedo. Man droht mir mit Streik und er scheint der Drahtzieher zu sein.“

Während er wartete, nahm er sich ein Glas, das auf dem Kühlschrank stand, öffnete den Schrank und holte eine Flasche Whisky heraus. Er goss ihn ein und trank ein paar Schluck. Dann klingelte das Telefon.

„Mauricio Leverone war ein Führer der Gewerkschaften SITRAC und SITRAM, einer der Anführer des Aufstands in Cordoba. Er gehört einer linksgerichteten Partei an und wurde nach dem Aufstand aus der Fabrik in Cordoba entlassen. Man hatte seine Spur verloren, sicherlich hat er einen Meldeschein gefälscht. Aber das Interessanteste ist, gegen ihn ist eine Sache anhängig, die Richter aus Cordoba werden froh sein, zu erfahren, wo er sich befindet. Wenn du willst, statten wir ihm heute einen Besuch ab.“

„Ich möchte nicht, dass er denkt, ich hätte euch geschickt.“

„Mach dir keine Sorgen. Ich kann die Richter aus Cordoba erwähnen.“

„Wenn er merkt, dass er überwacht wird, beruhigt er sich vielleicht ein wenig. Und noch etwas: könntet ihr euch morgen bereithalten, falls sie den Streik ausrufen? Ich werde euch brauchen.“

„Das wird nicht der einzige Streik in dieser Gegend sein. Gestern wurde die Textilfabrik besetzt, und die Besetzung der Farbenfabrik dauert schon eine Woche.“

Juan trank seinen Whisky aus und dachte an den kommenden Tag.

Berlin 1933

Heute musste Samuel nicht zur Schule gehen. Vor drei Tagen war sein Lehrer überraschend nicht gekommen. Samuel fand das nicht schlecht. In letzter Zeit ging er nur ungern zur Schule. Er fühlte sich verfolgt von vielen Mitschülern, die früher seine Freunde gewesen waren, nur der Lehrer hatte versucht, die Gemüter zu beruhigen. Jetzt, da er nicht mehr kam, war der Schulhof Niemandsland. Als er seinen Eltern erzählt hatte, dass sein Lehrer nicht mehr kommen würde, hatten sie Blicke miteinander gewechselt, so, als wüssten sie, was der Grund dafür war.

An diesem Samstag saß der Junge hinter dem Ladentisch und reinigte einen silbernen Anhänger, als die Kundin, die seit einer halben Stunde Ringe anprobierte, sagte, sie würde den Ring mit dem Saphir nehmen. Samuels Vater wollte das Stück gerade mit einem Lappen reinigen, als einige Lastwagen vorbeifuhren, auf denen Männer in SA-Uniform saßen. Samuel bemerkte, wie sein Vater Jacob aufmerksam die Lastwagen beobachtete. Nachdem der sechste Lastwagen vorbei gefahren war, putzte Samuel weiter den silbernen Anhänger und bemerkte nicht, dass der siebente Lastwagen genau vor dem Juweliergeschäft angehalten hatte. Erst als er hörte, wie die Männer lärmend vom Wagen sprangen, sah er auf. Einige von ihnen überquerten die Straße und gingen auf die Apotheke zu, die etwas weiter links lag, die anderen blieben auf dem Bürgersteig und beschleunigten ihre Schritte. Vier von ihnen kamen direkt auf das Juweliergeschäft zu. Einer trug ein Plakat, dessen Aufschrift Samuel nicht lesen konnte, ein anderer bestrich das linke Schaufenster mit Klebstoff. Der Dritte malte mit weißer Farbe ein Dreieck darauf. Der Größte von ihnen öffnete die Tür und herrschte die Frau an, die gerade den Ring kaufen wollte:

„Kaufen Sie nicht bei Juden!“

Die Frau zögerte. Samuel ahnte, dass das Verhalten der Frau ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Aktion sein würde, dass sie zu einer Art Außenseiter werden würden, falls die Frau ging, ohne etwas zu kaufen. Sollte sie jedoch ihre Geldbörse aus der Tasche holen, um zu zahlen, so würde die ganze infame Aktion dieses grauen Apriltages durch die subtile Bewegung einer Frau zunichte gemacht werden.

