Die Schatten von Race Point - Patry Francis - E-Book

Die Schatten von Race Point E-Book

Patry Francis

4,5

Beschreibung

Eine Liebe, die stärker ist als das Leben. Ein Zwischenfall, der alles verändert. Hallie Costa wächst in einer Umgebung voller Geborgenheit auf: Nach dem frühen Tod ihrer Mutter lebt sie allein mit ihrem geliebten Vater Nick in einer Kleinstadt am äußersten Zipfel von Cape Cod, wo der Arzt dank seiner guten Ratschläge bekannt ist wie ein bunter Hund. Als die portugiesische Fischercommunity schwer erschüttert wird durch den Mord an der Mutter von Gus Silva, nimmt Hallie sich ihres Mitschülers an. Zusammen mit ihrem gemeinsamen Freund Neil Gallagher bilden sie bald ein unzertrennliches Trio. Aus Gus' und Hallies Freundschaft wird Liebe - bis ein Zwischenfall am Strand von Race Point das Paar auseinandertreibt und Gus eine folgenreiche Entscheidung trifft: Er tritt dem Priesterseminar bei. Jahre später ist er ein geschätzter Seelsorger. Doch dann taucht eine mysteriöse Frau auf, die die Nähe zu dem jungen Priester sucht, und plötzlich setzt ein weiterer Mordfall Gus' gesamte Existenz aufs Spiel. Kann Hallie ihrem früheren Freund noch einmal helfen, bevor es zu spät ist? "Die Schatten von Race Point" ist eine von der Salzwasserluft Cape Cods durchdrungene Familien- und Freundschaftssaga, ein Roman voll dunkler Geheimnisse und ungeahnter Wendungen, der in atemberaubender Weise zeigt, wie dicht Liebe und Verrat beieinanderliegen können.

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mare

Patry Francis

DIESCHATTENVONRACEPOINT

Aus dem Amerikanischenvon Claudia Feldmann

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetunter http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem TitelThe Orphans of Race Point bei HarperCollins, New York.

Copyright © by 2014 Patry Francis

Zitat S.7 aus: Gilbert Keith Chesterton,Orthodoxie: Eine Handreichung für die Ungläubigen.Deutsch von Monika Noll und Ulrich Enderwitz.fe-Medienverlag, Kißlegg 2011

Zitate S.578 aus: Charles Dickens, David Copperfield.Deutsch von Gustav Meyrink. Diogenes Verlag, Zürich 1985

© 2015 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung Nadja Zobel / Petra Koßmann, mareverlag, HamburgCoverabbildung © Ina Dabi / Getty Images

Typografie (Hardcover) Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDatenkonvertierung eBook bookwire

ISBN eBook: 978-3-86648-317-0ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-226-5

Für Ted

Liebe ist nicht blind;das ist sie am allerwenigsten.Liebe ist hörig;und je höriger sie ist,umso schärfer hört sie hin.

G. K. Chesterton

Prolog

Letzter Eintrag aus den Tagebüchernvon Gustavo Silva junior

9. Januar 2011

Im Gefängnis lernst du, dass niemand unschuldig ist. Es ist unwichtig, ob du zu Unrecht verurteilt worden bist, ob es einen guten Grund für dein Vergehen gab oder ob das Leben deinen Weg so brutal zusammengeschnürt hat, dass selbst die abscheulichste Tat irgendwann unausweichlich erschien. Die Zelle lässt keine Entschuldigung gelten. Ganz gleich, wer du bist, die Wahrheit spürt dich dort immer auf, mit all ihrer Finsternis und Barmherzigkeit. Entweder du schaust unerschrocken zurück, oder du stirbst.

Unter all den Menschen, die ich gekannt habe, waren nur eine Handvoll, in deren Augen diese Art von Tod zu lesen war. Bete für sie – ja – und dann halte dich von ihnen fern. Mehr kannst du nicht tun.

1. TEIL

DERWITWEN-STEIG

1978–1979

Manchmal verspüre ich einVerlangen nach Religion.Dann gehe ich hinaus und maledie Sterne.

Vincent van Gogh

1

ES WAR ENDE Oktober, die erste kalte Nacht des Jahres, als die neunjährige Hallie Costa dem tanzenden Lichtschein ihrer Taschenlampe die Dachtreppe hinauf folgte, unwiderstehlich angezogen von dem schwarzen Himmel, dem brackigen Geruch des Windes, der in Böen von der Bucht herüberwehte, und der Gesellschaft des Möwerichs, der neben dem Schornstein schlief. Sie erkannte ihn an dem leicht krummen Flügel und an seinem taumelnden Flug – laut der Diagnose ihres Vaters die Folge einer alten Verletzung. Asa Quebrada nannte er ihn. Gebrochener Flügel.

Hallie war schon öfter auf dem Dach gewesen, aber etwas war anders in dieser Nacht. Sie würde nie herausfinden, ob sie von der plötzlichen Kälte aufgewacht war oder von einem Geräusch, das sich so verstohlen wie das Mondlicht in ihr Zimmer geschlichen hatte. Hat da jemand gesungen? Als sie die Augen öffnete und sich im Bett aufsetzte, war alles still. Aus irgendeinem Grund dachte sie daran, wie die alten Leute weinten, wenn beim alljährlichen portugiesischen Fest Fado gespielt wurde. Saudade, wie ihre Großtante Del es nannte: Heimweh-Musik. Doch ihr Vater hatte ihr erklärt, dass es dabei um mehr als nur einen Ort ging. Es war eine tiefe Sehnsucht nach allem, was verloren war und niemals zurückkommen würde.

Als sie das Geräusch gehört hatte, hatte Hallie die Lampe angeschaltet und die Dinge in ihrem Zimmer gemustert. Alles war an seinem Platz. Die leuchtenden Zahlen ihres Weckers zeigten 3:07 Uhr an. Der pflichtbewusste Teil in ihr, den sie von den Costas geerbt hatte, ermahnte sie, dass morgen Schule war. Doch um diese Zeit gewann der ungebärdige Geist ihrer Mutter stets die Oberhand. Sie knipste das Licht wieder aus, holte die Taschenlampe unter dem Bett hervor und nahm ihre Jacke von dem Haken, der wie eine Muschel geformt war.

Normalerweise achtete sie darauf, ihren Vater nicht zu wecken, wenn sie in der Dunkelheit umherschlich. Doch in dieser Nacht ging sie leise durch den Flur zu seinem Zimmer. Die Tür stand einen Spalt offen, und sie überlegte, ob sie zu ihm ins Bett krabbeln sollte. Sie konnte seine Wärme beinahe spüren, seinen Arm unter ihrem Nacken, und sie hörte förmlich sein verschlafenes Gemurmel. Schlecht geträumt, Spatz?

War es das? Hatte sie schlecht geträumt? Sie knöpfte die Jacke zu, denn die Kälte hatte sich im Haus breitgemacht. Dann sah sie auf ihre blassen Füße hinunter und wünschte, sie hätte ihre roten Turnschuhe angezogen. Ihr Vater drehte sich mit einem Stöhnen im Bett um, als ob er ihre Anwesenheit spürte. Wenn sie noch eine Sekunde länger dort stehen blieb, würde er ganz sicher die Augen öffnen.

Dem Schild zufolge, das an seiner Praxis hing, war Nicolao COSTA ARZT FüR ALLGEMEINMEDIZIN, aber seine Patienten kannten ihn auch als Psychologen mit dem Spezialgebiet gesunder Menschenverstand, als unorthodoxen Eheberater und als Freund, den sie anrufen konnten, wenn sie zu betrunken waren, um vom Pilgrims Club unten an der Straße nach Hause zu kommen. Wenn Letzteres geschah, bat Nick seinen Freund Stuart, der nebenan in einem ehemaligen Pökelhaus wohnte, herüberzukommen und auf Hallie aufzupassen. Stuart beschwerte sich jedes Mal darüber, zu nachtschlafender Zeit gestört zu werden, doch noch bevor er aufgelegt hatte, ging bereits das Licht in seinem Schlafzimmer an, und man konnte sehen, wie er sich seine Hose anzog.

In den seltenen Nächten, wenn Stuart nicht da war, weckte Nick Hallie und nahm sie mit. Er betrat die Kneipe in seinem verschlissenen Schlafanzug und mit zerzaustem Haar, und wenn er nach erfolgreicher Ablieferung des Delinquenten noch einmal dorthin zurückkehrte, hatte Syl Amaral, die Besitzerin, bereits einen Bourbon für ihn hingestellt. Hallie stand daneben, während Nick das Glas mit einem schnellen Schluck leerte, den bacalhau verfluchte, der ihn aus dem Bett geholt hatte, und schwor, das sei jetzt aber wirklich das letzte Mal gewesen. Er war immer überrascht, wenn dann alle anfingen zu lachen.

Doch selbst sie wusste, dass Nick keinen dieser nächtlichen Anrufe ignorieren würde, denn er selbst hatte miterlebt, wie Hallies Mutter bei einem Unfall mit einem betrunkenen Autofahrer getötet worden war. Und wenn er einem Menschen oder einer Familie diese Erfahrung ersparen konnte und die Einsamkeit, die er nach dem Zusammenstoß auf der von allen nur Todesstrecke genannten Straße durchgemacht hatte, dann würde er es tun.

