Die schöne Diva von Saint-Jacques - Fred Vargas - E-Book

Die schöne Diva von Saint-Jacques E-Book

Fred Vargas

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Beschreibung

Irgendwo zwischen Montparnasse und der Place d'Italie leben die drei arbeitslosen Junghistoriker Mathieu, Marc und Lucien. Sie mögen sich - als Freunde. Sie verachten einander - beruflich. Eines Tages werden sie unfreiwillig zu Kriminalisten, als ihre schöne Nachbarin spurlos verschwunden ist. Fred Vargas, die charmanteste Neuentdeckung der französischen Kriminalliteratur, vereint in ihren Romanen alles, was zu einem guten Krimi gehört: einen spannenden Plot, eine angemessene Zahl von Toten, einen schwer zu findenden Mörder. Aber sie haben noch etwas ganz Seltenes: literarische Phantasie, eine poetische Intelligenz, viel Humor und sprühende Dialoge.

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Fred Vargas

Die schöne Diva von Saint-Jacques

Kriminalroman

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

Impressum

Titel der Originalausgabe

Debout les morts

ISBN 978-3-8412-0102-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Dezember 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 1999 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Debout les morts © Éditions Viviane Hamy, Paris 1995

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung eines Fotos von Frederic Cirou, getty images

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Für meinen Bruder

1

»Pierre, im Garten stimmt was nicht«, sagte Sophia.

Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.

Pierre las die Zeitung beim Frühstück. Vielleicht sah Sophia deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten.

»Pierre, im Garten steht ein Baum.«

Sie setzte sich neben ihn.

»Pierre, sieh mich an.«

Pierre hob den Kopf und sah seine Frau gelangweilt an. Sophia legte ihren Schal ordentlich um den Hals, eine Gewohnheit, die sie aus ihrer Zeit als Sängerin bewahrt hatte. Die Stimme warm halten. Zwanzig Jahre zuvor hatte Pierre auf den steinernen Sitzreihen des römischen Theaters in Orange ein gewaltiges Gebirge aus Liebesschwüren und Beteuerungen errichtet. Unmittelbar vor einer Vorstellung.

Sophia streckte die Hand aus und zog das freudlose Gesicht des Zeitungslesers zu sich.

»Was ist mit dir, Sophia?«

»Ich habe etwas gesagt.«

»Ja?«

»Ich habe gesagt: ›Im Garten steht ein Baum.‹«

»Das habe ich gehört. Das scheint mir normal, oder?«

»Da steht ein Baum im Garten, der gestern noch nicht da stand.«

»Und weiter? Was geht mich das an?«

Sophia war beunruhigt. Sie wußte nicht, ob es die Zeitung war oder der gelangweilte Blick oder der Baum, aber es war klar, daß irgend etwas nicht stimmte.

»Pierre, erklär mir, wie ein Baum es anstellt, ganz allein in einen Garten zu kommen.«

Pierre zuckte mit den Schultern. Es war ihm vollständig egal.

»Was hat das für eine Bedeutung? Bäume pflanzen sich fort. Ein Samenkorn, ein Trieb, ein Wurzelschößling, und das war’s schon. Später werden in unseren Breiten große Wälder draus. Ich vermute mal, das weißt du.«

»Es ist kein Trieb. Es ist ein Baum! Ein junger, gerader Baum mit Ästen und allem, was dazugehört. Ganz von selbst einen Meter vor die hintere Mauer gepflanzt. Also?«

»Also hat der Gärtner ihn gepflanzt.«

»Der Gärtner ist für zehn Tage in Ferien, und ich habe ihm auch keinen Auftrag gegeben. Es war nicht der Gärtner.«

»Das ist mir egal. Glaub ja nicht, daß ich mich wegen eines kleinen, geraden Baums vor der hinteren Mauer aufregen werde.«

»Willst du nicht wenigstens aufstehen und ihn dir ansehen? Wenigstens das?«

Pierre stand schwerfällig auf. Mit der Lektüre war es sowieso vorbei.

»Siehst du ihn?«

»Natürlich sehe ich ihn. Es ist ein Baum.«

»Gestern stand er noch nicht hier.«

»Vielleicht.«

»Ganz sicher. Was sollen wir tun? Hast du eine Idee?«

»Warum eine Idee?«

»Dieser Baum macht mir angst.«

Pierre lachte. Er deutete sogar eine zärtliche Geste an. Aber nur flüchtig.

