Die Schatzjägerin 1 - G. Arentzen - E-Book

Die Schatzjägerin 1 E-Book

G. Arentzen

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Beschreibung

Die Grabräuberin Jaqueline Berger erhält den Auftrag, nach einem verfluchten Skarabäus zu suchen. Doch auch andere Personen sind auf der Suche, denn das Artefakt birgt ein Geheimnis, welches eng mit dem Geheimnis der Tempelritter verknüpft ist …

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DIE SCHATZJÄGERIN

Abenteuer-Roman

Band 01

DER FLUCH

von

DIE

SCHATZJÄGERIN

Abenteuer-Roman

Herausgeber: ROMANTRUHE-Buchversand.

Cover: Romantruhe.

Satz und Konvertierung:

ROMANTRUHE-BUCHVERSAND.

© 2018 Romantruhe.

Alle Rechte vorbehalten.

Die Personen und Begebenheiten der

Romanhandlung sind frei erfunden;

Ähnlichkeiten mit lebenden oder

verstorbenen Personen sowie mit tatsächlichen

Ereignissen sind unbeabsichtigt.

Abdruck, auch auszugsweise,

Vervielfältigung und Reproduktion sowie

Speichern auf digitalen Medien zum

Zwecke der Veräußerung sind untersagt.

Internet: www.romantruhe.de

Kontakt:[email protected]

Produced in Germany.

Prolog

Im tropischen Regenwald – Borneo

»Jaqueline? Sind wir noch auf dem richtigen Weg, oder haben wir uns in diesem gottverdammten Regenwald verlaufen?«

Die Stimme meines Partners Bob Andrews klang nervös. Langsam aber sicher ging er mir mit seiner Ungeduld auf die Nerven; auch wenn er mein Partner war.

Ihn ignorierend griff ich nach meiner Wasserflasche und trank etwas von der lauwarmen Brühe darin, um mir schließlich den restlichen Inhalt über den Kopf zu gießen. Wenigstens für einen Augenblick wusch das Wasser den Schweiß von meinem Gesicht, spürte ich einen Anflug von Frische. Die Kleidung klebte an meinem Körper, der Stoff rieb auf der Haut. Der tropische Regenwald stand ganz unten auf meiner Liste beliebter Orte für eine Expedition. Noch tiefer als die Wüste Ägyptens oder der Indische Ozean. Eigentlich, so stellte ich an jenem Tag Mitte März 1996 fest, gab es überhaupt keinen schlimmeren Ort, um nach einer Statue zu suchen. Zumindest nicht, wenn einem die Luftfeuchtigkeit von nahezu 80 Prozent in Verbindung mit Temperaturen knapp unter 30 Grad zu schaffen machten. Einen Tropentest zu bestehen war das eine – durch Borneo zu ziehen auf der Suche nach dem Gott des Zorns etwas völlig anderes.

»Jack, ich hab dich was gefragt. Glaubst du, dass wir noch immer richtig sind?« Er sprach Deutsch mit leichtem amerikanischem Akzent.

Seufzend wandte ich mich um, sah Bob nach ein paar Stechmücken schlagen, die ein wenig von seinem vor Testosteron strotzenden Blutes wollten. Sein braunes Haar stand verstrubbelt in alle Richtungen ab, seine wässrig-blauen Augen schauten nahezu verzweifelt. Der ehemalige US-Marine war gut eins-neunzig groß, athletisch, trainiert und ein zuverlässiger Kämpfer. Ging es aber in den Regenwald, versagten auch seine Fähigkeiten. Dies lag nicht an seinen 42 Lenze. Es war vielmehr ein Überbleibsel aus seiner Zeit in Vietnam, wie er stets betonte. Allerdings vermutete ich, dass er sich dort genauso angestellt hatte. Manchmal erinnerte er mich trotz seiner Ausbildung und all seiner Kraft an ein kleines, ungeduldiges Kind das quengelte: »Mama, sind wir bald da?«

»Bob – wir haben den kleinen Fluss überquert und anschließend den Felsen passiert, der einem Affenschädel gleicht. Außerdem haben wir ein paar Zeichnungen an Bäumen gefunden, die auf die Penan hindeuten. Alles in allem glaube ich, dass wir noch immer auf der richtigen Fährte sind.«

Mein Partner nickte zufrieden, schlug wieder nach einer Mücke und tötete diese, wie sein leicht angewiderter Gesichtsausdruck zeigte. Erst dann ging er weiter, ohne mich aber zu überholen. Wie stets blieb er etwas zurück, überließ mir das Aufspüren von Höhlen, Gräbern oder all dem anderen Zeugs, das wir im Laufe unserer Geschäftsbeziehung bereits gesucht hatten.

