Die Schönheit der toten Mädchen - Boris Akunin - E-Book

Die Schönheit der toten Mädchen E-Book

Борис Акунин

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Beschreibung

Moskau 1889: Eine Prostituierte wurde ermordet, zugegeben, auf besonders brutale Weise. Daß Fandorin, Sonderbeauftragter des Gouverneurs von Moskau, aber gleich Jack the Ripper, den berüchtigten Londoner Serienmörder, in Rußland vermutet, ist wohl ziemlich übertrieben. Und daß er deshalb den Gouverneur bittet, den Osterbesuch des Zaren in der Stadt abzusagen, das geht entschieden zu weit. Doch weitere grausame Morde scheinen Fandorins Theorie zu bestätigen. Boris Akunin genießt in seiner Heimat geradzu legendäre Popularität und wurde 2001 zum Schriftsteller des Jahres gewählt. Seine Bücher um Erast Fandorin, der inzwischen auch in Deutschland zur Kultfigur geworden ist, wurden bereits in 17 Sprachen übersetzt. "Die Lust an der Kombinatorik veranlaßte den Autor, nicht nur einen Roman zu schreiben, sondern Erast Fandorin zu einem Projekt auszuweiten, das die gesamte Bandbreite des Krimigenres enthält" Neue Zürcher Zeitung

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Seitenzahl: 262

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Boris Akunin

Die Schönheit der toten Mädchen

Fandorin ermittelt.

Roman

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Декоратор

erschien 1998 bei Sacharow-AST, Moskau.

ISBN E-Pub 978-3-8412-0159-1

ISBN PDF 978-3-8412-2159-9

ISBN Printausgabe 978-3-7466-1765-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2004 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© B. Akunin 1998

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Dagmar & Torsten Lemme, Berlin unter Verwendung der Gemälde »The Dinner Hour«, Wigan, 1874, von Eyre Crowe und »Der Student« von Nikolai Alexandrowitsch Jaroschenko

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

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Inhaltsübersicht

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Impressum

Inhaltsübersicht

Ein scheußlicher Anfang

Je weiter, desto schlimmer

»Ein Päcksen«

Schildkröte, Setter, Löwin, Häschen

Studienfreunde

Der Triumph Plutos

Stenographischer Bericht

Ein mühevoller Tag

Das scheußliche Ende einer scheußlichen Geschichte

Ein scheußlicher Anfang

4. April, Kardienstag, Morgen

Erast Fandorin, dem Beamten für Sonderaufträge beim Moskauer Generalgouverneur, Träger russischer und ausländischer Orden, drehte sich der Magen um.

Sein schmales bläulich blasses Gesicht verzog sich leidend, eine Hand im weißen Glacéhandschuh mit Silberknöpfchen war gegen die Brust gepreßt, die andere fuhr krampfhaft durch die Luft – mit dieser vagen Geste wollte er seinen Assistenten beruhigen: Lappalie, geht gleich vorüber. Aber nach den anhaltenden qualvollen Konvulsionen zu urteilen, war es durchaus keine Lappalie.

Fandorins Assistent, der Gouvernementsekretär Anissi Tulpow, ein dürrer, unansehnlicher junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, hatte seinen Chef nie zuvor in einem derart desolaten Zustand gesehen. Tulpow war übrigens selbst ein bißchen grün im Gesicht, aber dem Brechreiz hatte er widerstanden, worauf er jetzt insgeheim stolz war. Dieses unfeine Gefühl währte nur einen Moment und verdiente keine weitere Aufmerksamkeit, doch die unerwartete Dünnhäutigkeit des vergötterten, stets so kaltblütigen und jeder Gefühlsduselei abholden Chefs beunruhigte ihn ernstlich.

»G-Gehen Sie …«, stieß der Kollegienrat Fandorin hervor und wischte sich mit dem Handschuh die lila Lippen. Sein leichtes Stottern, Folge einer lange zurückliegenden Hirnprellung, wurde durch die seelische Erschütterung deutlich verstärkt. »Gehen Sie h-hinein … Ein P-Protokoll … ein ausführliches … Photographische A-Aufnahmen aus allen Blickwinkeln. Und daß die Spuren nicht z-zertrampelt werden …«

Er krümmte sich wieder, aber diesmal zitterte die ausgestreckte Hand nicht, und er wies mit dem Daumen unerbittlich auf die schiefe Tür des Holzschuppens, aus dem er vor wenigen Minuten kreideweiß herausgewankt war.