Hallie wunderte sich, dass ihr Vater trotz seiner berühmtberüchtigten feinen Beobachtungsgabe noch nichts von ihren heimlichen Ausflügen aufs Dach mitbekommen hatte. Die Einzige, die etwas davon wusste, war ihre beste Freundin Felicia, der sie sich eines Tages auf dem Spielplatz anvertraut hatte.

»Ich glaube, du vermisst einfach nur deine Mom«, hatte Felicia gesagt und dabei ihre weizenblonden Zöpfe zwischen den Fingern gedreht und Hallie angesehen wie eine Therapeutin. »Du gehst da rauf, weil du nach ihr suchst.«

»Liz Cooper hat damit nichts zu tun«, hatte Hallie energisch eingewandt und sofort bereut, dass sie überhaupt davon angefangen hatte. »Außerdem ist es wissenschaftlich unmöglich, jemanden zu vermissen, an den man sich nicht einmal erinnert.«

Niemals würde sie zugeben, dass sie nicht aufs Dach kletterte, um ihre Mutter zu suchen, sondern um ihr vielmehr zu entkommen. Thorne House gehörte in vielerlei Hinsicht immer noch Liz Cooper, deren erste Renovierungsanläufe und Träume von einer großen Familie, die das Haus füllen würde, auf dem Highway ein abruptes Ende gefunden hatten. Obwohl Nicks Praxis nach und nach das ganze Erdgeschoss erobert hatte, drängten sich immer noch überall die Erinnerungen an sie.

Hallie und ihr Vater hielten sich fast ausschließlich in der Küche und in dem großen Raum auf, den die meisten Leute als Wohnzimmer bezeichnet hätten. Für Nick jedoch war es sein Arbeitszimmer. Die eine Wand war bedeckt mit Karten, die die Geschichte älterer Gesellschaften erzählten, und einigen neueren, die den gegenwärtigen Zustand der Welt beschrieben. Es gab Darstellungen, die die Feinheiten des menschlichen Körpers bis auf die Zellebene erforschten, und andere, die den Himmel kartografierten.

»Beides vermittelt dir einen Eindruck von der Unendlichkeit«, sagte Nick dazu gerne.

Eine weitere Wand zeichnete eine andere Art von Geschichte nach. Die Familie von Nicks Mutter war fast hundert Jahre zuvor mit der ersten Welle portugiesischer Einwanderer hierhergekommen, aber väterlicherseits gehörte er erst der zweiten Generation an, und die Verbindung zu den Leuten »zu Hause« war noch recht stark. Aufnahmen von Verwandten auf den Azoren mischten sich mit Schnappschüssen von Nicks Freunden aus Provincetown und Harvard. Es gab Bilder von ihm und Liz Cooper auf den von Bäumen und Backsteinhäusern gesäumten Straßen von Cambridge, wo sie sich ineinander verliebt hatten, von ihrer Hochzeit im kleinen Kreis und dann mit ihrer neugeborenen Tochter. Doch der größte Teil der Wand war bedeckt mit Fotos von Hallie in allen Abschnitten ihres jungen Lebens. Auf ein Babybild hatte ihre Mutter mit dramatisch geschwungener Linkshänderschrift ihren richtigen Namen geschrieben. Hallett. Doch seit dem Unfall war sie unwiderruflich zu Hallie geworden. Nicks leuchtendem Glück. Dem Einzigen, was ihn nach dem Verlust seiner Frau davon abgehalten hatte, ins Wasser zu gehen.

Der wahre Beweis für Liz Coopers fortdauernde Herrschaft über das Haus fand sich im ersten Stock, wo sich die Trostlosigkeit ihres Fehlens wie eine dicke Staubschicht ausgebreitet hatte. Die Türen zu den drei unbenutzten Zimmern waren geschlossen, als schliefen dahinter die Kinder, die das Paar niemals haben würde. Hallie nannte sie die Geisterzimmer.

Nur der Witwensteig gehörte ihr allein. Der größte Teil des Sprossengeländers war verrottet, und das, was noch übrig war, neigte sich gefährlich Richtung Gehweg, doch die hölzerne Plattform war noch immer so tragfest wie damals, als ein Walfischer namens Isaiah Thorne das Haus gebaut hatte. Der hiesigen Legende zufolge hatte dessen Frau Mary stundenlang dort oben gesessen, oft auch nachts, und nach dem Schiff ihres Mannes Ausschau gehalten. Als Hallie die Geschichte zum ersten Mal gehört hatte, war ihre Neugier geweckt worden. Nur einmal, hatte sie sich geschworen, weil sie wusste, wie ihr Vater reagieren würde, falls er es herausfand. Doch als sie die Nähe der Sterne spürte, war sie sofort verzaubert. Sie streckte die Arme in die Nachtluft und stellte sich vor, dass sie ein langes weißes Rüschenkleid und Knöpfstiefel trug, anstelle ihres zusammengewürfelten Schlafanzugs und der nackten Füße, und dass sie auf die Rückkehr eines gut aussehenden Kapitäns wartete. Von da an überkam sie jedes Mal, wenn sie die schwere Luke aufdrückte, ein berauschendes Gefühl von Erlösung und – ja, Verheißung. Trotz ihres Schwurs zog es sie immer wieder aufs Dach, manchmal sogar jede Woche.

Es gab nur ein Hindernis zwischen ihr und dem Ort, wo sie alles sein konnte, was sie wollte: den Maler, der den Dachboden als Atelier gemietet hatte. Die Leute nannten ihn Wolf, wegen seiner außergewöhnlich hageren Gestalt und der geradezu raubtierhaften Art, sich die Landschaft einzuverleiben. Nick, der ihn wegen seines Asthmas behandelte und seine Arbeit bewunderte, war als Einziger so etwas wie ein Freund für ihn.

Drei Jahre zuvor hatte Wolf Nick überredet, ihm den Dachboden als Atelier zu vermieten, aber es zeigte sich bald, dass er weit mehr wollte. Er blieb immer öfter so lange im Atelier, bis es Abendessenszeit war, denn er wusste, er brauchte nur vor der Küche stehen zu bleiben, und schon stellte Nick einen weiteren Teller auf den Tisch. Dennoch hatte Hallie sich erschrocken, als sie bei einem ihrer nächtlichen Ausflüge aufs Dach Wolf dort oben entdeckt hatte, der auf einer Matratze in der Ecke lag und schlief. Zum Glück erschöpfte ihn dieselbe Energie, die seine Arbeit so befeuerte, denn wenn er erst einmal schlief, rührte er sich meist nicht mehr.

Den Strahl der Taschenlampe auf den Boden gesenkt, schlich Hallie zwischen dem Krempel auf dem Dachboden hindurch. Vorsichtig, um Wolf nicht zu wecken, öffnete sie die Luke. Die Sterne waren klar und kalt und schienen näher als je zuvor. Es war windstill, aber sie spürte den besonderen Luftdruck, der einen Nordoststurm ankündigte. Er war so stark, dass sie, als sie sich die Hand auf die Brust legte, das Gefühl hatte, die Leiter, die seit über hundert Jahren an die Wand genagelt war, würde plötzlich wackeln.

Im ersten Moment wollte sie die Luke wieder zuziehen und so schnell wie möglich in ihr Zimmer zurücklaufen. Doch als sie an die unheimliche Stille dachte, die sie hier hochgetrieben hatte, kletterte sie schließlich aufs Dach und richtete den Blick fest auf das grüne Licht des Leuchtturms von Long Point. Die kleinen Boote, die im Mondlicht schimmerten, lagen fast reglos auf dem Wasser. Asa Quebrada öffnete ein Auge, rückte seine schwarzspitzigen Flügel zurecht und schlief weiter.

Wie immer setzte Hallie sich neben ihn. Als ihre Füße vor Kälte taub wurden, zog sie die Knie an die Brust und bedeckte die Zehen mit ihrem Schlafanzug. Schließlich stand sie auf, trat an den Rand des Daches und ließ den dürftigen Strahl ihrer Taschenlampe über den Ort gleiten, auf der Suche nach etwas, das sie nicht benennen konnte.

So weit ihr Blick reichte, waren alle Häuser in Provincetown dunkel, und die gewundenen Straßen, auf denen sich während der hellen Sommertage die Menschen drängten, lagen verlassen da. Mit wenigen Ausnahmen hatten alle Restaurants und Bars nach dem Ende der Saison geschlossen, und die Stadt an der Spitze von Cape Cod gehörte wieder den Leuten, die das ganze Jahr über dort lebten.

Die Häuser mit ihren grauen Schindeldächern, die sich dicht aneinanderschmiegten, gaben ihr normalerweise ein Gefühl der Sicherheit. Doch um drei Uhr morgens wirkte die schmale Landzunge, die von dunklem, unberechenbarem Wasser umgeben war, besonders verletzlich. Völlig unvermittelt wurde Hallie von Angst gepackt, und dicke Tränen rollten ihr über die Wangen. Ein tiefer Schmerz, so unvorhersehbar und mächtig wie der Ostwind, drang in ihre Knochen und ließ sie erzittern. Ihr Herz hämmerte in der Brust. Das Geräusch eines anspringenden Motors ließ sie zusammenzucken, und kurz darauf rollte ein Auto die Straße entlang. Asa Quebrada reckte seine Flügel und stieß ein langes, verärgertes Kaaa aus. Sonst liebte Hallie seine melancholischen Rufe, aber als er nun über die Bucht davonglitt, klang er eher wie eine Krähe. Sie rief nach ihrem Vater, mit dem Namen, den sie nur selten benutzte: Papai!