»Wo, denkst du, ist diese Figur genau?«, fragte er nach weniger als einer Minute. Langsam ging er mir auf die Nerven. Doch dies tat er meist, wenn sich ein Abenteuer dem Ende näherte. Bob war ein netter Kerl, doch wenn man Wochen nur mit ihm verbrachte, reichte es irgendwann.

»Die Figur – der Gott des Zorns – steht in einer Höhle, die einst von den frühen Proto-Malaien als Andachtsraum benutzt wurde.«

»Nicht von den Penan?«, wollte Bob wissen.

»Nein«, erwiderte ich. »Das Volk, das den Zorngott anbetete, existiert nicht mehr, und die heutigen Stämme sind auch nicht deren Nachfolger.«

»Hoffen wir es«, ließ sich mein Partner vernehmen. »Es heißt doch, die Penan seien gefürchtete Kopfjäger. Wäre schade um mich …«

»Da streiten sich die Gelehrten«, witzelte ich, nahm meine Machete zur Hand und schlug eine Schneise in das Dickicht aus Lianen, Farnen und kleineren Sträuchern.

»Mach nur so weiter. Dann kannst du den nächsten Zorngott alleine suchen. Was würdest du denn ohne mich machen?«

»Um einiges ruhiger durch den Regenwald schlendern«, schoss ich zurück. Er pochte gerne darauf, wie abhängig ich doch von ihm sei. Aber dies war nicht einmal annähernd die Wahrheit. Es gab mehr Abenteurer da draußen, die sich alle zehn Finger danach geleckt hätten, mit mir zu arbeiten, als es Abenteuerarchäologen gab, die einen Ex-Marine als Kollegen wollten. »Und jetzt halt mal die Klappe – ich muss mich konzentrieren.«

Bob verstummte, ließ allerdings hin und wieder ein leises, verärgertes Grunzen hören.

Nachdenklich sah ich mir eine Formation kleinerer Felsen an, die aus dem Boden des Regenwaldes ragte. Wir hatten genau die richtige Zeit abgepasst. Nur einen Monat später, und hier wäre Regen in Massen vom Himmel gefallen. So hatten wir das Ende der Trockenzeit erwischt. Sofern man bei der Luftfeuchtigkeit überhaupt von trocken reden konnte.

»Ich denke, wir sind am Ziel. Da hinten sind die beiden Zwillingsfelsen, die Lord Cunnings beschrieb. Dazwischen müsste der Eingang zu den Höhlen liegen.«

»Lord Cunnings …« Bob erschauerte. »Der wurde doch von den Kopfjägern erwischt. Oder?«

»Stimmt«, gab ich ihm Recht. »Er wurde geköpft, sein Haupt an einem der Langhäuser aufgehängt. Aber das liegt schon fast 100 Jahre zurück. Heute wird niemand mehr von den Penan getötet. Also krieg dich wieder ein, Bob.«

Ich nahm erneut die Machete zur Hand und bahnte mir einen Weg hinaus aus dem Dickicht. Die Bäume blieben zurück, da der Wald hier eine natürliche Lichtung aufwies. Der felsige Untergrund machte einen Baumbewuchs vermutlich unmöglich, jedoch gediehen Gräser und kleinere Pflanzen.

Auf dem Boden zischelte es, mehrere Schlangen verschwanden aus unserem Blickfeld. Wir trugen feste Schuhe mit hohem Schaft, ein Biss wäre niemals durchgedrungen. Dennoch lag mir nichts daran, die Probe aufs Exempel zu machen.

»Da sind Affen.« Bob deutete auf eine Herde brauner Tiere, die auf den Zwillingsfelsen saßen. Einer, vermutlich der Anführer, kreischte uns eine Warnung entgegen.