Zurückzugehen in das graue Halbdunkel, wo es nach Blut und Eingeweiden roch, widerstrebte Anissi. Aber Dienst ist Dienst.

Er atmete möglichst viel feuchte Aprilluft ein (ach, wenn ihm bloß nicht schlecht wurde), bekreuzigte sich und trottete gottergeben hinein.

In dem Schuppen, der zur Aufbewahrung von Brennholz diente, jetzt aber, vor dem baldigen Ende des Frostes, fast leer war, hatten sich zahlreiche Leute versammelt: der Untersuchungsführer, Polizeiagenten, Gendarmen, der Quartalsaufseher, der Reviervorsteher, der Gerichtsarzt, der Photograph, Schutzleute und der Hausmeister Klimuk, der die ungeheuerliche Untat entdeckt hatte – am Morgen hatte er Holz aus dem Schuppen holen wollen und die Bescherung gesehen, er hatte gehörig geschrien und dann die Polizei geholt.

Zwei Öllampen brannten, über die niedrige Decke schwankten Schatten. Es war still, nur in der Ecke schluchzte und schniefte ein blutjunger Polizist.

»Na, was haben wir denn da?« schnurrte neugierig der Gerichtsmediziner Jegor Williamowitsch Sacharow und hob mit dem Gummihandschuh etwas Schwammiges Blaurotes vom Boden auf. »Das ist ja die Milz, die Gute. Ausgezeichnet. In die Tüte damit, in die Tüte. Noch was Inneres, die linke Niere, nun haben wir alles beisammen bis auf ein paar Kleinigkeiten … Was haben Sie denn da unter dem Stiefel, Monsieur Tulpow? Gekröse?«

Anissi blickte nach unten, wich entsetzt zur Seite und wäre fast gegen den ausgestreckten Körper der Toten geprallt – Stepanida Andrejitschkina, 39 Jahre alt, ledig. Diese Angaben, wie auch der Beruf der Toten, waren dem gelben Ausweis entnommen, der ordentlich auf der geöffneten Brust lag. Sonst war nichts ordentlich an der toten Frau.

Ihr Gesicht, das wohl auch zu Lebzeiten nicht eben anziehend gewesen war, sah im Tod grauenhaft aus: blau angelaufen, voller verklumpter Puderflecke, die Augen aus den Höhlen getreten, der Mund in einem stummen Schrei erstarrt. Weiter unten hinzuschauen war noch schrecklicher: Der Täter hatte den armen Körper der Straßendirne längs und quer aufgeschnitten, hatte die gesamte Füllung herausgenommen und sie auf der Erde zu einem bizarren Muster ausgebreitet. Sacharow hatte bereits fast alles eingesammelt und in numerierte Tüten gesteckt. Übrig waren noch eine schwarze Blutlache und winzige Fetzen des zerschnittenen oder zerrissenen Kleides.

Leonti Ishizyn, der Untersuchungsführer für wichtige Fälle beim Bezirksstaatsanwalt, hockte sich neben den Arzt und fragte sachlich: »Spuren von Geschlechtsverkehr?«

»Das sage ich Ihnen später, mein Bester. Ich schreibe einen hübschen Bericht, in dem ich alles ausführlich darlege. Hier herrscht ja, wie Sie selber sehen, ägyptische Finsternis und Höllengestöhn.«

Wie jeder Ausländer, der die russische Sprache perfekt beherrscht, flocht Doktor Sacharow in seine Rede gern farbige Wendungen ein. Ungeachtet des russischen Nachnamens war der Arzt britischen Geblüts. In der Regierungszeit des verblichenen Zaren war sein Herr Vater, ebenfalls Arzt, nach Rußland gekommen, hatte sich eingelebt und den für russische Ohren schwierigen Namen Zacharias den örtlichen Bedingungen angepaßt – das hatte Sacharow selbst einmal erzählt. Man sah ihm an, daß er kein richtiger Russe war: hochaufgeschossen, knochig, sandfarbenes Haar, breiter Mund, schmale Lippen, beweglich, ständig eine Meerschaumpfeife von einem Mundwinkel zum anderen schiebend.

