Beschreibung

Was würdest du tun, wenn du in den Schatten der Menschen ihre Zukunft sehen, sie aber nicht verändern kannst?Eine seltene Gabe, die Liza in die Verzweiflung treibt.Ein attraktiver Dämon, der sie umbringen soll.Ein uralter Kult, der die Antworten kennt, aber ihre Fähigkeiten für sich haben will.Wem kann Liza noch trauen? Der einzige, der zu ihr steht, ist dieser verschlossene Junge aus der Nachbarschaft. Er ist ihr Fels in der Brandung. Er lässt ihr Herz höher schlagen. Doch die Schatten sagen voraus, dass er sterben wird. Ihretwegen. Um ihn zu retten, muss Liza sich ihrer Gabe und den bösen Mächten stellen.

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Die Schattenflüsterin

Zwischen Herz und Dämon

Olga A. Krouk

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Nina Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-486-4

Alle Rechte vorbehalten

Mehr über die Autorin unter

www.olgakrouk.de

Inhalt

Wenn du einschläfst, gehörst du mir

Kapitel 1

Kapitel 2

Rette mich. Nicht.

Kapitel 3

Auf der Suche nach dir

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

In deiner Nähe

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Was bleibt, ist die Hoffnung

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Danksagung und Quellennachweis

Über den Autor

Wenn du einschläfst, gehörst du mir

Es gab kein Entkommen. Unbeirrt folgte er der Fährte, fühlte den Rausch der Jagd mit jeder Faser seines verwandelten Körpers. Ein zufriedenes Knurren stieg seine Kehle empor, als er durch das Dickicht die schlanke Gestalt erblickte, die vor ihm zu fliehen versuchte. Lauf! Lauf so weit du kannst. Bis sich dein Geist in der Traumwelt verliert, bis du nie mehr aus diesem Albtraum aufwachst, pochte es in ihm, als ein fremdes Summen, das nur entfernt an ein Lied erinnerte, seine Gedanken durchbrach.

Er hielt inne.

Se Theg nie Ib-Ab-Nnameztub, erklang es wie aus weiter Ferne und hüllte seinen Verstand ein. Nein, das gehörte nicht hierher. Nicht in den Albtraum, den er gewoben hatte!

Er schüttelte den Kopf, visierte erneut sein Opfer an. Nur darauf kam es an: Den Befehl auszuführen, dem sich zu widersetzen er nicht imstande war. Doch statt vor ihm wegzulaufen, bis die Kräfte sie endgültig verließen, blieb die junge Frau stehen und drehte sich zu ihm.

Irgendetwas stimmte nicht. Er konzentrierte sich auf die Schatten, die immer tiefer wurden, befahl den Nebelschwaden, sich heranzuschleichen, ließ die Äste wachsen und sich in ihren bronzefarbenen Korkenzieherlocken verheddern. Langsam, aber unaufhörlich versanken ihre nackten Füße im Morast. Doch sie lief nicht weg, sondern wandte ihr Gesicht zum Gestrüpp, in dem er lauerte. Ihre helle Haut schien in der Dunkelheit zu leuchten, die blassen Lippen standen leicht offen. Und keine Spur von Angst in ihren großen Augen, in diesem Blick voller Entschlossenheit, der nach ihm suchte. Komm raus, erreichte ihn der Hauch ihrer Gedanken, wer auch immer du bist.

Das merkwürdige Summen vibrierte schon längst nicht mehr um ihn herum, sondern drang tief in sein Innerstes. Wie ein dumpfes Beben in seiner Brust, wo früher sein Herz geschlagen haben musste. Was ging hier vor?

Sie ist es. Sie ist dein Ausweg. Der Gedanke, der nicht ihm gehörte, ließ ihn zusammenzucken. Am Rande seines Blickfeldes glaubte er, eine fremde Erscheinung wahrzunehmen. Er fuhr herum. Niemand da. Wurde es langsam zu seinem Albtraum? Konnte diese junge Frau die Traumwelt tatsächlich so sehr beeinflussen? Dann war sie stärker, als er geglaubt hatte.

Ich weiß, dass du da bist. Jetzt schien sie ihn direkt anzuschauen, ihm tief in die Augen zu blicken. Er duckte sich. Dabei gab es keinen Grund, sich zu verstecken. Was war nur mit ihm los? Schluss jetzt. Er musste tun, wofür er geschickt worden war.

Noch im Heranschleichen richtete er sich auf und wandelte seinen Körper. Das struppige Fell zog sich in seine Haut zurück, die Klauen formten sich zu Händen. Noch ein paar Schritte und er stand bei ihr, berührte ihre Stirn und die Nase, fuhr mit den Fingern über ihre Sommersprossen und strich ihre Wange entlang. Er konnte nicht fühlen, wie warm ihre Haut war, er konnte es sich bloß vorstellen. Genauso wie den Duft nach Vanille, der ihn mit einem Mal umgab – und etwas längst Vergessenes hervorzurufen schien.

Hör auf. Unbeirrt nahm sie seine Hand weg. Einen Augenblick lang hielt sie seine Finger fest mit den ihren umschlossen, dann ließ sie ihn los. Ich habe morgen einen wichtigen Tag, nahm er ihre Gedanken wahr. Vielleicht den wichtigsten überhaupt. Solche Träume kann ich nicht gebrauchen.

Er musterte ihr Gesicht: die kleine, beinahe elfenartige Nase, die schwungvollen Lippen und die grünen Augen, die förmlich leuchteten. Grün wie die Hoffnung. Seine Hoffnung? Von irgendwoher ertönte wieder das Summen, das seinen Verstand wie mit einem Schleier umhüllte. Der Wald wich zurück; statt mitten im Dickicht, fand er sich auf einer Lichtung wieder. Als der Mond aus den Wolken tauchte und seinen Schein über sie beide ergoss, wusste er, dass ihm die Kontrolle über den Traum entglitten war. Denn etwas derart Schönes zu erschaffen, war er nicht imstande.

Ich glaube, ich sollte jetzt aufwachen, meinte sie, und ihre unausgesprochenen Worte füllten ihn mit Wehmut, die seine Brust zuschnürte.

Geh nicht, wollte er rufen, doch die Schatten um ihn herum wurden dunkler und der Mond versteckte sich erneut hinter einem dichten Wolkenschleier.

Er kommt!, entfuhr es ihm.

Wer? Alarmiert blickte sie zum Wald, der sie beide wieder umschloss. Wie knorrige Finger streckten sich die Äste aus dem Nebel. Sein Herr nahte.

Sie ist deine letzte Hoffnung. Das spürst du doch auch, oder? Dumpf pochte es in seinem Inneren. Es konnte unmöglich sein Herz sein, denn er hatte keins. Doch ihr etwas anzutun, das konnte er nicht mehr.

Er packte ihre Schultern. Heute darfst du nicht mehr einschlafen. Hast du mich verstanden? Du darfst nicht mehr einschlafen!

Sie keuchte und blickte zu ihm auf. Was geht hier vor?

Ich habe keine Zeit, es dir zu erklären. Geh! Er stieß sie von sich, sah, wie sie fiel – ins Nirgendwo, außerhalb seiner Reichweite, zurück ins Leben.

Was hast du getan? Ein brennender Schmerz fuhr durch sein Inneres. Eine dunkle Gestalt richtete sich aus einem der Schatten auf, griff nach ihm, versenkte die schattenhafte Hand in seiner Brust.

Er wusste, dass er dieser Macht nichts entgegensetzen konnte.

Zumindest nicht lange.

Aber er konnte es wenigstens versuchen.