„Herr Rosenthal, ich werde das mit meinem Mann besprechen. Ich komme bei Gelegenheit wieder.“ 

Die Frau trat den Rückzug an, ohne die Anwesenden anzusehen. In diesem Moment wusste Samuel, dass sich sein Leben für immer verändern würde. Tiefe Trauer überkam ihn. Das Bild seines erniedrigten Vaters, der den Ring, der an diesem Vormittag nicht den Besitzer gewechselt hatte, wieder in den Schaukasten legte, würde ihn nun ständig verfolgen.

Samuel erinnerte sich kurz daran, dass man in Deutschland am 1. April schlechte Scherze machte. War dies so etwas? Aber diese kleine Hoffnung schwand, als er sah, dass der Mann, der das Schaufenster bemalte, das Wort zu Ende brachte: „Jude“. Genau in diesem Augenblick wollte eine von rechts kommende Frau den Laden betreten. Er kannte sie. Es war Frau Müller, eine gute Kundin, die meist noch etwas blieb, um zu plaudern. Zwei Männer stellten sich zwischen sie und den Laden.

„Lassen Sie mich durch!“

„Dies ist ein Judenladen!“

„Ich gebe mein Geld aus, wo ich will.“

Fest entschlossen ging die Frau auf die Tür zu. Die Männer versperrten ihr den Weg, bei dem Gerangel verlor Frau Müller das Gleichgewicht und fiel rücklings zu Boden.

„Feiglinge!“, schrie sie.

Samuel bekam nicht mit, wie sein Vater auf die Straße rannte, um seiner Kundin zu helfen.

„Sie soll allein aufstehen“, befahl der Mann, der sie niedergeworfen hatte. Als Samuels Vater dem Befehl nicht nachkam, riss er ihm die Brille vom Gesicht und zertrat sie unter seinen Stiefeln.

„Ich stehle nichts. Ich arbeite, ich zahle meine Steuern, ich bin ebenso ein Deutscher wie Sie“, warf ihnen Jacob an den Kopf.

In diesem Stadtteil gab es viele Juden. Einige von ihnen waren vor relativ kurzer Zeit aus dem Osten zugezogen. Die Familie Rosenthal hingegen lebte seit Generationen in Deutschland. Der Vater wies stets voller Stolz darauf hin, dass seine Familie bereits vor den Deutschen in Deutschland gewesen sei. Dabei erzählte er, dass sich die ersten Juden schon zur Zeit des Römischen Reiches in Deutschland angesiedelt hatten. Damals war Deutschland noch nicht als Nation konstituiert. Dennoch waren die Juden über Nacht an allen Übeln des Landes schuldig geworden. Als man anfing, Samuel zu belästigen, sagte sein Vater eines Tages:

„Wenn sie irgendetwas sagen, dann antwortest du: Ich bin Jude, und ich bin sehr stolz darauf. Aber vor allem bin ich Deutscher. Und ohne uns hätte Deutschland nur halb so viele künstlerische, philosophische und wissenschaftliche Fortschritte gemacht.“

Samuel wusste, dass vor drei Monaten ein gewisser Adolf Hitler das Land unter seine Kontrolle gebracht hatte und dass dieser Mann nicht gerade ein Freund der Juden war. Mehrmals hatte er bei Tisch gehört, wie seine Mutter über die bevorstehenden Zeiten geklagt hatte. Sein Vater hatte sie beruhigt und gesagt, so etwas habe es in Deutschland bereits gegeben, es würde sich um eine vorübergehende Raserei handeln und es werde schon alles wieder seinen normalen Gang gehen.

„Könnten Sie mir Ihren Namen nennen?“, fragte der Vater den SA-Mann.

“Harald Weber“, antwortete der Mann mit einem spöttischen Lächeln.