Noch immer rufend rannte sie zur Luke und hangelte sich die Leiter hinunter. Die Luke klappte hinter ihr wieder auf, sodass die Sterne und die Kälte des nahenden Winters ins Haus drangen, doch sie kümmerte sich nicht darum. Wolf, der nahe beim Fenster lag, rührte sich unter seiner Decke und schrak hoch. In seinem Gesicht, auf das der zuckende Schein ihrer Taschenlampe fiel, zeichneten sich die Dämonen ab, die er tagsüber so mühsam versteckte. »Grundgütiger, Hallie. Was zum Teufel –«

Hallie hörte ihn weiter fluchen, während er hinaufkletterte und geräuschvoll die Luke schloss. Verfluchtes Gör.

Sie rannte die Treppe hinunter und durch den Flur, und ihre Taschenlampe kritzelte wilde Muster auf die Wände und den Boden. Der Klang ihrer eigenen Stimme erschreckte sie fast genauso wie das merkwürdige Gefühl oben auf dem Dach und der Anblick von Wolfs Gesichtsausdruck.

»Papai! Nick –«, schrie sie und stürmte in sein Schlafzimmer. Doch als sie das leere Bett sah, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Der Telefonhörer, der auf dem Nachttisch lag, gab ein misstönendes Piepen von sich. Hallie ging hinüber und legte ihn auf die Gabel. Vom Fenster aus konnte sie sehen, dass in Stuarts Schlafzimmer Licht brannte. Sie fragte sich, warum sie es vom Dach aus nicht bemerkt hatte und warum er es nicht wie sonst ausgeschaltet hatte, wenn er herüberkam.

Hallie trat wieder in den Flur und lauschte auf die leise Musik, die Stuart immer laufen ließ, wenn er unten auf dem Sofa döste. Stattdessen hörte sie, wie er im Arbeitszimmer auf und ab lief.

Sie wollte gerade hinuntergehen und fragen, was passiert war, als die Schritte verstummten und dafür Ella Fitzgerald etwas von Flugzeugen und Champagner sang. Eins von Nicks Lieblingsliedern. Stuart zog seine Schuhe aus. Eins, zwei. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie er sie ordentlich neben das Sofa stellte, wie er es immer tat, bevor er sich mit dem Quilt zudeckte. Die Welt, die für einen Moment in Schief lage geraten war, rückte sich wieder zurecht.

Hallie mochte Ella nicht besonders. (Zu schmalzig, maulte sie, weil sie vermutete, dass die romantischen Texte und die sehnsuchtsvolle Stimme ihren Vater an Liz Cooper erinnerten.) Doch als sie jetzt wieder unter ihre Decke schlüpfte, umklammerte sie die Musikfetzen wie ein Amulett. Sie sang die Worte nicht mit, aber sie drehten sich in ihrem Kopf wie eine Schallplatte auf dem Plattenspieler aus Nicks Collegezeit. Sie hörte sie mit seiner Stimme … But I get a kick out of youuuu.

Wäre er da gewesen, hätte sie ihm ihre nächtlichen Ausflüge aufs Dach gestanden und ihm von dem merkwürdigen Gefühl erzählt, das ihr solche Angst gemacht hatte. Doch wie sich herausstellte, würde sie nie jemandem von den Erlebnissen dieser Nacht erzählen. Weder ihrem Vater noch Felicia. Und auch nicht dem Jungen, der am anderen Ende der Stadt in einem Schrank kauerte, während Hallie endlich einschlief. Dem Jungen, mit dem ihr Geist sich auf eine Weise verbunden hatte, die sie niemals, ihr Leben lang nicht würde erklären können.

2

AM NÄCHSTEN MORGEN war das Haus totenstill, und die Uhr ging falsch. Acht Uhr dreiundvierzig? Unmöglich. Nick, der schon um fünf aufstand, weckte Hallie immer um Punkt sieben. Sie starrte so verwirrt auf die trügerische Zeitanzeige, dass sie erst nach einer vollen Minute bemerkte, dass jemand in Liz Coopers altem Schaukelstuhl saß. Soweit sie wusste, hatte dort niemand mehr gesessen, seit ihre Mutter sie als Baby dort in den Schlaf gewiegt hatte.

Mit ihren dreiundsiebzig Jahren war Tante Del, die eigentlich Delores hieß, ein unablässiger Wirbelwind von Rührigkeit und Geplapper, aber an diesem Morgen war sie so still und blass, dass Hallie sie im ersten Moment gar nicht erkannte. Verschlafen blinzelte sie zu der Erscheinung hinüber, bis ihr Verstand einsetzte, dann starrte sie erneut auf die Uhr. Acht Uhr fünfundvierzig. Also funktionierte sie doch.

»Ich hab den Bus verpasst!«, rief sie und sprang aus dem Bett. »Warum hat Nick mich nicht –« Sie brach ab und beantwortete ihre eigene Frage. »Weil es einen Notfall gab. Ist er immer noch nicht zurück?«

Die Schreie der Möwen draußen erinnerten sie an den traurigen Gesang, den sie in der Nacht gehört hatte. Hallie ging zum Fenster, das ihr Vater, ein überzeugter Anhänger frischer Luft, sommers wie winters über Nacht stets geöffnet ließ, und schloss es.

Sie wollte noch mehr Fragen stellen, aber dann fiel ihr auf, wie merkwürdig ihre Großtante aussah. Sie war zwar für die Arbeit in Nicks Praxis gekleidet, samt Nylonstrümpfen und Pumps, aber ihr faltiges Gesicht war von schwarzen Wimperntuschenbächen durchzogen. Hallie hatte die Lippen der alten Frau noch nie ohne den obligatorischen grell pinkfarbenen Lippenstift gesehen, und ihre bleiche Nacktheit schockierte sie.

»Was ist los, Tante Del?«, fragte sie und erschrak über ihre eigene dünne Stimme. »Ist Nick –«

»Deinem Vater geht es gut«, sagte Tante Del rasch. Sie zog ein Papiertaschentuch heraus und wischte sich übers Gesicht. »Ich wollte nicht, dass du mich so siehst, Schätzchen.«

»Onkel Buddy?«, fragte Hallie. Das war Dels Sohn, mit dem es immer Ärger gab.

Tante Del schüttelte den Kopf und putzte sich geräuschvoll die Nase, bevor sie fortfuhr. »Es ist Mrs Silva. Ihr ist letzte Nacht etwas zugestoßen. Etwas Schlimmes, Hallie.«

Mrs Silva. Hallie schlang ihre blonden Locken zu einem Knoten und legte den Kopf schief, während sie die Worte ihrer Großtante einsickern ließ. In der Stadt gab es eine Menge Mrs Silvas, aber die, über die am meisten geredet wurde, lebte an der Point of Pines Road. Selbst Nick drehte sich nach ihr um, wenn sie an ihm vorbeiging. »Du meinst, die Frau vom Captain?«

Codfish – Kabeljau – nannten die Leute ihn, weil er so ein geschickter Seefahrer war, und sein Sohn wurde in der Schule Little Cod genannt, worauf er mächtig stolz war. Gus war mit Abstand der beliebteste und sportlichste Junge an der Veterans Memorial Elementary School, was Hallie an sich nicht sonderlich beeindruckte. Aber wenn die Jungs Mannschaften für ein Spiel zusammenstellten, wählte er oft zuerst die Schwächsten, und die Freundlichkeit in seinen Augen, wenn er ihren Namen rief, hatte sie für ihn eingenommen.

»Egal, was es ist, du kannst es mir ruhig sagen«, verkündete sie Tante Del. »In der Schule erfahre ich es sowieso. Und Nick sagt immer, es ist besser, schlimme Dinge von einem Erwachsenen zu erfahren.«

Tante Del rutschte unruhig auf dem Schaukelstuhl umher. »Ganz recht, und er sollte derjenige sein, der –«

»Schon gut. Ich frage einfach Felicia. Ihre Mom hört die halbe Nacht Polizeifunk. Luanne weiß, wer im Gefängnis landet, bevor die Polizei überhaupt losfährt.«

»Weißt du, Nick behauptet ja immer, dass du Ärztin wirst«, sagte Tante Del, als Hallie sich zur Tür wandte. »Aber ich sehe dich eher als Anwältin oder Detektivin, die darauf spezialisiert ist, die Leute zum Reden zu bringen.«

Hallie setzte sich wieder auf ihr Bett. Miguel, der kleine weiße Kater, den Nick vor Kurzem von einem seiner Patienten als Bezahlung bekommen hatte, sprang auf ihren Schoß. Beide sahen nun Tante Del erwartungsvoll an.

»Dein Vater wurde gegen halb vier, vier gerufen. Offenbar hatte die Nachbarin, Deb Perry, Schreie gehört. Als sie aufstand, sah sie, dass die Haustür offen stand und das Auto vom Captain verschwunden war.«

Hallie erinnerte sich an die Uhranzeige, als sie aufgewacht war. »Drei Uhr sieben«, sagte sie.

Zum Glück schien Tante Del sie nicht gehört zu haben. »Codfish wäre durchgedreht, wenn sie die Polizei gerufen hätte, also zog Deb sich ihren Hausmantel an und ging selbst hinüber, um nach Maria zu sehen.«

Hallie blickte aus dem Fenster auf die ruhige Bucht und bemühte sich, keine Miene zu verziehen, aber im Innern spürte sie, wie derselbe Druck in ihrer Brust aufstieg wie in der Nacht.