Kapitel Eins

»Liza! Liza, warte!«

Ich zuckte zusammen, drehte mich um und sah, wie meine Mutter durch die Menschenmenge zu mir lief. Ihre hohen Absätze trommelten ein beeindruckendes Stakkato auf dem polierten Steinboden der Abflughalle. Sie trug ihren taubengrauen Business-Rock und eine Bluse, die seltsam verrutscht wirkte. Den Blazer hatte sie gänzlich vergessen und die langen Haare anscheinend nur hastig zu einem Zopf zusammengebunden. Was mich aber endgültig schockierte: Sie wirkte übernächtigt, war aber vollkommen ungeschminkt. Und das mitten in der Öffentlichkeit! Sie, Barbara Evers, die Personifizierung von Perfektion.

»Mama? Was ist los?« Ich stellte meinen Rollkoffer aufrecht und wurde sogleich gedrückt, bis mir die Luft wegblieb.

»Geh nicht«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Bitte geh nicht!«

Behutsam befreite ich mich aus der Umklammerung und lächelte ihr zu. »Das haben wir doch schon alles oft genug besprochen.«

Eher: darüber gestritten. Sie wollte nicht, dass ich mein Auslandsjahr in Russland verbringe. Meinte, die USA würden meiner künftigen Glanzkarriere als was auch immer mehr Aufwind geben und hatte die Infoblätter dazu strategisch günstig in meinem Zimmer platziert. Dass ich vor Kurzem neunzehn Jahre alt geworden war und über meine künftige Glanzkarriere selbst entschied, hatte sie immer noch nicht auf dem Zettel. Also füllte ich die Formulare aus, plünderte meine Sparkonten und stand nun hier, mitten im Gewusel des Hamburger Flughafens, anderthalb Stunden von dem Abflug nach Sankt Petersburg entfernt.

»Alles wird gut«, versicherte ich und strich ihr eine der Kringelsträhnen aus dem Gesicht, die sich aus dem Zopf gelöst hatten. Die langen bronzefarbenen Korkenzieherlocken, die sich kaum bändigen ließen, und die vielen Sommersprossen, die nicht einmal im Winter verblassten, hatte ich eindeutig von ihr, und so zerzaust wie wir jetzt nebeneinanderstanden, müssten wir beinahe wie Schwestern aussehen.

»Wie wär’s damit.« Unsicher knetete sie ihre Clutch in den Händen. »Wir gehen nach Hause und ich erzähle dir alles. Die ganze Wahrheit. Keine Geheimnisse mehr.«

Ich runzelte die Stirn. »Welche Wahrheit?«

»Du musst nicht nach Russland, um alles zu erfahren.«

Langsam wurde mir flau im Magen. Was wusste sie? Ahnte sie vielleicht … Nein, unmöglich. Ich hatte es bisher niemandem erzählt. Keiner Menschenseele. Vermutlich plagten mich deshalb auch diese immer wiederkehrenden Albträume, in denen mein Unterbewusstsein verzweifelt versuchte, das Unaussprechliche zu verarbeiten. Aber damit würde mein Unterbewusstsein schon fertig werden. Musste es. Mangels Alternativen.

»… Lizzie!!!!«

Mein Name. Mit vier Ausrufezeichen, mindestens. Erleichtert atmete ich auf, als ich Tante Inga sah, die durch die Menschenmenge pflügte. Sie hatte den Schwung einer losgelassenen Bowlingkugel, und ihre vollschlanke Statur und die ausladenden Hüften zeigten zu deutlich, wie gut ihr unsere nordischen Franzbrötchen schmeckten.

»Auch das noch«, seufzte meine Mutter und hielt ihre Clutch wie einen Schild vor sich. »Lass uns gehen, Liza. Irgendwohin, wo wir ungestört miteinander reden können.«

Doch Tante Inga war schon bei uns, um mich an ihren voluminösen Busen zu drücken. Mindestens zehn Mal kräftiger als Mama vorhin.

»So, bin ordentlich durchgeknetet, jawohl!«, keuchte ich in die schwere orientalische Parfümwolke, die meinen Kopf bis in den letzten Winkel ausfüllte.

»Meine Güte, Inga! Lass sie schon los.« Meine Mama verdrehte die Augen. Sie war der einzige Mensch auf der Welt, der mit zusammengekniffenen Lippen sprechen konnte.

»Ja, was ist denn, Barbara?« Wobei Tante Inga kurz davor stand, ihr den Rang abzulaufen. Bis heute war ich nicht ganz dahintergekommen, was diesen kalten Krieg zwischen meiner Mama und meiner Tante verursacht hatte. Aber spielte das eine Rolle? Jetzt, wo die zwei hierhergekommen waren, um mich zu verabschieden?

Ich hakte mich bei ihnen beiden unter und lächelte sie beinahe gleichzeitig an. »Super, dass ihr da seid! Wollen wir uns kurz da drüben im Café hinsetzen?«

»Eine ausgezeichnete Idee, meine Süße!«, flötete Tante Inga mir entgegen und knuffte mich gegen den Arm. »Ich habe auch Meta mitgebracht. Wo steckt sie schon wieder? Ach. Da ist sie ja!«

Alles in mir gefror zu einem eisigen Klumpen. Ich ließ die beiden los und drehte mich um. Da stand sie, meine Cousine. Meine beste Freundin. Nein. Sie war meine beste Freundin gewesen. Und gleich würde ich heulen.

»Liz.«

»Meta!« Ich merkte selbst, wie verräterisch meine Stimme zitterte. »Wie schön, dich zu sehen … dass wir einander noch Tschüss sagen können …«

»Tschüss«, servierte Meta mich ab und betrachtete demonstrativ ihre Nike-Schuhe mit den verschiedenfarbigen Schnürsenkeln. Neongrün und neonorange. Die viel zu große Kapuze verdeckte vollständig ihr Gesicht, die Hände hatte sie tief in den Hosentaschen ihrer Jeans vergraben.

Aber so leicht gab ich nicht auf.

Konnte ich nicht aufgeben.

Wie lange hatten wir uns nicht gesehen?

Ich wusste es genau. Viel zu genau. Seit sie im Krankenzimmer die Augen aufgeschlagen, mich gesehen und Verschwinde! gezischt hatte.

»Danke, dass du gekommen bist«, flüsterte ich. »Das bedeutet mir wirklich viel.«

»Inga hat mich mitgeschleppt.« Meta zuckte die Schultern. Sie hasste ihren Namen, und als Rache weigerte sie sich, ihre Mutter anders als beim Vornamen zu nennen. Früher in der Schule wurde sie von allen ›laufender Meter‹ gerufen, und ihre geringe Körpergröße steuerte nicht gerade dagegen an. Es war bestimmt nicht leicht, als mittleres Geschwisterkind von Minna, Meta, Malte aufzuwachsen und eine Katze zu haben, die Merkel hieß.

»Wollen wir uns hinsetzen?«, schlug ich vor.

»Eigentlich bin ich nur deshalb hier, um mich zu vergewissern, dass du tatsächlich abhaust. Zweitausend Kilometer ist doch eine gute Distanz zwischen uns.«

Tante Inga stöhnte theatralisch. »Jetzt sei nicht so! Liza hat so viel für dich getan.«

»Frag sie lieber, was sie nicht getan hat.«

»Papperlapapp!« Schon bugsierte Tante Inga uns alle zu den Tischen und entschwand zur Theke. Meine Mutter folgte, um die Bezahlung zu übernehmen, und der Streit darüber, wer wem etwas schuldete oder nicht, würde eine Weile andauern.