„Frau Müller, ich habe einige neue Dinge, die Sie interessieren könnten. Wir erwarten Sie bei uns.“

Bis zur Essenszeit kam niemand mehr in den Laden. Um Punkt 13:00 Uhr sagte Jacob zu seinem Sohn:

„Geh nach oben zu Mutter, zum Essen. Ich bin in einer halben Stunde zurück.“ 

„Wohin gehst du, Papa?“

„Zur Polizei. Ich werde diesen Kerl anzeigen.“

„Ich komme mit.“

Jacob dachte einen Moment lang nach. Wenn er den Jungen zur Polizei mitnahm, hätte er, falls es nötig sein sollte, einen Schutzschild.

„Na gut. Geh nach oben und sag der Mama, dass wir für eine halbe Stunde weggehen.“

Samuel beeilte sich, während Jacob seinen Mantel anzog und dann die Stimme seiner Frau hörte: “Ich glaube, es ist keine gute Idee, jetzt zum Kommissariat zu gehen. Diese Leute haben den Verstand verloren.“

Edith war äußerst attraktiv. Blonde Haare und blaue Augen. Sie trug noch ihre Küchenschürze. Sie hatten einander in der Schule kennengelernt und sich nie wieder getrennt. Nun lebten sie schon seit fast 25 Jahren zusammen. Sie leugneten ihr Judentum nicht, waren aber auch nicht besonders gläubig. Gemäß der Tradition feierten sie einige Feste wie Rosh Hashaná, Yom Kippur und Pessach, aber sie gingen fast nie in die Synagoge und sie beteten auch nicht. Sie heiligten auch den Shabat nicht, sodass das Juweliergeschäft, das sie von Samuels Großvater geerbt hatten, auch samstags am Vormittag geöffnet war.

„Nimm es mir nicht übel, Edith, aber ich muss da jetzt hingehen. Außerdem wird mich Samuel begleiten, sodass nichts zu befürchten ist. Einem Kind werden sie nichts tun.“

„Und wenn dir etwas passiert?“

„Was soll mir denn passieren? Schließlich haben sie mir die Brille zerbrochen.“

Er schloss das Juweliergeschäft ab und machte sich festen Schrittes auf den Weg zur Polizei. Als sie dort ankamen, verspürte der Junge ein Stechen im Herzen. Sein Vater wandte sich an einen Wachhabenden:

„Ich möchte eine Anzeige erstatten.“

Eine Minute später befanden sie sich im Büro des Offiziers. Jacob sagte, ohne zu zögern:

„Guten Tag. Mein Name ist Jacob Rosenthal. Ich bin der Besitzer des gleichnamigen Juweliergeschäftes in der Potsdamerstraße 38. Heute früh um zehn Uhr kamen SA-Männer auf Lastwagen zu uns. Nachdem sie den Laden beschmutzt hatten, hinderten sie eine Kundin am Eintreten. Sie wurde sogar misshandelt und zu Boden geworfen. Als ich ihr zu Hilfe kommen wollte, haben sie mich beschimpft und mir die Brille zertreten. Der Mann, der das gemacht hat, heißt Harald Weber. Ich möchte Anzeige gegen ihn erstatten.“

Als er geendet hatte, herrschte betretenes Schweigen im Raum. Der Offizier wandte sich an Samuel: “Zeichnest du gern?“

„Ja.“

„Und schreibst du auch gern?“

„Das auch.“

Der Offizier betätigte ein bronzenes Glöckchen, das auf seinem Schreibtisch stand, und sofort erschien ein weiterer Polizist.

„Bringen Sie mir ein großes Stück Pappe, einen Bleistift und einen Bindfaden.“

Kurz darauf kehrte der Polizist mit den Utensilien, die man ihm aufgetragen hatte, zurück.