»Deb trat an die Schwelle und rief Marias Namen, aber es kam keine Antwort. Schließlich ging sie bis zur Küche und rief noch einmal lauter. Und dann hat sie sich fast zu Tode erschreckt.« Tante Del verstummte und zupfte ein unsichtbares Stäubchen von ihrem Kleid.

»Du kannst doch jetzt nicht aufhören. Was hat sie gesehen?« Hallies Stimme war so laut, dass Miguel sich erschrak und von ihrem Schoß sprang.

»Nichts. Sie ist zurück nach Hause gelaufen, hat die Tür verriegelt und die Polizei gerufen. Es war Officer Perreira, der die Leiche gefunden hat.«

»Die Leiche?«

»Oh, Hallie, ich wusste, wir hätten besser auf deinen Vater warten sollen.«

»Aber wo war Gus?«, bohrte Hallie nach. »Hat er geschlafen?«

»Nick wird dir –«

»Bitte, Tante Del. Er ist in meiner Klasse. Ich muss es wissen.«

»Gus’ Zimmer war leer. Erst dachten sie, sein Vater hätte ihn mitgenommen oder er wäre weggelaufen. Aber vor zwei Stunden ist Nick noch mal zu dem Haus gegangen, und da hat er ihn gefunden. Der arme Junge steckte im Schrank seiner Mutter.«

»Du meinst –«, flüsterte Hallie.

»O nein, er lebt, dem Himmel sei Dank. Aber er war in einem solchen Schockzustand, dass er völlig erstarrt war. Vollkommen katatonisch.«

Obwohl Hallie nicht wusste, was katatonisch bedeutete, liefen ihr wie in der Nacht auf dem Dach lautlose Tränen über die Wangen, als sie sich Gus allein in dem Schrank vorstellte.

»Ist denn heute trotzdem Schule?«, fragte sie schließlich, weil sie keine Ahnung hatte, was in so einem Fall üblich war. Die Mutter von jemandem, die gestern noch an der Bushaltestelle gestanden hatte, das schwarze Haar mit einem Gummi zusammengebunden, war jetzt eine Leiche. Würde in der Stadt nun alles zumachen?

»Ja, aber dein Vater will, dass du zu Hause bleibst. In der Stadt kursieren schon alle möglichen Gerüchte.«

Hallie verbrachte den größten Teil des Tages damit, Wolf beim Malen zuzusehen, heimlich an seinem kalten Kaffee zu nippen und die Toffeebonbons zu lutschen, die auf seinem Arbeitstisch lagen. Der Dachboden war vermutlich einer der letzten Orte in der Stadt, zu denen die Nachricht von dem Mord noch nicht vorgedrungen war. Solange sie auf die farbenprächtige Leinwand schaute, konnte Hallie fast so tun, als wäre nichts geschehen.

Doch als Nick schließlich am späten Nachmittag zurückkam, gab es kein Ausweichen mehr. Die Dunkelheit, vor der er sie hatte schützen wollen, lag auf seinem Gesicht. Hallie kuschelte sich auf seinen Schoß. Ihr schwirrten lauter Fragen durch den Kopf, aber es war offensichtlich, dass ihrem Vater nicht nach Reden zumute war.

Eine stellte sie dann doch: Was hatte er zu Gus gesagt, als er ihn aus dem Schrank gezogen hatte?

Nick musste eine Weile nachdenken, um sich an seine instinktive Reaktion zu erinnern. »›Oh, querido‹ – das habe ich gesagt.« Dann nahm er die Brille ab und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Du armer kleiner Kerl.«

3

»GLAUBST DU, ER meint das ernst?«, fragte Hallie eines Abends, als sie eine Mischung aus Käsemakkaroni, gehackten Tomaten und Chorizo aßen, das »Costa Spezial«, wie Nick es nannte.

Nick hob den Kopf und sah seine Tochter an. »Wovon redest du?«

»Vom Captain natürlich«, erwiderte sie ungeduldig. Seit dem Mord waren inzwischen zwei Monate vergangen, aber er war immer noch das Hauptgesprächsthema in der Stadt. »Er hat gesagt, er will Gus nie wiedersehen.«

Nun blickte auch Wolf auf, als warte er ebenfalls auf die Antwort.

Nick wandte sich wieder angelegentlich seinem Essen zu.

»Woher weißt du das?«, fragte er schließlich.

»Neil Gallagher hat’s mir erzählt. Das hat der Captain gesagt, als er vor Gericht war. Er will nicht, dass sein Sohn ihn im Gefängnis besucht. Niemals.«

Sogar Wolf hatte die Geschichte gehört, als er bei Birdy’s war, um irgendwelche Malutensilien zu kaufen. »Und dann hat er zum Richter gesagt, er hätte sich selbst schon die schlimmste Strafe verpasst und er würde vom Gericht kein Erbarmen erwarten«, fügte er hinzu.

»Aber er kann doch nicht einfach aufhören, Gus’ Dad zu sein!«, rief Hallie aufgebracht und schlug mit dem Griff ihrer Gabel auf den Tisch. »Selbst wenn er Maria umgebracht hat. Selbst wenn er für immer ins Gefängnis muss. Er ist immer noch Gus’ Dad. Oder etwa nicht?«

Schweigen. Dann stieß Wolf ein bitteres Lachen aus. »Vielleicht sind manche Männer einfach nicht dafür geschaffen, Vater zu sein. Habt ihr daran schon mal gedacht? Also, ich finde, er hat dem Jungen einen Gefallen getan.«

Als Nick ihm einen finsteren Blick zuwarf, stand der Maler auf und schabte die Reste von seinem Teller in die Spüle, wo der Abfallzerkleinerer geräuschvoll zu mahlen begann. »Das Essen war miserabel. Wieso müsst ihr Portugiesen bloß bei allem eure fettige Wurst dazutun?«, sagte er und stürmte die Treppe hinauf.

»Gern geschehen, Wolf. Du darfst gerne jederzeit wieder mit uns Portugiesen zu Abend essen«, rief Nick ihm nach. Dann schob er seinen Stuhl zurück. »Komm her, mein Spatz.«

»Aber Wolf hat doch recht, oder? Manche Väter hauen einfach ab«, sagte Hallie und dachte daran zurück, wie Felicia und ihr Bruder Hugo geweint hatten, als ihr Dad seine Sachen ins Auto gepackt hatte und weggefahren war.

»Das wusstest du auch ohne Wolfs Bemerkung«, erwiderte Nick leise.

»Aber das hier ist was anderes. Gus war immer mit seinem Vater unten am Kai, so wie ich immer hier bei dir bin.«

Ihr Vater nickte. »Little Cod. Solange ich denken kann.«

Hallie setze sich auf seinen Schoß und schmiegte sich an seine Brust. »Meinst du, er ändert seine Meinung noch?«

»Codfish war schon immer ziemlich stur.«

»Es ist, weil Gus verrückt geworden ist, nicht?« Hallie dachte an die Gerüchte, die sie im Bus gehört hatte. »Selbst sein eigener Dad will nichts mehr mit ihm zu tun haben.«

»Verrückt? Sagen das die anderen Kinder?« Nick richtete sich mit loderndem Blick auf.

Wie alle anderen in der Stadt wusste Hallie, dass Nick Getratsche hasste. Aber seit der schrecklichen Nacht hatte fast niemand Gus gesehen, und je länger er der Schule fernblieb, desto wilder wurden die Geschichten. Seit Neuestem raunten sich die Leute zu, der Junge hätte eine hypnotische Macht in seinem Blick, und sie hatten ihm auch einen neuen Spitznamen gegeben: Voodoo. Felicia war die Erste gewesen, die Hallie davon erzählt hatte.

»Cilla, die Freundin von meiner Mom, sagt, wenn du ihm in die Augen schaust, legt er einen feitiço auf dich«, hatte Felicia sie gewarnt. »Wenn du abends schlafen gehst, ist noch alles in Ordnung, aber am nächsten Morgen, wenn du aufwachst, bist du genauso verrückt wie er.«

»Ich glaube nicht an feitiço«, erwiderte Hallie. »Außerdem, was weißt du schon davon? Deine Familie ist doch mit der Mayflower hierhergekommen, und die von Cilla Jackson auch.«

»Na und? Ein Teil von mir ist immer noch portugiesisch«, wandte Felicia ein.

»Und welcher Teil soll das sein?«

»Der, der in Provincetown lebt.«

Hallie hätte gelacht, hätte sie die Geschichte von Gus’ Voodoo-Zauber nicht so beunruhigt. Seit dem Mord wohnte Gus am Stadtrand bei seiner Tante und seinem Onkel, Fatima und Manny Barretto. Sie fragte sich, was wohl passieren würde, falls sie ihm mit einem von beiden im Supermarkt begegnete. Würde sie sich trauen, ihn direkt anzusehen? Ja, sie würde es tun – nur um zu beweisen, dass Felicia und all die anderen unrecht hatten.

Doch jetzt schämte Hallie sich vor ihrem Vater, weil sie auf das abergläubische Gerede gehört hatte, und sie merkte, wie sie rot wurde. »Aber er sagt nichts, und er geht nicht in die Schule, und er kommt auch nicht raus zum Spielen, obwohl Neil jeden Tag zu ihm rübergeht.«

»Lass dem Jungen Zeit, Spatz. Er wird das alles wieder tun, wenn er so weit ist«, sagte Nick. »Und jetzt räumen wir das miserable Essen weg und kümmern uns um deine Hausaufgaben.«

Als der Frühling kam und der Junge noch immer kein Wort gesprochen hatte, glaubten nur noch Nick und Gus’ treuer Freund Neil Gallagher daran, dass er es jemals wieder tun würde. Hallie glaubte es zwar auch, aber nur deshalb, weil sie überzeugt war, dass ihr Vater sich niemals irrte.