»Wollen wir uns hinsetzen?«, fragte ich.

Wortlos ließ sich Meta auf einen Stuhl fallen, die Beine in den schmalen Gang ausgestreckt und die Kapuze des Anoraks noch tiefer ins Gesicht gezogen. Ich setzte mich ihr gegenüber, kaute an der Lippe und zupfte unsicher an meinen Locken. Irgendetwas musste ich sagen, das spürte ich. Doch sie kam mir zuvor: »Blass siehst du aus.«

Ich senkte den Blick. »Ja. Hab schlecht geschlafen. Ich hatte einen ganz merkwürdigen Traum, der sich so verdammt echt angefühlt hat.« So echt, dass ich mit blauen Flecken an den Schultern aufgewacht war, als ob mich jemand tatsächlich gepackt und festgehalten hätte.

»Ach ja?«

Sollte ich es versuchen? Früher hatten wir alles miteinander geteilt. Unsere Träume, unsere Ängste, unsere Hoffnungen. »Etwas jagte mich. Zuerst dachte ich, es wäre ein Tier. Das träume ich oft in der letzten Zeit, weißt du? Ich wollte nur noch weg. Und als ich nicht mehr konnte, ist alles endgültig absurd geworden. Ich hörte meine Mutter Es geht ein Bi-Ba-Butzemann summen. Und dann … habe ich diesen merkwürdigen Kerl gesehen. Er sagte …«

»Du hast recht, es ist völlig absurd und interessiert mich nicht die Bohne.« Breitbeinig lümmelte Meta auf ihrem Stuhl und kaute an ihrem Kaugummi, den sie schließlich herausholte und unter die Tischplatte klebte.

Anderthalb Stunden bis zum Abflug. Mit einem Mal erschien mir Russland wie der Beginn eines vollkommen neuen Lebens. Ich würde alles, was ich kannte, hinter mir lassen. Wäre es nicht wichtig, mich vorher mit Meta auszusprechen? Ich durfte diesen Moment nicht einfach so verstreichen lassen. Tief holte ich Luft. Na los. Du schaffst es. »Ich bin wirklich froh, dass du hier bist. Wir sollten reden.«

»Ach, auf einmal?« Mit einem Ruck zog sie sich die Kapuze vom Kopf und wandte ihr entstelltes Gesicht mir zu. »Darüber?«

Ein Pärchen am Nachbartisch keuchte erschrocken auf und guckte weg; kurz darauf verließen die zwei das Café, ohne ihren Cappuccino auszutrinken. Meta verabschiedete die beiden mit einem höhnischen Feixen. »Was, ihr geht? Bleibt doch, wir wollten gerade darüber reden!«, rief sie und wandte sich schließlich wieder mir zu. »Weißt du, Cousinchen, ich habe genug Zeit gehabt, über diesen verdammten Abend nachzudenken«, zischte sie mir entgegen. Ihre mit Lipgloss überzogenen Lippen standen in einem entsetzlichen Kontrast zu den Brandnarben an Kinn und Wange, ihre früher so niedliche Stupsnase sah wie ein kupierter Hundeschwanz aus. »Willst du hören, was ich glaube? Du wusstest, was passieren wird! Keine Ahnung woher, aber du wusstest es! Deshalb bist du nicht ins Auto gestiegen! Deshalb hast du vorgespielt, dir sei schlecht!« Ihr Atem rasselte, als sie sich zurück in den Stuhl warf und sich die Kapuze wieder über den Kopf zog.

»Meta, es ist kompliziert! Es war eine Art …«

Vorahnung. Ja. Das klang gar nicht übel. Zumindest nicht so durchgeknallt wie die Wahrheit. Doch Meta ließ mich nicht ausreden: »Du hättest was sagen müssen. Oder mit uns einsteigen. Jetzt kannst du dir deine Erklärungen sonst wohin stecken, Cousinchen.«

Ich zupfte unruhig an den Haarspitzen. In meinen Ohren hallte Metas hohes, ein bisschen aufgedrehtes Lachen von damals wider. Ich sah, wie sie sich zu viert in dieses Auto quetschten – ihre Schwester Minna, die sich an diesem Abend andauernd mit Malte stritt, Meta und der blonde Junge, den sie sich in der Disco angelacht hatte. Sie wollten zu einer anderen Party, Hochstimmung pur, irgendjemand brüllte Bad Romance und die Performance war ziemlich … gaga. Ich stand da und konnte mich nicht rühren, vor allem aber nicht begreifen, was ich in den flackernden Schatten sah. Dann kam der Schüttelfrost. Ich musste mich übergeben. An alles Weitere erinnerte ich mich nur in Bruchstücken. Irgendwie hatte ich es bis nach Hause geschafft, und am nächsten Morgen kam Mama in mein Zimmer gestürzt. Das Auto wäre von der Straße abgekommen, sagte sie, und nur Meta hätte knapp überlebt.

Tante Inga kam zurück. Meine Mutter brachte die Getränke. Einen Cappuccino, einen Soja-Latte, für Meta und mich gab es eine Cola, obwohl ich einen doppelten Espresso dringender gebraucht hätte. Meta trank ihren Softdrink auf ex und verkündete, sie würde bummeln gehen. Schon bald verlor sich ihre Gestalt zwischen den eilenden Flughafengästen, während all das Nicht-Gesagte in meinem Hals klumpte, sodass ich kaum einen Schluck von meiner Cola nehmen konnte.

»Sie hat sich sehr verändert«, wisperte Tante Inga. Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie in der Lage war, so leise zu sprechen. »Vor ein paar Monaten hat sie ihre Ausbildung abgebrochen und ist abgehauen. Ich weiß weder, wo sie wohnt, noch was sie macht. Ihr könnt euch vorstellen, wie baff ich war, als sie heute vor meiner Tür stand, um mit mir zum Flughafen zu fahren.«

»Vorhin klang es fast so, als hättest du sie gezwungen, hierherzukommen«, murmelte ich.

»Bei der Fahrt zum Flughafen hat sie mir das Gefühl gegeben, ja. Ich verstehe sie schon lange nicht mehr. Diese Stimmungsschwankungen hat sie nach dem Unfall immer häufiger gehabt.«

»Das Mädchen ist labil«, entgegnete meine Mama kühl und ich schwieg, schaffte es kaum, den Blick zu heben und Tante Inga in die Augen zu sehen. War es mein Schicksal gewesen, in den Wagen zu steigen? Die Albträume fingen in der nächsten Nacht an. Seitdem lag ich oft in meinem Bett, starrte in die Dunkelheit und hatte Angst einzuschlafen. Oder fuhr zusammen, wenn ich glaubte, dass die Schatten um mich herum gleich zu flackern beginnen würden.

Mutters Infoblätter hin oder her – bei dieser Reise ging es nicht um mögliche Vorteile für meine Zukunft. Es ging darum, mein Leben in den Griff zu bekommen. Mit dieser Reise begab ich mich auf die Suche nach meinen Wurzeln und nach der Ursache für die schrecklichen Visionen, die mir die Schatten zuflüsterten.

Kapitel Zwei

Durch die Bäume sehe ich den schwarzen Himmel. Ich stehe auf einer Lichtung. Mein Blick wandert umher und bleibt an einer Holzstatue hängen, die wie ein Mahnmal über einem Altar aufragt. Das grob geschnitzte Gesicht eines Greises blickt auf mich herab, aus den bodenlangen Haaren und dem nicht minder langen Bart sprießen merkwürdige Ranken, die zu Tiergestalten werden: einem Bären, einer Schlange und einem Stier. Die Hand der Statue scheint über mir zu schweben, als wollten die knorrigen Holzfinger mich packen. Nein, nicht mich. Den gefesselten jungen Mann auf dem Altar. Wach auf!, scheint er mir mit seinem schmerzverzerrten Gesicht zuzurufen. Verschwinde von hier!

