Die Schrecken des Hauses Durand - Emily Schuster - E-Book

Die Schrecken des Hauses Durand E-Book

Emily Schuster

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Beschreibung

Eine Witwe, ein Richter, eine Diebin. Die Verlobungsfeier eines jungen Paares aus Portland, Oregon, soll sie alle zusammenführen und ihre Wege unzertrennlich miteinander verschmelzen lassen. Doch was als unbeschwerter Wochenendausflug beginnt, nimmt alsbald eine gefährlich - eine tödliche Wendung. Noch nie in meinem Leben habe ich... einen Mord begangen? - ein Spiel, das offenlegt, wie selten man Vertraute doch richtig kennt.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ein Buch

ist die Seele seines Autors

& die Figuren

sind die Kinder seiner Fantasie

Für Icke und Heinz,

im Herzen vereint.

es kann einhundert Gründe geben, weiterzumachen, doch wenn ein einziger Grund genügt, alles zu beenden, weiß man, dass es Liebe ist.

Emily Schuster

Die Schrecken des Hauses Durand

© 2025 Emily Schuster

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.

ISBN

Hardcover 978-3-384-67571-2

Softcover978-3-384-67570-5

E-Book978-3-384-67572-9

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Emily Schuster, Landshuter Allee 17d, 86399 Bobingen, Germany. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

PROLOG

28. April 2001, la Seyne-sur-Mer

»Jon, du bist dran!«

»Was?«, erschrocken sieht Jon auf, Verwirrtheit trübt seinen Blick, als wäre er soeben aus einer manischen Trance gerissen worden.

»Du bist dran!«, wiederholt Valentina.

»Oh.«, mehr sagt Jon nicht.

Stattdessen greift er nach dem Weinglas und dreht den dünnen Stiehl fast schon andächtig zwischen seinem Daumen und Zeigefinger. Seine braunen Augen ruhen nachdenklich auf dem blutroten Sog, der sich im Inneren bildet.

»Noch nie in meinem Leben habe ich…«, er zögert, scheint kurz zu überlegen und fährt dann mit einem überlegenen Grinsen fort, »Noch nie in meinem Leben habe ich einen Menschen getötet.«

Die Aussage ist derart banal, dass ich ein flüchtiges Schmunzeln nicht unterdrücken kann. Was will er denn mit dieser Frage bewirken? Als ob irgendjemand in diesem Raum einen Menschen getötet hat! Eine bessere Antwort ist Jon wohl nicht eingefallen. Auch Valentina und Sean schnauben ungläubig, doch das Lächeln schwindet schnell von meinen Lippen, als der Mann zu meiner Rechten sein Glas plötzlich erhebt und einen Schluck von dem edlen Bordeaux nimmt. Und auf einmal befällt eisige Stille den Raum.

GRACE

24. Februar 2001, Portland, Oregon

Ein Jahr ist es nun schon her, dass Caleb tot ist. Ein Jahr, in dem kein einziger Tag verstrichen ist, ohne, dass ich an ihn gedacht hätte. Kein einziger Tag, an dem ich seine Stimme, seine Berührung, das beruhigende Geräusch seines sanften Atems nicht vermisst hätte. Alles in diesem Haus erinnert mich an ihn. Wie könnte es auch anders sein? Es ist sein Elternhaus! Hier haben wir uns vor über zehn Jahren kennengelernt, in dem kleinen, ruhigen Stadtteil Carson Heights inmitten Portlands. Von einer romantischen Jugendliebe kann kaum die Rede gewesen sein angesichts unserer unzähligen Rivalitäten und Streitigkeiten, die sich erst im letzten Jahr der High School in so etwas wie rebellische Anziehung gewandelt haben. Und jetzt bin ich hier. Im Alter von gerade einmal 32 Jahren verwitwet, mit kaum mehr als der bloßen Erinnerung an glücklichere Zeiten als Trost über eine Trauer hinweg, die ich nie überwinden werde. Die Nachricht von seinem Tod kam überraschend. Nicht, dass die grausame Realität leichter zu ertragen gewesen wäre, wenn ich damit gerechnet hätte. Doch nie hätte ich auch nur den Gedanken gehegt, dass Caleb etwas zustoßen könnte. Dass die wunderschöne Illusion einer Welt, die wir uns eigenhändig erschaffen haben, sich mit einem Schlag in eben dem gleichen Nichts verlieren könnte, aus dem wir sie vor so vielen Jahren geformt haben. Caleb liebte die Literatur. Er war ein Poet, ein Philosoph und doch ein in seinem Glauben an die Mathematik unerschütterlicher Realist. Ein Mann, der gerne den fallenden Regentropfen lauschte, der sich im Rauschen der Meereswellen verlieren konnte und den ein akkurat gespielter Klavierakkord zu Tränen rühren konnte. Er war ein Mensch der Sorte, wie sie heute nur noch selten anzutreffen sind. Einer dieser Menschen, der, einmal in das eigene Leben getreten, nie wieder von der Seite weicht. Und gerade deswegen werde ich ihm nie verzeihen, dass er mich verlassen hat.