Mindestens einmal in der Woche hörte sie, wie jemand Nick fragte, warum er nichts unternahm.

»Was glauben Sie denn, was ich bin – ein Schamane?«, entgegnete er, als Deb Perry ihn an der Kasse von Lucy’s Market darauf ansprach.

»Wie – sind Sie das etwa nicht?«, fragte Steamer Cabral, der hinter dem Tresen stand. »Verdammt, wenn ich gewusst hätte, dass Sie bloß ein ganz normaler Arzt sind, hätte ich nicht drei Wochen auf einen Termin gewartet.«

Alles lachte, außer Deb. »Little Cod und Maria standen sich so nahe, Doc. Ich habe Angst, dass er sich nie wieder davon erholt.«

Nick seufzte und zog ein paar zerknitterte Scheine aus der Brieftasche, um seine Einkäufe zu bezahlen. »Fatima geht mit ihm zu einem der besten Kinderpsychiater des Landes, Deb. Natürlich würde ich gerne mal nach ihm sehen, aber die Familie möchte im Moment in Ruhe gelassen werden. Das muss ich respektieren – und Sie auch.«

Doch ein paar Wochen später, als die Barrettos darüber nachdachten, einen »Platz« für Gus zu suchen, änderte Nick seine Meinung.

Hallie saß im Arbeitszimmer und las zum wiederholten Mal eine Biografie von Amelia Earhart, als sie hörte, wie ihr Vater telefonierte. Sie legte das Buch beiseite und schlich zur Küche.

»Sie haben es schon mit den angesehenen Experten aus Boston versucht, Fatima«, sagte Nick. »Da kann es ja wohl nicht schaden, wenn Sie dem Hausarzt auch eine Chance geben. Ich komme Samstag gegen eins.«

Er legte auf, bevor sie Zeit hatte zu protestieren.

Vor dem Haus der Barrettos hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge versammelt, als Hallie mit ihrem Fahrrad die Loop Street entlangfuhr. Es lag ein Stück abseits der beiden Hauptstraßen, nicht weit von Felicias Haus entfernt. Ihr Blick fiel sofort auf Neil, der sich hinter den struppigen Rhododendren und Forsythienbüschen im Vorgarten versteckte. Hallie ließ ihr Rad auf den Rasen fallen, lief gebückt zu ihm hinüber und ermahnte ihn, ein Stück zurückzuweichen. »Und setz dir was auf den Kopf«, fügte sie hinzu und drückte ihm die Baseballkappe in die Hand, die auf dem Boden lag. »Deine Haare kann man ja schon von der Route 6 sehen.«

»Wie kommst du dazu, hier im Garten von meinem Freund aufzukreuzen und mir zu sagen, was ich tun soll?«, protestierte Neil. Doch da er es offensichtlich gewohnt war, die Nummer zwei zu spielen, drückte er sich die Kappe schließlich auf den Kopf. »Zufrieden?«

Hallie schob noch eine widerspenstige rote Locke drunter und nickte. »Schon viel besser.«

Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit der Menge zu. Von dort, wo sie stand, konnte sie Alvaro sehen, Gus’ Onkel, und seinen muskulösen sechzehnjährigen Sohn Varo junior. Die beiden, die auf der anderen Seite des Highways wohnten, lehnten an ihrem Pick-up, tranken Bier und taten gelangweilt. Doch die dunklen Schatten unter Varo juniors Augen erzählten eine andere Geschichte. Seit dem Mord hieß es, über der Familie hänge ein Fluch. Drei Jahre zuvor war nämlich bereits der einzige Sohn der Barrettos, ein Football-Star an der High-school, nach einem nächtlichen Besäufnis ertrunken. Und jetzt das.

Der Rest der Menge bestand hauptsächlich aus älteren Verwandten, die bereits ihre Rosenkranzperlen klickern ließen, und ein paar Freundinnen von Fatima. Es war genau die Atmosphäre, die Nick hatte vermeiden wollen.

»Verdammt noch mal«, schimpfte er und sprang aus seinem Auto. »Was zum Teufel soll das werden? Und packt eure verdammten Gebetsperlen weg. Das Meer wird sich nicht teilen, ganz gleich, wie viele Ave-Marias ihr betet – jedenfalls nicht in Provincetown und nicht heute Nachmittag.« Als niemand darauf reagierte, schüttelte er den Kopf und schob sich unter einer Reihe von portugiesischen Flüchen durch die schweigende Menge.

An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Wollt ihr wirklich einen schönen Samstagnachmittag darauf verschwenden, wie die Idioten hier draußen herumzustehen?«

Die Leute, vorübergehend eingeschüchtert von Nicks Zorn, senkten die Köpfe und ließen unauffällig Gebetsperlen und Bierdosen verschwinden, rührten sich aber nicht von der Stelle.

»Gut, meinetwegen«, sagte Nick. »Aber wenn ihr schon hierbleiben wollt, dann habt wenigstens den Anstand und seid ruhig.«

Stille breitete sich aus. Fast ohne es zu merken, drückte Neil Gallagher Hallies Hand. Sie hatte noch nie mit einem Jungen Händchen gehalten. Neils Griff war so fest, dass sie dachte, ihre Knochen würden brechen, aber sie ließ nicht los. »Meinst du, wir sollten beten?«, fragte er.

»Nick und ich sind Atheisten. Wir beten nicht«, erwiderte sie. Das Wort hatte sie von ihrem Vater aufgeschnappt. Doch trotz ihrer Verleugnung schloss sie die Augen, stellte sich vor, sie wäre oben auf dem Dach, umgeben von Dunkelheit, und erinnerte sich an das mächtige Gefühl, das sie in der Nacht, als Gus Silvas Mutter starb, so plötzlich überkommen hatte. Lautlos flüsterte sie den unsichtbaren Sternen zu: Bittebitte!

Alle wussten, dass Nick sich für seine Patienten Zeit nahm, deshalb wunderte sich niemand, als er auch nach einer Stunde noch nicht wiederaufgetaucht war. Doch als Manny an der Tür lauschte und anschließend berichtete, im Wohnzimmer sei es merkwürdig still, war die entschlossene Menge verwirrt. Was tat er da drinnen? Einer von Alvaros Freunden spekulierte, Nick traue sich nicht zuzugeben, dass er an einem stur schweigenden Neunjährigen gescheitert war, und sei durch die Hintertür abgehauen.

»Deine Meinung interessiert hier keinen«, wies Manny ihn scharf zurecht.

Aus der ersten langen Stunde wurden zwei, dann drei. Fatimas Tante Elesandra verkündete, sie werde jetzt nach Hause gehen und sich ein wenig hinlegen, während die anderen Frauen, die zweimal die fünfzehn Mysterien des Rosenkranzes gebetet hatten, sich über ihre arthritischen Finger beschwerten. Vom Rand des Grundstücks fragte Alvaro spöttisch, ob der Doktor Gus da drinnen ein neues Hirn einpflanzte. Hallie und Neil spielten im Schutz der Büsche angespannt Murmeln. »Du bist gut«, maulte Neil, als Hallie ihm die letzte abnahm. »Hat Onkel Buddy mir beigebracht«, sagte sie und genoss das Gefühl der klickernden Murmeln in ihrer Tasche. Dann gab sie sie ihm. »Ich hab zu Hause ein ganzes Glas voll.«

Als die vierte Stunde sich dem Ende näherte, war Alvaros Sechserpack Bier leer. Er wirkte nackt und verloren, wie er da auf der Motorhaube seines Autos saß. Fatimas Freundinnen waren gegangen, nachdem sie verkündet hatten, sie müssten sich jetzt um das Abendessen für ihre Familien kümmern, doch an ihre Stelle trat wenig später Tante Elesandra, die mit ein paar neugierigen Nachbarn zurückkam. Da mittlerweile alle Hunger hatten, fuhr Manny los, um Pizza zu holen. Der Essensgeruch lockte alle zu seinem Auto – auch Hallie und Neil, die so hungrig waren, dass sie für ein Stück Pizza jede Bestrafung auf sich genommen hätten, die Nick ihnen auferlegte, weil sie nicht, wie angeordnet, zu Hause geblieben waren.

»Das hätte ich mir ja denken können, dass du hier aufkreuzt!«, sagte Fatima, als sie den Jungen entdeckte, den sie in letzter Zeit jeden Tag von ihrer Tür verscheuchte.

Manny hingegen konzentrierte sich auf Hallie. »Nick ist schon den halben Tag da drin, und wir haben noch keinen Mucks gehört. Was zum Teufel macht er da?«

Hallie spürte, wie alle sie ansahen, und im Hintergrund meinte sie zu hören, wie jemand das Wort flüsterte, das sie am meisten hasste: Genie. Da sie genauso wenig wie die anderen wusste, was da vor sich ging, sah sie zum Haus hinüber und legte den Finger auf die Lippen, um sie an Nicks Bitte um Ruhe zu erinnern. Einen besseren Zeitpunkt hätte sie dafür kaum wählen können, denn eine Minute später wurde die endlose, nahezu unwirkliche Stille drinnen von einer Stimme durchbrochen.

