Die Schmetterlingsinsel - Corina Bomann - E-Book
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Beschreibung

Ein Versprechen von Liebe  

Diana reist nach England, um den Nachlass ihrer geliebten Tante zu regeln. Zu ihrem Erbe gehört ein alter Brief, der sie auffordert, ein lang gehütetes Familiengeheimnis zu lüften. Die Spuren der Vergangenheit führen Diana bis in die Zimtgärten von Sri Lanka und zu einer unerschrockenen Liebe. Die Gärten bergen eine bittersüße Prophezeiung, die auch für Diana eine große Bedeutung bekommt. Die Reise wird ihr Leben für immer verändern.  

Eine einzigartige Story von Nr. 1-Bestsellerautorin Corina Bomann – zum Träumen schön.

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EPUB

Das Buch

Diana Wagenbach steht vor den Trümmern ihrer Ehe, als sie den Nachlass ihrer geliebten Tante in England auflösen muss. In ihren letzten Worten an Diana hatte die Tante sie gebeten, ein lang gehütetes Familiengeheimnis zu lüften. ­Diana folgt den Hinweisen, die die Tante im prachtvollen Tremayne House für sie hinterlassen hat, und entdeckt vollkommen Ungeahntes über ihre Vorfahren. Die Spuren der Vergangenheit führen sie bis ans andere Ende der Welt in eine exotische Landschaft voller neuer Erfahrungen und Gefühle. Dort stößt sie auf eine bittersüße Prophezeiung, die das Schicksal ihrer Familie für immer veränderte, eine ver­botene Liebe, die niemals endete, und auf ihre eigene Bestimmung …

Die Autorin

Corina Bomann lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern und hat bereits erfolgreich ­Jugendbücher und historische Romane geschrieben.

Corina Bomann

Die Schmetterlingsinsel

Roman

Ullstein

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Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch 1. Auflage März 2012 © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2012 Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München Titelabbildung: © www.buerosued.de (Landschaft); © Marc Owen/ Trevillion Images (Frau) Satz und eBook bei LVD GmbH, Berlinwww.koeselbuch.de

ISBN 978-3-8437-0244-7

15. Februar 1888

Liebste Grace,

ich weiß nicht, ob Du mir inzwischen verziehen hast. Ich nehme an, das ist nicht der Fall. Doch ich kann nicht anders und schreibe Dir trotzdem.

Vor meinem geistigen Auge sitzt Du jetzt am Fenster Deines Zimmers, blickst hinaus auf den nebelverhangenen Park und haderst mit der Art und Weise, wie alles gekommen ist. Zu Recht, und ich kann nur sagen, dass es mir von Herzen leidtut.

Die Dinge hier sind anders geworden, seit Du fort bist. Du fehlst mir so sehr! Und ich glaube, Papa auch, wenngleich er es nicht zugeben würde. Stundenlang verschwindet er in seinem Arbeitszimmer und ist für niemanden zu sprechen. Mutter befürchtet bereits, er würde verwildern. (Du kennst ihre Übertreibungen!) Sie selbst ist in hektische Betriebsamkeit verfallen und organisiert ein Fest, um Papa aufzumuntern. In Wahrheit will sie wohl nur wissen, inwiefern sich der Skandal ausgewirkt hat.

Wahrscheinlich lächelst Du jetzt bitter, wenn Du den Brief überhaupt liest und ihn nicht gleich dem Kaminfeuer überantwortest. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Du mir eine Chance gibst, denn ich habe eine Nachricht, die Dir vielleicht Hoffnung machen wird.

Kurz nach Deiner Abreise ist er vor meinem Fenster auf­getaucht und hat mir erklärt, dass er schon bald zu Dir kommen wird. Als Unterpfand hat er mir etwas gegeben, das ich für Dich aufbewahren soll, da er jetzt keine feste Behausung mehr hat. ­Bestimmt wird er Dich ganz wie im Märchen aus dem alten Gemäuer entführen, und dann werdet Ihr Euer Glück finden.

Liebste Schwester, ich verspreche, dass ich immer für Dich und die Deinen da sein werde, egal, was geschieht. Solltet Ihr in Not ­geraten, wird meine Tür Euch offen stehen, das bin ich Euch allen schuldig.

In innigster Liebe

Victoria

Prolog

Tremayne House 1945

Die junge Frau tauchte an einem verregneten Oktobernachmittag vor dem alten Herrenhaus auf. Nebel hüllte den Park ein und ließ die Trauerweiden, deren Äste Regentropfen weinten, noch trostloser wirken. Verwittertes Herbstlaub säumte die vormals gepflegten Wege und hing wie Fusseln in dem Gras, das schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gemäht worden war.

Mit angespannter Miene, ihr abgezehrtes Spiegelbild ignorierend, spähte die Fremde durch die geteilte Scheibe der Eingangstür. Zweimal hatte sie bereits geläutet, doch niemand ließ sich blicken. Dabei waren die Menschen im Innern des Hauses deutlich zu hören. Offenbar hielt sie die hektische Betriebsamkeit davon ab, zur Tür zu gehen.

Nachdem sie ein drittes Mal vergeblich die Klingel gedrückt hatte, wollte sie sich schon umwenden und gehen. Da ertönten Schritte, und wenig später erschien eine Frau in Dienstmädchenuniform, auf deren Namensschild der Name Linda stand. Streng maß sie den Neuankömmling, der denselben Anblick bot wie viele Frauen, die der Krieg in Not gebracht hatte. Verfilzte schwarze Haare, blasse Wangen. Die blauen Schatten unter ihren Augen ein Zeugnis von Hunger und Entbehrungen. Die groben Arbeiterschuhe, die ihr einige Nummern zu groß waren, klafften an den Seiten auf. Unter den schmutzigen Kleidern und dem löchrigen Trenchcoat wölbte sich ein kleiner Bauch.

»Tut mir leid, wir sind überfüllt«, murmelte Linda kühl.

Die blasse Gestalt streckte ihr daraufhin einen abgegriffenen, mit Schmutzschlieren bedeckten Umschlag entgegen. »Geben Sie das bitte der Hausherrin.« Ihre Worte klangen hölzern, da sie es nicht gewohnt war, englisch zu sprechen. Dennoch lag eine Bestimmtheit in ihrer Forderung, die nicht zu jemandem passte, der sich damit abgefunden hatte, ein Leben auf der Straße zu führen. Linda sah die Frau, die irgendwie fremdartig wirkte, prüfend an, doch da sie ihre Bitte nicht zurücknahm und den Blick des Hausmädchens beinahe trotzig erwiderte, nahm sie den Umschlag an sich.

»Einen Moment bitte.«

Aus einem Moment wurden viele, doch die Frau blieb vor der Tür stehen, als sei sie zu Stein geworden. Weder trat sie von einem Bein aufs andere, noch setzte sie sich, obwohl das niedrige steinerne Geländer Gelegenheit dazu bot. Sie streichelte sich nur sanft über den Bauch, der ihren wertvollsten Schatz barg. Das Kind, das in ihr heranwuchs, war jede Strapaze, jede Erniedrigung wert.

Anstelle des Hausmädchens erschienen zwei Frauen, eine schätzungsweise um die fünfzig und dunkelblond, die andere etwa in ihrem Alter, mit rotblondem Haar. Obwohl der Krieg auch von ihnen Opfer gefordert hatte, schien es ihnen verhältnismäßig gut zu gehen, wie ihre gesunde Gesichtsfarbe und die gerundeten Züge bewiesen.

»Sie sind Beatrice? Beatrice Jungblut?«

Die junge Frau nickte. »Ja, die Tochter von Helena. Sie sind die Stanwicks, nicht wahr?«

»Ich bin Deidre Stanwick, das ist meine Tochter Emmely Woodhouse«, antwortete die ältere der beiden Frauen, der ihre Tochter wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Beatrice nickte ihnen beklommen zu, denn sie spürte, dass sie nicht willkommen war. Doch eine andere Möglichkeit blieb ihr nicht. Ihr eigenes Leben interessierte sie nicht, mittlerweile war es so oft in Gefahr geraten, dass der Tod seinen Schrecken verloren hatte. Das Kind sollte jedoch die Möglichkeit haben, die Sonne zu sehen und den Frieden, der erst seit ein paar Monaten bestand, zu genießen.

Nachdem sie sich vielsagend angesehen hatten, fragte die Ältere: »Wo ist Helena?«

»Sie ist bei einem Angriff umgekommen, genauso wie mein Mann«, antwortete die Frau.

»Und du?«, fragte Emmely erschüttert.

»Ich konnte mich verstecken.« Schützend legte sie die Hände vor den Bauch. »Meine Mutter sagte mir, dass ich, sollte ihr etwas passieren, mich an euch wenden soll.«

Wieder sahen sich die beiden an, dann fragte Deidre: »Hast du Papiere, die deine Identität beweisen?«

Beatrice schüttelte den Kopf. »Die sind verbrannt, als uns die Tiefflieger beschossen haben.«

Das war es, dachte sie. Jetzt schicken sie mich fort. Welchen Grund sollten sie auch haben, mir zu vertrauen? Es ist alles sinnlos und das Papier in meiner Hand nichts weiter als ein leeres Versprechen, das längst vergessen ist.

»Nun gut, komm erst einmal rein, dann reden wir.«

Der Geruch von Karbol und Tod schlug der Schwangeren entgegen, als sie den beiden Hausherrinnen durch einen langen Gang folgte. Schwärende Wunden schienen hier auf ­Medikamentennotstand und mangelhafte Desinfektion zu treffen.