Untersuchungsführer Ishizyn sah mit gespieltem Interesse zu, wie der Arzt den nächsten Gewebefetzen des geschundenen Leibes in den Händen drehte, und sagte sarkastisch: »Na, Herr Tulpow, schnappt Ihr Chef immer noch nach Luft? Ich habe ja gesagt, wir wären auch ohne Überwachung durch den Gouverneur zurechtgekommen. Das hier ist kein Anblick für empfindsame Augen, wir dagegen sind an alles gewöhnt.«

Verständlich, daß Ishizyn unzufrieden und mißgünstig war. Sollte er vielleicht jubeln, daß ihm Fandorin höchstselbst zur Beaufsichtigung beigegeben wurde? Das würde keinem Ermittler gefallen.

»Linkow, heul nicht wie ein Weib«, schnauzte er den schluchzenden Polizisten an. »Gewöhn dich dran. Du bist nicht für ›Sonderaufträge‹ zuständig, du wirst noch alles mögliche zu sehen kriegen.«

»Verhüte Gott, daß man sich an so was gewöhnt«, brummte der Wachtmeister Pribludko, ein erfahrener alter Polizist, den Anissi von einem drei Jahre zurückliegenden Fall kannte.

Auch mit dem Untersuchungsführer Ishizyn arbeitete er nicht das erstemal zusammen. Ein unangenehmer Herr – nervös, stets ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, aber stechende Augen. Immer wie aus dem Ei gepellt, der Kragen wie aus Alabaster, die Manschetten von noch strahlenderem Weiß. Schnipste ständig imaginäre Stäubchen von den Schultern. Ein Ehrgeizling, der im Begriff war, eine große Karriere zu machen. Doch Anfang Januar, zu Epiphanias, war er in dem Erbschaftsfall des Kaufmanns Sitnikow nicht weitergekommen. Der Fall erregte Aufsehen, berührte zum Teil sogar die Interessen einflußreicher Personen und duldete keine Verzögerung, darum hatte Fürst Dolgorukoi den Kollegienrat Fandorin gebeten, der Staatsanwaltschaft zu helfen. Und wie Fandorins Hilfe aussieht, weiß man ja – er machte sich an die Arbeit und entwirrte den Fall innerhalb eines Tages. Und nun fürchtete Ishizyn nicht zu Unrecht, daß ihm abermals kein Lorbeer winkte.

»Das wär’s dann wohl«, sagte er. »Also, die Leiche ins Schauhaus der Polizei in der Boshedomka. Den Schuppen versiegeln und einen Polizisten davorstellen. Alle Bewohner ringsum befragen, und zwar eindringlich. Ob sie etwas Verdächtiges gesehen oder gehört haben. Klimuk, du hast das letztemal in der elften Stunde Holz aus dem Schuppen geholt, richtig?« fragte Ishizyn den Hausmeister. »Und der Tod ist nicht später als zwei Uhr nachts eingetreten?« (Das galt dem Gerichtsmediziner Sacharow.) »Also interessiert uns die Zeit zwischen zehn und zwei Uhr nachts.« Und wieder zu Klimuk: »Hast du vielleicht mit jemandem aus der Nachbarschaft geredet? Hat man dir irgend etwas erzählt?«

Der Hausmeister (besenartiger scheckiger Bart, buschige Brauen, beuliger Schädel, etwa 1,60 Meter groß, besonderes Kennzeichen: eine Warze mitten auf der Stirn – so übte sich Anissi in der Personenbeschreibung) stand da und knetete die ohnehin hoffnungslos zerknautschte Schirmmütze.

»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Ich weiß rein nichts. Ich hab das Schuppentor zugesperrt und bin gleich hin zu Herrn Pribludko. Und vom Polizeirevier haben sie mich nicht weggelassen, bis der Oberste gekommen ist. Die Bewohner, die haben keinen Schimmer. Das heißt, sie haben natürlich gesehen, daß die Polente hier aufgekreuzt ist … Daß die Herren Polizisten sich hierher bemüht haben. Aber von diesem Graus da«, er schielte furchtsam zu der Leiche, »davon wissen sie nichts.«

»Genau das werden wir überprüfen«, sagte Ishizyn auflachend. »Also, die Agenten an die Arbeit. Und Sie, Herr Sacharow, schaffen Ihre Schätze weg. Und daß mir bis Mittag ein vollständiger Bericht vorliegt, in aller Form.«

»Die Herren Geheimagenten b-bitte ich noch dazubleiben«, erklang von hinten Fandorins leise Stimme. Alle drehten sich um.