Sein Schrei hallt in mir nach.

Ich fühle mich wie im freien Fall. Was zum Teufel …

Ich schreckte hoch und riss die Augen auf. Um mich herum tanzten schwarze Pünktchen, und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass ich immer noch im Flugzeug saß und nicht auf einer Waldlichtung mitten in einem barbarischen Ritual war. Oder was auch immer die Statue des Greises und der Gefesselte auf dem Altar zu bedeuten hatten.

»Alles gut mit Ihnen?« Der bebrillte Herr zu meiner Linken starrte mich besorgt an, denn mein Atem ging immer noch viel zu schnell. Die Dame einen Sitz weiter warf mir nervöse Blicke zu und würde sicherlich die Flucht ergreifen, wenn die Anzeige ›Gurte anschnallen‹ nicht genau in diesem Moment aufgeleuchtet wäre.

»Alles okay«, japste ich. »Flugangst.« Für Ausreden brachte mein Gehirn stets Topleistungen zustande.

Einige Zeit später befand sich das Flugzeug im Sinkflug. Der Kapitän nuschelte in verschiedenen Sprachen etwas davon, dass wir bald den Airport Pulkovo II erreichen würden und Sankt Petersburg uns mit 12 Grad plus und starkem Wind begrüßte. Ich beobachtete, wie die Maschine in den Wolkenschleier eintauchte, wie die Erde, anfangs bloß eine grüne Patchworkdecke, langsam näher kam, bis ich nach und nach Gebäude und schon bald Autos erkennen konnte. Noch wirkte all das wie eine liebevoll gestaltete Kulisse eines Miniaturwunderlands, dann befand ich mich mittendrin, die Umgebung raste immer schneller an mir vorbei und das Fahrgestell setzte auf der Landebahn auf. Ich blieb noch ein Weilchen sitzen, ungerührt vom Trubel, in dem die Passagiere ihr Handgepäck aus den Fächern zerrten und sich in den Gang nach draußen quetschten. Als das Flugzeug sich langsam geleert hatte, stemmte ich mich aus meinem Sitz, warf mir meinen Rucksack über eine Schulter und steuerte den Ausgang an. Ein Shuttlebus kutschierte mich zum Flughafengebäude. An der Passkontrolle hatte ich meine erste Begegnung mit dem Frohsinn der russischen Natur. Die Frau in der Uniform betrachtete mich mit einem wie aus Stein gemeißelten Gesicht. Ich stammelte ›Dobry denj‹, etwas, was hoffentlich deutlich genug nach ›Guten Tag‹ klang, doch meine Sprachfertigkeiten beeindruckten sie wenig. Schweigend schob sie mir meinen Pass zurück und ich durfte gehen. Schließlich bekam ich meinen Koffer und steuerte auf die Empfangshalle zu. Kein Zurück mehr, ich war in Russland. 150 Millionen Menschen, und das Gefühl, als müsste ich im Augenblick jedem von ihnen ausweichen. Wie sollte ich hier bloß meine Gastfamilie finden? Dem verwackelten Foto, das ich bekommen hatte, traute ich wenig. Es zeigte die Köpfe meiner Gastmutter Larissa und meiner Gastschwester Sophia auf einem mit einer karierten Decke überzogenen Sofa, dafür war das Plakat eines Rocksängers über ihnen perfekt in Szene gesetzt. Den hätte ich in dieser Menge um einiges schneller erkannt.

»Liesah?«, hörte ich, drehte mich um und wurde von einer kleinen Frau umarmt. Sie trug ausgeleierte Schuhe mit Pfennigabsätzen und ein Damenkostüm, das zwar elegant wirkte, aber bestimmt schon bessere Tage gesehen hatte. Neben ihr strahlte mich ein Mädchen an, das sogleich zu gestikulieren und dabei schnell, verdammt schnell zu reden begann. Ich hörte ›Sophia‹ heraus, aber dabei blieb es nicht. Wie Perlen von einer gerissenen Schnur prasselte es auf mich ein: Sonja, Sontschik, Sofotschka … auf keinen Fall Sontschik-Pontschik … irgendwas mit Nonja … und erst einen Moment später begriff ich, dass all die Namen zu ihr gehörten. In meiner Kindheit hatte mein Vater russisch mit mir gesprochen, aber er war gegangen, bevor ich die Sprache perfektionieren konnte. Ich versuchte, eine beschwichtigende Geste zu machen – und im nächsten Augenblick hielt ich einen Blumenstrauß in den Händen: ein Ungetüm aus weißen Lilien in einer knisternd raschelnden Folie.

»Cherrzlikch Willkommen in Rrrussland!«, verkündete meine Gastschwester und grinste mich über beide Ohren an. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte sie offensichtlich ein Faible für teure Marken oder die, die sich als solche ausgaben. Ein Playboy-Shirt, eine Levis-Jeans, Puma-Sneaker. Um ihren Hals baumelte an einem Lederband ein auffälliger Anhänger aus Bronze. Das Schmuckstück erinnerte an ein Rad mit sieben Speichen, die mit Ranken verziert waren und am äußeren Kreis mit einem weißen, bläulich schimmernden Steinchen besetzt waren. Neues aus der Fossil-Kollektion oder ein Fan-Artikel aus dem Game-of-Thrones-Repertoire?

»Nonja? Steht dir gut.« Ich deutete auf ihren Anhänger und überlegte, wie ich es auf Russisch ausdrücken sollte.

Eilig versteckte sie ihn im Ausschnitt ihres Shirts und verzog das Gesicht.

»Nonja, Nonja.« Strahlend erklärte mir Gastmama Larissa, dass Sophia aka Sonja sich selbst so genannt hatte, als sie im Kindergartenalter noch nicht so gut sprechen konnte. Worauf Sophia ihr eine freche Grimasse schnitt. Das war süß. Das alles. Das stockende Englisch, der Kosename Nonja und die Herzlichkeit, mit der diese kleine Frau und ihre Tochter das Russland um mich herum plötzlich in ganz anderen Farben erscheinen ließen. Ich klemmte den Blumenstrauß unter den Arm und öffnete meinen Rucksack, in dem ich zwei Mitbringsel für meine Gastfamilie verstaut hatte. Konzentriert wie bei einer archäologischen Ausgrabung wühlte ich durch das Chaos. Sophia und ihre Mutter beugten sich zu mir, fragten, ob ich etwas bräuchte. Stumm schüttelte ich den Kopf. Vielleicht hatte ich die Mitbringsel in den Koffer gesteckt? Irgendwie wurde mir schwindelig. Vielleicht vom erdrückenden Geruch der Lilien in meinem Arm. Oder vom Schlafmangel. Oder von den Schatten, die um mich herum zu flackern begannen.

»Liesah … Liesah …«, hörte ich die verstörten Rufe, ein Kauderwelsch aus Russisch, Deutsch und Englisch, während mein Verstand mir zu entgleiten drohte.

Nein, bleib weg von mir! Wie durch einen Schleier drang seine Stimme zu mir durch, so gequält und schwach. Ich suchte nach ihm in der verschwommenen Menge, in den Schatten, die immer näher heranrückten.

Liza, rief etwas nach mir. Du willst ihm doch helfen. Dann komm hierher, zu mir.