»Wir haben seit gut drei Jahren ein Lazarett im Haus«, erklärte Emmely, der das Schweigen offensichtlich unangenehm war. »Die Räume bersten aus allen Nähten. Bitte nimm es Linda nicht krumm, dass sie dich wegschicken wollte. Im Moment werden wir von Kriegsheimkehrern und Hungernden regelrecht überrannt.«

Beatrice blickte verlegen auf ihre schmutzigen Schuhe. »Das tut mir leid.«

»Wir kommen schon zurecht«, meinte Emmely gütig, während sie ihren Arm kurz auf Beatrices Schulter legte. »Du bist hier am richtigen Ort.«

Bei diesen Worten wurde Beatrice schwindelig. Gab es überhaupt einen richtigen Ort für sie und ihr Kind? Das, was sie Heimat genannt hatte, war gerade in Blut und Trümmern versunken.

Obgleich die Küche recht groß war, herrschte hier ziemlicher Platzmangel, denn jeder Zentimeter freier Boden wurde als Stellraum für Kisten, Schränke und andere Möbel genutzt. Wenn es gefahrlos möglich war, standen mehrere Stücke übereinander. In der Mitte blieb lediglich Platz für den Herd und einen Tisch mit vier Stühlen.

»Schreckliche Zustände, aber man gewöhnt sich dran«, seufzte Deidre, während sie drei Tassen vom Bord nahm. »Früher hatte ich Bedienstete hierfür, aber der Krieg nimmt einem nicht nur die Freiheit, sondern auch sämtliche Privilegien. Jetzt essen wir mit unseren Dienstboten, die eigentlich gar nicht mehr für uns arbeiten, an einem Tisch.«

Nur schwach erinnerte sich Beatrice daran, dass ihre Familie ebenfalls ein Hausmädchen gehabt hatte. Das Aussehen ihres Hauses, ihres Zimmers und der Kleider, die sie einst trug, waren so stark mit dem Leid, das sie erlebt hatte, übertüncht, dass sie kaum noch wusste, wie ihr Leben damals gewesen war, bevor der Wahnsinn begann.

»Was ist mit der Frau, die die Tür geöffnet hat?«, fragte Beatrice, während sie sich langsam auf dem angebotenen Platz niederließ.

»Linda ist mein Hausmädchen, trägt ihre Uniform aber nur noch pro forma, denn sie wird im Lazarett gebraucht. Meine Tochter und ich helfen ebenfalls so gut mit, wie wir können.« Deidres Blick streifte ihren Bauch.

»Ich könnte ebenfalls mithelfen«, bot sich Beatrice an, doch ihre Tante schüttelte den Kopf.

»Bestenfalls könntest du in der Küche helfen, aber nicht bei den Kranken. Du würdest Gefahr laufen, dein Kind zu ­verlieren, wenn du dich mit irgendwelchen Keimen ansteckst.«

Der unangemessen heftige Tonfall ließ Beatrice zurückschrecken und die Zweifel zurückkehren. Dass sie dir erlaubt haben, mit ihnen in einer mit Gerümpel vollgestellten Küche zu sitzen, heißt noch lange nicht, dass du schon zur Familie gehörst.

Als Deidre weitersprechen wollte, stieß der Kessel auf dem Herd hinter ihr ein schrilles Pfeifen aus. Sie erhob sich und setzte eine Kanne Tee an. Der würzige Duft hatte eine sehr beruhigende Wirkung auf Beatrice. Schon immer hatte sie ihn als angenehm empfunden, auch im Flüchtlingslager, in das sie nach der Überquerung der Oder gekommen war, hatte er ihr ein Gefühl von Heimat gegeben. Für Augenblicke war es ihr dadurch möglich gewesen, sich nach Hause zu träumen, in den Rosengarten ihrer Großmutter Grace, das kleine Gewächshaus, in dem diese versuchte, exotische Blumen zu ziehen. Und in dem sie manchmal stundenlang saß und abwesend einen Frangipani-Busch betrachtete, in der Hand einen kleinen Zettel, von dem ihre Mutter immer behauptet hatte, es sei ein Horoskop.

»Ein erbärmlicher Assam ist das, aber wir haben leider nichts anderes«, riss Deidre sie aus ihren Gedanken und stellte die Teetasse vor ihr ab. Der Farbstoff des Tees hatte die feinen Risse in der Glasur sichtbar gemacht, so dass sie sich wie dunkle Adern über das Innere der Tasse zogen.

Assam, Darjeeling, Ceylon. Auf einmal sah sie wieder die ordentlichen Beschriftungen der Behältnisse in Großmutters Küche vor sich. Liebevoll hatte sie die Buchstaben zu Papier gebracht, sie mit einer kleinen Vignette verziert, die stilisierte Teeblätter und Blüten darstellten. Mittlerweile waren sie wohl ebenso wie das Kapitänshaus an der Ostsee, der Garten und das Gewächshaus zu Trümmern vergangen.

Schweigend saßen die Frauen beim Tee, jede in Gedanken woanders. Deidres Blick wirkte auf einmal in der Ferne verloren, als suche sie etwas, Emmely versank in die Betrachtung Beatrices, die vorgab, diese zu ignorieren, während vor ihrem geistigen Auge das Gesicht der Großmutter erschien.

Seltsam, dass ich mich jetzt an sie erinnere und nicht an Mutter, dachte sie, während sie im Geiste die feinen Linien auf dem Gesicht nachzog, ihren Blick über das sattrote Haar streichen ließ, das ihr schottisches Erbe war, und die weiße, zu Sommersprossen neigende Haut betrachtete. Wie neidisch war sie als Kind auf ihre strahlende, helle Großmutter gewesen! Ihre Mutter Helena und sie selbst waren eher dunkle Typen, mit schwarzen Locken und fremdartig geschnittenen Augen, die Großmutter als Erbe der Familie ihres Mannes bezeichnet hatte. Leider war ihr Großvater, der Kapitän, bereits vor ihrer Geburt verstorben.

»Für heute bleibst du erst einmal hier«, beschied Deidre, als sie aus der gedanklichen Ferne zurückgekehrt war. »Du wirst im Zimmer meiner Tochter schlafen, Emmely schläft heute Nacht bei mir.«

»Aber …«, begann Emmely, der es offensichtlich lieber gewesen wäre, sich das Zimmer mit dem Neuankömmling zu teilen.

»Keine Widerrede, unser Gast bekommt ein Zimmer für sich.« Deidres scharfer Blick beendete die Diskussion. »Geh nach oben und zeig Beatrice den Raum. Dann bereitest du alles vor. Ich werde derweil wieder ins Hospital gehen.«

Damit erhob sie sich und eilte steifen Schritts nach draußen. Die beiden jungen Frauen sahen einander schüchtern an.

»Es tut mir leid, was mit deiner Mutter und deinem Mann passiert ist«, sagte Emmely schließlich und legte ihre Hand sanft über die schmutzverkrusteten Finger ihres Gegenübers. »Es ist immer schwer, Menschen, die man liebt, zu verlieren.«

»Hast du im Krieg auch jemanden verloren?«, fragte Bea­trice, denn Emmely wirkte eigentlich recht gesund und zufrieden. Doch nun erstarrte ihr Lächeln.

»Ja, das habe ich«, antwortete sie, während sie angestrengt in ihre Teetasse blickte. »Mein Kind.«

»Ist es bei einem Angriff ums Leben gekommen?«

Beatrice hatte gehört, dass London bombardiert worden war.

Emmely schüttelte jedoch den Kopf. »Fehlgeburt im fünften Monat. Mein Mann war gerade zur Front eingezogen worden. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Vermutlich glaubt er, dass unser Kind schon laufen kann.«

Und dann spendet sie mir Trost?, fragte sich Beatrice. Das Kreuz auf ihren Schultern ist ähnlich schwer.

»Aber lass uns darüber ein anderes Mal weiterreden.« Emmely erhob sich und zwang die Erinnerung mit einem bitteren Lächeln zum Rückzug. »Komm, ich zeige dir das Zimmer. Es ist sehr schön und hätte durchaus für uns beide gereicht, aber wenn Mutter will, dass ich ihr in der Nacht ­etwas vorschnarche …«

Emmely führte sie durch ein Labyrinth von Gängen, vorbei am ehemaligen Ballsaal, in dem sich Betten und auf dem Boden liegende Matratzen aneinanderreihten, dann eine Treppe hinauf. Auch in den oberen Gängen stapelten sich Möbelstücke und Kisten, die aus anderen Räumen hatten weichen müssen. Als sie eine der Kisten leicht mit dem Arm streifte, ertönte ein helles Klirren wie von Glas oder Kristall. Wahrscheinlich warteten all die verpackten und abgestellten Dinge ebenso wie die Menschen darauf, dass der Frieden zurückkehrte.

»Da wären wir.« Emmely öffnete eine breite Flügeltür. Das Zimmer dahinter war warm und wirkte noch einigermaßen aufgeräumt. Die Blümchenmuster auf den Tapeten waren verblasst, doch noch immer ahnte man, was für ein schöner Raum dies einst gewesen war. Unter den hohen Fenstern, die von einer leicht vergilbten Gardine verhangen wurden, standen umgedrehte Gemälde, deren Rahmen im Licht golden schimmerten.

Am meisten beeindruckte Beatrice die Schlafstelle. So ein schweres, breites Bett wie dieses, das einen Großteil des Raumes einnahm, hatte sie noch nie gesehen. Auf den Lehnen zweier Stühle hingen die Kleider, die Emmely wohl am häufigsten trug, der Kleiderschrank, dessen Türen leicht aufklafften, war mit anderen Dingen vollgestellt.