Wann war der Kollegienrat hereingekommen? Die Tür hatte überhaupt nicht gequietscht. Selbst im Halbdunkel war zu sehen, wie blaß und verstört er war, doch seine Stimme war ruhig, seine Redeweise unverändert – zurückhaltend, höflich, aber so, daß keiner Lust verspürte zu widersprechen.

»Herr Ishizyn, selbst der Hausmeister hat begriffen, daß es sich v-verbietet, über das Vorgefallene zu sprechen«, sagte er streng. »Ich habe den Auftrag, für strikte Geheimhaltung zu sorgen. Keinerlei Befragungen. Darüber hinaus bitte, ja, verpflichte ich alle Anwesenden, über die Umstände des Falles Stillschweigen zu wahren. Den Anwohnern ist zu erklären, daß … eine Straßendirne sich e-erhängt, Hand an sich gelegt hat, das Übliche. Sollten Gerüchte über den Vorfall in Moskau umgehen, wird jeder von Ihnen überprüft, und wer die Schweigepflicht verletzt hat, wird streng bestraft. Entschuldigung, meine Herren, aber diese I-Instruktionen habe ich erhalten, und dafür gibt es gute Gründe.«

Die Polizisten wollten auf ein Zeichen des Arztes die an der Wand lehnende Bahre ergreifen, um die Tote darauf zu legen, aber der Kollegienrat hob die Hand.

»W-Warten Sie.«

Er beugte sich über die Tote.

»Was hat sie da auf der Wange?«

Ishizyn zuckte pikiert mit den schmalen Schultern.

»Einen Blutfleck. Wie Sie sehen, gibt es hier Blut im Überfluß.«

»Aber nicht im Gesicht.«

Fandorin wischte den ovalen Fleck vorsichtig mit dem Finger ab – auf dem weißen Glacéleder des Handschuhs blieb eine Spur zurück. In äußerster Erregung, wie es Anissi schien, murmelte der Kollegienrat: »Kein Schnitt, kein Biß.«

Der Untersuchungsführer beobachtete die Handlungen des Beamten mit Befremden, der Arzt mit Interesse.

Fandorin holte eine Lupe aus der Jackentasche, hielt sie an das Gesicht des Opfers, schaute hindurch und seufzte.

»Der Abdruck von Lippen! Mein Gott, das ist die Spur eines Kusses! Daran gibt es keinen Zweifel!«

»Was echauffieren Sie sich so?« giftete Ishizyn. »Als ob’s hier keine schlimmeren Zeichen gäbe.« Er wies mit der Stiefelspitze auf den geöffneten Brustkasten und die gähnende Bauchhöhle. »So ein Halbirrer verfällt auf die absurdesten Ideen.«

»Ach, wie scheußlich«, murmelte der Kollegienrat, an niemanden gewandt.

Mit einer raschen Bewegung riß er sich den beschmutzten Handschuh herunter und warf ihn weg. Dann richtete er sich auf, schloß die Augen und sagte ganz leise: »Mein Gott, geht das jetzt etwa in Moskau los …«

What a piece of work is man! how noble in reason! how infinite in faculty! In form and moving how express and admirable! in action how like an angel! in apprehension how like a god! the beauty of the world! the paragon of animals! And yet, to me, what is this quintessence of dust!1 Sei’s drum! Mag der Prinz von Dänemark, ein müßiges und blasiertes Wesen, nichts mit dem Menschen im Sinn gehabt haben, ich ja! Der Barde hat zur Hälfte recht: Im Handeln der Menschen ist wenig Engelhaftes, und es ist lästerlich, das menschliche Begreifen mit dem Gottes zu vergleichen, aber etwas Schöneres als den Menschen gibt es nicht auf Erden. Was aber das Handeln und Begreifen angeht – so ist das eine Schimäre, Eitelkeit, Betrug, wirklich die Quintessenz von Staube. Der Mensch, er ist nicht Handeln, er ist Körper. Selbst die Pflanzen, die dem Auge schmeicheln, die üppigsten und wundersamsten Blumen sind nicht zu vergleichen mit dem grandiosen Bau des menschlichen Körpers. Blumen sind primitiv und simpel, innen gleichermaßen wie außen: Wie du ein Blütenblatt auch drehst, es ist langweilig anzuschauen. Was sind ihre gierigen Stengel, die armselig-geometrischen Blütenstände, die jämmerlichen Staubfäden gegen den Purpur straffer Muskeln, die Elastizität seidiger Haut, das silbrige Perlmutt des Magens, die graziösen Windungen des Darms und die geheimnisvolle Asymmetrie der Leber!