»Es stimmt, Pierre. Er macht mir angst.«

»Mir nicht«, sagte er und setzte sich wieder. »Ich finde den Besuch dieses Baums eher sympathisch. Man sollte ihn in Ruhe lassen, und Schluß damit. Und du solltest mich damit in Ruhe lassen. Wenn sich jemand im Garten geirrt hat, hat er halt Pech gehabt.«

»Aber er ist nachts gepflanzt worden, Pierre!«

»Um so wahrscheinlicher, daß sich jemand im Garten geirrt hat. Oder es ist ein Geschenk. Hast du das schon in Erwägung gezogen? Einer deiner Bewunderer wollte dich diskret zu deinem fünfzigsten Geburtstag ehren. Bewunderer neigen zu derlei Skurrilitäten, vor allem die hartnäckigen, mausartigen Bewunderer, die nicht erkannt sein wollen. Geh und sieh nach, ob vielleicht eine Nachricht dranhängt.«

Sophia dachte nach. Die Idee war nicht ganz abwegig. Pierre hatte die Bewunderer in zwei große Kategorien unterteilt. Es gab die mausartigen Bewunderer: Sie waren ängstlich, hektisch, stumm und nicht zu vertreiben. Pierre hatte einmal eine Maus erlebt, die im Laufe eines Winters einen kompletten Reisbeutel in einen Gummistiefel befördert hatte. Korn für Korn. Auf die gleiche Weise gingen auch die mausartigen Bewunderer vor. Und es gab die rhinozerosartigen Bewunderer, in ihrer Art ebenfalls furchtbar: lärmig, brüllend und sehr von sich überzeugt. Innerhalb dieser beiden Kategorien hatte Pierre einen Haufen von Unterkategorien aufgestellt. Sophia erinnerte sich nicht mehr genau. Pierre verachtete die Bewunderer, die es vor ihm gegeben hatte, und jene, die nach ihm gekommen waren, mit anderen Worten alle. Mit dem Baum konnte er aber recht haben. Vielleicht, aber nicht sicher. Sie hörte Pierre, wie er »Auf Wiedersehen – bis heute abend – mach dir keine Sorgen« sagte, und blieb allein zurück.

Mit dem Baum.

Sie ging zu ihm hin, um ihn sich anzusehen. Aber vorsichtig, als ob er explodieren könnte.

Natürlich hing keine Nachricht dran. Am Fuß des jungen Baums war eine runde Fläche frisch umgegrabener Erde. Was war das eigentlich für ein Baum? Sophia umkreiste ihn mehrmals schmollend und mit feindseligem Blick. Sie tendierte zu einer Buche. Sie tendierte auch dazu, ihn wieder brutal herauszureißen, aber sie war ein bißchen abergläubisch und wagte es nicht, sich an einem lebenden Wesen zu vergreifen, und sei es eine Pflanze. Tatsächlich reißen nur wenige Menschen gerne einen Baum aus, der ihnen nichts getan hat.

Sie brauchte lange, bis sie ein Buch zu diesem Thema gefunden hatte. Neben der Oper, der Beschäftigung mit dem Leben der Esel und den Mythen hatte Sophia nicht die Zeit gehabt, viel zu lernen. Eine Buche? Schwer zu sagen ohne Blätter. Sie durchsuchte das Stichwortverzeichnis des Buches, um zu sehen, ob ein Baum vielleicht Sophia irgendwas hieß. Als eine versteckte Ehrung, genau auf der Linie eines verkrampften mausartigen Bewunderers. Das wäre beruhigend. Nein, es gab nichts über Sophia. Oder eine Art Stelyos irgendwas? Das wäre alles andere als angenehm. Stelyos hatte nichts Mausartiges, auch nichts Rhinozerosartiges. Und er verehrte Bäume. Nachdem Pierre sein Gebirge von Schwüren auf den steinernen Rängen von Orange errichtet hatte, hatte Sophia sich gefragt, auf welche Weise sie Stelyos verlassen sollte, und sie hatte weniger gut gesungen als sonst. Und diesem verrückten Griechen war nichts Besseres eingefallen, als kurzerhand ins Wasser zu gehen. Man hatte ihn, keuchend auf dem Wasser treibend wie ein Idiot, wieder aus dem Mittelmeer gezogen. Als Jugendliche hatten Sophia und Stelyos es geliebt, mit Eseln, Ziegen und all dem Kram Delphi zu verlassen und die Pfade entlangzuziehen. Sie nannten das »die alten Griechen spielen«. Und dieser Idiot wollte sich ertränken. Zum Glück gab es das Gebirge von Pierres Gefühlen. Heute kam es bisweilen vor, daß Sophia unwillkürlich ein paar vereinzelte Brocken davon suchte. Stelyos? Eine Drohung? Würde Stelyos so etwas tun? Ja, dazu wäre er fähig. Das Mittelmeer hatte wie ein Peitschenhieb auf ihn gewirkt. Als er wieder an Land war, hatte er wie ein Verrückter herumgeschrien. Sophias Herz schlug zu schnell, sie mußte sich anstrengen, um aufzustehen, ein Glas Wasser zu trinken, einen Blick aus dem Fenster zu werfen.