JONATHAN

13. März 2001, Portland, Oregon

»Euer Ehren!«, der Ruf hallt durch die weiten Hallen des Gerichtsgebäudes und sein Echo wird von den surreal hohen Decken des riesenhaften Foyers zurückgeworfen, dessen Himmelstreppen zu beiden Seiten einer schmalen Galerie einen nahtlosen Übergang zwischen Erdgeschoss und erstem Stock ermöglichen.

»Euer Ehren! Sie können mich im Gerichtssaal ignorieren, nicht aber auf diesem Gang!«

»Ihr Mandant ist ein Kinderschänder und überführter Mörder. Ich führe keine sinnlosen Verhandlungen. Ihre Anliegen sollten Sie an den Staatsanwalt adressieren.«

»Mister Suri!«, der untersetzte Strafverteidiger ist hartnäckig und denkt nicht einmal daran, seine dreiste Verfolgungsjagd einzustellen, »Bitte hören Sie mich an! Sie verstehen den Ernst der Lage nicht! In diesem Fall liegt ein Justizirrtum vor! Sicherlich sind Sie mit dem Fall Ernesto Miranda vertraut! Ein Geständnis, das ohne vorherige Belehrung über die einem Angeklagten zustehenden Recht aufgenommen wird, ist von Rechtswegen her ungültig!«

»Darüber wird die Jury urteilen.«

Die unbequemen Lackschuhe klacken laut auf den marmornen Stufen der Treppe und in einem regelmäßigen Rhythmus schlägt meine Aktentasche gegen mein rechtes Knie, während ich eilig über die Stiege haste und vehement versuche, das nervenraubende Gerede des Pflichtverteidigers auszublenden.

»Brown ist von beschränkter Vernunft! Er war sich nicht darüber bewusst, welche Folgen ein Geständnis nach sich ziehen würde und hat nur gestanden, um dem ständigen Druck, den die Polizisten auf meinen Mandanten ausgeübt haben, zu entkommen! Dieses Geständnis ist niemals glaubwürdig und schon gar nicht zulässig!«

»Ihr Mandant ist also nicht schuldfähig, weil er seine Tat zwar gestanden hat, sich aber deren Konsequenzen nicht bewusst war?«, diese Begründung ist eine der Lächerlichsten, die mir je vorgetragen wurde.

Dass Strafverteidiger zeitweilen kreativ werden, um ihre Mandanten vor einer mehrjährigen Haftstrafe zu bewahren, musste ich bereits in meinem ersten Jahr als Richter lernen. Aber das? Das ist eine Farce! Absolut lächerlich! Die Beweislage ist eindeutig!

»Ich stelle einen Antrag auf Abweisung der Anklage.«, kündigt der Mann mit den tiefliegenden Augen und langen schwarzen Haaren an.

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

Ich habe keine Lust, das Gespräch weiter fortzuführen. Die Jury wird entscheiden. Und soweit ich mich auf meine Menschenkenntnis verlassen kann, wird sie nicht zugunsten der Verteidigung urteilen. Das wäre zu abstrus! Kein Geschworener dieser Welt würde eine derart arrogante Ausrede als wirkliche Rechtfertigung für so abscheuliche Verbrechen akzeptieren!

»Sie stimmen dem Antrag zu?«

Allmählich schwindet meine Geduld.

Schnaubend halte ich inne und drehe mich zu dem Anwalt um, kaum, dass ich das Erdgeschoss erreicht habe: »Antrag abgelehnt. Stellt Sie das zufrieden?«

Mit vor Empörung geöffnetem Mund sieht Brown zu mir herab, doch da wende ich mich schon wieder zum Gehen und rufe ihm noch voller Genugtuung zu: »Wir sehen uns im Gerichtssaal, Guy!«

Dann fällt die schwere Glastür des Gerichtsgebäudes hinter mir ins Schloss und ich verschwinde samt schwarzer Amtstunika in den Schatten der aufziehenden Dämmerung.