»Wenn du möchtest, schenke ich dir ein Kleid«, bot Emmely an. »Das, was du jetzt auf dem Leib trägst, bekommt man nicht einmal mehr durch Flicken wieder hin.«

»Danke, ich …«

»Komm her!« Emmely trat vor eine der Kommoden und zog sie auf. Darin lagen verschiedene Kleidungsstücke, von Unterwäsche über Blusen und Röcke bis hin zu Pullovern und Schals. »Was möchtest du davon?«

»Ich …«

»Nun sei nicht schüchtern!«

»Aber ich weiß doch noch nicht mal, ob ich bleiben darf. Deine Mutter …«

»Ach, Mum wird schon nachgeben, das verspreche ich dir.« Emmely fischte eine hellrosa Bluse mit Matrosenkragen und zarter Stickerei aus der Schublade. »Ich glaube, die hier wird dir besser stehen als mir. Ich weiß ohnehin nicht, warum ich sie haben wollte, schau dir nur mein Haar an. Rot und rosa, das beißt sich doch.«

Ehe sich Beatrice dagegen wehren konnte, hielt Emmely ihr das Kleidungsstück schon vor die Brust. »Wusste ich es doch! Dir mit deinem dunklen Haar und der goldenen Haut steht die Farbe viel besser.«

»Aber mein Bauch!«, wandte Beatrice ein. »Ich werde in ein paar Wochen nicht mehr hineinpassen.«

»Bis dahin habe ich dir einen Pullover gestrickt. Außerdem bist du sowieso zierlicher als ich, gegen dich wirke ich wie ein Elefant!«

Die beiden Frauen sahen sich an, dann brachen sie in Gelächter aus.

Emmely verließ das Zimmer nicht, bevor sie Beatrice nicht noch einen Rock und eine Strickjacke sowie Unterwäsche und Socken herausgesucht hatte. »Neue Schuhe treibe ich auch noch auf, wir veranstalten gerade eine Wohltätigkeitssammlung, sofern ein passendes Paar dabei ist, lasse ich es für dich zurücklegen.«

Erschlagen von der ihr entgegengebrachten Freundlichkeit ließ sich Beatrice aufs Bett sinken. Die weiche Matratze gab sanft unter ihr nach, und den Laken entströmte der Duft von Lavendelseife. Beatrice streckte sich auf dem Bett aus und genoss zum ersten Mal das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Auch wenn nicht klar war, wie lange sie bleiben konnte.

Bevor Emmely mit dem Wasser zurück war, waren ihr bereits die Augen zugefallen, so dass sie ihr Kommen nicht einmal mehr bemerkte.

In der Nacht jedoch schreckte Beatrice von einem schreck­lichen Traum gequält auf. Sie hatte wieder vor sich gehabt, wie ihre Mutter und ihr Mann von ihr getrennt wurden, wie sie in dem furchtbaren Gedränge beinahe niedergetrampelt und dann von fremden Händen nach oben gerissen und ins Gebüsch gezogen worden war, während über ihnen die Tiefflieger brummten. Hilflos hatte sie zuschauen müssen, wie die Geschosse auf den Flüchtlingstreck niedergingen, wie ihre Mutter und auch ihr Mann, der wegen seines Asthmas nicht zur Front eingezogen worden war, in einem Berg von Leichen verschwanden.

In der Annahme, sich immer noch in dem amerikanischen Flüchtlingslager zu befinden, richtete sie sich auf, spürte dann aber die Wärme und sah das Glimmen im Kamin. Hinter den hohen Fenstern war alles ruhig. Ein beinahe vollkommener Vollmond mühte sich, den Schleier aus Nebel und Regen verkündenden Wolken zu durchdringen.

Auf dem Korridor ertönten leise Schritte. Eine Tür klappte. Wenig später drangen Stimmen gedämpft durch die Wand. Was sie besprachen, verstand Beatrice nicht, doch eine innere Unruhe zwang sie, ein wenig näher an die Wand zu rücken und das Ohr an die verblasste Tapete zu legen, der ein seltsamer Geruch entströmte.

»Woher sollen wir denn wissen, dass sie es wirklich ist? Sie könnte den Brief gefunden haben.« Deidre klang aufgebracht. Hatte sie es sich überlegt? Doch wohin sollte Beatrice dann? Hier in England kannte sie niemanden.

»Ich glaube nicht, dass sie den Brief nur gefunden hat«, verteidigte die jüngere sie. »Er hat kein Geld enthalten, glaubst du, eine Landstreicherin interessiert sich dafür?«

»Immerhin bekommt sie Hilfe versprochen.«

»Doch sie muss auch damit rechnen, dass man die Person kennt!«, hielt Emmely weiterhin dagegen. »Hast du ihr Haar gesehen? Und ihr Gesicht?«

»Es gibt viele schwarzhaarige Mädchen, vielleicht hat sie sich diesen Umstand zunutze gemacht.«

»Mutter!«, kam es vorwurfsvoll von Emmely. »Hast du nicht genau hingeschaut? Man sieht es. Auch wenn sie die Enkelin ist, man sieht es genau.«

Was sieht man?, fragte sich Beatrice, den Durst ignorierend, der ihr die Zunge an den Gaumen klebte. Auf einmal schlug ihr Herz wie im Fieber und ließ die Stimmen noch undeutlicher werden. Sie spürte, dass die beiden Frauen etwas über sie wussten, das ihr unbekannt war. Was war es?

Eine lange Pause entstand, an deren Ende Deidre sagte: »Du weißt, dass unsere Vorräte rationiert sind.«

»Du weißt, was Grandma Victoria immer gesagt hat«, wandte ihre Tochter ein.

»Ja, das …« Etwas schien in ihrer Kehle zu stecken, etwas, das herauswollte, aber es nicht durfte. »Alles Unsinn!«

»Trotzdem hast du ihr am Sterbebett versprochen, dass du dich an ihre Weisung halten und Graces Nachkommen in der Not helfen wirst, so, wie sie es damals ihrer Schwester versprochen hat«, gab ihre Tochter ruhig zurück.

»Vielleicht hätte sie das besser nicht tun sollen …« Verbittert verstummte Deidre, dann tönten Schritte durch den Raum. »Also gut, sie bleibt, bis sie ihr Kind hat. Dann sehen wir weiter. Wir tun unserer Pflicht auch Genüge, wenn wir ihr und ihrem Kind eine sichere Unterkunft suchen. Inmitten des Chaos können die beiden unmöglich für länger bleiben.«

»Aber das Chaos wird sich irgendwann auflösen …«

Deidre schien etwas getan zu haben, damit ihre Tochter verstummte.

Haben sie mich bemerkt?, fragte sich Beatrice bang. Nein, das war unmöglich, denn sie atmete nur flach und lehnte an der Wand wie eine Statue, die der Wind umgeworfen hatte.

»Wir behalten sie hier, wir lassen sie das Kind bekommen, dann sehen wir weiter. Wie du gesehen hast, sind all unsere Pläne zunichte gemacht worden, darum sollten wir in diesem Fall erst recht keine mehr machen.«

Damit wurde es ruhig. Die beiden hatten sich offenbar zu Bett begeben, ohne einen Nachtgruß, der ihre Unstimmigkeit aufgelöst hätte.

Da die Anspannung von ihrem Körper abfiel, spürte Beatrice nun wieder das Brennen in ihrer Kehle. Wasser. Ich brauche unbedingt etwas Wasser.

Mit zusammengebissenen Zähnen löste sie sich von der Wand. Von der unbequemen Sitzhaltung schmerzte ihr der Rücken, und ihre seit einem Monat dauerhaft angeschwol­lenen Knöchel spannten. Wäre dieses bohrende Bedürfnis nach Wasser nicht gewesen, hätte sie sich jetzt wieder hin­gelegt und darauf gewartet, dass der Schlaf kam. Doch wenn sie Ruhe finden wollte, musste sie erst einmal was trinken.

Draußen tastete sie nach dem Lichtschalter, doch die Lampe flammte nicht auf. Hatten sie einen Stromausfall, oder wurde der Strom nur rationiert? Beatrice erinnerte sich an den großen Sicherungskasten in ihrer Küche, in der zuweilen Sicherungen herausgedreht wurden, um zu erzwingen, dass dort kein Strom hindurchfloss.

Die verwaschenen Flecken Mondlicht halfen ihr allerdings recht gut bei der Orientierung. Den Gang entlang, die Treppe runter, dann nach rechts durch die zweite Tür. Wieder einen Gang entlang, dem Geruch nach Tee hinterher.

Die Stufen knarrten trotz ihres geringen Gewichts leise unter ihren Füßen, während sie so flach wie möglich atmend hinunterging. An der untersten Stufe musste sie erst einmal stehen bleiben, denn der Durst wurde zu einem körperlichen Unwohlsein, das sie schwanken ließ. Lichter, die gar nicht da waren, flackerten plötzlich vor ihren Augen. Nicht einmal das Schließen der Lider konnte sie vertreiben.

Mit klopfendem Herzen krallte sie ihre Hand in das Treppengeländer. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte sie eine Bewegung. Ein Umriss vor dem diffusen Licht, das durch die Glastüren des Ballsaals fiel. »Alles in Ordnung, Miss?«

Ein Reflex wollte Beatrice dazu bringen, einfach ja zu sagen, doch das konnte sie nicht. Die Worte wollten nicht aus ihr heraus.

»Miss, ich bin Dr. Sayers«, sprach der Mann weiter, der sich im nächsten Augenblick in ihr Sichtfeld schob. »Ich helfe Ihnen.«

Da gaben ihre Knie nach, und sie versank in Dunkelheit.