»Sie werden die gesamte Lichtung als ihr Territorium ansehen«, mutmaßte ich. »Das könnte gefährlich werden.«

Langsam griff ich nach meiner Pistole, zog sie aus dem Holster und gab einen Warnschuss ab. Laut hämmerte die Explosion über den freien Platz, wurde von den Felsen zurückgeworfen und verhallte im Wald. Die Tiere sprangen kreischend auf, suchten ihr Heil in der Flucht. Sehr lange, das wussten wir beide, würden sie aber nicht wegbleiben. Mehr noch, die Neugier würde sie wieder hierher treiben. Es war ihr Revier, sie waren in der Überzahl.

»Beeilen wir uns, ehe sie zurückkommen!«, rief ich Bob zu und beschleunigte gleichzeitig meine Schritte. »Wir müssen zur Höhle.«

»Sonst beißt uns der wilde Affe«, scherzte mein Begleiter, wurde aber gleich darauf wieder ernst. Die Natur hatte ihre Tücken, und was auf Bildern niedlich aussah, konnte sich leicht als tödlich erweisen. Diese Erfahrung hatten wir beide machen müssen.

Wir liefen durch das Gras zu den beiden Felsen. Aber noch ehe wir sie erreichten, erwischte mich etwas Hartes am Kopf. Ein Schmerz zuckte durch meinen Schädel, und auch Bob schrie auf.

»Die werfen mit Steinen«, beschwerte er sich. Einige von ihnen waren zurückgekommen und verteidigten nun ihr Revier. Es war ein regelrechter Steinhagel, der sich auf uns ergoss. Zwanzig Tiere und mehr schleuderten ihre Waffen nach uns. Nicht wenige davon trafen, so dass wir geduckt durch das Gras hetzten mussten.

»Verdammt, jetzt hab ich aber die Schnauze voll!«, brüllte Bob nach einiger Zeit, zog seine Waffe und feuerte sie ab. Nur für eine Sekunde war Ruhe – dann begann das Bombardement erneut.

»Die wissen, dass ihnen nichts passiert. Der Knall erschreckt sie, aber da keiner tot umfällt, lassen sie sich nicht ins Bockshorn jagen.«

»Das können sie haben«, antwortete mein Partner, und noch ehe ich etwas erwidern konnte, bellte seine Waffe erneut auf. »Verdammt, sie sind … AU!«

»Hör auf damit«, herrschte ich ihn an. »Wir sind die Eindringlinge und diese Affen haben das Recht, sich gegen uns zu wehren. Also lass es, hörst du?«

Wir waren fast bei den Felsen, und je näher wir ihnen kamen, umso häufiger trafen uns die Steine. Es war schmerzhaft, aber noch lange nicht tödlich.

»Da, ich sehe den Eingang. Komm schon, noch einmal spurten!« Damit lief ich los, die Hände über dem Kopf verschränkt. Zwischen dem Scheitelpunkt der Felsen, die hier miteinander verbacken schienen, lugte eine Öffnung hervor. Zugewachsen und dunkel wie ein Schlund, gleichzeitig aber auch von zwei Affen bewacht, die kreischend und quiekend vor uns auf und ab hüpften.

»Sollen wir wenigsten die erschießen?«

»Nein, Bob – sollen wir nicht. Wir … argh …« Abermals traf mich ein Stein, machte meinen Vorsatz, die Natur zu respektieren, allmählich zunichte. Ein gezielter Schuss, und wir hätten Ruhe gehabt. Aber noch scheute ich davor zurück.

Ein weiterer Stein streifte mich, und geistesgegenwärtig gelang es mir, ihn zu fangen. Aus dem Lauf heraus tat ich es den Affen gleich, schleuderte das Wurfgeschoss – und traf. Einer der Affen vor dem Höhleneingang schrie gequält auf, ehe er blutend flüchtete. Sein Kumpan – wenn man bei Affen davon sprechen kann – sah ihn fliehen, wusste sich gegen uns in der Minderheit und jagte ebenfalls davon, die Felsen hinauf und zurück zu seinen Artgenossen.