Übelkeit stieg in mir hoch. Nicht hinsehen, bloß nicht hinsehen!, pochte der letzte Gedanke in meinem Kopf, als ich fiel.

Über mir sah ich verschwommene Lichter, ich wollte danach greifen, die Realität festhalten – und ertrank immer mehr in den flackernden Schatten um mich herum.

Rette mich. Nicht.

Du hättest mich nicht hintergehen sollen. Das Flüstern kroch unter seine Haut, als bestünde jede Silbe aus unzähligen Spinnenbeinen, die seine Wirbelsäule emporwanderten. Er spürte raue Seile, die an seinen Handgelenken und Knöcheln scheuerten, auch wenn er wusste, dass nichts davon real war. Es gab diesen Wald nicht, es gab nicht den Altar, auf dem er lag. All das waren bloß Erinnerungen an ein Leben, das er nicht mehr hatte.

Manchmal können auch Erinnerungen wehtun.

Ein Gesicht beugte sich über ihn und die ruhige Stimme seines Bruders wiegte ihn in Sicherheit. Ich weiß wirklich nicht, was erfreulicher ist. Dass der dunkle Gott durch dich die Welt verändern wird. Oder dass ich dich endlich loswerde, du kleine Ratte. Die Silhouette über ihm richtete sich auf und streckte die Hände der Statue entgegen, die über dem Altar wachte. Hol ihn dir, Veles! Dieses Opfer ist zu deinen Ehren!

Im Bruchteil einer Sekunde bestand alles, was er noch kannte, aus Schmerz. Er schrie, bis die Qualen etwas nachließen, und drehte kraftlos den Kopf. Da! Ein schwaches Schimmern in der Schwärze der Schatten, das nur einer gehören konnte. Bleib weg von mir, rief er stumm. Verschwinde! Doch sie blieb.

Liza, raunte die so vertraute Stimme. Sie ist also doch noch gekommen. Ich wusste, dass sie dich nicht im Stich lassen wird.

Nein. Die Schatten würden keine Macht über sie haben. Bitte … bleib … weg von mir …

Ist das nicht süß? Das Flüstern raubte ihm den Verstand. Sie ist da, um dich zu retten. Dich! Als gäbe es noch etwas in dir, was gerettet werden kann.

Er sah, wie Liza unsicher an den Altar trat. Doch die unausgesprochenen Worte ihres Geistes waren alles andere als unsicher: Lass ihn in Ruhe. Mit einem Mal wich die Nacht zurück und nahm die Schatten mit sich, über den Bäumen leuchtete der Sonnenaufgang auf.

Doch seinen Herrn konnte niemand so schnell bezwingen. Hier war er allmächtig und allgegenwärtig. Seine Stimme schien aus dem Boden zu steigen, durch den Stein, auf dem er lag, zu kriechen und an jeder Faser seines Körpers zu zerren. Liza, Kleines. Du hast keine Ahnung, was hier wirklich vor sich geht, nicht wahr?

So klein bin ich nicht, erwiderte sie ungerührt. Und all das hier erkläre ich jetzt zu meinem Traum. Du hast keine Macht mehr darüber.

Er hörte wieder das seltsame Summen. Plötzlich gab es keine Stricke mehr, die ihn fesselten, keinen Altar, keine Schmerzen. Seine zitternden Hände strichen durch das sonnenwarme Gras, auf dem er lag. Er hob den Kopf und musste die Augen abschirmen, um aufzusehen, um zu verstehen, dass es gar nicht die Sonne war, die ihn so blendete. Es war ihr Leuchten. Liza beugte sich zu ihm und half ihm hoch, hielt ihn fest in ihren Armen.

Dummes Kind! Die Schatten kehrten zurück, streckten ihre gierigen Schwadenfinger nach ihnen beiden aus. Du kannst mir nicht entfliehen.

Er schloss die Augen. Liza … Wie lange würde sie der Dunkelheit standhalten können? Er wollte sie von sich stoßen, sie vor diesem Albtraum bewahren, doch sie ließ ihn nicht los.

Se Theg nie Ib-Ab-Nnameztub … War da noch jemand? Denn Liza summte nicht, sie umarmte ihn noch fester und es kam ihm vor, als würde sie ihm etwas zuflüstern wollen. Geh, geh weg von hier, solange du kannst, versuchte er ihr zuzurufen.

Sie wird nirgendwohin gehen. Als er aufblickte, sah er die Gestalt seines Herrn, die sich über ihm aufbäumte. In der Traumwelt habt ihr keine Chance gegen mich!

Die Dunkelheit traf sie beide mit einer alles auslöschenden Wucht. Zum letzten Mal spürte er, wie Liza ihn an sich drückte. Zum letzten Mal fühlte er das Glühen ihrer Umarmung.

Dann … gab es ihn nicht mehr.

Kapitel Drei

Mitten im russischen Flughafen umzukippen, konnte natürlich nur ich bringen. Wie es mir ging, was passiert war – so viel hatte ich aus dem Redeschwall meiner Gastmama Larissa und meiner Nonja entziffern können. Auch wenn mein Kopf sich beständig weigerte, gedankentechnisch mitzumachen, während ich gegen die Übelkeit ankämpfte. Verdammt, hoffentlich übergab ich mich zum Gruß nicht auf den russischen Boden.

Ich atmete tief ein.

Und langsam wieder aus.

Besser.

Die Fetzen meines Albtraums geisterten durch meinen Kopf, jetzt nur noch Ahnungen als wirkliche Erinnerungen. Da war sein Schmerz, den ich wie meinen eigenen gespürt hatte, mein Leuchten, das uns retten wollte, meine Mutter – aus irgendeinem Grund hatte ich dabei immer wieder an meine Mutter gedacht –, die Dunkelheit, die uns hinterhergejagt war, und ein einziger Gedanke, der mich ganz ausfüllte: Lass ihn nicht los, lass diesen Jungen bloß nicht los … Eine verräterische Stimme in meinem Kopf fragte mich, ob ich wüsste, was ich in diese Welt gebracht hatte. Aber ich drängte sie beiseite. Es war nur eine kurze Ohnmacht. Um nicht zu sagen: ein Sekundenschlaf. Vergiss es einfach, mahnte ich mich. Egal, wie unglücklich der Start gewesen sein mochte – ich beschloss, mein ›Abenteuer Russland‹ allen Widrigkeiten zum Trotz zu meistern.

»Toilette?«, murmelte ich und machte eine Geste, um zu verdeutlichen, dass ich mich dringend erfrischen musste. Wie war noch einmal das Wort für ›waschen‹, mit dem mein Vater mich immer vorm Zubettgehen ins Bad gescheucht hatte? Myt? Hoffentlich verwechselte ich es nicht mit dem Wort für Zähneputzen.

»Ah!« Nonja holte etwas Geld hervor und zog mich durch die Halle, an einer großen Menschentraube vorbei, in der alle durcheinanderredeten und wild gestikulierten – jemand rief sogar nach der Polizei. Hoffentlich nicht wegen des ganzen Theaters um mich.

»Da – was?«, brachte ich stockend hervor und zeigte in die Richtung der Menschenansammlung.

Nonja winkte ab. Die wichtigste Regel, die ich in Russland zu beachten hatte, lautete: Halte dich von Schwierigkeiten fern, meinte sie. Sofern ich sie richtig verstanden hatte.

An den Toiletten angekommen, beugte ich mich über ein Waschbecken. Gespenstisch lag Nonjas Schatten auf dem Boden neben mir, als würde er auf mich lauern. Etwas wölbte sich darin, streckte seine Schattenfinger nach mir aus. Hastig richtete ich mich auf, drehte den Hahn auf und warf mir einen Schwung Wasser ins Gesicht. Jetzt nicht durchdrehen! Das alles war nicht real. Nicht! Real!