BRIE

28. März 2001, Portland, Oregon

Die Frau ist groß, schlank und gut gekleidet. Schon die große Sonnenbrille, hinter der sie vermutlich die verräterischen Überbleibsel des abendlichen Trinkgelages versteckt, erweckt meinen Argwohn. Frauen wie sie konnte ich noch nie leiden. Vermutlich ist die teure Perlenkette, die sich um ihren schmalen Schwanenhals schmiegt, noch das echteste Detail an ihr und ihrer Persönlichkeit. Frauen wie sie sind alle gleich: oberflächlich, gedankenlos und naiv. Umgeben von so vielen Freunden, dass sich die Einsamkeit als unvermeidliche Konsequenz ergibt. Schon immer habe ich sie gehasst, vollkommen gleichgültig, welchen Namen auch immer sie tragen mögen. Cheyenne, Vanessa oder Gloria. Letztendlich sind sie alle gleich! Deshalb überkommt mich auch kein schlechtes Gewissen, als ich mit einem bezaubernden Lächeln auf die junge Brünette zuhalte und mich unauffällig neben sie stelle unter dem Vorwand, die Blumen in der Auslage eines Nachbarstandes zu betrachten. Sie ist so in ein Gespräch mit einer anderen Fremden vertieft, das nur ab und an von hohlem, überspitztem Gelächter unterbrochen wird, dass sie gar nicht bemerkt, wie ich immer näher an sie heranrücke. Kaum ist der Moment gekommen, verlagere ich mein Gewicht auf meinen rechten Knöchel und lasse mich ungelenk zur Seite kippen. Mit wild durch die Luft rudernden Armen versuche ich Halt zu finden und greife schnell nach der Bluse der jungen Frau, deren große Creolen-Ohrringe in der morgendlichen Sonne glänzen.

»Oh mein Gott, bitte entschuldigen Sie! Das tut mir so unfassbar leid!«, murmele ich und spüre stolz, wie eine geübte Schamesröte in meine Wangen steigt.

»Passen Sie doch auf!«, herrscht die Fremde mich an und gibt mir damit den letzten Anreiz, der mir noch fehlt, um sämtliche Hemmungen fallen zu lassen.

Ihre Augen huschen bereits wieder zu ihrer Begleiterin, die unbeholfen lächelt, als meine Hand blitzschnell in ihre Handtasche fährt und ein überproportioniertes Portemonnaie zutage fördert. Als sie den Diebstahl bemerkt und panisch zu kreischen beginnt, habe ich den Markt schon verlassen.

BENOIT

24. März 2001, la Seyne-sur-Mer

Es ist ein schöner Tag. Einer dieser seltenen Tage, an denen die Sonne durch die Wolkendecke bricht, obwohl sich der Himmel zu einem düsteren, von Schwärze durchwobenen Leinentuch aus bedrohlich glühendem Samt zusammenzieht. Vor dem aufziehenden Sturm wurde schon lange gewarnt, der Ciarán ist in Frankreich ein weitverbreitetes Phänomen. Doch der heutige Sturm soll größer, heftiger ausfallen als alle Mitsommerstürme, die die südliche Küste Frankreichs je ereilt haben. Ich beobachte die wenigen Nachbarn, die sich entgegen der staatlichen Warnungen den Mühen der Vorbereitung bisher erfolgreich entzogen haben, über die feuchten Wiesen huschen. Das Gras ist bereits durchnässt angesichts der rapide steigenden Luftfeuchtigkeit und das Atmen schmerzt in den Lungen, so drückend steht die Erwartung des Kommenden in der Luft.

»Guillaume!«, rufe ich dem vorbeieilenden Mann im Vorbeigehen zu und greife ihn grob am Ellenbogen, »Hast du die Planen angebracht?«

»Ja, Monsieur, natürlich. Wie Sie gesagt haben.«, der Junge ist noch keine achtzehn Jahre alt, doch die Angst in seinen Zügen lässt ihn müde und auf eigenartige Weise um Dekaden gealtert erscheinen.

Er ist erst vor Kurzem mit seiner Familie nach la Seyne-Sur-Mer gezogen und dies ist wohl der erste Ciarán, den er in seinem jungen Alter zu erleben gezwungen ist.

»Keine Sorge.«, murmele ich noch, doch Guillaume hört mich bereits nicht mehr und hastet weiter die Veranda entlang, bis seine schmale Silhouette vollständig von der aufziehenden Dunkelheit verschluckt wird.

Es ist nur ein Sturm, rede ich mir selbst gut zu, während das Rauschen der Winde zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen anschwillt und die Böen brutal gegen meinen Körper peitschen. Ein Sturm, nichts weiter. Zumindest hoffe ich das. Doch die aufziehende Nacht soll mich eines Besseren belehren.

SEAN & VALENTINA

4. April 2001, Portland, Oregon

»Baby?«, meine Stimme wird von den engstehenden Fliesenwänden des Bads zurückgeworfen, doch eine Antwort bleibt aus, »Baby? Wann, sagtest du, sind wir mit deinen Eltern verabredet?«

»19:30!«, ruft Sean aus dem unteren Stockwerk und klingt seltsam gehetzt.

Meine Finger nesteln noch hektisch an meinem Ohrring, während ich das Bad verlasse und dabei ungeschickt über den langen Saum des satinblauen Abendkleids stolpere. Wie ich Kleider verabscheue! Genau das ist der Grund dafür, dass ich ausschließlich Jeanshosen besitze! Dieses Kleid mit High Heels ist die reinste Todesfalle!

»Gib mir noch vier Minuten!«, bitte ich ihn und es gelingt mir endlich, den Verschluss des Ohrrings zu schließen.

Schon jetzt schmerzen meine Füße und das stetige Klacken der Absätze auf dem harten Parkettboden strapaziert meine Nerven gefährlich.