Erstes Buch

Das Geheimnis

Berlin, April 2008

Diana Wagenbach erwachte, als rötliches Morgenlicht ihr Gesicht streifte. Seufzend öffnete sie die Augen und versuchte, sich zu orientieren. Die mächtige Linde in ihrem Garten warf ihren Schatten gegen die hohen Scheiben des Wintergartens, der an das Wohnzimmer angrenzte. Lichtflecken waren über den dunkelroten Teppich verteilt, der das alte Parkett vor dem Zerkratzen bewahrte. Ein merkwürdiger Geruch hing in der Luft. Hatte da jemand Alkohol verschüttet?

Es dauerte eine Weile, bis Diana wieder wusste, wie sie auf das weiße Ledersofa gekommen war. Die Kleidung des vergangenen Abends haftete an ihrem Körper, ihre schwarzen Locken klebten schweißnass an ihrer Stirn und ihren Wangen, und ihre Lippen waren ganz trocken.

»O mein Gott«, stöhnte sie, als sie sich aufrichtete. Ihre Arme und Beine schmerzten, als hätte sie in der vergangenen Nacht Umzugskartons geschleppt. Das Liegen in einer seltsamen Stellung hatte ihrem Rücken zugesetzt.

Als sie gegen die Rückenlehne sank, traf sie beinahe der Schlag. Das Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld, nicht etwa wegen einer wilden Party, sondern weil sie die Kontrolle über sich verloren hatte. Erschrocken rieb sie sich über die Augen und die Wangen.

Eigentlich war Diana ein ruhiger Mensch, mehr als eine Spur zu geduldig, wie ihre Bekannten fanden. Gestern hatte sie ihren Ehemann Philipp mit dieser Frau gesehen. Es gehörte zu seinem Job, geschäftliche Besprechungen auch nach Feierabend zu führen. Doch es gehörte nicht dazu, seine Gesprächspartnerin leidenschaftlich zu küssen und dabei begehrlich über ihren Busen zu streicheln.

Wär ich doch bloß zu Hause geblieben, dachte Diana, während sie sich aufsetzte und die Blutergüsse an ihren Armen betrachtete. Aber nein, ich muss in unser Stamm-Restaurant gehen, weil ich der Meinung bin, mir nach dem harten Arbeitstag etwas Besonderes gönnen zu müssen.

Während sie vom Sofa aufstand und versuchte, ihre müden Knochen in Bewegung zu bringen, ließ sie den vergangenen Abend noch einmal Revue passieren.

Natürlich hatte sie nicht den Mut gehabt, Philipp noch im Lokal zu konfrontieren. Sie war, ohne dass er es mitbekommen hatte, nach Hause gelaufen, hatte wütend die Tür zugeschlagen und sich dann weinend auf das Sofa geworfen. Wie konnte er ihr das nur antun!

Nach einem kurzen Heulkrampf war sie schließlich im Haus auf und ab gelaufen, gequält von unzähligen Fragen. Hatte es Hinweise gegeben? Hätte sie es ahnen können? War alles nur ein Irrtum und der Kuss nur ein ganz harmloser Kuss gewesen?

Nein, dieser Kuss war alles andere als harmlos gewesen. Und wenn sie ehrlich war, hing das Schiff ihrer Ehe schon eine ganze Weile in Schieflage und wartete nur auf eine Bö, die es kentern ließ.

Tausend Flüche waren ihr durch den Kopf geschossen. Vorhaltungen, Drohungen, Beschimpfungen, Forderungen. Als Philipp dann vor ihr stand, mit klirrenden Schlüsseln in der Hand, waren ihre Vorsätze, ihm eine Szene zu machen, dahin. Stattdessen hatte sie ihn nur angesehen und seelenruhig gefragt, wer die Frau gewesen sei, die er in leidenschaft­licher Umarmung festgehalten hatte.

»Schatz, ich … sie …«

Seinen Beteuerungen, dass sie nur eine Bekannte sei, hatte sie keinen Glauben geschenkt. Es war eine von Dianas Gaben, Lügen zu erkennen. Schon als Kind hatte sie stets gewusst, wer ihr nicht die Wahrheit sagte. Manchmal hatte sie sogar ihre Großtante Emmely dabei ertappt, dass sie etwas vor ihr verheimlichte.

»Verschwinde!« Das war das einzige Wort gewesen, das sie herausbringen konnte. Verschwinde. Dann hatte sie sich umgedreht und war in den Wintergarten gegangen. Während sie an ihrem Spiegelbild vorbei auf den mondbeschienenen Garten geblickt hatte, war hinter ihr die Tür ins Schloss gefallen.

Das wäre der richtige Augenblick gewesen, um ins Bett zu gehen und ihren Kummer ins Kissen zu weinen. Doch Diana hatte anders reagiert.

Im Nachhinein fand sie es selbst schockierend. Ausgerastet war sie bisher noch nie. Es hatte mit einer Vase begonnen, die sie mit einem Wutschrei an die Wand warf. Dann waren die Stühle aus der Essecke gefolgt. Mit aller Kraft hatte sie sie durch den Raum geschleudert und dabei den gläsernen Couchtisch sowie die Vitrine mit Philipps Preisen zertrümmert. Eine Flasche Single Malt Whisky hatte ebenfalls dran glauben müssen. Der goldbraune Inhalt war jetzt auf dem Teppich angetrocknet.

Vielleicht hätte ich ihn besser trinken sollen, dachte Diana sarkastisch. Dann müsste ich unserer Versicherung nicht erklären, was hier vorgefallen ist.

Die Scherben funkelten sie böse an und knirschten unter ihren Schuhen, als sie den Raum durchquerte. Ein Bad würde ihre Seele wieder ins Gleichgewicht bringen und ihr die Möglichkeit geben, ihre Gefühle zu ordnen.

Nachdem sie sich ausgezogen hatte, betrachtete sie sich im Spiegel und kam sich dabei lächerlich vor. Hatte sie es nötig, sich zu fragen, was die andere hatte und sie nicht?

Ihre sechsunddreißig Jahre sah man ihr nicht an, wer sie nicht kannte, schätzte sie auf Ende zwanzig. Die grauen Haare, mit denen man laut Werbung schon ab Mitte dreißig rechnen musste, waren bisher noch ausgeblieben. Makellos schwarz floss ihr Haar über ihre Schultern, die ebenso wie ihre Arme bereits den sommerlichen Goldton angenommen hatten, um den sie ihre weiblichen Angestellten und Freundinnen stets beneideten. Der Rest ihres zwar nicht durchtrainierten, aber dennoch schlanken Körpers war heller, dürstete geradezu nach einem Aufenthalt am Strand, um sich farblich ihren Gliedmaßen angleichen zu können.

Urlaub, dachte sie seufzend, als sie die Duschkabine betrat. Vielleicht sollte ich eine Reise machen, um diesen ganzen Mist zu vergessen.

Unter den lauwarmen Strahlen der Dusche erwachten ihre Sinne wieder, doch leider auch das nervöse Brennen in ihrer Magengrube. Das Wasser mochte vielleicht die Spuren der vergangenen Nacht von ihrer Haut und aus ihrem Haar waschen, doch rückgängig machte es nichts.

Das Schrillen des Telefons wollte Diana zunächst ignorieren. Wahrscheinlich war es Philipp, der mit einer dummen Entschuldigung ankam. Oder schlimmstenfalls fragte, wie es ihr ging. Da sie ihr Handy abgeschaltet hatte, hatte er keine andere Möglichkeit, sie zu erreichen.

Als der Anrufer nicht lockerließ und ihr durch den Kopf schoss, dass Eva Menzel, ihre Partnerin in der Anwaltskanzlei, am Apparat sein könnte, verließ sie in ein flauschiges blaues Handtuch eingewickelt das Badezimmer und ging in den Flur, wo sie den Hörer abnahm. Wenn es Eva ist, kann ich ihr auch gleich sagen, dass ich heute nicht im Büro erscheinen werde. »Wagenbach?«

»Mrs Wagenbach?«, fragte eine Stimme nach, die ihren Namen Wägenback aussprach.

Diana schnappte überrascht nach Luft. »Mr Green?«

Der Butler ihrer Tante bestätigte in schlechtem Deutsch, worauf Diana begann, Englisch mit ihm zu reden.

»Schön, Sie zu hören, Mr Green, ist alles in Ordnung?«

Wie lange war es her, dass sie mit ihrer Tante gesprochen hatte? Oder mit dem Butler, der als eine Art Vermittler diente und Tante Emmely den Hörer festhielt, weil ihre Arme seit einem Schlaganfall ihren Dienst nicht mehr richtig versahen.

»Ich fürchte, ich habe keine sonderlich guten Nachrichten für Sie.«

Die Worte trafen Diana wie eine Faust im Magen. »Spannen Sie mich bitte nicht auf die Folter, Mr Green, sagen Sie, was los ist.«

Der Butler zögerte noch einen Moment, bevor er wagte, das Unvermeidliche auszusprechen. »Ihre Tante hat leider vor zwei Tagen einen weiteren Schlaganfall erlitten. Sie befindet sich im St. James Hospital in London, doch die Ärzte wissen nicht, wie lange sie noch durchhält.«

Diana schlug die Hand vor den Mund und kniff die Augen zusammen, als könnte sie auf diese Weise die schlechte Nachricht abblocken. Doch da hatte sie sie schon in ihrem Kopf. Sah eine ältere Frau vor sich, deren rotblonde Haare allmählich zu Schnee wurden. Ein gütiges Lächeln rund um ihren runzligen Mund. Wie alt war Tante Emmely? Sechs- oder siebenundachtzig? Dianas Großmutter, Emmelys Cousine 2. Grades, die ungefähr zur gleichen Zeit geboren worden war, war bereits vor sehr vielen Jahren gestorben.