Läßt sich denn die eintönige Färbung blühenden Mohns vergleichen mit den vielfältigen Nuancen des menschlichen Blutes – vom tiefen Scharlachrot des Arterienstroms bis zum königlichen venösen Purpur? Was ist das vulgäre Blau der Glockenblume gegen die zarte hellblaue Zeichnung der Kapillaren oder die herbstliche Färbung des Ahorns gegen das flammende Rot des monatlichen Flusses? Der weibliche Körper ist viel raffinierter und hundertmal interessanter als der männliche. Die Funktion des weiblichen Körpers ist nicht grobe Arbeit und Zerstörung, sondern Erschaffung und Wartung. Die elastische Gebärmutter gleicht einer kostbaren Perlmuschel. Das ist die Idee! Einen befruchteten Schoß öffnen, um im Innern der Muschel eine heranreifende Perle zu entdecken – ja, ja, unbedingt! Gleich morgen!

Ich mußte zu lange fasten seit der Butterwoche2.

Meine Lippen dörrten aus, als sie immer wieder sagten: »Erquicke mein verfluchtes Herz mit Fasten, das die Leidenschaft ertötet!« Der Herr ist gütig und gnädig, Er wird mir nicht zürnen, daß die Kraft nicht reichte, noch sechs Tage bis zum Ostersonntag auszuharren. Immerhin ist der 3. April kein gewöhnlicher Tag, sondern der Jahrestag der Erleuchtung. Damals war es auch der 3. April. Daß ein anderer Kalender galt, ist unwichtig. Wichtig ist die Musik der Worte: drit-ter A-pril.

Ich habe meine eigenen Fasten, mein eigenes Ostern. Wenn ich schon die Fasten breche, dann richtig. Nein, ich werde nicht bis morgen warten. Heute! Ja, ja, ein Festmahl veranstalten. Nicht sich sättigen, nein, sich übersättigen. Nicht um meinetwillen, sondern zum Ruhme Gottes.

Denn Er war es, der mir die Augen öffnete und mich lehrte, wahre Schönheit zu sehen und zu begreifen. Mehr noch, sie zu enthüllen und der Welt sichtbar zu machen. Und das ist gleichbedeutend mit Erschaffen. Ich bin ein Geselle des Schöpfers.

Was für ein Genuß, nach langer Enthaltsamkeit die Fasten zu brechen. Ich erinnere mich an jeden köstlichen Augenblick, ich weiß, daß das Gedächtnis alles bis ins kleinste Detail bewahren wird, jede visuelle, geschmackliche, fühlbare, hörbare, geruchliche Empfindung. Ich schließe die Augen und sehe:

Später Abend. Ich kann nicht schlafen. Erregung und Begeisterung führen mich durch schmutzige Straßen, vorbei an Ödplätzen, krummen Häuschen und schiefen Zäunen. Schon viele Nächte hintereinander flieht mich der Schlaf. Ich spüre einen Druck auf der Brust und ein Pochen in den Schläfen. Tagsüber entschlummere ich für eine halbe oder eine Stunde und erwache von schrecklichen Traumgesichten, an die ich mich dann nicht mehr erinnern kann.

Ich gehe und träume vom Tod, von der Begegnung mit Ihm, aber ich weiß: Sterben darf ich nicht, es ist zu früh, meine Mission ist noch nicht erfüllt.

Eine Stimme aus der Dunkelheit: »Wie wär’s mit einem Schnäpschen?« Eine klirrende, versoffene Stimme. Ich drehe mich um und sehe das widerlichste und häßlichste aller menschlichen Geschöpfe: eine heruntergekommene Nutte, betrunken, abgerissen, aber dabei grotesk angemalt mit weißer Schminke und Lippenstift.

Ich wende mich angeekelt ab, aber plötzlich durchdringt wohlbekanntes Erbarmen mein Herz. Arme Kreatur, was hast du mit dir gemacht! Und das soll eine Frau sein, Meisterwerk göttlicher Kunst! Wie kann man nur sich selbst so verhöhnen und erniedrigen, Gottes Gabe so schänden!