»Kommst du?«

»Ja!«, rufe ich aggressiver als eigentlich beabsichtig und haste eilig die lange Wendeltreppe hinunter.

»Onyx!«, die französische Bulldogge sieht schuldbewusst zu mir auf, als wäre sie sich nur zu gut darüber bewusst, dass ihr plötzliches Erscheinen mich beinahe vor Schreck die letzten Stufen hinuntergestoßen hätte.

»Deine Jacke!«, erinnert mich Sean und hält mir die beige Lederjacke entgegen, ehe er mich flüchtig auf die Stirn küsst und die Tür öffnet.

»Du bleibst hier.«, erklärt er Onyx, ehe er die Haustür des kleinen Vorstadthauses hinter uns ins Schloss zieht und verschließt.

Mit ineinander verschränkten Händen brechen wir auf. Zu einem Abend, der alles verändern soll.

KAPITEL 1

SEAN & VALENTINA

4. April 2001, Portland, Oregon

Es ist kühl, als wir den alten Volvo verlassen und eilig über die vielbefahrene Hauptstraße hasten, während Autos im kargen Licht der schummrigen Straßenlaternen an uns vorbeischießen und in der Nacht verschwinden. Als wir den Bürgersteig betreten, kann ich schon von Weitem das kleine Bistro erkennen, dessen ausladende Markisen weit in den Gehweg hineinragen.

»Denkst du, sie sind schon da?«, frage ich und drehe mich um die eigene Achse, um Sean in die Augen blicken zu können.

Er hat seinen starken Arm um meine Schultern geschlungen und läuft mit gemessenen Schritten neben mir her, sodass ich mit seinen langen Beinen Schritt halten kann.

»Deine Eltern? Sind sie nicht immer eine halbe Stunde zu früh da? Wahrscheinlich warten sie schon auf uns und rügen uns gleich, dass wir so spät sind.«, mit seinen Fingern zeichnet er ironische Anführungszeichen in die Luft, derweil ein amüsiertes Grinsen über seine Züge gleitet.

»Wahrscheinlich.«, stimme ich zu und schmunzele verschmitzt.

Bisher waren wir nur ein einziges Mal zu Gast in dem abgelegenen, italienischen Restaurant, aber dennoch habe ich mich schon seit Wochen auf diesen Abend gefreut. Endlich kamen meine Eltern aus Nevada zu Besuch nach Portland und zu diesem Anlass haben wir uns heute in dem Lokal verabredet, dessen gläserne Fronttüren wir jetzt erreichen. Höflich wie stets löst sich Sean von mir und lässt mir den Vortritt, während er den Türflügel offen hält.

»Da sind sie!«, rufe ich freudig aus, gerade, als meine Mutter ihren Blick von ihrem Weinglas hebt und sich suchend in dem Raum umsieht.

»Mum!«, ehe die blonde Kellnerin uns zu unserem Tisch geleiten könnte, bin ich schon an ihr vorbeigehastet und meiner Mutter um den Hals gefallen.

Sie ist dünner geworden, bemerke ich besorgt. Doch mir bleibt keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn nun stößt auch mein Vater hinzu und umfängt meine Mutter und mich mit seinen langen Armen.

»Honey, wir haben dich so lange nicht gesehen! Wir haben dich so sehr vermisst!«, murmelt er und streicht in regelmäßigen Zügen über meinen Hinterkopf.

»Du hast uns gefehlt.«, stimmt meine Mutter zu und schlingt ihre Arme noch fest um meinen Oberkörper, bis ihre Umklammerung fast schon schmerzhaft wird.

»Sean!«, obwohl nur wenige Augenblicke seit unserer Ankunft verstrichen sind und ich nicht möchte, dass dieser Moment der Glückseligkeit je endet, löst sich meine Mutter von mir und dreht sich zu meinem Begleiter um, »Wie schön, dich endlich wiederzusehen! Lass dich drücken!«

Damit presst sie den jungen Mann fest an ihre Brust und küsst ihn liebevoll auf die Wange. Seit dem Tag an, an dem ich Sean meinen Eltern das erste Mal vorstellte, behandeln sie meinen langjährigen Freund wie den Sohn, den sie sich stets gewünscht haben, der ihnen jedoch nie geschenkt werden sollte. Als wir bis vor wenigen Jahren noch in Nevada lebten, luden sie uns jeden Sonntag zu einem wöchentlichen Brunch ein und mein Vater bestand darauf, mit den Nachbarskindern und Sean Football in dem winzigen Garten hinter meinem Elternhaus zu spielen. Stundelang tobten sie über den Rasen, jauchzten lauter als die Kinder, die den beiden Erwachsenen trotz ihrer Größe überlegen waren. Ich kann das Schmunzeln nicht unterdrücken, das angesichts dieser Erinnerung in mir aufsteigt.