»Guter Wurf«, lobte mich Bob. »Und jetzt – rein da.«

Er überholte mich, schwang seine Machete und räumte den Eingang frei, ehe er sich hinein katapultierte, gefolgt von meinem fassungslosen Blick. Für einen Moment war nichts zu hören, doch dann erklang ein lang gezogener Schrei.

Idiot, schoss es mir durch den Kopf. Wie kann dieser Spinner in eine Höhle springen, die er nicht kennt? Der Teufel soll ihn holen. Als ob er es nicht besser wüsste.

Das wütende Geschrei der Affen schwoll noch einmal an, sie konzentrierten sich nun auf mich und binnen weniger Sekunden ging ein weiterer Steinhagel auf mich nieder. Dennoch beging ich nicht Bobs Fehler, sondern betrat die Höhle vorsichtiger. Ein Schritt, dann noch einer. Hinter mir plumpsten die Affen von ihrem Felsen, um mich in die Höhle zu verfolgen. Vor mir erstreckte sich ein einziger Raum, von dem ich aber ob der Dunkelheit nicht sehr viel erkennen konnte.

Steine knirschten unter meinen Stiefeln, als ich einen weiteren Schritt machte, gerade so weit, wie das Licht von außen die Höhle erhellte.

Ein Loch im Boden wurde sichtbar. Es führte nicht senkrecht in die Tiefe, sondern schräg. Unten, an seinem Grund, blitzte eine Lampe auf.

»Alles klar bei dir da unten?«

»Scheiße«, kam es zurück. Okay, wusste ich jetzt, es ist alles okay bei ihm. So lange er flucht, hat er sich nicht ernsthaft verletzt.

Hinter mir erklang lautes Fauchen. Die Affen waren, geführt von ihrem Anführer, in die Höhle gekommen und bauten sich nun am Eingang auf, Drohgebärden vollführend. Es wurde Zeit, Bob zu folgen.

Auf alle Vieren ließ ich mich hinab. Die Öffnung war breit genug, um in die Tiefe zu krabbeln, auch wenn es nicht besonders bequem zu werden versprach.

»Ich komme runter.« Meine Warnung hallte als Echo zwischen den Wänden wider, während unter mir Bob zur Seite huschte. Steine kamen ins Rollen, machten den Weg rutschig und schließlich schaffte ich es nicht mehr, kontrolliert zu krabbeln. Stattdessen ging ich ins Schliddern über, bei dem das Geröll über meine Beine kratzte, den Stoff der Hose durchscheuerte und schließlich meine Haut erreichte und brennende Spuren hinterließ.

»Das war ja mal eine verdammte Rutschpartie, Jack«, beschwerte sich mein Partner, als ich schließlich neben ihm stand und den Abhang hinauf schaute. Die Affen folgten uns nicht, sondern blieben oben und machten wütende Gesten.

»Selber Schuld. Wer in eine unbekannte Höhle springt, kann von Glück reden, wenn ihm nichts Schlimmeres passiert.« Damit nahm ich meine eigene Lampe hervor, schaltete sie ein und ließ den Lichtkegel über die Wände wandern. Sie waren über und über mit Zeichnungen übersät. Religiöse Motive, aber auch Szenen aus dem täglichen Leben im Regenwald. »Hier sind wir richtig. Suchen wir jetzt die Statue.«

Es gab nur einen einzigen Gang, der von diesem schmalen Raum abführte, in dem wir standen. Daher war es nicht schwer zu erraten, wohin wir uns wenden mussten. Ganz abgesehen davon, dass die Malereien an den Wänden deutlicher wurden, der religiöse Anteil zunahm, bis sie schließlich nur noch ein einziges Motiv darstellten: Menschen, die vor einem Wesen knieten. Wolken, Sonne und wieder das Wesen. Tote, die betrauert wurden und deren Seelen – obgleich die Proto-Malaien sicherlich einen anderen Ausdruck dafür hatten – aufstiegen und als Sterne vom Firmament leuchteten. Man musste wahrlich kein Anthropologe sein, um das zu erkennen. Selbst mein Wissen als Archäologin mit Schwerpunkt Ägyptologie reichte da aus, um den Sinn dieser Zeichnungen zu erfassen.