„Hier oben, an der Ecke, zeichnest du ein Dreieck“, sagte der Offizier zu Samuel. Als der Junge fertig war, fügte er hinzu:

„Und jetzt malst du hier ein umgekehrtes Dreieck.“

Der Vorgesetzte wartete geduldig. „Und jetzt schreibst du in Schönschrift: Ich werde mich nie wieder bei der Polizei beschweren.“

Samuel sah seinen Vater an, als erwarte er Anweisungen. Als er begriff, dass er von ihm keine Antwort erwarten konnte, entschloss er sich, zu schreiben. Unterdessen zerschnitt der Offizier den Bindfaden mit einer Schere. Dann nahm er das Stück Pappe, schnitt zwei Löcher hinein, führte den Bindfaden hindurch und hing dem Vater das Schild um den Hals, während er einem Polizisten befahl, die beiden nach Hause zu begleiten.

In den Straßen herrschte Aufregung. Es hatten sich Grüppchen von Menschen gebildet, die miteinander diskutierten. Viele SA-Männer waren zu sehen, sie hatten Schilder um den Hals hängen, auf denen die Leute aufgefordert wurden, nicht in jüdischen Geschäften einzukaufen.

Als Samuel und sein Vater vorbeikamen, machten die Leute Bemerkungen, lachten oder beschimpften sie.

Zuhause angekommen sah Samuel in einem Fenster im ersten Stockwerk seine Mutter. Sie beobachtete die Szene, die sie gern vermieden hätte. Sein Vater blickte nicht auf.

Samuel bemerkte den gläsernen Blick seiner Mutter, während sein Vater das Schild abnahm und es mit aller Wucht zu Boden warf. Er sah, wie die Mutter den Vater umarmte und ihn trösten wollte. Und obwohl Jacob sich an den Tisch setzte, konnte man seine Niedergeschlagenheit spüren.  

„Ich mache euch das Essen warm.“

„Ich habe keinen Hunger“, sagte Jacob.

Die Mutter stellte ihnen die Teller hin, aber nur Samuel nahm einen Bissen zu sich. Nach einem langen Schweigen wandte sich die Mutter an Jacob:

„Hör mal, ich glaube, dies ist im Moment wohl nicht das idealste Land für uns. Warum versuchen wir nicht, den Laden zu vermieten oder zu verkaufen und nach Amsterdam zu gehen?“

„Einfach deshalb nicht, weil dies mein Land ist.“ Mit diesen Worten zog der Vater sich ins Schlafzimmer zurück.

Wolken bedeckten den Himmel über Berlin und ein Gewitter stand unmittelbar bevor.

 

Brandenburg 1945

 

 

Der neue Hans fand, dass der Moment, an dem er seine neuen Dokumente einweihen musste, früher gekommen war, als er es sich gewünscht hatte. Als ihn die Scheinwerfer blendeten, schossen ihm allerlei Möglichkeiten durch den Kopf. Könnte man Gedanken auf Papier festhalten, würden einige Sekunden mehrere Bände füllen. Die erste Frage, die ihm in den Sinn kam, war die nach der Nationalität der Leute, die seinen Wagen an der Weiterfahrt gehindert hatten. Die beste aller Möglichkeiten war, dass es Landsleute waren.

Endlich wurden die Autotüren geöffnet und eine Stimme befahl in perfektem Deutsch:

„Aussteigen und die Hände an den Kopf.“

Sie gehorchten. Dann mussten sie die Hände auf das Autodach legen. Man tastete sie nach Waffen ab und entwendete ihnen die Pistolen vom Typ Luger, die sie bei sich hatten. Während sie durchsucht wurden, näherte sich jemand, der ein Offizier zu sein schien.

„Ihre Dokumente.“

Der Offizier prüfte sie im Schein einer Taschenlampe.

„Wohin geht es?“, fragte er trocken.

„Nach Italien.“

„Zu welchem Zweck?“

„Wir haben einen Auftrag zu erfüllen.“

Hans übergab ihm einen Umschlag, den er in der rechten Jackentasche bei sich führte.