»Mrs Wagenbach?« Mr Greens Stimme wehte die Gedankenfetzen wie ein Windstoß fort.

»Ja, ich bin noch dran. Ich bin nur … geschockt. Wie konnte das passieren?«

»Ihre Tante hat ein gesegnetes Alter, Mrs Wagenbach, und das Leben war nicht immer freundlich zu ihr, soweit ich das beurteilen kann. Meine Mutter sagte immer, dass Menschen wie Spielzeug seien, früher oder später gehen sie kaputt.« Er machte eine kurze Pause, als würde er sich seine Mutter vorstellen. »Sie sollten kommen. Madam hat mir aufgetragen, Sie zu sich zu holen, solange sie noch einigermaßen bei Bewusstsein ist.«

»Sie hat also mit Ihnen gesprochen?« Ein kleiner, absurder Funke Hoffnung flammte in ihr auf. Vielleicht bekommen die Ärzte sie wieder hin. Hieß es nicht, dass erst der dritte Schlaganfall tödlich sei?

»Ja, aber sie ist sehr schwach. Wenn Sie ihren Wunsch erfüllen möchten, sollten Sie wenn möglich noch heute fliegen. Wenn Sie sich dazu entschließen, hole ich Sie persönlich vom Flughafen ab.«

»Ja, ich … ich komme. Ich … muss nur sehen, wann die nächste Maschine geht und ob dort noch ein Platz frei ist.«

»In Ordnung«, gab der Butler zurück. »Wären Sie so freundlich, mich kurz per E-Mail zu benachrichtigen, wann genau Sie ankommen? Ich möchte Sie ungern im Regen stehen ­lassen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr Green, ich maile Ihnen meine Flugnummer, sobald ich sie habe.«

Wieder eine kurze Pause. Ein Knacken im Äther. War die Verbindung unterbrochen?

»Es tut mir wirklich sehr leid, Mrs Wagenbach. Ich werde alles herrichten, damit es Ihnen hier so gut wie möglich ergeht.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr Green. Vielen Dank und bis später.«

Als sie aufgelegt hatte, musste sie sich erst mal setzen. Natürlich nicht mitten ins Scherbenchaos, sie entschied sich für die Küche. Auch bei Emmely hatte sie immer in der Küche gesessen, wenn ihre Mutter Johanna und sie bei ihr zu Besuch gewesen waren.

Johanna hatte ein ganz besonders Verhältnis zu Emmely gehabt, hatte jene sie doch aufgezogen, nachdem ihre eigene Mutter bei ihrer Geburt in den Wirren des Kriegsendes gestorben war. Beatrice kannte sie nur von einem verblichenen Bild, das kurz vor Johannas Geburt angefertigt worden war. Diana hatte nie verstanden, warum Emmely, die kinderlos geblieben war, ihre Mutter nicht adoptiert hatte.

Das Schlagen der Uhr im Wohnzimmer, ein Mitbringsel von Philipp aus Tschechien, das sie immer gehasst, seinetwegen aber toleriert hatte, erinnerte sie daran, dass Zeit verstrich und Flugzeuge nicht warteten.

Obwohl Sorge in ihre Magengrube biss und ein unruhiges Zittern in ihren Gliedern tobte, schaffte sie es, in nur fünf Minuten angezogen zu sein. Ihre Kleiderauswahl war praktisch: Jeans, kurzärmelige Bluse, leichter dunkelroter Strickpulli für den Fall, dass das Wetter ungemütlich war. Ihre schwarzen Locken band sie zu einem Zopf zusammen, auf Make-up verzichtete sie diesmal. Die Übung, die sie durch viele Geschäftsreisen erworben hatte, versetzte sie in die Lage, ihr Gepäck in Windeseile zu packen. Viel nahm sie ohnehin nicht mit, eine Bluse zum Wechseln, ein Shirt, Zahnbürste. Ihren Laptop, das Notizbuch und natürlich Ladekabel und Akkus. In der Nachbarschaft von Tremayne House gab es ein kleines Dorf, das alles bot, was Radtouristen in der Gegend benötigten. Solange sie ihre Geldbörse und Papiere bei sich hatte, würde sie alles Wichtige bekommen.

An der Tür blickte sie noch einmal auf das Chaos zurück, das sie hinterlassen hatte. Die Glasscherben glitzerten im Sonnenlicht wie Diamanten. Soll Philipp sie aufräumen, dachte sie und freute sich heimlich darüber, dass sie keine Nachricht hinterließ, wie sonst, wenn sie dringend wegmusste.

Draußen stieg sie in ihren roten Mini, der ihr im dichten Berliner Stadtverkehr schon so manch guten Dienst erwiesen hatte, und befand sich wenig später auf der Stadtautobahn in Richtung Tegel.

Etwa zur gleichen Zeit strebte Mr Green einem Buchregal zu, das im Arbeitszimmer des früheren Masters stand. Für den Fall ihres Ablebens hatte ihm seine Herrin strikte Instruktionen gegeben. Er sollte dafür sorgen, dass Diana es fand. Das Geheimnis.

Er selbst kannte es nicht. In all den Jahren, die er bereits seinen Dienst auf Tremayne House versah, hatte er sich abgewöhnt, neugierig zu sein, wenngleich er zugeben musste, schon an seinem ersten Tag hier gespürt zu haben, dass das Haus etwas verbarg. Das Gefühl hatte ihn bis heute nicht verlassen. Und wer weiß, vielleicht wurde er, wenige Jahre vor seiner Pensionierung, noch Zeuge einer atemberaubenden Enthüllung.

In das Puzzle der Hinweise hatte Mrs Woodhouse ihn schon vor einem Jahr eingeweiht. Damals hatte sie bereits geglaubt, der Engel des Todes würde vor ihrer Tür stehen. Doch Gott hatte ihr Zeit eingeräumt, genug Zeit, um die Spuren zu legen. Hier ein Bild, dort ein Brief in einem Buch, das natürlich zufällig in der Umgebung der Betreffenden auftauchen müsste. Es wird ihr helfen, über die Zeit nach mir hinwegzukommen, hatte Madam gemeint. Obwohl Diana sich seit Jahren nicht hatte blicken lassen, hatte Mrs Woodhouse doch nie an der Liebe und Loyalität des Mädchens gezweifelt, das in ihrem Herzen den verwaisten Platz der Enkeltochter eingenommen hatte.

Vor dem Buchregal suchte Mr Green nach einem ganz bestimmten Titel. Seit dem Tod der alten Mistress Deidre, der Mutter von Emmely Woodhouse, hatte man die Reihenfolge der Bücher nicht geändert. Nicht einmal im Krieg, der auch hier alles auf den Kopf gestellt hatte, war auch nur ein Buch anders hingestellt worden.

Ah, da war es! Grüner Einband, verblichene goldene Schrift. Ein Buch, das wie zufällig an diesen Platz gestellt wirkte. Doch wenn man das Muster kannte, sprang es einem deutlich ins Auge. Für den Fall, dass die Besucherin zu traurig war, um klar denken zu können, zog er es ein Stück vor, nicht mal einen Finger breit. Das Geräusch, das dabei ertönte, hörte sich wie das erleichterte Stöhnen eines Sterbenden an, der endlich auf die andere Seite wechseln durfte.

Mr Green zog die Hand zurück und betrachtete zufrieden sein Werk. Wenn das Nachmittagslicht durch die hohen Fenster fiel, sei es auch trübe, würde dieses Buch nicht mehr zu übersehen sein.

Seine Ankündigung, sie nicht im Regen stehen lassen zu wollen, hatte Mr Green anscheinend wörtlich gemeint, denn als die Maschine aus Berlin in Heathrow landete, verschwand London unter dicken Regenwolken, die den Tag zum Abend machten. Aus leichtem Niesel wurde ein Gewitter; dicke Regentropfen prasselten auf den Flughafen und gegen die Scheiben des Busses, der die Passagiere zur Abfertigungshalle brachte.

Nachdem sie ihren Koffer vom Förderband gehoben hatte, eilte Diana in die Wartehalle, wo sie hoffte, auf Mr Green zu treffen. Er hatte auf ihre Mail pünktliches Kommen zugesagt, doch der moderne Berufsverkehr konnte selbst dem gewissenhaftesten Butler heutzutage einen Strich durch die Rechnung machen.

Im Menschengewirr konnte sie ihn zunächst nicht sehen, doch schließlich entdeckte sie ihn bei den Türen. Im gleichen Augenblick trafen sich ihre Blicke, und seine Hand schnellte winkend in die Höhe.

Diana beschleunigte ihren Schritt, entschuldigte sich, als sie einen Mann mit Trolley versehentlich anrempelte, und schlängelte sich durch eine Gruppe Japaner, die freudig ihre Kameras auf eine Anzeigetafel hielten.

Je näher sie kam, desto mehr fiel ihr auf, dass sich Mr Green seit ihrem letzten Zusammentreffen vor fünf Jahren nicht wesentlich verändert hatte. Mittlerweile war er Ende fünfzig, doch sein perfekt frisiertes Haar war nur leicht von Silberfäden durchzogen, und sein hochgewachsener Körper wies nicht ein Gramm Fett zu viel auf. Der Lodenmantel, den er über seinem Anzug trug, war so tadellos geschnitten, dass man ihn leicht für einen reichen Geschäftsmann hätte halten können.