»Wie lange zieht sich der Gang denn noch?«, quengelte Bob nach einer Weile. Abermals kam mir der Vergleich mit dem Kind auf dem Rücksitz in den Sinn. Entsprechend erhielt er als Antwort lediglich ein Schulterzucken von mir.

»Dachte, du hättest den Bericht von diesem Lord. Steht da nicht drin, wie weit er hier marschiert ist?«

»Nein!«, blaffte ich ihn an. »Mensch Bob, du weißt doch, wie das ist. Also halt die Klappe. Allzu lange wird es nicht mehr dauern.«

Er schmollte, doch nicht lange, denn der Gang beschrieb nun eine lang gezogene Biegung, ehe er in eine Höhle mündete.

Die Wände waren hier prächtiger bemalt. Kreisrund standen mehrere Steinblöcke um einen Altar, der sich mittig erhob. Wozu die Blöcke einst gedient hatten, war nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Vielleicht trennten sie den Bereich für den Medizinmann von dem für den restlichen Stamm. Oder sie dienten dazu, sich bei längeren Ritualen anlehnen zu können.

Wichtig waren all diese Blöcke für uns ohnehin nicht. Anders die Figur, die auf dem Altar thronte, als gehöre sie schon immer dorthin. Eine kleine, ziemlich hässliche Steinfigur, die einen dickbäuchigen Gott mit vor Wut verzerrtem Gesicht zeigte. Sie besaß zwei Arme und zwei Beine, einen überdimensional dargestellten Penis, der vermutlich Fruchtbarkeit symbolisieren sollte, sowie eine Krone, die leicht schräg auf dem Kopf saß.

Sie bestand aus porösem Material, das im Laufe der Zeit nur wenig gelitten hatte. Immerhin war die Höhle an sich trocken und – kein Wasser war eingedrungen, um dem Stein zuzusetzen.

»Denkst du, hier sind Fallen eingebaut, um Diebe fernzuhalten?«, fragte Bob leise.

»Nein«, erwiderte ich nach einem Blick in die Runde, »das denke ich nicht. Das war ein Andachtsraum, nicht mehr. Hier kamen bestimmt auch Alte und Kinder rein. Ein solcher Schutz hätte das Leben dieser Leute nur gefährdet. Seien wir ehrlich: Für die Menschen, die hier vor 1000 Jahren beteten, war diese Figur vermutlich nicht unersetzlich. Die Zeichnungen zeigen an, dass sie den Gott, den diese Statue repräsentiert, im Himmel sahen. Dies hier ist nur sein Stellvertreter auf Erden, eine Figur also, die sie nach belieben neu hätten schaffen können.«

»Wenn du das sagst. Du bist der Doc, Jack.«

»Genau«, grinste ich und ging los, zwischen Blöcken hindurch zum Altar. Keine Vertiefungen im Boden, über die man hätte Fallen auslösen können und keine Speere, die plötzlich aus der Wand schossen. Selbst als ich den Zorngott anhob, tat sich nichts.

»Eingesackt und weggepackt«, rief ich Bob zu, ehe er die Figur übernahm. Auch wenn sie nicht schwer war, durfte doch er sie schleppen. Dafür war er schließlich mein Assistent.

»Ist echt leicht«, freute er sich, während der Gott in seinem Rucksack verschwand. »Das war, abgesehen von den Affen, recht einfach. Dachte, wir hätten mehr zu kämpfen.«

»Freu dich nicht zu früh«, warnte ich ihn. »Erst wenn wir in London sind und die Figur den Besitzer gewechselt hat, können wir relaxen. Bis dahin bleiben wir wachsam!«

*

Der Weg aus der Höhle hinaus gestaltete sich einfach, wir wussten ja, was vor uns lag. Einzig den Abhang hinauf, das Geröll dabei in Kauf nehmend, erwies sich als etwas kompliziert. Mehrfach rutschten wir wieder zurück, ehe wir es schafften, die obere Höhle zu erreichen. Früher einmal, da war ich mir sicher, musste dieser Weg hinauf frei von Schutt und Steinen gewesen sein. Sonst hätte es kein älterer Eingeborene geschafft, vom Gottesdienst zurück ins Dorf zu gelangen.

Schließlich standen wir, keuchend aber zufrieden, nahe dem Eingang der Grotte und schauten uns um. Licht fiel auf diesen Bereich, so dass wir unsere Lampen abschalten konnten. Für einen Moment war es absolut still.