Ich spürte Nonjas Hand auf meiner Schulter.

»Du nikcht bereit fürr das!«, flüsterte sie mir ins Ohr. Auf Deutsch. »Du sagen: Zurück!«

»Was?« Langsam wandte ich mich vom Waschbecken ab, mit meinem nassen Gesicht, von dem das Wasser auf mein Shirt tropfte.

»Alles gut mit dir? Gut?«, quiekte sie, als wäre nichts gewesen. Schon schleppte sie mich aus den Toilettenräumen zu meiner Gastmama zurück – und schließlich verließen wir die Halle. Ich hatte es gerade so geschafft, mir das Gesicht abzutrocknen.

An der frischen Luft ging es mir gleich besser. Der Ankunftstrubel lag hinter mir, Larissa und Nonja führten mich am Flughafengebäude vorbei, wir bogen um eine Ecke und hier draußen hätte man fast von einer ländlichen Idylle sprechen können, denn mit dem Wahnsinn vor dem Hamburger Flughafen war der Parkplatz kaum zu vergleichen. Die beiden brachten mich zu einem alten Lada, bei dem ich nur hoffen konnte, dass er in seinem Leben schon einmal so etwas wie eine TÜV-Plakette gesehen hatte. Während meine Habseligkeiten in den kleinen Kofferraum gequetscht wurden, ließ ich meinen Blick über den Parkplatz schweifen.

Erschrocken schnappte ich nach Luft. Keine Ahnung, ob ich dabei aufgeschrien hatte.

Larissa zupfte an meinem Ärmel, fragte, ob es mir gut ginge – die Frage des heutigen Tages, ja –, und ich schaffte es nicht, auch nur einen Ton herauszubringen. Denn es konnte unmöglich sein, dass … der Junge aus meinem Albtraum direkt vor mir stand.

Nun ja, nicht direkt vor mir. Er hatte sich etwas abseits an einen Baum gelehnt. Sein dunkles Haar fiel ihm ins Gesicht nach bester Manier einer Modern-Talking-Nostalgiefrisur. Seine Haut wirkte so blass, dass man glauben könnte, sie hätte noch nie die Sonne gesehen. Er trug ein aufgeknöpftes Hemd, das einen Blick – und bei mir mindestens ein Duzend davon – auf seine muskulöse Brust und den durchtrainierten Bauch gewährte, und eine etwas zu kurze Hose, die unauffällig seine schmalen Hüften betonte. Keine Schuhe. Und das Merkwürdigste an alldem war nicht, dass ich gerade meine Halluzination angaffte, sondern weil sich alles um ihn herum zu verändern schien. An dem Baum, unter dem er stand, leuchteten die Blätter wie gerade gesprossen. Zu seinen Füßen keimte frisches Gras, direkt auf dem Trampelpfad, der schon lange kein Grün gesehen haben musste. Sogar die fröhliche Schar kleiner Vögel, die auf den Ästen hockten oder durch die Lüfte sausten, tschilpte lauthals von Frühlingsgefühlen – und das ausgerechnet jetzt im Herbst.

Ich machte einen Schritt auf ihn zu, als Nonja mich packte, meinte, wir müssten los, wenn wir nicht in den Stau kommen wollten, und dass ich auf der Rückbank nach hinten rutschen sollte, weil die Tür auf der anderen Seite klemmte. Schon drängte sie mich ins Auto.

Hatte sie ihn auch gesehen, meinen Mr Nachtmahr? Oder bildete ich mir bloß etwas ein?

Der Lada setzte sich in Bewegung und ich zwang mich, nach vorne zu sehen.

Schon bald musste ich feststellen: Meine Gastmama fuhr wie … nun ja, ich mochte keine Tiervergleiche. Aber wenn eine gesengte Sau in dieselbe Richtung fahren würde, wäre ich mit Freuden umgestiegen. Wenigstens konnte ich viel von der Stadt sehen. Die Zugbrücken, die Spitzen der Kirchen und Kathedralen, die imposanten Stalin-Bauten irgendeines Prospekts mit einem schier unaussprechlichen Namen, moderne Gebäude, die direkt aus den USA hätten stammen können, sowie die trostlosen Plattenbauten, sobald man sich vom Zentrum des allgemeinen Touristeninteresses entfernte.

Eine von Schlaglöchern übersäte Nebenstraße, die der Lada wie ein waschechter Land Rover meisterte, brachte uns zu einem neunstöckigen Haus. Wir stiegen aus, holten unsere Sachen aus dem Kofferraum und ich wurde zum Eingang dirigiert. Das Treppenhaus war mit einer Metalltür gesichert, die Nonja mit einem runden Schlüssel, der an einen Knopf erinnerte, aufsperrte. Ansonsten wählte man über die metallischen Ziffern des Eingabefeldes die Nummer der Wohnung, erklärte Nonja, um dort über den ›Domofon‹ anzurufen.

Im Treppenhaus stank es nach Abfällen und gebratenen Zwiebeln. An den Wänden prangten Schmierereien, hier und da blätterte die Farbe ab. Die Aufzugstüren schepperten beim Öffnen, und die bemalten, mit Kaugummis beklebten Wände weckten bei mir nicht gerade Vertrauen. Am liebsten hätte ich die Treppe genommen, wenn Nonja und Gastmama Larissa mich nicht so energisch in den Aufzug manövriert hätten. Die Kabine fuhr hoch, und ich hätte wetten können, dass jemand sie per Hand hochzog. Hau ruck, hau ruck.

In der achten Etage stiegen wir aus. Und wenn ich glaubte, nach der heil überstandenen Fahrt im Aufzug würde mich nichts mehr überraschen, war ich doch ziemlich baff, als Larissa nicht eine, sondern gleich zwei Eingangstüren aufsperrte. Die erste war gusseisern mit einem Schlitz für den Schlüssel und dem Spion in der Mitte ausgestattet, die zweite dahinter – gepolstert wie ein altes Ledersofa.

Im kleinen Flur konnten wir drei uns kaum bewegen. Vielleicht zog Nonja mich deshalb gleich durch die Wohnung, um mir mein Zimmer zu zeigen. Kaum fünf Quadratmeter groß, war es vollgestopft mit Möbeln, angefangen mit einer Glasvitrine, in der Kristallgläser und ein Porzellan-Set für zwölf Personen einstaubten, bis hin zu einer wackeligen Spiegelkommode, die den Charme der Sechziger versprühte. Neben dem Fenster führte eine Tür zum Balkon, auf dem sich Eimer stapelten und eine morsche, zusammengeklappte Feldliege an das Geländer angelehnt stand. Das mit einer bunten Patchworkdecke bezogene Bett quietschte, als ich mich darauf fallen ließ. Wie erschöpft ich war, merkte ich erst jetzt.

»Du etwas essen?«, erkundigte sich Nonja.

Ich nickte. »Aber ich brauche ein paar Minuten, okay?«

Nonja verstand und ließ mich allein.

Ich fühlte mich meiner Heimat unendlich fern, je länger ich dem so lebendigen Mutter-Tochter-Geschnatter hinter der Wand lauschte, und fragte mich, ob ich meiner Mama und Tante Inga vor der Abreise noch einmal hätte sagen sollen, wie lieb ich sie hatte. Ich befreite mein Handy aus dem Flugmodus und entdeckte unzählige verpasste Anrufe von Tante Inga. Ich wählte ihre Nummer, wartete, versuchte es noch einmal – doch sie ging nicht ran. Merkwürdig.