»Das ist Voodoo! Er spricht!«, rief Fatimas Freundin Sherry aus, und die alten Frauen bekreuzigten sich alle gleichzeitig. Alvaro sprang von der Motorhaube und stieß die Faust in die Luft. Doch der lauteste Freudenschrei kam von Neil Gallagher. Hallie sah zum Fenster und fragte sich, ob Gus ihn hören konnte und ob er eine Ahnung hatte, wie viele Stunden sie hier draußen vor der Tür verbracht hatten, weil sie nicht bereit waren aufzugeben.

Kurz darauf kam Nick lächelnd heraus. Er breitete die Arme aus wie der Papst und verkündete, dass es dem Jungen gut gehe.

»Was haben Sie gemacht?«, fragte Fatima ihn unter Tränen.

»Habe ich Ihnen nie erzählt, dass ich ungeschlagener Meister im Wettstarren bin?«, erwiderte Nick. »Sagen wir einfach, ich habe meinen Titel erfolgreich verteidigt.«

»Sie und Gustavo haben ein Wettstarren veranstaltet?« Fatima sah auf ihre Uhr. »Fünf Stunden lang?«

»So was in der Art. Ich habe in Gus’ Kummer hineingeblickt und er in meinen, und irgendwann ist er in die Knie gegangen.«

»Was hat er gesagt?«, fragte Fatima, die offensichtlich irgendetwas Tiefschürfendes erwartete.

»Das, was jeder am Ende eines Wettstarrens sagt: Ich gebe auf.«

4

EINE WOCHE SPÄTER stand Hallie vor der Tür der Barrettos. Sie zögerte eine ganze Weile, bis sie sich traute anzuklopfen. Als Gus’ Tante die Tür einen Spalt öffnete, trat Hallie einen Schritt zurück und zeigte wie zur Erklärung die Geschenke, die sie mitgebracht hatte. In einer Hand hielt sie ein dickes Buch, das sie an die Brust drückte wie ein Bibelverkäufer, in der anderen eine pralle Plastiktüte, die mit einem Stück Draht zugebunden war. Im Innern schwammen zwei Elritzen. Fatima Barretto atmete lang und schnaufend aus. Misstrauisch spähte sie an dem Mädchen vorbei. »Und wo ist dein kleiner Freund? Versteckt er sich wieder in den Büschen?«

»Neil ist nicht hier – und er ist nicht mein Freund«, sagte Hallie, obwohl sie sich bei beiden Dingen nicht so ganz sicher war. Neil verbrachte weiterhin einen Großteil seiner freien Zeit damit, um das Haus in der Loop Street herumzuschleichen und darauf zu warten, dass der Gus, den er gekannt hatte, zum Spielen herauskam. Und da er sich mittlerweile jeden Tag im Bus neben sie setzte, hatte sie schon mehr als einmal Getuschel gehört, in dem das Wort Freund vorkam.

Anfangs hatte Neil nur über Gus reden wollen, doch eines Nachmittags, kurz bevor sie bei Hallies Haltestelle ankamen, hatte er sie gefragt, ob sie schon mal einen Jungen geküsst hatte. Als sie die Nase krauszog und sagte: »Natürlich nicht«, hatte er gelächelt. »Ich auch nicht. Ich meine, ich hab noch nie ein Mädchen geküsst. Aber wenn ich’s tue, dann mit dir.« Hallie hatte ihm nicht widersprochen. Sie fragte sich, ob das bedeutete, dass er jetzt ihr Freund war.

Mrs Barretto versperrte immer noch den Eingang, aber Hallie spürte ein Zögern.

»Nick hat mich geschickt«, erklärte sie, obwohl sie ihrem Vater nicht einmal genau gesagt hatte, wohin sie wollte. Sie hielt das Buch und die Fische hoch. »Nachbehandlung.«

Mrs Barretto neigte den Kopf zur Seite, um den Titel des Buches zu lesen. »David Copperfield? Wie soll das wohl meinem Neffen helfen?«, fragte sie, aber sie öffnete dennoch die Tür und ließ Hallie eintreten.

»Darin geht es um einen Waisenjungen«, sagte Hallie mit mehr Selbstsicherheit, als sie tatsächlich verspürte.

»Na, das wird ihn aufheitern.« Mrs Barretto beäugte die winzigen Fische. »Und was ist das da? Elritzen? Ich weiß, du meinst es gut, Hallie – alle meinen es gut. Aber diese Fische gehören in den Teich, und das Letzte, was Gustavo jetzt braucht, ist eine Geschichte von einem Waisenjungen.«

»Das ist aber nicht irgendein Waisenjunge«, wandte Hallie ein. »Sondern einer, der zum Helden seiner eigenen Geschichte wird.«

Mrs Barretto seufzte. »Wir waren so froh, als Gustavo am Samstag mit Nick gesprochen hat. Aber das war alles. Seither hat er kein Wort mehr gesagt.«

Die Kritik an ihrem Vater, die in diesen Worten durchklang, ärgerte Hallie. »Das war bloß der erste Teil seiner Behandlung.«

»Aha. Und du bist der zweite Teil?« Fatima verschränkte die Arme vor der Brust, als wünschte sie, sie hätte nie die Tür aufgemacht. »Du und dein Waisenjungen-Buch?«

»Genau.« Hallie betrachtete Fatimas Figurensammlung. Überall standen Porzellanausgaben der Mater dolorosa, der blaue Umhang grau von Staub, die Augen matt. Und obwohl Manny nicht zu Hause war, konnte Hallie ihn riechen – eine Mischung aus billigem Rasierwasser, Meer und purer Bosheit. Zum ersten Mal fragte sie sich, ob Mrs Barretto recht hatte; vielleicht hätte sie nicht herkommen sollen. Doch sie verbannte den Gedanken, indem sie sich besonders gerade auf die Sofakante setzte und wie eine wohlerzogene Besucherin lächelte, das Buch vor sich auf dem Schoß wie eine Damenhandtasche.

Wieder stieß Mrs Barretto einen langen Seufzer aus, dann gab sie nach. »Gustavo!«, brüllte sie, als befänden sie sich in einem weitläufigen Herrenhaus und nicht in einem kleinen, winterfest gemachten Holzhaus mit fünf Zimmern. Der Name hallte von den Wänden wider, und ebenso die darauf folgende Stille.

Fatima Barretto klopfte an die Tür seines Zimmers. »Doktor Nicks Tochter ist hier. Sie hat dir etwas mitgebracht, ein – ein Geschenk.« Beim Gedanken an die ordinären Elritzen schüttelte sie erneut verächtlich den Kopf. Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

»Vielleicht schläft er«, sagte Hallie, als Gus auch nach mehreren endlosen, unbehaglichen Minuten nicht erschienen war. »Ich komme ein andermal wieder.«

Doch bevor sie flüchten konnte, tauchte Gus im Flur auf. Er sah aus, als wäre er gerade erst aufgewacht. Seine Augen waren dunkel und funkelten, aber in ihnen lag nichts Verrücktes. Hallie erkannte sofort, dass Gus Silva einfach nur traurig war – so traurig, wie sie es noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. So traurig, dass er kein Wort hervorbrachte. Ihr Herz zog sich zusammen.

Mrs Barretto räusperte sich. »Hallie ist hier, um dir – hm –etwas vorzulesen, Gustavo.« Sie sprach so laut, als wäre Gus nicht nur stumm, sondern auch taub. Und an der Art, wie sie die Worte betonte, erriet Hallie, dass das Lesen, und erst recht die passive Tätigkeit, sich etwas vorlesen zu lassen, nie zu Gus’ bevorzugten Beschäftigungen gehört hatte.

Mrs Barretto griff nach dem Buch und überflog ein paar Seiten. »Ich war auf der Highschool, ehe ich überhaupt von Dickens gehört habe. Hast du nicht etwas Geeigneteres?«

Hallie zog eine Grimasse, wie immer, wenn jemand darauf hinwies, wie frühreif sie war. »Das hier ist eins von seinen Kinderbüchern«, sagte sie, während Gus sich ihr gegenübersetzte.

Mrs Barretto wog es in der Hand und beäugte die winzige Schrift. »Sieht mir aber nicht wie ein Kinderbuch aus.«

Gus hingegen betrachtete die Fische.

»Nick ist heute Morgen mit mir zur Herring Cove gefahren«, erklärte Hallie. »Der Große hier, den hab ich Johnny genannt, weil er genau so ein Raufbold ist wie Johnny Kollel. Und die Kleine heißt Silver, weil – na ja, ich fand’s einfach hübsch. Jetzt, wo sie dir gehört, heißt sie dann wohl Silver Silva.«

Gus blinzelte sie mit seinen traurigen Augen an.

»Wie wär’s, wenn ich euch eine Kleinigkeit zu essen bringe, und dann lasse ich euch mit euren Fischen allein«, erbot sich Mrs Barretto. »Ist das in Ordnung, Gustavo?«

Hallie war froh, dass seine Tante ihn nicht Voodoo nannte wie die Leute in der Stadt. Doch obwohl sie seine Zaubermacht leugnete, spürte auch sie sie.

Mrs Barretto stellte einen Teller mit trutas und zwei nicht zueinander passende Gläser mit Milch auf den Tisch. Außerdem hatte sie irgendwo ein altes Fischglas für Johnny und Silver aufgetrieben. Es war milchig und hatte einen Ring aus abgelagerten Algen.