»Bob – die Affen sind weg.«

»Ich weiß, Jaqueline«, antwortete mein Partner vergnügt. »Von mir aus können die zum Teufel gehen. Ich brauche sie nicht.«

»Manchmal kommst du mir wie ein blutiger Anfänger vor, Bob«, fauchte ich. »Affen verschwinden nicht einfach. Das muss einen Grund haben und ich fürchte, er wird uns nicht gefallen.«

Wie Recht ich mit meiner Vermutung haben sollte, zeigte sich nur Sekunden später. Wir traten hinaus in die Helligkeit, die nun – am Abend – nicht mehr ganz so blendend war, nach der Dunkelheit der Höhlen und Gänge aber doch noch in unseren Augen schmerzte. Trotzdem erkannten wir sehr deutlich die nahezu nackten Männer, die einen geschlossenen Kreis um die Zwillingsfelsen gebildet hatten. Sie standen um uns herum, aber auch über uns auf den Steinen. In ihren Händen hielten sie Speere, an dünnen Gurten baumelten Messer, deren beiderseits geschliffene Klingen nichts Gutes ahnen ließen. Die Gesichter der Eingeborenen waren mit weißer und roter Farbe bemalt, ihre Augen blitzten angriffslustig und ihre Gestik war alles andere als freundlich.

»Jack, mir geht gerade der Hintern auf Grundeis. Sind das …«

»… Proto-Malaien. Scheiße, wo kommen die denn her? Sind bestimmt nicht erfreut, dass wir nun die Statue haben.«

Bob winselte leise, was ich nur dann von ihm kannte, wenn die Kacke wirklich am dampfen war.

In Gedanken überschlug ich unsere Chancen. Wir beide trugen Revolver mit je 15 Schuss im Magazin und einer Kugel im Lauf. Abzüglich jener drei Kugeln, die wir an die Affen verschwendet hatten blieben also 29. Hinzu kam ein Trommelrevolver von Bob mit acht Schuss und deutlich größerem Kaliber für wilde Tiere, unsere Macheten und je ein Messer mit breiter Klinge.

Um uns herum standen knapp 100 eingeborene Krieger, allesamt gewillt, uns mit ihren Speeren aufzuspießen. Keine Frage – die Chancen standen schlecht.

»Kannst du dich mit ihnen verständigen?«, wisperte Bob. Noch war absolut nichts geschehen. Wir standen vor dem Höhleneingang und starrten die Männer an, während diese feindselig zurück starrten. »Du kannst doch in so vielen Sprachen reden. Vielleicht lassen die uns gehen, wenn sie die Statue bekommen?«

»Klar. Ich spreche jeden Eingeborenen-Dialekt von hier über Afrika bis Südamerika. Was denkst du denn? Außerdem bekommen die ihre Figur nicht zurück. Die haben wir, die behalten wir, die zahlt uns die Miete«, ärgerte ich mich, versuchte dann aber doch mein Glück mit Englisch. »Hello. Do you understand me?«

Die Dayak, die Eingeborenen der zweiten Einwandererwelle hätten uns verstanden, und wohl auch die Penan. Diese hier konnten oder wollten uns jedoch nicht verstehen. Stattdessen trat einer der Männer vor, hob seinen Arm, den er bisher hinter dem Rücken verborgen hatte, und präsentierte uns zu unserem Entsetzen einen abgeschlagenen Kopf, der noch verdammt frisch aussah. Dabei stieß er Laute aus, die ich nicht einmal annähernd verstand.

»Oh Fuck«, wimmerte Bob. »Das sind … Das sind … KOPFJÄGER!«

Das letzte Wort brüllte er laut hinaus, und noch ehe ich es verhindern konnte, hielt er seine Pistole in Händen und schoss.

Nun zeigte sich, was er bei den Marines gelernt hatte, denn jeder Schuss war ein Treffer. Einige Eingeborene fielen, andere sprangen aber in Deckung und begannen, uns mit ihren Speeren zu attackieren.

Wütend eröffnete auch ich das Feuer. Gleichzeitig gab ich Bob den einzig sinnvollen Befehl: »Lauf!«