»Kommt! Setzen wir uns.«, Seans vertraute Stimme dringt wie durch einen Schleier in mein Bewusstsein und erst die seichte Berührung seiner Hand auf meiner Taille reißt mich in den gegenwärtigen Augenblick zurück.

Ich habe nicht bemerkt, wie viele der uns umgebenden Gäste das familiäre Aufeinandertreffen gespannt verfolgt haben. Doch als ich mich neben meiner Mutter auf der niedrigen Sitzbank aus rotem Samt niederlasse, werde ich mir der neugierigen Blicke nur allzu sehr bewusst. Brennende Röte steigt in meine Wangen, die ich scheu mit meinen Händen zu verbergen versuche. Ich hasse es, im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit zu stehen!

»Wie geht es euch?«, eröffnet mein Vater augenblicklich das Gespräch, ohne uns Zeit zu lassen, auch nur einen flüchtigen Blick auf die Speisekarte zu werfen.

»Wir können nicht klagen.«

»Sean wurde befördert.«, füge ich an, ehe sich mein Freund erneut aus der Affäre ziehen und seinen beruflichen Durchbruch als Nichtigkeit abtun könnte.

Er sieht mich mahnend an, doch ich weiß, dass er mir das nicht lange nachtragen wird.

»Tatsächlich? Wie kam es dazu?«

»Davon wussten wir nichts! Valentina, Herzchen, warum hast du uns nichts davon erzählt?«, vorwurfsvoll tätschelt meine Mutter meine Hand, während sie mit ihrer Rechten abwesend durch ihre graumelierten Locken fährt.

»Kaum der Rede wert.«, winkt Sean ab und blickt sich hilfesuchend nach dem diensthabenden Kellner um, in der Hoffnung, er könnte ihn aus dieser unangenehmen Situation befreien, »Seit zwei Monaten bin ich für die gesamte Filiale in Portland und für sämtliche Außenkorrespondenz zuständig. In Zukunft wird das mit einigen Geschäftsreisen einhergehen. Deshalb wollte ich die Beförderung zunächst gar nicht annehmen. Aber Valentina hat mich schließlich davon überzeugt.«

»Es wäre eine Schande gewesen, wenn er sich diese Chance hätte entgehen lassen!«, bekräftige ich.

»Einen derartigen Karrieresprung wird man dir kein zweites Mal anbieten, Sean.«, pflichtet mein Vater bei und nippt an seinem Bordeaux.

»Aber jetzt erzählt einmal von euch! Wie geht es euch? Habt ihr kürzlich von Kitty gehört?«

Der Abend verstreicht, ohne von nennenswerten Ereignissen in seiner Friedlichkeit gestört zu werden. Nach und nach leert sich das kleine Lokal und statt der vornehmen Gäste kehren nun zusehends junge Studenten in das Bistro ein, die hier Zuflucht vor den langen, qualvollen Stunden des Lernens in der Universitätsbibliothek, die nur wenige Blocks entfernt ist, suchen. Ginge es nach mir, könnte sich der Abend noch über viele Stunden erstrecken, doch mir entgeht nicht, wie sich die Müdigkeit auf das Gemüt meiner Eltern niederschlägt. Zusehends werden ihre Antworten eintöniger und geradliniger und meiner Mutter fällt es zunehmend schwer, ihr Gähnen zu unterdrücken.

»Lasst uns gehen.«, schlage ich deshalb vor, bemerke augenblicklich, wie Freude in den Augen meiner Eltern entflammt, »Ihr seht müde aus und habt eine lange Reise hinter euch. Sicherlich kommt ihr vor Müdigkeit fast um!«

»Was hat uns verraten?«, forscht mein Vater scherzhaft und erhebt sich bereits in den Stand, als Sean plötzlich flucht und sich zu Boden beugt.

»Liebling, ist alles in Ordnung?«, frage ich und folge jeder seiner Bewegungen, als er neben seinem Stuhl auf den azurblauen Teppich sinkt.

Vorsichtig schiebe ich meinen Stuhl zurück und suche den Boden nach dem Gegenstand ab, den Sean fallen gelassen haben muss, doch ich kann in dem spärlichen Licht des Lokals keine Uhr oder derartiges ausmachen. Dann, plötzlich, richtet sich der junge Mann auf und sucht lächelnd meinen Blick. Verwirrung überkommt mich. Was geht hier vor? Ich habe noch nicht begriffen, wie mir geschieht, als Sean sich mit einem nervösen Lächeln auf ein Knie stützt und aus der Tasche seines Jacketts eine kleine, samtene Schachtel zieht. Auf einmal wird mir eigenartig heiß und kalt zugleich. Mein Körper weiß nicht mit der Überraschung, die mich jetzt übermannt, umzugehen und so kann ich nicht mehr tun, als tatenlos auf Sean herabzusehen, der mit jeder verstreichenden Sekunde an Sicherheit gewinnt. Das Zittern in seinem Lächeln ist nun verschwunden und stattdessen kehrt ein unvergleichliches Strahlen in seine nussbraunen Augen ein. Im Hintergrund des Geschehens höre ich meine Mutter begeistert nach Luft schnappen, doch ich bin zu gebannt, um ihr auch nur einen flüchtigen Blick zuzuwerfen.