Obwohl Hallie die Teilchen mit Süßkartoffelfüllung nicht mochte, nahm sie sich aus Höflichkeit eins. Trotz des Zuckers und der Gewürze schmeckte es für sie nach Gemüse, und es war bestimmt mindestens eine Woche alt. (Selbst ihr Vater, der trutas liebte, fand, dass sie ganz frisch gegessen werden mussten.) »Mmmh … vielen Dank«, sagte sie im Geiste von Nicks cortesia. Das Wort bedeutete »Höflichkeit«, aber wenn Nick es auf Portugiesisch sagte, meinte er damit seine persönliche Religion: einen tiefen Respekt für das unergründliche Wesen eines jeden, dem er begegnete.

Als Gus’ Tante den Raum verließ, spuckte Hallie ihr Teilchen unauffällig in eine Papierserviette. Dann goss sie das Wasser mit den Fischen in den Glasbehälter, zog eine kleine Dose Fischfutter aus ihrer Tasche und stellte sie Gus hin. »Die gehören jetzt dir. Wenn du dich nicht um sie kümmerst, sterben sie.«

Gus beobachtete aufmerksam jede ihrer Bewegungen, antwortete jedoch nicht. Hallie fand, es hatte durchaus etwas Wohltuendes, mit einem Stummen zusammen zu sein. Sie konnte sagen, was sie wollte, oder sich einfach zurücklehnen und gar nichts sagen. Und Gus selbst schien sein Schweigen auch nicht zu stören. Er wurde nicht unruhig, wenn man mit ihm sprach, und er wandte auch nicht den Blick ab. Wenn er gesprochen hätte, hätte er vielleicht gesagt, dass er keine Lust hatte, einen so sonnigen Nachmittag mit einem Mädchen zu verbringen, das er kaum kannte, und sich von ihm einen Roman aus dem neunzehnten Jahrhundert vorlesen zu lassen.

Doch er beschwerte sich nicht und zog Hallie auch nicht auf, als sie das schwere, eng bedruckte Buch aufschlug und das Wohnzimmer mit der Geschichte von David Copperfield füllte. Hallie stellte sich zum Vorlesen hin, als stünde sie auf der Bühne, und ihre Stimme hob sich an den dramatischen Stellen und fand für jede Figur einen anderen Klang.

Als sie Gus einen verstohlenen Blick zuwarf, saß er da, den Teller mit den pappigen trutas auf dem Schoß, und lauschte gebannt. Hallie lächelte und las weiter. Zumindest für eine kurze Weile schien er seine Traurigkeit vergessen zu haben. Sie las über eine Stunde lang, dann brach sie mitten in einer spannenden Szene ab und klappte das Buch zu.

Gus blinzelte, als wäre er gerade aus einem Traum aufgewacht, und hätte beinahe den Teller auf den Teppich fallen lassen.

»Montag lasse ich mich vom Bus hier absetzen, und dann lesen wir weiter«, sagte Hallie. Da sie wusste, dass keine Antwort kommen würde, sparte sie sich eine Abschiedsfloskel. »Danke noch mal für die trutas, Mrs Barretto«, rief sie und trat durch die Fliegengittertür, die klappernd hinter ihr zuschlug.

Als sie durch den Vorgarten ging, tauchte Neil Gallagher aus den Büschen auf, hinter denen sie sich eine Woche zuvor gemeinsam versteckt hatten.

»Was machst du denn hier?«, zischte Hallie. Sie warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass Gus’ Tante sie nicht beobachtete. »Wenn Mrs Barretto denkt, dass du mich verfolgst, lässt sie mich nie wieder ins Haus.«

»Die alte Hexe«, grummelte Neil. »Sie ist sauer, weil ich mit dem Angelhaken in ihrem kaputten Fliegengitter hängen geblieben bin. Und als ich dann noch mit dem Ball ein Fenster von Mannys blödem Schuppen eingeworfen hab, ist sie völlig ausgerastet.« Nachdem er die Sportausrüstung geholt hatte, die er in der Hoffnung, Gus aus dem Haus locken zu können, mitgebracht hatte – diesmal einen Baseballhandschuh, einen Ball und zwei Schläger –, humpelte er hinter Hallie her. »Warte! Ich hab einen Krampf im Bein, weil ich so lange hinter dem Busch gehockt hab. Hat Gus mit dir geredet?«

Hallie blieb nicht stehen, um seine Frage zu beantworten, aber sie ging langsamer, damit er sie einholen konnte. »Du solltest dich hinsetzen und das Bein massieren.«

»Ach, bist du jetzt etwa Ärztin?«, spottete Neil und versuchte mühsam, das Tempo zu halten.

»Noch nicht, aber ich bin Nicks wichtigste Assistentin.«

»Na, sag bloß.«

Hallie musste lachen. Es klang wie etwas, das Tante Del sagen würde, nicht ein Junge mit Krampf im Bein und einer verkehrt herum aufgesetzten Baseballmütze.

»Was hast du da drin gemacht?«, fragte Neil, ohne ihr Lachen zu beachten. »Und warum schleppst du dieses dicke Buch mit dir rum?«

Hallie antwortete nicht. Nach einer friedlichen Stunde mit dem stummen Gus hatte sie sich bereits daran gewöhnt, nur dann zu sprechen, wenn ihr danach zumute war. Neil hüpfte mit seinem geplagten Bein vor ihr herum und zwang sie, ihn anzusehen. »Los, sag schon.« Seine Miene war so erwartungsvoll, dass sie erneut lachen musste.

»Was gibt es denn da zu lachen? Hat Gus gesagt, wann er wieder zur Schule kommt?«

»Er hat gar nichts gesagt«, gab Hallie zu. Sie waren an der Kreuzung angekommen, wo sie abbiegen musste, deshalb blieb sie kurz stehen. »Noch nicht.«

Damit wandte sie sich ab und ging weiter.

»Aber das wird er doch, Hal, oder nicht?«, rief er ihr von der Straßenecke nach, das sommersprossige Gesicht zu einem breiten Lächeln verzogen. »Er wird wieder genauso reden wie früher!«

Hallie schwieg einen Moment, dann drehte sie sich, ebenfalls lächelnd, um. »Ja, das wird er«, rief sie in den hellen Wind, der von der Bucht heraufwehte. Sie wusste nicht, weshalb sie sich so sicher war, aber sie war es.

An dem Abend war Hallie froh, als Linda Soares, die Bibliothekarin, die schon seit Jahren versuchte, Nick mit ihrem tiefen Ausschnitt und ihren Buchempfehlungen zu beeindrucken, zum Essen kam. Hallie hatte sich gut überlegt, wie sie Nick beichten wollte, was sie getan hatte, und sie hoffte, dass die Anwesenheit eines Gastes Nicks Reaktion ein wenig mildern würde.

Letzten Endes platzte sie mitten beim Nachtisch damit heraus.

Nick schob seinen Teller von sich. »Moment mal. Du hast mich angelogen, hast mir erzählt, du wärst bei Felicia«, sagte er streng und schien vergessen zu haben, dass sie nicht allein waren. »Stattdessen bist du mit dem Rad bis zur Loop Street gefahren und mit einem Buch und zwei Fischen in der Hand bei einer Familie in Trauer aufgekreuzt?«

»Du bist doch auch dahin gegangen.«

»Ich bin Arzt. Es ist mein Job, Leuten zu helfen.«

»Nach allem, was ich gehört habe, hast du mit dem Jungen ein fünfstündiges Wettstarren abgehalten«, spottete Wolf. »Wenn das bei dir unter medizinische Behandlung läuft, ist mir Hallies Idee lieber.«

Nick beachtete ihn nicht. »Ich glaube nicht an diesen ganzen Unsinn von wegen feitiço und Voodoo, aber Gus Silva ist zutiefst verstört, Hallie.«

»Als ich da vor der Tür stand, wäre ich ja auch am liebsten wieder umgekehrt, aber die Plastiktüte war nicht dicht, und die Fische hätten den Rückweg nicht überlebt. Und –«

»Und wenn du dir einmal etwas in den Kopf gesetzt hast, lässt du dich durch nichts davon abbringen, genau wie deine Mutter. Aber das hier wird Konsequenzen haben, Hallie.«

»Es tut mir wirklich leid, Nick, aber –«

»Nichts aber. Du hast mich angelogen, und du warst an einem Ort, wo du nichts verloren hattest. Ich kann’s kaum fassen, dass Fatima Barretto dich überhaupt reingelassen hat und dass Gus bereit war, dich zu sehen.«

»Ich musste so lange warten, dass ich schon dachte, meine Fische würden sterben, aber dann ist er aus seinem Zimmer gekommen.« Obwohl Hallie wusste, dass ihr Vater wütend auf sie war, konnte sie ihre Begeisterung nicht verbergen.

»Und er hat dagesessen und sich von dir Dickens vorlesen lassen?«, fragte Linda. »Das ist ganz schön schwere Kost für einen Neunjährigen, schon unter besseren Voraussetzungen.«

»Er hat mich eine ganze Stunde lang nicht aus den Augen gelassen.«

Nick hörte aufmerksam zu, sagte jedoch nichts. Als er aufstand, um den Tisch abzuräumen, war die Anspannung geradezu greifbar. Wolf brummte etwas und verschwand nach oben, während Linda sich plötzlich erinnerte, dass sie noch etwas Wichtiges zu erledigen hatte, und sagte, sie würde ihre Auflaufform am nächsten Tag abholen.