Dieser Blick beruhigte sie sofort. Was war nur in sie gefahren? Sie holte tief Luft. Ihre Manie, die sie manchmal überkam, sich aus einem Nichts heraus eine Welt logisch aufeinanderfolgender Schrecken aufzubauen, war belastend. Es war – sie war fast sicher – eine Buche, eine junge Buche ohne jede Bedeutung. Aber wo war der Pflanzer letzte Nacht mit dieser verdammten Buche hergekommen? Sophia zog sich rasch an, verließ das Haus, prüfte das Schloß am Gittertor. Nichts zu bemerken. Allerdings war es ein so einfaches Schloß, daß man es mit einem Schraubenzieher sicherlich in Nullkommanichts öffnen konnte, ohne Spuren zu hinterlassen.

Frühlingsanfang. Es war feucht, und sie begann zu frieren, während sie dort stand und mißtrauisch der Buche die Stirn bot. Eine Buche. Ein Wesen? Sophia schob diesen Gedanken beiseite. Sie haßte es, wenn ihre griechische Seele mit ihr durchging, und dann gleich zweimal an einem Morgen. Und Pierre würde sich nie für den Baum interessieren. Warum auch? War es normal, daß er derart gleichgültig war?

Sophia hatte keine Lust, den ganzen Tag mit dem Baum allein zu bleiben. Sie nahm ihre Handtasche und verließ das Haus. Auf der schmalen Straße stand ein junger Typ, Anfang Dreißig oder älter, und spähte durch den Zaun des Nachbarhauses. »Haus« war ein vornehmes Wort. Pierre sagte immer »die Bruchbude«. Er fand, daß diese Bruchbude, in der seit Jahren niemand mehr wohnte, in ihrer vornehmen Straße mit den gepflegten Häusern einen schmuddeligen Eindruck machte. Bis zu diesem Moment hatte Sophia nie daran gedacht, Pierre könne mit zunehmendem Alter vielleicht zum Kretin werden. Diese Vorstellung setzte sich jetzt in ihr fest. Die erste unselige Wirkung des Baums, dachte sie böswillig. Pierre hatte sogar die Mauer zwischen den Grundstücken höher machen lassen, um sich vor der Bruchbude zu schützen. Jetzt konnte man sie nur noch von den Fenstern des zweiten Stocks aus sehen. Der junge Typ schien die Fassade mit den kaputten Fenstern eher zu bewundern. Er war schlank, hatte schwarze Haare und war schwarz gekleidet, eine Hand starrte vor breiten Silberringen. Er hatte ein eckiges Gesicht, das er zwischen zwei Stäbe des rostigen Zauns klemmte.

Exakt die Sorte Mensch, die Pierre nicht mochte. Pierre war ein Verfechter des Maßvollen und der Zurückhaltung. Und dieser junge Typ war elegant, ein bißchen prosaisch und ein bißchen protzig. Schöne Hände, die um die Gitterstäbe griffen. Sophia beobachtete ihn und empfand dabei einen gewissen Trost. Sicher war das auch der Grund, weshalb sie ihn fragte, was das dort hinten seiner Ansicht nach für ein Baum sei. Der junge Typ löste seine Stirn vom Gitter, das ein wenig Rost in seinem glatten schwarzen Haar zurückließ. Er mußte schon ein Weilchen dort an das Gitter gelehnt gestanden haben. Ohne Erstaunen, ohne Fragen zu stellen folgte er Sophia, die ihm den jungen Baum zeigte, den man von der Straße aus recht gut erkennen konnte.