So ist Tante Emmely, dachte Diana wehmütig. Perfektion in allen Dingen. In Mr Green, der ihr nun schon seit fast dreißig Jahren diente, hatte sie den perfekten Butler gefunden.

»Herzlich willkommen in London, ich freue mich, Sie wiederzusehen, Mrs Wagenbach.«

Sein Händedruck war ebenso warm und herzlich wie sein Lächeln. Unwillkürlich fragte sich Diana, ob er wohl wieder eine Freundin hatte, nachdem seine letzte vor einigen Jahren mit einem Seemann durchgebrannt war.

»Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Mr Green«, antwortete Diana ehrlich, denn der Butler strahlte etwas Beruhigendes aus. Sie lebt noch, wisperte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Wir sind noch nicht zu spät. »Sind Sie gut durch den Verkehr gekommen?«

»Alles bestens, Madam«, entgegnete er höflich, während er seinen überdimensionalen Schirm unter den Arm klemmte. »Ich hatte das Glück, etwas weiter vorn einen Parkplatz zu bekommen, so dass durchaus die Möglichkeit besteht, einigermaßen trocken dorthin zu gelangen.«

Ein Lächeln huschte über Dianas Gesicht. Es war zwecklos, Konversation mit Mr Green zu betreiben, wenn man gerade angekommen war. Erst wenn man ein paar Tage blieb, ließ sich der pflichtbewusste Butler dazu hinreißen, auch mal ein paar persönliche Worte zu wechseln.

Draußen empfing sie ein heftiger Prasselregen, der einige Passagiere dazu antrieb, trotz schweren Gepäcks zu rennen, als ginge es um ihr Leben. Davon unbeeindruckt öffnete Mr Green den Schirm und hielt ihn über Diana.

»Wollen wir, Madam?«

Es fiel Diana schwer, Gleichschritt mit dem Mann zu halten, der gut zwanzig Zentimeter längere Beine hatte, und dabei noch den Pfützen auszuweichen, die sich in Windeseile auf dem Boden bildeten.

Vor einer großen schwarzen Limousine, einem 98er Bent­ley Brooklands, machten sie schließlich halt. Trotz seiner zehn Jahre, die er bereits auf dem Buckel hatte, wirkte der Wagen sehr gepflegt. Wahrscheinlich hatte sich Emmely nur gelegentlich damit ausfahren lassen. Dass Mr Green diesen Wagen für Privatfahrten nutzte, bezweifelte Diana. Dazu war er viel zu korrekt.

Der Butler nahm ihr mit einem Lächeln die Tasche ab und öffnete die Tür. Während sie einstieg, hievte er ihr Gepäck in den Kofferraum.

»Ich nehme an, dass Sie gleich zum Hospital fahren wollen«, sagte er, nachdem er elegant auf den Fahrersitz des Bent­leys geglitten war. Ein paar Regentropfen glitzerten auf seiner Schulter und in seinem Haar, als er sich ihr zuwandte.

»Ja, das möchte ich«, antwortete Diana. »Haben Sie schon ein wenig mehr in Erfahrung bringen können?«

»Leider nicht, denn ich bin kein Angehöriger. Der Notarzt, der mich für ihren Sohn hielt, hat mir immerhin gesagt, dass er einen Schlaganfall vermute, der nicht nur ihre beiden Arme endgültig gelähmt hat, sondern auch die Beine. Wäre mir nicht aufgefallen, dass sie sich nicht aus ihrem Sessel erheben konnte, wäre sie wahrscheinlich in der Nacht noch gestorben.«

»Das war wie immer sehr aufmerksam von Ihnen«, sagte Diana, der nichts anderes einfallen wollte. Was sollte man auch dazu ­sagen?

Nachdem sie sich angeschnallt hatte, ließ Mr Green Motor und Scheibenwischer an, und wenig später reihten sie sich in den pulsierenden Londoner Stadtverkehr ein.

Das St. James Hospital verströmte jene sterile Kühle, die dem Besucher unwillkürlich ein Zwicken in der Magengrube versetzte, sobald man durch seine Türen trat. Schon immer hatte sich Diana gefragt, warum ein Ort, an dem Menschenleben begannen, gerettet wurden oder endeten, so unangenehm, so unheimlich sein musste.

Auch die freundliche Schwester am Empfang, die sie bat, sich noch einmal vor der Intensivstation zu melden, änderte nichts daran. Das nach Desinfektionsmitteln riechende Gebäude machte den Eindruck, jeder lebenden Seele in ihm die Kraft aussaugen zu wollen.

Nur zu gern hätte sie Mr Green gebeten, sie zu begleiten, doch der Butler hatte sich für eine halbe Stunde von ihr verabschiedet, um noch eine Besorgung zu machen. Immerhin hätte er nun einen Gast und ein Versprechen abgegeben, erklärte er Diana. »Ich warte unten im Foyer auf Sie, wenn ich wieder zurück bin.«

Diana hatte ihn ziehen lassen und schritt nun zwischen emsigem Pflegepersonal in verschiedenfarbiger Dienstkleidung auf die große gläserne Flügeltür mit der Aufschrift Emergency Room zu. Bevor Diana sie erreicht hatte, schwang die Tür vor einem Patientenbett auf, das von zwei Pflegern auf den Gang geschoben wurde. Der weißhaarige Mann war zwischen den Kissen und Decken beinahe unsichtbar, an seinem Fußende arbeitete ein transportables Beatmungsgerät. Obwohl Diana die Pfleger grüßte, beachteten sie sie nicht, sondern unterhielten sich weiter über das Fußballspiel am Wochenende.

Angesichts der offenen Tür und des leeren Ganges überlegte Diana, einfach hineinzuschlüpfen, doch etwas hielt sie zurück. Hinter einer dieser Türen ist sie, dachte sie mit pochendem Herzen und ziehendem Magen, während ihr Blick über die gekachelten Wände schweifte, die in regelmäßigen Abständen von Türen und dem Schwesterntresen unterbrochen wurden. Ob sie mich wohl wiedererkennt?

»Kann ich Ihnen helfen?«

Erschrocken fuhr Diana herum. Über ihre Betrachtung hatte sie nicht mitbekommen, dass hinter ihr ein Arzt aufgetaucht war. Der schätzungsweise vierzig Jahre alte Mediziner sah aus wie ein Pakistani, sprach aber akzentfrei. An seinem Kittel steckte ein Schild, das ihn als Dr. Hunter auswies.

»Ja, entschuldigen Sie, mein Name ist Diana Wagenbach, ich möchte zu Emmely Woodhouse, sie soll gestern eingeliefert worden sein.«

»Sind Sie mit ihr verwandt?«, fragte der Arzt, worauf Dia­na nickte.

»Kommen Sie mit.«

Der Mediziner führte sie zum Schwesterntresen und gab einer rosa gekleideten Frau die Anweisung, Diana zu Zimmer neun zu führen.

Die Schwester nickte, legte ihr Klemmbrett beiseite und kam dann zu ihr, während der Arzt den Gang hinaufeilte.

»Sie sind die Enkelin?«, fragte sie, worauf Diana der Einfachheit halber nickte. Außerdem wusste sie nicht, ob sie noch als Angehörige galt oder die Schwester die komplizierten Verwicklungen ihrer Familiengeschichte verstehen würde.

»Gut, folgen Sie mir.«

Vorbei an Türen, hinter denen man das Piepen der Überwachungsgeräte hörte, schritten sie in den hinteren Teil des Ganges, in dem auch der Arzt verschwunden war. Vor einem Zimmer, dessen Tür verschlossen war, machten sie halt. Die Schwester öffnete einen kleinen Schrank neben der Ablage für die Patientenakte. Bevor Diana einen Blick darauf werfen konnte, drückte sie ihr ein hellblaues Bündel in die Hand.

»Ziehen Sie das bitte über. Ihre Großmutter muss vor Keimen geschützt werden. Sie hat neben ihrem Schlaganfall auch eine Lungenentzündung entwickelt.«

»So rasch?«, entgegnete Diana, der sofort Horrorgeschichten von Krankenhausbakterien durch den Sinn gingen.

»Wahrscheinlich eine verschleppte Grippe. Als sie eingeliefert wurde, zeigte sie deutliche Symptome. Wäre der Schlaganfall nicht gewesen, wäre die Lungenentzündung wahrscheinlich nicht bemerkt worden.« Die Schwester klang verstimmt. Wärst du auch, wenn man dir unterschwellig vorwerfen würde, deine Arbeit nicht richtig zu machen, dachte Diana.

»Wenn Sie fertig angezogen sind, desinfizieren Sie sich die Hände. Sollten Sie zwischendurch das Krankenzimmer verlassen, müssen Sie die ganze Prozedur bei der Rückkehr wiederholen.«

Diana hatte nicht vor, das zu tun.

»Sie dürfen eine halbe Stunde bleiben, aber nicht länger«, erklärte die Schwester ihr weiter, während sie versuchte, den dünnen blauen Überzieher hinter ihrem Rücken zu schließen, was sich als gar nicht so einfach erwies. »Und bitte reden Sie leise und versuchen Sie, sie nicht aufzuregen.«

Natürlich stürme ich mit Pauken und Trompeten in ein Krankenzimmer! Ihre Wut unterdrückend bedankte Diana sich für das Häubchen, das ihr die Schwester reichte, und versicherte ihr, sich an die Regeln zu halten. Als sie die Haube über ihr Haar und ihren Mundschutz vors Gesicht gebunden hatte, durfte sie endlich eintreten.

Obwohl sie sich innerlich bereits gewappnet hatte und auch Erfahrungen mit dem Aussehen eines Schwerkranken hatte – ihre Mutter war vor neun Jahren an Krebs gestorben –, war Emmelys Anblick ein Schock für sie.