Du selbst hast natürlich keine Schuld. Die seelenlose, grausame Gesellschaft hat dich in den Schmutz geworfen. Aber ich werde dich reinigen und retten. Die Seele ist licht und froh.

Wer hätte gedacht, daß es so kommt. Ich habe nicht die Absicht gehabt, die Fasten zu brechen, sonst wäre ich nicht durch dieses Elendsviertel gegangen, sondern durch die stinkenden Gassen von Chitrowka oder Gratschowka, wo Gemeinheit und Laster zu Hause sind. Aber Edelmut und Großzügigkeit, ganz leicht gefärbt von ungeduldiger Begierde, erfüllen mich.

»Ich will dich erfreuen, meine Liebe«, sage ich. »Komm mit.«

Ich trage Männersachen, und die Hexe denkt, es habe sich ein Käufer für ihre faulige Ware gefunden. Sie lacht heiser. »Wohin gehn wir denn? Hör mal, haste überhaupt Kohle? Spendier mir was, vor allem was zu trinken.« Ein armes verirrtes Schaf.

Ich führe sie durch einen dunklen Hof, zu den Schuppen. Ungeduldig rüttle ich an einer Tür, einer zweiten, die dritte ist nicht verschlossen.

Die Glückliche atmet mir Fuseldunst ins Genick und kichert. »Na so was, in den Schuppen bringste mich. Hast es aber nötig.«

Ein zügiger Schnitt mit dem Skalpell, und ich öffne ihrer Seele die Tür zur Freiheit.

Aber die Befreiung erfolgt nicht ohne Qualen, es ist wie eine Geburt. Die Frau, die ich jetzt von ganzem Herzen liebe, hat große Schmerzen, sie röchelt und beißt auf den Knebel, aber ich streichle ihren Kopf und tröste sie: »Gedulde dich.« Meine Hände tun rasch und sauber ihr Werk. Licht brauche ich nicht, meine Augen sehen in der Nacht so gut wie am Tage.

Ich öffne die geschändete, schmutzige Hülle ihres Körpers, die Seele meiner lieben Schwester schwingt sich empor, und ich ersterbe in Andacht vor der Vollkommenheit des göttlichen Mechanismus.

Als ich mit einem innigen Lächeln ihr heißes Herz zu meinem Gesicht hochhebe, zuckt und zappelt es noch wie ein gefangener Fisch, und ich küsse das wunderbare Fischlein zärtlich auf die geöffneten Lippen der Aorta.

Der Ort ist gut gewählt, niemand stört mich, und dieses Mal wird die Hymne auf die Schönheit bis zum Ende gesungen und mit einem Kuß auf die Wange vollendet. Schlafe, meine Schwester, dein Leben war widerlich und scheußlich, dein Anblick hat das Auge beleidigt, aber dank meiner bist du schön geworden.

Nehmen wir wieder die Blume. Ihre wahre Schönheit ist nicht auf der Wiese und nicht auf dem Beet zu sehen, o nein! Die Rose wirkt königlich im Mieder, die Nelke im Knopfloch, das Veilchen im Haar einer schönen Frau. Der Triumph einer Blume bricht an, wenn sie schon geschnitten ist, ihr wahres Leben ist vom Tod nicht zu trennen. So ist es auch mit dem menschlichen Körper. Solange er lebt, kann er sich nicht in der ganzen Großartigkeit seines wunderschönen Baus zeigen. Ich helfe dem Körper zu triumphieren. Ich bin ein Gärtner.

Doch nein, ein Gärtner schneidet nur die Blumen ab, ich aber schaffe aus Körperorganen ein Wandgemälde von berauschender Schönheit, eine erhabene Dekoration. In England kommt ein neuer Beruf in Mode – decorator, ein Spezialist für die Verschönerung des Hauses, des Schaufensters, der festlichen Straße.

Ich bin kein Gärtner, ich bin ein Dekorateur.

Je weiter, desto schlimmer

4. April, Kardienstag, Mittag

An der außerordentlichen Sitzung beim Moskauer Generalgouverneur Fürst Wladimir Dolgorukoi nahmen teil:

der Oberpolizeimeister, Generalmajor der Suite Seiner Kaiserlichen Hoheit Jurowski;

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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