Im Koffer fand ich meine Gastgeschenke: ein Körbchen mit unterschiedlichen Teesorten und Kandis für Larissa und eine hübsche Verwöhn-Box mit Duschgel und Shampoo für Nonja, was zugegebenermaßen eine Notlösung war, weil ich nicht viel über die beiden wusste.

Larissa werkelte in der Küche. Freudig nahm sie meine Präsente entgegen, als hätte sie ihr Leben lang auf den Tee und den Kandis gewartet, drückte Nonja eine Schüssel in die Hände und dirigierte uns zum Wohnzimmer. Auf der weißen Tischdecke waren unzählige Schalen mit Salaten aufgestellt, dazu Aufschnittplatten mit Wurst und Käse, geräuchertem Fisch – mir drehte sich der Kopf. Fiel das hierzulande unter ›etwas zu essen‹? Nonja fragte mich über Deutschland aus, nach meiner Familie und meinem Entschluss, ein Auslandssemester in Russland zu verbringen. Auf Letzteres antwortete ich ausweichend. Wie sonst hätte ich ihr erklären sollen, dass ich seit Metas Unfall immer wieder aufflackernde Schatten sah, die Unheil zu versprechen schienen. Und dass ich hier war, weil ich mich plötzlich zu eindringlich an die Worte meines Vaters erinnerte. Wie er mich zu sich auf den Schoß genommen, mir zärtlich über den Kopf gestrichen und zugeflüstert hatte: »Was siehst du in den Schatten, Kleines? Siehst du darin die Zukunft?« Mein Vater stammte aus Russland, genau genommen aus Sankt Petersburg. Nun war ich hier. Zugegeben, ohne einen konkreten Plan, denn wie hoch standen die Chancen, ihm in einer Millionenstadt einfach über den Weg zu laufen? Und viel mehr wusste ich nicht über ihn, weil Mama nie von ihm sprach. Ich konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob all das, woran ich mich zu erinnern glaubte, nicht einfach nur eine Einbildung war.

Mit dem Essen vollgestopft, unternahm ich einen neuen Versuch, Tante Inga zu erreichen, doch sie nahm nicht ab. Wusste meine Mama womöglich etwas über den Grund dieser Anrufe? Ich hätte mich sowieso längst bei ihr melden und ihr versichern sollen, dass ich bis jetzt von keinem frei laufenden Bären aufgefressen worden war. Doch auch bei ihr wartete ich vergeblich auf ein Lebenszeichen. Zwischendurch lugte Nonja ins Zimmer und fragte, ob ich Lust hätte, mit ihr die nahe Umgebung zu erkunden. Eine gute Idee. Ich steckte das Handy ein, schlüpfte in meine Jacke und Schuhe und folgte ihr. Energisch gestikulierend versuchte Nonja, mich zu einer weiteren Fahrt im Aufzug zu überreden, doch so abenteuerlustig war ich bei Weitem nicht. Also rief ich, ich wäre bestimmt schneller unten, sie zuckte herausfordernd mit den Augenbrauen, die Aufzugstüren rumpelten beim Zugehen und ich lief die Treppe herunter. Natürlich nahm ich den Wettkampf ernst. Vielleicht zu ernst. Denn eine Etage tiefer rutschte mein Fuß auf einer Stufe aus. Ich stolperte, versuchte mich am Geländer festzuhalten und fiel – in jemanden hinein.

Ein kräftiger Arm schlang sich um mich, ich taumelte und stemmte mich mit beiden Händen gegen eine muskulöse Männerbrust. Hastig schob ich mir das Haar aus dem Gesicht und schaute in intensiv graue Augen, die mich belustigt musterten. Mal ehrlich. Wenn der Kerl am Flughafen meinen Albträumen entsprungen zu sein schien, war dieser Vertreter der männlichen Zunft genau das, was ich nach einer Überdosis Vampire Diaries heimlich angeschmachtet hätte. Peinlich, peinlich – aber das Plakat mit Ian Sommerhalder hing immer noch an der Wand meines Zimmers.

Der Typ schmunzelte, als hätte er meine Gedanken erraten, und beugte sich zu mir. Noch einen Augenblick länger, und man könnte glauben, wir sprächen für ein Vom-Winde-verweht-Remake vor. Energisch schlüpfte ich aus seiner Umarmung und stieg vorsichtshalber eine Stufe höher, bevor ich ihn genauer in Augenschein nahm. Eine abgewetzte Lederjacke über den breiten Schultern, klar definierte Gesichtszüge Marke »Bad Boy«, ein freches Grinsen auf den Lippen – höchste Zeit aufzuhören, ihn anzugaffen Liza!, mahnte ich mich zur Ordnung.

»Ähm. Danke«, stammelte ich und spürte, dass ich rot wurde. Und wenn ich rot wurde, begannen meine Sommersprossen noch mehr zu leuchten, was mir sogleich noch mehr Hitze ins Gesicht brachte. Russisch, Liz, denk russisch! Aber mein Verstand hatte offensichtlich beschlossen, in seiner Gegenwart alle Funktionen einzustellen. Was dem Kerl natürlich nicht entging.

Er hob eine Augenbraue. Mann, warum konnten ausgerechnet solche Kerle es so gut? Und ich zupfte an meinen Locken wie ein kleines Mädchen. Also ließ ich mein Haar los und bemühte mich um mehr Selbstbewusstsein. »Hi!«

Etwas Kaltes und Nasses stupste mich von unten an. Ich quiekte auf und sprang noch eine Stufe höher. Wollte ich nicht gerade eben noch mit dem Kleinmädchengehabe aufhören? Schwierig, wenn einen ein riesiger Schäferhund mit einem schräg gelegten Kopf musterte.

»Nikcht Angst chaben.« Der Typ kniete sich hin und knuddelte den Hund durch. »Sie kcheißt Käpt’n. Sie seehr lieb.«

»Ähm. Du sprichst deutsch?«

Schon wieder fummelte ich an meinen Haaren.

Statt einer Antwort richtete er sich auf und hob erneut eine Augenbraue. Ja, Mann, hab’s schon kapiert. Das kannst du wirklich toll! Ich seufzte. Dieses Grinsen. Die verwuschelten Haare. Eine kleine, blasse Narbe rechts nahe dem Wangenknochen. Okay, okay, er hatte definitiv etwas Verwegenes an sich. Und wenn ich nur daran dachte, wie sein starker Arm mich an sich gedrückt und ich mit jeder Faser meines Wesens die Wärme seines Körpers gespürt … Stopp! Genügte all das etwa, um ihn wie sein Hund anzuhecheln?

Definitiv nicht!

Außerdem hatte sein dunkelbraunes Haar einen grauenhaften Schnitt, beschloss ich, um mein etwas zu euphorisch hüpfendes Herz zur Ordnung zu rufen.

Ich straffte die Schultern und räusperte mich. »Es ist mir ein Vergnügen, Euch kennenzulernen, Käpt’n«, sagte ich zum Hund mit einer Verbeugung und beobachtete vergnügt das grüblerische Gesicht des Herrchens. Bestimmt hatte er nur ein paar Worte mitbekommen, ich hatte mir keine Mühe gemacht, langsam zu sprechen. Aber das Grübeln stand ihm, musste ich zugeben.