»Das ist eine Buche, Madame«, sagte der junge Typ.

»Sind Sie sicher? Entschuldigen Sie, aber das ist sehr wichtig.«

Der junge Typ sah noch einmal genau hin. Mit seinen dunklen, noch nicht freudlosen Augen.

»Da gibt es keinerlei Zweifel, Madame.«

»Ich danke Ihnen, Monsieur. Sehr freundlich von Ihnen.«

Sie lächelte ihn an und ließ ihn stehen. Der junge Typ ging, mit der Fußspitze einen kleinen Stein vor sich her kickend, nun ebenfalls seiner Wege.

Sie hatte also recht. Es war eine Buche. Nur eine Buche.

Mist.

2

Na bitte.

Genau das heißt in der Scheiße stecken. Wie lange schon? Sagen wir mal zwei Jahre.

Und dann, nach zwei Jahren Scheiße, plötzlich die Sache mit dem Licht am Ende des Tunnels. Marc kickte mit der Fußspitze einen Stein vor sich her und beförderte ihn sechs Meter vorwärts. Es ist nicht leicht, auf den Bürgersteigen von Paris einen Stein zu finden, den man vor sich her kicken kann. Auf dem Land schon. Aber auf dem Land ist einem der Stein egal. Während man es in Paris ab und zu braucht, einen ordentlichen Stein vor sich her kicken zu können. So ist das. Gerade vor einer Stunde hatte Marc das Glück gehabt, einen absolut korrekten Stein zu finden, kurzer Lichtblick in der Scheiße. Also kickte er ihn vor sich her und folgte ihm.

Das hatte ihn bis in die Rue Saint-Jacques geführt – nicht ohne einige Schwierigkeiten. Den Stein mit den Händen zu berühren war verboten, nur der Fuß war erlaubt. Also sagen wir zwei Jahre. Keine Stelle mehr, keine Kohle, keine Frau. Keine Besserung in Aussicht. Höchstens vielleicht diese Baracke. Gestern morgen hatte er sie entdeckt. Vier Stockwerke, wenn man den Dachstuhl mitzählte, ein kleines Gärtchen, in einer völlig abgelegenen Straße und in elendem Zustand. Überall Löcher, keine Heizung und das Klo im Garten, mit Holzriegel. Wenn man die Augen zusammenkniff, etwas Wunderbares. Wenn man sie wieder öffnete, ein Desaster. Allerdings wollte ihr Besitzer nur eine lächerlich geringe Miete dafür – unter der Bedingung, daß Marc das Ganze herrichtete. Mit der Baracke könnte er aus der Scheiße rauskommen. Und den Paten könnte er auch unterbringen. In der Nähe der Baracke hatte eine Frau ihn was Merkwürdiges gefragt. Was war das noch gleich? Ach ja. Nach einem Baum. Komisch, wie wenig die Leute von den Bäumen wissen, obwohl sie nicht ohne sie auskommen können. Im Grunde haben sie vielleicht recht. Er kannte sich zwar in Bäumen aus – aber wohin hatte ihn das gebracht?

In der Rue Saint-Jacques kam der Stein aus der Bahn. Steine mögen keine ansteigenden Straßen. Er hatte sich in den Rinnstein verzogen, und das auch noch direkt hinter der Sorbonne. Schluß mit dem Mittelalter, adieu. Adieu Klerus, Adel und Bauern. Adieu. Marc ballte die Hände in den Taschen. Keine Stelle mehr, keine Kohle, keine Frau und kein Mittelalter. So was Fieses. Geschickt beförderte Marc den Stein aus dem Rinnstein wieder auf den Bürgersteig. Es gibt einen Trick, um einen Stein wieder auf den Bürgersteig springen zu lassen. Marc kannte ihn gut, so gut wie das Mittelalter, schien ihm. Bloß nicht mehr ans Mittelalter denken. Auf dem Land steht man nie vor der Herausforderung, einen Stein wieder auf den Bürgersteig befördern zu müssen. Deswegen hat man auf dem Land auch nie das Bedürfnis, Steine vor sich her zu kicken, wo es sie doch tonnenweise gibt. Mit Bravour überquerte Marcs Stein die Rue Soufflot und nahm nun ohne allzu große Probleme den schmaleren Teil der Rue Saint-Jacques in Angriff.