Das rotblonde Haar war verblichen wie Wolle, die zu lange der Sonne ausgesetzt gewesen war. Ihr runzliges Gesicht war eingefallen, dunkle Schatten umgaben die Augen. Aus dem leicht geöffneten Mund drang rasselnder Atem. Die nun vollständig gelähmten Arme waren mit Bändern fixiert worden, damit sie nicht zwischen die Bettgitter gerieten. Diana stellte erschrocken fest, wie mager Emmely geworden war. Offenbar hatten noch andere Dinge an ihr gezehrt als der Schlaganfall.

Mit den Tränen kämpfend, die einen dicken Kloß in ihrem Hals bildeten, trat sie leise an das Bett heran, das von mindestens einem halben Dutzend Geräte umstanden wurde, die in einem bestimmten Rhythmus leise vor sich hin piepten.

»Tante Emmely?«, fragte Diana leise, während sie sich über das Gesicht der Kranken beugte. Keine Reaktion. War sie überhaupt in der Lage, etwas zu hören? Die Schwester war inzwischen wieder fort, sie konnte sie nicht mehr fragen.

»Tante Emmely?«, wiederholte Diana jetzt ein wenig lauter, wobei sie ihre ganze Beherrschung aufbringen musste, um nicht zu weinen.

»Diana?«

Obwohl sie sehr leise sprach, war Emmely gut zu verstehen. Unendlich langsam drehte sie den Kopf zu der Seite, von wo sie ihren Namen vernommen hatte, dann schlug sie die Augen auf.

»Ja, ich bin hier, Tante.« Diana wollte schon nach einer ihrer Hände greifen, doch als ihr einfiel, dass sie dort nichts spüren konnte, streichelte sie ihr sanft übers Haar und spürte dabei, dass ihre Stirn glühte.

»Wie gut, dass ich dich noch einmal sehen darf«, flüsterte Emmely, während sie den Blick eindringlich auf Diana richtete. »Du bist in den letzten Jahren noch hübscher geworden, fast wie deine Großmutter Beatrice. Sie war auch wunderschön, nachdem sie sich von dem Elend ein wenig erholt hatte.«

Diana unterdrückte ein Schluchzen, konnte aber nicht verhindern, dass eine Träne über ihre Wange glitt und aufs Betttuch tropfte. »Du bist auch wunderschön, Tante.«

»Ausnahmsweise glaube ich dir mal«, entgegnete Emmely, wobei kurz ihr Humor wieder durchblitzte, der sie bei der Nachbarschaft so beliebt gemacht hatte. »Aber warum weinst du dann? Sehe ich wirklich so schlimm aus?«

Diana schüttelte den Kopf. »Nein, es ist nur …«

»Weil es mit mir zu Ende geht?«

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Ach Kindchen, für jeden kommt früher oder später der Abschied. Ich hatte ein langes Leben, nicht immer glücklich, wie du weißt, aber es war lang, und ich hatte die Möglichkeit, einiges von der Schuld, die auf unserem Familienzweig liegt, abzutragen.«

Schuld? Diana hob verwundert die Brauen. Welche Schuld sollte diese freundliche und liebevolle Frau auf sich geladen haben? Oder ihre Familie?

»Vielleicht lerne ich im Jenseits endlich mal Grace kennen, die Frau, die in gewisser Weise auch mein Leben bestimmt hat, selbst wenn ich sie nicht persönlich kannte«, fuhr Emmely fort, während Schweißperlen auf ihrer Stirn erschienen.

Am liebsten hätte Diana ihr gesagt, dass sie sich besser ausruhen und ihre Kräfte sparen sollte, aber schon früher hatte sich Emmely nie den Mund verbieten lassen. Daran hatte sich gewiss nichts ge­ändert.

»Ich werde ihr erzählen, dass ihre Liebe noch immer Früchte trägt und dass ich alles getan habe, um Vergebung für Victoria zu erlangen. Die Toten wissen, welche Schuld die Menschen auf sich geladen haben …«

Ein Hustenanfall brachte die Geräte dazu, alarmiert zu piepen. Erschrocken wich Diana zurück und wollte schon nach der Schwester rufen, doch da normalisierte sich alles von allein wieder.

Stöhnend sank Emmely in die Kissen zurück. »Ein Geheimnis überschattet unsere Familie. Eines, das Grace nicht kannte.« Als sie die Augen wieder öffnete, wirkte ihr Blick entrückt, als könnte sie in der Ferne die noch vor dem Krieg Verstorbene bereits sehen. »Meine Großmutter hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen deswegen.«

Ihr Atem kam nun stoßweise, als würden sie die Worte furchtbar anstrengen.

Am liebsten hätte Diana ihr geraten, erst einmal auszuruhen und es ihr später zu erzählen. Doch Emmely würde sich nicht davon abhalten lassen, zu tun, was immer sie wollte.

»Ich kann dir leider nicht sagen, worum es genau ging. Ich hatte immer den Verdacht, dass meine Mutter etwas Genaueres wusste, doch sie hat mich nicht eingeweiht. Das Einzige, was Mum mir auf dem Sterbebett verraten hat, war, dass Grandma Victorias Geheimnis erst enthüllt werden sollte, wenn nur noch eine von uns übrig ist. Du bist der letzte Spross unserer Familie, denn ich hatte leider nie Kinder. Jetzt ist die Zeit gekommen.«

Dianas Magen klumpte sich zusammen. Es stimmte, sie war die letzte. Die Nachkommenschaft der Tremaynes hatte sich in Grenzen gehalten – und war durchweg weiblich gewesen, so dass der ursprüngliche Name schon längst aus den Annalen verschwunden war.

»Im alten Arbeitszimmer gibt es im mittleren Regal ein Geheimfach. Der Schlüssel war schon zu Zeiten meiner Mutter verschwunden, aber es sollte keine Mühe bereiten, einen anfertigen zu lassen. Nimm, was darin liegt, und mach das Beste daraus. Füge die Fäden der Geschichte zu einem Ganzen zusammen.«

Schritte näherten sich dem Zimmer. Offenbar war ihre Zeit abgelaufen, und die Schwester kam nun, um sie daran zu erinnern.

Emmely starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Aus ­ihrem linken Augenwinkel lief eine Träne. Eine Herzträne, wie ihre Mutter sie immer genannt hatte. »Versprich mir, dass du alles herausfinden und wieder zusammenfügen wirst. Grace und Victoria …«

»Miss Wagenbach?«

Die Schwester stand an der Tür, unerbittlich wie der Wächter eines Gefangenen.

»Die halbe Stunde ist gleich vorbei. Verabschieden Sie sich bitte, wir wollen Ihre Großmutter gleich umlagern.«

Diana nickte und wartete, bis sie wieder verschwunden war. Dann beugte sie sich erneut über Emmely und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich verspreche, ich werde alles wieder zusammenfügen.«

Jetzt lächelte ihre Tante sie beruhigt an. »Du bist wirklich ein liebes Mädchen, das alles Glück der Welt verdient hat. Indem du unser Geheimnis löst, wirst du selbst Frieden finden, da bin ich sicher.«

Schläfrig sank Emmely wieder in die Kissen.

»Ich komme morgen wieder«, versprach Diana und strich noch einmal über ihr Haar. Ob ihre Tante die Worte gehört hatte, wusste sie nicht, denn als sie sich vom Bett entfernte, war Emmely bereits wieder eingeschlafen.

Mr Green wartete wie versprochen in der Halle. Hastig wischte sich Diana die Tränen vom Gesicht, denen sie sich auf dem Weg hingegeben hatte. Ihre Wangen glühten zwar verräterisch, doch das war immerhin besser, als in Gegenwart eines anderen zu weinen, als wäre sie ein kleines Kind.

»Ah, Mrs Wagenbach!« Mr Green faltete die Zeitung zusammen, mit der er sich die Zeit vertrieben hatte, und erhob sich. »Darf ich fragen, wie es Madam geht?«

»Ich habe mit ihr gesprochen«, berichtete Diana tapfer. »Aber es geht ihr sehr schlecht. Die Schwester meinte, dass sie eine Lungenentzündung hinzubekommen hat, die sie seit Tagen mit sich herumschleppte.«

»Das tut mir leid. Sofern Ihre Tante bereits krank war, hat sie es mich nicht bemerken lassen.« Mr Green wirkte zerknirscht. Als Butler hatte er zwar die Aufgabe, den Haushalt zu führen, aber das persönliche Befinden seiner Herrin ging ihn so lange nichts an, bis sie ihm etwas sagte oder er bemerkte, dass es ihr schlechtging. Emmely war schon immer eine Meisterin des Verbergens gewesen.

»Ja, so ist sie.« Dianas kurzes Lachen klang eher wie ein Schluchzer.

»Wie Sie sehen, zeigt sich England heute von seiner besten Seite, was die Luftfeuchtigkeit angeht«, bemerkte Mr Green ironisch, als er den Schirm elegant aus dem Ständer zog. Der Regen war zwar etwas schwächer geworden, aber noch immer war keinerlei Sonne in Sicht. »Möchten Sie unterwegs noch etwas essen, Madam?«

»Nein, danke, es wäre gut, wenn wir gleich nach Hause fahren könnten.«

Nach Hause. Erst als sie durch die Tür des Krankenhauses trat, fiel ihr auf, wie selbstverständlich sie diese Wendung in Verbindung mit Tremayne House verwendete. So als hätte es ihr Leben in Berlin nicht gegeben.