Der Hund wedelte begeistert mit der Rute. Nur aus dem Augenwinkel bemerkte ich die flackernden Schatten. Innerlich erstarrt beobachtete ich, wie die Umrisse begannen, sich zu verflüssigen, als würde sich eine Lache zu meinen Füßen bilden und die Stufen zu mir hochkriechen. Wie schwarzes Blut, dachte ich. Das langsam über eine Oberfläche mit merkwürdigen Symbolen floss und sie nach und nach ausfüllte. Dann flackerte der Schatten erneut auf und ich sah Flügel. Mächtige Schwingen eines riesigen Vogels.

»Liza, nein!«, hallte es durchdringend bis zu mir. Ich zuckte zusammen.

Auf dem Absatz unter uns stand Nonja, blass, mit weit aufgerissenen Augen. Konnte sie es auch sehen? Wusste sie, was mit mir los war? Was das alles bedeutete?

Sie beachtete mich nicht weiter und meinte bloß zu dem Typen, er solle mich in Ruhe lassen und gehen.

Nein, wollte ich protestieren, aber er zuckte nur mit den Schultern. »Okej, Okej. Wir uns sehen, doitsche Mädkchen«, flüsterte er mir zu, winkte seinen Hund herbei und ging weiter.

Mein Herz trommelte SOS. Wie ferngesteuert stolperte ich auf Nonja zu. »Hast du seinen Schatten gesehen? Du hast ihn gesehen, nicht wahr?«

Verständnislos runzelte sie die Stirn.

Nein, das hatte ich mir definitiv nicht eingebildet. Sie wusste etwas! Oder spielte mein Verstand endgültig verrückt?

»Komm«, meinte sie nur. »Ich mich gefragt chabe: wo du?« Schon lief sie die Treppe hinunter, ich ihr hinterher.

»Was weißt du über diesen Jungen?«

»Edik?« Sie gab einen merkwürdig grunzenden Laut von sich und riet mir, mich von Kerlen wie ihm fernzuhalten. Überhaupt, meinte sie, sollte ich bei Fremden nicht sofort raushängen lassen, dass ich Deutsche war. Hätte ich den Vortrag darüber, wie gefährlich es hier für mich als Ausländerin werden könnte, vor meiner Abreise gehört, hätte ich meinen Flug storniert und die Judo-Probestunden aus meiner Kindheit wieder aufgenommen. Und bei all dem Redeschwall fiel kein einziges Wort über zuckende Schatten.

»Jetzt mal langsam«, unterbrach ich sie, als wir draußen waren. »Was genau ist da passiert?«

Nonja rümpfte die Nase. Sie kenne Edja – wohl ein weiterer Name für ›Edik‹, kombinierte ich – seit Kindertagen. Damals war er ›voll okay‹ gewesen. Der beste Sandkastenfreund, den man sich vorstellen konnte. Zwischen Streitereien um Förmchen und verfügbare Schaufeln habe sich Nonja in ihn sogar verliebt. Doch er hatte sich zum Schlechten entwickelt, wie ihre Mutter es wohl häufiger auszudrücken pflegte. Seit einigen Jahren arbeitete er in einem ›Casino‹ – die Gänsefüßchen malte Nonja besonders hingebungsvoll in die Luft. Er spielte mit Besuchern Billard, um ihnen für seinen Mafiaboss das Geld aus der Tasche zu ziehen. Von dem, was er in der Nacht gewann, bekam er Prozente. Die ihm sein Alkoholiker-Vater wieder abnahm, um Schnaps zu finanzieren. Ganz sicher trinke auch Edik, bekräftigte Nonja, und wenn man keinen Ärger haben wollte, so hielte man sich von den Schauros fern. Schauro musste wohl sein Nachname sein – meine Kombinationsgabe machte gerade Überstunden. »Komme jetzt«, sagte sie schließlich, bevor ich sie weiter über die Schatten ausfragen konnte, und machte deutlich, dass das Gespräch über Edik beendet war: »Viiiel sehen wir wollen.«

Ich seufzte. Womöglich interpretierte ich da einfach zu viel rein, und sie wollte mich bloß vor ihrem Gangster-Nachbarn warnen.

Doch etwas in meiner Brust flatterte, fast wie die Schatten vorhin. Vielleicht eine böse Vorahnung. Oder einfach nur mein verrücktes Herz.

Viel gab es in der Gegend nicht zu sehen – nur Häuser, die einander zum Verwechseln ähnlich sahen, und Wege, die sich erfolglos gegen die Schlaglöcher behaupteten. Kaum Passanten, bis auf ein, zwei Menschen, die, in ihrem Trott versunken, durch die Straßen eilten. Eine Zeit lang schienen uns zwei Männer zu folgen, was mich nach einer Weile etwas nervös gemacht hatte. Beide mit strohigem Haar, das ihnen buchstäblich aus dem Gesicht und der Kopfhaut wucherte. Dazu eine elegante Kleidung: eine perfekt sitzende Jeans, bei dem einen vollendete ein Rollkragenpulli und eine schicke Lederjacke das ›Outfit of the Day‹. Bei dem anderen war es ein langer, dunkler Wollmantel. Im Gegensatz zu mir wirkte Nonja ganz entspannt, also beruhigte ich mich auch – und irgendwann verschwand zuerst der eine, dann der andere Mann hinter einem der Häuser. Der Vortrag über die inländische Sicherheit hatte mich wohl etwas zu paranoid gemacht.

Nonja zeigte mir den nahen Supermarkt, die Schule, in die sie früher gegangen war und die mich mit ihrem U-förmigen grauen Bau an einen Bunker erinnerte, und die nächste Bushaltestelle, falls ich mal zur Metro und dann in die Innenstadt fahren wollte. Besonders stolz war sie auf den nagelneuen, beleuchteten Spielplatz in der Nähe, der mit knallbunten Farben und Gestalten aus russischen Märchen und Sagen lockte: eine Rutsche in Form eines Feuervogels, eine Hangelleiter auf dem Rücken des Grauwolfes, eine Schaukel zu Ehren des Teigklopses Kolobok.

Bald traten wir den Weg zurück an und nach einem kleinen Marsch durch das Labyrinth aus Plattenbauten erkannte ich unser Haus. Von den Bänken in der Nähe tönte das Grölen und Pöbeln einiger Halbstarker oder Gerade-mal-so-Erwachsenen; Flaschen klirrten, die bestimmt keinen Apfelsaft beinhalteten, Zigarettenstummel wurden direkt am Holz der Sitze ausgedrückt. Nonja rümpfte die Nase. Ediks Kumpels, erklärte sie und mahnte mich erneut, ich solle mich von ihm fernhalten.

Da entdeckte ich in der Nähe unseres Treppeneingangs einen der Wuschelmänner wieder. Er schien auf etwas zu warten. Oder auf jemanden. Mir entging nicht, wie er den einen oder anderen wachsamen Blick zu uns herüberwarf, um gleich darauf rasch beiseitezuschauen. Okay, vielleicht wohnte er hier, beruhigte ich mich und stellte beim Näherkommen fest, dass es keiner unserer zwei Vielleicht-Verfolger, sondern ein dritter Kerl war. Das Bart- und Kopfhaar genauso wild wuchernd, trug dieser einen Anzug unter seinem aufgeknöpften schwarzen Trenchcoat. Anscheinend gab es irgendwo ein Treffen anonymer Friseurphobiker. Ganz einfach. Doch meine Alarmglöckchen schrillten weiter. Zusammen mit ihnen meldete sich auch mein Handy mit einem anonymen Anruf. Zögernd nahm ich ab.

»Hallo, Cousinchen.«

Mein Magen zog sich zu einem festen Knoten zusammen. Natürlich erkannte ich die Stimme sofort. Und dennoch musste ich mich einen Moment sammeln. »Meta?«