»Valentina Mabeline Kensington.«, noch während Sean zu Sprechen ansetzt, ergreift er meine Hand und schließt seine warmen Finger um die meinen, »Möchtest du meine Frau werden?«

Meine Atmung geht stockend, meine Gedanken scheinen in einem undurchdringbaren Sog aus zählflüssigem Harz gefangen zu sein, so langsam und schleichend streichen sie durch meinen Verstand. Es verlangt mir unglaubliche Kraft ab, mich auf den Augenblick zu konzentrieren und gänzlich zu begreifen, worum mein Freund mich vor wenigen Sekunden gebeten hat.

»Ich weiß, dass du kein Fan ausschweifender Reden bist.«, setzt Sean abermals an, während er noch immer meine Hand hält und ungeduldig auf eine Erwiderung wartet, »Aber ich hoffe dennoch, dass du…«

»Ja!«, das Wort bricht sich so schnell durch meine Kehle Bahn, dass ich es, selbst, wenn ich es gewollt hätte, nicht daran hätte hindern können, »Ja! Ja, ich will!«

Diesmal bin ich diejenige, die Sean aus dem Konzept bringt, indem ich von meinem Stuhl aufspringe und meine Arme mit überbrandendem Enthusiasmus um seinen Hals schlinge.

»Du weißt nicht, wie glücklich du mich gerade gemacht hast!«, murmelt Sean und vergräbt sein Gesicht in meiner Halsbeuge, derweil er seine starken Arme um meinen Oberkörper schließt und mich noch fester an sich drückt.

»Ich liebe dich!«, vor überwältigender Freude bin ich nicht imstande, etwas anderes zu sagen.

Mir fehlen schlichtweg die Worte, um meine überbordende Euphorie auszudrücken, aber ich weiß, dass es Sean ähnlich ergeht und er mir diese Unzulänglichkeit nachsehen wird.

Denn ab dem heutigen Tag wird für uns beide ein neues Leben beginnen. Ein Leben, in dem ich Sean nie wieder missen will!

KAPITEL 2

BRIE

11. April 2001, Portland, Oregon

Es ist ein schöner Tag, ein guter Tag. Die Sonne steht in ihrem Zenit und auf der Fähre, die stündlich den Willamette River überquert und schaulustige Touristen vom nördlichen zum nordwestlichen Ufer übersetzt, ist es warm. Ich habe meine Jacke schon vor Stunden ausgezogen und mir mit einem lockeren Knoten um die Hüften geschlungen und trotzdem rinnt mir ein dünnes Schweißrinnsal über die Stirn.

»Ein schöner Tag. Dafür, dass wir erst April haben.«, ein Mann lehnt an der gelblackierten Reling und beugt sich mit verschränkten Armen über die Balustrade.

Er ist von muskulösem Körperbau und durchaus attraktiv, aber ich bin nicht hier, um Freundschaften zu schließen oder neue Kontakte zu knüpfen. Nicht heute.

»Hm…«, ist daher die einzige Reaktion, zu der ich mich herablasse, ehe ich mich von dem dunkelhaarigen Touristen abwende und zurück in die stickige Schiffskabine trete.

Modrige Holzbänke, die unter der Last unzähliger Rucksäcke und Reisetaschen fast vollständig verschwinden, reihen sich an die langen Fensterfronten. Von hier aus lässt sich der breite Kanal und das schäumende Heckwasser hervorragend überblicken und die atemberaubende Aussicht zieht die Aufmerksamkeit sämtlicher Passagiere auf sich. Ich werde leichtes Spiel haben. Kein Opfer ist mir lieber als das, das sich in falscher Sicherheit wiegt. Es ist so lächerlich einfach! Nur ein Handgriff und ich könnte endlich die ausstehende Miete bei meinem Vermieter begleichen, ehe aus seinen zahllosen Ermahnungen eine tatsächliche Kündigung resultiert! Nur ein einziger Handgriff, ich bin der Erleichterung so nah! Beinahe kann ich schon das Zurren des Reißverschlusses hören, als meine Finger die kleine Seitentasche eines beigen Rucksacks ertasten. Doch dann, als der Erfolg schon in greifbare Nähe gerückt ist, lässt mich das laute Schrillen eines Handys zurückschrecken.

»Shit!«, fluche ich insgeheim und ziehe hastig meine Hand zurück, denn nun beginnen auch die ersten Touristen, sich nach mir umzudrehen, nachdem das Handy weitere Sekunden lang klingelt.

Wer auch immer der Anrufer und damit dafür verantwortlich sein mag, dass mir diese vielversprechende Chance entgangen ist, wird sich meinem Zorn darüber noch sehr lange ausgesetzt sehen! So eine Scheiße! Was kann denn nur so überaus dringlich sein, dass der Anruf nicht noch zwei Minuten hätte warten können?