Während sich die dicht befahrenen Schnellstraßen allmählich in Landstraßen verwandelten, die von Wildrosensträuchern und Baumalleen gesäumt wurden, kämpfte Diana mit den Bildern in ihrem Kopf, die durch das sonore Brummen des Motors herbeigerufen wurden.

Sie sah Emmely Anfang fünfzig, wie sie sich über ihr Kinderbett beugte und ihr liebevoll über das Haar strich. Ein paar Jahre später huschte sie geschäftig an ihr vorbei, während Dia­na am Küchentisch saß und zeichnete. Alle Ferien verbrachte sie in Tremayne House, weil es ihre Mutter, die mit achtzehn nach Deutschland gegangen war, immer wieder an den Ort zurückzog, an dem sie geboren worden war.

Das Bild wechselte zu der über sechzigjährigen Emmely, die stolz und elegant gekleidet bei Dianas Konfirmation in der Kirche saß und von den anderen Gästen neugierig und bewundernd beäugt wurde. Mit weit über siebzig kam sie ein zweites Mal nach Berlin, um Diana zu ihrem bestandenen Diplom zu gratulieren. Da hatte man ihr noch nicht angesehen, dass die Zeit ihre Kraft allmählich auffraß.

Bei Dianas letztem Besuch war sie bereits von einem Schlaganfall gezeichnet, hatte aber dennoch nicht den Mut verloren. Stolz hatte Diana ihr damals berichtet, dass sie zusammen mit ihrer Studienkollegin Eva eine eigene Anwaltskanzlei eröffnen würde. Nachdem ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war und ihre Mutter an einem Krebsleiden gestorben war, war es Emmely gewesen, die Diana zur Seite gestanden hatte. Als die Trauer sie zu überwältigen drohte, hatte Emmely sie nach Tremayne House eingeladen, wo ­Diana einen ganzen Sommer lang Zeit für sich gehabt hatte.

Danach war Philipp in ihr Leben getreten, und in den kommenden Jahren waren er und das Büro der Grund gewesen, warum sie sich nur noch selten bei Emmely meldete und sich nicht mehr blicken ließ, was Diana jetzt zutiefst bereute. Sie war immer für mich da, dachte sie. Und ich habe sie im Stich gelassen.

Trauer mischte sich mit dem Groll auf Philipp. Vielleicht wäre ich ohne ihn öfter hier gewesen …

Doch Diana wusste nur zu gut, wenn nicht Philipp, wäre ein anderer Mann in ihr Leben getreten. Ein besserer vielleicht, doch wahrscheinlich hätte sie sich ebenfalls mehr um ihn gekümmert als um ihre Tante in England.

»Wir sind gleich da, Madam«, verkündete Mr Green, als wollte er auf jeden Fall verhindern, dass sie den Anblick des Hauses verpasste.

Von der kleinen Anhöhe, der sie sich näherten, konnte man beinahe das gesamte Anwesen überschauen, das aus dem eleganten zweistöckigen Herrenhaus, einem Nebengelass und einem Stalltrakt bestand.

In der Nähe der Themse errichtet, sollte das Anwesen einst einem berüchtigten Adligen gehört haben, der in eine Verschwörung gegen Elisabeth I. verwickelt war. In seiner Nachbarschaft hatte angeblich der berüchtigte Spionagechef ­Elisabeths, Sir Francis Walsingham, gelebt. Im siebzehnten Jahrhundert hatte die Familie Tremayne den Besitz von Charles II., dem Restaurationskönig, erhalten. Seitdem hatten Nachfahren der Familie das Haus am Leben erhalten, und es war ihnen auch gelungen, kein Museum daraus machen zu lassen.

Tremayne House wirkte an diesem trüben Spätnachmittag wie ein nasser Hund, der sich reumütig vor die Füße seines Herrn niederlässt und ihn mit großen Augen flehentlich ­ansieht. Von allen Erkern, dem Dach und den Regenrinnen fielen dicke Wassertropfen, der Abfluss neben der Treppe mühte sich vergeblich, die Fluten aufzufangen.

Nachdem Mr Green den Bentley auf dem Rondell, das von einem Springbrunnen geschmückt wurde, zum Stehen gebracht hatte, griff er nach dem Schirm, den er im Fußraum des Fonds abgelegt hatte.

»Warten Sie, Madam, ich bringe Sie zur Tür.«

Ehe sie anmerken konnte, dass sie das kleine Stück zur Tür schaffen würde, ohne wie ein Zuckerwürfel aufzuweichen, war Mr Green mit dem aufgespannten Schirm schon neben ihr und öffnete ihr die Tür. Über der Schulter trug er ihre Tasche, die Diana beinahe schon wieder vergessen hatte.

In der Halle überfiel Diana für einen Moment die Vorstellung, wie sie früher ausgesehen haben musste. Zu Zeiten von Grace und Victoria. Um diese Uhrzeit war gewiss eine Armee von Dienstmädchen unterwegs gewesen, um ihrer Herrschaft jeden Wunsch zu erfüllen. Hin und wieder wird der damalige Butler nach dem Rechten gesehen und nach den Wünschen seines Herrn gefragt haben, während in der ­Küche mit Töpfen und Geschirr geklappert wurde.

Ein wenig von der früheren Betriebsamkeit schienen die Mauern aufgesogen und gespeichert zu haben. Warum sonst sollte ihr gerade jetzt all das in den Sinn kommen?

»Ich habe Ihr Zimmer bereits vorbereitet«, verkündete Mr Green, der den Schirm beinahe geräuschlos in den Metallständer neben der Tür geschoben hatte. »Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

Diana wollte schon einwenden, dass sie die Tasche auch ­allein hochtragen könnte, doch Mr Green war da bereits an der Treppe. Vielleicht sollte ich mich dem Gefühl, umsorgt zu werden, einfach hingeben, dachte sie, als sie die marmornen Stufen erklomm, die von feinen Rissen durchzogen waren, aber dennoch nichts von ihrer Festigkeit verloren hatten. Das wäre mal etwas ganz anderes nach all den Monaten Vernachlässigung durch Philipp.

Die vertrauten Stuckornamente, die Gemälde von längst vergangenen Menschen und Szenen umrahmten, das Knarren der Bodendielen im zweiten Stock und der Geruch nach alter Tapete zerrten sie sogleich in ihre Jugend zurück, als die Probleme der Erwachsenen sie noch nichts angingen. Liebevoll strich sie über den schweren goldenen Rahmen, der eine Szene aus dem hiesigen Park einfasste. Unter den schweren Trauerweiden, die den kleinen See umstanden, saßen zwei junge Mädchen neben ihrer Mutter auf einer Decke, um ein kleines Picknick abzuhalten.

Angesichts der Entstehungszeit um 1878 musste es sich bei den Kindern um Grace und Victoria handeln, den letzten, die von Geburt an den Namen Tremayne trugen. Die kleinere der beiden, Emmelys Großmutter Victoria, saß vor einer winzigen Staffelei, während die Ältere einen Blumenkranz wand. Ihre Mutter thronte in einem von Spitzen und Seidenblumen geschmückten zartgrünen Kleid wie eine Königin zwischen ihnen.

Diana hatte das Bild, das dank seines Realismus wie ein Fenster in eine ferne Zeit wirkte, immer geliebt. Und auch jetzt wäre sie gern stehen geblieben, um den Mädchen und ihrer Mutter noch ein Weilchen zuzusehen. Doch Mr Green wartete bereits an der Tür.

Diana roch sofort, dass ihr Zimmer renoviert worden war. Der Geruch der Moderne mischte sich wie ein ungebetener Gast in den Muff vergangener Tage. Glücklicherweise waren die Reparaturen äußerst diskret ausgefallen. Die verblichene Blütentapete, die ansonsten noch in recht gutem Zustand war, hatte man mit einem durchsichtigen Firnis überstrichen, der sie wohl noch für weitere Jahre erhalten sollte. Einer der Bettpfosten war erneuert worden, was man aber nicht an einem Unterschied in der rotbraunen Farbe sah, sondern an der Struktur des Holzes – dem neuen Bettpfosten fehlten ganz einfach die Bohrlöcher der Holzwürmer. Eine willkommene Neuerung war der weiche Teppich, dessen dichter Flor dazu einlud, barfuß hinüberzulaufen. Farblich passte er perfekt zu den Möbeln, doch er war viel zu sauber, um in eine andere Zeit zu gehören.

Beinahe andächtig ging Diana zum Kamin. Das darin brennende Feuer zog die Feuchtigkeit aus der Luft und milderte die durch die alten Fenster hereindringende Kühle des Regentages ein wenig ab. Als Kind hatte sie gern hier gesessen, das Tanzen der Flammen beobachtet und versucht, die Funken zu zählen, die beim Zusammenbrechen eines Scheites aufstoben.

»Wenn Sie möchten, bringe ich Ihnen den Tee nach oben«, schlich sich die Stimme des Butlers sanft in den kurzen Erinnerungsfetzen.

Diana schüttelte den Kopf. Nach all den Ereignissen des Tages stand ihr nicht der Sinn danach, einsam in diesem Zimmer zu sitzen, in dem die Geister der Tremaynes wispernde Gespräche führten, sobald der Butler gegangen war.

»Ich packe nur schnell meine Sachen aus und komme dann runter in die Küche. Ich nehme an, dass meine Tante keine Köchin mehr beschäftigt hat.«

»Nein, schon seit einigen Jahren nicht mehr. Ich habe diesen Part übernommen.« Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Butlers, zu kurz, um es fassen zu können. Ist es ihm peinlich, das zuzugeben? Wunderte er sich darüber, dass eine anspruchsvolle Herrin wie Emmely Woodhouse mit seinen Kochkünsten zufrieden war?