„Woher kommen Sie?“

„Aus Berlin. Wilhelmstraße.“

Als es wieder zu regnen begann, entfernte sich der Offizier eilig. Hans sah zu, wie die Tropfen auf den Lehmboden fielen. Hinter dem Wegesrand konnte man dichtes Gestrüpp erahnen. Erstaunlicherweise musste er in diesem Moment daran denken, dass es eine ideale Zeit wäre, um Steinpilze zu sammeln Das war eine seiner Leidenschaften: die Wanderungen durch den Wald, mit Herta. Er sah, dass der Offizier telefonierte.

„Sie müssen uns begleiten.“

Bevor er protestieren konnte, zwang man ihn und seinen Fahrer in einen Jeep zu steigen. Plötzlich erschien zwischen den Wolken ein Teil des Mondes und beleuchtete das Dickicht. Zwischen den Bäumen konnte er getarnte Panzer erkennen. Ein Gefühl der Ungewissheit überkam ihn, er verstand nicht, warum man ihn festhielt. Ihm war, als entferne sich Herta, je mehr der Jeep vorankam, immer weiter in Richtung eines Planeten namens Vlotho. Es kroch ihm kalt über den Rücken.

Sie erreichten einen Gebäudekomplex, von dem er annahm, dass er früher ein Treffpunkt der Hitlerjugend gewesen war und aus dem man jetzt eine improvisierte Kaserne gemacht hatte. Der Jeep hielt im Innenhof. Nachdem sie das Auto verlassen hatten, mussten sie eine Treppe zum Keller hinuntergehen. Hinter einem hölzernen Schreibtisch, der von einer Kerosinlampe erleuchtet wurde, sah er das düstere Gesicht eines hohen Offiziers, der mit seinem Zeigefinger einen mit Namen beschriebenen Zettel entlangfuhr. Dann sah er auf und sagte zu Hans:

„Sagen Sie mir, was Sie hierherführt.“

„Ich bin gestern um zwanzig Uhr in der Wilhelmstraße abgefahren und bin mit einem Sonderauftrag auf dem Weg nach Italien, genauer gesagt, in den Vatikan. Ich verstehe nicht, warum man mich festgenommen hat.“

„Welches ist Ihr Geburtsdatum?“

„Der 2. März 1911.“

„Hans Wendel, geboren am 2. März 1911, war ein Deserteur, der vor genau einem Monat in Potsdam erschossen wurde. Wer sind Sie wirklich?“

„Möglicherweise gibt es mehrere Hans Wendel.“

„Wo wurden Sie geboren?“

„In Potsdam.“

„Finden Sie nicht, dass es ein allzu großer Zufall wäre, wenn es zwei Hans Wendel gäbe, die am gleichen Tag in Potsdam geboren wurden?“

„Ich möchte mit der Wilhelmstraße sprechen.“

„Das haben wir bereits getan. Unsere Kontaktperson dort weiß nichts von Ihrer Existenz.“

„Ich möchte mit Major Rüdiger Becher sprechen.“

Der Offizier ließ einen Augenblick lang seinen durchdringenden Blick auf dem neuen Hans ruhen. Plötzlich stand er auf und verließ, ohne ein Wort zu sagen, den Raum. Durch die halb offene Tür konnte man den Korridor erkennen. Es waren Schritte zu hören und Hans sah zwei Soldaten, die einen Menschen wegschleppten, dessen Augen verbunden waren.

Er begriff nicht, was mit seinem Pass geschehen war. Plötzlich durchbohrte ihn, wie ein Pfeil, ein Gedanke. Und wenn man ihn nun loswerden wollte? Endlich kam der Offizier zurück.

„Sie werden hier übernachten müssen. Die Verbindung ist unterbrochen.“

„Hören Sie, das ist Willkür. Sie konnten feststellen, dass ich einen Auftrag beim Vatikan zu erfüllen haben. Da ist der Brief, der es bezeugt.“ 

„Wissen Sie, wie oft wir es in letzter Zeit mit Leuten zu tun hatten, die falsche Passierscheine, Pässe oder Briefe bei sich hatten? Wir wissen, dass viele Verräter das Land verlassen und Informationen an die Alliierten verkaufen wollen.“

Der Offizier zog sich in aller Eile zurück. Man brachte Hans in den Raum, in dem er die Nacht verbringen sollte. Ein Zimmerchen mit einem Bett und kahlen Wänden. Er hörte eine Salve, die vom Innenhof des Gebäudekomplexes zu kommen schien. Hans versenkte sich in das Schweigen, das die Nacht mit sich brachte.