»Brie hier!«, melde ich mich und kehre den Menschen, die mich stirnrunzelnd mustern, eilig den Rücken zu.

Ich will nicht riskieren, dass sie die Einzelheiten meines Gesichts später einem Polizeibeamten schildern können. Auch, wenn sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach längst nicht mehr an meine Züge erinnern werden können, möchte ich keinen Zweifel daran lassen. Dieses Risiko ist es nicht wert, eingegangen zu werden.

»Brie?«, ertönt die Stimme am anderen Ende der Leitung, »Brie? Süße, ich habe so lange nichts mehr von dir gehört, dass ich ganz vergessen habe, wie deine Stimme klingt! Es ist so schön, wieder mit dir zu sprechen!«

»Wer ist da?«

Helles, feminines Gelächter ist für eine Weile die einzige Reaktion, die ich erhalte, bevor meine Gesprächspartnerin schließlich antwortet: »Du scherzt wohl! Ich bin es! Valentina! Vom College! Wir haben uns vier Jahre lang ein Zimmer geteilt! Sag mir bloß nicht, dass du das in den zwei Monaten, in denen wir nichts voneinander gehört haben, schon vergessen hast!«

»Nein natürlich nicht! Mach dich nicht lächerlich!«, winke ich ab, bin aber dennoch verblüfft, von meiner langjährigen Collegefreundin so unerwartet zu hören, »Aber warum rufst du gerade jetzt an? Ist etwas passiert?«

»Könnte man so sagen.«

Valentina macht eine theatralische Pause und scheint nicht gewillt, aus eigener Initiative fortzufahren. Doch ich werde ihr nicht die Genugtuung verschaffen, nachzuhaken. Sie hat sich schon immer an der Aufmerksamkeit anderer gelabt – so sehr sie es auch leugnen mag - und liebt es, die Blicke aller Anwesenden in einem Raum auf sich zu spüren. Doch wenn sie diesmal den Reiz der allgemeinen Beachtung sucht, werde ich sie enttäuschen müssen.

Und tatsächlich setzt Valentina nach einigen Augenblicken des Schweigens von selbst das Gespräch fort: »Sean und ich haben uns verlobt!«

Diese Neuigkeiten überraschen mich in der Tat. Verlobt? Sean und Valentina? Ich halte in der Bewegung inne und brauche einen Moment, bis sich mir die Bedeutung dieser Nachricht vollständig eröffnet hat.

»Ihr seid verlobt?«, ich kann nicht leugnen, dass ich mich für die junge Frau freue, »Seit wann? Wie kam es dazu? Meinen herzlichen Glückwunsch!«

»Dankeschön.«, erwidert Valentina überglücklich und scheint, vor Überschwänglichkeit kaum an sich halten zu können, »Es kam alles so überraschend! Nicht einmal meine Eltern hatte Sean eingeweiht! Und dann hat er mir in einem Restaurant, vor all diesen Zuschauern, einen Antrag gemacht! Ist das zu fassen? Ich bin verlobt! Mein Gott, Brie, ich werde heiraten!«

»Das ist umwerfend!«, pflichte ich ihr bei, doch insgeheim beginnt meine Euphorie bereits wieder zu schwinden.

Noch nie konnte ich mich lange für ein und dieselbe Sache begeistern, schon gar nicht, wenn besagter Sachverhalt mich nicht selbst betraf. Sean habe ich vor Jahren nur durch Zufall kennengelernt und kann mit ihm nicht mehr in Verbindung bringen als den ominösen, großen Footballspieler, den ich einst mit Valentina in einer Bar am Rande des Campus getroffen habe. Wer auch immer dieser Mann sein mag, solange er meine Freundin glücklich macht, habe ich nicht das Recht, mich in das Verlöbnis einzumischen. Aber überschwängliche Freude dafür aufbringen? Das wäre wohl wirklich zu viel verlangt! Immerhin ist es nicht meine Heirat!

»Aber warte! Das war noch nicht alles!«, stößt Valentina atemlos hervor.

Oh nein! Eine düstere Vorahnung setzt ein und ich befürchte zu wissen, in welch ausschweifenden Reden sie sich jetzt über die Vorzüge des Ehelebens ergehen wird. Warum habe ich den Anruf nur entgegengenommen? Warum zur Hölle konnte ich nicht dieses eine Mal auf meine Intuition hören und das Klingeln meines Handys ignorieren, bis der Anrufer von selbst auf das Gespräch verzichtet hätte? Dann hätte ich mir all das hier, diese ganze Farce, ersparen können!

Aber dafür ist es jetzt bereits zu spät und Valentina fährt fort, ohne eine einzige Atempause zu machen: »Wir wollen unser Verlöbnis feiern! Und du sollst dabei sein, Brie!«

»Ich?«, das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein!