Schweigend erledigten Hallie und Nick den Abwasch.

»Ich nehme an, du hast ihm versprochen, dass du wiederkommst?«, sagte Nick schließlich.

»Na ja, ich hatte gehofft … Natürlich nur, wenn du einverstanden bist. Darf ich?«

Nick zog scharrend einen Stuhl heraus und setzte sich. »Ich denke darüber nach – natürlich nur unter bestimmten Bedingungen.«

Überzeugt von ihrem Sieg, wollte Hallie ihm um den Hals fallen, doch ihr Vater hielt sie auf Armeslänge von sich.

»Ich habe gesagt, ich denke darüber nach«, wiederholte er. »Aber erst müssen wir das mit deiner Strafe klären. Du wolltest doch bei Felicia übernachten – das ist hiermit gestrichen.« Am darauffolgenden Montag fuhr Hallie wieder zu den Barrettos, und danach drei Wochen lang jeden Tag, einschließlich Samstag und Sonntag. Neil Gallagher war immer irgendwo in der Nähe, entweder in einem ungemütlichen Nest aus Stechwinden und Japanischem Geißblatt hoch oben im Holzapfelbaum oder zwischen den alten Hummerfallen und Ködern in Mannys unordentlichem Schuppen. Manchmal, wenn er es satthatte, sich vor Fatima zu verstecken, kam er heraus, warf vor dem Fenster einen Ball in die Luft und sang die Titelmelodien von Gus’ Lieblingssendungen.

Schließlich, eines Nachmittags zu Beginn der vierten Woche, bemerkte Hallie, dass Gus begann, sich wieder für die Welt um ihn herum zu interessieren. Sie schlüpfte in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen, und als sie zurückkam, stand er am Fenster, im Schatten der staubigen goldfarbenen Vorhänge. Draußen warf Neil seinen Ball immer höher, als wollte er damit die Sonne treffen, und Gus verfolgte seine strahlende Flugbahn. Als Neil einen besonders hohen Ball fing, lächelte Gus zum ersten Mal.

Doch als Hallie nach dem Buch griff, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Geschichte zu. Eine Stunde später kam sie zu der Stelle, wo David Copperfield, ohne es zu ahnen, seiner Mutter zum letzten Mal nachwinkt, und da lag ein solcher Schmerz auf Nicks Gesicht, dass sie sich fragte, ob seine Tante nicht doch recht gehabt hatte. Vielleicht hatte sie die falsche Geschichte ausgewählt. »Soll ich aufhören?«, fragte sie. Doch Gus schüttelte heftig den Kopf, und Hallie spürte, dass er nicht nur neugierig war, wie es weiterging, sondern dass er es unbedingt wissen musste.

An dem Tag las sie länger als sonst – so lange, bis ihr Vater schließlich auftauchte und fragte, ob sie überhaupt noch vorhätte, nach Hause zu kommen.

Abends kam Stuart mit seiner berühmten Lauch-Kartoffel-Suppe herüber, und Nick machte dazu Omelettes. Beim Essen verkündete Hallie, dass ihre Besuche in der Loop Street sich ihrem Ende näherten.

»Seid ihr durch mit dem Buch?«, fragte Nick.

»Das nicht«, sagte Hallie und dachte daran, wie Gus gelächelt hatte, als er Neil mit dem Ball beobachtet hatte. »Aber Gus wird bald wieder rausgehen und spielen wollen.«

»Doktor Hallies Behandlung war also erfolgreich?«, sagte Stuart.

»Ja.« Überrascht bemerkte sie das leise Bedauern, das in ihrer Stimme lag. Die Stunden im Wohnzimmer der Barrettos, allein mit Gus und David Copperfield, würden ihr fehlen.

Am nächsten Tag kam sie beim Vorlesen zu der Stelle, wo David vom Tod seiner Mutter erfährt. Sie klappte das Buch leise zu und legte es auf den Tisch. Gus blickte sie überrascht an.

»Den Rest musst du selber lesen«, sagte sie. Dann hielt sie ihm die Hand hin, wie ihr Vater es immer tat, wenn er mit einem Patienten fertig war. Gus starrte ihre Hand an und weigerte sich, deren Bedeutung zu akzeptieren.

Als sie ging, folgte er ihr auf die Straße, die förmlich explodierte von Wiesenklee, Traubenhyazinthen und Dünenrosen. Hallie sog ihren Duft ein und wunderte sich, wieso sie die Blüten bisher nie bemerkt hatte. Waren sie erst an diesem Tag aufgegangen? Ihr Herz pochte wie wild, als sie seine Schritte hinter sich hörte, doch sie blickte sich nicht um. Wenn er etwas wollte, würde er sprechen müssen. Jetzt oder nie.

»Warte!«, rief er schließlich. »Du weißt, dass ich das Buch nicht selbst lesen kann.«

Hallie drehte sich um und sah ihm in die Augen. »Doch, das kannst du.«

»Nein, ich–«

»Du musst«, sagte sie so energisch, dass er verstummte. »Wenn du es nämlich nicht tust, wirst du nie erfahren, wie die Geschichte ausgeht.«

Abrupt wandte sie sich ab und ließ Gus stehen. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, als wäre es das Normalste von der Welt, dass er mit ihr gesprochen hatte, aber alles in ihr – Blut, Herz und Geist – jubelten nur ein Wort: Ja!

Sie ging noch ein paar Hundert Meter weiter, dann schlug sie einen Haken und kehrte zurück zu dem Haus, wo Neil wieder im Holzapfelbaum saß und Gus durch das Fenster beobachtete.

»Meinst du, der Ast trägt uns beide?«, fragte sie leise, denn das Fenster stand offen.

Neil streckte die Hand aus und half ihr hoch. Der Baum bot hinreichend Deckung durch das Laub und gewährte gleichzeitig einen guten Blick auf Gus’ Zimmer; außerdem hörte man alles. Gus mühte sich mit der kleinen Schrift und den langen Wörtern ab. Nach einer Weile schleuderte er das Buch wütend an die Wand. Doch kurz darauf sprang er auf und trat an das Bücherregal seines Cousins. Hauptsächlich standen darin die Modellboote, die Junior früher mit seinem Vater gebastelt hatte, aber ganz unten fand sich auch eine abgegriffene Ausgabe von Webster’s Dictionary. Gus zog das Wörterbuch heraus, dann hob er den Roman vom Boden auf und versuchte es erneut.

Es fiel ihm ganz offensichtlich nicht leicht. Die ersten Worte, die er von sich gab, als er sich wieder der Geschichte von David Copperfield zuwandte, waren portugiesisch. Obwohl sie die Bedeutung nicht verstand, erkannte sie, dass es Flüche waren, denn Onkel Buddy hatte sie ein paarmal benutzt, und Nick war sehr wütend geworden.

Als Neil ihn hörte, musste er so lachen, dass er beinahe vom Baum fiel, und Tante Fatima marschierte in Gus’ Zimmer und drohte ihm mit einer Tracht Prügel, sollte sie noch einmal solche Worte aus seinem Mund hören. Dann jedoch drückte sie ihn an sich und fing an zu weinen. »Die kleine Costa hat es geschafft! Die wird später mal genau wie Nick.«

Hallie lächelte, obwohl sie anderer Ansicht war. Sie selbst war nur die Botin gewesen. Den Zauber hatte Charles Dickens bewirkt. Aus einem Impuls heraus drückte sie ihre Lippen auf Neils Mund, fest, so wie ihr Vater sie auf die Wange küsste, wenn er sich über etwas freute.

»Das war er«, sagte sie, ebenso überrascht wie er. »Dein erster Kuss.« Dann sprang sie vom Ast hinunter und lief nach Hause.

5

IM HERBST SAH Hallie Gus und Neil oft zusammen im Bus und auf dem Spielplatz. Neil lächelte ihr jedes Mal zu und winkte triumphierend, wenn er sie sah. Hallliiiie!, rief er und ließ die lang gezogenen Silben vom Wind davontragen. Auch wenn er mit dem Rad fuhr oder auf dem Spielplatz herumrannte, suchte er immer wieder ihren Blick, und ab und zu bremste er haarscharf vor ihr ab, um zu fragen, ob sie immer noch seine Freundin sei.

»Ich hab nie gesagt, dass ich deine Freundin bin«, erwiderte Hallie, wenn er lange genug stehen blieb, um ihr zuzuhören.

»Aber du hast mich geküsst! Das bedeutet –«

»Ich hab dich geküsst, weil ich glücklich war! Wenn du nicht da gewesen wärst, hätte ich den Baum geküsst.«

»Den Baum? Na, schönen Dank auch.« Neil tat so, als hätte sie ihm das Herz gebrochen, aber eine oder zwei Wochen später fragte er sie erneut.

Gus war tatsächlich zurückgekommen, wofür sie alle gebetet hatten. Doch Hallie bemerkte, dass sein Spiel nun etwas Wildes hatte, eine Art Schärfe.

»Natürlich ist er anders als vorher«, sagte Nick, als sie ihm davon erzählte. »Unter all der Trauer steckt bestimmt eine Menge Zorn.«

Diesen Zorn bekam Hallie zu sehen, als Johnny Kollel Gus mit einem Reim aufzog, den er sich nach dem Mord ausgedacht hatte:

Armer Gus, armer Gus,Jetzt ist er ganz alleine.Mommy liegt auf dem FriedhofUnd Daddy sitzt im Knast.