Sagen wir zwei Jahre. Und nach zwei Jahren bleibt als einziger Reflex eines Mannes, der in der Scheiße sitzt, sich auf die Suche nach einem anderen Mann zu machen, der in der Scheiße sitzt.

Denn mit denen Kontakt zu pflegen, die es geschafft haben, wenn man selbst mit fünfunddreißig vollkommen gescheitert ist, das verbittert. Sicher, anfangs ist es noch unterhaltsam, es läßt einen träumen und macht Mut. Dann fängt es an zu nerven, und schließlich verbittert es. Man kennt das ja. Und Marc wollte vor allem nicht verbittert werden. Sowas ist häßlich und riskant, vor allem für einen Mediävisten. Nach einem kräftigen Tritt erreichte der Stein das Val-de-Grâce.

Es gab da jemanden, von dem er gehört hatte, daß er ebenfalls in der Scheiße saß. Und nach neuesten Informationen schien Mathias Delamarre schon geraume Zeit so richtig authentisch in der Scheiße zu sitzen. Marc mochte ihn, ja sogar sehr. Aber er hatte ihn in den besagten zwei Jahren nicht mehr gesehen. Vielleicht machte Mathias ja bei dem Vorhaben mit, die Baracke zu mieten. Denn die lächerliche Miete konnte Marc im Augenblick nur zu einem Drittel beschaffen. Und man mußte schnell zusagen.

Seufzend kickte Marc den Stein bis zu einer Telefonzelle. Wenn Mathias mitmachen würde, könnte er sich das Geschäft vielleicht sichern. Mit Mathias gab es nur ein großes Problem. Er war Prähistoriker. Für Marc war damit alles gesagt. Aber war das jetzt der Moment, sektiererisch zu werden? Trotz des gewaltigen Grabens, der sie trennte, mochten sie sich. Das war merkwürdig. Er sollte lieber an diese Merkwürdigkeit denken und weniger an Mathias’ absurde Entscheidung für die abstoßende Epoche der Jäger und Sammler mit den Feuersteinen. Marc fiel seine Telefonnummer wieder ein. Jemand antwortete ihm, daß Mathias nicht mehr dort wohne, und gab ihm eine neue Nummer. Entschlossen wählte er erneut. Mathias war zu Hause. Als Marc seine Stimme hörte, atmete er auf. Daß ein Typ von fünfunddreißig Jahren an einem Mittwoch um fünfzehn Uhr zwanzig zu Hause ist, ist der faßbare Beweis dafür, daß er in einer erstklassigen Scheiße sitzt. Schon mal eine gute Nachricht. Und wenn der Typ ohne weitere Erklärung einwilligt, dich in einer halben Stunde in einem trostlosen Café in der Rue du Faubourg-Saint-Jacques zu treffen, ist er bereit, alles zu akzeptieren.

Obwohl …

3

Obwohl … Man konnte mit dem Typ nicht machen, was man wollte. Mathias war eigensinnig und stolz. Genauso stolz wie er selbst? Womöglich noch schlimmer. Jedenfalls der Prototyp eines Jägers und Sammlers, der seinen Auerochsen bis zur Erschöpfung verfolgt und eher seinen Stamm verläßt, als ohne Beute zurückzukehren. Nein. Das war das Porträt eines Blöden, und Mathias war fein und gewandt. Aber er war fähig, zwei Tage lang nichts zu sagen, wenn das Leben einer seiner Ideen widersprach, wahrscheinlich zu kompakten Ideen oder vielleicht nicht anpassungsfähigen Wünschen. Marc, der das Reden bis zur Kunst der Haarspalterei trieb und sein Publikum damit häufig ermüdete, hatte angesichts dieses blonden Riesen mehr als einmal schweigen müssen, angesichts dieses großen Jägers und Sammlers mit den blauen Augen, der verloren seiner Jagd nach dem Auerochsen nachging und dem man in den Gängen der Universität begegnete, wo er schweigsam auf einer Bank saß und langsam seine großen Hände aneinander rieb, als ob er die widrigen Geschicke zermalmen wollte. Vielleicht war er ja Normanne? Marc fiel auf, daß er ihn in den vier Jahren, die sie nebeneinander verbracht hatten, nie gefragt hatte, wo er herkomme. Was sollte das auch für eine Rolle spielen? Es hatte Zeit.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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