Wir haben seit über zwei Monaten keinerlei Kontakt zueinander gehabt! Und ja, womöglich waren wir auf dem College enge Freundinnen und haben das ein oder andere Geheimnis miteinander geteilt, aber derartige Beziehungen sind doch alle von befristeter Dauer und zweckmäßigem Charakter! Wer auf dem College keine Freunde hat, endet als einsamer Streber, Nerd oder Mitglied der Campus-Acapella-Gruppe. Was blieb mir denn für eine Wahl, als mich sofort mit dem überdrehten Mädchen anzufreunden, mit dem ich gezwungenermaßen ein Zimmer teilte? Natürlich habe ich da auf ein freundschaftliches Verhältnis gesetzt, aber ebenso sehr darauf gehofft, dass sich die Beziehung nach unserem Abschluss schnellstmöglich wieder verlaufen würde! Und jetzt? Jetzt soll ich mit einem Mann, den ich ein einziges Mal gesehen habe, und meiner einstigen Zimmerkameradin ihr gemeinsames Verlöbnis feiern? Dieses Gespräch stürzt mit jeder verstreichenden Sekunde weiter auf die bevorstehende Katastrophe zu!

»Ja natürlich du, Brie! Du bist für mich wie eine Schwester!«, bei dem Wort dreht sich mir der Magen um.

Wie ich diese übertriebene Überschwänglichkeit hasse!

Und doch gebietet mir die Etikette, Bescheidenheit zu mimen und in gekünsteltem Tonfall zu antworten: »Valentina, das ist großartig! Ich würde mich riesig freuen, mit euch zu feiern! Wann findet die Party statt?«

»Nicht wann, wo solltest du fragen.«, vor meinem inneren Auge kann ich ihr überhebliches Grinsen angesichts dieser Korrektur sehen, »Wir wollen in Frankreich feiern!«

»Frankreich?«, meine Stimme versagt vor Schreck, »Valentina, das ist wirklich ein überaus großzügiges Angebot, aber ich habe einen…«, ich zögere kurz und suche krampfhaft nach Ausflüchten, »einen Job! Und einen Hund! Ich kann nicht einfach nach Frankreich fliegen! Wie stellst du dir das vor?«

»Es wäre nur eine Woche, Brie!«, jetzt klingt die junge Frau beinahe flehentlich, so erpicht ist sie darauf, mich von ihrem Vorhaben zu überzeugen, »Ich bitte dich! Wie oft heiratet man denn schon in seinem Leben?«

Öfter als mir lieb wäre, denke ich stillschweigend. Ich bin mir bewusst, dass ich dieser Situation nicht entkommen kann, ohne mein Gesicht zu verlieren. Entweder, ich lasse mich auf diese Reise ein und ertrage eine Woche lang das nicht enden wollende Glück zweier jüngst Verlobter oder ich werde mich mit dem Gedanken abfinden müssen, von nun an als die undankbare Freundin bekannt zu werden, die Valentina ihr einmaliges Glück nicht gönnte. Eine Wahl, die zu treffen mir erstaunlich leichtfällt.

»Und keine Sorge.«, fügt Valentina noch hinzu, »Du bist nicht allein! Jon und Grace haben bereits zugesagt. Den Flug bezahlen wir! Und wir verbringen die Woche bei Seans Kollegen Benoit in La Seyne-sur-Mer, also kostet dich die Reise rein gar nichts! Was sagst du?«

Allmählich wirkt ihr Angebot entgegen meiner Vernunft verlockend. Es wäre ein aufgesetztes Lächeln, ein freundlicher Kommentar hier und da und die geheuchelte Bewunderung durchaus wert. Wer bin ich denn, ein solch verführerisches Angebot abzuweisen?

»Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll!«, entgegne ich schließlich, um Zeit zu schinden.

»Bist du dabei?«, hakt Valentina hoffnungsvoll nach.

»Was? Ja natürlich! Wie könnte ich da ablehnen?«

»Wundervoll!«, kreischt Valentina entzückt und in einer derart schrillen Tonlage, dass ich eilig den Kopf zur Seite drehe, da ihre grelle Stimme in meinen Ohren schmerzt, »Oh, Brie, ich freue mich ja so! Ich schicke dir noch die Flugdaten und alle nötigen Dokumente! Halt dir die letzte Aprilwoche frei!«

»Das werde ich!«

»Awww Brie!«, wiederholt Valentina erneut, »Du ahnst ja gar nicht, wie sehr ich mich freue, dich endlich wiederzusehen!«

»Das wird großartig!«, stimme ich ihr in Ermangelung einer passenderen Antwort zu und hoffe, sie möge das Telefonat baldmöglichst beenden.

Und in der Tat scheint mir mein Glück diesmal wohlgesonnen, denn noch im selben Atemzug meint Valentina, noch immer außer sich vor Freude: »Okay, Süße, ich muss jetzt auflegen. Ich habe Grace versprochen, sie ebenfalls anzurufen und ich will sie nicht noch länger warten lassen. Wir hören voneinander! Bis bald.«