Am Morgen öffnete man die Tür und brachte ihm ein Stück Brot und ein heißes Getränk. Nach einer halben Stunde führte man ihn in das Büro vom Vortag.

„Nehmen Sie Platz. Wir konnten mit der Wilhelmstraße sprechen. Man hat uns bestätigt, dass Ihr Pass dort ausgestellt wurde. Die schnellste Lösung war, einen bereits existierenden Pass zu nehmen und ihn mit Ihrem Foto zu versehen. Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie hierbleiben müssen, bis der neue Pass kommt. So eine Auseinandersetzung wie mit uns werden Sie immer wieder haben, wenn Sie sich ausweisen müssen. Und nach Italien ist es noch ziemlich weit.“

„Das ist unmöglich. Ich habe morgen Abend eine Verabredung in Vlotho.“

„Das tut mir leid.“

„Ich bitte Sie. Ich muss meine Frau treffen.“

„Das ist ein gewichtiger Grund. Ich werde versuchen, Bescheid zu geben. Ich brauche Namen und Adresse.“

„Herta Weber. Kaderschule der Hitlerjugend.“

„Sie können in der Offizierskantine auf mich warten. Ich bin in einer halben Stunde da.“

Ein Soldat begleitete Hans. In der Kantine sah er, inmitten von Qualm und penetranten Gerüchen, mehrere Frauen beim Kochen. Durch das Fenster sah er Gärten, die sich bis zu einem Wald hinzogen, die Regentropfen glitten an den Scheiben hinunter und wollten nicht fallen. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal einen grünen Rasen gesehen hatte. Er blieb eine halbe Stunde stehen und betrachtete Vogelschwärme, die über dem Wald kreisten, einige Knospen, die es nicht wagten, zu erblühen, robuste Baumstämme, die dem Wind trotzten, Reste von Schnee, der wieder zu Wasser wurde und sich bewegende Zweige. Er stellte sich vor, wie Herta aus dem Wald und auf ihn zugerannt kam. Während er von der Umarmung träumte, hörte er hinter sich eine Stimme, die ihn zum Essen einlud. Es gab Schweinebraten mit Kartoffeln und Kohl. Man brachte auch Bier.

„In solchen Augenblicken weiß man kaum, worauf man anstoßen soll“, sagte der Offizier.

„Ich weiß. Deutschland ist ein Patient im Endstadium“, antwortete der neue Hans.

„Es bleibt nicht mehr viel übrig zum Zerstören.“

Der Offizier reichte ihm ein Blatt Papier. Es war ein Flugblatt, das die Deutschen zur Kapitulation aufforderte.

„Das werfen die Alliierten aus den Flugzeugen“, bemerkte der Offizier.

„Was werden Sie tun, wenn das hier alles zu Ende ist?“, fragte Hans.

„Ich möchte nur zu meinen Kindern.“ 

„Und Ihre Frau?“

„Sie ist bei den Bombenangriffen auf Essen umgekommen.“ 

In der Ferne explodierten Bomben. Jemand brachte eine Meldung.

„Ich muss mich für einen Moment zurückziehen.“

„Schlechte Nachrichten?“

„25 Kilometer von hier greifen sie einige Depots an.“ 

Viele Offiziere ließen die noch nicht geleerten Teller auf den Tischen stehen und eilten hinaus. Eine dicke Frau kam aus der Küche, um das Geschirr mit den Resten abzuräumen. Im Vorbeigehen sagte sie im typischen Berliner Dialekt:

„Hier weiß man nie, wozu man kocht. An den Tagen, an denen sie aufessen, feiern wir ein Fest.“

Nach 15 Minuten kam der Offizier zurück. 

„Haben Sie Neuigkeiten?“, fragte Hans